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Was sind eigentlich Wildstauden? Wildstauden sind Pflanzen, die nicht züchterisch weiterentwickelt wurden. Sie bringen ihren naturhaften Charme in unsere Gärten. In diesem Buch werden heimische Wildstauden und ihre Lebensräume in der Natur beschrieben und auf den Garten übertragen, denn was am schattigen Waldrand wächst, wird sich auch in einem schattigen Garteneck wohlfühlen. Sortiert nach Standorten - vom trockenheißen Kies, über halbschattige und schattige Bereiche bis zum feuchten Gewässerrand - werden heimische Wildstauden porträtiert und ihre passenden Partner im Beet vorgestellt. Pflanzpläne für bestimmte Gartenstandorte erleichtern die Umsetzung.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2022
Peter Steiger
HEIMISCHE WILDSTAUDEN IM GARTEN
ATTRAKTIV UND NATURNAH GESTALTEN
Vorwort
HEIMISCHE WILDSTAUDEN UND IHRE LEBENSRÄUME
WAS SIND HEIMISCHE WILDSTAUDEN?
WARUM HEIMISCHE WILDSTAUDEN VERWENDEN
GRENZEN HEIMISCHER WILDSTAUDENVERWENDUNG
NATÜRLICHE VORBILDER
LEBENSRÄUME IM NATURNAHEN GARTEN
BODENANSPRÜCHE
JAHRESZEITENASPEKTE
AUSWAHL DER WILDSTAUDEN
PFLANZUNG UND PFLEGE
BEGLEITPFLANZEN UND GEHÖLZE
MIT WILDSTAUDEN DEN GARTEN GESTALTEN
PFLANZEN FÜR …
TROCKENHEIßE KIESSTANDORTE
EXTENSIVE DACHBEGRÜNUNG
TROCKENSONNIGE, NÄHRSTOFFREICHE RUDERALFLÄCHEN
SONNIG-HUMOSE STAUDENRABATTEN
MAGERE UND FETTE WIESEN
DEN HALBSCHATTIGEN SAUM
DEN TROCKENEN SCHATTEN
DEN TIEFGRÜNDIG-HUMOSEN SCHATTEN
DIE SONNIG-SCHATTIGE TROCKENMAUER
FEUCHTZONEN UND FEUCHTE GRÄBEN
GEWÄSSER UND NASSSTANDORTE
SERVICE
PHÄNOLOGISCHE TABELLE DER BLÜTEN-, FRUCHT- UND HERBSTASPEKTE
FACHBEGRIFFE
BEZUGSQUELLEN
LITERATUR
AUTOR
Anmerkung: Die Angaben zu Standort, Wuchsverhalten, Wuchshöhe, Blütezeit und Kombinationsmöglichkeiten der vorgestellten Wildstauden, stets Wildformen ohne züchtrische Bearbeitung oder Sorten, sind als Durchschnittswerte zu verstehen, die im Einzelfall aus spezifischen lokalen Gegebenheiten abweichen können.
Im Gegensatz zum meist eindeutigen wissenschaftlichen Namen existieren oft zahlreiche, synonym verwendete deutsche Namen für dieselbe Wildstaude.
In diesem Buch sind die meisten deutschen Namen www.floraweb.de entnommen, einige auch der Flora Helvetica.
Hinweis: Ausschließlich aufgrund der deutlich besseren Lesbarkeit wird in diesem Werk auf die jeweilige Mehrfachnennung oder Anpassung der Schreibweise bestimmter Bezeichnungen verzichtet. Im Text wird vorrangig die männliche Form verwendet, womit aber selbstverständlich alle Geschlechtsidentitäten gemeint sind.
Ein Buch über Wildstauden zu schreiben, erscheint angesichts der unzähligen guten Werke über Gartenstauden möglicherweise überflüssig. Doch nur selten standen bisher Heimische Wildstauden im Mittelpunkt. Standortgerecht gepflanzt sind heimische Wildstauden meist robust und langlebig, bilden stabile Bestände, sind somit pflegeleicht und attraktiv. Die Berücksichtigung der Naturstandorte und ihre Übertragung in den naturnahen Garten mag auf den ersten Blick ungewohnt sein, erleichtert aber die optimale Verwendung von heimischen Wildstauden im eigenen Garten ungemein.
Die enge Vernetzung heimischer Wildstauden zu ihren Lebensräumen bringt zudem einen ästhetischen Mehrwert für Ihren naturnahen Garten: Die zum Lebensraum passenden Wildstauden wirken in der Gestaltung stimmig. Wildstauden, die am richtigen Standort gepflanzt werden, können sich optimal entwickeln und ihre ganze Schönheit entfalten. Dann leisten sie, verknüpft mit naturnahen Elementen der Umgebung, auch einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität innerhalb unseres Siedlungsraumes.
Zu Beginn des Buches erfahren Sie Grundsätzliches zu den natürlichen Lebensräumen und geeigneten Gartenstandorten heimischer Wildstauden. Der Hauptteil des Buches stellt, nach Gartenstandorten geordnet, rund 140 besonders schöne und bewährte Wildstauden für den naturnahen Garten vor. Die Auswahl umfasst ein breites Spektrum an Blütenfarben, bezieht aber auch Früh- und Spätblüher sowie wintergrüne Wildstauden mit ein – mit dem Ziel einer möglichst abwechslungsreichen und attraktiven Bepflanzung der jeweiligen Gartenräume. Beispielhafte Pflanzpläne helfen bei der Umsetzung in Ihrem Garten.
Im Service zeigen phänologische Tabellen die jahreszeitlichen Aspekte (Blütenfarbe, Herbstlaub und besonders zierende Früchte) der im Hauptteil vorgestellten Arten. Das erleichtert Ihnen die Zusammenstellung Ihrer Pflanzung. Ein Verzeichnis der verwendeten Fachbegriffe und Bezugsquellen für heimische Wildstauden ergänzen den Anhang.
Der Begriff Wildstaude wird gärtnerisch gemeinhin für Wildformen von Stauden verwendet, die züchterisch nicht bearbeitet worden sind, also als ursprüngliche Art wie etwa die Berg-Flockenblume (Centaurea montana) angeboten werden. Wildstauden in diesem Sinne können aus allen Regionen dieser Erde stammen, die eine Kultur in unseren Gärten zulassen. Meist sind sie auch mit der Vorstellung von relativer Robustheit und der Verwendbarkeit in wenig gepflegten Rabatten verbunden. Also eher langlebige Arten mit einer gewissen Durchsetzungskraft, die sich in Gruppen gepflanzt ohne größeren Pflegeaufwand zu stabilen Beständen entwickeln und einen Wildnischarakter annehmen können. Naturgemäß sind derartige Wildstauden in naturnahen Gärten besonders geeignet und gefragt.
Der Begriff heimische Wildstaude wird hier ausschließlich als botanisch-ökologischer Begriff verwendet. Heimisch ist im Kontext der Biodiversität als verbunden und vernetzt mit der lokalen und regionalen Umgebung zu verstehen. Daher bedeutet heimisch auch keineswegs national, wie sich am Beispiel von drei in Deutschland heimischen Wildstauden leicht verdeutlichen lässt: Die Strand-Aster (Aster tripolium) ist nur in den Salzwiesen der Nord- und Ostseeküste heimisch und außerhalb dieses salztoleranten und damit hoch spezialisierten Lebensraumes in Deutschland nicht. Gleiches lässt sich über das Edelweiß (Leontopodium alpinum) sagen, das in Deutschland ausschließlich auf alpinen Kalkfelsrasen und exponierten Kalkfelsköpfen der Nördlichen Kalkalpen im südlichsten Bayern beheimatet ist. Unser drittes Beispiel aus der Pflanzenfamilie der Körbchenblütler (Asteraceae), die Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium), ist dagegen im gesamten Deutschland verbreitet und dort häufig, wo ihr Lebensraum – trockensonnige Wiesen, Rasen und Wegränder – vorhanden ist. Die Strand-Aster und das Edelweiß werden für naturnahe Pflanzungen mit lokalen und regionalen Stauden in den meisten Teilen Deutschlands also kaum Verwendung finden und zumeist auch nicht gut gedeihen, während die Wiesen-Schafgarbe im sonnigen Wildstaudenbeet im ganzen Land leicht ein zusagendes Plätzchen finden wird.
Somit ist eine heimische Wildstaude ist im Rahmen einer Region zu betrachten. Auch die Wiesen-Schafgarbe bildet innerhalb von Deutschland verschiedene Kleinarten, die in einer bestimmten Region nebeneinander auftreten oder auch ganz fehlen können und unterschiedliche ökologische Vernetzungen aufweisen. Wie eng der Rahmen einer Region zu setzen ist, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von der Erhältlichkeit lokaler und regionaler Herkünfte. Bei der Verwendung von Wildstauden im Landschaftsbau außerhalb des Siedlungsgebietes, beispielsweise zur Böschungssicherung, ist der lokale Aspekt der Herkunft aus ökologischen Gründen mit Sicherheit höher zu gewichten als in einem Garten innerhalb des Siedlungsraumes ohne direkten Kontakt zu natürlichen Lebensräumen der betreffenden Art.
Dieser große Garten mit einer Vielzahl standortgerecht gepflanzter, heimischer Wildstauden leistet einen wertvollen Beitrag zur Biodiversität innerhalb des Siedlungsraumes.
Ein Bewusstsein und Interesse für ökologische Vernetzungen und Biodiversität ist ausschlaggebend zur bevorzugten Wahl von heimischen Wildstauden. Betrachten Sie das Staudenangebot eines Gartencenters oder den Bestand eines beliebigen Vorgartens in puncto Wildherkünfte, werden Sie feststellen, dass oft über 90 % der Stauden nicht heimisch sind. Das einerseits auf mangelndes Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge zurückzuführen und andererseits Ausdruck einer im Vergleich zu Mitteleuropa sehr viel reicheren Flora Ostasiens und Nordamerikas – Herkunftsorte der Mehrheit unserer Gartenstauden. Bedingt ist diese größere außereuropäische Vielfalt durch die viel größeren Rückzugs- und Wiedereinwanderungsmöglichkeiten der Pflanzen entlang der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Gebirgszüge Ostasiens und Nordamerikas während der Eiszeiten. In Europa hingegen boten die Alpen und das Mittelmeer viel weniger Refugien und Rückkehrpotenzial für die einst subtropische Flora der Voreiszeiten. Heimische Wildstauden bieten uns faszinierende ästhetische Erlebnisse und ein verlockendes Potenzial zur Gartengestaltung. Ihre Formensprache und Gestalt ist im Einklang mit den Lebensräumen der natürlichen Umgebung und wirken daher natürlich. Sie sind unseren Klimaverhältnissen bestens angepasst und in dieser Hinsicht entsprechend robust. Für zahlreiche heimische Tiere, insbesondere Insekten, sind sie wichtige oder einzige Futterpflanze oder bedeutend zur Eiablage, als Unterschlupf oder Heilpflanze. Was uns als Gartenpflanze zur Zierde gereicht, ist essenzieller Lebensraum für Pflanzen und Tiere, die in einem engen ökologischen Beziehungsgeflecht stehen, das uns größtenteils noch unbekannt ist. In diesem Zusammenhang ist die Verwendung heimischer Wildstauden und Gehölze ein zentrales Anliegen naturnaher Gartengestaltung wie auch der Förderung der Biodiversität innerhalb des Siedlungsraumes. Als Beispiel sehr enger und nicht ersetzbarer Beziehungen von Insekten zu heimischen Wildstauden seien hier lediglich die auf Natternkopf (Echium vulgare) spezialisierte Glänzende Natterkopf-Mauerbiene (Osmia adunca) und der auffällige Tagfalter Schwarzer Apollo (Parnassius mnemosyne) erwähnt, der zwingend auf Lerchensporn (Corydalis cava und solida) als Raupenfutterpflanze angewiesen ist.
Klassische Gartenstauden mit exotischer Herkunft bieten vielleicht reichlich Nektar für Honigbienen oder essbare Früchte für Ameisen, aber in der Regel eben nicht die Nahrungsbasis für eine Vielzahl heimischer Insekten. Es geht nun in keiner Weise darum, klassische Gartenstauden, zu denen Sie eine enge Beziehung haben und die Ihnen besonders gefallen, aus dem naturnahen Garten zu verbannen. Vielmehr ist im Sinne eines naturnahen Gartens anzustreben, dass eine gute Mehrheit (wenigstens zwei Drittel) der verwendeten Stauden heimische Wildstauden in standortgerechter Zusammensetzung sind. Damit können wir auch innerhalb der Siedlungen einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität leisten, der umso größer ist, wenn enge Beziehungen zwischen unserem Garten mit Wildstauden und -gehölzen zu ähnlich artenreichen Lebensräumen in benachbarten Gartenflächen und der Landschaft außerhalb des Siedlungsgebietes bestehen.
Wenn im naturnahen Garten mit einem breiten Angebot heimischer Wildpflanzen gleichzeitig aus Sicht der Wildtiere „uninteressante“ exotische Gartenstauden verwendet werden, stört das die Insekten nicht. Sie suchen artspezifisch auch unter den heimischen Wildstauden ganz gezielt ihre Futterpflanzen aus und lassen den Rest links liegen. Weist ein naturnaher Garten eine breite Palette standortgerecht gepflanzter heimischer Wildstauden und Wildgehölze auf, ist er mit Sicherheit ein ökologisch wertvoller Ort für eine Vielzahl heimischer Tiere. Umgekehrt muss auch betont werden, dass viele Pflanzen- und Tierarten mit sehr hohen und spezifischen Ansprüchen an ihren Lebensraum auch mit gutem Willen nicht im naturnahen Garten angesiedelt werden können. Wir tragen deshalb für diese Arten und Lebensräume eine ethische und politische Mitverantwortung, deren oft gefährdete Wildvorkommen an ihren Naturstandorten zu erhalten und zu fördern. Zu dieser Verantwortung gehört auch, gefährdete Wildstauden, ganz unabhängig ihres gesetzlichen Schutzstatus, keinesfalls an ihrem Wildstandort auszugraben und in Gärten zu pflanzen. Das Sammeln von Samen stellt dagegen keinen schwerwiegenden Eingriff dar, vorausgesetzt man entfernt nur einen kleinen Bruchteil des reifen Samenangebotes eines Standortes.
Die meisten in Mitteleuropa heimischen Wildpflanzen weisen ein großes Verbreitungsgebiet auf, das weit über Deutschland, Österreich und die Schweiz hinausreicht. Beispiele für solche in Mitteleuropa wie auch in den drei Ländern weitverbreitete Wildstauden sind etwa Gemeine Schafgarbe, Rote Waldnelke, Gemeiner Dost oder Waldmeister.
Doch nicht alle der in diesem Buch vorgestellten Wildstauden haben eine solche weite Verbreitung, sondern folgen oft wiederkehrenden Verbreitungsmustern. Zahlreiche Arten wie etwa Blauer Lattich, Purpur-Klee oder Gemeine Küchenschelle besiedeln nur trockenwarme Regionen, in Deutschland beispielsweise Rhein-Main- und Donautal, Schwäbische Alb, Mittelbayern, Thüringer Becken und die Lössböden in Sachsen-Anhalt. Einige Wasser- und Sumpfpflanzen wie Langblättriger Ehrenpreis, Schwanenblume oder Sumpf-Wolfsmilch folgen nur den großen Stromtälern von Donau, Rhein-Main, Weser, Saale-Elbe und Oder. Arten mit vorwiegend montaner Verbreitung wie Trollblume, Wald-Storchschnabel oder Wald-Geißbart sind nur am Alpenrand und in den Mittelgebirgen verbreitet und fehlen in der Regel im Norddeutschen Tiefland. Andere Arten, wie etwa die Färber-Scharte, passen nicht in diese Muster oder sind heute auf Reliktstandorte beschränkt wie die Schachblume auf die Elbmarschen Hamburgs. Wenige, der in diesem Buch wegen ihres hohen Gartenwertes vorgestellten Arten, wie Gold-Aster oder Leberbalsam, fehlen in Deutschland natürlicherweise, besiedeln aber trockenwarme Regionen beziehungsweise Kalkfelsen in der Schweiz, Liechtenstein und Österreich (Leberbalsam ist in Österreich ausgestorben). Was bedeutet das für die Verwendung dieser Wildstauden im naturnahen Garten? Wer sich speziell für die lokalen Verbreitungsmuster, Vernetzungen und Biodiversität interessiert, mag in seinem Garten gezielt regionaltypische Pflanzenarten und lokale Spezialitäten, vorzugsweise auch mit lokaler Herkunft des Saatgutes, verwenden und trägt damit gezielt zur Biodiversität im Garten und Siedlungsraum bei. Wem diese Zusammenhänge nicht so wichtig sind, kann standortgerechte Arten selbstverständlich auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes im Garten verwenden und wird sich, bei gelungener Kombination mit weiteren standortgerechten Wildstauden und -gehölzen, dennoch zahlreicher (zumeist häufiger und verbreiteter) Insekten und weiterer Tiere als Gartenbesucher erfreuen können.
Standortgerecht heißt, die Pflanze entspricht in ihren spezifischen Ansprüchen an Boden, Feuchtigkeit und Licht dem gegebenen Gartenlebensraum. Zur regionaltypischen Biodiversität trägt sie bei, wenn die Pflanze wild in der nahen Umgebung vorkommt und standortgerecht im naturnahen Garten gepflanzt und mit passenden Wildstauden kombiniert wird. Je enger die lokale Verknüpfung des Gartens mit dem natürlichen Umfeld der nahen Umgebung außerhalb des Siedlungsraumes ist, desto wahrscheinlicher ist eine Trittsteinfunktion des Gartens für die lokale Biodiversität. Aus diesem Grund wird die natürliche Verbreitung der im zweiten Teil dieses Buches vorgestellten Wildstauden, zumindest für Deutschland, stets mit groben Verbreitungsangaben benannt. Wer detailliertere Angaben wünscht, kann im Netz unter www.floraweb.de genaue Verbreitungskarten für jede wild in Deutschland vorkommende Pflanzenart finden. Kommen die entsprechenden, in diesem Buch für Deutschland genannten Lebensräume und Regionen analog auch in der Schweiz, Liechtenstein und Österreich vor, sind diese Arten fast immer dort auch beheimatet, ohne in diesem Buch explizit genannt zu werden. Nur markante Abweichungen zu Deutschland werden hier ausdrücklich benannt. Für die Verbreitung in der Schweiz gibt www.infoflora.ch Auskunft, für Österreich gibt es derzeit nur elektronische Verbreitungskarten für einzelne Bundesländer. Auf Südtirol wird in diesem Buch nicht näher eingegangen, da dort höhere Lagen eine Alpenflora wie in Österreich zeigen, tiefen Lagen aber schon südliche Florenelemente außerhalb des mitteleuropäischen Blickwinkels dieses Buches aufweisen.
Wissenschaftliche Untersuchen der letzten Jahre zeigen deutlich, dass fast jede Wildstaude regionalspezifische, genetisch unterschiedliche Ökotypen aufweist, die fallweise in ihrer Differenzierung wichtig und oder gar unersetzlich sind für das Beziehungsgeflecht zwischen spezifischenschen Insekten und den regionaltypischen Genotypen der Wildpflanzen. Hier fehlt aber derzeit das notwendige Detailwissen noch weitgehend. Für die gärtnerische Praxis bedeutet dies, dass die Verwendung von regionalen Pflanzenherkünften für die lokale Biodiversität von großer Bedeutung ist. Deren Beschaffung wird praktisch (noch) nicht immer machbar sein. Aber das Bewusstsein für diese Zusammenhänge und die gezielte Nachfrage nach regionalen Ökotypen der Wildpflanzen wird das zukünftige, regional differenzierte Angebot auf dem Wildpflanzenmarkt stimulieren.
Dieser trockene Gartenteil wurde besonders standortgerecht gepflanzt. Alle Wildstauden – allen voran der ebenso seltene wie attraktive Purpur-Klee (Trifolium rubens) – kommen in natürlichen Lebensräumen in der unmittelbaren Umgebung wild vor.
Attraktive Frühlingsgeophyten wie die Zwerg-Tulpe (Tulipa humilis) aus Westasien können den Frühlingsaspekt von heimischen Wildstaudenpflanzungen gezielt ergänzen, sind in unserem wechselfeuchten Klima jedoch meist nur kurzlebig.
Rund 700 Arten heimischer Wildstauden bieten für den naturnahen Garten ein beeindruckendes und fast unerschöpfliches Sortiment an Bepflanzungsmöglichkeiten für sämtliche denkbaren Lebensräume. Die Flora Mitteleuropas, und damit das Potenzial der heimischen Wildstauden, weist allerdings, auch im Vergleich mit Nordamerika und Ostasien, einige natürliche Begrenzungen aus, die sich in der gärtnerischen Gestaltung bemerkbar machen.
Die heimischen frühblühenden Stauden und Geophyten sind im schattigen Bereich gut vertreten, aber stark limitiert in den trockensonnigen Lebensräumen des naturnahen Gartens. Die besonders in Trockengebieten des Mittelmeerraumes, Westasiens und des südafrikanischen Kaplandes verbreiteten Frühlingsgeophyten stellen als fulminanter Auftakt des Gartenfrühlings eine kurzlebige, aber farbintensive Bereicherung dar. Nach meiner Meinung spricht nichts dagegen, eine heimische Wildstaudenpflanzung, insbesondere auf Trockenstandorten, gezielt mit ästhetisch passenden Wildformen von beispielsweise Iris, Tulpen, Krokussen oder Narzissen standortgerecht zu ergänzen und aufzuwerten. Diese Zwiebelgewächse können problemlos in die Zwischenräume der heimischen Wildstauden gepflanzt werden und ziehen nach der Blüte bald wieder ein. Je nach Standort werden allerdings viele dieser Frühlingsgeophyten in unserem wechselfeuchten Klima nicht langlebig sein, womit sich die ethische Frage der Nachhaltigkeit bei der regelmäßigen Verwendung und den notwendigen Nachpflanzungen stellt.
Rotorange Blütenfarben wie bei der nordamerikanischen Schönen Akelei (Aquilegia formosa) sind bei Kolibribestäubung verbreitet, fehlen aber im Blütenfarbenspektrum Europas fast vollständig.
Früchte der Flora Mitteleuropas sind als Angebot für Vögel und Säuger oft intensiv rot gefärbt wie der Aronstab (Arum maculatum).
Das Farbspektrum von tierisch bestäubten Blüten eines bestimmten geografischen Großraumes mit seiner spezifischen Flora ist abgestimmt auf die vorhanden Bestäuber. In Europa sind Insekten aus der Gruppe der Zweiflügler, also Bienen und Verwandte, die weitaus wichtigsten Bestäuber. Diese haben ein UV-Farbsehen und nehmen Blütenfarben völlig anders war als wir. Feuerrote und orange Farb-töne sind im UV-Licht unscheinbar grau, weshalb in Europa praktisch keine Blüten in dieser Farbkategorie vorkommen, im Gegensatz zu Rosa und Karminrot, die auch im UV-Spektrum sichtbar und attraktiv wirken. In Nordamerika sind die farbsehenden Kolibris wichtige Bestäuber und werden von roten und orangen Blüten magisch angezogen. Daher zeigen viele Pflanzengattungen in Nordamerika feuerrote und orange Blüten. In Afrika und Asien besetzen die Nektarvögel die gleiche ökologische Nische wie die Kolibris in Amerika. Diese begehrenswerten rotorangen Blütenfarben kann die heimische Flora der Wildstauden mit ganz wenigen Ausnahmen wie etwa der Feuer-Lilie (Lilium croceum) nicht bieten. Ganz anders präsentiert sich das Farbspektrum dagegen bei den Früchten unserer heimischen Flora, die vorzugsweise farbsehenden Vögeln und Säugern angeboten werden, wie etwa die leuchtend roten Beeren des Aronstabs (Arum maculatum), Wald-Erdbeeren (Fragaria vesca) oder die Hagebutten der Wildrosen.
In der nordamerikanischen Langgrasprärie sorgen kalte Winter, regelmäßige Feuer im Frühling und hohe Sommerniederschläge bei gleichzeitig hohen Temperaturen für die Entwicklung farbenprächtiger und großblumiger, oft hochwüchsiger Stauden, insbesondere aus der Familie der Körbchenblütler (Asteraceae) mit überwiegend leuchtend gelben Blüten. Aus der Prärie stammen auch die blau-violetten Herbst-Astern, die bei Gartenfreunden hierzulande sehr beliebt sind, um den blütenarmen, heimischen Spätsommeraspekt des Gartens wirkungsvoll zu beleben. Diese Farbenpracht kann die heimische Wildstaudenflora leider nicht bieten, unsere wenigen Spätblüher erstrahlen weit weniger spektakulär. Wer ausschließlich heimische Wildstauden verwenden möchte, muss sich damit abfinden oder andernfalls gezielt nordamerikanische Präriestauden als Spätblüher in seine Staudenpflanzungen integrieren.
Die Nordamerikanischen Prärien bieten eine Fülle attraktiver Spätsommerblüher wie den Roten Scheinsonnenhut (Echinacea purpurea), die unserer heimischen Flora fehlen.
Für gelungene Pflanzungen im naturnahen Garten kann es sehr hilfreich sein, sich Vorbilder aus den entsprechenden Lebensräumen in der Natur zu vergegenwärtigen. Pflanzen die unter denselben Umwelt- und Standortbedingungen gemeinsam wachsen, haben durch ihre lange Prägung Lebensformen entwickelt, die eine natürliche Harmonie ausstrahlen und sich in ihren Erscheinungen wie Gestalt, Blattform, Blattstrukturen und Farben gleichen oder stimmig ergänzen. Ein natürlicher Lebensraum in ungestörter Ausprägung wirkt nach meinen Erfahrungen und Empfindungen nie unausgeglichen oder disharmonisch.
In einer Gartengestaltung ohne Lebensraumbezug kann es dagegen passieren, dass beispielsweise eine Fichte neben einer Yucca oder eine dickblättrige Bergenie neben einer feinlaubigen Junkerlilie gepflanzt wird. Die Wirkung ist in beiden Fällen unharmonisch, denn die durch ganz unterschiedliche Lebensräume geprägten Gestalten sind sich wesensfremd und passen nicht zusammen. Die gemeinsame Formensprache ähnlicher Lebensräume setzt sich dagegen auch über die heimischen Lebensräume und Kontinente hinweg fort. So kann beispielsweise eine chinesische Herbst-Anemone (Anemone hupehensis) oder eine nordamerikanische Waldlilie (Trillium erectum) ästhetisch passend in eine heimische Wildstaudenpflanzung im Schatten auf tiefgründig humosem Boden integriert werden, da dieselben Lebensräume auf verschiedenen Kontinenten die gleichen Lebensformen hervorgebracht haben.
Die Kalkfelsfluren mit Stein-Nelke und Mauerpfeffer gehören zu den heimischen Naturstandorten, die besonders bunt blühen (Bielersee, Schweiz).
Nachstehend werden die natürlichen Lebensräume kurz charakterisiert, die die Heimat der Wildstauden für die wichtigsten Lebensräume des naturnahen Gartens sind. Die Lebensräume werden im nächsten Kapitel beschrieben.
Die Wildstauden des trockenheißen Kiesstandortes stammen aus verschiedenen Lebensräumen: kiesig-sandige Auenpionierflächen der Flüsse, Pionier- und Schuttböden auf Felsfluren in bodensauren und kalkreichen Ausprägungen, Trockenrasen und Magerwiesen und Kalkfels-Karstfluren des Gebirges. Gemeinsames Merkmal sind mannigfaltige Anpassungen der hier beheimateten Wildstauden an die Trockenheit wie schmale, zerschlitzte, eingerollte, flaumhaarige, blaugraue oder blaugrüne Blätter, Polsterwuchs oder Sukkulenz mit relativ geringer Blattoberfläche. Die kalkreichen Standorte sind zumeist bedeutend artenreicher als kalkarme Lebensräume.
Die flachgründige Silikat-Felsgrusflur über Granitfels mit Spinnwebigem Hauswurz (Sempervivum arachnoideum) und Weißem Mauerpfeffer (Sedum album) formt ein natürliches Miniaturgärtchen (Wallis, Schweiz).
Auffällig ist auch der Blütenreichtum im Vergleich zur meist bescheidenen Blattmasse, was den trockenheißen Kiesstandorten oder Felsköpfen eine ausgeprägt blütenbuntes Gepräge verleihen kann und damit als Vorbild für entsprechende Gartenstandorte dient.
Die Wildstauden der extensiven Dachbegrünung entstammen den in puncto Trockenheit und Erwärmung extremsten Lebensräumen der trockenheißen Kiesstandorte, insbesondere den extrem flachgründigen und stark austrocknenden Felsgrusfluren. Dort ist stellenweise fast nur das Wachstum dickblättriger, sukkulenter Arten wie Mauerpfeffer und Hauswurz möglich.
Die Steinklee-Natternkopfflur zeichnet ein buntes Blütenbild der trockenwarmen und nähstoffreichen Ruderal-fluren (Rheinland-Pfalz).
Die Ruderalflächen entstehen oft spontan auf Grüngutdeponien oder Schuttablagerungen in warmen Lagen. Sie generieren bei gleichzeitiger Trockenheit und guter Nährstoffversorgung beeindruckend hochwüchsige, aber oft nur zweijährige Stauden wie Königskerzen, Esels- und Mariendistel, die für eine hohe Dynamik des Pflanzenwuchses sorgen. Im Vergleich mit der trockenheißen Kiesflur ist das Pflanzenwachstum aufgrund der guten Nährstoffversorgung wesentlich üppiger, zeigt aber in trockenen Spätsommern dürrebedingt eine deutlich gelb-braune Färbung. Besonders artenreich sind die trockenwarme Ruderalflur und die etwas frischere Steinkleeflur, die mit den komplementären Blütenfarben von Steinklee und Natternkopf ausgesprochen bunt wirkt.
Die trockensonnige Staudenrabatte bezieht ihr Wildstaudenpotenzial aus unterschiedlichen Lebensräumen, insbesondere aus Saumgesellschaften und Wiesen. Die staudenreichen Saumgesellschaften finden sich entlang natürlicher und künstlicher Waldrandbereiche oder im Innern natürlicherweise lichter Waldgesellschaften. Im Unterschied zu den Wiesenstauden ertragen sie zumeist keinen regelmäßigen Schnitt.
Der trockenwarme Saum zwischen lichtem Eichenwald und Wiesensteppe ist Heimat vieler attraktiver Wildstauden für den Garten (Burgenland, Österreich).
Trockenwarme, kalkreiche Säume weisen einen besonderen Artenreichtum an Wildstauden auf, aber auch frischfeuchte Saumfluren beheimaten viele Wildstauden des naturnahen Gartens. Die Schlagflur des gerodeten Waldes zeigt für wenige Jahre eine Massenentfaltung meist großwüchsiger und kurzlebiger Stauden wie Tollkirsche oder Schmalblättriges Weidenröschen. Die Wildstauden der Wiesen ertragen im Gegensatz zu denjenigen der Säume regelmäßigen Schnitt. Viele Wiesenstauden gedeihen im Garten auch gut in Staudenrabatten ohne regelmäßigen Schnitt während der Vegetationszeit.
Die Wiesen können grob in vom Menschen geschaffene Kunstwiesen, alpine Naturwiesen über der natürlichen Waldgrenze sowie Steppenrasen in inneralpinen und osteuropäischen Trockengebieten unterteilt werden. Bei den Kunstwiesen können wiederum Fettwiese und Magerwiese differenziert werden. Die Benennung entstammt der landwirtschaftlichen Optik des fetten oder mageren Grasertrages. Die grasreiche und dadurch staudenarme Fettwiese weist eine hohe Nährstoffversorgung und dadurch rasches Graswachstum und hohe Schnitthäufigkeit auf. Nur wenige attraktiv blühende Wildstauden wie Löwenzahn oder Wiesenkerbel können unter diesen massiven Eingriffen gedeihen. Intensiv gedüngte und geschnittene Zierrasen entsprechen ökologisch diesen Fettwiesen.
Die kalkreiche Magerwiese mit Wiesen-Salbei entspricht dem Wunschbild blütenreicher Wiesen (Schaffhausen).
Die grasarme und staudenreiche Magerwiese mit geringer Nährstoffversorgung und einem oder zwei Schnitten pro Jahr zeigt meist einen ausgesprochen reichhaltigen und bunten Blütenflor. Besonders artenreich sind sonnige Magerwiesen auf trockenwarmen Kalkstandorten. Ausgewogene, staudenreiche Wiesen brauchen eine langjährige Entwicklungszeit, Wiesenstauden können im naturnahen Garten aber auch ohne Gräser und Schnitt zu Staudenrabatten kombiniert werden.
Saumbereich mit zahlreichen Wildstauden in einem lichten, trockenwarmen Flaumeichenwald über Kalkfels (Basler Jura).
Der halbschattige Saum entsteht meist im Schatten lichter Wälder oder in halbschattigen Waldrandbereichen. Je nach Boden- und Lichtverhältnissen gesellen sich hier Wildstauden lichter Laub- und Nadelwälder und der Säume zueinander. Saumpflanzen wie Blutroter Storchschnabel, Purpur-Klee oder Edel-Gamander ertragen zumeist keinen regelmäßigen Schnitt. Wie bei der Magerwiese sind trockenwarme Säume über Kalkfels am artenreichsten ausgebildet. Wir begegnen hier zahlreichen Wildstauden mit guter Eignung für halbschattige Gartenstandorte.
Der tiefgründig-humose Schatten ist die Heimat vieler Waldschattenstauden. Einerseits sind dies die rasch einziehenden Frühblüher stark schattiger Laubwälder, insbesondere des Buchenwaldes, andererseits hochwüchsige, spät austreibende Schattenstauden der Laubwälder, überwiegend der montanen Ahorn-Ulmenwälder. Die Frühblüher der Laubwälder wie Busch-Windröschen, Wald-Schlüsselblume, Blaustern oder Lerchensporn treiben im Frühjahr meist in bemerkenswert großer Zahl aus unterirdischen Speicherorganen rasch aus, um das Licht unter den noch winterkahlen Bäumen zu nutzen, bevor sich das Laubdach der Bäume zu tiefem Schatten schließt. Die hochwüchsigen Schattenstauden und Farne der montanen Ahorn-Ulmenwälder treiben dagegen auf tiefgründigen, humusreichen Böden später aus und können nach dem Einziehen der Frühblüher oft bunt gemischte und abwechslungsreiche Staudenfluren formen.
Der hochstauden- und farnreiche montane Ulmen-Ahornwald kann sehr arten- und abwechslungsreiche Staudenfluren formen, die als Vorbilder für Schattengärten dienen können (Schwarzwald).
Der trockene Schatten wird nur von wenigen Schattenstauden besiedelt, die entweder in trockenen Wäldern oder halbschattigen Säumen beheimatet sind. Nur wenige Stauden kommen mit der Kombination aus Trockenheit und Lichtmangel, bei oft gleichzeitigem Wurzeldruck der Gehölze, oder trockener Streuauflage zurecht. Interessanterweise sind dies überwiegend gelb blühende Arten wie Habichtkräuter, Salbeiblättriger Gamander oder Klebriger Salbei. Oft dominieren immergrüne Zwergsträucher aus der Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae) wie Besenheide über sauren Böden oder Schneeheide über kalkreichen Böden und schaffen damit im lichten Schatten heideartige Bilder.
Bodensaurer Wald-Kiefernwald auf Moränensand mit immergrüner Besenheide und Stauden, die trockenen Schatten mögen (Lettland).
Die sonnige Trockenmauer entspricht im Pflanzenbewuchs der Felsspaltenflur, in der nur hochspezialisierte Felspflanzen gedeihen können – mit der Fähigkeit sich in allerfeinsten Ritzen tief zu verwurzeln und dadurch auch lange Trockenperioden zu überleben. Niedriger Polsterwuchs und kleine Blätter sind oft kennzeichnend. Auf der Mauerkrone entfalten sich dagegen oft artenreiche, extrem trockentolerante Staudenfluren, die einer Felsflur der Felsköpfe entsprechen. Abhängig vom verwendeten Stein sind diese Felsfluren bodensauer oder kalkreich. Die schattige Trockenmauer entspricht der jeweiligen schattigen Felsspaltenflur, die weitgehend aus Moosen und Farnen aufgebaut ist. Die im Tiefland wegen der und Austrocknung eher artenarmen Felsspaltenfluren entfalten in der Montan- und Alpinstufe eine weitaus größere Artenvielfalt.
Diese subalpine sonnige Kalkfelspaltenflur mit blühendem Leberbalsam (
