Heliosphere 2265 - Band 17: Kampf um die Zukunft (Science Fiction) - Andreas Suchanek - E-Book

Heliosphere 2265 - Band 17: Kampf um die Zukunft (Science Fiction) E-Book

Andreas Suchanek

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Beschreibung

Während Captain Jayden Cross den Verrat einer ihm nahestehenden Person verdauen muss und um seine innere Kraft kämpft, erreicht die HYPERION die Zielkoordinaten des Dunklen Wanderers. Überrascht stellt die Crew fest, dass mitten im Leerraum ein komplettes Sonnensystem auf sie wartet, das zudem bewohnt ist. In der Gegenwart beginnt unterdessen der Wahlkampf auf der NOVA-Station mit voller Härte. Intrigen werden gesponnen, die Vergangenheit der Kandidaten durchleuchtet und strategische Bündnisse geknüpft. Beim Kampf um die Zukunft der Solaren Republik steht nicht weniger auf dem Spiel, als der Platz an der Spitze der Republik. Dies ist der siebzehnte Roman aus der Serie "Heliosphere 2265" Am 01. November 2265 übernimmt Captain Jayden Cross das Kommando über die Hyperion. Ausgerüstet mit einem neuartigen Antrieb und dem Besten an Offensiv- und Defensivtechnik, wird die Hyperion an den Brennpunkten der Solaren Union eingesetzt. Heliosphere 2265 erscheint seit November 2012 monatlich als E-Book sowie alle 2 Monate als Taschenbuch. Hinter der Serie stehen Autor Andreas Suchanek (Sternenfaust, Maddrax, Professor Zamorra), Arndt Drechsler (Cover) und Anja Dyck (Innenillustrationen).

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Table of Contents

»Kampf um die Zukunft«

Was bisher geschah

Prolog

Interlink Kreuzer HYPERION, auf dem Weg zum Dunklen Wanderer, 04. März 2317, 08:30 Uhr

Technische Abteilung, Computerraum

Erholungsdeck

Sporthalle

Die Demokratische Solare Partei (DSP)

Schiffswerft Alzir-12

IL HYPERION, im Interlink-Flug, 04. März 2317, 09:36 Uhr

Partei der Solaren Einheit (PSE)

Einige Tage später

Zielsystem »Dunkler Wanderer«, IL HYPERION, 04. März 2317, 13:57 Uhr

Die Liberale Republikanische Partei (LRP)

Zielsystem »Dunkler Wanderer«, IL HYPERION, 04. März 2317, 14:35 Uhr

Alzir-System, NOVA-Station, 15. April 2267 – 28. April 2267

Zielsystem »Dunkler Wanderer«, IL HYPERION, 04. März 2317, 16:02 Uhr

Alzir-System, NOVA-Station, 01. Mai 2267 – 08. Mai 2267

Zielsystem »Dunkler Wanderer«, IL HYPERION, 04. März 2317, 20:04 Uhr

Epilog I – Im Auge des Betrachters (7. Mai 2267, 23:50 Uhr)

Epilog II – Das Echo der Stimme

Epilog III – Heimkehr (8. Mai 2267, 00:20 Uhr)

Vorschau

Nachwort

Die Charaktere

Impressum

Heliosphere 2265

 

Band 17

 

»Kampf um die Zukunft«

 

von Andreas Suchanek

 

 

Was bisher geschah

 

Anfang des Jahres 2267 hat Imperator Björn Sjöberg seine Macht als Diktator gefestigt und die Solare Union in ein Schreckensregime verwandelt, das Solare Imperium.

Auf der NOVA-Station konnten sich die Rebellen gegen jeden Angriff erfolgreich zur Wehr setzen. Das Verfassungsreferendum erzielte eine überwältigende Mehrheit; die Solare Republik – ein einzelnes Sonnensystem als Keimzelle des Widerstands – gilt zum 1. Januar 2267 als gegründet. Nach zähem Ringen wurde der Termin für die Wahl zum neuen Staatsoberhaupt auf den 8. Mai 2267 festgelegt. Den Parteien bleiben damit noch wenige Wochen für den Wahlkampf. Zwischen verschiedenen politischen Richtungen, den Ideen, wie die Zukunft der Republik gestaltet werden soll, entbrennt ein erbitterter Kampf um die Zukunft.

Die HYPERION ist noch immer in der Zukunft des Jahres 2317, einer alternativen Zeitlinie, auf dem Weg zum Dunklen Wanderer. Mithilfe der Zeitreisenden Sarah McCall fand die Crew eine Raumstation der Assenter, ein lang ausgestorbenes Alienvolk, die den schwerbeschädigten Interlink-Kreuzer wieder instand setzte. Seitdem besitzt das Raumschiff eine fortschrittlichere Technologie und einen neuen Passagier: die künstliche Intelligenz CARA.

Als Captain Jayden Cross schon glaubt, dass sich nun alles zum Besseren wendet, geschieht das Unfassbare: Commander Ishida und Chefingenieurin Giulia Lorencia enthüllen mit CARAs Hilfe die Identität des geheimnisvollen Kindes, auf das Ione Kartess im Tachyonentunnel hinwies. Eine Wahrheit, die die Offiziere erschüttert.

Noch bevor I.O. Ishida dem Captain die Nachricht überbringen kann, kommt Doktor Janis Tauser ihr zuvor. Er sucht Jayden auf und enthüllt: »Ich war einst Jacob Rosenbaum. Ich bin der sechste Zeitreisende.«

Damit zerbricht das Vertrauen von Cross in seinen langjährigen Freund, und die bisher verdrängten Schicksalsschläge ziehen den Kommandanten in einen psychischen Abgrund. Zwar berichtet Tauser dem Captain, der I.O., Lorencia und Petrova von seinem Leben und wie er zu dem wurde, was er heute ist. Doch obwohl ihn das als warmherzigen Menschen darstellt, kann Cross ihm nicht mehr vertrauen.

Am Ende seiner Kräfte übergibt er die Führung über den Interlink-Kreuzer an Noriko Ishida und zieht sich zurück. Unter dem Kommando der bisherigen I.O. erreicht die HYPERION schließlich die Zielkoordinaten, an denen sich der Dunkle Wanderer befinden soll.

Prolog

 

Alzir-System, Union-Habitat, Wahlkampfzentrale der Partei der Solaren Einheit (PSE)

 

Pavel Kirkov legte die Fingerspitzen aneinander und beobachtete schweigend, was um ihn herum geschah. Überall im Büro der Wahlkampfzentrale waren Helfer damit beschäftigt, wild mit dem Zeigefinger auf Icons ihrer Pads einzustechen, während andere in Headsets brüllten oder aus verquollenen Augen auf Monitore starrten. Im Gegensatz zu vielen seiner politischen Gegner genoss er es, im Zentrum des Bienenschwarms zu stehen. All diese Menschen arbeiteten, damit er das Ziel für die Partei erreichen konnte.

Pavel Kirkov, neuer Präsident der Solaren Republik.

Der Gedanke zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.

Das Stimmengewirr endete abrupt, als der letzte Ankömmling den Konferenzraum betrat und die Schiebetür aus Glas hinter sich schloss.

Sie saßen zu siebt am Tisch, wobei er die meisten der Anwesenden nicht beachtete. Protokollanten und Praktikanten waren kaum mehr als hilfreiche Geister. Er beschränkte seine Aufmerksamkeit auf die zwei wichtigsten Personen, die mit ihm an dem ovalen Konferenztisch Platz genommen hatten.

Er zupfte den Anzug zurecht, überprüfte den Sitz seiner violetten Krawatte – die Farbe der Partei – und räusperte sich. Das außerordentliche Meeting war von Elena Haynes, seiner Stellvertreterin, anberaumt worden. Das allein war Grund genug, es ernst zu nehmen. Jemanden mit weniger Kompetenz als sie hätte er keinesfalls neben sich geduldet.

»Also, raus damit. Wo brennt es?«

Elena strich eine Strähne ihres sorgfältig frisierten Haares aus der Stirn. Das Businesskostüm stand ihr gut, auch wenn die violette Bluse nicht so recht passen wollte. »Ich habe hier die Ergebnisse der aktuellen Umfragen.« Sie aktivierte eine Projektion, worauf in der Holosphäre über dem Konferenztisch Skalen erschienen. »Dieser verdammte Kartess verkriecht sich auf der NOVA-Station, führt kein einziges Interview und führt trotzdem jede Umfrage an. Er ist beliebt bei Frauen und Männern, Jung und Alt.«

Sie winkte ab. »Ich fange gar nicht erst an, hier in die Details zu gehen. Sein positives Ansehen geht quer durch alle Schichten. Wir müssen etwas unternehmen, Pavel.«

Er lehnte sich zurück, analysierte bedächtig das Ergebnis der Umfragen und kratzte gedankenverloren sein Kinn. Einer der Berater hatte ihm erklärt, dass die Wähler Vollbärte nicht mochten, trug Diktator Sjöberg doch einen solchen. Man hatte ihm zu einer Rasur geraten. Pavel hatte sich zuerst über den Ratschlag geärgert und diesen Stümper von einem Berater gefeuert, schließlich seinen Tipp aber doch befolgt. Eine Anpassung seines Aussehens an den Massengeschmack würde Wählerstimmen bringen. Dennoch – er musste sich erst noch daran gewöhnen, dass der Bart weg war.

Berater. Alles überbezahlte Versager.

»Wir müssen etwas unternehmen«, sagte Charles Sylvan, der als Vertreter der Parteispitze anwesend war. Sein Wort hatte Gewicht, ebenso sein Körper. »Diese Werte sind Parlidenscheiße. Wenn das so weitergeht, werden wir zur schwächsten Kraft im neuen Parlament, da können wir nur davon träumen, eine Regierungskoalition einzugehen.«

»Das Problem ist das schlechte Image unserer Partei unter der Regierung Kartess«, sagte Elena. Sie deutete mit ihren manikürten Fingernägeln auf eine der Befragungsmatrizen. »Die Leute sympathisieren mit der ehemaligen, vor laufender Kamera getöteten Präsidentin und übertragen ihre Gefühle auf deren Sohn, John. Die Partei der Solaren Einheit war damals in der Opposition. Einige der von uns eingebrachten Gesetze wurden als recht … radikal angesehen.«

»Und es war richtig. Kurz vor dem Attentat hätte das Militär intensiver reguliert werden müssen«, sagte Pavel. »Dass wir recht behalten haben, müsste uns doch jetzt zugutekommen. Immerhin hätte Sjöberg seinen kleinen Staatsstreich bei einer kontrollierten Space Navy möglicherweise niemals durchführen können. Es war die Regierung Kartess, die das Gesetz gestoppt hat.«

Elena winkte ab. »Wir haben ›Eine stärkere Kontrolle des Militärs‹ im Wahlprogramm, aber das ist ein Appell an die Logik. Wähler sind keine logischen Wesen. Sie mögen die Partei der Solaren Einheit nicht. Zudem genießt die Navy durch Offiziere wie Pendergast und Jansen ein sehr hohes Ansehen; nicht zu vergessen den Märtyrer Cross, der für die Republik starb.«

Pavel lachte auf, doch es klang nicht fröhlich. »Paranoid, nicht wahr? Pendergast, Jansen und Cross werden geliebt. Gleichzeitig besteht durch Sjöbergs Staatstreich Misstrauen gegenüber jeglicher Exekutive, vor allem deren Vertretern in Machtpositionen. Wir müssen verdammt vorsichtig sein. Es wird ein Drahtseilakt, die Namen der richtigen Menschen zu beschmutzen, andere aber unangetastet zu lassen.« Er schnaubte. »Die Wähler lieben John Kartess, und damit ist an der Front jede Vernunft ausgehebelt. Wir sollten uns also langsam dem Wunderknaben zuwenden, sehe ich das richtig?« Er fixierte Josh Greg. Dem immer nervös wirkenden Mann mit dem lichten Haar brach sofort der Schweiß aus. »Haben wir mittlerweile etwas?«

Es ekelte Pavel an, mit diesem Subjekt zusammenarbeiten zu müssen. Doch jedes Wahlkampfteam besaß einen ›Dirtcrawler‹, einen Mann oder eine Frau, deren Hauptaufgabe es war, Schmutz aus der Vergangenheit der Gegenkandidaten ans Licht zu zerren.

»Ja, ich habe etwas gefunden.«

»Wirklich?« Pavel beugte sich nach vorne. Die Frage war eher rhetorischer Natur gewesen, schien die Weste dieses Weicheis Kartess doch bisher schneeweiß zu sein. »Raus damit.«

Josh wischte sich den Schweiß von der Stirn, widmete sich kurz seinem Pad, das er umklammerte wie einen Rettungsring, und projizierte den Inhalt einer Datei in die Holosphäre. Jeder am Tisch vertiefte sich sofort in den Artikel und die Bilder, die der Dirtcrawler zusammengestellt hatte.

Elenas Gesicht verwandelte sich in ein einziges großes Grinsen. »Was soll ich sagen? Gute Arbeit, Josh. Es ist wohl an der Zeit, dass wir dem Wahlkampf ein wenig Würze verleihen.«

»Besser hätte ich es nicht ausdrücken können, meine Liebe«, sagte Pavel. »Informieren Sie unsere Leute im Pressecorps«, wandte er sich an Josh. »Sorgen wir dafür, dass John Kartess, sobald die Wahl vorbei ist, wieder in das Loch verschwindet, aus dem er gekrochen kam.«

 

*

 

Interlink Kreuzer HYPERION, auf dem Weg zum Dunklen Wanderer, 04. März 2317, 08:30 Uhr

 

»Wie geht es ihm?«, fragte Doktor Janis Tauser. Vor ihm auf dem Glastisch lagen verstreute ePaper-Folien. Allesamt psychologische Fachzeitschriften, wie Irina Petrova auf den ersten Blick erkannte.

Sie zuckte mit den Schultern und spürte, wie der verdrängte Frust erneut in ihr aufstieg. »Ich weiß es nicht. Seit der Captain das Kommando auf Noriko Ishida übertragen hat, hat er sich in seiner Kabine verkrochen und will niemanden mehr sehen. Eigentlich sollte ihr Kommando ja nur auf Zeit sein, aber so sieht es derzeit nicht aus.«

Irina war auf der einen Seite froh darüber, dass der Kommandant diesen Schritt getan hatte. Immerhin war er unter der Last der traumatischen Erfahrungen – der Tod seines Bruders und Vaters und der Enthüllung, um wen es sich bei dem Bordpsychologen wirklich handelte – beinahe zusammengebrochen. Erst als Tauser ihnen erzählt hatte, dass er zwar einst Jacob Rosenbaum – der sechste Zeitreisende – gewesen war, sich von dem aggressiven Pfad der Übrigen jedoch abgewandt hatte, hatte Irina begriffen, dass es an dieser Front neben Schwarz auch ein Weiß gab, neben McCall auch einen Tauser. Immerhin hatte der Mann in der Vergangenheit mehr als einmal bewiesen, dass er für das Gute einstand.

»Ich würde ihm so gerne helfen.«

»Lassen Sie ihn um Gottes willen in Ruhe«, sagte sie. »Vermutlich schlägt er Sie nieder, wenn Sie bei ihm auftauchen.«

»Vermutlich.«

Tauser wirkte zerknirscht. Sein weißer Vollbart war nicht gepflegt, seine Uniform zerknittert. »Ihnen ist schon klar, dass er einfach Zeit braucht? Wir anderen übrigens ebenso. Und der Rest der Crew – allen voran Sarah McCall – sollte davon nie erfahren.«

»Dem stimme ich zu. Sie scheinen die Wahrheit aber ganz gut verdaut zu haben. Andernfalls wären Sie kaum hier.«

»Ich gebe zu, meine Neugier hat gesiegt. Außerdem unterstelle ich Ihnen keine bösen Absichten.« Sie zuckte mit den Schultern. »Meine Menschenkenntnis ist zwar nicht fehlerfrei, aber hey: Ich setze auf Risiko.«

Tauser schmunzelte und wirkte für einen Moment sorgenfrei. »Es ist schön, dass Sie dazu noch in der Lage sind. Nach allem, was Ihnen widerfahren ist. Michalew, die Verhaftung, die Gefangenschaft auf Pearl und Ihre waghalsige Flucht …«

Sie winkte ab. »Sparen Sie sich den Versuch, mich therapieren zu wollen, mir geht es gut. Ich habe Frieden mit meiner Vergangenheit geschlossen und sehe optimistisch in die Zukunft.«

»Das ist schön.«

»Ist es.« Sie griff sich ihr Memopad und studierte ein paar Zeilen der Texteingabe. »Beim letzten Mal erzählten Sie mir, wie mein anderes Ich in der ersten Zeitlinie den Meridian-Preis für herausragende Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Atto-Technologie erhielt. Die haben echt einen Preis nach Richard Meridian benannt?«

»Er war einer unserer größten Wissenschaftler.« Tauser seufzte. »Es konnte ja kein Mensch ahnen, dass er derartige Allmachtsfantasien mit sich herumträgt. Ich frage mich noch heute, was die TRION-K.I. ihm erzählt hat, das ihn dazu brachte, einen derart radikalen Weg einzuschlagen.«

»Da sind Sie nicht der Einzige.« Irina knabberte gedankenverloren an ihrer Unterlippe. »Aber ein anderes Thema: Ich finde den Gedanken faszinierend, in die nächste Ebene der Technologie vorzustoßen. Nano-Technologie ist heutzutage nichts Besonderes mehr, Atto-Technologie allerdings schon. Die bisherigen Arbeiten auf dem Gebiet beschränken sich auf theoretische Gebilde und Prototypen, da die geringe Skalierung kaum mehr zulässt. Dass Sie sagten, ich hätte den Preis gewonnen, hat mich inspiriert. Mit der frisch installierten Technologie von CARA und der Hilfe von Giulia Lorencia würde ich an dieser Stelle gerne mit ein paar neuen Forschungsarbeiten beginnen.«

Tauser nickte langsam, während er sie fixierte. »Ich bewundere Sie für Ihre Leidenschaft.«

»Ach«, sie winkte ab, »das ist reiner Egoismus. Wenn Cross und Ishida so weitermachen, werden ganze Schiffsklassen nach ihnen benannt, sobald sie tot sind. Ich persönlich hätte gegen einen Legendenstatus allerdings auch nichts einzuwenden.« Sie zwinkerte.

»Haben Sie den nicht längst? Immerhin konnten Sie Angelica Sjöberg von der Parlidenrüstung befreien, und die Rebellen auf Pearl verdanken Ihnen ihr Leben.«

»Ein paar gute Referenzen hab ich wohl aufzuweisen.« Sie schmunzelte. »Aber bevor wir in gegenseitige Heldenverehrung abgleiten, erzählen Sie mir doch noch etwas über die erste Zeitlinie, ich bin neugierig.«

»Gerne«, sagte Tauser. »Aber vorher habe ich noch ein Anliegen.« Er beugte sich vor und sprach mit eindringlicher Stimme weiter. »Sie wissen, dass Jayden mir verboten hat, das Helix-Projekt weiterzuführen?«

Sie nickte. Das war eine Entscheidung, die sie als Ärztin und Wissenschaftlerin nicht nachvollziehen konnte. Der seltsame, uralte Foliant war Tauser von Michael Larik übergeben worden. Erst nach eingehender Untersuchung und der Lösung eines Rätsels aus dem Bereich Aminosäuren-Kodierung hatten sie entdeckt, dass die Schrift in Wahrheit ein magnetischer Speicher war.

In ihr als Trägermedium waren genetische Muster aus tiefster Vorzeit gespeichert. Dieser Magnetspeicher war zu einem Zeitpunkt entstanden, als die Menschheit noch gar nicht über das notwendige Wissen für eine derartige Technologie verfügte. Eine der enthaltenen DNA-Sequenzen gehörte zu Michael Larik, dem Marsianer. Der wiederum war ein Nachfahre eines der Verlorenen Kinder des Mars – von Meridian während der dortigen Diktatur gezüchtete Menschen.

Die übrigen Muster waren noch nicht entschlüsselt.

»Wenn er sich etwas beruhigt hat …«, begann sie zögerlich.

»Ich möchte, dass Sie die Arbeit weiterführen«, unterbrach sie Tauser.

»Ich?«

»Sie.«

»Aber … Gibt es irgendeinen Grund, weshalb Sie dieser Sache eine so hohe Priorität einräumen?«

Tauser nickte. Wenn überhaupt möglich, wurde seine Stimme noch beschwörender. »Richard Meridian hat die Verlorenen Kinder des Mars erschaffen, Doktor. Nun finden wir die DNA eines der besagten Kinder in einem uralten Folianten. Ich habe keine Ahnung, was der Wahnsinnige tun wollte und warum er es getan hat, doch es ist sicher nichts Gutes.«

»Ich stimme Ihnen vorbehaltlos zu.« Sie deaktivierte das Memopad. »Sie glauben, die übrigen DNA-Muster passen zu den anderen Kindern?«

»Ich halte das für sehr wahrscheinlich.« Er nickte. »Ein Teil des Folianten fehlt, Seiten wurden herausgerissen. Zwar können wir die nicht ersetzen, aber das vorhandene Material müsste ausreichen, weitere Muster zu entschlüsseln.«

Tauser schluckte und setzte sich wieder auf.

»Ich hoffe, dass wir eines Tages den Namen ›Richard Meridian‹ nicht mehr in den Mund nehmen müssen.« Sie seufzte. »Aber ich verstehe, warum Sie keine Zeit mehr verlieren wollen. Also gut: Ich werde mich – wenn auf der Krankenstation nichts ansteht – um den Folianten und die gespeicherten Daten kümmern. Der Captain wird kaum etwas dagegen haben.«

»Ausgezeichnet. Vielen Dank.«

»Dafür will ich Ihre Hilfe, sobald ich damit beginne, mich in das wissenschaftliche Feld der Atto-Technologie einzuarbeiten. Deal?«

»Deal.«

»Ishida an alle Führungsoffiziere der Alpha-Schicht und Abteilungsleiter, wir erreichen in wenigen Minuten den Dunklen Wanderer. Bitte begeben Sie sich auf Ihre Stationen.«

»Das war mein Stichwort«, sagte Irina. »Ich halte Sie auf dem Laufenden.«

»Tun Sie das.«

Sie ergriff das Pad und ging auf direktem Weg in Richtung Krankenstation.

 

*

 

Technische Abteilung, Computerraum

 

»Und ich dachte, es wäre vorher schlimm gewesen«, brummte Lieutenant Commander Giulia Lorencia. »Wir sind natürlich beide Abteilungsleiter und haben viel zu tun – der Maschinenraum führt sich schließlich nicht von alleine, aber so wenig Zeit …«

»Es gäbe Möglichkeiten, durch automatisierte Instandsetzungsroboter …«, erklang die Stimme von CARA.

Giulia sprach einfach weiter. »Trotzdem habe ich mir immer Zeit für sie genommen. Wir gingen morgens gemeinsam in die Kantine und haben unseren Dienst stets zur etwa gleichen Uhrzeit beendet.«

Sie schnaubte.

Ringsum erhoben sich die Aggregatblöcke, in denen CARA seit ihrem Transfer aus dem Speicher auf der Raumstation der Assenter untergebracht war. In allerletzter Sekunde hatte die K.I. sich aus ihrem bisherigen Heim übertragen. Kurz darauf hatte die Anti-K.I. den Sonnenzünder aktiviert, wodurch der Stern Kepler-22 sich in eine zerstörerische Fusionsbombe verwandelt hatte. Bedauerlicherweise waren dabei zahlreiche Daten verloren gegangen, darunter auch Konstruktionspläne, historische Aufzeichnungen und Sternenkarten.

»Irgendwie dachte ich immer, ein Captain muss nicht mehr tun, als ab und an sein Logbuch zu aktualisieren, brav auf dem Stuhl im Zentrum zu sitzen und Befehle zu erteilen.«

»Diese Angaben decken nur einen kleinen Teil der Anforderungen ab, denen ein Kommandant gerecht werden muss.«

»Weiß ich doch.« Giulia winkte ab.

»Ah, du bist wütend und sprichst daher unlogisch. Korrekt?«

Sie knurrte. »Manchmal kann ich dich nicht leiden.«

Ein Seufzen. »Diese Reaktion beobachte ich oft.«

»Kein Wunder.« Sie hielt einen Augenblick inne und sah auf. »Moment. Wo?«

»Bei meinen Unterhaltungen mit der Crew.«

»Welche Unterhaltungen?«

»Kommandantin Ishida gab mir Zugriff auf die Sensoren und die Kommunikation. Ich habe beschlossen, mich im Umgang mit Menschen fortzubilden, meine sozialen Interaktionsfähigkeiten zu schärfen.«

»Du sprichst mit der Crew?«

Schweigen. »Sollte ich das nicht?« Die K.I. klang betreten. »Ab und an schalte ich mich auf die Kabinensensoren, schaue den Offizieren bei ihren Freizeitaktivitäten zu und führe dann kurze Unterhaltungen mit ihnen. Überraschenderweise reagieren viele wütend auf die Kontaktaufnahme.«

»Du kannst doch nicht einfach die Crew beobachten!«

»Aber, warum nicht?« CARA klang ehrlich verblüfft. »Mein letztes Gespräch mit Lieutenant Brookes habe ich erst begonnen, nachdem er sein Paarungsritual mit Lieutenant Barnes beendet hatte. Ich wollte ihm ein paar Optimierungsmöglichkeiten aufzeigen.«

Giulia stöhnte auf. »Ach du Schande. Und vermutlich lagen beide noch nackt in der Koje.«

»Das ist korrekt.«

Sie warf einen Blick auf die Aggregatblöcke, deren dunkles Oberflächenmaterial von einem sanften Glimmen durchdrungen war. Giulia vermutete, dass bei der Herstellung Duspanit verwendet worden war. Die Wände waren von Monitoren bedeckt, ebenso das geschwungene Arbeitspult.

Vor genau diesem stand sie gerade und überprüfte die Übersetzungsmatrix, die Lieutenant Larik gemeinsam mit CARA erstellt hatte. Damit war es endlich möglich, die Sprache Neuterranisch in das gebräuchliche Terranisch der Gegenwart zu übersetzen.

»Okay, die Matrix sieht sowieso gut aus. Kümmern wir uns also ein wenig um deine Weiterbildung in zwischenmenschlichen Beziehungen und Privatsphäre.« Giulia loggte sich aus ihrem Account aus und deaktivierte das Interface. »Das werde ich so was von bereuen …«

Zwanzig Minuten später hatte Giulia Migräne. Und es war ausgerechnet die Stimme von Noriko, die sie rettete.

»Ishida an alle Führungsoffiziere der Alpha-Schicht und Abteilungsleiter, wir erreichen in wenigen Minuten den Dunklen Wanderer. Bitte begeben Sie sich auf Ihre Stationen.«

 

*

 

Erholungsdeck

 

»Daran könnte ich mich gewöhnen«, sagte Lieutenant Commander Tess Kensington. Der Massagesessel summte leise, während die Motoren die Nervenpunkte des Körpers bearbeiteten und so die verspannten Muskeln lockerten.

»Da kann ich nur zustimmen«, bestätigte Sarah McCall. »Lass uns das jeden Morgen nach dem Frühstück machen.«

Tess grinste. So sehr sie auch noch immer davor zurückschreckte, der Freundin aus Akademietagen komplett zu vertrauen, so sehr genoss sie doch das gemeinsame Tratschen, den Sport und die Entspannungszeiten. Erst nach und nach war Tess bewusst geworden, wie wenig echten Kontakt sie zur übrigen Crew gepflegt hatte – was aber nicht nur an ihr lag.

Akoskin hielt sowieso immer alle auf Abstand, und Task vermochte sich auf kein Gespräch zu konzentrieren. Die Offiziere außerhalb der Kommandobrücke hatten einfach zu viel Respekt vor einem Führungsoffizier, als dass sie locker mit ihm umgehen konnten. Nur mit Sarah war es stets unbeschwert gewesen.

Kann es wieder so werden? »Was sagen Sie, Alpha, wollen wir das jetzt jeden Morgen machen?«

Der Sicherheitschef saß stoisch im Massagesessel neben Sarah, hatte die Augen geöffnet und wirkte leidend. »Ich halte das Ganze für Zeitverschwendung, wir könnten unseren Dienst ebenso gut früher beginnen.«

»Sie sind ein richtiger Spielverderber«, bemerkte Tess.

»Ich habe genau gehört, wie Sie vorhin wohlig geseufzt haben«, setzte Sarah noch eins drauf. »Geben Sie es zu, Ihnen gefällt die Massage.«

Sie kicherten beide.

Alpha 365 verdrehte die Augen. Tatsächlich wirkte der breitschultrige, genetisch designte Sicherheitsoffizier mit den dunkelblonden angelegten Haaren auf dem Erholungsdeck völlig deplatziert; als wollte er am liebsten aufspringen und flüchten.

Sarah machte es dagegen richtig. Sie fuhr sich durch ihre braunen Locken, schüttelte das Haar aus und kuschelte sich gemütlich in den Sitz. Natürlich musste sie als Zivilistin – ihr Status als Lieutenant war ihr nach dem Verrat längst aberkannt worden – auch keine Uniform tragen.

Tess zupfte an ihrem Kragen und zog das Oberteil glatt. Entspannung in Dienstkluft war gar nicht so einfach. »Gefällt dir deine Arbeit im Sicherheitsbüro?«

»Es ist lustig.« Sarah beugte sich zu Tess herüber und flüsterte: »Ich glaube, die sind alle froh, dass endlich jemand mit Humor im Team ist – wenn auch nicht in offizieller Funktion. Das funktioniert bei Alpha 365 nämlich immer noch nicht so richtig.«

»Das habe ich gehört«, kam es von rechts.

Tess kicherte.