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Gesund mit Sauna, Eisbad und Infrarotkabine
Es müssen nicht immer Medikamente sein! Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass sich viele Beschwerden auf natürliche Weise behandeln lassen: Hydro- und Kryotherapie, also der Einsatz von Wasser und Kälte, hemmen gefährliche Entzündungen, die für Krankheiten wie Rheuma, Arthrose oder sogar für Depressionen verantwortlich sind. Sowohl Warm- als auch Kaltreize wirken positiv auf Muskelspannung und Durchblutung, aber auch auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und sind beide erfolgreich in der Schmerztherapie. Effekte zeigen sich nach kurzer Zeit: ein stärkeres Immunsystem mit weniger grippalen Infekten, stabilerer Kreislauf, bessere Stimmung und vor allem weniger Schmerzen.
Gezielte Heilimpulse setzen mit Kälte und Wärme.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2024
PD Dr. med. Rainer Brenke
1. Auflage 2024
20 Abbildungen
Naturheilverfahren erfreuen sich zunehmender Beliebtheit und werden auch mehr und mehr wissenschaftlich untersucht. Vielleicht denken Sie – wie viele andere Menschen auch – vorwiegend an Homöopathie oder außereuropäische Verfahren wie die Traditionelle Chinesische Medizin. Das ist aber nicht ganz korrekt. Auch die Themen Bewegung, Ernährung, Entspannungsverfahren und die »Mind-Body-Medizin« sind von wachsendem Interesse. Viele unserer traditionellen Verfahren und Anwendungen erfahren dagegen weniger Beachtung. Das führte zur Besinnung auf eine »Traditionelle Europäische Medizin« – mit mäßigem Erfolg. Meist stehen hier die Kräuterheilkunde, die Hildegard-Medizin oder die Klostermedizin im Vordergrund. Eine ganze Reihe von eigentlich etablierten Verfahren wie Massagen oder Wärme- und Kälteanwendungen einschließlich der Wasserheilkunde finden aber wenig Beachtung, obwohl sie zum Behandlungsspektrum der Physiotherapie gehören.
In diesem Buch möchte ich Ihnen die Wirkungen und die Praxis von vielen Wärme- und Kälteanwendungen zeigen. Viele dieser Verfahren eignen sich auch gut für die Anwendung zu Hause.
Warm- und Kaltreize sind deshalb besonders wirksam, weil die Temperaturregulation vielen anderen Regulationskreisen im Körper übergeordnet ist. Das bedeutet, dass Wärme oder Kälte oft nicht nur bei Schmerzen helfen, sondern auch unseren Kreislauf, die Durchblutung, den Stoffwechsel und die Entzündungsbereitschaft beeinflussen. Die Möglichkeiten der praktischen Anwendung von Wärme und Kälte sind weit gefächert, sie reichen von Luft, Wasser, Moor, Paraffin, Eis, Dampf und Körnerkissen bis hin zu technisch erzeugter Wärme, zum Beispiel Infrarot, Kurz- und Mikrowelle oder auch einfach nur ein Heizkissen. Weit verbreitet ist auch die Sauna. Dabei wird aber immer mehr auf den Eventcharakter gesetzt und der Gedanke an gesundheitliche Effekte, der noch vor 50 Jahren ganz im Vordergrund stand, tritt zunehmend in den Hintergrund.
Das Thema »Hydrotherapie« füllt viele Bücher. Gerade auf dem Gebiet der »Abhärtung« durch Hydrotherapie gibt es eine Reihe neuer Erkenntnisse. Ärztliche Verordnungen auf diesem Gebiet sind jedoch selten geworden, was an den Reglementierungen für Ärzte und Ärztinnen, aber auch an fehlenden Angeboten liegt. Sie können aber viele dieser Methoden auch in Eigenregie anwenden, was allerdings ohne entsprechende Anleitung nicht immer ganz einfach ist. Deshalb gebe ich Ihnen in diesem Buch wichtige Informationen über die Möglichkeiten von Wärme und Kälte zum Erhalt oder zur Wiedererlangung Ihrer Gesundheit. Ob im Einzelfall eher Wärme oder Kälte hilfreich ist, ist nicht immer sicher. Es gibt aber Grundregeln, wonach Kälte mehr bei akuten Prozessen hilft, Wärme dagegen mehr bei chronischen. Bei der Entscheidung hilft im Einzelfall auch eine Probebehandlung.
Die in diesem Buch beschriebenen Anwendungen sollen in erster Linie als Anregung zur Auswahl der für Sie selbst geeigneten Methode dienen. Um den Umfang dieses Ratgebers nicht zu sprengen, erfolgte eine Beschränkung auf die häufigsten Erkrankungen und auf die wichtigsten Methoden sowie die Darstellung der jeweiligen Prinzipien ihrer Anwendung. In einigen Fällen wird es sinnvoll sein, sich über den konkreten praktischen Ablauf in einer physiotherapeutischen oder naturheilkundlichen Praxis kundig zu machen. Natürlich sollten Sie bei stärkeren Beschwerden oder einem Nichtansprechen der Maßnahmen zeitnah ärztlichen Rat einholen.
Viele neue Erkenntnisse bei der Lektüre und gute Besserung wünscht Ihnen
Titelei
Gesund mit Wärme und Kälte
Wobei helfen Wärme und Kälte?
Wärme und Kälte als Heilmittel
Wissenswertes über die Hydrotherapie
Reportagen und Berichte über das Eisbaden
Die Finnin Elina Mäkinen
Der »Eismann« aus Holland – ein Sonderfall
Wie wirken Wärme und Kälte?
Wirkungen von Wärme und Kälte
Erwünschte Wirkungen von Wärme:
Unerwünschte Wirkungen von Wärme:
Erwünschte Wirkungen von Kälte:
Unerwünschte Wirkungen von Kälte:
Wie regelt unser Körper die Temperatur?
Aufrechterhaltung der Körperkerntemperatur
Hyperthermie und Fieber
Temperaturregulation und Wasserhaushalt
»Perspitatio insensibilis«
Körperliche Aktivität bei Hitze
Trinken und Essen bei Hitze und Kälte
Raumtemperatur und Gesundheit
Anwendung von Warm- und Kaltreizen
Wirkungsweise der Hydrotherapie
Die Wirkung hydrotherapeutischer Reize
Die Temperatur ist entscheidend
Unterschiedliche Reizstärken der Hydrotherapie
Kleine Hydrotherapie: milde hydrotherapeutische Reize
Mittlere Hydrotherapie: mittelstarke Reize
Große Hydrotherapie: stark wirkende Reize
Wovon hängt die gewählte Reizstärke ab?
Regeln für hydrotherapeutische Kaltreize
Als Grundsätze gelten:
Weitere Reize in der Hydrotherapie
Häufige Anwendungen der Hydrotherapie
Trockenbürstungen
Kalte Waschungen
Wassertreten
Kalte Güsse nach Kneipp
So geht’s:
Verschiedene Wickel
Der kalte Wadenwickel
Der warme Zwiebelwickel
Beispiele für weitere Wickel
Auflagen und Kompressen
Teil- und Vollbäder
Kalte Arm- oder Fußbäder
Wechselwarme Fußbäder
Ansteigende Arm- oder Fußbäder
Warme Fußbäder
Vollbäder
Badezusätze
Peloide
Kopfdampfbäder
Dauerbrause
Wärme in Kombination mit anderen Maßnahmen
Hot-Stone-Massage
Wärme vor einer Bewegungstherapie
Pflege des Wärmehaushaltes beim Heilfasten
Apparative Formen der Wärmetherapie
Rotlicht und Infrarot
Folgende Wellenlängen kann man unterscheiden:
Wassergefiltertes Infrarot-A-Licht (wIRA)
Ganzkörperüberwärmung
Verbesserung der Infektionsabwehr
Tumor-Nachsorge
Elektrotherapie
Gleichstromtherapie (Galvanisation)
Reizstromtherapie im Niederfrequenzbereich
Behandlung mit mittelfrequentem Strom
Hochvolttherapie
Diathermie-Verfahren
Sauna
Besonderheiten des Saunaklimas
Wärmeübertragung in der Sauna
Viele Vorurteile: Sauna und Luftfeuchtigkeit
Heiß geliebt: der Aufguss
Empfehlungen zum Ablauf der Sauna
Vor dem Saunabesuch
Das sollten Sie zur Sauna mitbringen
Wärmephase des Saunabades
Abkühlung und Ruhephasen
Wie oft sollte man in die Sauna gehen?
Kombinationen der Sauna mit anderen Maßnahmen
Sonnenbank
Wellness-Massagen
Sauna und Abhärtung
Optimierung von Wärmehaushalt und Durchblutung
Stabilisierung des vegetativen Nervensystems
Förderung unspezifischer Abwehrvorgänge
Sauna und Stärkung von Radikalfängern
Sauna bei Erkrankungen
Erkrankungen der Atmungsorgane
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Diabetes und andere Stoffwechselprobleme
Nierenerkrankungen
Rheuma und Abnutzung am Bewegungssystem
Entzündungsbereitschaft
Schmerzlinderung
Ödeme
Venenleiden
Wirkungen der Sauna auf die Haut
Positive Effekte der Sauna auf die Haut:
Die Sauna kann bei diesen Hauterkrankungen helfen:
Sauna, Psyche und Wohlbefinden
Sauna und Sport
Dürfen Schwangere in die Sauna?
Positive Effekte der Sauna in der Schwangerschaft:
Gibt es für die Sauna eine Altersgrenze »nach oben«?
Was spricht für, was gegen die Sauna?
Medizinische Indikationen für die Sauna:
Andere Überwärmungsmaßnahmen
Kryotherapie
Faktoren, die die Wirkung beeinflussen
Reaktionen des Körpers auf den Kaltreiz
Wirkung auf Körperfunktionen
Eisanwendungen zu Hause
Weitere Eisanwendungen:
Örtliche Kaltluftbehandlung
»Eishose«
Kälte- oder Eissprays
Kryochirurgie
Hypothermie in Chirurgie und Intensivmedizin
Eisbaden
So geht’s:
Wirkungen des Eisbadens
Gesundheitliche Folgen des Eisbadens
Kältekammer
Praktische Durchführung
Wie wirkt die Ganzkörperkältetherapie?
Anwendungsgebiete der Kältekammer
Schmerzen bei Rheuma und anderen Erkrankungen
Depressionen
Kälte in der Sportmedizin
Hauterkrankungen
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
»Kryosauna«
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
Durch die Anwendung von Wärme und Kälte können Sie häufig Beschwerden lindern, die Heilung beschleunigen und zusätzliche Schäden durch zu intensive medizinische Maßnahmen vermeiden. Bei anhaltenden oder stärkeren Beschwerden sollten Sie aber unbedingt ärztlichen Rat einholen.
Beschwerden
Maßnahmen
Muskelschmerzen, Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden
akut: Eisabreibungen oder auch Wärme
chronisch: Wärmeanwendungen wie ▶ Infrarot, Wärmflasche, ▶ warme Bäder, ▶ Sauna, bei Physiotherapeuten zur Tiefenerwärmung, z. B. auch ▶ Kurzwelle
rheumatische Entzündungen
akuter Schub: Eiswürfelmassage, ▶ kalte Teilbäder, Handgymnastik, z. B. in kalten Erbsen, ▶ Kältekammer
chronisch: Oberflächen- oder Tiefenwärme, ▶ Sauna, warme Bäder (besonders Bewegungsbad), ▶ Paraffinbäder in der Physiotherapiepraxis, ▶ Kältekammer
Fibromyalgie
Ganzkörperüberwärmungen mit ▶ Infrarot oder ▶ Sauna
Sehnenscheidenentzündung
örtlich Wärme, z. B. mit ▶ Infrarot
Magenbeschwerden
▶ heiße Bauchkompressen, warmer Tee
Gallen- oder Nierenkoliken
warme Auflagen oder Wickel, z. B. ▶ Ingwerwickel, heiße Rolle im Lendenwirbelsäulen- und ▶ Kreuzbeinbereich
Reizdarm
▶ Bauchwickel, anfangs warm, später kalt, z. B. nach der Sauna
Regelschmerzen
Tiefenerwärmung, z. B. mit Kurzwelle für den Unterbauch ( ▶ Physiotherapie-Praxis), sonst ▶ Kartoffelwickel, Wärmflasche, heiße Rolle im Lendenwirbelsäulen- ▶ Kreuzbeinbereich
Durchblutungsstörungen an den Beinen
im Frühstadium ▶ wechselwarme Bäder, ▶ Wassertreten, ▶ kalte Güsse, ▶ Sauna
im fortgeschrittenen Stadium: warme Unterschenkelbäder nur an der ▶ gesunden Seite, Kohlensäurebäder unter ▶ Aufsicht
Krampfadern
▶ Wassertreten, ▶ kalte Güsse, danach Kompression und Bewegung
Durchblutungsstörungen am Herzen
im Anfall ▶ ansteigende Armbäder, sonst bei ausreichender Belastbarkeit ▶ Sauna
hoher Blutdruck
▶ ansteigende Armbäder, langfristig bei ausreichender Belastbarkeit Sauna ohne ▶ Tauchbecken, Kohlensäurebäder unter ▶ Aufsicht
niedriger Blutdruck
Kaltreize, z. B. ▶ Wassertreten, kalte ▶ Armbäder, Sauna mit ▶ Betonung der Abkühlung
Zahnschmerzen
bei Schwellungen: ▶ kalte Kompresse, sonst Wärme
Kopfschmerzen
je nach Ursache: Wärme im Halswirbelsäulen-Bereich, Sauna (kann Migräne evtl. ▶ verschlechtern,)
Nasennebenhöhlenentzündungen
warme Auflagen im Bereich der Kieferhöhlen, z. B. ▶ Meerrettichauflage, Kurzwelle beim ▶ Physiotherapeuten
Ohrenschmerzen
Wärme, z. B. ▶ Infrarot
Bronchitis
▶ warmer Zwiebelwickel, kalte Brustwickel, ggf. mit Zusatz ▶ ätherischer Öle
Fieber bei Infekten
bei ansteigendem Fieber (Schüttelfrost, Frieren): Wärmezufuhr mit warmen Getränken, warme ▶ Fußbäder, warmes Bett
bei anhaltend hoher Temperatur: ▶ kalte Wadenwickel, evtl. Eispackungen ▶ in der Leiste, generell viel trinken
Infektanfälligkeit
Sauna zur ▶ Vorbeugung, ▶ Wassertreten, ▶ kalte Güsse
Insektenstich
Sofortmaßnahme: Hitzestift zum Denaturieren der Eiweiße des Insektengiftes, ▶ warmer Zwiebelwickel
sonst: Kühlen mit ▶ kalter Kompresse, Eis
Schuppenflechte
Sauna (wenn Ausprägung nicht ▶ zu stark,)
Verbrennungen
unmittelbar Kühlen unter fließend kaltem Wasser
© Paylessimages/stock.adobe.com |
Wärme und Kälte haben unterschiedliche Wirkungen auf unseren Körper. Dieses Hintergrundwissen ist wichtig für ihren erfolgreichen Einsatz als Heilmittel.
Kaltes oder warmes Wasser zu Heilzwecken ist schon seit der Antike bekannt. Durch technische Neuentwicklungen haben sich die Einsatzmöglichkeiten vervielfacht.
Hydrotherapie ist die Anwendung von Wasser als Wärme- bzw. Kälteträger zu Heilzwecken. Da Wärme und Kälte nicht immer an Wasser gebunden sein müssen, wird in der Medizin oft auch der Sammelbegriff »Hydro- und Thermotherapie« benutzt. Wasser kann je nach Temperatur fest, flüssig oder dampfförmig sein. Wasser in fester Form (Eis) wird Kryotherapie genannt, flüssiges Wasser kommt bei Bädern, Güssen, Wickeln, Auflagen und Ähnlichem zum Einsatz. Wasser in dampfförmiger Form begegnet uns zum Beispiel beim Kopfdampfbad oder in Kurorten als Dampfstrahl, vorwiegend zur Behandlung akuter Rückenschmerzen.
Als Hausmittel können Wärme und Kälte zwar auch bei akuten Erkrankungen angewandt werden, die Domäne der Hydrotherapie sind aber die chronischen Leiden. Hier werden die Reize kurmäßig als sogenannte Reizserie angewandt. Langfristig lösen sie erwünschte Anpassungsprozesse im Körper aus.
In der heutigen Zeit werden besonders aktive Maßnahmen wie sportliche Betätigung, Krankengymnastik und Trainingstherapie propagiert und zur Vorbeugung und Heilung bei unterschiedlichen Krankheiten empfohlen. Wärme- und Kälteanwendungen und damit die Hydrotherapie gehören wie zum Beispiel auch Massagen zu den passiven Maßnahmen. Vermutlich ist das mit ein Grund dafür, dass sie wie viele andere passive Maßnahmen aus dem Bereich der Physiotherapie zu Unrecht eine geringere Wertschätzung erfahren. Dabei wird verkannt, dass Wärme und Kälte tiefgreifende Wirkungen auf viele Funktionskreise haben, nicht nur auf die unmittelbar betroffene Thermoregulation. Diese hat zum Beispiel Vorrang gegenüber der Herz-Kreislauf-Regulation. Die Körperkerntemperatur hat nur eine geringe Schwankungsbreite und ihre Konstanthaltung ist offenbar von höherer Priorität als zum Beispiel ein gleichbleibender Blutdruck. Hydrotherapeutische Reize beeinflussen daher auch das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, das Immunsystem und andere Organsysteme. Außerdem schaffen die »passiven Anwendungen« wie die Hydrotherapie durch die häufig mit ihnen verbundene Schmerzlinderung und bessere Beweglichkeit oft erst die Voraussetzung für den Einsatz »aktiver« Therapien.
Hinzu kommt ein eher psychologischer Aspekt, der erklärt, weshalb uns besonders das warme Wasser so angenehm ist. Das Leben ist aus dem Wasser entstanden; auch der Mensch verbringt die erste Zeit seines Lebens geschützt und geborgen im Fruchtwasser der Gebärmutter seiner Mutter. Das ist sicher auch ein Grund dafür, dass in vielen Fällen besonders warmes Wasser das Gefühl der Geborgenheit, der Ruhe und des Schutzes vermittelt. 37 °C warme Bäder können zum Beispiel Ängstlichkeit und Schmerzen während der Wehen schwangerer Frauen deutlich reduzieren.(1) Vielleicht erklärt das auch die zeitweise große Beliebtheit von Entbindungen im Wasserbecken.
Noch länger als die Anwendung von warmem Wasser zu Heilzwecken werden Kaltreize empfohlen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass es in früheren Zeiten nicht immer einfach war, warmes Wasser in ausreichender Menge zur Verfügung zu haben. Warme Quellen sind zum Beispiel seltener als natürlich vorkommendes kaltes Wasser.
Im Altertum wurden von Hippokrates, Celsus und Galen kalte Getränke zur Behandlung von Fieber empfohlen; Eis wurde zur Therapie von Entzündungen und Blutungen verwandt.
Spektakulär erscheinen erste Amputationen mit Eisanwendungen zur Senkung der Schmerzempfindlichkeit in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Der leitende Militärarzt unter Napoleon, Larrey, beschrieb fast schmerzfreie Amputationen in einem der Kriege von 1807 bei Temperaturen von kälter als –10 °C (Schlacht von Preußisch-Eylau). Weite Verbreitung fand diese Methode der Schmerzausschaltung aber erst Ende des 19. Jahrhunderts, als es technisch möglich war, Kälte künstlich zu erzeugen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich eine extreme Sportart etabliert – das Eisbaden oder Winterschwimmen, also das Baden in einem natürlichen Gewässer bei winterlichen Temperaturen.
Die Entwicklung des heute betriebenen Sports verlief in der letzten Zeit in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Mancherorts hat sich das Eisbaden aus dem Rettungsschwimmen heraus entwickelt, was erklärt, warum das Abschwimmen vorgegebener Strecken oder bestimmte Aufenthaltszeiten im Wasser angestrebt werden. An anderen Orten wie im Osten von Deutschland stand der Gedanke an Freizeit und Abhärtung im Vordergrund und die Aufenthaltsdauer im Wasser richtet sich nur nach dem eigenen Wohlbefinden. Dieses Vorgehen ist wesentlich ungefährlicher und daher zu begrüßen.
Reportagen über das Eisbaden und andere extreme Aktionen in Kälte sind zu bestimmten Jahreszeiten auch im Fernsehen sehr beliebt. So berichtete »arte« 2023 über den russischen Abenteurer Fedor Konyukhov, der zwei Wochen auf einer driftenden Eisscholle am Nordpol zubrachte und Bilder malte. Er wurde von dem russischen Eisbrecher »50 Jahre Sieg« dorthin gebracht und wieder abgeholt. Für Touristinnen und Touristen des Eisbrechers gehört Eisbaden am Nordpol zum Programm – allerdings geschieht das in Schutzanzügen. Wachposten bewachen dabei das Geschehen, da eine Gefahr von hungrigen Eisbären ausgeht.(2)
Ebenfalls 2023 brachte »arte« einen Bericht über das Baden im Eiswasser – nun aber ohne Schutzanzug. Dabei wurde über die junge Elina Mäkinen aus Kuusamo in Finnland berichtet, die das Eisbaden täglich für mehrere Minuten (jedoch nicht länger als 10 Minuten) betreibt. Schon als Kind begann sie mit diesem Sport. In dem Bericht ist zu sehen, dass sie sich zunächst im zugefrorenen Wasser auf Spitzbergen ein Loch in die dicke Eisdecke bohrte und sägte. Bei anderen Versuchen war das Loch groß genug, um darin zu schwimmen. Die Lufttemperatur betrug –20 °C, bei einem Versuch auch –30 °C, die Wassertemperatur 0 °C. Als problematisch schätzte die junge Frau besonders die Gefahr von Erfrierungen beim Aussteigen aus dem Wasser ein. Sie hatte eine Decke und Filzstiefel am Rand des Eislochs platziert, um den Kontakt mit dem Eis kurz zu halten und nicht am Eis festzufrieren.
Auch sonst birgt das Schwimmen bei derartigen Temperaturen nach Meinung von Experten in der Dokumentation Risiken. Kälteexposition belastet das Herz und kann die Bronchien verengen. Die Blutgefäße der Haut stellen sich ebenfalls eng. Blutdruck und Puls steigen kurzfristig an, Herzrhythmusstörungen könnten ausgelöst werden. Die Eisschwimmerin Elina meint, dass sie in einem größeren Becken länger aushalten würde, da sie dort schneller schwimmen und mehr Wärme produzieren könne. Das Aufwärmen nach dem Bad sollte langsam erfolgen, damit der Kreislauf nicht überfordert wird. Oft benutzt sie dazu die Sauna. Die folgende Aussage der Sportlerin ist bemerkenswert: »Winter und Kälte sind für mich sehr wichtig. Kälte ist mein Allheilmittel. Sie tut meiner Seele gut und hilft gegen den Stress. Sie lindert Verspannungen im Körper und kurbelt den Kreislauf an. Außerdem kann ich jeden Tag in einem anderen Eisloch schwimmen, in einer anderen Umgebung sein. Das ist Teil des Vergnügens.« Nach dem Eisbad besteht in der Regel ein bis zu einer Stunde anhaltendes Muskelzittern. 15 Minuten Zittern sollen übrigens so effektiv sein wie eine Stunde Training im Fitnessstudio.
Die Extremsportlerin versuchte sich auch daran, als erste Finnin die »Eismeile« vor Spitzbergen zu schwimmen, was rund 30 Minuten Schwimmen bei extremer Kälte bedeuten würde. Das erfordert hohe körperliche Leistungsfähigkeit und Kälteresistenz. Elina reagiert weniger stark beim Kontakt mit kaltem Wasser als ein Ungewohnter, ihr Risiko sieht sie vielmehr in der 2. Phase, beim Abkühlen der Muskeln und Nerven, was die Leistungsfähigkeit reduziert. Das lässt sich nicht trainieren, kalte Nerven funktionieren ebenso wie ausgekühlte Muskeln nicht mehr. Einen Schutz könnte mehr Körperfett bieten, ebenso ein Neopren-Anzug oder das Auftragen von Fett wie Lanolin (Fett aus der Schafswolle). Die Abkühlung der Extremitäten kann gravierender sein als eine Hypothermie (Abfall der Körpertemperatur auf unter 35–36 °C), weil bei Abkühlung der oberflächlichen Muskeln und Nerven die Fähigkeit zum Schwimmen noch vor Einsetzen der Hypothermie verloren gehen kann. Die Funktionsfähigkeit von Nerven und Muskeln nimmt bereits bei leichtem Auskühlen ab. Den Versuch, die Eismeile auf Spitzbergen abzuschwimmen – was prinzipiell lebensbedrohlich sein kann –, hat Elina abgebrochen.
In Oulu in Finnland gibt es ein Labor für Thermophysiologie des finnischen Instituts für Arbeitsmedizin. Hier wurde die Sportlerin Elina daraufhin untersucht, wie sich die Kälte auf ihre Leistungsfähigkeit auswirkt. So wurden zum Beispiel die maximale Druckkraft der Hand sowie motorische Fähigkeiten und intellektuelle Leistungsfähigkeit wie sprachlogisches Denken vor und nach Kälteexposition gemessen. Außerdem wurde unter ärztlicher Überwachung getestet, wie lange sie unter Laborbedingungen in einem Eiswasserbecken aushalten kann. Nach 45 Minuten Eisbad wurde der Versuch abgebrochen, die Körperkerntemperatur war auf 35 °C gesunken. Unter 35 °C würde man von einer Hypothermie sprechen, erkennbar an geistiger Beeinträchtigung und starkem Muskelzittern. Unter 30 °C kann es zur Bewusstlosigkeit kommen, die Muskeln versteifen bei noch weiterem Abfall der Temperatur. Unter 25 °C setzen die Herztätigkeit und die Atmung aus. Die Sauerstoffaufnahme lag bei der untersuchten Sportlerin fast beim Maximum des Möglichen. Es bestand ein deutliches Kältezittern. Das Muskelzittern kann die Wärmeproduktion auf das Drei- bis Zehnfache steigern. Nach Aufbrauchen aller Nährstoffe, zum Beispiel des in den Muskeln gespeicherten Glycogens, nimmt das Zittern ab, dafür steigt dann die Auskühlung. Die Hypothermie nimmt ihren Lauf. (3)
Populär ist in den letzten Jahren der Holländer Wim Hof geworden, der die Anwendung von Kälte in besonders extremer Weise praktiziert.(4) So saß er zwei Stunden in einem Eisbad, bestieg in Shorts und Turnschuhen den Kilimandscharo und lief in arktischen Eisfeldern bei –20 °C barfuß einen Halbmarathon. Dabei wurden zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen vorgenommen, die zwar Hinweise auf ein starkes Immunsystem lieferten, aber nicht wirklich die besonderen Fähigkeiten dieses Holländers erklären konnten. Wim Hof selbst führt seine Fähigkeiten auf die »Kraft der Kälte« sowie auf bewusstes Atmen und Mentaltraining zurück.
Seit längerem bietet er auch Seminare für Interessierte an. Dabei vertritt er die Auffassung, dass jeder von uns Unmögliches leisten und Selbstheilungskräfte anregen könne. Dabei solle es möglich sein, innerhalb von Tagen den Gesundheitszustand entscheidend zu verbessern, das Immunsystem und die Stresstoleranz zu stärken und den Schlaf zu verbessern. Sowohl die körperliche als auch die mentale Leistungsfähigkeit könne gesteigert werden.
Die Leistungen von Wim Hof erscheinen zwar real und nicht getrickst zu sein, vor Verallgemeinerungen muss aber gewarnt werden. Physikalische und biologische Gesetze lassen sich nicht so einfach aushebeln. Versucht der Normalbürger, Ähnliches zu realisieren, so sind Erfrierungen und andere Körperschäden doch recht wahrscheinlich.
Die Beispiele aus Finnland und Holland zeigen, dass heute bei intensiven Kälteanwendungen nicht nur körperliche, sondern zunehmend auch psychologische Effekte Interesse finden.
Unser Körper hat viele Möglichkeiten, sich an Wärme und Kälte anzupassen. Dabei spielen auch Essen und Trinken sowie angemessene Kleidung eine Rolle.
Vielleicht steht für Sie bei der Lektüre dieses Buches die praktische Anwendung von Wärme und Kälte im Vordergrund, aber möglicherweise hinterfragen Sie hin und wieder auch den Sinn und die Wirkung von therapeutischen Maßnahmen. Daher möchte ich die Wirkungsweise von Wärme und Kälte auf unseren Körper etwas näher beleuchten.
Wärme und Kälte wirken in verschiedener Weise auf unseren Körper. Das sollten Sie bei der Anwendung zu Heilzwecken unbedingt berücksichtigen.
Steigerung der Durchblutung, Anregung des Stoffwechsels
Stimulation von Enzymen
Anregung örtlicher Abwehrmechanismen
Dämpfung des Schmerzempfindens
erhöhte Dehnbarkeit von Bindegewebe (zum Beispiel Gelenkkapseln)
Verminderung der Muskelspannung
vermehrte Neigung zu Schwellungen (zum Beispiel können sich Lymphödeme verschlechtern)
Blutungsneigung (durch Weitstellung der Blutgefäße)
gesteigerte Aktivität von Enzymen, die das Bindegewebe angreifen
Förderung von Entzündungen
Beim Einwirken von Kälte sind manche Effekte zwar ähnlich wie unter Wärmeeinfluss, es gibt jedoch auch Unterschiede.
Senkung der Aktivität der Schmerzrezeptoren und damit Schmerzlinderung
Wirkung gegen Entzündungen
je nach Ausgangslage Senkung der Muskelspannung
geringere Neigung zu Schwellungen und Ödemen
Senkung der Blutungsbereitschaft
Fiebersenkung
Störungen der Durchblutung und damit schlechtere Versorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen
Steifigkeit der Muskulatur besonders bei langanhaltender Einwirkung
zäherer Zustand der Gelenkflüssigkeit
Vermittlung ungünstiger Fernwirkungen über das Nervensystem, zum Beispiel Verengung der Herzkranzgefäße(5)
Der Mensch gilt als gleichwarmes (»homoiothermes«) Lebewesen. Das bedeutet, dass er seine Körperkerntemperatur im Gegensatz zu wechselwarmen Tieren unabhängig von Außentemperaturen und körperlichen Belastungen in weitem Umfang konstant halten kann. Das betrifft aber nur den Körperkern, also das Innere von Rumpf und Schädel, nach manchen Physiologen auch nur den Schädel. Die äußeren Teile und Schichten wie Arme, Beine, Haut usw. – die »Körperschale« – sind dagegen wechselwarm. Sie sind also von der Außentemperatur und der Wärmeproduktion im Körper, zum Beispiel durch Muskelaktivität, abhängig und dienen auch als Isolierschicht.
Je nach seinem Körperbau ist der Mensch nicht für jedes Klima gleichermaßen geeignet. Mit relativ dünnen und langen Armen und Beinen sowie ohne Fell ist er ohne Zweifel ein Verwandter von Tropentieren. Arktische Tiere haben selbst innerhalb der gleichen Art meist kurze Extremitäten, kleine Ohren sowie eine kurze Schnauze und ein dichtes Fell. So unterscheiden sich Polarfuchs und Wüstenfuchs deutlich voneinander. Dem entspricht auch, dass beim Menschen zwar vielfältige Anpassungsmöglichkeiten an Wärme beschrieben werden, jedoch nur wenige an Kälte. Hier spielen Kleidung und Behausung die entscheidende Rolle.
Um die Körperkerntemperatur konstant auf etwa 37 °C zu halten, gibt es eine Vielzahl von Regelmöglichkeiten. Bei warmen Umgebungstemperaturen erweitern sich die kleinen arteriellen Blutgefäße der Haut, die Arteriolen, und die Körperschale wird besser durchblutet. Dadurch kann der Körper Wärme abstrahlen. Noch effektiver funktioniert die Wärmeabgabe über eine Aktivierung der Schweißdrüsen durch das vegetative (vom Willen unabhängige) Nervensystem. Durch die Verdunstung des Schweißes erfolgt eine Abkühlung. Für die Temperaturregulation zuständig sind die Millionen kleinen Schweißdrüsen (»ekkrine« Schweißdrüsen), die über den ganzen Körper verteilt sind. Damit sie ausreichend funktionieren, muss eine gute Durchblutung gewährleistet sein, wofür wiederum eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr Voraussetzung ist. Außerdem gibt es die großen, »apokrinen« Schweißdrüsen (Duftdrüsen), besonders im Axillar- und Genitalbereich.
Zum Wahrnehmen der Temperatur hat die Haut eine Vielzahl von Temperaturmeldern, die Thermorezeptoren. Dabei unterscheidet man Warm- und Kaltrezeptoren. Es gibt viel mehr Kaltrezeptoren als Warmrezeptoren. Außerdem liegen die Kaltrezeptoren
