HARRY FLYNN - SPIEL IM DUNKEL - Ronald M. Hahn - E-Book

HARRY FLYNN - SPIEL IM DUNKEL E-Book

Ronald M. Hahn

0,0

  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Chicago, 1917: Während die Prohibition die Trinker drangsaliert, das organisierte Verbrechen in der Großstadt auf dem Tisch tanzt und korrupte Politiker so tun als kümmerten sie sich um das Schicksal der Menschen, schlägt sich der Privatdetektiv Harry Flynn so gut er kann durchs Leben: In diesem neuen Fall als Ermittler in einer Entführung, die ihm nicht ganz koscher vorkommt... Der Band HARRY FLYNN - SPIEL IM DUNKEL von Ronald M. Hahn enthält die Romane Der Mann ohne Vergangenheit, Lumpen sterben einsam, Das Grab wartet schon und Ein Toter zu viel. Der Apex-Verlag veröffentlicht HARRY FLYNN - SPIEL IM DUNKEL in seiner Reihe APEX NOIR, in welcher Klassiker des Hard-boiled- und Noir-Krimis als durchgesehene Neuausgaben wiederveröffentlicht werden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 529

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



 

 

 

 

RONALD M. HAHN

 

 

Harry Flynn -

Spiel im Dunkel

 

Vier Romane in einem Band

 

 

 

 

Apex Noir, Band 4

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

1. DER MANN OHNE VERGANGENHEIT 

2. LUMPEN STERBEN EINSAM... 

3. DAS GRAB WARTET SCHON 

4. EIN TOTER ZU VIEL 

 

 

Das Buch

 

Chicago, 1917: Während die Prohibition die Trinker drangsaliert, das organisierte Verbrechen in der Großstadt auf dem Tisch tanzt und korrupte Politiker so tun als kümmerten sie sich um das Schicksal der Menschen, schlägt sich der Privatdetektiv Harry Flynn so gut er kann durchs Leben: In diesem neuen Fall als Ermittler in einer Entführung, die ihm nicht ganz koscher vorkommt...

 

Der Band Harry Flynn - Spiel im Dunkel von Ronald M. Hahn enthält die Romane Der Mann ohne Vergangenheit, Lumpen sterben einsam, Das Grab wartet schon und Ein Toter zu viel.

Der Apex-Verlag veröffentlicht Harry Flynn - Spiel im Dunkel in seiner Reihe APEX NOIR, in welcher Klassiker des Hard-boiled- und Noir-Krimis als durchgesehene Neuausgaben wiederveröffentlicht werden. 

  1. DER MANN OHNE VERGANGENHEIT

 

 

 

1.

 

An dem Morgen, an dem alles begann, sah die Welt besonders übel aus: Die Stadt war so grau wie noch nie. Die Menschen waren vermummt. Es schneite wie verrückt.

Vor dem Café, in das ich geflüchtet war, kämpften Scharen von Automobilisten gegen das Wetter. Ihre Fahrzeuge rutschten von hier nach da, andere stellten sich quer.

Das Gehupe derjenigen, die glaubten, so kämen sie schneller voran, nervte die den Verkehr regelnden Cops, die allmählich sauer wurden und herumbrüllten. Es war halb zehn, aber es wurde einfach nicht hell.

Da war allerdings etwas, das die Welt noch schlimmer machte: Ich war so gut wie blank. Wohnungs- und Büromiete waren seit zwei Wochen überfällig. Ich hatte Schulden bei meinem Tabakhändler und an der Zeitungsbude. Geldeintreiber meiner Vermieter pirschten täglich um meine Domizile. Meine Sekretärin Maggie, der ich zwei Wochenlöhne schuldete, verzog seit Tagen vorwurfsvoll die Schnute, wenn ich die Bürotür öffnete.

Ich hatte mir gleich nach dem Aufstehen vorgenommen, heute nicht ins Büro zu gehen. Was sollte ich dort machen? Mir Maggies Schnute und ihren vorwurfsvollen Blick anschauen? Das Zigarrenkästchen, in dem ich meine Notgroschen aufbewahrte, war leer. Ebenso der Not-Flachmann.

Ich hatte gerade das letzte Zigarettenpäckchen angebrochen und saß mit der aufgeschlagenen Chicago Tribune vor einem Tässchen Kaffee, als die Tür aufging und ein Mann eintrat, der wie ein russischer Großfürst aussah: Er war groß, breitschultrig, bärtig und trug eine schwarze Hornbrille und einen Homburg. Sein teurer dunkler Mantel war mit einem Pelzkragen verziert.

Obwohl er einen Spazierstock mit einem silbernen Knauf in der Rechten hielt, sah er nicht so aus als brauche er ihn als Stütze. Der Mann war Mitte vierzig, vielleicht aber auch jünger. Er sah ausgeschlafen aus. Seine wachen grauen Augen nahmen mich aufs Korn. Er wirkte, als hätte er mich gesucht.

In deiner Lage, dachte ich, ist es vielleicht angebracht, zu den Menschen freundlich zu sein, Harry. 

Ich grinste den Mann einladend an, und er stapfte mit einer eleganten Bewegung auf mich zu, nahm mir gegenüber Platz und sagte: »Mr. Flynn, nehme ich an.«

»Sie haben’s erfasst.« Ich schaute auf. Ich war ziemlich baff, denn ich hatte den Mann noch nie gesehen.

»Ich habe einen Auftrag für Sie.« Der Bärtige winkte der Kellnerin, einer hübschen Schwarzen, die sofort zu uns kam und sich nach seinen Wünschen erkundigte. Er bestellte einen Kaffee.

Als wir allein waren, beugte er sich über den Tisch. »Ihre Sekretärin hat mir gesagt, wo ich Sie finde.«

Das fand ich interessant, weil Maggie gar nicht wusste, wo ich war.

Eine halbe Stunde zuvor hatte ich selbst noch nicht gewusst, wo ich landen würde. Ich saß nur in diesem Café, weil der Tank meines Wagens leer war und ich keine Lust gehabt hatte, mir in diesem Unwetter den Arsch abzufrieren.

Andererseits war ich Geschäftsmann genug, um niemandem zu widersprechen, der sich als zahlungskräftiger Kunde entpuppen könnte. Ich fragte mich kurz, woran der Gentleman mich erkannt hatte. Außer mir hielten sich nur noch zwei Männer in dem Café auf, die wie polnische Metzger aussahen. Hätte ich jemanden gesucht, der einem Schnüffler ähnlich sah, wäre ich vermutlich auch zu mir gekommen.

»Die brave Maggie...« Ich nickte. »Sie ist wirklich die Seele meines Unternehmens.« Ich legte die Zeitung beiseite. »Kann ich Ihnen irgendwie dienlich sein, Mister...?«

»Kavanaugh. Michael Kavanaugh.« Er sprach ohne erkennbaren Akzent und wirkte wie ein Mann von Welt.

»Angenehm, Sir. Darf ich fragen, wie mich Ihnen empfohlen hat?«

»Das Branchenverzeichnis.« Kavanaugh griff in die Manteltasche. Er entnahm ihr ein silbernes Etui und klappte es auf. Es enthielt flache türkische Zigaretten jener Art, die gut betuchte Europäer rauchten. »Wollen Sie eine?«

»Danke, nein.« Ich zückte mein eigenes Päckchen, denn ich wollte nicht den Eindruck erwecken, klamm zu sein. Klamme Privatdetektive haben meist nicht viel zu tun, was wiederum darauf schließen lässt, dass es mit ihrer beruflichen Kompetenz nicht weit her ist.

Dann kam die dralle Bedienung. Wir prosteten uns mit dem Kaffee zu. Ich hätte lieber in einer Kneipe gesessen und etwas anderes getrunken, aber die paar Kröten, die mir noch verblieben waren, wollte ich für Lebenswichtigeres aufheben. Zum Beispiel Benzin.

»Ich habe Ihren Namen gelesen, und er hat mir gefallen. Harry Flynn klingt so bodenständig. Ich kannte mal jemanden, der so hieß.«

»Ach, wirklich?« Ich schaute ihn an. »Wo war das?«

»In der Bronx. New York.« Kavanaugh schaute mich an. »Er hatte einen kleinen Tabakladen. Er hat mir Kredit eingeräumt, als ich noch ein armer Schlucker war – und er hat es nirgendwo rumerzählt, was ich für sehr nobel halte. Deswegen habe ich gedacht, schau dir doch diesen Harry Flynn mal an. Vielleicht ist er ebenso.«

Ich beugte mich vor. »Mein zweiter Vorname ist Diskretion.«

»Ausgezeichnet.« Kavanaugh bleckte freundlich die Zähne. »Einen solchen Mann brauche ich.« Er trank einen Schluck Kaffee und schaute aus dem Fenster. »Ich gehe mal davon aus, dass ich mir Ihren Tarif leisten kann...«

Angesichts seines Pelzkragens sagte ich, dass ich pro Tag vierzig Dollar plus Spesen berechnete und es üblich sei, die ersten drei Tage im Voraus zu zahlen. Kavanaugh zuckte mit keiner Wimper. Vierzig Dollar waren wohl eine Kleinigkeit für ihn.

»Ich erzähle Ihnen erst mal was«, sagte er. »Dann entscheiden Sie, ob der Auftrag was für Sie ist, einverstanden?«

»Okay.« Ich nickte.

Kavanaugh legte los. »Ich bin Geschäftsmann. Ich lebe in New York. Ich bin in der Filmbranche tätig. Ich verdiene einen Haufen Kohle.« Er grinste süffisant. »Die Filme, die ich produziere, kriegen Sie freilich in keinem Filmtheater zu sehen. Sie ernähren allerdings einen Mann, und das gleiche gilt für meine Darsteller – in der Regel gut bestückte junge Männer und von keinerlei Hemmungen geplagte junge Damen.«

Ich nickte. »In meiner Branche hat es man es ja nicht nur mit Pfarrerstöchtern und Philologen zu tun.« Ich hatte wiederholt für Leute gearbeitet, die in der Freudenbranche tätig waren. In ihren Plüschsalons hatte ich auch schon mal Filme gesehen, die unter meinem Beinkleid etwas in Bewegung versetzt hatten.

»Sie verstehen also, was ich meine.« Kavanaugh saugte voller Genuss an seiner Zigarette, die, ich muss es gestehen, für meinen Geschmack alles andere als angenehm roch. »Ich wurde allerdings nicht als Filmproduzent geboren, Mr. Flynn.« Seine Stimme wurde leiser. Er schaute sich um. »Ich bin erst seit 1917 in dieser Branche tätig. Davor war ich Kellner, Heizer in einem Kraftwerk und Schauermann im Hafen von New York. Und davor...« Er schaute mir in die Augen. »Davor habe ich nicht existiert.«

»Wie?« Meine Kinnlade sank ein Stück herunter.

Kavanaugh nickte. »Es ist wirklich wahr. Ich weiß nicht, wie alt ich bin. Die Leute schätzen mich auf Anfang bis Mitte vierzig. Tatsache ist aber, dass ich keine Ahnung habe, wie alt ich wirklich bin und wie ich heiße. Ich habe keine Papiere, die etwas über mich aussagen. Ich weiß nur eins: Den Namen Michael Kavanaugh habe ich mir selbst ausgesucht.«

Das war harter Tobak. Ich schaute mir den Mann genau an. Da ich meine Nase nicht nur Schundromane steckte, sondern auch in kulturell wertvolle Zeitschriften, hatte ich auch mal schon gehört, dass man Gedächtnisschwund in studierten Kreisen Amnesie nannte.

»Natürlich habe ich mich im Laufe der Jahre sachkundig gemacht«, fuhr Kavanaugh fort. »Ich leide an retrograder Amnesie, an einem Gedächtnisverlust, bei dem man sich an nichts erinnert, das vor einem bestimmten Termin passiert ist. So etwas kann auf verschiedene Art ausgelöst werden. Bei mir war es möglicherweise eine starke Gehirnerschütterung.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte ich.

»Ich kam in einer Silvesternacht in einer Gasse in Chicago zu mir. Ich lag zwischen Stapeln von Hausmüll im Dreck. Ich konnte mich nicht erinnern, wie ich dahin gekommen war. Ich wusste nicht, wer ich war. Ich weiß noch, dass ich unglaublich starke Kopfschmerzen und eine dicke Beule am Kopf hatte.« Er räusperte sich. »Ich war entsetzt. Ich richtete mich auf und dachte, gleich fällt dir alles wieder ein. Aber nichts ist mir eingefallen.« Er schüttelte den Kopf. »Gar nichts.«

»Wann war das?«

»Neunzehnhundertsieben.«

»Gütiger Gott! Das sind zwanzig Jahre!« Ich starrte Kavanaugh an. So eine bizarre Geschichte hatte ich noch nicht gehört. »Und Ihnen ist in all diesen Jahren nichts eingefallen, das Ihnen geholfen hätte, irgendwas über sich in Erfahrung zu bringen?«

»Nichts.« Kavanaugh schüttelte den Kopf. »Rein gar nichts. Ich wusste nicht, wo ich wohnte und wovon ich gelebt hatte.« Er schaute mich an. »Ich bin in ziemlicher Panik zum Bahnhof gelaufen und habe eine Fahrkarte nach New York gelöst. Ich habe mir den Namen Kavanaugh zugelegt und Arbeit gesucht. Ich habe es gut getroffen.« Er lächelte. »Ich habe mein Glück gemacht. Ich kann nicht klagen. Doch es wurmt mich, dass ich nicht weiß, woher ich komme und wer ich wirklich bin. Habe ich Familie? Eltern? Geschwister? Komme ich aus Chicago oder war ich damals nur auf der Durchreise?«

Ich winkte der Kellnerin und bestellte noch einen Kaffee. Auch Kavanaugh ließ sich nachschenken.

»Sie haben gesagt, Sie sind in Panik zum Bahnhof gelaufen und haben sich eine Fahrkarte nach New York gekauft. Warum in Panik?«

»Oh...« Kavanaugh setzte sich zurück und blies einen blaugrauen Rauchkringel in die Luft. »Ich hatte Grund zu der Annahme, dass ich in etwas Böses verwickelt war, Mister Flynn – vielleicht sogar in etwas Ungesetzliches.« Sein Blick wanderte unbehaglich hin und her, aber die beiden Metzger gingen gerade hinaus, und die Kellnerin schäkerte mit einer Vertretertype, die gerade eingetreten war und sich am Tresen auf einen Hocker fläzte.

»Sehen Sie eine Möglichkeit, in meinem Fall tätig zu werden, Mister Flynn?«

»Ich soll in Erfahrung zu bringen versuchen, wer Sie sind? Beziehungsweise, wer Sie vor Silvester 1907 waren?«

Kavanaugh nickte. »Yeah.«

»Ich muss zugeben, dass der Job, den Sie mir anbieten, verdammt interessant klingt«, sagte ich. »Ich muss allerdings auch sagen, dass es unglaublich schwierig ist und teuer werden kann, Dinge aufzuklären, die vor zwanzig Jahren passiert sind...«

»Es ist mir bewusst, Mister Flynn. Aber wenn ich nicht bereit wäre, die Kosten zu tragen, hätte ich mich gar nicht erst nach Chicago aufgemacht.« Er zückte seine Brieftasche, und ehe ich mich versah, blätterte er mir 280 Dollar auf den Tisch. »Hier, das ist für die ersten sieben Tage.«

Ich hatte noch nie so schnell 280 Dollar von einem Tisch in meine Tasche wandern sehen. »Es ist der Sache sicher dienlich, wenn Sie mir noch ein paar Fragen beantworten, Mister Kavanaugh.«

»Nur zu, junger Mann«, sagte Kavanaugh.

Ich beugte mich über den Tisch. »Wieso nehmen Sie an, Sie könnten in ungesetzliche Aktivitäten verwickelt gewesen sein?«

Kavanaugh bewegte kaum die Lippen, als er antwortete. »Neben mir lag ein blutiges Messer.«

Oh, Scheiße. Ich schluckte. »Was haben Sie damit gemacht?«

»Ich hab’s in den nächsten Gully geworfen.«

»Das war gut.« Ich atmete auf. Wenn Kavanaugh jemanden erstochen hatte, war die Tat vielleicht verjährt. Gully neigen dazu, in wässerige Kanäle zu münden. Wasser wiederum neigt dazu, Fingerabdrücke zu verwischen oder gar verschwinden zu lassen – speziell nach zwanzig Jahren. »Was haben Sie nach dem Aufwachen gemacht?«

»Ich bin zum Bahnhof gelaufen.«

»Sie hatten nicht vergessen, wo er ist?«

»Nein...« Kavanaugh fasste sich an die Stirn. »Eigenartigerweise nicht.«

»Es hat Sie nicht verwundert? Sie hatten Ihren Namen vergessen, aber Sie wussten noch, wo der Bahnhof war?«

Kavanaugh zuckte die Achseln. »Ich hatte auch nicht vergessen, wie man geht, spricht oder sich die Schnürsenkel bindet. Ich konnte auch Lesen. Ich nehme an, es ist wie mit dem Fahrrad fahren oder dem Gitarre spielen: Solche Dinge verlernt man wohl nie.«

»Können Sie Fahrrad fahren?«

»Ich weiß nicht. Ich habe allerdings nach diesem Tag nie wieder auf einem Fahrrad gesessen.«

»Können Sie Gitarre spielen?«

Kavanaugh schaute mich verdutzt an. »Ja. Warum fragen Sie?«

»Bestimmte Fähigkeiten können Aufschluss über Ihre Vergangenheit geben. – Sind Sie religiös?«

»Nein.«

»Können Sie das Vaterunser aufsagen?«

Kavanaugh nickte. »Komischerweise ja. Aber das hat sicher damit zu tun, dass man es uns im Kindergarten beigebracht hat.«

Ich nickte. »Stimmt. – Sprechen Sie Fremdsprachen?«

Kavanaugh schüttelt den Kopf. »Nein.«

»Was hatten Sie in den Taschen, als Sie zu sich gekommen sind?«

»Du liebe Güte...« Kavanaugh klemmte sich die nächste Zigarette zwischen seine trotz allem makellosen Zähne und schaute an die Decke. »Es ist zwar zwanzig Jahre her, aber ich weiß noch genau, dass ich mir damals auch gesagt habe, schau mal nach, ob du was bei dir hast, das dir was über dich sagen kann.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte hundertzwanzig Dollar in Scheinen und ein paar Münzen in der Tasche. Außerdem ein Taschentuch - ohne Monogramm, falls es Sie interessiert.« Er dachte nach. »Eine benutzte Kinokarte für das Astoria; ein angebrochenes Päckchen Chesterfield; ein neutrales Streichholzbriefchen und ein angebrochenes Päckchen Wrigley-Kaugummi.«

»Sie sprechen zwar keinen erkennbaren Akzent«, sagte ich, »aber Ihr Tonfall erinnert mich doch an den vieler irischer Einwanderer.«

»Also, Gälisch spreche ich nicht.« Kavanaugh grinste. »Ich muss allerdings sagen, dass ich gern Bier trinke und mich in der Gesellschaft von Iren immer sehr wohl fühle, speziell dann, wenn sie Sauflieder singen. Vielleicht habe ich mir deswegen auch den Namen Kavanaugh ausgesucht. Es war nach Callahan oder O’Hara der erste Name, der mir auf Anhieb gefallen hat. Ich musste bei dem Namen immer an einen rothaarigen Burschen denken, der vor einem Sieben-Gänge-Dinner sitzt: Sechs Flaschen Bier und einer Kartoffel.«

Wir mussten beide lachen.

»Die Gasse, Mister Kavanaugh«, sagte ich. »Welche war es?«

»Oh, das weiß ich nicht«, erwiderte Kavanaugh. »Da habe ich damals wirklich nicht drauf geachtet. Ich wollte nur weg von dort.« Er runzelte die Stirn. »Ich erinnere mich aber an ein Geschäft... Warten Sie mal...« Er kniff die Augen zusammen und schaute an die Decke. »Fairweather!« Er nickte. »Ja, Fairweather! Ein Pfandleiher!«

Ich kannte keinen Pfandleiher namens Fairweather – und ich kannte eine Menge Pfandleiher.

Es machte aber nichts, da die Pfandleiher sich untereinander kannten und einer mir würde sagen konnten, in welcher Gasse ein Mr. Fairweather vor zwanzig Jahren einen Laden gehabt hatte.

Falls Kavanaugh sich nicht irrte und der Pfandleiher nicht anders geheißen hatte.

»Warum wollen Sie das eigentlich wissen?«, fragte er.

»Nun ja...« Ich zuckte die Achseln. »Da wir so gut wie keine Anhaltspunkte über Ihre Vergangenheit haben, halte ich es für das Beste, wenn ich dort anfange, wo es auch für Sie angefangen hat: In der Gasse, in der Sie zu sich kamen; in der Gasse, in der Ihr neues Leben begann.«

Kavanaugh nickte. »Faszinierend, wie so ein Detektivgehirn denkt.«

»Mich hat es schon immer interessiert, wie so ein Kaufmannsgehirn denkt«, erwiderte ich. »Wenn ich es wüsste, wäre ich nicht so ’n armer Schlucker.«

Kavanaugh stand lachend auf. »Sie wissen doch bestimmt, dass Geld allein nicht glücklich macht.«

»Ich weiß auch, dass die Reichen sich diesen Spruch ausgedacht haben, damit die Sozialisten in Chicago nicht noch mehr Zulauf kriegen.«

Er lachte noch lauter. Ich fragte ihn, wo ich ihn erreichen könnte.

»Es reicht, wenn ich weiß, wie ich Sie erreiche, Mr. Flynn.« Er deutete auf die Polizisten, die draußen im Schneegestöber für Ordnung zu sorgen versuchten. »Solange nicht geklärt ist, ob die mir was anhängen können, möchte ich meinen momentanen Aufenthaltsort lieber für mich behalten.« Er zwinkerte mir zu. »Und was meinen Kaffee angeht...«

Ich winkte großzügig ab. »Sie waren eingeladen.«

»Das hatte ich gehofft.« Er tippte an seinen Hut und ging hinaus.

Ich fragte mich, ob er vielleicht eher schottischer Abstammung war.

 

 

2.

 

Ich setzte meinen betagten Plymouth mit Benzin aus einem durchs Schneegestöber geschleppten Kanister in Bewegung und klapperte, um wieder ruhig schlafen zu können, einige Stellen ab.

Nachdem ich meine Schulden bei den Hauswirten, beim Drogisten und am Kiosk bezahlt hatte, beschloss ich, erst mal einen heben zu gehen. Ich fuhr zu Dunkys Flüsterkneipe, in der ich einen großen Teil meiner knappen Freizeit verbrachte.

Um die Mittagszeit war natürlich noch nichts los. Abgesehen von den üblichen Verdächtigen, die reich verheiratet oder pensioniert waren, saß nur eine hübsche Schwarzhaarige am Tresen, die wie eine zwanzigjährige Gloria Swanson aussah. Sie wirkte leicht angeschickert. Als ich an ihr vorbeiging, um im hinteren Teil des Lokals nach Bekannten Ausschau zu halten, stieß sie einen leisen Pfiff aus.

Ich blieb auf der Stelle stehen und drehte mich zu ihr um.

Sie hatte wunderschöne dunkle Augen, die aber unglaublich traurig dreinschauten. Ich hatte den Eindruck, dass ihre Lässigkeit aufgesetzt und der Pfiff eine Art Versuch war, in Erfahrung zu bringen, ob noch Interesse auf sich ziehen konnte, bevor sie sich aus dem Fenster stürzte.

»Hallo«, sagte ich erfreut.

»Ach«, erwiderte sie mit schwerer Zunge. »Ich hab gedacht, Sie wären Eddie Krapovnik.«

Ich wusste nicht, wer Eddie Krapovnik war. Ich wollte es auch gar nicht wissen. Aber die junge Frau gefiel mir besser als alles, was ich an diesem Vormittag gesehen hatte, nicht nur, weil sie in ihrer Trunkenheit auch drollig wirkte.

Bevor ich mich erkundigen konnte, ob sie Wert auf meine Gesellschaft legte, öffnete sich die Tür der Herrentoilette und spuckte einen schicken, finster blickenden Schönling mit angeklatschtem Haar aus. Er war etwa fünf Jahre älter als ich, zwanzig Jahre älter als Gloria, hieß Leroy Beaudine und hatte die unsympathischste Fresse diesseits des Pecos.

Leroy behauptete einen irischen Vater und eine französische Mutter zu haben. Soweit ich wusste, war er zwar für ein Unternehmen tätig, das Sean O’Malley gehörte, doch brauchte er sich die Hände nicht schmutzig zu machen. Außerdem mimte er gern den feinen Pinkel, besonders in Gegenwart von Damen.

Wenn er jemanden auf dem Kieker hatte, konnte er sehr schnell gewöhnlich werden. Sein Blick hatte etwas eindeutig Psychopathisches. Typen wie Leroy schaute man nicht zu lange an. Sie fühlten sich schnell provoziert und sahen sich dann gezwungen, sich wie ein Köter aufzuführen, der sein Revier markieren muss.

Er schaute mich an wie ein ekliges Insekt, und als er den Mund öffnete, rechnete ich damit, einen der üblichen Sprüche zu hören: »Sieh zu, dass du Land gewinnst, du Penner« oder »Ich hoff, deine Zähne sind gut versichert«.

Aber es kam nichts dergleichen. Er grinste wie jemand, der weiß, dass er nur mit den Fingern zu schnippen braucht, damit drei Kerle aufspringen die dich zusammenhauen. Lag es an der Frau?

Ich ging weiter. Im hinteren Teil des Lokals saßen vier oder fünf Kerle an einem Tisch und pokerten. Einer war Dunky. Ihm gehörte der Laden. Ich sah an seiner Miene, dass er sich heute beim Zocken nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. Wahrscheinlich verließ er deswegen die Runde und ging hinter den Tresen zurück. Er nickte mir zu und deutete mit dem Kinn auf meinen Stammplatz gegenüber der Tür.

Auf dem Weg dorthin musste ich erneut an Gloria vorbei. Dabei hörte ich, dass Leroy sie anfauchte, sie solle sich gefälligst zusammenreißen und nicht so viel saufen, sonst würde er ihr die Fresse polieren. Er sagte tatsächlich »Fresse polieren«, was so ziemlich das Brutalste war, was ich je einen Mann zu einer Frau hatte sagen hören.

Gloria sprang daraufhin von ihrem Hocker und verschwand in dem kleinen Salon, den hier »Badezimmer« hieß. Leroy stierte in sein Glas, dann nahm er es in die Hand und ging zu den Zockern, um zu kiebitzen.

»Die beiden haben sich in der Wolle, was?«, fragte ich Dunky, als er mir einen Dreistöckigen servierte.

Er zuckte die Achseln. »Ich konnte diesen Arsch noch nie leiden, aber ich bin wirtschaftlich an einen seiner Chefs gebunden.« Er führte eine Pantomime auf, in der ein kleiner dicker Mann eine dicke lange Zigarre rauchte.

Natürlich bezogen illegale Kneipiers wie er nicht nur ihren Fusel und ihr Bier von den Gangstersyndikaten, sondern auch die Tabakwaren.

Wie ich von Dunky und anderen Wirten wusste, fiel das Zeug kistenweise von Lastern, die nachts durch unsere Stadt fuhren. Irgendwelche breitschultrigen Iren fanden die Kisten sozusagen täglich und boten sie billig zum Verkauf an. Laut Dunky war man gut beraten, ihnen das Zeug abzunehmen, denn anderswo bekam man es nicht billiger. Wirte, die es ablehnten, diese Ware zu kaufen, hatten ihren Hund schon mal ohne Kopf im Bett ihres Töchterchens gefunden. Anderen war das Haus über dem Kopf abgebrannt.

»Dann ist Mister Beaudine also Tabakhändler?« Ich stellte mir den aalglatten Lumpen in einem Tabaklädchen vor. Rein äußerlich war er der typische Nachtklub-Manager. Die Vorstellung, dass er Hinz und Kunz Pfeifenreiniger verkaufte, bewies, dass O’Malley Humor hatte.

»Nein, nein. Sein Chef hat einen Gemischtwarenhandel. Tabak ist nur ein Posten in seinem Sortimentskatalog. Er verwaltet und beschützt auch andere Unternehmen.«

Ich verstand. »Und wer ist die Braut, die Leroy bei sich hat?«

»Sie heißt Gloria«, sagte Dunky. »Ich kann’s kaum fassen.«

Mir erging es ebenso. Ich mochte Gloria Swanson. Sie war eine tolle Schauspielerin und sah wunderbar aus. Die Sympathie, die ich für sie empfand, übertrug ich automatisch auf die junge Frau in Leroy Beaudines Begleitung.

Während ich meinen Whisky trank und darauf wartete, dass sie aus dem »Badezimmer« zurückkehrte, kamen sieben, acht mehrheitlich in der Informationsbranche tätige Trunkenbolde herein und beschäftigten Dunky, den ich einiges fragen wollte.

Ich brauchte aber nicht lange zu warten, denn kurz darauf kam Buck Rogers des Weges, den man als Kollegen bezeichnen könnte, würde er der Ermittlertätigkeit regelmäßiger nachgehen.

Buck war zwar ein schlimmer Fall von Alkoholismus, aber in trockenen Phasen als Mitarbeiter immer brauchbar. Da er in seinem wehenden Mantel und seinem grotesken Schlapphut unterwegs war, hatte er gerade keine trockene Phase. Ich sah allerdings an seinen bebenden Händen, dass er noch nicht mit dem Trinken angefangen hatte. Es war also zu vermuten, dass er noch für ein paar Minuten gut war.

»Wie geht’s, Buck, altes Haus?«

»Danke der Nachfrage. - Dunky, einen dreistöckigen.«

»Was macht Margret?«

»Hat mich verlassen. Vor drei Monaten. - Danke, Dunky.«

»Tut mir leid, Buck. Wie gehen die Geschäfte?«

Gluck. Gluck. Gluck. »Könnten besser gehen, Mann. Dunky, mach mir noch einen.«

»Sag mal, Buck, erinnerst du dich noch an den alten Fairweather?«

»Fairweather? Fairweather?« Buck dachte angestrengt nach.

Dunky stellte das neue Glas vor ihm ab.

Gluck. »Der alte Fairweather, hast du gesagt?« Buck schüttelte den Kopf. »Nein, eigentlich nicht.« Er schaute mich an. »An seine Tochter erinnere ich mich noch, aber an den Alten nicht mehr. Nee. Ist der nicht in Europa geblieben? Im Krieg, meine ich? Haben sie den da nicht erschossen?« Er leerte sein Glas. »He, Dunky!«

Dunky war gerade mit den durstigen Journalisten beschäftigt. Buck klopfte ungeduldig mit dem Glas auf den Tresen.

Eins war mir klar: Wenn er den dritten intus hat, wird er sich kaum noch an seinen Vornamen erinnern. Mir fiel auf, dass ich nicht mal wusste, wie sein echter Vorname lautete.

»Hör mal, Buck, weißt du noch, wo denen ihr Leihhaus früher war?«

»Ja, klar.« Buck winkte Dunky zu.

Dunky machte eine Geste, die besagte: Reiß dich am Riemen, Suffkopp, ich hab auch noch andere Kunden. 

Gloria kam aus dem »Badezimmer« zurück und schaute sich nach ihrem Begleiter um. Obwohl sie sich mit Schminke aufgetakelt hatte, waren ihre roten Augen unübersehbar. Sie hatte geweint, was mir mordsmäßig Leid tat, obwohl ich sie nicht mal kannte.

Als sie Leroy sah, machte sie sich klein und huschte am Tresen vorbei zum Ausgang. Da dort ihr Mantel hing, sprang ich rasch zu ihr hin, um ihr hineinzuhelfen.

»Vielen Dank, Sir«, sagte sie und schaute sich hektisch zu Leroy um. Ich zückte eine Visitenkarte und drückte sie ihr in die Hand.

»Was soll ich damit?«, fragte sie, während sie zur Tür eilte.

»Falls Sie mal Hilfe brauchen«, erwiderte ich. »Man weiß ja nie...«

Ich hörte sie lachen, dann war sie draußen.

Jeff, der Türsteher, sagte: »Mann, die sieht toll aus, nich?«

Ich nickte und wandte mich Buck zu, der gerade sein drittes Glas hob. »Wo war der Laden noch mal?«

Buck drehte sich um. »Was für’n Laden?«

»Na, Fairweathers Pfandleihe.«

»Ach, der!« Buck kippte den Whisky. Eine Sekunde später reduzierte sich seine Intelligenz um siebzig Prozent. »Die war in der Weschschellawah Schschtreet, Ecke Norsch Laschalll...«

 

 

3.

 

Die West Delaware Street gehörte zu den kurzen Straßen der Stadt. Wie mein Glück es wollte war sie nur zwei Blocks von meiner Wohnung in der North Clark entfernt.

Trotzdem war die Fahrt dorthin kein Vergnügen, denn es schneite noch immer und die Straßen waren verstopft wie noch nie. Zahlreiche Autos steckten im Schnee fest. Auf der Chicago Avenue war eine Straßenbahn entgleist. Feuerwehr, Polizei und Ärzte waren unterwegs.

An allen Ecken standen Cops mit fünf Zentimeter Schnee auf der Mütze und bemühten sich, das Verkehrschaos einigermaßen in den Griff zu kriegen. Was ihnen natürlich nicht gelang. Ich stellte meinen Wagen schließlich genervt hinter der Newberry Library ab und legte den Rest des Weges zu Fuß zurück.

In der Delaware Street herrschte kein Verkehr, deswegen war der Schnee auf der Straße dreißig Zentimeter hoch. Es war fast Mittag, doch die Schaufenster waren alle beleuchtet. Lehrlinge und jüngere Angestellte schaufelten Schnee. Sie trugen lange Mäntel, Wollmützen und hier und da auch Ohrenschützer.

Dass ich mich an keinen Pfandleiher namens Fairweather erinnerte, lag daran, dass ich 1907, als Michael Kavanaugh mit einer Beule am Kopf hier zu sich gekommen war, erst fünfzehn Jahre alt gewesen war und in einer ganz anderen Gegend gewohnt hatte.

Ich kannte mich auch jetzt nicht sonderlich hier aus, da ich in meiner Wohnung eigentlich nur schlief und mein Jagdrevier in der Gegend meines Büros lag. Was das kleine Stück Delaware Street interessant machte, das an die North LaSalle grenzte, war der Washington Square Park, ein von alten, schicken Häusern umgebenes Gelände, auf dem man im Sommer seinem Vergnügen nachgehen konnte.

Hinter dem Washington Square führte die Delaware weiter bis in die Unendlichkeit.

Mich interessierte nur das kurze Teilstück, auf dem sich früher Fairweathers Leihhaus befunden hatte.

Jetzt war es nicht mehr da. In dem Eckhaus, an das Buck Rogers sich erinnert hatte, befand sich nun Greg’s Tobacco Shop.

Ich schaute durchs Fenster auf Pfeifen, Instrumente zum Rauchen und Reinigen und zahllose Dosen und Schachteln mit Tabaksorten aus allen Teilen der Welt.

Greg saß hinter dem Tresen auf einem Hocker und las ein Revolverblatt, das nicht so richtig zu seinem seriösen Äußeren passte: Er war ein konservativ gekleideter alter Knabe mit Nickelbrille und sah eher wie ein Lehrer aus.

Ich trat ein. Ein Glöckchen bimmelte. Es war gemütlich und warm in dem Laden. Es roch anheimelnd nach Tabak. Hätte es hier was zu trinken gegeben, wäre ich den Rest des Tages geblieben.

Greg musterte mich durch runde Brillengläser und stand auf. »Womit kann ich Ihnen dienen, Sir?«

»Vielleicht mit einem steifen Grog?«

Hinter seinen Brillengläsern blitzten zwei meerblaue Augen schelmisch auf. Ich sah sofort, dass er einen guten Tropfen zu schätzen wusste. Als er sagte »So was hätte ich jetzt auch gern«, holte ich meinen extrem flachen Flachmann raus und erwiderte: »Wenn Sie die Tassen spendieren, geht der Kaffee auf meine Rechnung.«

»Gemacht.« Greg bückte sich. Ich hatte noch nie so schnell zwei Tassen aus dem Nichts materialisieren sehen. Ich schenkte ein, wir prosteten uns zu und tranken.

»Auf den Winter.«

»Auf den Winter?« Er zuckte die Achseln. »Na gut, von mir aus.«

Ich schaute mich um. »Gemütlich haben Sie’s hier. Und wie angenehm es hier riecht.«

»Ja, das sagen viele. Aber wenn man tagein, tagaus im Tabak arbeitet, merkt man nichts mehr davon.« Er deutete auf seine Waren. »Wollen Sie was rauchen? Ich geb einen aus.«

»Ja, danke, ’ne Lucky, wenn Sie welche haben.«

Er hielt mir ein angebrochenes Päckchen hin; kurz darauf qualmten wir und schlappten uns noch einen.

»Haben Sie den Laden hier schon lange?«, fragte ich. »War hier früher nicht mal ’n Leihhaus drin?«

Greg nickte. »Ja, das Leihhaus von Gladys Fairweather. Sie hat es vor zehn Jahren zugemacht und sich in ein Altenheim eingekauft. Sie wollte das Geschäft eigentlich am Stück verkaufen, hat aber niemandem mit dem nötigen Kleingeld gefunden. Da hat sie alles versteigern lassen.« Greg seufzte traurig. »Früher, als die verfluchten Gesundheitsapostel noch nichts zu melden hatten, hatte ich am anderen Ende der Straße ’ne Kneipe. The Wishing Well. Da war immer was los. Da haben sich alle Männer aus diesem Viertel getroffen. Es war wie in ’nem Wohnzimmer, so richtig familiär. Jetzt ist hier alles so kalt geworden. Es liegt, verdammt noch mal, nicht nur an der Jahreszeit.« Er schüttelte sich. »Jetzt ist in meiner alten Kneipe das Versammlungslokal der Guttempler untergebracht.«

»Sie mögen die Antialkoholiker wohl nicht, was?«

»Die mögen mich nicht.« Gregs Augen sprühten Blitze. »Wenn sie mir auf der Straße begegnen, schauen sie mich immer an als wäre ich jemand, der kleinen Jungs schmutzige Fotos verkauft.«

Ich musste lachen. Als ich noch bei der Polizei gewesen war, hatten manche Menschen mich auch so angesehen. »Wie lange hatten Sie die Kneipe, Greg?«

»Mein Alter hat sie achtundneunzig aufgemacht, zwei Jahre vor der Jahrhundertwende.« Greg deutete zur Straße hinaus. Am Silvesterabend 1899 war hier wahnsinnig viel los. Da war die ganze Welt auf den Beinen; da gab’s hier noch keine Typen vom Blauen Kreuz und von den Guttemplern. Das ganze Viertel war voll von Iren und Deutschen, die einen guten Schluck zu schätzen wussten...«

»Ja, Silvester ist immer viel los.« Ich dachte an das, was Kavanaugh mir erzählt hatte. Silvester ist ein markanter Tag, fast wie Weihnachten. »Da fällt mir der Silvesterabend 1907 ein... War da nicht ’ne Messerstecherei oder so was in der Delaware Street?«

Greg runzelte die Stirn. »Kann mich nicht erinnern.«

»Vielleicht verwechsle ich auch was... Vielleicht hat man hier ’ne Leiche gefunden?« Ich prostete ihm zu und kippte noch einen Schluck in seine Tasse. »Mir ist so, als könnte ich mich dran erinnern, dass man damals hier zwischen einem Berg Hausmüll ’ne Leiche gefunden hat.«

Greg dachte nach. »Yeah, Moment, da war was...« Er schaute auf. »Jetzt, wo Sie’s sagen... Die Müllabfuhr hat in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr gestreikt. Ja, wirklich! Silvester 1907 haben sich wirklich riesige Müllhaufen in der Delaware Street gestapelt.« Er kam hinter der Ladentheke hervor und trat ans Schaufenster.« Und es ist auch irgendwas passiert...«

Ich sah, dass es hinter seiner Stirn arbeitete.

Plötzlich fuhr er herum. »An der Ecke North Dearborn, vor dem Haus, in dem jetzt die Heilsarmee ist, stand das Fuhrwerk eines Kohlenhändlers... Seine Kinder haben tags drauf beim Spielen einen Toten darunter entdeckt. Er lag im Schnee.« Greg schüttelte sich. »Ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Die Nachricht ist wie eine Bombe eingeschlagen. Alle Leute aus dieser Straße sind zusammengelaufen, sogar die Italiener. Damals war das Gangsterunwesen bei uns ja nicht schlimmer als anderswo, und da haben sich die Makkaronis und die Iren noch nicht so gedroschen. Wir haben alle geglaubt, der Tote wäre ’n Mordopfer, aber war, wie in der Tribune stand, an ’nem Herzschlag gestorben.«

Ich atmete auf, denn dies bedeutete, dass mein Klient ihn nicht erstochen hatte.

Andererseits war ich keinen Schritt weitergekommen, weil ich noch immer nicht wusste, welche Bedeutung dem blutigen Messer zukam, das Kavanaugh in den Gully geworfen hatte.

Um nicht noch mehr Zeit zu verplempern, schaute ich auf die Uhr. »Was, schon halb drei! Du liebe Güte, mein Termin!« Ich kaufte ein Päckchen Luckies, spendierte Greg noch einen Tropfen und machte mich auf die Socken.

Da ich nun schon mal hier war, nahm ich die Delaware diesseits des Washington Square in Augenschein und machte mir Notizen über die dort residierenden Unternehmen. Zum Glück hörte es auf zu schneien. Die Autos kamen besser voran. Die gereizte Stimmung der Verkehrsbullen legte sich.

Eine halbe Stunde später stellte ich meinen Wagen vor dem Gebäude der Chicago Tribune ab.

Der Pförtner, der an diesem Tag Dienst hatte, kannte mich und griff schon zum Telefon als er mich sah.

Fünf Minuten später betrat ich ein Redaktionskabuff, in dem Shawn Smith, die Füße auf dem Schreibtisch, zwischen den Zähnen eine Zigarette, die Hände hinter dem Kopf, Maulaffen feil hielt.

»Mein Onkel Casey, der Heizer bei der Eisenbahn war, würde jetzt sagen ‚Du siehst aus wie ’n Arbeiterdenkmal’.«

Smith grinste. »Setz dich, alter Gauner. Komm bloß nicht auf die Idee, mich anzupumpen. Ich bin selber blank.« Er warf die Hände in die Luft. »Na, sagen wir fast blank.« Im Gegensatz zu mir war Smith nie blank, denn er konnte mit Geld umgehen. Er hatte allerdings panische Angst davor, jemand könnte ihn anpumpen und ihm den Kredit nicht zurückzahlen. Mir hatte er schon mal finanziell aus der Patsche geholfen; das wollte ich ihm nie vergessen.

Ich setzte mich hin. Smith nahm die Füße vom Tisch, kramte in einer Schreibtischschublade herum und baute zwei Porzellantassen zwischen uns und den Papierstapeln auf der Tischplatte auf.

Er trank sich halt gern einen. Manchmal betätigte er sich sogar als Kneipenphilosoph, was unter Umständen recht komisch ausfiel, denn er war kein Schöngeist, der ins Theater ging und kulturell wertvolle Bücher las, sondern ein simpler Sportreporter.

»Was liegt an?«

»Ich hab einen Job, Shawn«, sagte ich. »Dazu brauche ich deine Hilfe.«

»Ist was für mich drin?« Er zwinkerte. Wir prosteten uns zu und tranken.

»Meinst du ’ne Story?«

»Yeah.«

Ich schüttelte den Kopf. »Leider nein.«

Obwohl Shawn Sportreporter war, war er immer hinter scharfen Skandalgeschichten her. Wenn er etwas rauskriegte, das nicht in sein Metier passte, verscherbelte er es an den Gerichtsreporter Kenny Farina oder an Zeilenschinder bei der Konkurrenz, die ihm dann und wann einen anderen Gefallen erwiesen. »Ich glaube, die Sache ist zu heikel, als dass mein Klient sie je in der Presse breitgetreten sehen möchte.«

Natürlich hatte ich damit Smiths Interesse geweckt.

Und natürlich wollte er mehr wissen. Ich erzählte ihm, was ich wusste, ohne Kavanaughs Namen ins Spiel zu bringen. Ich nannte ihm den Tag des Ereignisses, den Ort des Geschehens und bat ihn, einen Praktikanten ins Archiv zu schicken, um die Tage zwischen dem 31. Dezember 1907 und dem 6. Januar 1908 nach Bluttaten zu durchforsten, bei denen das Opfer erstochen und in der Umgebung der Delaware Street gefunden worden war.

Smith fand sofort eine Praktikantin, die daran interessiert war, sich bei einem Redakteur einzuschleimen.

»Bis heute Abend hast du alles«, versprach mir und stand auf. »Jetzt hau ab; ich muss mich für die 15.00-Uhr-Konferenz fein machen.«

Ich klopfte ihm auf die Schulter und ging hinaus.

In einem erneuten Ansturm weißer Flocken fuhr ich zuerst zum Flaschenhändler meines Vertrauens und dann ins Büro, um meiner Sekretärin mitzuteilen, dass sie mich nicht vor den Kadi zu zerren brauchte, um ihren ausstehenden Lohn zu kriegen.

 

 

4.

 

Maggie Bayer war Mitte zwanzig. Ihr Blondhaar fiel zwar unter den Paragraphen für die Vorspiegelung falscher Tatsachen, aber die Wölbungen unter ihrer Bluse waren echt.

Als ich reinkam, lackierte sie sich gerade die Fingernägel. Es war genau das, was sie eigentlich immer machte. Ich hatte mich schon oft gefragt, wozu ich mir eine Sekretärin leistete, die einem ständig Widerworte gab und allem Anschein nach nur in mein Unternehmen kam, um hier den halben Tag rumzusitzen – manchmal an Vormittagen, manchmal an Nachmittagen, seltener in den Abendstunden.

Eigentlich hatte sie für meine Ein-Mann-Klitsche viel zu wenig tun. Die meisten meiner Klienten wollten keine schriftliche Fassung meiner Ermittlungen, sondern trafen sich mit mir in einem Restaurant oder einer illegalen Kneipe, um zu erfahren, was ich für sie getan hatte.

Maggie tippte hin und wieder mal eine Rechnung, ansonsten kochte sie Kaffee, staubte meine Karteikarten ab und putzte die Fenster, damit sie, wenn ich nicht da war, bessere Aussicht auf das Treiben in der South Franklin oder der Monroe Street hatte.

»Hallo, Maggie.«

Eisiges Schweigen begrüßte mich.

Mein Büro befand sich in einem sechsstöckigen braunen Sandsteingebäude, in dem allerlei kleinere und mittlere Unternehmen residierten.

Zu den meisten Geschäftsleuten hatte ich keinen Kontakt. Oft hatte ich den Eindruck, dass es ihnen, wenn sie mir im Aufzug begegneten, peinlich war, mit einem Menschen unter einem Dach zu arbeiten, der andere ausspionierte.

Ich vermute, dass sie mich für einen der schmierigen Typen hielten, die reichen Ehemännern Schlampen ins Bett legten, um sie dann im Auftrag ihrer geldgierigen und scheidungswütigen Gattinnen zu fotografieren.

Ich fiel mit Hut und Mantel in den Schreibtischsessel, legte die Füße auf den Tisch und dachte so lange über nichts Bestimmtes nach, bis Maggie sich verschnupft räusperte.

»Ich geh dann jetzt.«

Ich schaute auf. »Ja, viel Vergnügen.« Sie hatte ihren Nagellackkram weggepackt und stand auf.

Sie hatte einen dicken Hals, weil ich so tat als hätte ich noch nie was davon gehört, dass man Angestellte bezahlen muss.

»Ich schau mich nach ’ner anderen Stelle um, dass Sie’s nur wissen«, fauchte sie plötzlich.

Da in ihrer Hand etwas aufblitzte, zog ich den Kopf ein, doch dann sah ich, dass es eine Nagelfeile war. Um sie nicht noch mehr, zückte ich den Betrag, den ich ihr schuldete.

»Harry!«, schrie sie erfreut. Und dann: »Sie verdammter...!«

Ich zog den Mantel aus und entnahm ihm die unterwegs gekaufte Flasche. Während ich meinen Flachmann nachfüllte, machte Maggie Kaffee. Dann saßen wir zusammen, genossen eine Tasse beider Gifte und qualmten das Büro zu. Dabei erzählte ich ihr von unserem neuen Auftrag. Je weiter ich in die Einzelheiten ging, umso größer wurden Maggies Augen.

»Offen gesagt, Harry, ich finde diese Geschichte ziemlich bizarr«, sagte sie. »Wie kann jemand mal eben sein ganzes Leben vergessen?«

»Na ja, mal eben kann man es sicher nicht. Da müssen schon gewisse Dinge passieren.« Ich erinnerte mich an einen heftigen Schlag mit dem Griff eines Revolvers, der einst meinen Hinterkopf getroffen hatte. Beim Erwachen hatte ich mich auch gefragt, wo ich war. »Und überlegen Sie mal, wie oft man sich nach ’nem nächtlichen Rundflug am nächsten Morgen fragt, wie man nach Hause gekommen ist?«

»Sie fragen sich so was möglicherweise«, konterte Maggie, »aber doch kein ordentlicher Mensch!«

»Vielen Dank.«

»Außerdem sind das nur leere Stellen im Hirn und kein Vergessen ganzer Jahre! Stellen Sie sich mal vor, wie einem Menschen zumute sein muss, wenn seine ersten zwanzig Lebensjahre einfach ausradiert sind! Wenn ihm nach all dieser Zeit nichts eingefallen ist, wie wollen Sie es dann ohne Anhaltspunkt rauskriegen?«

»Ich weiß immerhin, wo Kavanaugh zu sich gekommen ist.«

»Das ist nicht gerade viel.«

»Ich weiß von dem blutigen Messer, das er in den Gully geworfen hat.«

»Er kann auch Zeuge einer Straftat gewesen sein. Er erinnert sich bloß nicht mehr daran.«

Ich nickte. »Das könnte auch die Beule an seinem Kopf erklären.«

»Glauben Sie, er hat jemanden bei dem Mord an dem jungen Mann beobachtet, den man am 1. Januar unter dem Fuhrwerk gefunden hat?«

»Meinen Sie, es könnte so gewesen sein? Der Mörder hat Kavanaugh bewusstlos geschlagen und die Tatwaffe neben ihn gelegt – für den Fall, dass ein Cop des Weges kommt, damit er den Schluss zieht: Der da muss es gewesen sein, kein anderer?«

»Na ja, so könnte es doch gewesen sein.«

»Ein Cop mit Grips würde sich fragen, wieso sich ein Mörder neben sein Opfer zum Schlafen in den Schnee legt...«

»Es war Silvester, Harry! Kavanaugh hätte sich doch auch stockbesoffen mit dem Opfer gestritten haben können. Er hat halt zugestochen und ist dann ohnmächtig geworden.«

»Dann ist das Opfer mit letzter Kraft unter das Fuhrwerk gekrochen, hat gewartet, bis seine Wunde verheilt war und ist dann an einem Herzschlag verendet?«

Maggie drehte die Augen himmelwärts. »Sie haben Recht. Er ist ja gar nicht erstochen worden! Deswegen sind Sie wohl der Detektiv, und ich die Sekretärin.« Sie drückte ihre Zigarette aus. »Warum befürchtet Mr. Kavanaugh, er könne eine Straftat begangen haben? Nur wegen des Messers?«

Ich nickte. »Ich würde mir auch Gedanken machen, wenn ich neben einem blutigen Messer aufwache – speziell dann, wenn ich vergessen habe, wer ich bin.« Ich stand auf und schaute aus dem Fenster. »Ich frage mich, wie der Tote unter dem Fuhrwerk ins Bild passt. Hatten die beiden etwas miteinander zu tun? Kann es Zufall sein, dass ein Mensch, dem eine so unerklärliche Sache passiert wie Kavanaugh, neben jemanden erwacht, der unter rätselhaften Umständen neben ihm gestorben ist?«

Maggie nickte. »Wer war eigentlich der Tote?«

Ich zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Aber ich werde es heute Abend erfahren.«

»Aus Ihrer üblichen Quelle?«

Ich nickte, stand auf und schaute aus dem Fenster. »Mal sehen, was sie erbringt. Bis dahin...« Ich drehte mich zu ihr um. »Könnten Sie vielleicht mal versuchen, ein bisschen mehr über unseren Klienten rauszukriegen?«

Maggie hob fragend die Brauen. »Ist Kavanaugh Ihnen nicht geheuer?«

Ich hüstelte. »Ich will ihn nicht schlecht machen, Maggie. Er hat uns gerade aus einem großen Haufen dieses zähen dunklen Zeugs gezogen, dass gewisse mit Hörnern versehene Tiere hinter sich fallen lassen... Aber offen gesagt... Ich muss davon ausgehen, dass seine Heimat die New Yorker Unterwelt oder Halbwelt ist.« Ich hüstelte noch einmal. »Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass dies eigentlich keine Aufgabe für eine Frau ist...«

»Ha!«, machte Maggie frech. »Wieso denn nicht?«

»Weil Sie nützliche Informationen vermutlich nur im Rotlichtmilieu finden können...«

Maggie errötete. Dann öffnete sie den Mund. Am nervösen Spiel ihrer Zunge erkannte ich, dass ich wohl etwas angesprochen hatte, dass sie sehr interessierte.

»Na und?«, sagte sie.

Ich war erschreckt, aber nicht bestürzt. Und mir fehlten im ersten Moment die Worte.

»In dem Haus, in dem ich wohne«, sagte Maggie, »ist vor vier Monaten eine gewisse Claudette eingezogen...« Ihre Augen blitzten. »Sie spricht einen hübschen französischen Akzent, aber sie stammt aus Stamford, Connecticut. Als sie kam, hatte sie nichts, nur ein kleines Reisetäschchen. Jetzt fährt sie einen Ford T. Na schön, der Schlitten ist nicht neu, aber immerhin... Sie hat eine Wohnungseinrichtung. Wir haben uns angefreundet. Sie hat schon mehrmals gesagt, ich wäre doof, wenn ich für so ’n paar Kröten bei ’nem Detektiv arbeite, wo ich mit meinen Kurven anderswo doch locker das Zehnfache einfahren konnte.«

»Anderswo?«, erwiderte ich ziemlich sprachlos.

»Nuuuun...« Maggie beugte sich vor als spräche sie mit einem kleinen Dorfdeppen. »Claudette sagt, wenn ich Lust hätte, könnte ich mal ganz unverbindlich mit in den Salon gehen, in dem sie arbeitet; da könnte ich mir dann in aller Ruhe ansehen, wie es da zugeht und auf welch hohem Niveau man dort... ähm... agiert.«

Ficken auf hohem Niveau?, dachte ich. »Hm, nicht übel.« Ich kratzte mich am Kopf. »Sie wissen doch, dass diese... ähm... Betätigung in unserem Land illegal ist?«

»Außerdem gibt es sie überhaupt nicht.« Maggie lachte.

Ich zupfte an meiner Nase. Natürlich war ich beruflich und privat schon in Puffs gewesen. Ich hatte dort jede Menge bekannte und berühmte Leute getroffen; auch Politiker und Polizisten.

Ich musste nur darauf bedacht sein, meinen Feinden im Chicagoer Präsidium keine Munition zu liefern, mit der sie mich der Zuhälterei beschuldigen konnten.

Es gab einige zivile und uniformierte Typen, die mich nicht leiden konnten und einiges dafür gegeben hätten, eine Frau zu finden, die aussagte, sie sei in meinem Auftrag in einem Bordell tätig. Das machte ich Maggie klar, und sie erwiderte: »Ich bin doch nicht doof! Wenn man mich bei ’ner Razzia erwischen sollte, weiß ich, was ich sagen muss.«

Das interessierte mich. »Und das wäre?«

»Ich sage nichts ohne meinen Anwalt.«

»Ausgezeichnet, Maggie.« Ich machte ihr klar, in welcher Branche Kavanaugh genau tätig war.

Das interessierte sie noch mehr, wie ich an ihren roten Ohren sah. Maggie ging gern ins Kino. Dass es Filme gab, in denen die Darsteller namenlos waren und die Regisseure und Kameraleute keinen Wert darauf legten, dass ihre Kunst bekannt wurde, hatte sie allerdings noch nie gehört.

Ich bat sie, die Augen aufzuhalten, wenn sie Claudettes Einladung folgen wollte: Wenn irgendwo Filmrollen rumstanden, sollte sie sich merken, woher sie kamen.

Dann machte Maggie Feierabend. Um ihr zu vergelten, dass sie mir nicht die Sekretärinnengewerkschaft auf den Hals gehetzt hatte, fuhr ich sie nach Hause.

Nachdem ich sie vor dem Haus abgesetzt hatte, in dem sie wohnte, ging ich ein Häppchen essen. Das Diner, in dem ich landete, hatte den merkwürdigen Namen Little Green Man. Die Gäste waren mehrheitlich globuloid geformte junge Männer mit Käppchen, auf denen sich kleine Propeller drehten. Sie saßen um einen Tisch herum, tranken Cola, spachtelten Hamburger und tauschten bunte Hefte mit schaurigen Umschlägen.

Das Essen im Little Green Man war gut, aber entschieden zu fetthaltig.

Nach dem zweiten Kaffee kam zu meinem Erstaunen keine Geringere als Gloria Swanson in den Laden – natürlich nicht die echte, sondern die aus Dunkys Kneipe. Sie sah mich und zwinkerte, und da ich bis zu meinem Termin noch Zeit hatte, beschloss ich, mir einen Teil meiner Abendfreizeit jetzt schon zu gönnen.

Gloria stöckelte in hohen Stiefeln an den Globuloiden vorbei. Sie warfen sich sofort wie ein Mann über ihre Heftchen, um zu verhindern, dass selbige von einem der von ihrem Mantel fallenden Schneeflöckchen getroffen werden konnten.

»Hallo...« Gloria nahm mir gegenüber am Fenster Platz. »Wir kennen uns doch. Helfen Sie mir auf die Sprünge. Ich weiß nicht mehr, woher.«

»Wir sind uns heute Vormittag bei Dunky begegnet.« Ich freute mich wirklich, sie zu sehen.

»Dunky?« Sie runzelte die Brauen. Jetzt wirkte sie gar nicht mehr traurig. Lag es daran, dass sie den Kotzbrocken Leroy abgehängt hatte?

»Der kleine Glatzkopf. Sie haben bei ihm einen gehoben. Leroy Beaudine war auch dabei.«

»Ach ja!« Sie schlug sich vor den Kopf. Die Kellnerin kam. Sie war schwarz wie der Kaffee in meiner Tasse.

Gloria bestellte ebenfalls Kaffee. Als sie sich eine Zigarette zwischen die Lippen schob, achtete ich genau darauf, ob ihre Hände zitterten. Es war nicht der Fall. Ich atmete auf. Ich war schon zu oft auf Frauen hereingefallen, denen man nicht helfen konnte.

»Was ist?«, fragte sie.

»Wie? Was?«, erwiderte ich.

»Sie haben gerade geseufzt, als wäre Ihnen ein Stein vom Herzen gefallen, Mister... ähm...«

»Flynn. Harry Flynn.«

»Gloria«, sagte sie. »Ob Sie’s glauben oder nicht.« Sie lachte leise. Die Kellnerin brachte den Kaffee. Die jungen Männer verfielen in eine Diskussion über den Mond und die Möglichkeit, ob auf seiner uns abgewandten Rückseite Menschen lebten. »Gloria Calhoun.«

»Calhoun?« Ich kannte aus meiner Jugend einen Paul Calhoun. Er war fünf Jahre älter als ich und hatte einst mit Miss Ruthie verkehrt, der Nachbarin meiner Eltern. Ich wusste, dass aus seinem Verhältnis mit Miss Ruthie nichts Festes geworden war, da er nach Kalifornien gegangen war und dort geheiratet hatte. Seine Frau hatte ein Hotel in Chicago geerbt und war nach der Geburt ihrer Tochter gestorben. »Kennen Sie einen Paul Calhoun?«

Gloria machte große Augen. »So heißt mein Vater.«

»Ach, wirklich? Ist er in der Hotelbranche tätig?«

Sie nickte. »Ja, er führt das Golden Swan in der LaSalle Street.« Sie deutete über ihre Schulter. »Es ist zwar nicht mehr das, was es mal war, aber es ernährt noch immer seinen Mann – und drei oder vier Dutzend andere. Woher kennen Sie ihn?«

Ich erzählte es ihr. Sie war platt, weil wir »fast miteinander verwandt« waren. Sie fragte mich nach meinen Eltern und ich erzählte ihr, dass sie auf dem St. Andrews-Friedhof in Park Ridge begraben waren.

Dann fragte sie mich, was ich so machte und gestand mir, dass sie meine Visitenkarte »in ihrem schusseligen Kopf« irgendwo verkramt und nicht mehr wusste, was auf ihr draufgestanden hatte.

»Ich bin Privatermittler.«

Gloria machte große Augen. »Detektiv?«

»Yeah.« Ich nickte.

»Und was machen Sie da so?«

»Na, ich ermittle eben und sage meinen Klienten anschließend, was ich so ermittelt habe.«

»Was ermitteln Sie denn gerade?«

»Es ist leider vertraulich.« Ich hielt mir mein Zigarettenpäckchen hin. Sie nahm ein Stäbchen, und ich klopfe mir auch eins zwischen die Zähne. »Ich würde gern einiges über Sie ermitteln«, gestand ich ihr mit einem ziemlich schiefen Grinsen.

»Zum Beispiel?«

Ich gab ihr Feuer. »Ob Sie verheiratet sind.«

Gloria kicherte. »Mann, was sind Sie denn für ein Detektiv! So was ermittelt man doch, indem man einer Frau auf die Hände schaut.«

Ich errötete. »Sie wissen ja nicht, wie schusselig wir Detektive manchmal sein können. Außerdem neigen Frauen dazu, sich zu verstellen... Ich kenne eine Frau, die immer mit einem Ehering rumprotzt, obwohl sie gar nicht verheiratet ist. Sie glauben nicht, wie schnell sie das Ding vom Finger hat, wenn sie einen Mann sieht, der ihr gefällt.«

Gloria stieß ein Rauchwölkchen aus und lehnte sich zurück. »Ich bin nicht verheiratet. Und Sie?«

»Ich? Natürlich nicht.«

»Wieso natürlich? Sehnen Sie sich nicht nach einer Familie? Nach einer Frau und Kindern?«

Oh, Mann, es ist eine von denen... Ich hätte gern den Kopf geschüttelt, aber man weiß ja: Bei bestimmten Frauen hat man dann ausgeschissen. Also zuckte ich die Achseln, um mir nicht alle Chancen zu versauen.

»Hab noch nicht ernsthaft drüber nachgedacht«, nuschelte ich. »Bin ja in meinem Beruf auch immer auf Achse und nachts fast nie zu Hause... Da hätten die Kinderchen ja nie was von mir und so weiter...«

»Na ja«, sagte Gloria lachend, »wer Tiere und kleine Kinder hasst, kann kein völlig schlechter Mensch sein.« Sie blitzte mich an. »Sie gefallen mir. Wollen wir irgendwo einen trinken gehen?« Sie schaute sich um.

Ich schaute auf meine Armbanduhr und dachte: Wenn du jetzt Feierabend machst und Shawn versetzt, hat er zum letzten Mal jemanden für dich ins Zeitungsarchiv geschickt... »Wahnsinnig gern«, sagte ich, »bloß steht dem ein dringender beruflicher Termin entgegen. Was halten Sie von...«

Als ich meinen Blick von der Uhr nahm, war sie verschwunden. Ich reckte den Hals. Dann schaute ich nach draußen und sah Leroy Beaudine über die Straße gehen und in einer Einfahrt verschwinden.

»Ist er weg?« Glorias Augen und Stirn tauchten hinter dem Tisch auf, unter den sie sich geduckt hatte.

»Meinen Sie Leroy?«

»Ja.« Sie nickte.

»Der ist weg, keine Sorge.«

Sie setzte sich wieder normal hin, und ich sagte leise: »Es geht mich ja nichts an, Gloria, aber... Haben Sie Angst vor ihm oder wollen Sie ihm nur nicht begegnen?«

Sie zuckte die Achseln. »Er hat keinen guten Einfluss auf mich. In seiner Gegenwart trinke ich zu viel.«

Mehr wollte sie wohl nicht sagen. Da es indiskret gewesen wäre, sie zu fragen, warum sie seine Gesellschaft dann nicht mied, seufzte ich und fragte sie, ob ich sie irgendwohin mitnehmen könnte.

»Nein, danke.« Immerhin schenkte sie mir ein Lächeln. »Aber ich muss sozusagen nur um die Ecke.«

»Schön.« Ich stand auf, schwang mich in Hut und Mantel und zwinkerte ihr zu. »Bis dann.«

»Alles Gute.«

Ich ging hinaus. Mein Wagen stand vor dem Haus. Erst als ich einen halben Kilometer gefahren war, wurde mir bewusst, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte: Gloria hatte mich praktisch zu einem Rendezvous geladen.

Leroy Beaudine hatte es mir vermasselt, einen Termin mit ihr zu festzumachen.

Ich hätte diesen Arsch erwürgen können.

 

 

5.

 

Shawn Smith war ungefähr zwanzig Jahre älter als ich, aber man sah es ihm nicht unbedingt an.

Er war schon mit meinen Eltern befreundet gewesen und hatte die Zuneigung, die er für sie empfunden hatte, auf mich übertragen. Als ich zehn Jahre gewesen war, hatte er mich gebeten, den »Mister« zu lassen und ihn Shawn zu nennen - er käme sich sonst immer wie sein Vater vor.

Ich mochte den alten Knaben gut leiden. Nicht zuletzt auch, weil wir oft wunderbaren Spaß miteinander hatten und er einen guten Schluck zu schätzen wusste. Außerdem waren seine Kenntnisse, seine Bekannten und das Archiv der Chicago Tribune für einen Mann in meiner Branche unbezahlbar.

Ich weiß nicht, wie oft er für mich in Bibliotheken gestöbert oder Maggie mit Leuten bekannt gemacht hatte, die beim Katasteramt, bei den Wasserwerken, bei Versicherungen und bei Eisenbahn- und Telefongesellschaften tätig waren. Auch ins Rathaus hatte er Kontakte. Wir profitierten davon, weil Maggie es verstand, die Lustmolche im Staatsdienst auszuhorchen.

Als ich Henry’s Steak Diner betrat, wartete Shawn schon auf mich. Sein rotes Näschen deutete nicht unbedingt Kälte an, denn sein Büro im nicht weit entfernten Verlagsgebäude war gut geheizt. Neben ihm saß ein älterer Knabe mit einem buschigen roten Schnauz und einem ebensolchen Haarschopf.

Ich kannte ihn. In der Zeit, in der ich im aktiven Dienst der Staatsmacht gewesen war, war er Sergeant bei der City Police gewesen.

»Das ist Charley Snow«, sagte Shawn, als ich mich zu ihnen an den Tisch setzte. »Wir haben früher so manche Nacht zum Tag gemacht.«

Snow grinste. »Aber natürlich nur am Wochenende.«

Sie hatten gerade zu Abend gegessen. Ein Kellner kam und räumte ab. Smith bestellte Kaffee für alle – »aber keinen kalten.« Das sagte mir genug.

»Die Suche nach den gewünschten Unterlagen war ziemlich unergiebig«, sagte Smith. »Leider lag in dem betreffenden Aktendeckel nur eine Zehn-Zeilen-Notiz über den Toten am Morgen des 1. Januar 1908.« Er zuckte die Achseln. »Der Grund dafür war wohl, dass sich am gleichen Abend in einer Kneipe auf der Lakewood Avenue ’n Makkaroni mit ’nem polnischen Metzger wegen ’ner Schnepfe in die Haare gerieten und Messer zückten. Im Nu war ’ne Massenkeilerei mit vierzig Beteiligten im Gange, die nicht nur in der Kneipe stattfand, sondern auch in der Straße davor. Dabei wurde einem Mann ein Auge ausgeschlagen und zwei anderen die Kehle aufgeschlitzt. Das hat die Presse natürlich mehr interessiert als den angeblich an Herzversagen verstorbenen Mr. Donahue unter dem parkenden Fuhrwerk.«

Ich schaute auf. »Angebliches Herzversagen?«

Smith deutete auf Sergeant Snow. »Pack aus, Charley.«

Snow räusperte sich. »Ich war als erster Polizist am Fundort. Die Leute aus der Delaware Street – in erster Linie die Familie, deren Kinder den Toten gefunden hatten – hatten das Fuhrwerk schon abgeschirmt. Zwei andere Männer waren vor mir dort: Ein alter Arzt, der gleich gegenüber wohnte, und ein junger Spund von der Tribune. Als ich ankam, sagte der Arzt gerade, er könnte keine Wunde sehen, also sei nicht auszuschließen, dass der Mann an ’nem Herzschlag gestorben sei. Der Spund lief sofort zum nächsten Telefon. So wurde die Ente geboren, Willie Donahue sei in der Silvesternacht ’nem Herzschlag erlegen.« Snow schaute mich an. »Es ist aber ’ne Tatsache, dass von hinten ’ne Kugel sein Herz durchbohrt hatte. Man hat es erst gesehen, als die Leiche in der Pathologie lag und auf den Bauch gedreht wurde.«

»Eine Kugel?« Ich atmete erneut auf. »Kein Messer?«

»Nee.« Snow schüttelte den Kopf.

»Erzählen Sie mir was über diesen Willie Donahue, Charley«, sagte ich. Was war er für einer?«

Snow schlug den Blick zum Himmel. »Er war ’n dummer Junge. Großes Maul, starke Arme, aber nix auf’m Kasten. Hat sich stark gefühlt, wenn er mit seinen Kumpanen rumgezogen ist. Der hat nie was Vernünftiges gemacht. Der hat immer nur Scheiße gebaut: Leute angemacht, Schwächeren was aufs Maul gehauen und dergleichen.«

»Wovon hat er gelebt?«

Snow zuckte die Achseln. »Brüche und Diebereien, nehm ich an. Er war erst zwanzig, hatte aber schon zwei Jahre gebrummt. Davor die übliche Karriere: Der Vater ’n ständig besoffener Schläger, die Mutter ’ne Tabletten schluckende Halbschlampe. Würde Willie heute in Chicago leben, hätte er die besten Aussichten, in einer großen Gang Karriere zu machen: Der hat alles gemacht, was man ihm aufgetragen hat, und wenn er die Kohle im Sack hatte, hat er sie gleich mit losen Weibern verjubelt.« Snow seufzte. »Aber zum Glück war Chicago vor zwanzig Jahren noch nicht so verkommen wie heute. Damals hatte er nur die Wahl, ’ne Laufbahn als Scheißhausratte zu starten oder ins Gras zu beißen.« Der »Kaffee« kam. Snow trank einen Schluck.

Smith und ich taten es ihm gleich. Das Zeug schmeckte nicht übel. Ich tippte auf einen Import aus der Karibik. »Was wissen Sie über seine Kumpane, Charley?«

»Tja, das ist alles verdammt lange her.« Snow schaute ein Loch in die Decke. »Seit Shawn mich angerufen hat, denk ich über die Sache nach. Wenn ich an Willie Donahue denk, hab ich als eigentlich nur das Gesicht eines Burschen vor Augen, der Eddie Kaplovski hieß - oder so ähnlich.«

»Was?!«

»Kennen Sie ihn?«, fragte Snow überrascht.

»Könnte er auch Eddie Krapovnik heißen?«

»Aber ja! Ja, so hieß er.«

Ich fand es schon reichlich komisch, dass mir dieser eigenartige Name an einem Tag gleich zweimal begegnete. Gloria Calhoun hatte mich mit ihm verwechselt. Hatte ich etwa einen Doppelgänger? »Wie sieht er aus?«

»Wie Eddie heute aussieht, weiß ich nicht«, erwiderte Snow. »Vor zwanzig Jahren sah er eigentlich ganz gut aus. Er hatte rötlich-blondes Haar und in etwa Ihre Figur. Ich erinnere mich, dass er gesunde Zähne und grüne Augen hatte. Im Gegensatz zu den Ratten, mit denen er sich rumtrieb, war er nicht dumm. Dass er später nicht mehr in Erscheinung getreten ist, könnte bedeuten, dass er die Kurve gekriegt und was Ordentliches aus sich gemacht hat.«

»Dein Wort in Gottes Ohr, Charley«, sagte Shawn. »Er kann ebenso gut vor zehn Jahren irgendwo von den Makkaronis verscharrt worden sein, weil er ’ne zu dicke Lippe riskiert hat.«

»Möglich.« Snow nickte. »Andererseits war dieser Eddie nicht der Typ, der ’ne dicke Lippe riskiert. Der hat immer erst nachgedacht, bevor er was sagte.«

»Bei manchen Makkaronis bist du schon tot, wenn du ihre Frau ’ne Sekunde zu lange anguckst.«

Snow und ich mussten lachen. Dann prosteten wir uns zu und leerten unsere Tassen. Ich ließ noch ’ne Runde Kaffee springen, dann bedankte ich mich bei Shawn Smith und Ex-Sergeant Snow und machte ich mich auf den Heimweg.

 

 

6.

 

Ich kam schneller auf Eddie Krapovniks Spur als gedacht.

Am nächsten Vormittag betrat ich auf gut Glück das Little Green Man. Die komischen jungen Männer waren nicht da, doch Gloria Calhoun saß am Tresen und nahm ein spätes Kaffeefrühstück ein.

Ich schwang mich auf den Hocker neben sie. Sie sah mich im Spiegel und lächelte irgendwie erfreut.

»Tag, Harry.«

»Tag, Gloria.«

»Ich hab ein Gedächtnis wie ein Sieb«, sagte sie. »Aber ich Gesichter kann ich mir merken.«

Ich bestellte einen Pfannkuchen und Kaffee. Dann sagte ich: »Wissen Sie, wo ich Eddie finde?«

»Ich weiß nicht mal, ob er noch lebt«, erwiderte sie. »Früher hat er auf der Straße Musik gemacht. Mein Vater hat ihn als junger Kerl gekannt, bevor er angefangen hat zu saufen. Eddie meine ich, nicht meinen Vater. Mein Vater hat ihm schon mal ’n Dollar gegeben. Eddie hat ’ne hübsche Bluesgitarre gespielt. Sie klang manchmal so traurig, dass ich fast weinen musste.«

In meinem Kopf machte etwas Klick. Dann fielen mir das Sante Fé und ein Bursche mit dem rötlichen Haar ein, der die Klampfe so beherrschte, wie ich es mir erträumte.

Ich hatte ihn vor acht oder neun Jahren auf der Bühne einiger Läden gesehen. An seine Band im Santa Fé erinnerte ich mich genau. Schon damals hatte der eine oder andere Bekannte gesagt, Eddie sähe mir ähnlich.

Mir war es nie aufgefallen; aber man selbst sieht so was ja wahrscheinlich als Letzter. Ich kannte sogar jemanden, der in seiner Band Piano gespielt hatte. Er war inzwischen als Komponist und Sänger ziemlich bekannt, hatte mich aber nicht vergessen.

»Sie wissen nicht, ob Eddie noch lebt?«, fragte ich mit hochgezogenen Brauen. »Gibt’s dafür einen Grund?«

Gloria schaute sich vorsichtig um. »Na ja, bei seinem Lebenswandel...«

»Wissen Sie, wo er logiert hat, als Sie ihn zum letzten Mal gesehen haben?«

Gloria schüttelte den Kopf und stand auf. »Das kann Ihnen wahrscheinlich nicht mal mein Vater sagen. Ich glaube, als wir ihn zuletzt gesehen haben, war er obdachlos.«

»Wann war das?«

Achselzucken. »Vor ein, zwei Jahren?«

Ich hatte noch eine andere Quelle: Hoagy Carmichael.

Gloria verabschiedete sich mit den Worten »So, jetzt muss ich aber.« Bevor ich mich erkundigen konnte, was sie musste, stiefelte sie hinaus.

Drei Dutzend männliche Gäste fraßen sie mit Blicken auf. Ein Dutzend Schnepfen fragten sich vermutlich, was sie hatte, was sie nicht hatten.

Ich trank meinen Kaffee, dann bat ich ums Telefon und rief im Regency an, wo es einen Empfangschef gab, der mir verpflichtet war, weil ich verhindert hatte, dass seine Göre in einem Heim für schwer Erziehbare gelandet war - wo sie hingehörte.

»Ist Mr. Carmichael zufällig im Haus, Al?«, fragte ich.

»Nein, tut mir Leid.«

»Weißt du, wo er abgestiegen ist?«