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Born to sail: Melwin Finks unglaubliches Debüt bei der Mini-Transat 2021 Ihm gelang, was noch kein deutscher Segler vor ihm schaffte: In zehn Tagen, 35 Minuten und 37 Sekunden holte Melwin Fink den ersten Etappensieg bei der legendären Mini-Transat. Nach einer dringenden Sturmwarnung steuerten die meisten Skipper ihr Boot in den sicheren Hafen. Melwin Fink segelte weiter – und allen anderen davon. Über Nacht machte sich der 19-jährige, bis dahin weitgehend unbekannte Jungskipper einen Namen in der internationalen Segelwelt. Doch sein Sieg löste auch heftige Diskussionen aus. In diesem Erlebnisbericht erzählt Melwin Fink die ganze Geschichte der nervenzerreißenden Segelregatta – und wie er zu dem wurde, der die Wellen der Mini-Transat hochschlagen ließ. • Melwin Fink bei der Mini-Transat 2021: Der neue Stern am deutschen Seglerhimmel • Ein Traum, eine Entscheidung, ein Sieg: Wie der unbekannte Nachwuchsskipper die Segelwelt in Atem hielt • Hochspannendes Abenteuer unter Segeln bei einer der größten Einhand-Offshore-Regatten der Welt • Der erste Etappensieg für einen deutschen Segler bei der französisch dominierten Transatlantik-Regatta Segeln in Sturm und Flaute: Mit dem Mini bei einem der härtesten Segelrennen der Welt Die Mini-Transat ist eine Einhandregatta für Boote der Mini-Klasse, die seit 1977 alle zwei Jahre ausgetragen wird. Über 4.000 Seemeilen müssen auf den 6,50-Meter-Yachten zurückgelegt werden: eine Atlantiküberquerung in zwei Etappen von Frankreich aus über die Kanaren bis in die Karibik. Unterwegs ist jeder Segler auf sich gestellt und Navigator, Taktiker und Steuermann zugleich. Eine extreme Herausforderung, die Mensch und Boot an ihre Grenzen bringt. Stürzen Sie sich gemeinsam mit Melwin Fink in dieses atemberaubende Segelabenteuer und erleben Sie die Faszination Mini-Transat hautnah!
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2022
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MELWIN FINK
KATHARINA GÜNTER
AUF6,50 METERNALLEIN ÜBER DENATLANTIK
KAPITEL 1
KINDHEITSTRÄUME
KAPITEL 2
DAS FUNDAMENT
KAPITEL 3
6,50 METER
KAPITEL 4
FLAUTEN, PECH UND PANNEN
KAPITEL 5
DAMALS UND HEUTE
KAPITEL 6
DER STARTSCHUSS
KAPITEL 7
STURMWARNUNG
KAPITEL 8
ALLEIN, ALLEIN
KAPITEL 9
SIEGESZUG UND AUFRUHR
KAPITEL 10
EINMAL DURCHATMEN
KAPITEL 11
DER ZWEITE TEIL
KAPITEL 12
ANGEKOMMEN
KAPITEL 13
ZUKUNFTSTRÄUME
KAPITEL 14
DAS ABENTEUER GEHT WEITER
POGO 3
SIGNFORCOM
MEINE SPONSOREN
VIELEN DANK!
»WAS FÜR EIN HORRORRENNEN!« ICH KLATSCHE MEINEN FRANZÖSISCHEN CO-SKIPPER GABIN AB, UND EIN MULMIGES GEFÜHL BREITET SICH IN MEINER MAGENGEGEND AUS.
Ich stehe im Hafen von Deauville, bin müde und hungrig. Am Himmel tummeln sich noch etliche Wolken und geben nur in kleinen Fetzen den Blick auf ein helles Blau frei. Im Wasser wiegt sich mein Boot, die SIGNFORCOM, sanft in den Wellen. Hinter uns liegt die zweite Etappe des Calvados Cups 2021, einer Segelregatta, die geprägt war von chaotischen Bedingungen und die mich an meine seglerischen und mentalen Grenzen gebracht hat. Dabei wollte ich unbedingt ein letztes Mal alles perfekt machen. Es war schließlich die Generalprobe für meinen großen Traum: die Teilnahme an der Mini-Transat.
Seit drei Jahren bereite ich mich nun schon auf die bekannte und anspruchsvolle Einhandregatta über den Atlantik vor. Bereits als Kind verfolgte ich zusammen mit meinem Papa leidenschaftlich die großen Segelregatten. Seit ich denken kann, habe ich keine einzige Vendée Globe, kein Volvo Ocean Race oder Fastnet Race verpasst. Jedes Mal bewunderte ich voller Faszination, wie Crews oder einzelne Skipper ihre Rennmaschinen über die Ozeane jagten. Wie sie sich dabei der Kraft der Natur aussetzten und mit Wind und Welle klarkommen mussten. Es gab nur sie und das Boot. Besonders beeindruckt verfolgte ich immer die Vendée Globe. Wochenlang segelt man auf den Weltmeeren mutterseelenallein einmal um die Welt, erlebt von Eisbergen bis zu 30 °C bei Sonne pur alles, was Wetter und Meer zu bieten haben, und muss dabei immer an sich und seine Entscheidungen glauben. Wer an so einem Rennen teilnehmen möchte, braucht unglaublich viel Erfahrung, Wissen und Selbstvertrauen.
Viele Segler wählen als Einstieg in die große Segelwelt die Mini-Transat. Sie geht zwar »nur« über den Atlantik und dauert auch nicht so lange wie eine Vendée Globe, aber sie lässt im Kleinen erahnen, was bei den großen Rennen auf einen zukommt. Außerdem ist sie ein guter Start in die Welt der Einhandregatten, da sie mit kleinen Booten gefahren wird, jeder Skipper sein eigenes Boot fährt (das ihm auch gehört und um dessen Optimierung er sich kümmern muss) und die Distanzen gut überschaubar sind.
Auch ich träumte heimlich davon, irgendwann einmal bei einer Mini-Transat teilzunehmen. Das Einhandsegeln – also das Segeln ganz allein an Bord – reizte mich viel stärker, als mit einer Crew unterwegs zu sein. Hin und wieder bin ich mit meinem Vater und weiteren Crewmitgliedern Regatten gesegelt, doch so richtig begeistert hat es mich nie. Man war immer abhängig von anderen Menschen und musste sich ihnen anpassen. Bei einer Einhandregatta hingegen gibt es nur dich und das Boot. Ich sah es daher als Wink des Schicksals, dass 2018, als ich meine Freundin auf die Azoren begleitete, dort ein Vorbereitungsrennen für die Mini-Transat 2019 stattfand. Eigentlich waren wir da, um ihren Vater zu unterstützen, der damals beim Azorenrennen segelte. Doch ich fühlte mich viel mehr von den zukünftigen Teilnehmern der Mini-Transat angezogen. Überall im Hafen waren die Skipper auf ihren Booten aktiv, und ich ergriff jede Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen und sie auszufragen. Bereitwillig erzählten sie mir alles über ihre laufende Vorbereitungsphase und wie sie jede Möglichkeit nutzten, um ihre Taktiken und das Boot zu optimieren. Während sie davon berichteten, leuchteten ihre Augen, und sie sprühten vor Begeisterung.
»AUCH ICH TRÄUMTE HEIMLICH DAVON, IRGENDWANN EINMAL BEI EINER MINI-TRANSAT TEILZUNEHMEN. DAS EINHANDSEGELN – ALSO DAS SEGELN GANZ ALLEIN AN BORD – REIZTE MICH VIEL STÄRKER, ALS MIT EINER CREW UNTERWEGS ZU SEIN.«
Es dauerte nicht lange, und ich wurde von dieser Energie angesteckt. Ich stellte mir damals vor, wie es sich wohl anfühlen würde, insgesamt etwa 4.000 Seemeilen allein über den Atlantik zu segeln. Schon bei der Vorstellung bekam ich vor Freude eine Gänsehaut. Dieses Gefühl, komplett eins zu sein mit dem Meer, sich den Gewalten der Natur hinzugeben und dabei auf ein absolutes Mindestmaß an Komfort reduziert zu sein, klang in meinen Ohren unglaublich faszinierend. Noch dazu mit solchen Nussschalen, wie sie dort überall im Hafen vorwitzig an ihren Leinen hüpften. Nicht umsonst heißen die Boote, die bei dieser Regatta gesegelt werden, »Minis«. Der Name ist Programm: Die kleinen Rennyachten sind genau 6,50 Meter lang und bieten keinerlei Komfort. Es gibt keine Toilette, kein Bett und keine Küche. Um sein Geschäft zu verrichten, benutzt man einen Eimer, und geschlafen wird unter Deck direkt auf dem kahlen Boden. Das bedeutet, dass der Körper nur durch die wenigen Zentimeter der Bootshaut von den Tiefen des Ozeans mit seinen unzähligen Meeresbewohnern getrennt ist. Es ist ein Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur – und genau das liebe ich.
Laut der Erzählungen meines Vaters war das bei mir als Kleinkind schon so gewesen. Bereits im Alter von drei Jahren nahm er mich das erste Mal mit auf eine Regatta. Durch eine Schwimmweste gesichert, saß ich unter Deck zwischen dem Schwertkasten und einem Segelsack. Fröhlich vor mich hin plappernd, schaute ich hinaus und kommentierte alles, was ich sah, voller Begeisterung. Während andere Kinder lieber auf dem Spielplatz tobten, fühlte ich mich auf einem schwankenden Schiff mit dem Rauschen des Wassers um mich herum am wohlsten. Dieses Segeln von Kindesbeinen an ist wohl fast schon so etwas wie eine Familientradition. Auch mein Papa wurde schon als Knirps zum Segeln mitgenommen. Meine Großeltern besaßen in der DDR ein eigenes Boot und liebten, genau wie ich, die Einfachheit und Echtheit auf dem Wasser.
Ich brauche absolut keinen Luxus, um glücklich zu sein. Nur das Boot, das Meer und ich. Die Gespräche mit den Skippern zeigten mir jedoch, dass Leidenschaft fürs Segeln allein nicht ausreicht, um mit so einem Boot den Atlantik zu überqueren. Es bedarf enormer Erfahrung und seglerischen Könnens. Die Minis sind sehr schlicht gebaut, es gibt kaum technischen Schnickschnack an Bord, und es kommt ganz allein auf die eigenen Fähigkeiten und die mentale Stärke an, ob man eine Regatta erfolgreich bewältigt oder nicht. Als ich das hörte, wusste ich, warum ich dort auf den Azoren immer mehr den Drang verspürte, mich endlich genau solch einer Herausforderung zu stellen. Ich bin ein absoluter Wettkampftyp und liebe es, wenn es ausschließlich ums Können geht und nicht topentwickelte Technologien entscheiden, wer der Bessere ist. Dieses Rennen ist wie für mich geschaffen, dachte ich mir damals.
Zurück in Deutschland, verkündete ich daher meinen Eltern, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, dass ich, trotz meiner gerade einmal 16 Jahre, an der Mini-Transat teilnehmen wollte. Und zwar schon zum nächstmöglichen Zeitpunkt – Oktober 2021. Ich hatte dementsprechend drei Jahre, um mich bestmöglich vorzubereiten. In dieser Zeit bin ich Tausende von Seemeilen gesegelt, habe mein Boot in allen Belangen optimiert und zahlreiche Segeltaktiken gelernt – nur um jetzt bei der Generalprobe einen Kampf gegen die Rahmenbedingungen und mich selbst zu führen. Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Start der Mini-Transat, und meine Entschlossenheit erhält erste Risse des Zweifels.
SEGELN WAR SCHON IMMER MEINE LEIDENSCHAFT. GEBOREN IN BIELEFELD UND AUFGEWACHSEN IN BAD SALZUFLEN, NUTZTE ICH DAS STEINHUDER MEER ALS NÄCHSTGELEGENES GEWÄSSER, UM SEGELN ZU GEHEN. ZUERST MIT FÜNF JAHREN AUF EINEM KLEINEN KINDERBOOT, EINEM SOGENANNTEN OPTIMISTEN ODER AUCH LIEBEVOLL »OPTI« GENANNT, UND SPÄTER AUF EINER JOLLE.
Allerdings fuhr ich in jungen Jahren relativ wenig Regatten. Ich nahm an ein oder zwei Jollenrennen teil und dreimal in Heiligenhafen beim Youngster Race mit dem Boot meines Vaters. Ich mochte das Rennen, bei dem alle Crewmitglieder bis auf den Skipper unter 21 Jahren sein mussten. Hin und wieder begleitete ich außerdem meinen Vater zu einer Regatta auf der Ostsee. Ich war dann Teil einer sechs- bis achtköpfigen Crew, und obwohl sich meine Aufgaben bei solchen Rennen in Grenzen hielten, konnte ich viel dabei lernen.
Meine erste Offshore-Regatta fuhr ich tatsächlich erst im Zuge der Vorbereitung für die Mini-Transat. Ich hatte mir zuvor relativ spontan ein altes Boot, Typ Pogo 3, gekauft. Nachdem der Entschluss gefallen war, an der Mini-Transat 2021 teilnehmen zu wollen, war klar, dass ich so schnell wie möglich ein Boot aus der Klasse der Minis brauchte, um die ersten Rennen fahren zu können. Da ich jedoch nicht die finanziellen Mittel hatte, mir gleich ein neues und gut ausgestattetes Boot zu kaufen, war ich froh, als am Bodensee ein älteres und daher günstigeres Modell zum Kauf angeboten wurde. Der Besitzer wollte ursprünglich ebenfalls an der Mini-Transat teilnehmen, weswegen es ganz gut ausgestattet war. Zwar war der Zustand des gesamten Bootes nicht mehr tauglich für meine Mini-Transat, aber für die Vorbereitungen und um mich überhaupt erst einmal an die Klasse zu gewöhnen, war es genau richtig. Und vor allem war es bezahlbar.
Diese erste Offshore-Regatta – die Baltic 500 –, die wir mit dem neuen Boot gesegelt sind, war ein Doublehand-Rennen. Und dieses Mal war es umgekehrt: Mein Vater begleitete mich als Co-Skipper. Die Regattastrecke verlief von Kiel nach Kopenhagen, um die Insel Læsø herum und durch den Großen Belt zurück nach Kiel. Anfangs lief noch alles gut: Wir hatten einen angenehmen Westwind, sodass wir entspannt mit Spinnaker fahren konnten. Kurz nach dem Start waren wir zwar auf dem vorletzten Platz, aber das störte uns nicht. Schließlich war es unsere Offshore-Prämiere, und wir mussten uns erst zurechtfinden. Unser Ziel: einfach nur ankommen. Ich war damals ganz aufgeregt. Es war das erste Mal, dass wir unser Boot für eine längere Regatta bestückten. Wir kauften uns Tütenessen – viel zu viel, aber Papa hatte Angst, dass er verhungert – und statteten unser Boot mit allerlei Dingen aus, die ich danach nie wieder bei einer Regatta dabeihatte. Wir nahmen Matratzen, Schlafsäcke und sogar Kopfkissen mit. Natürlich war am Ende des Rennens alles patschnass und nicht wirklich zu gebrauchen. Aber egal, wir wussten es damals einfach nicht besser.
Voller Motivation starteten wir in das Rennen, kamen jedoch leider nicht weit. In Kopenhagen traf uns die erste Flaute, und wir dümpelten über zwei Stunden vor dem Kopenhagener Flughafen herum, ohne auch nur ein Stückchen vorwärtszukommen. Noch war die Laune bei uns beiden jedoch halbwegs gut. Das änderte sich bei mir aber sehr rasch. Als wir es endlich mit ein bisschen Wind bis auf Höhe von Helsingborg und Helsingør geschafft hatten, schlief er auch schon wieder ein. Da dort aber leider Gegenstrom herrschte, wurden wir unweigerlich wieder zurück in den Öresund getrieben. Dies verursachte bei mir so schlechte Laune, dass mein Vater mir riet, mich doch besser mal ein bisschen schlafen zu legen. Vermutlich hatte er auf mein ständiges Gemecker keine Lust mehr. Zum Glück frischte der Wind dann doch ein kleines bisschen auf, sodass wir es letztlich bis zur Insel Læsø schafften. Dort beschloss der Wind jedoch, seine Richtung erneut zu ändern, was die Umrundung der Insel immer mehr zu einer nervlichen Zerreißprobe werden ließ. Aufgrund des Windes und der Strömungen mussten wir ewig kreuzen und kamen doch nicht an der Insel vorbei. Jedes Mal wurden wir viel zu nahe ans Land gedrückt, um die Insel noch passieren zu können. Ich glaube, wäre Papa nicht dabei gewesen, wäre ich irgendwann von Bord gesprungen und den Rest nach Hause geschwommen. Das war wirklich ein tief prägendes Ereignis für mich. Mein Vater war zwar immer noch die Ruhe in Person, allerdings mittlerweile auch nicht mehr ganz so motiviert wie noch zu Beginn. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, bis wir Læsø endlich umrunden konnten, aber in der Zwischenzeit schwor ich mir, niemals auf dieser Insel Urlaub zu machen. Zügig segelten wir dann in den großen Belt, nur um dort erneut in einer Flaute festzustecken. Ich war am Verzweifeln. Es war mein erstes Offshore-Rennen, und ich machte Flautensegeln.
Wir mussten über die gesamte Strecke so viel kreuzen, dass wir irgendwann einfach nur noch ankommen wollten. An eine bessere Platzierung als den letzten Platz war nicht mehr zu denken. Auch die kommende Nacht hielt uns weiter in Atem. Der Anblick der beleuchteten Storebælt-Brücke, besser bekannt als die »Großer-Belt-Brücke«, war wirklich beeindruckend. Was uns jedoch gar nicht gefiel, war die Tatsache, dass wir im Fahrwasser festhingen und erneut kaum eine Seemeile hinter uns lassen konnten. Mit dem wenigen Wind kamen wir partout nicht gegen die Strömung an. Wir versuchten es mit ständigem Kreuzen, wurden aber dennoch immer wieder in das Fahrwasser zurückgetrieben. Ständig hatten wir Sorge, dass uns eines der zahlreichen Containerschiffe, die in dem Fahrwasser verkehrten, überfahren würde. Wir hatten ja keinen Motor und konnten daher auch nicht einfach so ausweichen. Am Ende der Nacht berechneten wir anhand der Seekarten und der Wettervorhersage, wie lange wir in disem Tempo noch nach Kiel brauchen würden. Es waren zwar nur noch 60 Seemeilen, aber unser Vorwärtskommen war so schneckengleich, dass es zeitlich sehr eng wurde. Mein Vater hatte am Montag einen wichtigen Termin, und es zeichnete sich ab, dass er den nicht mehr einhalten könnte, wenn wir bis nach Kiel fahren würden. Also steuerten wir stattdessen Spodsbjerg an – eine kleine Hafenstadt am Großen Belt – und ließen uns von einem hilfsbereiten Fischer in den Hafen ziehen.
Es war ein komisches Gefühl, mit dem wir unsere Festmacherleinen an Land um die Klampen legten. Auf der einen Seite waren wir einfach nur froh, dass dieses unsägliche Rennen endlich vorbei war und wir wieder Land unter den Füßen hatten. Anderseits ärgerten wir uns, dass es so schlecht gelaufen war. Niemals hätte ich gedacht, dass wir das Rennen abbrechen würden. Aber damals hatten wir einfach noch nicht genug Erfahrung. Letztlich beschlossen wir, es als eine positive Entwicklung für unsere Lernkurve und einen schönen Vater-Sohn-Ausflug zu betrachten.
»STÄNDIG HATTEN WIR SORGE, DASS UNS EINES DER ZAHLREICHEN CONTAINERSCHIFFE, DIE IN DEM FAHRWASSER VERKEHRTEN, ÜBERFAHREN WÜRDE. WIR HATTEN JA KEINEN MOTOR UND KONNTEN DAHER AUCH NICHT EINFACH SO AUSWEICHEN.«
Doch nicht nur mein Vater segelt, auch meine Mutter liebt es, an Bord zu sein – und so waren die gemeinsamen Familienurlaube auf dem Boot immer ein fester Bestandteil meines Lebens. Wobei wir selten komplett als Familie unterwegs waren, denn wir sind insgesamt vier Brüder, und mit sechs Personen kommt unser Familienboot sehr schnell an seine Grenzen. Mein älterer Bruder ist aber sowieso kein großer Segelfan, und auch Linus, der jüngere Bruder nach mir, verbringt seine Zeit lieber an Land. Nur der Jüngste, Tamino, teilt unsere Freude am Segeln. Vielleicht nicht mit solch einer Versessenheit wie Papa und ich, aber trotzdem ist er sehr gern an Bord. Bei den zahlreichen Diskussionen und stundenlangen Gesprächen, die ich mit meinem Vater übers Segeln führe, hält er sich jedoch meistens raus. Vor allem bei den großen Hochseeregatten besprechen mein Vater und ich leidenschaftlich die einzelnen Taktiken der Teilnehmer und diskutieren, welche Boote am besten sind oder wo es Optimierungspotenzial gibt.
Ich redete früher so oft übers Segeln, dass ich meinen Mitschülern damit irgendwann ziemlich auf die Nerven gegangen bin. Sie bekamen nur eine Pause, wenn mal wieder eine Unterrichtsstunde einem Törn auf dem Wasser weichen musste. Doch da ich stets gute Noten schrieb, drückten die meisten Lehrer wohlwollend beide Augen zu. Vermutlich waren sie froh, dass ich dadurch beschäftigt war und nichts anderes anstellen konnte. Ich zog mich auch oft aus dem Partyleben meiner Freunde raus, da ich viel lieber die Zeit auf dem Wasser verbringen wollte. Meist vertröstete ich sie auf die Wintermonate, wenn das Boot aus dem Wasser oder es zu kalt und zu ungemütlich zum Segeln war. Aber im Sommer verzichtete ich gern auf irgendwelche alkoholschwangeren Nächte, um mit meinem Boot segeln zu gehen.
Konsequenterweise stand in meinem Abibuch auch der Satz: »War mehr auf dem Wasser als im Unterricht.« Aber das störte mich nicht. Solange ich besser war als manch andere, die deutlich mehr Anwesenheitszeiten als ich hatten, konnte es ja gar nicht so schlimm gewesen sein. Und immerhin hat der Abiturschnitt für ein Jurastudium gereicht.
Auch meine Eltern sahen, wie wichtig mir das Segeln war und unterstützten mich, wo sie nur konnten. So waren sie nicht abgeneigt, als ich ihnen 2018, noch halb grün hinter den Ohren, das erste Mal von meiner Idee berichtete, an der Mini-Transat teilnehmen zu wollen. Andere Eltern hätten vielleicht gesagt: »Du spinnst, mach erst einmal dein Studium, und dann kannst du das machen.« Aber nicht meine. Sie fanden die Idee gut und versprachen mir, mich zu unterstützen. Gleichzeitig machten sie mir klar, dass es viel Arbeit sein würde, um die ich mich selbst kümmern müsste. Doch das war für mich in Ordnung.
Ich hatte von Anfang an keinerlei Zweifel, dass mir dieses große Projekt gelingen würde. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich das auch durch. Komme, was wolle.
Zuerst musste ich das Finanzielle klären. Wenn man nicht gerade ein paar Hunderttausend Euro auf der hohen Kante hat, benötigt man für solch ein Rennen Sponsoren. Ich war zu dem Zeitpunkt ein 16-jähriger Schüler, da hält sich die Summe auf dem Konto in Grenzen. Selbst mit noch so vielen Schülerjobs hätte ich mir eine Teilnahme niemals selbst finanzieren können. Ich brauchte also jemanden, der mir hilft. Und so begann die Sponsorensuche.
Um zu wissen, wie viel Geld ich in etwa benötigte, erstellte ich eine Kostenübersicht. Was kostet ein Boot, wie hoch sind die Teilnahmegebühren für die Vorbereitungsregatten, und was brauche ich zum Leben? Da ich plante, in einem umgebauten Bus zu wohnen, war der letzte Teil das geringste Problem. Insgesamt kam ich auf eine Summe von etwa 230.000 €, wobei circa 100.000 € für das Boot anfielen.
Doch warum sollten mir Sponsoren überhaupt Geld geben? Ich war ja ein noch völlig unbekannter junger Segler. Um das zu beantworten, suchte ich ihn mühseliger Kleinstarbeit heraus, wie meine Sponsoren durch mich an Bekanntheit gewinnen konnten. Stundenlang saß ich dafür an meinem Schreibtisch und recherchierte Zahlen und Statistiken von den Rennen, an denen ich teilnehmen wollte. Ich gebe zu, dass das nicht meine liebste Beschäftigung war. Ich ließ mich zu dieser Zeit gern von dem Lärm meiner Brüder ablenken und spielte lieber mit ihnen im Garten eine Runde Fußball oder tobte mit dem Hund eines Freundes. Die liebevollen, aber penetranten Nachfragen meines Vaters, wie weit ich denn schon sei, brachten mich dann aber doch immer wieder zurück an meinen Schreibtisch. Wenn die Motivation einmal ganz am Boden war, dann betrachtete ich die Bilder in meinem Zimmer. An den Wänden hatte ich schöne Fotografien aufgehängt, unter anderem von der MAXIMUM FUN – dem Boot, mit dem ich schon einige Abenteuer erlebt habe. Sie erinnerten mich stets daran, wofür ich das alles machte. Für meinen großen Traum, an der Mini-Transat teilnehmen zu können. Meist ging mir die Arbeit danach wieder leichter von der Hand. Wobei ich nicht abstreiten möchte, dass ich weiterhin jede Ablenkung dankbar annahm. Erst recht, wenn beispielsweise der Duft von Mamas leckerer Lasagne unter meiner Zimmertür durchkroch und ich sie schon den Tisch decken hörte.
Am Ende war es mir gelungen, eine umfangreiche Bewerbungsmappe für die Sponsorensuche zu erstellen. Ich hatte die anfallenden Kosten aufgelistet, wo und wie der Sponsor genannt wurde und was ich als zusätzliche Leistung, wie zum Beispiel Vorträge oder Ähnliches, erbringen konnte.
Dann begann der schwierigere Teil. Ich trat das erste Mal an Firmen heran. Natürlich versuchte ich es erst einmal bei Unternehmen, die eine Verbindung zum Segeln hatten. Doch schnell merkte ich, dass ich dort maximal Material für das Boot erhielt, aber kein Geld, da in dieser Branche einfach nicht viel vorhanden ist. Ich musste mich also in andere Geschäftsfelder vorwagen. Anfangs schickte ich immer nur eine E-Mail hin, aber da hätte ich genauso gut mit den Fischen in unserem Gartenteich reden können. Das brachte gar nichts. Ich musste mich persönlich vorstellen. Schnell merkte ich jedoch, dass ich dafür einen Türöffner benötigte, schließlich war ich ein noch absolut unbekannter Segler mit mittlerweile gerade einmal 17 Jahren. Verständlich, dass die meisten erst einmal etwas skeptisch reagierten, wenn da ein junger Bursche vor ihnen stand, der mit seinen blonden Locken und dem fröhlichen Grinsen eher in eine Geschichte von Astrid Lindgren passte als zu einer Mini-Transat. Ich musste die ersten Ablehnungen und Rückschläge hinnehmen, aber ich ließ mich davon nicht unterkriegen, schließlich ging es hier um meinen großen Traum. Und zum Glück gab es auch Erfolge: Hatte ich erst einmal jemanden gefunden, der mich dem Vorstand oder Geschäftsführer vorstellte, konnte ich meine Gesprächspartner stets davon überzeugen, dass hinter dem jugendlichen Aussehen ein äußerst seriöser und gut durchdachter Plan steckte. Ich hatte keinerlei Probleme, selbstbewusst mein Anliegen vorzutragen. Im Gegenteil: Es machte mir Spaß, über meine Segelleidenschaft zu sprechen und andere mit meiner Begeisterung anzustecken. Natürlich war ich vor jedem Gespräch ein kleines bisschen aufgeregt. Aber es war eine positive Aufgeregtheit, und ich hatte ein Herzensprojekt, das ich unbedingt umsetzen wollte.
Bereits vor der eigentlichen Vorbereitungsphase der Mini-Transat begann ich, mich zu entwickeln und zu reifen. Ich biss mich durch, kämpfte für meinen Traum und hatte zum Schluss ausreichend Sponsoren, um die Mini-Transat angehen zu können. Ich bin sehr stolz, dass ich SIGN FOR COM als Hauptsponsor und Cocon Beton GmbH, Lippmann German Ropes und fast52 als weitere Sponsoren gewinnen konnte. Mit diesen Partnern an meiner Seite war ich sehr zuversichtlich, das Projekt Mini-Transat erfolgreich zu absolvieren.
Nachdem klar war, dass ich die finanziellen Mittel zusammenbekam, machte ich mich auf die Bootssuche, denn mit dem jetzigen alten Boot konnte ich keine Mini-Transat erfolgreich segeln. Ich schaute erst ein wenig im Internet, doch eine Pogo 3 gab es zu dem Zeitpunkt insgesamt nur drei Mal zu kaufen – und alle drei waren nicht in einem Zustand, den ich mir für mein Boot vorstellte. Dann fand ich in den Niederlanden ein Boot, das ich für halbwegs passend erachtete und hätte es auch fast gekauft. Doch das Schicksal wollte es anders. Um die zweite Etappe der Mini-Transat 2019 live zu verfolgen, flog ich im November 2019 mit meiner Mutter auf die Kanaren. Dort traf ich Morten, einen deutschen Teilnehmer der Regatta, der in der Klasse der Proto-Segler am Ende Drittplatzierter wurde. Ich kam schnell mit ihm ins Gespräch und half ihm ein bisschen bei seinem Boot. Neben seinem lag die Pogo 3 von Hendrik Witzman, dem zweiten der beiden deutschen Teilnehmer in jenem Jahr. Ich berichtete davon, dass auch ich in zwei Jahren an der Mini-Transat teilnehmen wollte und nun auf der Suche nach einem passenden Boot sei. Das wiederum bekam der Präparator von Hendrik mit.
Und wie es der Zufall – oder das Schicksal – so wollte, erzählte er mir, dass Hendrik Witzman sich bei der Mini-Transat so stark verletzt hatte, dass er die Regatta abbrechen musste und sein Boot verkaufen wollte. Ich bekam leicht schwitzige Hände, und mein Herz schlug zwei Takte schneller. Irgendetwas sagte mir, dass ich gerade eine einmalige Chance vor mir liegen hatte, die ich auf gar keinen Fall verpassen durfte. Wir gingen sofort hinüber auf das Boot, und der Präparator zeigte mir alles. Kurze Zeit später kam auch Hendrik hinzu, und wir unterhielten uns noch ein bisschen, aber eigentlich war mir sehr schnell klar, dass ich dieses Boot unbedingt haben wollte. Hendrik hatte unglaublich viel Zeit und Mühe in die kleine Yacht gesteckt, und nichts war mehr so, wie es mal aus der Serienproduktion kam. Das Boot war perfekt gewichtsoptimiert, was bei so einer Yacht einiges an Fahrtgeschwindigkeit ausmachen kann. Außerdem war nahezu jedes einzelne, noch so kleine Teil von ihm ausgetauscht, verbessert oder verstärkt worden.
»VERSTÄNDLICH, DASS DIE MEISTEN ERST EINMAL ETWAS SKEPTISCH REAGIERTEN, WENN DA EIN JUNGER BURSCHE VOR IHNEN STAND, DER MIT SEINEN BLONDEN LOCKEN UND DEM FRÖHLICHEN GRINSEN EHER IN EINE GESCHICHTE VON ASTRID LINDGREN PASSTE ALS ZU EINER MINI-TRANSAT.«
Natürlich habe ich mich vor dem Kauf auch noch ein bisschen unter den anderen Seglern umgehört, aber alle schwärmten, dass dieses Boot extrem gut ausgestattet sei, sehr gute Segel hätte und sich in einem Topzustand befände. Auch wenn ich mir vorher schon sehr sicher war, war dies die finale Bestätigung. Das würde mein zukünftiges Boot sein.
Schnell flog ich nach Hause, um alles für den Kauf vorzubereiten. Und dann war es so weit: Im Dezember 2019 wurde ich stolzer Besitzer meiner neuen und renntauglichen Pogo 3. Natürlich flog ich für die Übernahme wieder auf die Kanaren, weil ich von dort aus direkt meine Qualifikation starten wollte. Es ging dabei um einen 1.000 Seemeilen umfassenden Nonstop-Segeltörn, den ich allein absolvieren musste. Diesen brauchte ich sowohl um mich für das Azorenrennen im Juli 2020 anmelden zu können als auch für meine Anmeldung bei der Mini-Transat.
Was war das für ein erhabenes Gefühl, endlich mein neues Boot entgegennehmen zu können, mit dem Wissen, dass ich dieses bei der Mini-Transat segeln würde. Als ich es dort im Hafengelände stehen sah, musste ich schmunzeln. Damit es während der langen Zeit an Land nicht zu schmutzig wurde, war es bei der Übergabe komplett in eine Art Frischhaltefolie gewickelt. Und so sah meine neue Pogo 3 eher aus wie ein überdimensionales eingepacktes Stück Kuchen und nicht wie ein Segelboot. Aber es war definitiv das größte Geschenk, das ich je auspacken durfte.
Neben der Freude breitete sich aber auch Nervosität aus. Dieses Schiff würde in den nächsten zwei Jahren mein engster Begleiter sein. Mit ihm würde ich auf großen Meeren segeln, Stürme durchleben und Flauten überstehen. Mein Leben würde in seinem Bootsrumpf liegen. War es der Herausforderung gewachsen? Hatte ich ein Boot gekauft, das dem Vertrauensvorschuss, den ich ihm entgegenbrachte, standhielt?
DIREKT NACH DEM KAUF DER POGO 3 STARTETE ICH IN DIE 1.000 SEEMEILEN.DA DIE STRECKE NICHT NUR VORAUSSETZUNG ZUR TEILNAHME AM AZORENRENNEN, SONDERN AUCH EIN TEIL DER QUALIFIKATION FÜR DIE MINI-TRANSAT IST, WIRD SIE VON DER RENNLEITUNG GENAU VORGESCHRIEBEN.
Start war in Las Palmas auf Gran Canaria. Anschließend musste ich zwischen den Inseln Fuerteventura und Lanzarote hindurchsegeln, hinauf nach Madeira und dort die Insel umrunden. Zurück ging es westlich an La Palma und nördlich von La Gomera vorbei, um final wieder auf Gran Canaria zu landen.
Obwohl das Azorenrennen erst im Juli stattfand, musste ich die Weihnachtsferien nutzen, da ich sonst keine passenden Schulferien mehr hatte. Und so startete ich am 23.12.2019 meine Tour. Es bedeutete zwar, dass ich Weihnachten, statt im Kreis der Familie zu feiern, allein mit meinem Boot auf dem Atlantik segelte, aber ich freute mich riesig auf die Kennenlernphase mit meiner Yacht. Die Sonne strahlte mit mir um die Wette, als ich einen Tag vor Heiligabend den Hafen von Gran Canaria verließ. Ich hatte mein Boot vollgepackt mit leckeren Lebensmitteln, und unter Deck wartete das Weihnachtspaket meiner Eltern darauf, am 24.12. ausgepackt zu werden. In kurzer Hose, einem leichten, langen Oberteil und der Sonnenbrille im Gesicht, startete ich in meine 1.000 Seemeilen, während meine Familie zu Hause über ekligen, grauen Schneematsch schimpfte.
Der Start verlief reibungslos, und ich segelte Heiligabend entgegen. Am 24.12. stieg die Temperatur noch einmal an, sodass ich mit nacktem Oberkörper und einer Weihnachtsmütze auf dem Kopf hinten in der SIGNFORCOM saß und laut Jingle Bells mitpfiff. Ich hatte mir extra eine Weihnachtsplaylist zusammengestellt, damit ich auf gar keinen Fall auf die ganzen Klassiker, wie Last Christmas oder All I Want for Christmas, verzichten musste.
Abends gönnte ich mir als leckeres Festtagsessen eine große Portion gefriergetrocknete Carbonara und feierte im Anschluss mit mir selbst Bescherung. Voller Freude öffnete ich das Paket meiner Eltern. Es enthielt etliche Snacks, eine Flasche Champagner und zwei Flaschen Bier. Von Letzterem gönnte ich mir sofort eine Flasche und stieß mit meinem Boot an. Anschließend gab es noch einen FaceTime-Call mit meinen Eltern, Großeltern und der ganzen Familie zu Hause. Es war einfach wunderbar. Über mir funkelten Tausende von Sternen, und der Schweif der Milchstraße gab Weihnachten eine ganz besonders besinnliche Note. Als dann auch noch Delfine an beiden Seiten meines Bootes durch das tiefdunkle Nass sprangen und das Plankton zum Fluoreszieren brachten, wurde es zu einem der schönsten Weihnachtsfeste, das ich je hatte. Selbst der Wettergott zeigte sich spendabel und schenkte mir zu Weihnachten eine anständige Portion Wind.
Ich kam gut vorwärts und passierte am ersten Weihnachtsfeiertag die Nordspitze von Lanzarote, um mich anschließend Richtung Madeira aufzumachen. Mein Boot und ich wuchsen immer mehr zur Einheit zusammen, und ich fühlte mich zunehmend sicherer auf der kleinen Yacht. Doch es gab auch Situationen, die nicht ganz so glatt liefen.
Es war der zweite Weihnachtsfeiertag. Ich hatte mich gerade schlafen gelegt und das Steuern dem Autopiloten überlassen, als ich im Unterbewusstsein merkte, wie mein Boot plötzlich langsamer wurde. Doch der Wind hatte nicht abgenommen … Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und war von einem Moment auf den anderen hellwach. Schnell ging ich an Deck, schaute mich um und sah sofort, was passiert war. Mein Spinnaker hatte sich mehrfach um das Vorstag gewickelt und das Tuch zu einer unförmigen Wurst gepresst. Ich eilte nach vorn und begann, alles zu entwirren. Es war nicht schlimm, und dem Tuch ist dabei auch nichts geschehen. Aber dieses Erlebnis zeigte mir, dass ich selbst bei besten Segelbedingungen immer aufmerksam sein musste. Ich war während des Schlafens zu tief im Wind gesegelt, sodass das große Tuch Spielraum hatte, hin und her zu wehen. Dies ging am Ende so weit, dass es sich komplett um das Vorstag schlingen konnte. Seit diesem Moment stelle ich den Autopiloten beim Schlafen immer etwas höher an den Wind, um sicherzugehen, dass mir so etwas nicht noch einmal passiert. Bei der Qualifikation war es egal, wenn ich etwas langsamer unterwegs war. Bei einer Regatta konnte es jedoch Plätze kosten.
Abgesehen von dem kleinen Problem mit dem Spinnaker machte mir der Törn großen Spaß. Vor allem, als dann um Madeira das Meer in seinen schönsten Blautönen glitzerte und die Sonnenstrahlen Tausende kleiner Leuchtsterne auf die Wasseroberfläche zauberten. Der Wind hatte die perfekte Stärke, um mein Boot sanft, aber zügig durch die Wellen zu tragen. Ich spürte das Salz auf meinen Lippen und die Freiheit im Herzen. Diese Momente sind für mich das Glück in seiner reinsten Form. Selbst die Flaute durch den Windschatten von Madeira störte mich nicht. Ich hatte Handyempfang und konnte daher ganz entspannt ein paar Serien auf Netflix schauen, während mein Boot sanft auf dem Wasser schaukelte und wir gemeinsam auf Wind warteten.
Doch leider bekam die Idylle ein paar Stunden später Risse. Der Wind hatte aufgefrischt, und ich war auf dem Weg nach La Palma, als plötzlich im gesamten Boot der Strom ausfiel. Nichts ging mehr. Sofort eilte ich unter Deck, um nach der Ursache zu suchen. Mir fiel direkt das durchgeschmorte Kabel am Batteriekasten auf. Ich verfolgte es mit meinem Finger, um zu schauen, wo genau es endete, und zuckte schmerzerfüllt zurück, als ich an den Batteriekasten geriet. Er war furchtbar heiß, und ich hatte keine Chance, das Kabel zu entfernen, ohne mich erneut zu verbrennen.
Mir blieb also nichts anderes übrig, als zu warten, bis die Batterie genug abgekühlt war. Da der Autopilot ohne Strom nicht funktionierte, musste ich das Steuern selbst übernehmen. Es dämmerte bereits, und mir wurde klar, dass ich die Reparatur des Kabels auf den nächsten Tag verschieben musste. Ich wusste nicht, wie lange ich dafür brauchen würde, und es war zu gefährlich, ohne Licht und AIS in der Nacht für mehrere Stunden unter Deck zu gehen. Zwar sah ich die anderen Boote, aber sie sahen mich nicht. Und so starrte ich die ganze Nacht über hoch konzentriert in die Dunkelheit, in der Hoffnung, dass nicht plötzlich ein schlecht beleuchtetes Fischerboot vor mir auftauchte. Zum Glück war ich wenigstens nicht in einem dicht befahrenen Schifffahrtsgebiet unterwegs. Mit fortschreitender Nacht fiel es mir immer schwerer, die Augen offen zu halten. Bleierne Müdigkeit legte sich über mich, doch ich durfte jetzt nicht schlafen. Erst in den frühen Morgenstunden, als es hell wurde, traute ich mich, mal für 15 Minuten einen kurzen Powernap einzulegen, bevor ich nach unten kroch, um mich um die mittlerweile abgekühlte Batterie zu kümmern. Leider war es schwieriger als gedacht. Es war eine mühselige Frickelei, die durch das schwankende Boot zusätzlich erschwert wurde. Noch dazu musste ich immer wieder nach oben gehen, um Ausschau zu halten, ob sich nicht irgendein Schiff näherte. Geduld ist nicht meine Stärke, und so war ich bis zum Nachmittag völlig genervt und frustriert. Immer wieder fluchte und schimpfte ich laut. Je dünner mein Nervenkostüm wurde, desto weniger wollte die Reparatur klappen. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, als ich endlich die Stromversorgung herstellen konnte und meine gesamten Geräte wieder funktionierten. Im ersten Moment war ich sehr erleichtert, dass ich wieder AIS, Windanzeiger und Licht hatte. Doch die Freude währte nicht lange, da die Batterien mittlerweile leer waren. Zum Aufladen über die Solarpaneele benötigte ich allerdings die Sonne, und die verabschiedete sich gerade in wunderschönen Rottönen am Horizont. Somit musste ich eine weitere Nacht voller Konzentration und ohne eine Minute Schlaf Richtung La Palma segeln.
Als mit der nächsten Morgendämmerung der Wind einschlief, war ich das erste Mal richtig dankbar für eine Flaute. Während sich meine Batterien aufluden, gönnte ich mir eine Mütze Schlaf und anschließend eine wohltuende Körperreinigung. Die lange Zeit ohne Autopiloten hatte mir doch einiges abverlangt. Ich sprang bei absoluter Windstille vorn am Bug meines Bootes ins Wasser, schwamm die Bootswand entlang und kletterte hinten wieder rein.
Dass dieser harmlose Badeausflug etwas unbedacht war und ganz anders hätte enden können, wurde mir kurze Zeit später auf imposante Art und Weise vor Augen geführt.
Wie aus dem Nichts schoben sich plötzlich fünf oder sechs schwarz-weiße Meeresriesen durch das Wasser und tauchten dicht hinter meinem Heck durch. Ich hielt den Atem an. Zu präsent waren die zahlreichen Nachrichten von Orcas, die kleine Boote als Spielzeug nutzten und diese komplett zerstörten. »Bitte nicht mein schönes neues Boot!«, flehte ich sie an. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie die kleine Yacht passiert hatten, doch es waren die längsten meines Lebens. Erleichtert schnaufte ich durch, als die letzte Schwanzspitze an der SIGNFORCOM vorbei war. Es war für mich das erste Mal in meinem Leben, dass ich Orcas in freier Wildbahn sah. Und das ausgerechnet in der Nähe meines Bootes und dort, wo ich vor Kurzem noch fröhlich geplanscht hatte. Doch trotz der Angst, die ich um mein Boot hatte, war ich zutiefst beeindruckt von der Schönheit der Tiere.
Für den Rest der Strecke wechselten sich Starkwind und Flaute zuverlässig ab. An den Kaps staute sich der Wind und schwoll auf 30 bis 35 Knoten an, während im Windschatten der Inseln stets nur noch ein laues Lüftchen wehte. Eigentlich hatte ich gehofft, bis Silvester wieder auf dem Festland zu sein, doch leider legte der Wind zu oft Pausen ein. Infolgedessen verbrachte ich auch den Jahreswechsel auf dem Wasser. »Eigentlich gar nicht so schlecht«, dachte ich mir damals, »dann kann ich die Feuerwerke der Inseln La Palma, La Gomera und Teneriffa gleichzeitig sehen.« Der Plan ging allerdings nicht ganz auf, da mir kurz vor Mitternacht die Augen zufielen und ich erst kurz nach 1 Uhr wieder aufwachte. Da war natürlich schon alles vorbei. Dennoch holte ich mir noch schnell die zweite Flasche Bier aus dem Weihnachtspaket meiner Eltern, stieß mit meinem Boot an und ließ das letzte Jahr Revue passieren.
Ich war sehr stolz auf das, was ich bis dahin alles erreicht hatte. Ich hatte Sponsoren gewonnen, mir ein neues Boot gekauft und machte gerade die Qualifikation, um mich beim Azorenrennen und der Mini-Transat anmelden zu können. Und das alles mit 17 Jahren! Das Einzige, was meine Freude gerade etwas trübte, war die Tatsache,
