Heartfulness - Die Methode - Kamlesh D. Patel - E-Book

Heartfulness - Die Methode E-Book

Kamlesh D. Patel

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Beschreibung

Meditation im Alltag ist in aller Munde und viele Menschen wollen von den Vorteilen der Meditation profitieren. Häufig besteht jedoch Unsicherheit, wie man richtig meditiert und es stellen sich viele Fragen: Wie sitze ich am besten? Wie kann ich störende Gedanken loswerden? Wie lange soll ich meditieren? Warum sollte man auf das Herz meditieren? Was ist yogische Übertragung? Heartfulness - Die Methode beantwortet diese Fragen und führt uns darüberhinaus auch in die spirituellen Aspekte der Meditation - jenseits von Ritualen und Glaubenssystemen. Wir entdecken, dass Meditation weit mehr ist, als mit geschlossenen Augen ruhig dazusitzen. Wir entdecken, dass die Heartfulness Methode hilft unser Leben auf allen Ebenen positiv zu transformieren. Dieses Buch gibt das Gespräch zwischen einem Suchenden, Joshua Pollock, und dem spirituellen Lehrer der Heartfulness Organisation, Kamlesh D. Patel wieder. Es zeigt wie Meditation durch die einzigartige Heartfulness Methode für jeden einfach in den modernen Alltag zu integrieren ist.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Vorwort

Einführung

Teil 1: Warum Heartfulness

Die Reise des Suchenden

Meditation entmystifizieren

Innere Einstellung

Die yogische Übertragung

Teil 2 : Nach der Heartfulness-Methode praktizieren

Die Meditation

Wann und wo meditieren

Die Meditationshaltung

Entspannung

Wie man meditiert

Die Dauer der Meditation

Der meditative Zustand

Die Reinigungs-Methode

Die Heartfulness-Reinigung in der Praxis

Das Gebet

Wie man sich durch das Gebet verbindet

Das Heartfulness Gebet

Teil 3: Der Guru

Die Rolle des Gurus

Schlussbemerkung

Anmerkungen

Glossar

Heartfulness Links

Vorwort

Wir wissen nie, was das Leben für uns bereithält, was hinter der nächsten Ecke auf uns wartet. Aber gerade das macht einen wesentlichen Teil des Geheimnisses und der Schönheit des Lebens aus. In meinen sechzig Jahren habe ich viel Segensreiches erfahren. Eines dieser segensreichen Ereignisse trug sich 1976 zu, als ich als junger Mann im indischen Ahmedabad Pharmazie studierte. Dank eines Kommilitonen kam ich mit der Heartfulness-Methode in Berührung, und nur ein paar Monate später lernte ich jenen außergewöhnlichen Mann kennen, der mein erster Guru wurde und mich mit dieser Meditationsmethode vertraut machte. Sein Name war Ram Chandra, und wir nannten ihn Babuji.

Meine allererste Heartfulness-Meditation beeindruckte mich so tief, dass mir klar wurde, ich habe meinen Weg und meinen Anker im Leben gefunden. Doch die Begegnung mit Babuji löste noch viel mehr aus und beschenkte mich mit etwas in seinem Wesen unbeschreiblich Kostbarem und Subtilem. Dass sich seitdem in mir ganz neue Universen und Dimensionen eröffnet haben, ist nur ein Aspekt all des Wunderbaren, das in den letzten vierzig Jahren geschehen ist. Noch beeindruckender ist der mit den Heartfulness-Meditationsübungen einhergehende Gewinn an Qualitäten, die das alltägliche Leben ausmachen: Liebe, Demut, Akzeptanz, Menschlichkeit, Mitgefühl, Einfühlsamkeit und ein höheres Ziel.

All das beginnt mit einer einfachen Meditation. Nichts anderes ist dazu nötig, als sich ruhig hinzusetzen, die Augen zu schließen und den Blick nach innen zu richten, auf die Quelle allen Seins, in unser Herz. Wenn wir uns dieser Meditation mit kindlicher Unschuld annähern, dann öffnet sich auf ganz natürliche Weise unser inneres Universum. In der auf das Herz gerichteten Meditation erfahren wir den einfachsten und reinsten Aspekt unseres Daseins, unsere Seele. Alles daran ist ganz natürlich.

Die in diesem Buch vorgestellten Heartfulness-Übungen nähren unsere Seele, sie beseitigen all das Unkraut und den Schutt, unter dem sie verborgen liegt, und setzen so die kindliche Unschuld, die dem Leben Bedeutung verleiht, frei. Zugleich helfen sie uns, mit dem Alltagsstress, den Sorgen und Nöten, die Beruf und Beziehungen mit sich bringen, fertigzuwerden, zu einfachen Antworten zu finden und unseren Alltag auf bereichernde, erfüllende Weise zu meistern.

Stellen Sie sich einmal vor, es gäbe einen Weg, das Leiden hinter sich zu lassen und in den Himmel der Hoffnung und Zufriedenheit zu gelangen? Würden Sie ihn nicht gehen wollen? Genau das bietet Ihnen Heartfulness. Nicht indem es Probleme oder die Ursachen des Leidens beseitigt oder negiert, vielmehr lässt Heartfulness uns die Welt auf eine neue, nicht durch unsere eigenen Grenzen beschränkte Weise sehen.

Mit der Heartfulness-Methode erforschen und erweitern wir nicht nur unser Bewusstsein, sondern gelangen sogar darüber hinaus zu unserem wahren Potential. Ich hoffe, Sie werden sich an diesem Buch erfreuen und können von dem, was ich auf meiner Lebensreise gelernt habe, profitieren.

Kamlesh D. Patel

Januar 2018

Einführung

Als ich an einem Augusttag 2015 zu Hause in Chennai in meinem Arbeitszimmer saß, stand auf einmal meine Frau mit dem Telefon in der Hand in der Tür. „Es ist Kamlesh. Er ruft aus Europa an“, sagte sie lachend. Offenbar hatte unsere zweijährige Tochter das Gespräch angenommen und eine Zeitlang mit Kamlesh gebrabbelt, bevor meine Frau es bemerkte. Als ich das Gespräch übernahm, sagte er: „Ich hätte gerne, dass du ein Buch über Meditation schreibst.“ Sofort sagte ich zu. Gleichzeitig fühlte ich mich ein wenig unwohl, denn mir war klar, dass Kamlesh – der schon seit über vierzig Jahren meditiert und für viele Suchende auf der ganzen Welt ein spiritueller Lehrer ist – selbst viel besser qualifiziert dafür wäre.

Bei unserem nächsten Treffen sagte ich: „Vielleicht schreibst doch lieber du das Buch.“

Lächelnd erwiderte er: „Wir schreiben es gemeinsam.“

Zwei Jahre lang führten wir an verschiedenen Orten in Indien und den USA ausführliche Gespräche, die in diesem Buch niedergelegt sind.

Etwa zwanzig Jahre zuvor hatten mehrere Bücher mein Interesse am Meditieren geweckt. Als Teenager war ich fasziniert von dem Thema Spiritualität. Ich war mir sicher, wenn ich mich nur lange genug durch die riesige Büchersammlung meiner Eltern ackerte, dann würde ich bestimmt einige verborgene und esoterische Texte finden, die mir die großen Geheimnisse des Universums offenbarten.

Als Erstes stolperte ich über das Tao Te Ching (Deutscher Titel: Das Buch vom Sinn und Leben), von dem ungemein klugen Laotse angeblich unter Zwang verfasst. Es fesselte mich durch seine Weisheit und Einfachheit und steigerte meine spirituelle Sehnsucht. Dadurch gelangte ich zu anderen Büchern und arbeitete mich durch die Literatur von Buddhisten, Taoisten, Sufis und Christen. Ich las Aristoteles und Augustinus, Emerson und Epikur. Nach und nach dämmerte mir, dass mir die Lektüre nur die Erfahrungen und Ideen anderer vermittelte. Aber was war mit meinen eigenen? Bislang hatte ich ausschließlich abstraktes Wissen angesammelt; ich hatte so viele spirituelle Vorstellungen kennengelernt, aber nur in papierner Form. So vielen Begriffen war ich begegnet – Aufklärung, Satori, Samadhi, Erleuchtung. Jetzt wollte ich selbst herausfinden, was das alles bedeutete, und ich wusste, dass ich mich dem auf praktischem Wege würde annähern müssen.

Mit Übereifer widmete ich mich ganz unterschiedlichen Praktiken, besuchte Meditationskurse, fing mit Yoga und Martial Arts an. Bis ich einen berühmten Zen-Meister kennenlernte. Als sein Blick auf mich fiel, brachte ich nicht mehr als ein Stammeln hervor. „Ich bin noch nie einem Meister begegnet“, sagte ich.

„Warte nur“, erwiderte er.

Damals meditierte ich schon täglich. Allerdings war ich noch nicht zufrieden. Es war ein regelrechter Kampf, schwierig und mühsam. Nach ein paar Jahren flaute meine Begeisterung ab, und ich gab meine Suche auf. Ich hatte nichts erreicht und war ein bisschen desillusioniert.

Im August 2002 begegnete ich vor einem Laden in der Nachbarschaft einer Frau. Ich kam mit ihr ins Gespräch, und sie erzählte mir von einer Meditationsmethode namens Sahaj Marg (der „natürliche Weg“ auf Hindi) und Heartfulness. Sie klang, als hätte Heartfulness ihr Leben grundlegend verändert.

Diese neue Art des Meditierens weckte zwar meine Neugier, aber ich blieb doch ein wenig skeptisch. Damals war ich immun geworden gegenüber den vielen Versprechungen, was Meditation alles leisten könne. Meine eigene Meditationserfahrung war eine andere gewesen. Vielleicht ist Meditieren einfach nicht meins, dachte ich. Obendrein bezweifelte ich, dass sich der wahre Weg so einfach finden ließe. Ich fragte mich, ob ich tief in den Himalaya wandern oder mich in ein anderes abgelegenes Gebiet begeben müsste, um einen guten Lehrer zu finden. Wie wahrscheinlich ist es, etwas Wahrhaftiges durch eine Zufallsbegegnung auf der Straße zu finden. Doch etwas in mir sagte: „Ja, es ist möglich …“

Dann rief mich an einem strahlenden Septembermorgen meine Mutter an. Sie weinte. Meine kleine Schwester hatte einen Autounfall gehabt. Sie wurde gerade bewusstlos ins Krankenhaus gebracht. Niemand konnte sagen, ob sie überleben würde. Ich war am anderen Ende des Landes und konnte nichts tun. Gegen Mitternacht starb meine Schwester mit gerade einmal sechzehn Jahren.

Das sind die Momente im Leben, in denen die Menschen nach Sinn, Spiritualität und Hoffnung suchen. Nur hatte ich das schon gemacht und nichts gefunden. Gleichwohl vereinbarte ich ein Treffen mit einem Heartfulness-Trainer namens Brian Jones. Brian ist Künstler. Wir trafen uns in seinem Atelier, in dem viele Bilder in unterschiedlichen Entstehungsstadien standen. Beim Kaffeetrinken erzählte er mir zu meiner Verwunderung, dass Heartfulness-Trainer alle unentgeltlich arbeiten. Danach lud mich Brian in einen Nebenraum zum Meditieren ein, oder zu einem „Sitting“, wie er es nannte. Er führte mich zu einem Stuhl, nahm mir gegenüber Platz und erklärte mir, wie man auf das Herz meditiert. Seine Rolle bestünde einfach darin, mit mir gemeinsam zu meditieren, was meine Meditation erleichtern würde. Dann forderte er mich auf, die Augen zu schließen, und sagte: „Bitte fang an.“

Was dann geschah, ist schwer zu beschreiben. Erst viel später wurde mir klar, dass ich für einen kurzen Moment Samadhi erfahren hatte, einen Zustand tiefgehender innerer Gelassenheit, in dem man über sich selbst hinaus gelangt, über das Hier und Jetzt, über alles hinaus. Als er die Meditation mit den Worten „Das ist alles“ beendete, hatte ich das Gefühl, aus der Ewigkeit gerissen zu werden.

Danach saßen wir noch eine Weile in der postmeditativen Stille und genossen die wunderbare Atmosphäre. Ich wusste, dass ich gerade etwas Einmaliges erlebt hatte, etwas, wonach ich mein ganzes Leben gesucht hatte. Was dieses „Etwas“ war, wusste ich nicht, aber zum ersten Mal in meinem Leben war mein Herz voller Freude, und ich spürte Frieden in mir. Später erfuhr ich, dass mir diese Erfahrung durch die, wie es genannt wird, „yogische Übertragung“ zuteilgeworden war.

Heartfulness ist eine Methode, bei der drei wesentliche Praktiken zusammenkommen: Meditation, Reinigung und Gebet. Diese drei Praktiken werden gestützt durch die yogische Übertragung, die das Wesen von Heartfulness ist und der Schlüssel zu dem damit verbundenen Transformationspotential.

Durch die Meditation bewegen wir uns von der Komplexität des Geistes zur Einfachheit des Herzens. Alles beginnt mit dem Herzen. Wenn das Herz friedlich ist, dann ist es der Verstand auch. Wenn das Herz zufrieden ist, dann gewinnt der Verstand Einsicht, Klarheit und Weisheit. Viele halten Herz und Verstand für zwei unterschiedliche Wesenheiten, die sich oft im Widerstreit miteinander befinden. In der Heartfulness-Meditation gebrauchen wir das Herz, um den Verstand zu lenken, und richten beide zueinander aus. In der Meditation werden sie eins und damit integrieren wir sie.

Die Reinigungsübung befreit uns von verschiedenen geistigen und emotionalen Mustern, die unser Leben beherrschen. Wir reinigen unser Herz, indem wir unsere innere Schwere, niedere Eigenschaften und Begierden loswerden. Nach und nach kommt unsere eigentliche Natur zum Vorschein.

Im Gebet bekräftigen wir unsere Verbindung zu der spirituellen Quelle in uns. Das Beten führt zu einem Zustand des inne seins, der uns dazu bringt, uns mit dieser Quelle vereinigen zu wollen. Es erzeugt eine Sehnsucht, die sich in der tiefgehenden Meditation auflöst.

Heartfulness ist im frühen 20. Jahrhundert in Indien entstanden. Begründer der Methode ist ein Yogi namens Ram Chandra, der Lalaji genannt wurde. Von Anfang an wandte sich Lalaji gegen jede Exklusivität und nahm Schüler aus anderen Religionen und allen sozialen Schichten auf, was zur damaligen Zeit sehr ungewöhnlich war. Er selbst bediente sich verschiedener Traditionen, die er zusammenführte und erneuerte, um sie für das moderne Leben zugänglich zu machen. Heutzutage haben Suchende meist unzählige Verpflichtungen und können sich nicht ausschließlich ihrem spirituellen Streben widmen. Heartfulness hat ein ausgeglichenes, ganzheitliches Leben im Blick, in dem die spirituellen und materiellen Seiten in Balance miteinander sind.

Lalajis spiritueller Nachfolger hieß ebenfalls Ram Chandra, ist aber unter dem Namen Babuji bekannt geworden. Babuji vervollkommnete Heartfulness, brachte es in die gegenwärtige Form und verbreitete es in der ganzen Welt. Babujis Nachfolger wiederum war Parthasarathi Rajagopalachari (Chariji), der dritte Lehrer auf dem Heartfulness-Weg. Als er am 20. Dezember 2014 starb, folgte ihm Kamlesh D. Patel.

Es ist mein Glück, dass ich mehrere Begegnungen mit Chariji hatte, als mich 2008 die Arbeit zurück nach Indien führte. Bei meiner ersten Begegnung mit ihm erinnerte ich mich daran, was der Zen-Meister mir vorausgesagt hatte. Allerdings verstand ich erst später, dass ein Treffen mit dem Meister eigentlich in einem selbst stattfindet, nicht im äußeren Leben.

Während ich in Indien lebte, lernte ich auch Kamlesh kennen, der mein Nachbar und Vater eines meiner Freunde war. Ich mochte ihn sofort und entwickelte schnell großen Respekt vor Kamlesh. Er ist einer der authentischsten und bodenständigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. So erinnere ich mich an eine Begebenheit, als sein Sohn bemerkte, dass einer der Wachleute von unserem Apartmentkomplex ständig unglücklich wirkte. „Vielleicht hilft es ihm, wenn er meditiert“, sagte er zu seinem Vater. „Dieser Mann braucht im Augenblick ein Stück Brot viel nötiger als Gott“, erwiderte Kamlesh.

Kamlesh wurde 1956 im nordwestlichen Bundesstaat Gujarat geboren. Mit Heartfulness begann er 1976 als Student der Pharmazie. Nach seinem Abschluss zog er nach New York, wo er als Apotheker arbeitete und seine Meditationspraxis fortsetzte. 2011 erwählte ihn Chariji zu seinem Nachfolger, und diese Nachfolge trat Kamlesh an dem traurigen Tag von Charijis Tod an.

Seitdem widmet sich Kamlesh ganz seinen spirituellen Pflichten. Er leitet das Heartfulness-Institut und bietet Suchenden auf der ganzen Welt seine Hilfe und Unterstützung an. Da Kamlesh sämtliche offiziellen Titel ablehnt, nennen ihn viele „Daaji“, ein Gujarati-Ausdruck, der so viel bedeutet wie „Vaters jüngerer Bruder“.

Heartfulness-Die Methode besteht aus einer Reihe von Gesprächen zwischen Daaji und mir, die durch die Philosophie und die Praxis von Heartfulness führen. Im Laufe dieser in aller Offenheit geführten Gespräche stelle ich Daaji viele Fragen. Es sind zum Teil Fragen, die ich hatte, als ich mit dem Meditieren begann. Andere wurden mir oft als Heartfulness-Trainer gestellt. Wieder andere ergaben sich während der Gespräche.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um das Wesen der spirituellen Suche, er entmystifiziert das Meditieren und die yogische Übertragung.

Der zweite Teil vermittelt die zentralen Methoden von Heartfulness: Meditation, Reinigung und Gebet. Er verbindet grundlegendes Wissen mit praktischen Handlungsanweisungen. Jedes Kapitel schließt mit einer schrittweisen Einführung in diese einfachen Übungen.

Der dritte Teil ist eine Auseinandersetzung mit der unsichtbaren, aber entscheidenden Rolle des Gurus für unsere innere Reise.

Heartfulness-Die Methode ist eine Einladung, es einmal mit den einfachen Übungen zu versuchen, die mein Leben und das vieler anderer auf der ganzen Welt verändert haben. Natürlich kann kein Buch uns verändern. Ein Buch kann uns Weisheit vermitteln, es kann uns aber nicht zu weisen Menschen machen. Ein Buch kann uns Wissen vermitteln, aber es kann nicht die Wahrhaftigkeit dieses Wissens erfahrbar machen. Dieses Buch bietet eine auf Erfahrung beruhende Methode, die vielen Menschen geholfen hat, sich diese Wahrhaftigkeit zu erschließen.

Wir können an verschiedenen Orten nach Spiritualität suchen, aber die Quelle der Spiritualität ist nicht außerhalb von uns zu finden. Ihre Präsenz kann nicht begriffen, sondern nur gefühlt werden. Und das tun wir mit dem Herzen, dem Organ, mit dem wir fühlen. Heartfulness zu praktizieren bedeutet, die Essenz jenseits der Form zu suchen. Es bedeutet, die Wahrheit hinter dem Ritual zu suchen. Es bedeutet, sich in der Tiefe des Herzens zu verankern und dort den eigentlichen Sinn und Zufriedenheit zu finden.

Daajis Botschaft an die Suchenden ist einfach und direkt: Erfahrung ist größer als Wissen. Jedem guten Lehrer ist das klar. Deshalb gibt es in jedem guten Unterricht theoretische und praktische Einheiten. Im theoretischen Teil, so sagt Daaji, erlernt man die Prinzipien, aber im praktischen Teil stellt man Versuche an und macht konkrete Erfahrungen. Ich lade dich ein, dein Herz zum Experimentierfeld und die Heartfulness-Übungen zu deinem Experiment zu machen.

Bei jedem Experiment gibt es jemanden, der den Versuch durchführt, eine Versuchsperson und ein Ergebnis. Hier, in dieser spirituellen Versuchsanordnung, nimmst du alle drei Rollen gleichzeitig ein. Du bist derjenige, der den Versuch durchführt, du bist die Versuchsperson und du bist das Ergebnis. Bei einem solchen Versuch gibt es kein endgültiges Ergebnis, nur einen Prozess der fortlaufenden Entdeckung. Das ist das Wundervolle an Heartfulness.

Joshua Pollock

Januar 2018

Teil 1

Warum Heartfulness

Die Reise des Suchenden

Daaji saß entspannt in einem Hängesessel, als ich seine Wohnung in Chennai betrat. Ich ging auf ihn zu, und ein warmes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Na, wie geht’s so?“, sagte er und streckte mir zur Begrüßung die Hand entgegen. Ich setzte mich ihm gegenüber. Aus dem Nachbarzimmer kam eine Verwandte und wollte mir Tee anbieten. Daaji unterbrach sie.

„Gib ihm Kaffee“, sagte er. „Den mag er lieber.“ Er hatte recht.

Den meisten Leuten fällt an Daaji als Erstes seine Gelassenheit auf. Es ist eine außergewöhnliche Eigenschaft, die vermutlich jeden in seiner Gegenwart berührt. Er wägt seine Worte sorgfältig ab und sagt gerade so viel, wie nötig ist, um das Wesentliche eines Gedankens zum Ausdruck zu bringen. Es liegt am Zuhörer, dem Gedanken in all seinen Facetten nachzugehen. Immer wieder hält Daaji beim Reden inne, und in diesem Schweigen kann der andere auch Ungesagtes begreifen, das oft wichtiger ist als die konkrete Lehre. Dann breitet sich im Zuhörer innere Zufriedenheit aus, und er vergisst all seine Fragen. Genau davor hatte ich allerdings Angst, weil ich ja ein Interview mit Daaji führen wollte. Allerdings merkte ich, wie zwischen uns eine ganz neue Dynamik entstand. Unser Gespräch floss ungehindert dahin, und er beantwortete jede meiner Fragen freudig und mit großer Ernsthaftigkeit.

„Du willst mir also eine Reihe von Fragen stellen“, sagte Daaji.

„Ja, aber ich möchte erst mal mit einer anfangen“, sagte ich. „Warum sollte man meditieren?“

„Warum nicht?“, antwortete er lachend. „Nun, jeder wird einen anderen Grund dafür haben. Die Ziele, die wir uns im Leben setzen, haben normalerweise mit unseren persönlichen Bedürfnissen und Vorlieben zu tun. Der eine wird beispielsweise Mitglied in einem Fitnessclub, weil er abnehmen will. Der andere will sich ein Sixpack antrainieren. Dennoch gehen beide in denselben Fitnessclub. Ich habe bei Meditierenden auf der ganzen Welt ein bestimmtes Muster festgestellt. Wenn die Leute mit dem Meditieren anfangen, haben sie ganz unterschiedliche Ziele. Viele leiden unter ihrem hektischen Leben. Sie suchen nach einer Möglichkeit, sich zu entspannen. Ein anderer möchte seinen Blutdruck senken. Wieder ein anderer strebt geistige Klarheit an. Oder er will in ein emotionales Gleichgewicht kommen. Aber wenn all diese Leute dann zu meditieren beginnen, merken sie sehr bald, dass die positiven Effekte der Meditation weit über ihre ursprünglichen Ziele hinausgehen. Zu ihrer Überraschung stellen sie ein tiefgehendes Gefühl spirituellen Wohlbefindens an sich fest – einen Zustand, der sich in innerer Freude und sogar Glückseligkeit äußert. Das ist so, wie wenn ein Hungernder um eine Kleinigkeit zu essen bittet und dann ein wahres Festmahl bekommt.

Diese Gefühle sind darüber hinaus ganz konkret und stellen sich sofort ein. Man kann sie nach einer einzigen Meditation erfahren. Was passiert dann erst, wenn man ein zweites und ein drittes Mal meditiert? Man muss sich nur einmal den kumulativen Effekt von vielen Meditationen vorstellen!“

„Aber erreichen wir mit der Meditation auch unsere ursprünglichen Ziele?“, fragte ich.

„Sie werden mit angesprochen, allerdings nicht in der Form, dass sie direkt angesteuert werden“, sagte er. „Die Meditation normalisiert einfach den wie auch immer gearteten inneren Zustand. Wenn ein gestresster Mensch meditiert, sagt er womöglich, dass Meditation entspannt. Jemand, der innerlich aufgewühlt ist, stellt fest, dass Mediation beruhigt. Und wenn ein wütender, verbitterter Mensch meditiert, wird er sagen, dass Meditieren das Herz öffnet und er anfängt zu lieben.

Diese unterschiedlichen Reaktionen sind ziemlich verwirrend, und wir fragen uns, wie Meditation denn nun tatsächlich wirkt.“

„Und wie wirkt sie?“, fragte ich.

„Sie schafft Natürlichkeit“, sagte Daaji. „Wenn man sich dem Zustand der Natürlichkeit annähert, fällt alles Unnatürliche nach und nach von einem ab. Es gibt wahrscheinlich tausend Arten von Unnatürlichkeit, aber nur eine Natürlichkeit. Erreicht man sie, lösen sich tausend Probleme.

Warum also sollte man meditieren? Die Antwort fällt ganz unterschiedlich aus, weil unsere Ziele sich im Zuge unserer Fortschritte verändern. Der heutige Grund ist ein anderer als der morgen. Und so soll es auch sein! Durch das Meditieren wächst die Weisheit. Wir verstehen besser, wer wir sind und wer wir sein sollen. Und die Meditation ist das Instrument, das uns auf diese unendliche Reise mitnimmt.“

„Können wir denn jemals ankommen, wenn die Reise unendlich ist?“, fragte ich.

„Wo denn ankommen?“, erwiderte er mit einem Lachen. „In dem Moment, in dem man das Gefühl hat, man hat es geschafft, hört man auf zu wachsen, und man hört auf, sich zu bewegen. Entwicklung kann nicht anhalten. Wir müssen immer bereit sein, uns zu verändern. Wir müssen bereit sein, den nächsten Schritt zu tun, wie er auch aussehen mag. Sobald wir diesen Schritt vollzogen haben, müssen wir die Bereitschaft und Beweglichkeit haben, noch weiter zu gehen.“

„Aber in der spirituellen Literatur wimmelt es doch geradezu vor Beispielen von Menschen, die angeblich vollkommen waren“, sagte ich.

„Glaubst du, dass sie sich selbst auch so beschreiben würden?“, fragte er. „In der Mathematik gibt es etwas, das man Asymptote nennt. Das ist eine Linie, an die sich eine Kurve annähert und sie in der Unendlichkeit schneidet. Die Kurve nähert sich der Linie unendlich an, aber die beiden treffen sich nicht. Sie kommen sich nur immer näher. Ein weit fortgeschrittener Suchender ist wie diese Kurve. Er nähert sich dem Ziel immer weiter an, ohne es je zu erreichen. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt ist er dem Ziel unendlich nah und unendlich fern und bewegt sich doch weiter. Solange der Suchende lebt, wird die Reise unendlich weitergehen.“

„Wohin bewegen wir uns denn?“, fragte ich.

„Von der Selbstbezogenheit zur Selbstlosigkeit. Vom reaktiven Verstand zum empfänglichen Herzen. Vom Gefangensein im Ego zur Befreiung vom Ego. Vom Hier und Jetzt zum ewigen, zeitlosen Dasein. Vom Verhaftetsein in der Form zur Formlosigkeit. Von der Beschränkung zur Erweiterung. Von der Rastlosigkeit zur Friedlichkeit. Vom Oberflächlichen zum Authentischen. Vom Insistieren zum Akzeptieren. Vom Ungleichgewicht zum Gleichgewicht. Von der Dunkelheit zum Licht. Von der Schwere zur Leichtigkeit. Vom Groben zum Feinen. Von der Peripherie zum Kern des Seins, des Ursprungs, des höheren Selbst.

Der Zweck der Meditation besteht also darin, uns zu transformieren. Das ist bei Religion, Selbsthilfe und Psychotherapie nicht anders. Will man sich verändern, ist man allerdings mit ungeheuren Trägheitskräften konfrontiert, die uns daran hindern, unsere Ziele zu erreichen.

Natürlich findet man dazu allerorten Hilfe. An großen Lehren herrscht kein Mangel – besonders in unserem Zeitalter! Mit einem Mausklick erhalten wir Zugang zum Reichtum fast jeder Tradition. Wir können die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse so vieler Fachgebiete studieren. Wir leben schließlich im Informationszeitalter. Allerdings helfen uns Informationen nur in begrenztem Maße.“

Daaji lachte. „Das erinnert mich an ein altes Sprichwort: Würmer haben tausende Bücher gefressen, aber nie ein Zeugnis für ihre Gelehrsamkeit bekommen.

So ergeht es dem Bücherwurm. Egal wie viel Wissen er erwirbt, es macht ihn keinen Deut klüger. Wissen kann uns nicht verändern. So wissen wir alle, dass Geduld eine Tugend ist, aber reicht dieses Wissen, um uns geduldig zu machen? Genauso kennen wir den Wert der Liebe. Alle großen Lehrer haben davon gesprochen. Dennoch ist es ein himmelweiter Unterschied dazu, sie zu empfinden und auszudrücken.

Was lernen wir daraus? Wenn die Lehre allein reichen würde, dann wären wir alle schon transformiert. Schließlich gab es vor uns bereits viele bedeutende Persönlichkeiten, die große Lehren hinterlassen haben. Und dennoch hat sich die Welt nicht verändert. Große Lehren reichen nicht. Wissen reicht nicht.

Man kann beispielweise an die Allgegenwärtigkeit Gottes glauben, aber fühlt man auch deren beständige Präsenz im eigenen Leben? Wenn nicht, was hilft dann der Glaube daran? Vielleicht verschafft er einem Trost, aber den Trost eines Glaubens zu erfahren ist kein Ersatz für die Erfahrung der dahinterstehenden Wirklichkeit.“

In dem Moment kam jemand ins Zimmer und rief uns zum Mittagessen.

„Komm“, sagte Daaji. „Lass uns essen.“

Wir setzten uns an den Tisch, aber das Essen war noch gar nicht fertig. Offenbar hatte es ein Missverständnis gegeben. Daaji lachte. „Siehst du, das habe ich gemeint. Mit dem Versprechen von Essen kann man den Hunger nicht befriedigen. Ebenso wenig kann der bloße Glaube ein sehnsüchtiges Herz sättigen.“

Nach einer Weile kam das Essen, und wir aßen schweigend. Dann ergriff Daaji wieder das Wort.

„Durch die Meditation wenden wir uns nach innen und verbinden uns dort mit etwas Höherem. Deshalb können wir es überall finden, wo wir gerade sind. Wir müssen keine Pilgerfahrten unternehmen. Wir müssen weder unsere Kleider wechseln noch unsere Gebräuche oder Namen. Wir müssen nichts weiter tun als die Augen schließen und still meditieren. So gewinnen wir praktische spirituelle Erfahrung.

Es ist die Erfahrung, die Spiritualität und Religion unterscheiden. Glaube ohne Erfahrung ist hohl und viel zu abstrakt. Wenn es um weltliche Dinge geht, sehen das die meisten Menschen ein. So besteht das naturwissenschaftliche Studium aus Theorie und Praxis. Im theoretischen Teil werden die Grundlagen vermittelt, im praktischen Teil sieht man sie quasi in Aktion. Man wird auf praktische Weise vertraut mit ihnen. Das vermittelte Wissen wird gestützt von der unmittelbaren Erfahrung.

Hinsichtlich des Spirituellen sind die Leute allerdings meist etwas konservativer. In diesem Bereich sind ihnen unmittelbare Erfahrungen suspekt, und sie verlassen sich lieber auf die Lehren anderer. Aber irgendwann kommt die Zeit, wenn das Herz nach persönlicher Erfahrung verlangt. Wissen oder Glauben kann dieses Bedürfnis nicht befriedigen, und deshalb begibt man sich auf eine spirituelle Suche. Damit will ich keineswegs religiösen Glauben kritisieren. Religion ist ein Fundament, nur was ist ein Fundament eigentlich? Etwas, worauf man baut. Eine religiöse Lehre mag wahr sein, aber sie bedeutet wenig, bis man ihre Wahrheit für sich selbst begriffen hat. Es reicht eben nicht, dass eine Lehre wahr ist. Sie muss für einen selbst wahr sein.

Wahrheit muss konkret erfahrbar sein, und Meditation ist das Mittel dazu. Ohne konkrete Erfahrung könnte man den Eindruck gewinnen, als sprächen die verschiedenen Religionen verschiedene Sprachen. Dann sehen wir nur Christen, Buddhisten, Hindus, Muslime, Juden und all die anderen. Um die Unterschiede zu überwinden, kann man natürlich versuchen, etwas über die jeweilige Religion zu lernen, aber dieses Wissen hebt die Unterschiede nur noch mehr hervor! Man lernt, dass die Christen das Königreich des Himmels anstreben, die Buddhisten das Nirwana, die Hindus Befreiung und den Zustand von Aham Brahmasmi (ich bin Brahman) und die Sufis fana-e-fana (Tod des Todes) und baqua-e-baqua (Leben des Lebens).

Die können doch nicht alle von derselben Wahrheit sprechen, denken wir. Wenn die einen recht haben, müssen die anderen falschliegen.

Dann beginnt der Streit. Wir streiten darüber, welcher Gott der wahre Gott ist. Wir streiten darüber, welche Philosophie die wahre Philosophie ist. Wir streiten über die Legitimität der Gründer. Manche Menschen bekommen die Streitereien satt und werden Atheisten. Sie glauben, dass alle Religionen falsch sind.

Wenn man jedoch meditiert und diese Zustände wenigstens zum Teil erfährt, wird einem klar, dass die Religionen alle gleich sind. Keine kann länger Exklusivität beanspruchen. Man kann nicht mehr behaupten, dass nur die eigene Tradition die richtige ist. Stattdessen akzeptiert man alle Perspektiven. Worum soll man da streiten?

Deshalb empfehle ich immer, bei der Tradition zu bleiben, die man hat – aber auch zu meditieren. Durch das Meditieren gelangt man in eine größere Tiefe und entdeckt das Wesen der Religion. Und man wird feststellen, dass die Essenz aller Religionen gleich ist. Das erinnert an den berühmtem Vers aus dem Rigveda: ‚Es gibt nur eine Wirklichkeit, bloß sprechen die Gelehrten unterschiedlich über sie.‘“

An dieser Stelle machte Daaji einen seiner typischen Gedankensprünge.

„So überzeugend unsere Meditationserfahrungen auch sind, nicht immer transformieren sie uns“, sagte er. „Unsere persönlichen Erfahrungen können tiefgehend sein und wir mögen großen Gefallen daran finden, aber sie führen selten dazu, dass wir uns als Person verändern. Macht es uns automatisch zu einem freundlichen Menschen, wenn wir uns in einem Zustand der Verzückung befinden? Fangen wir automatisch an zu lieben, wenn wir in Ekstase sind?“ Er schüttelte den Kopf.

„Was ist denn dann an der Erfahrung dran?“, fragte ich.

„Na ja, wenn man einen Esel in Bewegung versetzen will, muss man ihm eine Handvoll grünes Gras zeigen“, sagte er lächelnd.

„Dann geht es nur um einen Anreiz?“, fragte ich.

„Wenn wir in der Meditation keine phänomenalen Erfahrungen machen würden, würde vermutlich niemand meditieren“, sagte er. „Meditation transformiert uns, aber wir müssen einen Grund haben weiterzumeditieren.“

„Führen unsere Erfahrungen wirklich nur dazu, dass sie uns ermutigen weiterzumachen?“, sagte ich. „Sie lehren uns doch auch etwas.“

„Ja, aber das heißt nicht, dass wir auch etwas lernen“, erwiderte Daaji. „Durch die Meditation ändern wir uns tatsächlich. Die meditative Praxis wirkt auf unsere tieferen Seinsebenen. Wissen und Erfahrung laufen nur auf der Bewusstseinsebene ab, und das reicht nicht. Unsere Gedanken und Gefühle und unsere Haltung und Gewohnheiten haben Wurzeln in der unendlichen Weite des Unterbewussten. Abgesehen davon haben unsere unterbewussten Gedanken mehr Macht als die Gedanken, deren wir uns bewusst sind. Auch aus diesem Grund bringt es nicht viel, wenn wir unser Bemühen um Veränderung auf die Bewusstseinsebene beschränken. Das willentliche Handeln kann man ändern, aber wie sollen wir das unbewusste Handeln ändern? Kann man etwas ändern, wenn man sich dessen kaum bewusst ist? Das ist die größte Hürde auf dem Weg zu einer entscheidenden Veränderung im Leben. Eine wirkliche Kraft zur Veränderung kann nicht nur an der Oberfläche ansetzen, sondern muss auf allen Ebenen des Seins wirken. Sie muss umfassend sein.

Eine gute Mediationspraxis überbrückt diese Kluft zum Unterbewussten. Sie arbeitet auf den tiefsten Ebenen, aktiviert die dort ruhenden Energien und führt auf den Pfad der Weiterentwicklung. Dann geschieht Veränderung wie von selbst.

Oft stellt sie sich ein, ohne dass wir es darauf anlegen. Dann wissen wir nicht, warum wir so glücklich sind. Wir wissen nicht, warum wir uns so leicht fühlen. Die Familie, die Freunde und Kollegen bemerken eine Veränderung an uns, und dadurch werden wir auch eine transformative Kraft in ihrem Leben. Wir atmen Liebe. Wir verströmen Liebe. Wir reden und leben Liebe.

Wissen und Erfahrung bringen nicht viel, wie wir gesehen haben. Werden sie dagegen um das praktische Element der Meditation ergänzt, sind beide äußerst nützlich.“

„Weil das Wissen, das wir durch die Meditation erlangen, unmittelbar ist?“, fragte ich.

„Genau“, sagte Daaji. „Aber die Meditation verwandelt auch das mittelbare Wissen in etwas Nützliches. Bei der Lektüre spiritueller Literatur stellt man beispielsweise fest, dass sie im Einklang mit der eigenen Erfahrung steht. Sie verdeutlicht die Erfahrung. Und dann kann sie uns auf eine höhere Ebene des Verstehens versetzen.

Dank der meditativen Praxis fängt man an, aus Erfahrungen zu lernen. Zuvor widersetzt man sich unbewusst der Veränderung, und die Erfahrungen waren umsonst. Im Laufe der Zeit wird dieser innere Widerstand jedoch durch das Meditieren überwunden. Wie ein Pferd, das schon losrennt, wenn es nur den Schatten der Peitsche sieht, reicht die Andeutung einer Erfahrung und schon wird eine innere Veränderung angestoßen. Wir werden wie zu einem Gegenstand im All, dem man nur einen leichten Stups geben muss und er fliegt und fliegt und fliegt. Weil es keinen Widerstand gibt. Erfahrungen haben dieselbe Wirkung. Sie müssen uns nur einen kleinen Stups geben, und unser innerer Zustand verfeinert sich.

„Was sagen uns unsere Erfahrungen denn wirklich?“, fragte ich.

„Erfahrungen spiegeln unsere innere Natur wider“, sagte Daaji. „Bin ich zum Beispiel wütend, habe ich eine negative Erfahrung. Die Wut verhindert, dass ich die Art Erfahrung habe, die ich lieber hätte. Auch Neid ist eine negative Erfahrung. Wenn ich dagegen liebevoll und großzügig bin, ist die Erfahrung schön, wobei ihre Intensität von dem Ausmaß meiner Liebe und Großzügigkeit abhängt.“

„Dann zeigen uns die Erfahrungen, in welche Richtung wir gehen sollen?“, fragte ich.

„Ja“, sagte Daaji. „Sie sind Indikatoren. Wenn ich so und so bin, wird auch meine Erfahrung so und so sein. Wenn ich anders bin, wird auch meine Erfahrung anders sein. Und dank bestimmter meditativer Praktiken kann ich mich infolge dieser Einsicht verändern.“

„Dann ändert sich die Funktion der Erfahrung doch eigentlich kaum, wenn man mit der Meditation anfängt“, sagte ich. „Sie ist immer noch wie das Gras, das dem Esel gezeigt wird, insofern sie uns in eine bestimmte Richtung lenken soll.“

„Ja“, sagte Daaji. „Aber jetzt wirkt die Erfahrung, weil der Esel seine Sturheit verloren hat.“

„Unser innerer Widerstand“, sagte ich.

„Ja. Und es kommt die Zeit, in der es gar keinen Esel mehr gibt. Irgendwann stellt man nämlich fest, dass es einen einzigen Faktor gibt, der jede Erfahrung beeinflusst: wie man mit seinem Ego umgeht. Je größer mein Egoismus, desto schlechter ist meine Erfahrung. Je demütiger und unbedeutender ich bin, desto besser ist meine Erfahrung. Eine ganz einfache Formel! Und eines Tages fällt der Groschen: Wie wäre es, wenn ich Nichts wäre – wenn ich nichts werden würde?“

„Was wiederum durch Meditation erleichtert wird“, sagte ich.