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Zwei beste Freunde, ein Zwillingsbruder und eine Wette, die alles auf den Kopf stellt. Die Psychologiestudentin Tina hat für jedes männliche Verhalten eine psychologische Erklärung. Dennoch ist sie dauerhaft Single. Ebenso wie ihr bester Freund Oliver, der als notorischer Junggeselle gilt. Um ihm zu einer Beziehung zu verhelfen, lässt sich Tina widerwillig auf eine Wette ein. Wer am Valentinstag eine Einladung zu einem Date bekommt, gewinnt. Glücklicherweise taucht ihr einstiger Jugendschwarm Ben auf und bittet sie um ein Treffen. Tina ist sich sicher, dass sie die Wette so gut wie gewonnen hat. Blöd nur, dass es sich bei Ben um Olivers Zwillingsbruder handelt und Tina immer an ihren besten Freund denken muss, wenn sie mit ihm zusammen ist. Als Oliver schließlich mit seiner neuen Flamme aufkreuzt, fahren Tinas Gefühle Achterbahn und ihre psychologischen Weisheiten helfen plötzlich keinen Deut weiter … Eine turbulente “Friends to Lovers” - Komödie mit Humor, Gefühl und Happy End! Alle Teile der Liebe in Vermoos-Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
LIEBE IN VERMOOS
BUCH ZWEI
„Vielleicht sind es unsere Unvollkommenheiten, die uns so perfekt füreinander machen.“ - Mr. Knightley aus Jane Austens Emma
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Leseprobe
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Über die Autorin
„In der Regel findet der Abnabelungsprozess vom Elternhaus zwischen dem vierzehnten und achtzehnten Lebensjahr statt. Diese Zeit nennt man auch Adoleszenz.“ Ich hatte mich bemüht, es dem Typen so freundlich wie möglich zu verklickern. Schließlich wohnte er nur einen Stock tiefer und ich wollte es mir nicht gänzlich mit der Nachbarschaft verscherzen, auch wenn es meine Party und er mein Gast war.
Ich zuckte zusammen.
Jemand hatte die Musik lauter gedreht und das Gemurmel der Gäste wurde von Heavy-Metal-Riffs verschluckt.
Buhrufe gingen durch die Menge.
Mein bester Freund Oliver spielte mit den Knöpfen des Mischpults. Zum Glück regelte er das Volumen wieder zurück.
Die meisten Gäste konnten Olivers Musikwahl wahrscheinlich nicht viel abgewinnen. Schließlich feierten hier verschiedene Generationen das Jubiläum unserer Heimatstadt Vermoos.
Ich war stolz darauf, dass ich dieses Jahr eine After-Party auf die Beine gestellt hatte, die nun nach dem offiziellen Festakt stattfand.
Mein Gegenüber räusperte sich geräuschvoll. „Wie kommst du jetzt auf Adoleszenz? Ich sehe hier keine Jugendlichen.“
Innerlich seufzte ich. Manchmal bereute ich es, Psychologie zu studieren, denn es vereitelte mir die Möglichkeit, eine rosarote Brille aufzusetzen und alle potenziellen Störfaktoren einer Liebesbeziehung zu ignorieren. Wüsste ich nicht, welch Desaster eine Verbindung mit ihm bedeuten würde, könnte ich mich getrost mit ihm zum Kaffee verabreden, ein paar heiße Nächte mit ihm verbringen und vielleicht würden wir eines Tages sogar heiraten. Das Einzige, woran ich nun denken konnte, war die Höhe der Rechnung für die Therapie, mit der er sein Problem in den Griff bekommen müsste.
„Du bist vierunddreißig, oder?“, fragte ich in der Hoffnung, er würde die Sachlage begreifen. „Ich denke, es ist an der Zeit, von daheim auszuziehen.“ Und solange er das nicht schaffte, schied er definitiv als potenzieller Partner aus.
Er verzog das Gesicht. „Du meinst, ich soll meine Mutter verlassen?“
Vielleicht war es besser, ich hielt den Mund und bot ihm lediglich meine Hilfe an. „Ich kann dir die Nummer einer Maklerin geben“, schlug ich vor.
„Deine Nummer wäre mir lieber.“
„Damit ich dich bei der Wohnungssuche begleite?“
„Ich dachte eher an ein Date.“
Du meine Güte! Erwartete er auf diese Aussage ernsthaft eine Antwort?
Ich leerte schnell meinen Malibu-Orange und starrte auf den Boden meines Glases.
Mit einem problembehafteten Mann hatte ich dieselben Aussichten auf eine funktionierende Beziehung wie darauf, dass sich eine Kröte in einen Prinzen verwandelte. Ich konnte hoffen, doch die Chance, dass es klappte, lag irgendwo bei null.
„Aber wahrscheinlich stimmen die Gerüchte, die man so hört.“
Wovon sprach er? „Entschuldige, ich steh auf der Leitung.“
Ein unsicheres Lächeln umspielte seine Lippen. „Oliver und du. Ihr seid ein Paar, oder?“
„Von wem hast du denn das?“
In Vermoos wurde viel getratscht, aber mittlerweile mussten die Leute doch geschnallt haben, dass wir lediglich beste Freunde waren.
„Er wohnt bei dir“, sagte er, als wäre dieser Umstand Antwort genug.
„Nur, weil seine Wohnung noch nicht fertig ist. Es gab Probleme mit der Baufirma.“
Er lächelte sonderbar, als hätte ich ihm den dümmsten Witz des Jahres erzählt. „Und wieso sieht er dich dann so verliebt an?“
Für einen Moment beschlich mich ein ungutes Gefühl und ich folgte seinem Blick. Erleichterung überkam mich. „Das ist nicht Oliver, sondern sein Bruder Ben.“ Sofort kam mir die Szene vom See in den Sinn. Zum Glück konnte ich mittlerweile über meine jugendliche Schwärmerei lachen. Manchmal fragte ich mich, wie ich jemals solch leidenschaftliche Gefühle für Olivers Bruder hatte entwickeln können.
„Die sehen genau gleich aus.“
„Er ist ja auch sein Zwillingsbruder“, erklärte ich. Wenn jemand die beiden nicht so gut kannte wie ich, konnte er sie nicht auseinanderhalten, denn sie sahen sich zum Verwechseln ähnlich. „Ben ist zu Besuch in der Stadt.“
„Aha. Er ist dein Freund, oder?“
Ich lachte. „Aber nicht doch.“
„Dann gibst du mir also deine Nummer?“
„Ich würde vorschlagen, dass du dir zuerst die Sache mit der eigenen Wohnung überlegst. Ab einem gewissen Alter kann es befremdlich wirken, noch daheim zu woh… Aua!“
„Entschuldige sie, ihr ist übel.“ Ellie war plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und hatte meinen Arm gepackt.
„Sorry“, nuschelte ich und ließ mich von meiner Freundin in eine Ecke ziehen. Leider in die, in der ein Lautsprecher aufgestellt war.
Die Musik dröhnte in ohrenbetäubender Lautstärke, also bugsierte ich sie in die Tür zu meinem Gästezimmer.
„Hast du dich gut unterhalten?“, fragte sie spitz und hob eine Augenbraue.
„Ja, es ist ein wunderbares Gefühl, anderen Menschen zu helfen.“ Dass ich gerade ziemlich verwirrt über Bens Blick war, verschwieg ich lieber. Das würde bloß Ellies Fantasie anstacheln. Und vielleicht hatte ich mir Bens Interesse auch bloß eingebildet.
„Ich sag dir, was ein noch besseres Gefühl ist.“ Sie strich ihr schwarzes Haar aus dem Gesicht und grinste breit. „Ein multipler Orgasmus. Aber ich bezweifle, dass du bei deiner Konversationsführung schon mal einen bekommen hast.“
„Ellie, du hast ein ernst zu nehmendes Problem. Du ignorierst jegliche Schwierigkeiten, indem du Sex hast, was eindeutig pathologisch ist und auf Realitätsflucht hinweist.“
„Mag sein, aber mein Problem ist nicht schlimmer als deins.“ Sie verdrehte die Augen und stakste auf ihren hohen Schuhen durch die Menge in Richtung Küche.
Wir waren beide groß gewachsene Frauen, doch Ellie trug im Gegensatz zu mir gerne High Heels und so war sie fast einen Kopf größer als ich.
Eilig schritt ich ihr hinterher, bis ich sie eingeholt hatte. „Ich habe keines, ich unterhalte mich einfach nett.“
Sie blickte mich von der Seite an. „Das nennst du nett? Kein Mann will wissen, ob er einen Mutterkomplex hat.“
„Hast du uns etwa belauscht?“
„Er ist unüberhörbar.“
„Ich wollte ihm nur helfen.“
„Sicher wolltest du das. Du sollst jedoch flirten, damit du endlich deinen Traummann findest, schließlich willst du nicht ewig allein bleiben. Aber Moment, weißt du überhaupt, wie das geht?“
„Natürlich!“
„Ich denke, ich schenke dir zur Sicherheit einen Flirtkurs.“
„Schenk mir lieber die zweite Auflage von Psychologie der seelischen Gesundheit“, sagte ich und grinste sie an.
Ein Stöhnen entfuhr ihr. „Wo ist eigentlich deine bessere Hälfte?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Das letzte Mal habe ich Oliver vor einer Stunde gesehen, als er mit Heeelen gesprochen hat.“
„Die scheinst du ja besonders zu mögen.“ Sie lächelte mich belustigt an.
„Helen ist meine favourite person of the year.“ Ich versuchte mich an einem Lächeln, das entsetzlich misslang. Tatsache war, dass ich nichts mit ihr anfangen konnte.
Sie war eine jener Frauen, die Oliver anhimmelten und alles abnickten, was er von sich gab. Sie schmierte ihm Honig ums Maul und hatte niemals etwas an ihm auszusetzen. Obendrein waren ihre Tops einen Ticken zu eng und ihre Röcke sahen aus, als wären sie der Kochwäsche zum Opfer gefallen.
Oliver hatte sie auf einer Silvesterparty aufgegabelt. Seitdem verbrachte er seine Nächte drei Häuser weiter in ihrem Bett, was mir prinzipiell egal gewesen wäre, wenn es sich bei der Dame seines Herzens um irgendeine andere als Helen gehandelt hätte.
„Warum kann er sich nicht eine junge Frau suchen, die ihre Röcke nicht in der Kinderabteilung kauft?“
„Du meinst so eine wie die, mit der er sich unterhält?“ Ellie deutete auf ein Paar, das sich in der Ecke uns schräg gegenüber befand.
Tatsächlich! Er stand bei einer Unbekannten, die eine Jeans und ein schlichtes weißes T-Shirt trug. Ihre Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Auch ihr Make-up schien dezent. Und das Beste war: Sie fasste ihn nicht permanent und scheinbar zufällig an, während sie mit ihm sprach.
Ein Gefühl der Begeisterung durchströmte mich. Ich lächelte versonnen. „Die wäre genau richtig! Oh, wie würde ich mich freuen, wenn er sie um ein Date bitten würde.“
„Hey, du siehst verliebt aus.“ Ellie lachte.
„Glaubst du, er wird sich jemals binden?“
„Nein.“
„Hm“, murmelte ich. „Dabei wäre ich so gerne eines Tages Trauzeugin. Ich würde ein mintgrünes Kleidchen tragen, das wunderbar zu meinem roten Haar passt.“ Ich hatte immer schon gut in Mint ausgesehen.
„Wow! Mach mal halblang“, mahnte mich Ellie. „Willst du sie nicht erst mal kennenlernen, bevor du sie dazu verdonnerst, ihn zu heiraten?“
„Ich meine ja nur.“
Sie sah mich misstrauisch an. „Sagst du nicht immer, er sei nicht dazu imstande, eine Beziehung zu führen?“
Ich schenkte ihr einen strafenden Blick und seufzte. „Lass mich wenigstens träumen.“
Ellie stieß ebenso einen Seufzer aus, doch in ihrem schwang Missbilligung mit.
Abermals beobachtete ich die beiden. Ich befürchtete, er meinte es nicht allzu ernst mit der Dame, denn der Erfahrung nach machte die Haltbarkeitszeit von Olivers Interesse einer Salamischeibe unter der prallen Sonne Konkurrenz.
Der Blick meiner Freundin schweifte durch die Gegend, bis ihre Aufmerksamkeit zurück zu mir glitt. Sie wackelte bedeutungsvoll mit den Augenbrauen. „Kann es sein, dass Ben dauernd zu dir rübersieht?“
„Das ist mir gar nicht aufgefallen“, log ich und hoffte, das Thema wäre damit erledigt.
„Läuft etwas zwischen euch?“, fragte sie unbeirrt weiter.
„Wo läuft was? Ich bin dabei!“, rief Oliver, der plötzlich hinter uns auftauchte.
Vor Schreck ließ ich einen spitzen Schrei los und starrte ihn an.
Hatte er sich nicht eben unterhalten?
Mein Blick suchte die junge Frau von vorhin, aber sie war verschwunden. „Wir sprechen gerade darüber, was richtige Beziehungen sind und wie man sie findet“, erklärte ich schnell.
Sein Lächeln erstarb augenblicklich. „Ich bin doch nicht dabei.“ Er legte je einen Arm über Ellies und meine Schultern und zu dritt schlenderten wir durch den Raum. „Hast du dich nett unterhalten?“, fragte er an mich gewandt und lächelte.
„Das habe ich, bis Ellie mich in Beschlag –“
„Tina ist nach wie vor der Meinung, dass eine kostenlose Psychoanalyse der Beginn einer wundervollen Partnerschaft ist“, fiel sie mir ins Wort.
„Das ist nun mal ihre Lieblingsbeschäftigung.“ Ein schelmisches Grinsen, für das ihn jeder Mann in Vermoos beneidete und das die Frauen haufenweise in Liebeskummer stürzte, breitete sich auf seinem Antlitz aus.
„Hey, ich bin auch noch anwesend“, protestierte ich und stieß ihm meinen Ellenbogen unsanft in die Rippen, woraufhin er sich theatralisch an die Seite griff.
„Lass mich dich doch aufziehen, Arielle.“ Seine dunklen Augen bedachten mich mit einem warmherzigen Blick, dennoch war ich sauer. Ich hasste diesen Spitznamen. „Du sollst mich nicht so nennen“, wies ich ihn zurecht.
Oliver zuckte bloß mit den Schultern.
Gemeinsam schlenderten wir Richtung Küche, wo sich die Getränke befanden.
„Habt ihr schon eure traditionelle Urlaubswette beschlossen?“, fragte Ellie.
Zum Glück war das Thema Beziehungen anscheinend vergessen.
Ich stieß ein Seufzen aus. „Nein. Uns fällt einfach nichts Passendes ein. Keiner muss abnehmen oder fitter werden.“ Obwohl, ein wenig Sport würde mir sicherlich nicht schaden.
Aber Oliver und ich hatten den Deal, dass unsere Urlaubswette einen Bereich betreffen sollte, der uns beide anging. Und mein bester Freund war aufgrund seines Berufs als Polizist topfit.
„Ihr wollt wohl auf euren Kosten für das Hotel auf Bali sitzen bleiben“, sagte Ellie.
Sie hatte recht, wenn wir nicht bald einen Wettgegenstand fanden, würde jeder selbst für seine Hotelrechnung aufkommen müssen. Es war fast Ende Januar und wir würden bereits in drei Wochen unseren traditionellen Urlaub antreten, den wir jedes Jahr Mitte Februar gemeinsam verbrachten. Für mich war es eine vorlesungsfreie Zeit und auch Oliver konnte sich in diesem Monat stets frei nehmen.
„Sicherlich nicht“, sagte ich resolut.
„Ihr könntet einen Liebesvorsatz fassen.“ Ellie lächelte unschuldig.
Ich krauste die Augenbrauen. „Wie meinst du das?“
„Ihr könntet euch vornehmen, bis zum Valentinstag jemanden kennenzulernen“, erklärte sie und klang dabei ganz harmlos.
„Ich hasse Valentinstage!“, stöhnte ich und sandte Ellie einen bösen Blick. „Seit wann bist du unter die Liebesstifter gegangen?“
„Ich will euch nicht verkuppeln, sondern schlage nur vor, dass ihr jemandem eine Chance gebt.“
„Ich biete täglich Chancen.“ Olivers rechter Mundwinkel hob sich und in seinen Augen blitzte es draufgängerisch.
Uff, das glaubte ich ihm aufs Wort.
„Ich meinte Chancen auf eine ernsthafte Beziehung. Würde euch beiden guttun“, flötete sie. Dafür, dass sie selbst jegliche Verbindlichkeit wie die Pest mied, war sie ziemlich vorlaut.
Mein Blick glitt zu Oliver.
In seinem Gesicht spiegelte sich Belustigung wider. Fand er ihre Idee womöglich ganz und gar nicht absurd?
„Hast du nicht vor zwei Minuten noch gesagt, du wärst liebend gerne seine Trauzeugin?“, fragte Ellie und grinste.
Olivers Kopf wirbelte zu mir. Seine Augen waren weit aufgerissen. „Wie bitte?“
„So habe ich das nicht … gemeint, ich … ich sagte lediglich, mint stehe mir gut.“ Ich blickte Ellie scharf an.
„Dann muss ich dich leider enttäuschen. Was auch immer du Mintgrünes tragen wolltest, es wird im Schrank verrotten.“ Seine Stimme hatte grimmig geklungen.
„Oh, natürlich, du wirst Ben als Trauzeugen wählen, schließlich ist er dein Zwillingsbruder.“
Er zuckte nicht einmal mit der Wimper und starrte regungslos auf die Tanzfläche. „Es wird keine von euch beiden werden, denn ich werde niemals heiraten.“
„Ach, jeder heiratet irgendwann mal.“ Ich machte eine abwinkende Handbewegung.
Auf Ellies Lippen zeichnete sich zunehmend ein amüsiertes Lächeln ab. „Diese Wette wäre definitiv für euch beide eine Überwindung.“
Ich rümpfte die Nase. „Ich wüsste nicht, wieso es für mich eine Überwindung sein sollte, mich auf eine ernsthafte Beziehung einzulassen.“
Sie hob die Augenbrauen. „Nun, du müsstest dich wahrscheinlich mit deinen psychologischen Statements zurückhalten, was dich, denke ich, sehr wohl Überwindung kosten würde.“
Ich schluckte.
„Wäre das Thema nicht absolut passend für den bevorstehenden Valentinstag?“ Sie lächelte verschlagen.
Indessen vollführte mein Magen eine Hundertachtziggradwende. „Ich will überhaupt keine Wette, die auch nur im Entferntesten mit Valentinstagen zu tun hat.“ Den Grund, wieso ich den 14. Februar nicht ausstehen konnte, hatte ich stets unter Verschluss gehalten, und ich hatte auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Automatisch wanderte mein Blick zu Ben. Für einen kurzen Augenblick schwappte die Erinnerung über mich und mein Herz wurde schwer. Abrupt wandte ich mich wieder ab. „Besser, wir machen einen Kochkurs“, sagte ich schnell. Zum Glück war mir das eingefallen.
Oliver und ich konnten beide nicht kochen. Ein Kurs wäre also in jeglicher Hinsicht praktisch.
„Am 14. Februar bereiten wir für all unsere Freunde ein Fünf-Gänge-Menü zu und die dürfen entscheiden, wer gewinnt.“ Ich war richtig stolz auf meine Idee.
Oliver verzog angewidert das Gesicht. „Das ist doch fade.“
Eben.Ein Kochkurs hätte nicht die Macht, mein Leben durch einen Tornado zu schicken.
„Oliver hat recht, das ist langweilig“, meinte Ellie und lächelte zweideutig. „Denkt mal über meinen Vorschlag nach.“
Ich nickte fadenscheinig. Auch wenn es mich wurmte, dass wir es bis zu diesem Tag nicht geschafft hatten, etwas Passendes für unsere traditionelle Wette zu finden, würde ich mir sicherlich keine einzige weitere Minute den Kopf über diese hirnrissige Idee zerbrechen.
„Ich mach mich mal kurz frisch.“ Ellie zwinkerte mir zu, dann ging sie in Richtung Bad, sodass ich mit Oliver allein zurückblieb.
„Wer war denn die Frau, mit der du dich so nett unterhalten hast?“, fragte ich, als Ellie außer Hörweite war.
Er wandte mir den Kopf zu und grinste. „Beobachtest du mich etwa?“
„Darf ich nicht?“ Ich lächelte. „Sie sah sehr nett aus.“
Er zog einen Mundwinkel hoch. „Vergiss sie, die ist nicht mein Typ.“
Ich zog enttäuscht einen Schmollmund. Sie wäre mir hundertmal lieber als Helen, die Minirock-Königin.
„Würdest du dich wirklich freuen, wenn ich heiraten würde?“
„Natürlich.“ Ich schluckte und wand mich unter seinem vorwurfsvollen Blick.
Seine Mimik verfinsterte sich noch einen Deut mehr.
Na toll, Tina, da hast du eben das Schlüsselwort geliefert, um seinen Fluchtinstinkt zu provozieren.
An seiner Schläfe war eine Ader hervorgetreten. „Ich hol mir ein Bier. Willst du auch was?“
Ich schüttelte den Kopf. Für einige Sekunden sah ich ihm hinterher.
Er schlenderte an Helen vorbei.
Wie versehentlich berührte sie seinen Oberkörper und legte ihre Hand auf seine Brust. Nun himmelte sie ihn an und schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln.
Ich war mir noch nicht im Klaren darüber, ob Helen verschlagen oder einfach nur total verknallt war. In Anbetracht der Tatsache, dass sie für Oliver lediglich eine Affäre war, brauchte ich es auch nicht herauszufinden.
Da durchfuhr mich ein Gedanke. Vielleicht war Ellies Idee mit der Wette doch nicht so schlecht. Solch ein Vorhaben würde Oliver dazu zwingen, sich eingehender mit einer Frau zu beschäftigen. Womöglich würde ihm dann klar werden, dass er sich mit seiner schmerzvollen Vergangenheit auseinandersetzen musste, um sein Glück zu finden.
Ich seufzte innerlich.
Wo versteckte sich die passende Frau für meinen besten Freund? Und wenn wir schon dabei waren: Wo war mein Traummann?
Mein Blick glitt zu meinen Gästen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass einer von ihnen mein Seelenpartner sein sollte. Oder irgendjemand in Vermoos. Ich sah aus dem Fenster über die Lichter der einstöckigen Häuser, auf deren Dächern sich noch Schnee häufte. Mein Blick verharrte auf dem Mond, der in dieser klaren Nacht hell schien.
Er tauchte den Schnee in besonderen Glanz und verlieh unserem kleinen Örtchen idyllischen Charme. Normalerweise kam die Vermooser Bevölkerung nur durchschnittlich alle zehn Jahre in den Genuss von Schnee, doch in diesem Jahr waren wir mit den Freuden eines weißen Winters verwöhnt worden.
„Hi.“
Augenblicklich zog sich eine Gänsehaut meine Arme hinab. Ich wirbelte herum und blickte in das vertraute Gesicht.
Ein vorsichtiges Lächeln umspielte Bens Lippen und eine zarte, fast unmerkliche Röte überzog seine Wangen.
Wie konnten Zwillinge so unterschiedlich sein?
„Ich möchte schon den ganzen Abend über mit dir sprechen“, nuschelte er, sodass ich ihn kaum verstand.
Mein voriger Gesprächspartner konnte sich ruhig eine Scheibe von Ben in puncto stimmlicher Zurückhaltung abschneiden.
Ich lächelte.
Er trat von einem Bein auf das andere. „Ich wollte mich für die Einladung bedanken.“
Ein Stein fiel mir vom Herzen, denn ein klitzekleiner Teil meines Gehirns hatte die absurde Idee, er würde mich um ein Date bitten. Und ich wüsste nicht, was ich dann antworten würde. Zum Glück musste ich mir darüber nicht den Kopf zerbrechen. „Gerne.“
„Und dich fragen, ob du dich mit mir auf einen Kaffee treffen würdest.“ Sein Blick flatterte an mir vorbei.
Meiner flatterte wahrscheinlich zwischen Ich erleide gerade einen Herzinfarkt und Ich stehe unter Schock.
Wäre das ein Ich-will-dir-an-die-Wäsche–Kaffee oder ein Der-Kaffee-im-Laden-ist-viel-besser-als-daheim?-Kaffee unter Freunden, die wir gar nicht waren?
Mein Herz pumpte das Blut viel zu schnell durch meine Venen und ich fühlte mich wie im altbekannten Ben-Rausch. „Wir zwei?“, fragte ich, um Zeit zu schinden.
Seine Wangen färbten sich rötlich. „Nur wenn du … willst.“
Wollte ich? Mein Gehirn spulte gedanklich zehn Jahre zurück und ich sah mich selbst, auf Ben wartend, mit Sternchen in den Augen. Ich wäre überall mit ihm hingegangen. Aber wollte ich das noch immer?
Tina, es ist bloß ein Kaffee. Du tust ja gerade so, als hätte er dich auf eine Kamasutrasitzung eingeladen.
Ein Lächeln brachte seine Grübchen zum Vorschein.
Die gleichen, die auch Olivers Gesicht zierten. Bei meinem besten Freund bewirkten sie jedoch reihenweise Ohnmachtsanfälle und Pulsrasen unter der weiblichen und mitunter sogar bei der männlichen Bevölkerung.
Ich fragte mich, ob das bei Ben jemals der Fall war, außer bei mir.
Seine braunen Augen blickten mich liebevoll an. „Wir können auch essen gehen, wenn es dir lieber ist. Übermorgen Abend im LaGusta?“ Seine Worte schlugen ein wie eine Atombombe und klangen gar nicht nach freundschaftlichem Kaffee, viel eher nach einem romantischen Date.
Ich wollte laut Ja, jederzeit und gleichzeitig Nein, niemals rufen. Dumpf erinnerte ich mich an das berauschende Gefühl, das erste Mal verliebt zu sein. Doch zur selben Zeit tobten noch immer seine zurückweisenden Worte in mir. „Warum?“, fragte ich.
Er wirkte etwas perplex. „Warum ich dich um ein Abendessen bitte?“
Ich nickte.
„Ich habe dich vermisst. Es war doch immer … nett mit uns … damals … wir drei.“ Nun wurde er eindeutig rot.
Wenn man ein sabberndes fünfzehnjähriges Mädchen als nett empfand, hatte er wohl recht.
„Und? Was sagst du?“
Das war vielleicht meine einzige Chance, ein Stück unserer Vergangenheit zurückzuholen. Die Frage war, ob es eine Chance ins Glück oder ins persönliche Verderben werden würde.
Langsam bewegte sich mein Kopf auf und ab. „Ich überlege es mir.“ Ich senkte hastig den Blick, murmelte eine Entschuldigung und eilte mit klopfendem Herzen zurück zu meinen Freunden.
Ich schlich auf Zehenspitzen durch die Diele ins Wohnzimmer, denn Oliver schlief noch.
Die helle Morgensonne fiel durch die hohen Fenster und ließ den Raum größer wirken, als er eigentlich war.
Ich liebte meine Wohnung im Zentrum von Vermoos. Solange ich zurückdenken konnte, war sie mein Zuhause. Verschlafen schlenderte ich in die Küche. Zum Glück hatten meine Gäste das Gröbste bereits am Vorabend aufgeräumt, bevor sie die Party verlassen hatten, so musste ich später nur noch einen Feinschliff vornehmen.
Ich hatte vor, die Zeit, bis meine Freundinnen eintreffen würden, für mein allmorgendliches Ritual zu nutzen. Routiniert bereitete ich mir meine tägliche Tasse Kakao zu, schnappte mir mein Sudoku und machte es mir am Küchentisch gemütlich.
Mein Blick fiel auf eine Werbebroschüre vom LaGusta, die auf dem Tisch lag. Sofort schoss mir Bens Einladung in den Kopf. Sollte ich es tatsächlich wagen, mit ihm auszugehen? Mich noch mal der Gefahr aussetzen, mein Herz zu verlieren? Sofern denn eine Gefahr bestand.
Wir hatten uns beide geändert. Damals waren wir unreife Teenager, inzwischen standen wir mitten im Leben.
Meine Gedanken wanderten zu dem Moment am See zurück. Er hatte mir damals das Herz gebrochen und mich als ein Häufchen Elend zurückgelassen, auch wenn ich bezweifelte, dass er es wissentlich getan hatte.
Der einzige Umstand, der den Schmerz damals erträglicher gemacht hatte, war die Freundschaft zu Oliver, die daraus entsprungen war. Er hatte mein Leid erkannt und mich mit allerlei Unternehmungen abgelenkt. Wir hatten nahezu jede freie Minute miteinander verbracht. Er war so anders als Ben und genau der Richtige, um mich auf fröhliche Gedanken zu bringen.
Abermals hallte Bens Frage in meinem Kopf. Tief im Inneren kannte ich die Antwort. Mein Kopf mochte nein sagen, doch allein das Gefühl ihn zu treffen, ließ meinen Puls in die Höhe schnellen.
Ich war noch immer in meine Überlegungen vertieft, als meine Freundinnen Fee und Ellie eintrafen. Gemeinsam setzten wir uns um den großen ovalen Esstisch im Wohnzimmer.
„Wo wart ihr denn gestern?«, fragte ich Fee. Ich dachte, ihr wolltet nach der Hausbesichtigung noch zur Party kommen.“
Ein Schatten legte sich über Fees Gesicht. „Nach der Besichtigung war uns die Lust gänzlich vergangen.“
Ich legte meine Hand auf ihre. „War es so schlimm?“
„Schlimmer.“ Ein Seufzen entfuhr ihr. „Die wenigen Häuser, die es am Wohnungsmarkt gibt, sind praktisch unbewohnbar. Es wird schwer werden, eine Immobilie in Vermoos zu finden.“
„Habt Geduld“, sagte ich und drückte die Hand meiner Freundin.
Ihr Gesicht erstrahlte wie das eines Engels. „Doch alles, was danach folgte, war wunderschön. Luis hat mir zu unserem einmonatigen Jubiläum ein selbstgeschnitztes Herz geschenkt.“ Ich konnte es immer noch nicht glauben, diese Worte aus Fees Mund zu hören. Obwohl meine Freundin jahrelang die Liebesstifterin von Vermoos gewesen war, hatte sie selbst lange Zeit als immun gegen die Liebe gegolten. Bis sie sich eines Tages selbst in eines ihrer Kuppelopfer verknallt hatte. Seitdem gehörte ihr Herz Luis.
Sie nun so verliebt zu sehen, erfüllte mein Innerstes mit Wärme. „Ich freue mich für euch beide.“
„Hast du dir die Sache mit der Urlaubswette überlegt?“ Ellie strahlte wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum.
„Eure traditionelle Urlaubswette?“, fragte Fee neugierig.
„Ellie hatte den grandiosen Einfall, dass Oliver und ich uns vornehmen sollten, bis zum Valentinstag jemanden kennenzulernen“, sagte ich und klang dabei wahrscheinlich so, als würde ich die Sparmaßnahmen für das kommende Quartal erklären.
„Je länger ich darüber nachdenke, desto genialer finde ich die Idee. Es wäre zumindest eine echte Herausforderung für euch beide.“ Ellie strich ihr schwarzes Haar nach hinten und lächelte selbstzufrieden.
„Mehr für Oliver als für mich“, erwiderte ich.
Meiner Freundin entwich ein lautstarkes Prusten. „Das meinst du nicht ernst! Hast du ihn dir schon mal näher angesehen? Oder nimmst du seine Gegenwart überhaupt nicht mehr wahr?“
Ich reckte demonstrativ das Kinn vor. „Mir ist vollkommen klar, dass er ein attraktiver Mann ist, aber das befreit ihn noch lange nicht von seiner Bindungsstörung.“
Ellie schüttelte gespielt verächtlich den Kopf. „Ts, ts, du machst nicht mal vor deinem besten Freund halt.“
„Er weiß, wie ich über ihn und seine Persönlichkeit denke. Dadurch, dass seine Mutter die Familie früh verlassen hat, leidet er nun mal unter einer frühkindlichen Störung, die verhindert, dass er Verpflichtungen gegenüber einer Frau eingehen kann.“ Fast klang ich, als würde ich aus meinem psychologischen Fachbuch zitieren. „Eine Beziehung mit so einem Mann zu führen, ist nahezu unmöglich.“ Seine Reaktion zum Thema Heirat vom Vortag war der beste Beweis dafür. Ein siegessicheres Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Ich hätte also die weitaus besseren Karten.“
„Dann zieh es doch durch“, schlug Ellie vor. „Aber denkst du wirklich, dass er es nicht schaffen könnte, eine Frau zu daten, wenn er es darauf anlegen würde?“
Ich schüttelte den Kopf. „Frauen wollen keine Casanovas, sondern treue und ergebene Männer.“
„Und was willst du?“, fragte Ellie.
Fee stützte das Kinn in die Hände. Mit ihren großen blonden Locken sah sie wie ein Engel aus. „Genau, wie soll dein Traummann sein?“
Ich holte tief Luft. „Er sollte keine roten Haare haben, das wäre schrecklich für die Kinder. Rot plus rot macht Feuerrot.“ Ich kicherte. „Ernsthaft, ich möchte einen ganz normalen Mann, der mit mir durch dick und dünn geht. Einen, mit dem ich lachen und weinen kann.“
„Tja, den wollen alle. Außer mir.“ Ellie zwinkerte mir verschwörerisch zu. „Jetzt verrat uns mal das Kleingedruckte.“
„Was meinst du damit?“, fragte ich.
„Deine inoffizielle Partnerbeschreibung“, erwiderte sie. „Welche Laster sollte er nicht haben?“
„Ich würde es vorziehen, wenn er nicht raucht, nicht trinkt und in geordneten Verhältnissen aufgewachsen ist. Es gibt Studien darüber, dass Beziehungen mit höherer Wahrscheinlichkeit gelingen, wenn die eigenen Eltern noch verheiratet sind.“ Ich lächelte. „Von wegen Vorbildwirkung und so.“
Ellie blickte mich an, als wäre ich das dritte Kind der Addams Family. „Findest du es nicht sonderbar, dass du dir deinen potenziellen Partner vorwiegend nach psychologischen Gesichtspunkten aussuchst?“
„Ich versuche nur, die bestmögliche Wahl zu treffen. Somit sortiere ich gleich die guten von den schlechten. Und wofür studiere ich Psychologie, wenn ich mir meine Kenntnisse nicht selbst zunutze mache?“
„Männer sind doch keine Erbsen und du bist nicht Aschenputtel“, konterte Ellie.
„Du ahnst gar nicht, wie oft ich mir durch meine Überlegungen bereits den einen oder anderen Liebeskummer erspart habe.“
„Kann sein, vielleicht hast du dadurch jedoch auch schon etliche Male einen Traummann verpasst“, sagte Ellie.
„Ich bezweifle, dass mein Traummann sein Bett in der örtlichen Psychiatrie stehen hat.“
Außer natürlich er war Arzt.
„Du machst dir dein Wissen nicht nur zunutze, das ist reinstes Kalkül. Findest du das sexy?“
„Es mag unsexy sein. Dennoch sollten Beziehungen und Ehen nicht aufgrund gegenseitiger Anziehung geschlossen werden.“
Ellie verdrehte die Augen gen Decke.
Mich beschlich das Gefühl, dieses Gespräch nahm den falschen Verlauf.
Da räusperte sich Fee. „Er soll also keine psychischen Auffälligkeiten vorweisen, was heißt, für dich wäre es am besten, wenn er ein einwandfreies psychiatrisches Gutachten in der Tasche hätte.“
„Es wäre noch vorteilhaft, wenn er keinen Eintrag im Vorstrafenregister hätte. Alles in allem wären das die besten Voraussetzungen für eine glückliche Beziehung.“ Ich schob ein kleines Lächeln hinterher. Auch wenn die Existenz eines solchen Mannes noch so unwahrscheinlich war, allein der Gedanke an ihn ließ mein Herz höherschlagen.
„Und wo findet man diese Typen?“, fragte Fee berechtigterweise.
„In Wünsch-dir-was-Hausen“, erwiderte Ellie. „Da gibt es übrigens auch Geld wie Heu und haufenweise Traumjobs.“
„Also ehrlich“, meinte Fee. „Es wird nicht einfach, so einen Typen zu finden. Du verlangst ganz schön viel.“
„Oh, ich bin bereit, meine Ansprüche etwas herunterzuschrauben. Beim Aussehen lass ich mit mir reden.“
„Okay, suche Quasimodo mit glücklicher Kindheit. Morgen gebe ich ein Inserat auf“, verkündete Ellie.
Das war hoffentlich ein Scherz!
„Na gut“, sagte Fee. „Du könntest irgendeinen Kommilitonen um ein Date bitten.“
„Und was, wenn er sich als unausstehlich entpuppt? Oder als Klette? Dann habe ich ihn ein ganzes Semester an der Backe. Nein, danke. Besser wäre jemand aus meinem privaten Umfeld, am liebsten wäre mir jemand aus der Region, dann brauch ich nicht so viel Zeit damit vergeuden, herumzufahren. Es ist gar nicht nötig, dass ich jemanden Neues kennenlerne. Diese Wettbedingung können wir getrost streichen. Es bleibt für Oliver trotzdem eine Herausforderung.“ Und auch für mich würde es schwer genug sein. Ich betrachtete eingehend das Muster auf meiner Tasse.
Es zeigte ein Mini-Sudoku.
Die Aufgabe, Zahlen in eine richtige Anordnung zu bringen, war im Vergleich dazu, einen passenden Datingpartner zu finden, ein Klacks.
„Vielleicht solltest du dich mit Ryan verabreden“, meinte Ellie.
Ich schüttelte den Kopf. „Ehrlich gesagt, ziehe ich es vor, nicht mit Olivers Freund und ehemaligem Wohngenossen auszugehen.“
„Außerdem steht Ryan auf Amanda“, sagte Fee.
„Und davor stand er auf dich. So viel zu Ryans Liebesbekenntnissen“, konterte Ellie.
Fee zuckte mit den Schultern. „Sonst fällt mir niemand ein.“
Es war an der Zeit, mich wieder einzuschalten, bevor meine Freundinnen noch über meinen Kopf hinweg entschieden. „Ehrlich gesagt, gibt es bereits einen Kandidaten“, murmelte ich.
Ein Strahlen erschien auf Fees Gesicht.
„Ach, wer ist denn der Mann ohne Vergangenheit?“, fragte Ellie spitz.
Ich rutschte unruhig auf dem Stuhl herum. „Es ist Ben. Er hat mich gefragt, ob wir miteinander ausgehen.“
„Welcher Ben?“, fragte Fee.
„Es gibt nur einen Ben.“ Ich nahm schnell einen Schluck Kakao.
Überraschung zeichnete sich in Fees Gesicht ab. „Sprichst du etwa von Olivers Zwillingsbruder?“
Ich nickte.
Auf Ellies Lippen erschien ein Grinsen. „Der Ben, der dich gestern unentwegt angestarrt hat?“
Fee blickte von einer zur anderen. „Moment! Sprechen wir von dem Ben, in den du verknallt warst?“
Augenblicklich schoss mir das Blut in den Kopf und mein Herzschlag beschleunigte sich auf verräterische Art. „Ach, das ist doch schon Ewigkeiten her.“ Ich schob ein gekünsteltes Lächeln hinterher, an dem ich mich prompt verschluckte.
„Deiner Gesichtsfarbe nach zu urteilen, nicht annähernd so lange, wie du es gerne hättest“, sagte Ellie.
„Hast du ihn damals nicht auch geküsst?“, fragte Fee und strahlte.
„Ich war sechzehn! Kann man in dem Alter überhaupt von küssen sprechen?“ O ja, das konnte man. Ich erinnerte mich zwar kaum mehr an den Kuss, doch ich wusste, dass er meinen Herzschlag eindeutig in einen ungesunden Bereich katapultiert hatte.
„Erzähl mir alles!“, forderte Ellie mich auf.
„Ich war in Ben verliebt. Er nicht in mich. Ende der Geschichte“, ratterte ich die Fakten herunter. Ich verschwieg die Worte, die meinen Traum zerstört und ein riesiges Loch in mein Herz gebrannt hatten. Es tut mir leid. Ich fühle nicht das Gleiche wie du.
Aber vielleicht fühlte er inzwischen etwas.
„Weiß Oliver von euch beiden?“ Ellies Wissensdurst war offenbar noch nicht gestillt.
„Es gibt kein uns beide. Und nein, er hat keine Ahnung.“
„Weißt du, was ich nicht verstehe?“ Fee musterte mich stirnrunzelnd. „Weshalb hattest du nie ähnliche Gefühle für Oliver? Die zwei sind völlig identisch.“
„Oh, nein!“, widersprach ich. „Sie sind wie Tag und Nacht. Oliver war mir damals schon zu forsch und unverblümt. Ben hingegen hatte stets eine vorsichtige und behutsame Art.“
Was mitunter daran lag, dass er sein Herz, im Gegensatz zu Oliver, nicht auf der Zunge trug. Das hatte Ben für mich weitaus interessanter gemacht.
„Wenn du so sehr in ihn verliebt warst, ist es vielleicht doch keine gute Idee, mit ihm auszugehen“, meinte Fee.
„Ehrlich, ich finde sie nicht schlecht“, sagte Ellie. „Er sieht gut aus, ist nett und hat keine psychischen Auffälligkeiten vorzuweisen. Ein Mann ganz nach deinem Geschmack. Außerdem kennst du ihn bereits, was die Sache ungemein erleichtert.“
„Aber er wohnt nicht mal hier, er verbringt bloß ein paar Tage in Vermoos“, sagte ich.
Ellie sah mich überrascht an. „Ich habe mich gestern mit ihm unterhalten und da ließ er anklingen, dass sein Besuch länger dauern wird.“
Ich wunderte mich, denn das hatte Oliver mir gegenüber gar nicht erwähnt, aber wahrscheinlich hatte er es einfach vergessen. „Was hat er denn genau gesagt?“
„Dass er sich nach einer Wohnung in der Region umschaut, um sich hier niederzulassen. Er sagte etwas von einem Jobangebot in Waldmoos.“
Mein Herz machte einen kleinen Sprung. „Oh, das sind ja tolle Neuigkeiten.“
Fee strahlte übers ganze Gesicht. „Dann wäre er perfekt.“
„Bis auf eine Sache“, widersprach Ellie und runzelte die Stirn. „Wieso denkst du, dass Ben beziehungsfähig ist? Er und Oliver sind Zwillingsbrüder. Das Trauma haben sie doch wohl beide, oder?“
Ich nickte bedeutungsvoll. „Der Unterschied ist, dass Oliver sich nie mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat“, erklärte ich mit meiner kompetentesten Psychologinnenstimme.
