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Das Happy End-Stadium, in welches ein/e Krebsüberlebende/r bei Remissionseintritt wechselt, ist eine trügerische Scheinwelt. Nach 20 Jahren, voll in das gesellschaftliche Normalleben integriert, klärt die Autorin die Leser ein stückweit darüber auf, welchen Missverständnissen und Vorurteilen die Menschen, aber auch die Krebsüberlebenden selbst, oftmals verfallen. Die Autorin schlüsselt mithilfe eigener Erfahrungswerte welche körperlichen, psychischen und mentalen Veränderungen, Hintergründe und Folgen das vermeintlich glückliche und zufriedene Leben eines Krebsüberlebenden ausmachen und wie zerbrechlich es in Wahrheit ist.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Wenn alles bloß so einfach wäre wie es offensichtlich scheint...
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Epilog
… dass es mir so schwerfällt die richtigen Worte zu finden.. .. dass ich nicht lache..
Sind zwanzig Jahre lange genug, um sagen zu können, dass ich wohl durchdacht an diese Sache hier herangehe?
Zwanzig Jahre sind doch eine respektable Zeitspanne, damit mir niemand unterstellen kann, ich würde emotional und womöglich vorschnell agieren, oder?
Die Distanz von zwanzig Jahren reicht doch, um aus dieser Ferne alles besser überblicken zu können, richtig?
So viele Jahre denke ich nun über das Thema nach und ich würde lügen, wenn ich nicht gestünde, dass ich in dieser Zeit schon viele Versuche unternahm mich an die Verschriftlichung zu nähern.
Wissen Sie.. weißt du, ich konnte nie wirklich begreifen, warum Künstler ihre Idee erst abermals skizzieren müssen, bis sie dann das eine Werk fertigstellen.. Bei mir verhält sich das mit dem Zeichnen und Malen nicht so. Da ist ein Bild im Kopf, ein Stift, ein Blatt Papier oder Leinwand und los gehts — und wehe, ich muss mehr als ein Mal an das Ding ran und stelle es nicht in einem Anlauf fertig. Das nervt mich dann ungemein.
Aber dieses eine Bild.. Ich kann auch durchaus in Bildern sprechen. Sonst.
Nur, um dieses eine Bild vernünftig in Worte zu fassen, scheint mir etwas zu fehlen. Was dieses Schreiben hier angeht, so habe ich, wie die Künstler mit ihren Studienskizzen meine Kernidee bereits aus mehreren komplett unterschiedlichen Perspektiven darzustellen versucht und es scheint alles nicht ganz das zu sein, was mich zufriedenstellen würde. Aber ich denke, dass es mich so oder so nie richtig zufriedenstellen wird, ganz egal von welcher Seite ich da herangehe und welche Farben ich dafür wähle — genauso wie bei einem Bild würde mein Künstlerauge immer irgendetwas sehen, was ich verbessern, ergänzen wollen würde. Das ist eben der Entwicklungsprozess und ich sehe es jetzt einfach mal für mich ein, dass es sogar ein Anzeichen für etwas sehr Gutes ist — ich entwickle mich weiter und bleibe nicht am Erreichten stehen, ruhe mich nicht darauf aus.
Das eigentliche Problem war nicht, dass ich nicht wüsste, wie ich meinen Gedanken ausdrücken soll — das Problem bestand darin, möglichst einfache und verständliche Formulierungen zu finden, auch für sehr direkte und unangenehme Punkte.
Ich sage immer: „Es gibt zwei Arten von Menschen: welche, die ihre Meinung geigen wollen und welche, die verstanden werden wollen“.
Ich für meinen Teil möchte verstanden werden und möchte richtig verstanden werden. Daher werde ich in dieser Botschaft die Informationen und Gedankengänge möglichst einfach formulieren, damit möglichst viele Menschen auch was damit anfangen können. Ich werde diese Botschaft möglichst im Klartext formulieren, daher möchte ich unbedingt für manche Passagen an Geduld und Fassung appellieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass du dich an der einen oder anderen Stelle, wegen welcher Gründe auch immer, angesprochen oder gar angegriffen fühlen würdest, also lass dir Zeit beim Überdenken, um selbst nicht emotional oder vorschnell zu reagieren ...
Es sind also nun zwanzig Jahre nach einem Ereignis in meinem Leben vergangen und es hat einfach alles darin verändert, woran man überhaupt denken könnte. Mir fällt nicht ein einziger Aspekt ein, den diese Geschichte nicht tangiert hatte.
Das ist kein Standardthema und viele Menschen (um nicht zu sagen: die meisten) denken nicht darüber nach — aus unterschiedlichen, sonst welchen Gründen. Mir selbst fällt es schwer, darüber zu schreiben und diesem Thema damit klare Umrisse zu geben. Es ist aber wichtig (und das nicht nur für mich selbst) und geht im Grunde genommen jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten an. Es geht hier um das Wesentliche für ein jedes Individuum — die Gesundheit und somit die Tatsache der eigenen Existenz selbst.
Jeder von uns wurde mal in seinem Leben mit dem Thema des schrecklichsten Ausgangs für sein Leben konfrontiert: mit dem langsamen und schmerzvollen Tod durch etwas sehr Heimtückisches und Unerwartetes — dem Krebs.
Jeder von uns wird in seinem Leben mindestens einen Menschen kennenlernen, der diesen Angriff überlebt oder eben nicht überlebt hat — im schlimmsten Fall sich selbst.
Absolut alle hörten mal irgendetwas zu diesem Thema und absolut alle hoffen, dass es sie selbst nicht betreffen würde.
Mich hat dieses Thema in ihre Tiefen persönlich mitgenommen, aber hier würde ich nicht so sehr davon erzählen wollen, was genau da passiert ist.. Ich fürchte schon, dass ich teil- und stellenweise das eine oder das andere Detail erwähnen müssen werde, aber im Grunde genommen möchte ich deine Aufmerksamkeit auf den einen, für die breite Bevölkerung vollkommen unauffälligen und unbedachten Aspekt dieses Themas lenken:
Ich schreibe das alles hier jetzt, also habe ich überlebt - das ist gut. Alles ist vorbei und schon lange genug nicht mehr wiedergekehrt, womit das Risiko einer Wiederholung verschwindend gering wird - das ist noch besser!
So denkt jeder.
Alles ist vorbei, der Gesundheitszustand ist stabil? - also raus damit aus dem Gedächtnis und genieße das Leben, als ob nichts gewesen wäre!
Niemand möchte länger als nötig daran denken müssen und ich verstehe sogar, warum. Das stellt dich ja dann deinen geheimen Ängsten entgegen; es tut dir weh an die von dir wegen dieser Krankheit verlorenen Menschen zu denken; es ist unerträglich für dich dich unnütz für die Betroffenen zu fühlen…
Es kann Unmengen an Gründen geben, bis hin zur elementaren Gleichgültigkeit. Wie dem auch sei, in der Tat führt die Distanzierung von diesem Thema dazu, dass niemand über dieses Thema ohne triftige Gründe nachdenkt. Aus den Augen — aus dem Sinn.
Worauf möchte ich hinaus? Ich hab’s ja überlebt und das auch schon lange genug her, was stört mich dann also noch? Warum binde ich dir das jetzt noch auf die Nase? Weil „aus den Augen — eben NICHT aus dem Sinn“!
„Hast es überlebt, also freu dich und fixier dich nicht drauf!“ - das habe ich nicht gerade wenig gesagt bekommen und das sagte ich mir selbst auch über viele Jahre hinweg. Viele Jahre lang versuchte ich so zu leben, als ob nichts passiert wäre und sogar im Gegenteil, mit einem Drang in der Gesellschaft zu leben wie eine Dazugehörende. Nicht aufzufallen und sich nicht anzustellen.
Zeitweise versuchte ich über den größten Teil des Tages nicht an die erlebten über eineinhalb Jahre zu denken und lenkte mich selbst mit einer Menge Beschäftigungen ab. Und wenn ich keine Beschäftigung fand, schaute ich einfach irgendwelche Serien, Filme, spielte Spiele. Ich lenkte mein Bewusstsein so gut ich konnte ab, während es seinerseits dazu neigte, in Erinnerungen und Emotionen zu versinken.
Sehr hartnäckig versuchte ich mich selbst davon zu überzeugen, dass ich genau so ein gewöhnliches und alltägliches Leben leben könnte wie alle anderen um mich herum, ich könnte genau so wie alle anderen den Anforderungen und den Erwartungen aller anderen entsprechen. Ich ignorierte die körperlichen Schäden, die die Behandlung mir zufügte, denn ich habe ja alles überlebt!
Man muss doch so weiterleben, als ob nichts gewesen wäre! Alle um mich herum erwarten von mir, dass ich meinem Alter entspreche — eine aktive, starke, weil junge Frau bin!
Ich schlucke aber jeden Tag z. B. diese kleine mal blaue, mal weiße, mal rote Tablette, ohne die ich innerhalb eines Jahres eingehen würde… Und keiner weiß es und niemanden interessiert es. Ich hab’s ja überlebt! Alles ist vorbei und das schon lange! Und niemand denkt mal darüber nach, dass so eine Geschichte Konsequenzen haben kann. Niemanden interessiert es, dass sowohl so eine Erkrankung selbst, als auch ihre Behandlung für den Betroffenen nicht ohne Folgen vorbeigehen.
Ich wollte so sehr alles vergessen und versuchte nicht an die Ereignisse zu denken, die mich ein ganzes Jahr meines Lebens kosteten und noch so viel mehr.. Aber eines jeden einzelnen abends taucht diese eine kleine Tablette auf, die mir wie der eine Wassertropfen auf ein und dieselbe Stelle tropft.. Tag für Tag.. Woche für Woche.. Monat für Monat.. Jahr für Jahr.. und so bis an mein ‚glückliches‘ Lebensende. Doch wenn das bloß das Einzige wäre, was mich in die vergangenen Ereignisse und Erlebnisse zurück katapultiert!
Abhängig davon, in welchem Stadium man bei dir den Krebs entdeckt, wird deine Behandlung nur auf eine OP oder eine Chemo oder eine Bestrahlung oder eine Kombination dieser Elemente bestimmt und davon wird auch die Intensität jedes einzelnen Elements abhängen. Davon hängt ab, wie lange deine Behandlung dauern wird. Davon wird abhängen, auf welche Komplikationen deine Behandlung treffen wird — wird es nötig sein, eine präventive OP vorzunehmen oder für die Behandlung in ein anderes Land zu gehen..
Ich habe sehr lange (mehrere Jahre in Wahrheit) nach einer Möglichkeit gesucht, diese Thematik zu verallgemeinern, um nicht in die Details meines Falls zu gehen... Das klappt nicht. Nirgendwie! Ich kann es nirgendwie umgehen und muss meine Botschaft nun doch weitestgehend an meine konkrete Situation binden.
Ich wollte es so verallgemeinert schreiben, dass die absolute Mehrheit der Betroffenen, nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, sagen können, dass ich auch ihre tief sitzenden Gedanken und Empfindungen ausgedrückt habe. Das ist aber ein utopischer Wunsch und einfach nicht möglich, also werde ich rein persönliche Eindrücke zusammenhängend mit überwiegend meinen persönlichen Erfahrungen aufschreiben in der Hoffnung, dass diese bei anderen Widerhall finden und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind...
Ich werde rein persönliche Eindrücke zusammenhängend mit überwiegend meinen persönlichen Erfahrungen aufschreiben auch in der Hoffnung darauf, dass andere Menschen, die nicht persönlich von diesem Schicksal betroffen sind, sich meine Worte zur Anregung nehmen, überlegen und die Betroffenen besser verstehen können; für diese Thematik sensibilisiert sind und es folglich besser im alltäglichen Leben im Umgang mit den Betroffenen berücksichtigen können.
Denn mit der offiziellen Beendigung der Behandlung endet diese Geschichte für den Betroffenen nicht, sondern nur die Aufwärmrunde. Der eigentliche Kampf geht weiter — der Kampf um das alltägliche Leben. Der Kampf darum, berücksichtigt und verstanden zu werden. Das ist ein Kampf darum, mit allen anderen gleich aktiv sein, sozusagen mit der Gesellschaft Gleichschritt halten zu können.
Zwanzig Jahre sind ein langer Lebensabschnitt, in dem ich viel und genug Zeit hatte, um mehrere Versuche durchzuführen, mich maximal normal in möglichst allen Bereichen eines normalen sozialen Lebens zu integrieren. Diese Versuche dauerten unterschiedlich lang und weil es mehrere gewesen sind, wirst du jetzt auch schon verstanden haben müssen, dass sie nicht zum gewünschten Resultat führten. Letztendlich liefen alle meine Versuche auf das gleiche Ergebnis hinaus. Die Erfahrung der Unumgänglichkeit des Ergebnisses führte mich zur Einsicht, dass (u. a.) dieses Buch hier sein muss.
Was das für Versuche gewesen sind?
Das sind Versuche gewesen, wie ich mich selbst als Krebsüberlebende in meinem direkten Umfeld präsentiere, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Das Ziel war in Wahrheit mehrschichtiger als oberflächlich betrachtet gedacht. Das hatte ich aber auch erst im Nachhinein begriffen. Erst kam es mir als mein großes Ziel, mein großer Wunsch vor.
Ich wollte, dass ich meine unschätzbare Lebenszeit im Einklang mit meinem Umfeld leben kann.
Oberflächlicher betrachtet, so auf den ersten Blick, wollte ich wie Eine aus der Maße, stinknormal in der Gesellschaft mit den Menschen in meiner direkten Umgebung die normalen Probleme und Freuden haben. Ich wollte selbst vergessen, was in meinem Leben vorgefallen ist, oder wenn nicht vergessen, dann wenigstens, dass es keinen Einfluss auf den Rest meines Lebens nimmt... Naiv, nicht?
Es gab Zeiten, da hatte ich mir Freundeskreise aufgebaut, die von meiner Biografie zumindest im Groben wussten. Dann hatte ich mir Kreise aufgebaut, die nichts wussten, und es gab Bekanntenkreise, denen ich viel davon verriet.
Wenn ich meinen Mitmenschen nichts von meiner Vergangenheit erzählte, was mit dem Krebs zu tun hatte, so lief es immer darauf hinaus, dass ich ihnen suspekt vorkam. Sie konnten viele meiner Verhaltensweisen und Ansichten nicht verstehen. Was stellte ich mich manchmal auch so an, wenn ich körperlich nicht mitmachen wollte oder was sollten diese hinein gesteigerten Prinzipienreitereien..?
In den Phasen, als ich mich nicht ganz zu erkennen gab, dachte ich mir keine alternativen Biografien aus, nein. Ich erzählte einfach nicht alles. Es gab Phasen, in denen ich fast gar nichts aus meinem Leben erzählte, und es gab Phasen, in denen ich recht viel erzählte, nur nichts über den Krebs.
Und wenn es Geschichten gab, die zeitlich aus der Behandlungszeit kamen, dann hielt ich es punktuell, ohne den Erkrankungs- oder den Behandlungsrahmen mit ins Spiel zu bringen. Es gab also unterschiedliche Taktiken, die ich in der Kommunikation mit meinen Mitmenschen ausprobierte. Früher oder später führten alle Wege ... zur Wahrheit.
Früher oder später machten sich irgendwelche Behandlungsfolgen körperlicher Natur bemerkbar oder immer doller bemerkbar. Früher oder später bekamen die Menschen den Eindruck, ich würde irgendetwas verheimlichen, wäre unehrlich. Das führte mit der Zeit zu immer mehr Verwirrung und folglich Fragen. Die mentalen Folgen dieser Erfahrung hatten auch letztendlich zu vielen Fragen und Misstrauen geführt. Woher so viele Einsichten und Erkenntnisse, woher die eine oder die andere Info (die sich niemand aus diesem normalen Kreis ohne triftige Gründe einholen würde), oder woher der emotionale Hintergrund, wenn ich mit dem einen oder dem anderen Trigger nicht salopp umgehen konnte..?
Wenn ich die Situation aufklärte, war eine bestimmte Reaktion fast immer grundlegend — auf Distanz gehen. Ob aktiv oder passiv, kurz und schmerzlos oder verschleiert aus dem Weg gehen, einfach nur ängstlich oder gar passiv aggressiv.. oder gar offen aggressiv.. Ich habe schon Reaktionen erlebt.. Und alles gründet darin, dass die Menschen in diesem normalen Leben schlicht und ergreifend auf etwas reagieren, worüber sie kaum etwas wissen oder wie auf den aufgemalten Teufel an der Wand..
Aber noch kurz zurück zum großen eigenen Ziel, welches sich als mehrschichtig entpuppte. Die Motivation für dieses Ziel ist, denke ich, verständlich. Doch sie entsprang nicht nur aus den eigenen emotionalen oder rationalen Tiefen, wie es mir anfangs vorkam. Ich begriff irgendwann, dass dieser Wunsch oder eher die Vorstellung, wie ich diesen grundlegenden Wunsch umsetzen kann, mir von außerhalb suggeriert wurde. Also eben meine Mitmenschen und die Methoden der Sozialisierung, der gesellschaftliche Druck suggerierten mir - oder sagten es mir auch direkt -, dass ich mich auf Biegen und Brechen anpassen müsse und dann würde ich mich wunderbar einreihen, wie gewollt.
Und genau da erkannte ich den Denkfehler. Ich wollte mich ja nicht einreihen.. ich wollte ja lediglich im Einklang mit meiner Umwelt, also meinen Mitmenschen leben. Aber das sagt ja nichts darüber aus, wer sich wem auf Biegen und Brechen anpassen müsste und, ob auf Biegen und Brechen überhaupt. Die Welt ist nicht statisch wie ein fester Rahmen, in den ich mich mit meiner unpassenden Form auf Biegen und Brechen hinein quetschen muss... die Welt kann mir auch entgegenkommen und sich mehr oder weniger in gleichen Teilen an mich (bzw. meine Problematik) anpassen. So findet sich bestimmt ein Kompromiss. Und damit das passieren kann, liest du diese Zeilen.
Krebs. Jeder kennt dieses Wort und jeder hat eine Vorstellung davon, was es sein soll. Eben — jeder hat eine Vorstellung davon, was es sein soll, aber längst nicht jeder hat eine Ahnung davon, was es ist.
Und genau hier birgt sich der Kern des Übels. Was ist das denn überhaupt? Kannst du dir selbst, jetzt gerade im Stillen, mit Sicherheit erklären, was Krebs ist? Das Tierchen gerade beiseite gedacht..
Was wissen die Menschen so im Durchschnitt davon? Du wirst dir auch bestimmt gedacht haben, dass es eine seltsame Erkrankung ist, bei der die Zellen des betroffenen Organs anfangen, sich unkontrolliert zu teilen und im Voranschreiten auch andere Organe befallen, sodass die Zellen dieser sich dann auch unkontrolliert vermehren. So weit, so gut. Aber was ist denn jetzt das Vernichtende für den Organismus? Was führt denn nun eigentlich den Tod herbei? Werde ich da einfach von dieser Zellenmasse zerdrückt? So von innen heraus, dass meine anderen Organe und Gefäße einfach eingequetscht werden? Ist es das, was mich dann umbringt? Hm, wenn das so ist, dann gibts da eigentlich noch mehr als genug Platz nach Außen, denn die Haut ist ja bekanntlich keine Schale...
Was ist es dann? Weißt du das? Natürlich werde ich vom Krebs ein Stück weit auch innerlich zerquetscht. Viele Gefäße gehen dabei kaputt; eingequetschte umliegende Zellen gehen dabei kaputt.. Aber hast du gerade beim stillen Beantworten der Frage danach, was denn nun das Tödliche an Krebs ist, auch daran gedacht, dass es sich um eine Vergiftung handelt?
Oh, wie, wo, was? Vergiftung? Ja, genau. Der Organismus stirbt an einer Vergiftung. Der Krebs zieht von allen anderen Stellen Energie ab, damit sich die Zellen ja vermehren können. Diese Energie ist nicht spiritueller oder elektrischer, sondern chemischer Natur. Das sind Nährstoffe, die sonst andernorts im Organismus für die Funktionalität eingesetzt oder gespeichert werden. Diese Zellen picken sich die Nährstoffe aus dem Stoffwechsel heraus, die sie brauchen und zurück bleibt... Überkonzentration von restlichen Stoffen. Du weißt ja — die Menge macht das Gift.
Die Krebszellen konsumieren nicht nur, sie sondern auch wiederum Stoffe aus. Und so haben wir einen abgestimmten Stoffwechsel, der den Nährstoff-Haushalt nicht mehr verdünnen kann. Die einzelnen Stoffe mischen sich ja auch für die jeweiligen Organe zu den abgestimmten Nährstoff-Coctails, welche durch diesen Eingriff nicht mehr korrekt gemischt werden.. und da gehts los. Der Domino-Effekt nimmt seinen Lauf.
Der Organismus versucht die somit entstandene Intoxikation zu kompensieren und holt noch das Maximum aus der Funktionalität der einzelnen Organe heraus.. Nur geht das leider nicht lange.
Vielleicht ist das den meisten Menschen nicht präsent, weil man das an den erwachsenen Krebspatienten nicht sieht wie an den Kindern. An den Kindern sieht man die Entwicklung dieses Nährstoff-Entzugs und der steigenden Intoxikation deutlicher, weil sie irgendwann keine Nährstoffe mehr haben, um zu wachsen und somit in ihrem Wachstum stehen bleiben..
So eine Erfahrung zwingt einen alle seine Schlüsse und Empfindungen im Kern zu überdenken. Das Universum drückt dich in so einem Moment mit der Nase in alle deine oberflächlichen Urteile und Prinzipien, wie du das Kätzchen mit der Nase in seine eigene Pfütze..
Während ich die eine Untersuchung nach der anderen durchlief und monatelang in einer geschlossenen Abteilung lag, hatte ich einfach betäubend viel Zeit und noch mehr Motivation, in derartige Tiefen der Überlegungen und Wahrnehmung zu versinken, aus denen ich bis heute nicht wiedergekehrt bin und, fürchte ich, niemals wiederkehren werde.
Ich hatte ja grundsätzlich noch keine ernsteren Schlüsse über das Leben und das Sein, vergleichbar mit denen erwachsener Menschen, weil ich noch ein Kind war, als das geschah.
Dies ist ein weiterer Knackpunkt dieses Buches, den ich seit langem zu überwinden versuchte… ich lenke deine Aufmerksamkeit mit diesem Geschreibe nicht nur auf das Thema Krebs, sondern auf etwas noch Gemeineres und Heimtückischeres — auf Krebs bei Kindern.
Ich will meine Erfahrung nicht durchkauen, ich will dir vielmehr erzählen, wie sie sich auf die Entwicklung meines mitunter menschlichen Bewusstseins ausgewirkt hat.
An sich war ich ein sehr lebendiges und wissbegieriges Kind. Ich habe so viele Erinnerungen an meine Kindheit, dass ich es manchmal selbst schwer glauben kann — vor allem, wenn ich von immer mehr Menschen höre, dass sie sich kaum an ihre Kindheit erinnern können oder nur an einzelne, wenige Situationen.. Ob du es glaubst oder nicht, aber derartige Situationen passieren mir regelmäßig. In einer Gesprächsrunde, rein situativ, fällt mir irgendetwas ein und ich erzähle es auch, was für sich dann schon als Ausgangspunkt für die Klarstellung dessen wird, dass die Intensität meiner Erinnerungen in keinem Vergleich mit dem Pensum der Kindheitserinnerungen meiner Gesprächspartner steht.
Eine Zeit lang wunderte ich mich selbst über dieses Phänomen, aber dann verstand ich, dass diese Mehrheit der Leute einfach keine Notwendigkeit hatte, sich so verbittert an alles zu klammern, woran sie sich bis zu einem bestimmten Ereignis in ihrem Leben erinnerten... welches sie eben dazu gezwungen hätte, sich zu erinnern.
Mich hingegen hatte Etwas dazu gezwungen, die Erinnerungen aufrecht zu erhalten und sich an etwas aus fast jedem Jahr meines bis dahin ohne hin kurzen Lebens zu erinnern. Das begreifend akzeptierte ich mehr oder weniger das Gefühl „nicht wie die anderen zu sein“, welches jedes Mal in derartigen Situationen in mir aufkam. Das ist, so komme es vor, eine Nichtigkeit. Da erinnert sich jemand an irgendetwas aus der eigenen Vergangenheit mehr oder weniger — was ist das Problem? Könnte man meinen...
Aber verfolge mal die Ursache-Wirkung-Kette: hast dir die Erfahrung gemerkt — hast deine Schlüsse gezogen, hast etwas gelernt, der Wiederholungseffekt macht irgendwann fertig. Hast dir die Erziehungsmaßnahmen gemerkt; wer von den Verwandten wie dich behandelte; in welcher Weise dein damaliges Leben verlaufen ist .. wie deine Behandlung verlaufen ist und wer sich wie dir gegenüber eben im Bezug auf deine Erkrankung verhalten hatte.. Und schon erscheinst du für alle auf die Vergangenheit fixiert oder gar nachtragend zu sein.
Diese Vergangenheit besteht aber noch recht grell in deinem Präsens, denn es sind nicht nur die Tatsachen, Ereignisse, Geschehnisse, sondern auch Emotionen, Reaktionen auf die alte Erfahrung, so als ob es erst gestern passierte.. Es ist schwer sich davon zu distanzieren.
Es sind viele Jahre vergangen bis ich einige Erinnerungen, sozusagen, loslassen konnte. Ich sage schon gar nichts mehr darüber, sich wie ein alter Mensch zu fühlen, der schon ein ganzes Leben durchlebte und das in bereits recht jungen Jahren einfach nur wegen der Menge und der Intensität der Erinnerungen. Und warum das? Weil... bereits mit zwölf Jahren du dich an einfach alles festklammern musst, was geht, um in sich selbst die Kraft und die Inspiration zu finden zu überleben.
