Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg - Jenny Colgan - E-Book

Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg E-Book

Jenny Colgan

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Beschreibung

Romantisch und herzerwärmend: Der zweite Band über die kleine Bäckerei am Strandweg ist eine traumhafter Liebesroman.  In »Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg« kämpft Polly um den Erhalt ihrer schnuckeligen Bäckerstube in Mont Polbearne in Cornwall.   Alles scheint perfekt in Polly Waterfords Leben. Endlich ist Sommer in ihrer neuen Heimat Cornwall. Die kleine Bäckerei, in der sie ihre duftenden Kreationen auftischt, erfreut sich großer Beliebtheit, und mit Huckle, ihrer großen Liebe, könnte es nicht besser laufen.     Doch dann stirbt die alte Besitzerin der Bäckerei – und Pollys Traum ist in Gefahr: Ihr neuer Chef boykottiert sie mit allen Mitteln, Huckle hängt an seiner Vergangenheit in Amerika, und zu allem Überfluss wird auch noch ihr geliebter Papageientaucher Neil von einer Katze angegriffen und verletzt. Kann sich alles noch zum Guten wenden?     Mit »Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg« hat Jenny Colgan eine wunderbare Fortsetzung ihrer Reihe über Pollys Backstube in Mount Polbearne geschaffen. Leserinnen lieben den lockeren und spritzigen Stil von Jenny Colgan, ihre liebenswerten Charaktere, die atemberaubende Kulisse Cornwalls sowie die verführerischen Rezepte hinten im Buch.   Vorsicht: appetitanregend! Die Bücher um »Die kleine Bäckerei am Strandweg« sind verführerisch köstlich.     Das Besondere an den romantischen Komödien über Pollys kleine Bäckerei am Strandweg ist, dass man angesichts der Köstlichkeiten, die dort täglich angeboten werden, beim Lesen ziemlich schnell Hunger bekommt. Doch dem wird Abhilfe geschaffen: Nach der Geschichte werden einige köstliche Rezepte zum Nachkochen und Nachbacken vorgestellt.   Zauberhafte Romane für Frauen von Jenny Colgan     Die Reihe um die »Die kleine Bäckerei am Strandweg« von Bestsellerautorin Jenny Colgan lädt zum Träumen und Schwelgen ein. Nicht nur die malerische Kulisse Cornwalls, vor der sich die Geschichte abspielt, sondern auch die herzerwärmende Story um Polly macht den zweiten Band der Serie zur perfekten Urlaubslektüre.  

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deÜbersetzung aus dem Englischen von Sonja HagemannISBN 978-3-492-97674-9Mai 2017© Jenny Colgan 2015Titel der englischen Originalausgabe:»Summer at Little Beach Street Bakery«, Sphere Books, London© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2017Covergestaltung: zero-media.net, MünchenCoveragabbildung: FinePic®, MünchenKonvertierer: Fotosatz Amann, MemmingenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Für meine liebe Tante Maura und Onkel Mike.Die Schlangenlieferung könnt ihr jetzt kündigen.Danke.

Ein paar Worte von Jenny

Hallo und willkommen in der kleinen Bäckerei am Strandweg! Schön, euch wiederzusehen, falls ihr vorher schon mal da wart! Wenn ihr zum ersten Mal vorbeischaut, seid ihr auch herzlichst willkommen, und ich hoffe, ihr habt Hunger mitgebracht. Euch Neuen sollte ich vielleicht noch kurz ins Bild setzen, bevor es losgeht. (An alle Neil-Fans: Keine Sorge, er ist wieder dabei!)

Also, Polly hat ihre Firma in Plymouth verloren und musste wieder ganz neu anfangen. Deshalb ist sie an die Küste von Cornwall in einen Ort gezogen, der durch die Flut zweimal am Tag vom Festland abgeschnitten wird. Als sie dort keine Arbeit finden konnte, hat sie mit regelmäßigem Brotbacken angefangen, weil das nämlich ihre Leidenschaft ist. Damit hat sie sich den Zorn von Mrs Manse zugezogen, die die örtliche Bäckerei geführt hat (wenn auch eher schlecht als recht). Irgendwann hat Polly sie jedoch überzeugt und angefangen, für statt gegen Mrs Manse zu arbeiten. In der Zwischenzeit hatte sie eine kurze Affäre mit dem Fischer Tarnie, bis sie zu ihrem großen Entsetzen herausgefunden hat, dass der verheiratet war.

Er ist später bei einem furchtbaren Unwetter gestorben, und alle haben lange gebraucht, um das zu verarbeiten – eigentlich knabbern sie immer noch daran.

Schließlich hat sich Polly in Huckle verliebt, einen großen Amerikaner, der seinen eigenen Honig herstellt. Außerdem hat sie eher unbeabsichtigt einen Papageientaucher adoptiert und – wider bessere Einsicht – beschlossen, einen Leuchtturm zu kaufen.

So, damit sind wir wohl alle auf dem gleichen Stand! Ich hoffe, dass ihr mit Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg viel Spaß habt. Ich fand es jedenfalls wunderbar, dieses Buch zu schreiben.

Noch ein paar Anmerkungen zur Kulisse:

Da ich als Kind viel Zeit in Cornwall verbracht habe, ist es für mich nicht nur ein echter Ort mit richtigen Menschen, sondern auch eine Art Märchenland aus meiner Fantasie. Es kommt mir vor wie meine Version von Narnia oder einem der anderen Zauberreiche, die ich früher so gern besucht habe – ich war völlig besessen von Bevor die Flut kommt und natürlich von den Fünf Freunden oder der Dolly-Reihe.

In meiner Kindheit haben wir bei unseren Cornwall-Besuchen immer ein altes Häuschen in der Nähe von Polperro gemietet, in dem früher Bergleute einer Zinnmine gelebt hatten. Meine Mutter war ein großer Fan von Daphne du Maurier und erzählte meinen beiden Brüdern und mir gerne schaurige Geschichten über Schiffbrüche, Piraten, Gold und Plünderer, wenn sie abends an unseren schmalen Betten saß. Wir waren begeistert, haben uns aber auch so sehr gegruselt, dass immer einer von uns die halbe Nacht aus Albträumen hochgeschreckt ist. Meiner Meinung nach war das normalerweise mein kleiner Bruder, obwohl der das wohl anders sehen würde.

Im Vergleich zum kalten Schottland war das sonnige Cornwall für mich das reinste Paradies. Es war jedes Jahr etwas Besonderes, wenn unsere Eltern uns diese Bodysurf-Bretter aus dickem Styropor gekauft haben. Damit rannten wir schon morgens früh ins Wasser, um den ganzen Tag auf den Wellen zu reiten, immer und immer wieder, bis wir fix und fertig waren und sich an den Rändern meiner überkreuzten Badeanzugträger der Sonnenbrand bemerkbar machte. Dann zogen wir uns auf das Handtuch zurück, um ein in Frischhaltefolie eingeschlagenes Butterbrot zu essen, wobei immer auch Sand zwischen den Zähnen knirschte.

Später briet mein Vater Fisch auf einem kleinen Grill, den er jedes Jahr eigenhändig aus Ziegeln und einem Rost baute, und ich saß im hohen Gras, las Bücher und wurde von Insekten gestochen.

Und weil man in den Ferien abends lange aufbleiben darf, fuhren wir danach nach Mousehole oder St Ives, kauften uns ein Eis und spazierten damit vor den Schaufenstern der Kunstgalerien am Hafen entlang. Manchmal verspeisten wir auch heiße, salzige Pommes oder kauften uns Buttertoffee, von dem ich völlig besessen war, obwohl mir davon immer schlecht wurde.

Das waren glückliche Zeiten, und es war mir so eine Freude, sie mir für mein erstes Buch über Mount Polbearne wieder in Erinnerung zu rufen. Damals unternahmen wir auch einen Tagesausflug nach St Michael’s Mount – wie es sich für Cornwallbesucher eben gehört –, und ich weiß noch, wie gruselig und zugleich faszinierend ich es fand, als die Pflastersteine der alten Straße dorthin langsam in den Wellen verschwanden. Das war der romantischste und magischste Moment in meinem Leben, darum fand ich es auch so toll, an diesem Ort später meine Bücher spielen zu lassen. Wenn ich durch sie auch nur einen Bruchteil des Glücks weitergeben kann, das Cornwall in mein Leben gebracht hat … tja, dann wäre ich wirklich froh.

Jenny XXX

Vorwort

»Und ich träume nachts von ihm, dabei schlafe ich doch eigentlich nie. In diesen Träumen macht er ganz bescheuerte Sachen. Er steckt zum Beispiel in der Waschmaschine, und ich sage: ›Jetzt komm schon aus der Maschine raus, du Idiot.‹ Aber das macht er nicht, er ist winzig klein und hockt in der Waschmaschine, dann wird er sogar noch kleiner und kleiner, bis er schließlich einfach verschwindet.«

»Das ist ganz normal«, sagte die ruhige, gebildet klingende Stimme mit dem West-Country-Akzent.

»Sie finden doch immer alles ganz normal«, protestierte Selina und schob sich wütend das kurze Haar aus der Stirn. »Wenn ich jetzt ankommen und sagen würde: ›Ich hab auf dem Weg hierher zwei Igel überfahren, weil sie mich an seine Haare erinnert haben, einen aus Versehen und den anderen mit Absicht‹, selbst dann würden Sie immer noch sagen: ›Das ist ganz normal.‹«

»Haben Sie das denn gemacht?«

»Nein, hab ich nicht, das hätte ich jedoch können. Weil Sie das bestimmt auch für ganz normal halten würden.«

»An Trauer ist nichts normal, Selina. Es gibt sie überall, aber normal ist sie nie.«

Selina stieß ein tiefes Seufzen aus.

»Aber warum kann ich denn nicht einfach … darüber hinwegkommen? Oder zumindest mit dem Verarbeiten anfangen? Wenn es nach den anderen ginge, wäre ich schon vor Ewigkeiten darüber hinweggekommen. Sie finden die ganze Sache unangenehm, das sehe ich ihnen doch an. Und deshalb will ich jetzt darüber hinwegkommen. Ich will endlich wieder schlafen können, ohne vorher zu viel Wein zu trinken, und aufwachen, ohne das verdammte Gesicht von meinem toten Ehemann in der Waschmaschine zu sehen. Und ich will nicht ständig alle runterziehen.«

»Wo wollen Sie jetzt hin?«, erkundigte sich die Stimme ungerührt, ohne auf den Wutausbruch einzugehen.

Selina zuckte mit den Achseln.

»Ich weiß nicht so recht. Die Wohnung in Manchester gebe ich vielleicht auf. Die wird doch nur immer teurer, und wirklich zugehörig fühle ich mich dort ja auch nicht.«

»Vielleicht sollten Sie langsam mal darüber nachdenken, nach Hause zurückzukehren … in Ihr und Tarnies Zuhause.«

»Da geh ich nie wieder hin«, versetzte Selina, während sie ein Zittern überlief. »Nie wieder!«

KAPITEL 1

»Hör auf damit«, warnte Polly. »Das ist nicht witzig.«

Neil ignorierte sie jedoch und hämmerte weiter mit dem Schnabel gegen die Scheibe, damit sie ihm was zu futtern brachte.

Und zwar klopfte er dabei von außen gegen das kleine Fenster des Leuchtturms, in dem sie seit einiger Zeit lebten. Sie waren hier zu dritt: Polly, Papageientaucher Neil und Huckle, Pollys amerikanischer Freund, der sein Motorrad mit dem Beiwagen unten am Fuß des Turms geparkt hatte. Es war ihr einziges Transportmittel.

Hier im Leuchtturm hatte schon lange niemand mehr gelebt, seit man ihn in den späten Siebzigern mit elektrischen Lampen umgerüstet hatte. Er hatte nur vier Stockwerke und eine Wendeltreppe, die sich innen an der Wand hinaufschlängelte. Huckle bezeichnete ihn oft als das zugigste Gebäude in der Geschichte der Menschheit, aber wenigstens waren sie durch das ständige Treppensteigen inzwischen echt in Form. In einem der Stockwerke stand immer noch die schwere Maschinerie aus alten Zeiten, weil es unmöglich gewesen war, sie aus dem Gebäude zu schaffen. Das Wohnzimmer befand sich direkt unter dem Leuchtturmscheinwerfer und bot auf der einen Seite eine tolle Aussicht über die Bucht, auf der anderen auf Mount Polbearne, die Gezeiteninsel, auf der der Leuchtturm stand. Die Straße zur Insel wurde regelmäßig von der Flut verschluckt und von der Ebbe wieder freigelegt.

Von Pollys Wohnzimmerfenstern aus konnte man auch die kleine Bäckerei am Strandweg sehen, die einst aus Mangel an Kunden hatte schließen müssen und die Polly bei ihrer Ankunft im Ort vor zwei Jahren wieder zum Leben erweckt hatte. Gleichzeitig hatte sie damit den Bankrott ihrer alten Firma drüben auf dem Festland und das Ende ihrer Beziehung überwunden.

Ursprünglich hatte Polly von Mount Polbearne gar nicht viel erwartet, sie hatte sich hier einfach nur eine Zeit zurückziehen und ihre Wunden lecken wollen, bis sie wieder dazu bereit war, sich mit frischem Elan erneut ins Gefecht zu stürzen. Damals wäre es ihr in der heruntergekommenen Wohnung über dem leeren Ladenlokal nie in den Sinn gekommen, dass sie ausgerechnet durch ihr Lieblingshobby – durchs Brotbacken – ins Leben zurückkehren würde und dass sie es mit der Wiedereröffnung der alten Bäckerei auch noch zum Beruf machen würde.

Natürlich war das kein Job, mit dem man reich wurde, und Polly hatte lange Arbeitszeiten. Aber die Umgebung war so wundervoll, und ihr wurde sowohl vonseiten der Inselbewohner als auch von den Touristen so viel Anerkennung zuteil, dass sie hier etwas viel Befriedigenderes als Geld gefunden hatte: Sie hatte ihrem Leben einen Sinn verliehen. Na ja, zumindest empfand sie das meistens so. Manchmal betrachtete sie sich allerdings ihre äußerst karg eingerichtete Küche und fragte sich, ob sie wohl je genug Geld haben würde, um auch nur die Fensterrahmen auszutauschen.

Die Rahmen standen ganz oben auf der Liste der tausend Dinge, die im Leuchtturm dringend erledigt werden mussten.

(Pollys alte Wohnung in Plymouth war inzwischen verkauft, und sie hatte den Leuchtturm zu einem Spottpreis bekommen, Immobilienagent Lance zufolge vor allem deshalb, weil nur eine völlig Verrückte in einem zugigen, schwer zugänglichen Turm wohnen wollte, dessen Krönung der allnächtliche Lichtstrahl war.)

Huckles Angebot, den Turm mit ihr zusammen zu kaufen, hatte Polly abgelehnt, weil sie einfach viel zu hart für ihre Unabhängigkeit gekämpft hatte. Mit ihrem früheren Partner hatte sie sich alles geteilt, auch das Finanzielle. Das hatte nicht geklappt, und sie hatte keine Lust, dieses Experiment zu wiederholen.

Jetzt gerade hatte sie eigentlich nur Lust, in ihrem Adlernest von einem Wohnzimmer ganz oben im Turm zu sitzen, Tee zu trinken, eine Käsestange zu knabbern, sich einfach zu entspannen und die Aussicht zu genießen: die sich ewig verändernde See, die Wolken, die so nah vorbeihuschten, dass man sie fast berühren konnte, die kleinen Fischerboote in verblichenen Braun- und Grüntönen mit ihren Winschen und Netzen, ganz schwer vom Fang. Wie winzig und zerbrechlich sie vor dem riesigen Hintergrund des Meeres wirkten!

Polly wünschte sich doch bloß fünf Minuten Ruhe und Frieden, bevor sie zur Bäckerei rübergehen und bei der Mittagsschicht ihrem Angestellten Jayden helfen würde.

Neil, der kleine Papageientaucher, der einst in einer Sturmnacht in ihr Leben geknallt und dann geblieben war, hatte jedoch andere Pläne. Er fand es einfach unglaublich, dass er an der Außenseite des Turms hochfliegen und Polly von draußen durchs Fenster sehen konnte. Deshalb machte er es immer wieder, flog dabei auch gerne mal rund um den Turm und kam von der anderen Seite zurück. Vergnügt klopfte er von draußen an die Scheibe, weil Huckle es witzig fand, ihm durchs Fenster kleine Leckerbissen zu reichen, obwohl Polly es ihm eigentlich verboten hatte.

Jetzt legte sie ihr Buch weg und ging zum Fenster rüber. Die durch die Wolken silbern aufs Wasser fallenden Sonnenstrahlen, das leise Krächzen der Möwen und das Pfeifen des Windes, das im Winter zum reinsten Donnergrollen wurde, rührten ihr das Herz. Noch konnte sie nicht so recht fassen, dass sie wirklich hier lebte, und fragte sich mal wieder, ob das alles sie wohl eines Tages weniger beeindrucken würde.

Polly öffnete das altmodische Einfachfenster mit dem schweren Griff. »Na, dann komm mal rein«, sagte sie, Neil flatterte jedoch auf der Stelle und pickte zwischen ihren Fingern herum in der Hoffnung auf einen Leckerbissen.

»Nein!«, schimpfte sie, »du bist für so einen kleinen Papageientaucher viel zu fett. Da brauchst du gar nicht zu protestieren. Komm schon rein und hör mit dem Klopfen auf.«

Neil fand hingegen, dass er sich ein wirklich tolles Spiel ausgedacht hatte, und setzte zu einer neuen Runde um den Turm an, um ihr zu zeigen, was er alles konnte. Als er wieder auf dem Fensterbrett landete, schaute er sie mit seinen großen schwarzen Augen erwartungsvoll an.

»Ach du liebe Güte«, seufzte Polly, dann lehnte sie sich vor und tat etwas, was sie in Huckles Gegenwart nie gemacht hätte – sie reichte Neil ein Stück von ihrer Käsestange. Der Vogel verspeiste gierig das Gebäck und pickte dann die Krümel auf. Damit war er so beschäftigt, dass er bei einem Schritt nach hinten über die Kante des Fensterbrettes fiel.

»Neil!«, kreischte Polly und kam sich im nächsten Augenblick völlig bescheuert vor, als er einfach kurz mit den Flügeln flatterte und auf Fensterhöhe zurückkehrte.

»Du hast mich zu Tode erschreckt«, sagte sie. »Komm rein oder bleib draußen, eins von beiden.«

Neil entschied sich fürs Reinkommen, landete auf dem Fußboden und watschelte dann durch den Raum, um die rauen Bohlen sorgfältig nach Krümeln abzusuchen, die Polly eventuell übersehen hatte.

»Okay«, sagte seine Besitzerin, »ich muss jetzt zurück zur Arbeit. Benimm dich bitte.«

Sie ließ kurz den Blick durch den Raum wandern, um auch sicherzugehen, dass sie alles hatte. Eins wollte man hier nämlich wirklich nicht: Am Fuß des Leuchtturms ankommen und dann feststellen, dass man etwas vergessen hatte und noch mal nach oben musste. Für den Weg nach unten wollte Huckle gern eine Rutschstange wie bei der Feuerwehr einbauen, Polly war jedoch strikt dagegen.

Im kleinen Zimmer standen kaum Möbel, mal abgesehen von ihrem teuren Sofa, das sie aus Plymouth mitgebracht hatte. Für den Einzug hatte man es komplett auseinandernehmen und hier oben wieder zusammenbauen müssen, sonst hätte es nicht die Treppe raufgepasst. Dafür hatten sie fast einen ganzen Tag gebraucht. Polly war es das jedoch wert gewesen.

Eine Etage tiefer befand sich ein Schlafzimmer mit einem winzigen Bad, dann kam das Stockwerk mit den Maschinen und darunter das unterste Geschoss mit der schlichten kleinen Küche und einem weiteren Zimmer mit Bad. Zum Turm gehörte außerdem ein Nebengebäude mit ein paar Räumen, ein hässliches Ding mit Flachdach und Kieselrauputz. Noch wussten sie nicht so recht, was sie damit machen würden. Wenn man zu den Felsen runterging, kam man durch einen kleinen Garten, mit dem Huckle mal sein Glück versuchen wollte. Allerdings war er nicht sicher, ob dort viel mehr als Muscheln und Algen gedeihen würden.

Irgendjemand hatte die Stufen zum Leuchtturm und den Pfad bis zur Straße mit einem Rand aus Muscheln eingefasst, und die boten wirklich einen hübschen Anblick, als Polly nun das Kopfsteinpflaster erreichte, die Hafenmauer entlanglief und Mount Polbearne betrat.

Bis in den Ort war es nicht weit, aber bei Flut konnte man dabei ganz schön nass werden, vor allem an stürmischen Tagen, wenn Wellen über die Hafenmauer schlugen und Gischt die Luft mit Salz erfüllte.

So schlecht war das Wetter heute nicht und die Sonne versuchte immer wieder erfolglos, sich gegen die am Himmel vorbeiziehenden Wolken durchzusetzen. Durch den Niedrigstand des Wassers war die Straße zum Ort befahrbar, allerdings glitzerte das bräunliche Kopfsteinpflaster feucht. Der Wind brachte den Geruch nach Meer mit sich.

Mount Polbearne lag furchtbar unpraktisch oben auf einem Hügel, und die Gässchen im kleinen Ort führten kreuz und quer alle irgendwie zur alten Kirchenruine hinauf, die längst kein Dach mehr hatte.

Die kleinen Kopfsteinstraßen waren steil und verschlungen. Man konnte sein Auto zwar durchaus auf die Insel mitbringen, es war aber nicht empfehlenswert. Darum nutzten die meisten Leute den Parkplatz auf dem Festland und gingen die letzten Hundert Meter zu Fuß.

Einige Fischer boten auch ein Wassertaxi an, falls mal Besucher auf der Insel hängen blieben, aber die Einheimischen kannten den Rhythmus von Ebbe und Flut ebenso gut wie den von Sonnenauf- und -untergang und passten ihre Pläne eben an.

Und auf der Insel war das Leben ziemlich einfach. Wie sollte es auch anders sein, es gab hier ja nicht einmal WLAN. (Es war immer mal wieder die Rede davon, doch welches einzurichten, aber die von der Telefongesellschaft hatten Polly erklärt, dass sie dafür zunächst ein Unterwasserkabel verlegen müssten, was 100000 Pfund kosten würde. Als man fragte, ob sie davon vielleicht einen Teil übernehmen könnte, war die Sache ziemlich schnell vom Tisch gewesen.) Und deshalb gab es auf der Insel ebenso wenig Internetshopping wie Nachtclubs, Junggesellinnenabschiede, Flugschneisen oder Gratis-Zeitungen.

Stattdessen standen hier Reihen von kleinen grauen Häusern aus Stein, die sich den Hügel hinaufschlängelten, dazu ein paar schicke neue Anbauten, Dachterrassen und Balkone aus Metall, erbaut von unerschrockenen Auswärtigen, die hier ihre Wochenenden verbrachten und ertragen mussten, dass sie von den Einheimischen verspottet und über den Tisch gezogen wurden.

Es gab einen alten Pub namens Red Lion mit einem Innenhof, in dem man immer noch einen alten Trog und Ringe zum Anbinden von Pferden bewundern konnte. Und dann war da noch Andys Fish-and-Chips-Bude, in der ein Foto von breit grinsenden Fischern mit einem riesigen Dorsch hing. Andy verkaufte den besten Hering und die frischesten, knusprigsten Fritten, an denen man sich zuerst die Finger verbrannte, bevor sie wegen des Salzes und Essigs zu stechen begannen. Wenn man wollte, bekam man dazu noch kleine Stückchen von der Fischpanade. Zu trinken gab es bei Andy Fanta, Tizer sowie Dandelion and Burdock, und man musste von ihm aus nur ein paar Schritte über die gepflasterte Straße gehen, um sich auf die Hafenmauer zu setzen, über das Wasser zu blicken und sich mit den Möwen herumzuschlagen.

Dann gab es im Ort noch Muriels Lebensmittelgeschäft, in dem man einfach alles kriegen konnte, und Tierarzt Patrick, der sich die Praxis mit einer jungen Allgemeinmedizinerin namens Callie teilte. Sie kam aber nur zweimal die Woche auf die Insel.

Die alte Bäckerei des Ortes war früher von Mrs Manse geleitet worden, die bei Pollys Ankunft auf der Insel auch ihre Vermieterin gewesen war. Mrs Manse hatte ihr das Leben unheimlich schwer gemacht, weil sie ihr verboten hatte, auf Mount Polbearne Brot zu backen. Inzwischen war Gillian Manse in Rente und lebte bei ihrer ebenso übel gelaunten Schwester in Truro, sodass Polly die Bäckerei nach ihren eigenen Vorstellungen führen konnte.

Neu im Ort war ein schickes Restaurant am Kai, das für die meisten Inselbewohner viel zu teuer, aber sehr beliebt bei Besuchern war. Es hatte sich auf den frischen Fisch spezialisiert, den die Kutter jeden Morgen in den Hafen brachten.

Jetzt wurden dort Netze geflickt, man zählte die Gewinne des Tages zusammen, und ein paar der Fischer winkten der vorbeilaufenden Polly zu. Hier und da wurde gefragt, welche Geschmacksrichtung ihre Michettes heute wohl haben würden (das waren Brötchen, die bei arbeitenden Männern besonders beliebt waren).

Doch alle grüßten Neil, der Polly wieder mal zur Arbeit folgte, wie sie nun verdrossen bemerkte. Die Bäckerei war nun wirklich nicht der ideale Ort für ihn, weil er dort einfach viel zu oft von Kunden gefüttert wurde. Außerdem würde Polly wirklich Probleme kriegen, wenn irgendwann mal jemand vom Gesundheitsamt vorbeikäme und auch nur die Schwanzspitze eines Seevogels im Lokal entdeckte. Dabei war ihre Backstube dank ihres Mitarbeiters Jayden immer picobello sauber.

Als Jayden in Bezug auf eine mögliche Inspektion mal eingewandt hatte, dass doch nun wirklich niemand unbemerkt auf die Insel gelangen könnte, hatte Polly nur geseufzt, dass es darum doch gar nicht ginge.

Inzwischen war es bereits ein Jahr her, dass sich über der Insel ein grauenhaftes Unwetter plötzlich wie aus dem Nichts zusammengebraut hatte. Es hatte damals Cornelius »Tarnie« Tarnforth, Kapitän der Trochilus und für kurze Zeit Pollys Liebhaber, das Leben gekostet. Polly konnte an den Kuttern immer noch nicht vorbeigehen, ohne jedes Mal an ihn zu denken. Es hatte lange gedauert, bis im Ort die Wunden verheilt waren.

Jetzt bimmelte es, als Polly die Tür zur Bäckerei am Strandweg aufmachte, zum hübschen kleinen Gebäude mit der hellgrauen Fassade – die ihr Ex Chris für sie gestrichen hatte – und dem schön geschwungenen Schriftzug:

Die kleine Bäckerei am StrandwegInhaberin Ms P. Waterfordseit 2014

Wenn ihr Blick auf die Inschrift fiel, erfüllte sie ihr Herz jedes Mal mit Stolz, obwohl sie noch nicht so ganz den Tatsachen entsprach. Es standen bereits ein paar Leute Schlange, und Jayden holte die warmen Brote aus der Backstube.

Heute gab es Fladen vom Blech, ein in feine Scheiben geschnittenes Weißbrot und das kräftigere Sauerteigbrot, das keinen so guten Absatz fand, in Pollys Augen aber fantastischen Toast abgab.

»Hey!«, grüßte Jayden sie. »Ja, alles ist super geworden, bis auf, äh, die Chorizo-Michettes. Die, hm, musste ich … tja … die sind viel zu dunkel geworden.«

Streng starrte Polly ihn an. »Tatsächlich, Jayden?«

Sie zog die Jacke aus und hängte sie an den Haken, dann umrundete sie den Tresen, um sich auf der anderen Seite sorgfältig die Hände zu waschen. Bei einem Blick zurück entdeckte sie draußen Neil, der geduldig an der Tür wartete und von Zeit zu Zeit von einem Fuß auf den anderen hüpfte. Das würde er so lange machen, bis sie die Kunden und damit auch ihn hereinließ. Nicht zum ersten Mal fragte sich Polly, ob es für Papageientaucher wohl auch so etwas wie eine Hundeschule gab.

»Ja, ja«, behauptete Jayden, seine Wangen leuchteten aber verdächtig rosig. Er öffnete die Tür, und die Kunden traten ein und ließen den Blick über die altmodischen Glasvitrinen wandern, um für sich schon mal das Passende auszusuchen.

Polly zog eine Augenbraue hoch.

»Die waren echt lecker«, räumte Jayden nun mit leiser Stimme ein. »Tut mir leid. Ich hab ja versucht, nur eine zu essen.«

Eigentlich war Jayden ein toller Mitarbeiter: pünktlich, höflich, warmherzig, effizient und sauberer als Meister Proper – die jahrelange Arbeit auf Fischerbooten hatte ihn Präzision und Gewissenhaftigkeit gelehrt. Besonders gut sah er zwar nicht aus, aber er war nett und charmant und deshalb bei allen beliebt.

Außerdem war er unglaublich dankbar dafür, dass er nicht länger auf den Job bei der Fischereiflotte angewiesen war, den er so sehr gehasst hatte. Er fand es toll, geregelte Arbeitszeiten zu haben und nicht mehr raus in die Kälte zu müssen. Man konnte sich auf ihn verlassen, was Geld anging, und er war freundlich zu den Kunden. (Zumindest zu denen aus dem Ort – Ausflüglern und Feriengästen gegenüber war er früher kurz angebunden bis schroff gewesen, aber das wurde langsam besser.)

Leider hatte Jayden die wirklich unverzeihliche Angewohnheit, sich an der Ware zu vergreifen.

»Es ist ja nicht so, als würde es nicht auffallen«, knurrte Polly und deutete auf Jaydens ständig an Umfang zunehmende Wampe unter der grauen Schürze.

»Ich weiß, tut mir leid.«

Das tat es wirklich, denn inzwischen war Jayden knallrot angelaufen. Letztes Jahr hatte er sich für Movember einen Schnäuzer wachsen lassen, und da alle ihm versichert hatten, wie gut der ihm stand – was auch stimmte –, hatte er ihn nicht mehr abrasiert. Jetzt schien er bis in die Schnurrbartspitzen zu erröten.

»Ich hab ja gar nichts dagegen, wenn du hier und da was probierst«, raunte Polly ihm zu. »Aber weißt du, das war Fleisch. Und das ist ziemlich teuer.«

Trotz des Schnauzbarts erinnerte Jayden an einen Siebenjährigen, als er nun schuldbewusst zu Boden starrte.

»Jetzt lassen Sie mal den jungen Mann in Ruhe«, mischte sich nun Pfarrerswitwe Mrs Corning ein. »Der ist doch wirklich ein Segen.« Die anderen Damen in der Schlange stimmten zu. Polly hatte den Verdacht, dass ihr kleiner allmorgendlicher Flirt mit Jayden für sie das Highlight des Tages war.

»Aber ein ziemlich unersättlicher Segen«, knurrte Polly.

»Und Ihr Vogel steht da draußen vor der Tür«, bemerkte jetzt eine andere Dame missbilligend, dann brach allgemeines Gemurmel aus. Am liebsten hätte Polly mit den Augen gerollt, aber das verkniff sie sich lieber. Sie wusste ganz genau, dass sie für manche Leute hier immer »die Neue« bleiben würde. Jetzt wandte sie sich an die nächste Kundin.

»Was kann ich denn für Sie tun?«, fragte sie höflich.

»Haben Sie welche von diesen leckeren Brötchen mit den kleinen Wurststückchen?«

»Nein«, sagte Polly mit einem letzten finsteren Blick in Richtung Jayden, der so tat, als wäre er gar nicht da, und sich plötzlich furchtbar beschäftigt gab. »Haben wir nicht.«

Jetzt erklang wieder die Türglocke.

»Hey, Polly, du hast Neil draußen vergessen!«, rief eine laute, tiefe amerikanische Stimme.

Der Laden, der ja ohnehin schon klein war, fühlte sich auf einmal noch beengter an, als Huckles Schatten auf den Tresen fiel. Pollys Freund war unglaublich groß, mit langen Beinen, breiten Schultern und dichtem blondem Wuschelhaar, das ihn noch größer aussehen ließ.

Selbst jetzt konnte Polly manchmal immer noch nicht fassen, dass Huckle wirklich mit ihr zusammen war. Er schien einem Werbespot mit Wüstenlandschaft, Kakteen und Cowboyhüten entsprungen.

»Also, echt!«, sagte Huckle vorwurfsvoll. Neil hockte auf seinem Ärmel – was er normalerweise nicht machte – und schaute Polly gekränkt an.

»Nein, den hab ich nirgendwo vergessen«, erklärte Polly genervt. »Eigentlich sollte er nämlich nicht an meinem Arbeitsplatz herumhüpfen, sondern draußen zwischen den Felsen unterwegs sein und versuchen, eine Papageientaucherdame kennenzulernen.«

»Oder einen Papageientaucherherrn«, entgegnete Huckle. »Da solltest du wirklich keine Vorurteile haben.«

Polly starrte ihn an. »Bezeichnest du mich etwa gerade als Vogelhomophobe?«

»Ich meine ja nur, dass wir jeder seiner möglichen Entscheidungen im Leben gegenüber offen sein sollten.«

»Mal abgesehen von der, mich hier im Laden zu besuchen!«

Huckle seufzte, aber die alten Damen scharten sich bereits um ihn, weil sie einen Blick auf Neil werfen wollten. (Oder, wie Polly verschmitzt bei sich dachte, weil sie ihre Krallen in Huckles Oberarm schlagen wollten.)

Als die Kundinnen ihren Freund endlich freigaben, lehnte sie sich vor, um ihm einen Kuss zu geben.

»Hey«, sagte sie und atmete seinen wundervollen warmen Duft ein, dem ein leichtes Aroma vom Öl des Motorrads anhaftete, mit dem er überall hinfuhr. »Bist du heute Morgen gar nicht unterwegs?«

»Doch, doch!«, nickte Huckle. »Ich wollte nur kurz reinschauen, um dir zu sagen, dass Dubose jetzt wirklich kommt.«

Polly biss sich auf die Lippe. »Im Ernst?«

Ihr Herz begann, etwas heftiger zu schlagen. Sie kannte Dubose nicht, bis jetzt war sie noch niemandem aus Huckles Familie begegnet. Dubose war sein jüngerer Bruder und hatte ein wenig den Ruf eines schwarzen Schafes.

»Wie sehen denn seine Pläne aus?«

Huckle rollte mit den Augen. »Frag besser nicht, offenbar braucht er wohl mal eine Auszeit.«

Verwirrt sah Polly ihn an. »Ich dachte, er wäre Farmer.«

»Ja«, nickte Huckle, »ganz genau. Und normalerweise nehmen Farmer sich keine Auszeiten.«

»Das ist wie bei uns Bäckern«, sagte Polly.

»Nur noch härter«, fand Huckle und schüttelte den Kopf. »Er überlässt die ganze Arbeit einfach Clemmie.« Clemmie war die Freundin von Dubose.

»Und, taugt sie nichts?«

»Doch, sie ist toll, wirklich super. Aber eine ganze Farm zu leiten … das ist viel Arbeit.« Huckle runzelte die Stirn. So ärgerlich sah Polly ihn selten, das fand sie eigentlich ganz süß.

»Wann wird er denn hier sein?«

»Er möchte sich ungern festlegen.« Huckle lächelte resigniert. »Ist es für dich okay, wenn er bei uns unterkommt?«

»Ja, natürlich, aber wow. Glaubst du, er wird mich mögen?«

Wieder verdrehte Huckle die Augen. »Dubose kommt eigentlich mit allen klar.«

Polly sah ihn an. »Klingt da womöglich ein wenig Eifersucht mit an?«, fragte sie verschmitzt.

»Kommt etwa ein neuer junger Mann in den Ort?«, erkundigte sich da Mrs Corning. »Hah, neuerdings ist hier ja ständig was los.«

Als sich Polly und Huckle zum ersten Mal begegnet waren, hatte er in der Nähe als Imker gelebt, und sie hatte seinen Honig in ihrem Laden verkauft. Zunächst hatte es zwischen ihnen nicht geklappt, und Huckle war in seine Heimatstadt Savannah in den USA zurückgekehrt, um dort wieder einen Bürojob anzunehmen. Aber nach sechs Monaten an der frischen Luft in Cornwall war es ihm nicht gelungen, sich wieder an die Arbeit in einer Firma zu gewöhnen, an das Angestelltendasein und daran, immer drinnen zu sein. Zum Glück war seine Rückkehr nach Großbritannien nicht schwierig gewesen, weil sein Vater hier geboren war, was die Einreiseformalitäten vereinfachte.

Wie so viele Menschen war jetzt auch er an einer Neubesinnung auf ein einfacheres Leben auf dem Land interessiert. Doch er hatte sich keine Ziegen oder Hühner zugelegt, sondern Bienenstöcke. Huckle hatte sich in einen fahrenden Imker und Berater verwandelt. Er half Menschen mit Bienenstöcken, die der Entwicklung der ständig schwindenden Bienenpopulation entgegenwirken wollten.

Auch bei seiner früheren Hütte, in der jetzt ein altes Ehepaar wohnte, schaute er oft vorbei. Gegen ein Glas Honig im Monat ließen sie ihn weiterhin seine Bienenstöcke dort versorgen. Es war wirklich das perfekte Arrangement. Mit alldem verdiente Huckle nicht viel Geld, aber abgesehen von dem Diesel für sein Motorrad und einer Gemüsekiste pro Woche von einem Bauern aus der Gegend, brauchten Polly und er auch nicht viel, sie lebten ein sehr einfaches Leben. Na ja, dachte er gelegentlich, irgendwann sollten wir vielleicht doch mal den Leuchtturm renovieren lassen und Pollys Geschäft auch wirklich übernehmen. Noch gehörte es Mrs Manse, der ursprünglichen Eigentümerin, deshalb mussten sie ein Teil der Einnahmen an sie abtreten. Leider war für diese beiden Verbesserungen in diesem Leben so einiges an Geld nötig, welches ihnen eben fehlte. Das ist schon in Ordnung, sagte er sich dann, schließlich reichte ihnen völlig, was sie hatten.

KAPITEL 2

»Okay«, sagte Jayden, »dann mach ich mich mal auf den Weg zum anderen Laden und schaue nach der Kollegin vom Festland.«

Polly rollte mit den Augen.

»Jayden, fast jeder einzelne Bewohner dieser Erde kommt vom Festland. Es gibt sieben Milliarden Festländer und siebenhundert Polbearner. So kannst du doch die Weltbevölkerung nicht unterteilen.«

Jayden tat mit seinem Besen zwar äußerst beschäftigt, seine leicht gerunzelte Stirn verriet ihr jedoch, dass er nicht mit ihr einer Meinung war.

»Ich gehe«, sagte Polly, »dann kann ich Huckle noch zu seinem Motorrad bringen.«

»Sie will mich loswerden«, beklagte sich Huckle und zwinkerte den alten Damen zu.

»Nicht dich will ich loswerden«, erklärte Polly, »sondern Neil. Ich hoffe einfach, dass er dir folgen wird.«

Und tatsächlich, als sie gemeinsam den Laden verließen, hüpfte Neil fröhlich in das Sidecar. Er fuhr einfach zu gerne Motorrad. Huckle grinste Polly an.

»Willst du heute kochen?«, fragte sie.

Er zuckte mit den Achseln. »Wie wär’s denn, wenn du kochst, und ich laufe rauf und runter und sammle all die Gewürze und Utensilien ein, die du über vier Stockwerke verteilt hast?«

»Abgemacht«, sagte Polly und küsste ihn wieder. Huckle warf einen Blick auf die Uhr und setzte sich dann auf sein riesiges Motorrad. Neil steckte den Kopf zum Seitenwagen heraus, um sich am Fahrtwind zu ergötzen.

»Ich weiß wirklich nicht, für welche Art von Vogel der sich hält«, knurrte Polly. Aber dann sah sie den beiden doch belustigt hinterher, als sie in Höchstgeschwindigkeit – und mit laut knatterndem Motor – zum Fahrdamm zuckelten, der während der morgendlichen Ebbe immer noch wasserfrei dalag.

Sie atmete einmal tief ein, um ihre Lungen mit der frischen, salzigen Luft zu füllen, und sah zum Himmel hoch, an dem Wölkchen wie saubere Wäsche tanzten. Sie fragte sich, wie Huckles Bruder wohl sein würde. Da sie selbst keinen hatte, konnte Dubose vielleicht auch für sie wie ein Bruder werden.

Schließlich setzte sich Polly in Bewegung und ging den Strandweg entlang. Obwohl die Insel so klein war, gab es auf ihr zwei Bäckereien. In der ursprünglichen Polbearne Bakery wurden immer noch Baguettes, Sandwiches und eher traditionelles Gebäck verkauft – Plätzchen mit Guss, Rührkuchen und Zuckerzeug. In ihrer eigenen Bäckerei hatte Polly hingegen freie Hand, um ihre rustikalen Brote und interessante Varianten wie Olivenbrot oder herzhafte Gemüsekuchen anzubieten. Seit Mrs Manse in Rente war, fungierte die junge Bäckerin als Geschäftsführerin für beide Läden.

An so einem frischen Frühlingsmorgen wie heute konnte sich Polly nicht vorstellen, irgendwo anders als auf Mount Polbearne zu leben. Aber auch im Sommer ging ihr das so, wenn man Eimer und Spaten klappern hörte, es nach Sonnencreme und Eis roch und verlorene Sonnenbrillen aus Plastik in Rosa und Blau liebevoll auf die Hafenmauer gelegt wurden, falls die Besitzer zurückkommen und nach ihnen suchen würden.

Andererseits mochte sie auch den Herbst, wenn die Surfer, die in ihren schwarzen Neoprenanzügen aussahen wie Robben, die tollen Wellen am Breakwater Point nutzten und dann irgendwann ganz durchgefroren und ausgehungert bei ihr in der Bäckerei auftauchten. In diesen Monaten, die ansonsten ruhiger waren, weil die Ferien vorbei waren und die Kinder wieder zur Schule gingen, verkaufte sie auch Kaffee und heiße Suppe.

Und eigentlich gefiel ihr auch der Winter, wenn es draußen windig und eiskalt war und man nirgends hinkonnte. Dann kuschelten Huckle und sie sich in ihrem Adlernest zusammen aufs Sofa, schauten auf DVD Folge um Folge amerikanischer Serien. Dazu aßen sie Toast mit Butter, den sie mit kannenweise Tee runterspülten, während um sie herum der Sturm tobte.

Auf einer Insel konnte man den Wechsel der Jahreszeiten eben nicht ignorieren, man konnte sich nicht von der Welt abschotten wie in der Stadt, wo es Büroräume mit Neonröhren, Klimaanlage und Heizung gab, dazwischen nur gelegentlich ein mit Zigarettenstummeln übersätes Stück Grünfläche hinter einem Gebäude.

Polly mochte hier einfach alles.

Als vor zwei Jahren ihr ganzes Leben den Bach runtergegangen war, sie vor den Scherben ihrer Existenz gestanden hatte, da hätte sie sich niemals träumen lassen, dass sie einmal so eine Harmonie und Zufriedenheit finden und jeden Tag im Einklang mit den Jahreszeiten leben würde.

Sie bereute es nie, ihr Leben so radikal verändert zu haben, und konnte ihr Glück selbst kaum fassen. Sogar dann nicht, wenn es morgens klirrend kalt war oder wenn ihr der Rücken wehtat, weil sie stundenlang den Ofen geschrubbt hatte. Daran änderten auch die Tage nichts, an denen sie noch bis spät in die Nacht ihre Einnahmen zählte oder für ihre Steuererklärung zu entscheiden versuchte, was nun ein Kuchen und was ein Plätzchen war. Und sie blieb auch bei ihrer Meinung, wenn es auf Mount Polbearne tagelang am Stück regnete, während der Rest des Landes in Sonnenschein getaucht war. Oder wenn sie sich gern etwas Neues zum Anziehen kaufen würde, aber wieder einmal feststellen musste, dass niemand auf die Insel lieferte, die Geschäfte zum Fahren zu weit weg waren und sie sich ja doch nichts leisten konnte. Sie glaubte auch ganz fest daran, dass sie im Leben schon genug Pech gehabt hatte und deshalb jetzt eigentlich nichts mehr schiefgehen konnte.

Leider war das Universum da anderer Meinung.

KAPITEL 3

Flora Larson, die in der alten Bäckerei arbeitete, sah immer so aus, als würde sie jeden Augenblick mit irgendetwas Furchtbarem rechnen. Die dünne, stets ein wenig gebeugt dastehende junge Frau schielte meistens mit weit aufgerissenen Augen durch ihren viel zu langen Pony hindurch. Das ließ sie irgendwie schuldbewusst wirken, dabei verbarg sich hinter den Zotteln sogar ein recht hübsches Gesicht.

Auf jeden Fall konnte sie backen und war Polly damit eine riesige Hilfe. Einfache Sachen bekam Jayden zwar auch hin, aber Flora hatte einfach ein Händchen für den Teig. Leider hatte sie die Angewohnheit, die Kunden undeutlich murmelnd zu bedienen, was ihre Chefin ihr eigentlich verboten hatte. Und sie fingerte ständig an ihren Haaren herum, weshalb sich Polly Sorgen um die Hygiene in der Bäckerei machte. Mrs Manse hätte Flora vermutlich zum Frühstück verspeist. Leider war die junge Frau auch furchtbar unpünktlich. Polly wollte deshalb nur ungern Theater machen, aber sie hielt es für keinen guten Service, wenn die Kunden einer Bäckerei sich auf den Weg zur anderen machen mussten, um an ihr Sandwich zu kommen.

Heute Morgen war das Lokal unaufgeräumt, überall lagen Krümel von gestern herum, und Flora trug einen ernüchterten Blick zur Schau.

»Hi, Flora!«, sagte Polly und versuchte, nicht allzu gereizt zu klingen. In dieser Gegend war es nicht einfach, Arbeit zu finden, vor allem außerhalb der Saison. Gerade deshalb hatte sich Polly geschworen, keine fiese olle Chefin zu sein, aber Flora trieb sie einfach in den Wahnsinn. Huckle hingegen fand sie zum Schreien.

»Ich hab ganz nasse Füße«, jammerte Flora und starrte nach unten. Tatsächlich bemerkte Polly bei genauerem Hinsehen, dass Flora beinahe in einer Pfütze stand, weil Wasser aus ihren durchweichten Schuhen und Socken lief.

»Hast du den Gezeitenkalender wieder falsch gelesen?«

»Die drucken das einfach falsch«, behauptete Flora. »Die Zeiten sind nie richtig.«

»Für mich sehen sie eigentlich korrekt aus«, wandte Polly verhalten ein.

»Weil du ja auch so eine schicke Uhr hast und so«, erwiderte Flora trotzig. Für Polly war es eine ganz neue Erfahrung, dass jemand sie für reich und mächtig hielt, nur weil sie hier die Chefin war.

»Na ja, sollen wir dann mal anfangen?«, fragte Polly. In diesem Moment kam Tierarzt Patrick herein, der sich seinen allmorgendlichen Scone holen wollte.

»Hallo, Polly«, sagte er. »Na, wie geht’s denn deinem lächerlichen Vogel?«

Polly hätte beinahe geantwortet, dass sie überlegte, Neil einen Job in der Bäckerei zu geben, vor Flora biss sie sich jedoch lieber auf die Zunge.

»Ja, er ist wirklich lächerlich«, sagte sie stattdessen.

»Von einem Seevogel als Haustier hatte ich vor dir noch nie gehört«, sagte Patrick kopfschüttelnd. »So jemand wie du ist mir bisher nicht untergekommen.«

Polly lächelte. Sie mochte es, wenn man ihr wegen Neil Komplimente machte.

»Aber pass bloß auf, dass ihn keine Katze erwischt«, fügte Patrick warnend hinzu. »Üble Bestien.«

Seiner Karriere als Tierarzt hatte Patricks Abneigung gegen Katzen keinen Abbruch getan, und meistens verbarg er sie nicht einmal.

»Meine Katze ist ganz lieb«, sagte Flora, die nur herumstand, während Polly für Patrick einen noch ofenwarmen Scone einpackte.

»Das riecht einfach köstlich«, bemerkte sie. »Flora, du solltest wirklich bei diesem Backwettbewerb im Fernsehen mitmachen.«

Flora kicherte, und auf einmal waren ihre nassen Füße vergessen. »Das sagt meine Mutter auch immer!«, verkündete sie. »Es muss toll sein, im Fernsehen aufzutreten.«

»Du könntest dich da bestimmt auch bewerben«, sagte Patrick zu Polly.

»Soll das ein Witz sein?«, fragte Polly. »Etwas Angsteinflößenderes kann ich mir kaum vorstellen. Außerdem dürfen professionelle Bäcker da gar nicht mitmachen, soweit ich weiß. Sonst würde doch sicher jedes Jahr Paul Hollywood gewinnen, oder?«

Patricks Blick fiel auf Floras Füße. »Die Socken und Schuhe solltest du lieber ausziehen«, riet er ihr, »sonst holst du dir noch eine Erkältung.«

Flora zog eine Schnute. »Ich weiß wirklich nicht, warum du nicht einfach einen Laden auf dem Festland aufmachen kannst, wie normale Leute.«

Polly winkte ab und ließ Flora das Brot und die herzhaften Gebäckstangen da, die sie mitgebracht hatte. Im Gegenzug schnappte sie sich ein Blech mit Scones und Sandwiches. Die Arbeit untereinander aufzuteilen, schien für die beiden Bäckereien einfach am effektivsten, obwohl sich Polly eingestehen musste, dass hier leider überhaupt nichts effektiv war.

»Könntest du bitte ein wenig aufräumen und sauber machen? Bis zum Mittagsansturm dauert es nämlich nicht mehr lange, und ich hab auch ein paar Ausflügler gesehen. Und bereitest du dann bitte alles für morgen vor?«

Heute war Freitag, und am Samstag kamen jede Menge Tagesausflügler. Am nächsten Tag war traditionell geschlossen, obwohl Polly mal vorgehabt hatte, am auf der Insel geschäftigen Sonntag zu öffnen und montags freizumachen. Da die Einwohner von Polbearne davon aber nicht begeistert sein würden, hatte sie lieber alles beim Alten belassen, um überhaupt einen freien Tag zu haben. An manchen Dingen rüttelte man besser nicht. Allerdings überlegte sie, in den Sommermonaten vielleicht noch jemanden einzustellen oder als Erweiterung der kleinen Bäckerei eventuell ein Café zu eröffnen …

Angesichts ihrer ehrgeizigen Pläne legte sich ein schiefes Grinsen über ihre Züge. Im Moment schaffte sie es ja noch nicht einmal, ihre bisherigen beiden Angestellten vom Warenklau und dem Ertrinken auf dem Weg zur Arbeit abzuhalten. Am besten lehnte sie sich nicht allzu weit aus dem Fenster.

Da das Wetter heute nicht schlecht war, ging Polly lieber wieder gleich zurück zur kleinen Bäckerei am Strandweg. An schönen Tagen bildete sich dort vor ihrer Tür nämlich zur Mittagszeit eine beachtliche Schlange, weil sich jeder eine Kleinigkeit bei ihr kaufen und sich damit auf der Hafenmauer in die Sonne setzen wollte. Die Fischer legten ihr Geld immer zusammen und aßen an Sandwiches eigentlich alles, was Polly ihnen vorsetzte.

»Hey«, sagte sie zu Bootskapitän Archie, der nun hereinkam, »heute habe ich riesige Hotdogs mit Ketchup und Senf und dazu ein Töpfchen Bohnen.«

Archie lächelte schwach. »Klingt gut!«, sagte er.

»Bist du müde?«

Eigentlich waren die Fischer immer müde. Sie mussten so früh wie möglich mit ihrem Fang in den Hafen zurückkehren, damit die Restaurants für den Tag frischen Fisch hatten. Dafür arbeiteten sie lange Stunden und hatten dann auch tagsüber noch zu tun. Es gab zwar EU-Richtlinien darüber, wie viel sie maximal fangen durften, ihre Arbeitszeiten waren aber nicht geregelt, und das machte sich tagtäglich bemerkbar.

Archie hatte die Trochilus II übernommen, den Kahn, der Tarnies ursprüngliches Fischerboot ersetzt hatte. Zudem hatte er ein Baby, sein viertes Kind. Er sah einfach fix und fertig aus.

»Also, weißt du«, sagte er und reichte ihr ein paar Münzen. »William ist wirklich ein sehr lebhaftes Baby. Die anderen sind ja schon in einem Alter, in dem sie ständig zum Sport oder zu irgendwelchen Verabredungen müssen … und dauernd sind Ferien, Schulkinder gehen heutzutage ja kaum noch in die Schule. Wenn ich da an meine Kindheit zurückdenke – ich war doch eigentlich immer in der Schule. Heute sind ständig irgendwelche ›Lehrerfortbildungen‹, die eigentlich ›Mehr-Ausgaben-für-Babysitter-Tage‹ heißen sollten.«

Jayden bediente die anderen Kunden, während Polly Archie mit ihrer geliebten Espressomaschine einen Kaffee machte. Den konnte er offenbar gut gebrauchen. Sie reichte ihm dazu vier Tütchen Zucker, die er komplett in seine Tasse leerte.

»Und dann will meine Frau auch noch abends ausgehen und wirft mir vor, dass ich ein Langweiler bin …«

Das war eine ganz schön lange Rede für Archie, der eigentlich ein schweigsamer Mann war. Wohl deshalb brach er ab und errötete ein wenig.

Polly nickte. »Ich versteh dich ja«, sagte sie. »Deine Arbeit ist hart. Kannst du denn nicht auf dem Boot schlafen?« Sie wusste, dass sich Tarnie auf dem Weg raus zu den Fischgründen manchmal ein halbes Stündchen hingelegt hatte, bevor es richtig losgegangen war.

Archie verzog das Gesicht. »Vielleicht, wenn ich in meine Aufgabe etwas reingewachsen bin«, erklärte er. »Im Moment brauche ich meine ganze Energie, um alles am Laufen zu halten.«

Polly nickte. »Schon klar«, sagte sie teilnahmsvoll. »Ja, das ist wirklich ein harter Job.«

Archie schaute aus dem Fenster. Wie sie da so nebeneinander auf dem Wasser lagen, mit im Wind sanft klirrenden Masten, boten die Fischkutter wirklich einen idyllischen Anblick.

»Ich hab einfach nicht … Also, bevor all die Touristen hier aufgetaucht sind, hatte ich einfach nie realisiert, was für ein bequemes Leben andere führen.«

Polly wusste, dass man das Fischen im Blut haben musste. Es war kein Beruf, sondern eine Berufung. Man musste als Fischer geboren sein, sonst war diese Arbeit einfach unerträglich. »So ist das aber auch nicht«, wandte sie jetzt ein. »Die Leute kommen zwar mit ihren dicken Autos hierher, entspannen sich am Strand, gehen spazieren und essen Eis. Und es kommt dir so vor, als würden sie im Leben nichts anderes machen. Aber das stimmt ja nicht. Sie haben nur an diesen Tagen frei – wie du bei deinem Urlaub auf Zypern.«

»Vor vier Jahren«, grunzte Archie.

»Die haben auch alle ihre Probleme, arbeiten eventuell bis spätabends in einem üblen Büro für einen üblen Boss. Vielleicht schieben sie immer nur Papierberge von links nach rechts und finden das einfach schrecklich. Womöglich pendeln sie auch noch, haben eine Stunde Fahrt bis nach Hause und kriegen ihre Kinder nie zu Gesicht.«

»Wie schön. Ich sehe meine kleinen Monster viel zu oft«, wandte Archie ein.

Polly grinste. »Weil du eben ein toller Vater bist«, sagte sie. »Hör mal, ich bring jetzt die Hotdogs runter zum Kutter, und du legst dich draußen erst mal auf eine Bank. Mach ein Nickerchen, ich wecke dich dann in einer Stunde.«

Archie starrte sie an. »Die anderen sollen aber nicht denken, dass ich mich gehen lasse.«

Es nagte offenbar an ihm, dass er Tarnie unbedingt ein würdiger Nachfolger sein wollte.

»Dann behaupte ich eben, dass du mir bei irgendwas im Laden hilfst, dass ich etwas ganz Großes, Schweres, Schmutziges transportieren muss«, versprach Polly. »Irgendwas voller Spinnweben. Okay?«

Dankbar nickte Archie, und Polly brachte ihn zu einer abgelegenen Bank um die Ecke, zwischen einem alten steinernen Kreuz und einem leeren Pferdetrog. Das war ein sonniges Fleckchen, und Polly sah noch, dass Archie sofort die Augen zufielen.

Unten an der Hafenmauer, wo Polly die restlichen Männer an Bord des Fischerbootes antraf, wehte ein frischerer Wind. Dave war mal von einer Zeitarbeitsfirma als Imker engagiert worden, seine Bienenphobie hatte dem aber schnell ein Ende gemacht, und er war stattdessen bei den Fischern gelandet. Es hatte sich herausgestellt, dass er für den Job geboren war, ein echter Fischer, der das Wasser liebte und angeblich die Schwärme von Weitem riechen konnte. Dann war da noch der kleine Kendall, der Jüngste in der Truppe, der Polly jetzt strahlend angrinste und dann gierig die Papiertüte in ihrer Hand fixierte. Außerdem war noch jemand neu dazugestoßen, ein riesiger Skandinavier namens Sten, den Polly kaum kannte.

»Hey!«, sagte sie. »Archie hilft mir gerade noch mit was.« Kendall griff nach der Tüte und sog genüsslich den Essensduft ein.

»Oh, das riecht lecker, lecker, lecker!«, rief er. »Hast du uns auch ein paar Süßigkeiten als Nachtisch mitgebracht?«

»Ich verkaufe doch keine Süßigkeiten«, erklärte Polly ihm zum millionsten Mal.

»Hat sich Archie ein bisschen hingelegt?«, fragte Dave.

»Nein, er ist nur …«

»Er braucht nämlich wirklich mal ein Stündchen Schlaf.«

Die anderen nickten zustimmend.

»Er will immer jeden Handgriff selbst übernehmen«, erklärte Kendall. »Dabei läuft ja alles, er macht das echt ziemlich gut. Aber manchmal kriegt er eben ein bisschen Panik. So panisch war Tarnie nie.«

»Nein, das war er wirklich nicht«, nickte Polly, und sie schwiegen einen Moment.

»Aber dafür ist er manchmal laut geworden«, gab Kendall zu bedenken. »Und das passiert bei Archie nicht.«

»Na, seht ihr«, sagte Polly. »Wenn er wiederkommt, dann tut doch bitte so, als hätte er in der Zwischenzeit gearbeitet. Sonst nimmt er sich nie wieder auch nur zehn Sekunden frei.«

»Aber das muss er«, machte da zum ersten Mal Sten den Mund auf. Er sprach langsam und mit Nachdruck. »Ein Bootskapitän, der nicht genug schläft, ist gefährlich, ja. Er muss sich einfach dazu zwingen, mal abzuschalten.«

Polly lächelte. »Wie das gehen soll, war mir allerdings auch immer ein Rätsel«, gab sie zu. »Aber ich bin natürlich ganz deiner Meinung.«

Sie machte sich auf den Rückweg und half Jayden beim Rest des Mittagsansturms. Heute standen die Leute sogar bis draußen auf den Kai Schlange, das taten sie aber gerne. Polly wurde jedes Mal ganz warm vor Glück, wenn sie das sah. Dass hier wirklich Leute Tag für Tag herkamen und Geld für etwas bezahlten, was sie mit ihren eigenen Händen hergestellt hatte!

Manchmal kam ihr das wie ein Traum vor, dann wäre sie am liebsten zu jemandem rübergelaufen, der gerade in ein Brötchen biss, und hätte gesagt: »Also, wissen Sie, das hab ich gebacken!« Aber es gelang ihr, sich am Riemen zu reißen.

Nach dem großen Ansturm am Mittag putzten sie erst einmal gründlich, und wenn alles verkauft war – was es normalerweise war –, machten sie den Laden zu. Sie mussten zwar unglaublich früh aufstehen, um morgens alles vorzubereiten, aber wenigstens hatten sie um zwei Schluss. Polly war um diese Uhrzeit meistens schon seit neun Stunden auf den Beinen, und dann musste sie ja noch die Kasse machen. Huckle versuchte, seine Termine so zu legen, dass er um diese Zeit vorbeischauen konnte. Das war nämlich der einzige Moment des Tages, an dem sie sich entspannen, einige Stunden einfach nur im Bett liegen, lachen und quatschen konnten. Irgendwann legte Polly nämlich schon wieder los, musste die Kasse machen, wenn sie das nicht vorher erledigt hatte, den Teig für den nächsten Tag ansetzen, das Abendessen kochen, und dann fing bald wieder alles von vorne an.

Als sie jetzt zum leeren Leuchtturm hinüberging – der ihr ohne Neil noch viel leerer vorkam –, hörte sie dort das Telefon klingeln. Sie runzelte die Stirn. Sie benutzte den Festnetzanschluss ja selbst von Zeit zu Zeit, weil sie auf dem Handy hier manchmal keinen Empfang hatte – aber vor allem tagsüber wurde dieses Telefon kaum genutzt. Mit ihrer Mutter hatte sie gestern gesprochen, bei der war alles in Ordnung. Dann musste es wohl Huckle sein, vielleicht war er irgendwo aufgehalten worden.

Beim Weg nach oben nahm Polly immer zwei Stufen auf einmal und fragte sich, wie lange das Telefon wohl noch klingeln würde. Es bringt gar nichts, sich jetzt abzuhetzen, versuchte sie sich einzureden, als sie die erste Etage erreichte. Der Weg nach oben dauerte so lange, wie er eben dauerte, und wenn sie sich jetzt beeilte, dann würde sie sich am Telefon gleich völlig außer Atem melden.

Das Telefon verstummte kurz, begann aber kurz darauf wieder zu klingeln. Polly schluckte und stieg weiter die Treppe hinauf. Das war gar kein gutes Zeichen, außer natürlich, es handelte sich um einen besonders hartnäckigen Callcenter-Mitarbeiter.

Jetzt umrundete Polly das Geländer und betrat das obere Stockwerk unter dem großen Scheinwerfer. Das Telefon war bei ihrem Einzug schon da gewesen, und sie hatten daran nichts geändert, weil Polly es eigentlich ganz hübsch fand. Es handelte sich offenbar um ein altes Gerät der Küstenwache in bürokratischem Grau mit großen weißen Tasten, deren geheimnisvolle Funktionen sie zum Teil nicht verstand. Sein Klingeln war ein lautes Ring-Ring, das Polly an Kriegsfilme in Schwarz-Weiß erinnerte.

Jetzt nahm sie den Hörer ab. »Hallo?«

Am anderen Ende vernahm sie eine kräftige, aber ein wenig zittrige Stimme.

»Spreche ich mit Miss Waterford?«, fragte die Frau förmlich.

»Äh, ja.«

»Hier ist Janet Lange, die Schwester von Gillian Manse.«

»Ach ja«, sagte Polly und lehnte sich gegen das Sofa, während ihr ganz mulmig in der Magengrube wurde. »Ist alles in Ordnung?«

»Also«, sprach Mrs Lange weiter, als hätte sie sie überhaupt nicht gehört, »also, wissen Sie, es ist da etwas …«

»Ist etwas passiert?«

Polly sah aus dem Fenster. Über den kleinen Schaumkronen der Wellen kreisten ruhig die Möwen. Alles war so still und friedlich wie immer.

»Nun, ich fürchte, Gillian hat … uns verlassen«, sagte Mrs Lange. Dann herrschte Schweigen in der Leitung.

Mrs Manse war alt und ziemlich aufbrausend gewesen, Polly hatte in ihr aber immer eine starke Frau gesehen. Nicht jemanden, der einfach so sterben, zu existieren aufhören konnte. Dafür war sie viel zu stabil und robust gewesen.

»Aber ihr hat doch gar nichts gefehlt«, brachte Polly hervor. Sie spürte, dass sie sich eine Hand vors Gesicht geschlagen hatte. »Oje. Oje.«

»Ich hab sie gedrängt, endlich abzunehmen«, erklärte Janet. Sie hatte etwas von der Schroffheit ihrer Schwester, trotzdem verriet ihre Stimme Polly, dass es ein echter Schock gewesen sein musste. »Ich hab ihr gesagt, dass sie abnehmen muss, aber sie war ja so ein Dickkopf! Der Arzt hat es ihr tausendmal eingebläut, und ich auch. ›Du bist zu dick, Gillian, du isst zu viel Kuchen‹, das haben wir ihr gesagt. ›Du sollst den Kuchen verkaufen und ihn nicht selbst essen.‹ Aber sie hat ja nie auf irgendwen gehört, einfach nie …« Jetzt brach Janet in Schluchzen aus.

»Ging es denn … schnell?«

Ganz ohne ihr Zutun schien auch Pollys Stimme brechen zu wollen. Mrs Manse hatte so ein trauriges Leben geführt, ihren Sohn ans Meer verloren und dann all die langen Stunden allein in der Bäckerei gestanden. Dabei hatte sie bis zum Schluss um ihr Kind getrauert. Oft war sie nach Einbruch der Dunkelheit zum Hafen runtergegangen und hatte auf einfahrende Kutter gewartet, falls der ihres Sohnes dabei wäre. Das war viele, viele Jahre so gelaufen. Mrs Manse hatte sich Kummer und Bitterkeit hingegeben, und in dieser Zeit war ihr Laden immer schmutziger und heruntergekommener geworden.

»Ja, das kann man schon sagen«, antwortete Janet, »ein Herzinfarkt.« Dann schnäuzte sie sich. »Also, wir haben uns ja oft gestritten.«

»Na ja«, sagte Polly, die Mrs Manse oft über ihre Rente und ihre nervige Schwester hatte klagen hören.

»Aber ich hab sie wirklich geliebt!«

»Natürlich«, bekräftigte Polly. »Und sie hat Sie auch geliebt.« Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.

»Das ist ja traurig«, sagte Polly leise und meinte es wirklich so. Sie hoffte nur, dass Mrs Manses Leben im Ruhestand endlich ein bisschen besser ausgesehen hatte. Immerhin hatte sie Gesellschaft gehabt, gemeinsam mit ihrer Schwester essen, fernsehen und Karten spielen können.

»Ja«, sagte Janet Lange schließlich, als hätte sie sich endlich wieder zusammengerissen. Jetzt klang sie plötzlich wieder viel mehr wie ihre Schwester. »Jedenfalls ist das ein ganz schönes Theater. Sie wollte gerne auf der Insel begraben werden und lauter so ein Gedöns. Wie konnte sie denn nur davon ausgehen, dass ich das alles organisiere?«

»Selbstverständlich helfen wir Ihnen dabei«, versprach Polly. »Überlassen Sie das einfach uns.«

Janet schniefte. »Na ja, erwarten Sie jetzt aber nicht, dass sie Ihnen die Bäckereien vermacht hat oder so. Für Sie springt dabei nichts raus.«

KAPITEL 4

»Oder«, sagte Huckle, »es kommt alles in Ordnung und fügt sich schon irgendwie zusammen.«

Wie üblich lag er so entspannt auf dem Sofa, dass man kaum erkennen konnte, ob er wach war oder schlief. Normalerweise fand Polly seine ewige Gelassenheit liebenswert und irgendwie tröstlich. In Huckles Gegenwart konnte man nur schwer nervös oder ängstlich werden. Er strahlte einfach diese Überzeugung aus, dass alles gut werden würde, und das färbte oft auf die Menschen in seiner Umgebung ab.

Dieses Mal war es leider nicht der Fall. Polly marschierte im Leuchtturm angespannt hin und her, während sie von Zeit zu Zeit einen Blick hinaus auf das dunkler werdende Meer warf. Selbst Neil hopste besorgt auf und ab.

»Ich meine … die Geschäfte … der ganze Platz. Mount Polbearne ist im Moment schließlich so in Mode …«

»Ja, dank dir«, warf Huckle schläfrig ein.

»… und du weißt doch, wie unglaublich die Immobilienpreise gestiegen sind. Was ist denn, wenn ihre Schwester einfach beschließt, die Bäckereien zu verscherbeln?«

»Und wer will sich ein Haus in einem Ort zulegen, wo man nicht mal eine Scheibe Brot kaufen kann?«

Polly zuckte mit den Achseln. »Muriel könnte doch wieder mehr Brot anbieten. Mal im Ernst, wenn du als Amerikaner das Ganze mal durch die Unternehmerbrille betrachtest – was würdest du machen?«

»Durch die amerikanische Unternehmerbrille?«

»Genau.«

»Wie sieht diese Brille denn aus? Ist das so eine mega Fliegerbrille mit verspiegelten Gläsern? Das wäre echt cool, die würd ich wirklich gern aufsetzen.«

»Du hilfst mir gerade nicht so sehr weiter, wie du glaubst.«

»Als amerikanischer Geschäftsmann hätte ich schon vor langer Zeit die komplette Insel gekauft und ein Einkaufszentrum daraus gemacht. Ich würde euch alle für verrückt halten, weil ihr hier weiterkämpft. Und ich wäre so clever gewesen, eine Brücke zu bauen.«

Huckle schaute Polly an und wünschte sofort, er hätte die Brücke nicht erwähnt, die war für Polly nämlich ein rotes Tuch. Na ja, aus diesem Gespräch würde er so schnell nicht rauskommen.

»Tja«, seufzte er schließlich. »Ruf Janet doch einfach an und frag sie, wie die Sache jetzt laufen wird. Oder sprich sie bei der Beerdigung darauf an.«

»Sie hat mir doch gerade erst klargemacht, dass ich leer ausgehen werde«, sagte Polly. »Und war dabei ganz schön einschüchternd.«

»Wundert dich das etwa?«, fragte Huckle, der früher mal zur Zielscheibe von Mrs Manses spitzer Zunge geworden war und es nicht im Geringsten genossen hatte.

»Aber wenn sie mich rausschmeißt … Was machen wir dann? Ich meine, ich hab doch so hart gearbeitet, um das alles aufzubauen, und das könnte sich jetzt einfach so in Luft auflösen … Dann könnten wir die Hypothek für den Leuchtturm nicht länger bezahlen und müssten ausziehen, und ich müsste … Ich weiß auch nicht. In einer Imbissbude Pasteten verkaufen.«

Huckle lächelte. »Das wäre doch super!«

»Ich will aber keine Pasteten verkaufen!«

»Oder du könntest Reubens persönliche Pastetenbäckerin werden«, schlug er vor. Reuben war sein stinkreicher Kumpel.

»Da nehm ich lieber den Job in der Imbissbude.«

»Sieh es doch mal so«, sagte Huckle, »die meisten Menschen sind von Natur aus faul. Die würden kaum freiwillig mitten in der Nacht aufstehen, so wie du.«

»Was willst du denn damit sagen?«

»Janet ist eine alte Dame. Was ist da wahrscheinlicher? Dass sie dich und deine Öfen rausschmeißt und einen teuren Bauunternehmer damit beauftragt, für irgendwelche Yuppies eine schicke Küche einzubauen? Oder dass sie die Sache einfach so weiterlaufen lässt wie bisher und von deinem schwer verdienten Geld lebt?«

Polly lächelte. »Na ja, wenn du es so formulierst …«

»Und du hast doch einen Vertrag, oder?«

»Nein«, grummelte Polly. Dann wurde ihre Miene plötzlich sanfter. »Mann, ich bin wirklich so was von egoistisch und denke hier nur an mich statt an die arme Mrs Manse.«

»Ja, und die wunderschönen Zeiten, die ihr gemeinsam verlebt habt«, feixte Huckle.

»Eine alte Frau, die ein trauriges Leben geführt hat, ist tot«, sagte Polly und starrte wieder aus dem Fenster. »Das ist doch schrecklich.«

Huckle nickte, stand auf und kam zu ihr rüber. Er legte Polly den Arm um die Taille und schmiegte sich an sie, dann schauten sie gemeinsam zum Mond hinauf. Zärtlich küsste er ihr den Nacken.

»Ja«, sagte er. »Es ist wirklich traurig.«

Hastig wackelte Neil herbei und baute sich zwischen ihren Füßen auf – falls sie ihn vergessen haben sollten.

»Es ist wirklich traurig«, wiederholte Huckle, »und es wäre noch viel trauriger, wenn ihre Schwester jetzt all das zunichtemachen würde, was du dir hier aufgebaut hast. Aber das würde sie doch sicher nicht tun. Ihr muss doch klar sein, was für tolle Arbeit du hier leistest, und deshalb lässt sie dich bestimmt wie bisher weitermachen. Da bin ich mir ganz sicher.«

Polly ließ den Kopf an seiner Schulter ruhen und folgte mit Blicken dem Lichtstrahl, der über ihren Köpfen entsprang und dort draußen auf den Wellen glitzerte. Sie war sich da überhaupt nicht sicher.

Polly stürzte sich in die Vorbereitungen der Beerdigung und tat, was sie konnte. Janet war ihr dabei keine große Hilfe: Als Polly sie um eine Liste der Freunde ihrer verstorbenen Schwester bat, gab sie nur ein unangenehmes Geräusch von sich und schnaubte, dass Polly es doch wirklich besser wissen sollte. Also sagte die junge Frau einfach allen Inselbewohnern Bescheid, die bei ihr in den Laden kamen, und hoffte das Beste. Sie backte auch, was das Zeug hielt, und das hätte Mrs Manse bestimmt gefallen.

Hinter der alten Kirche gab es einen kleinen Friedhof, der immer noch geweiht war, und nach aufwendigen Amtsgängen bekamen sie tatsächlich die Erlaubnis, Gillian Manse hier beizusetzen, weil sie auf der Insel geboren war und ihr ganzes Leben dort gewohnt hatte. Eigentlich ist es doch unglaublich, überlegte Polly, dass man sein komplettes Dasein auf zweieinhalb Quadratkilometer Erde verbringen und selbst eine Fahrt nach Devon als reinstes Abenteuer empfinden konnte. Sie fragte die Fischer, ob die sich vielleicht daran erinnern konnten, dass Gillian mal Urlaub gemacht oder gar ins Ausland gereist war. Aber die sahen sie nur befremdet an, weil es in Polbearne nicht üblich war, in den Urlaub zu fahren.

Der nächste Montagmorgen brach grau und düster an, es herrschte richtiges Beerdigungswetter.

Das war nun nicht die Art von Abschied, die sie sich für sich selbst wünschen würde, dachte Polly betreten, und er hatte auch nichts mit der riesigen Party gemein, die Reuben letztes Jahr als Trauerfeier für Tarnie organisiert hatte. Stattdessen gab es eine schlichte Zeremonie im Gemeindesaal der Insel, und der kurze, unpersönliche Nachruf kam von der Pastorin vom Festland, über die Mrs Manse oft in aller Öffentlichkeit laut hergezogen hatte.

Positiv konnte man immerhin anmerken, dass viele Leute gekommen waren. Jeder aus dem Ort war hier, von den ältesten Inselbewohnern bis hin zu der Reihe quäkender Säuglinge vom Babyboom, den es in Mount Polbearne Anfang des Jahres gegeben hatte. Dabei waren die kleinen Würmchen ja noch nicht einmal alt genug, um mal von Mrs Manse angeschnauzt worden zu sein, weil sie nicht genug Geld für ein Rosinenbrötchen dabeihatten.

Polly entdeckte die Fischer, die sich männlich in einer Reihe aufgebaut hatten, um einer Frau Tribut zu zollen, die trotz ihres Benehmens doch eine der Ihren gewesen war.

Muriel, Pollys Freundin aus dem Lebensmittelgeschäft, hatte ihren Laden eine Stunde früher zugemacht, um ebenfalls dabei zu sein.