Heliosphere 2265 - Band 28: Nemesis (Science Fiction) - Andreas Suchanek - E-Book

Heliosphere 2265 - Band 28: Nemesis (Science Fiction) E-Book

Andreas Suchanek

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Beschreibung

Captain Cross, Doktor Petrova und Lieutenant Larik fliegen mit der MÖBIUS zur Heimatwelt der Zukunftsrebellen, um die geretteten Offiziere nach Hause zu bringen. Doch die Sternennation steht kurz vor der Auslöschung durch die Ash'Gul'Kon. Admiral Pelsano will helfen, aber das Parlament billigt keinen Einsatz. Das Ende scheint unausweichlich. Unterdessen sieht sich die Republik mit der Rückkehr des letzten Gefangenen sowohl einer innenpolitischen Krise als auch einer humanitären Katastrophe gegenüber. Eine Situation, die Alexis Cross gerade recht kommt, kann sie so doch endlich daran gehen, ihre Pläne umzusetzen. Dies ist der achtundzwanzigste Roman aus der Serie "Heliosphere 2265".

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Seitenzahl: 149

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Table of Contents

„Nemesis“

Was bisher geschah

Alzir-System, NOVA-Station, Im Shuttlehangar, 20. Februar 2268, 23:55 Uhr

Alzir-System, SJÖBERGS UNTERGANG, 21. Februar 2268, 01:30 Uhr

Auf der NOVA-Station

Tikara-System, An Bord der MÖBIUS, Auf dem Weg nach Tikara 2, 21. Februar 2268, 16:22 Uhr

Ein Blick zurück

Alzir-System, NOVA-Station, 23. Februar 2268, 16:22 Uhr

Tikara-System, Tikara 2, 24. Februar 2268, 20:12 Uhr

Die Hegemonie der Parliden, Ein Gefangenenlager, Irgendwann im Jahre 2266

Alzir-System, NOVA-Station, Kommandobrücke, 23. Februar 2268, 17:36 Uhr

Tikara-System, Tikara 2, 24. Februar 2268, 00:09 Uhr

Die Hegemonie der Parliden, ein Gefangenenlager, irgendwann im Jahre 2266

Alzir-System, NOVA-Station, Kommandobrücke, 23. Februar 2268, 20:18 Uhr

Tikara-System, Tikara 2, 24. Februar 2268, 09:19 Uhr

Die Hegemonie der Parliden, ein Gefangenenlager, irgendwann im Jahre 2266

Alzir-System, IL HYPERION (angedockt an Alzir-12), 03. März 2268, 06:44 Uhr

Epilog I - Veränderungen

Epilog II - Alles auf eine Karte

Vorschau

Nachwort

Die Charaktere von Heliosphere 2265

Impressum

Heliosphere 2265

Band 28

„Nemesis“

von Andreas Suchanek

Was bisher geschah

 

Ende des Jahres 2267 ist es Richard Meridian gelungen, den Jahrhundertplan zu vollenden. Er konnte das Tachyonengefängnis der uralten Rasse der Ash’Gul’Kon öffnen, worauf die gefährlichen Aliens in die Milchstraße zurückkehren.

Um überhaupt eine Chance gegen den neuen Feind zu besitzen, greift Präsidentin Shaw nach einem letzten Strohhalm: Sie will eine Allianz formen. Die HYPERION wird ausgesandt, um mit den Parliden über einen Pakt zu verhandeln. Im Verlauf der Gespräche kommt es jedoch zu dramatischen Ereignissen, durch die Commander Ishida von den Sternköpfen gefangen genommen wird und die Ash’Gul’Kon angreifen.

Die Stimme – einst Tess Kensington, die zu einem Mischwesen umgeformt wurde – demonstriert ihre Macht und am Ende bleibt nur der Rückzug. Die Parliden überdenken aufgrund der Geschehnisse das Angebot der Menschheit. Sollte es zu einem Pakt kommen, fordert die Republik die Freilassung aller menschlichen Sklaven, bietet dafür aber die Koordinaten der letzten Brutwelt an, auf der die Sternköpfe wieder Nachwuchs heranzüchten könnten. Die HYPERION kehrt mit der befreiten Ishida in die Solare Republik zurück.

Der nächste Einsatz führt Captain Cross, Doktor Petrova und Michael Larik an Bord der ILLUMINA ins Tikara-System. Dort greifen die Ash’Gul’Kon den Staat der Zukunftsrebellen an. Es gelingt, eine Ursprungsprobe des Virus' zu bergen. Mit ihr soll Alpha 365 geheilt werden, der noch immer mit dem Tod ringt.

Das winzige Stealth-Schiff mit dem sich Cross und seine Leute ins System geschmuggelt haben, wird zerstört, doch die drei Offiziere können von Admiral Pelsano und der MÖBIUS gerettet werden. Zudem befinden sich überlebende Zukunftsrebellen auf der MÖBIUS, die ihr Raumschiff im Kampf opferten. Cross wird zum Flagg Captain des Admirals ernannt und übernimmt das Kommando über die MÖBIUS. Nächstes Ziel: Tikara 2, die Zentrumswelt der Zukunftsrebellen.

Unterdessen haben die Parliden eine Entscheidung getroffen. Sie überstellen der Republik die Niederen, die versklavten Menschen, die in den Rüstungen gefangen sind. Der letzte Gefangene, der je gemacht wurde, wird persönlich überbracht. Im Shuttlehangar der NOVA-Station nehmen ihn Präsidentin Shaw, Admiralin Jansen und Commander Ishida in Empfang. Die Sklavenrüstung zerfließt. Darunter kommt Admiral Juri Michalew zum Vorschein.

Der Auslöser des Staatsstreichs auf Terra und erbitterter Feind von Noriko Ishida hat die letzten Jahre in Gefangenschaft überlebt ...

Alzir-System, NOVA-Station, Im Shuttlehangar, 20. Februar 2268, 23:55 Uhr

 

Die Zeit schien stillzustehen.

Commander Noriko Ishida starrte den Mann an, der in einer Pfütze aus schwarzer Nanomaterie stand. Er erwiderte ihren Blick, trug Wut und Hass einem Schild gleich vor sich her. So kannte sie ihn. Nicht in der Anfangszeit natürlich, da war sein Lächeln ein zweites Gesicht gewesen. Erst später, als sie seinen Klub zerstört, seine Verschwörung ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hatte, war der wahre Admiral Juri Michalew zum Vorschein gekommen.

„Ah.“ Ein Laut der Erleichterung, der Erkenntnis, des unbeugsamen Willens kam über seine Lippen.

Es war dieser eine Laut, der das surreale Erlebnis abrupt Wirklichkeit werden ließ. Der Gedanke rastete ein, Norikos Blut gefror.

Admiral Juri Michalew ist wieder da.

Es gab wohl niemanden in der Republik, der den Mann nicht kannte. Wie Sjöberg war auch er längst Legende. Eine düstere und zerstörerische.

„Ich wusste, dass wir uns eines Tages wiedersehen“, sagte er. Seine Stimme war rau und kratzig, die Muskeln eingefallen, ebenso das Gesicht. Langsam, jeder Schritt zittrig, kam er auf sie zu. „Commander Noriko Ishida. Es scheint, als haben Sie und Cross bei der größten Prüfung versagt. Oh ja, Ihre tollen neuen Freunde haben mir alles gesagt.“ Er wandte sich nach links, der Admiralin zu. „Isa. Es ist lange her. Du und Sjöberg, das unzertrennliche heroische Team. Die Zeiten haben sich augenscheinlich geändert. Hat man dir deine Fehler also verziehen, hm?“

Er trat zur Präsidentin.

Im Hintergrund rollte das Schott zum Shuttlehangar in die Wand. Ein Trupp bewaffneter Marines stürmte herein, direkt gefolgt von den Bodyguards der Präsidentin. Die Arbeiter und Ingenieure hatten die Arbeit längst eingestellt. Einzig das Surren, Piepen und Summen der Maschinen und Shuttles war zu vernehmen. Dazwischen wurde ein Name geflüstert, hallte wider von Mund zu Mund.

Juri Michalew.

„Sie!“ Der ehemalige Admiral der Solaren Union stand nur einen Schritt von der Präsidentin entfernt. Sie gab ihren Sicherheitskräften mit einem Wink zu verstehen, dass sie nicht eingreifen sollten. „Wie können Sie nur! Ein Pakt mit denen?“ Er deutete in Richtung der beiden Hohen Parliden, die äußerlich gelassen der Dinge harrten.

Noriko schmeckte den Geschmack von Triumph durch das Whispernetz.

„Die haben unsere Raumschiffe zerstört, unsere Kolonien vernichtet, jahrzehntelang Menschen versklavt. Sie haben nicht gesehen, wie sie mit uns umgegangen sind! Wie Vieh haben sie uns gehalten, zu niederen Arbeiten gedrängt, zur Bewegungslosigkeit verdammt in einer zweiten Haut.“ Er ballte die Fäuste, Speichel flog durch die Luft. „Lieber wäre ich dort gestorben, als etwas Derartiges zu erleben. Sie sind schlimmer als Ione Kartess.“ Er spuckte vor ihr aus.

Die Präsidentin hielt seinem Blick gelassen stand.

Michalew begann zu zittern. Dann verdrehte er die Augen und kippte nach hinten weg.

Paramedics eilten zu dem Bewusstlosen. Erste Injektionen wurden verabreicht, ein Scan durchgeführt.

„Wir verlangen die Koordinaten der dritten Brutwelt“, sandte M'Jel durch das Whispernetz direkt an Noriko.

Falls sich auf den Tendern tatsächlich unsere Leute befinden, wird die Präsidentin sich an ihr Versprechen halten, sandte Noriko über die geistige Verbindung zurück. Ihr versteht nach dieser Demonstration sicher, dass wir das erst selbst überprüfen.

Weitere Verbindungsversuche blockte sie ab.

„Tarses an Admiralin Jansen“, erklang die Stimme des Captains der NOVA-Station aus dem Interkom. „Die ersten Schiffe sind bereit. Ich benötige Ihre Zustimmung, um die Marines und Paramedics auf die Transporttender zu schicken. Die Psychologen werden flexibel zugeteilt, wo es notwendig wird. Ich ziehe außerdem weitere Raumschiffe hinzu, unsere Kapazitäten sind ... begrenzt.“

Tausende von Gefangenen warteten in ihren Rüstungen darauf, dass sie befreit wurden. Menschen, die vermutlich nicht einmal wussten, dass die Solare Union aufgehört hatte zu existieren. Offiziere und Kolonisten, die die Parliden hassten, wie auch Michalew es tat. Ein Pulverfass.

Noriko schluckte. Das gibt eine Katastrophe.

„Jansen an Tarses“, sagte die Admiralin. „Sie haben ein ‚Go‘.“ Ihr Blick wanderte zu Michalew, der gerade auf eine Antigravbahre gelegt wurde.

Leiser fügte sie hinzu: „Gott steh uns bei.“

 

*

 

Alzir-System, SJÖBERGS UNTERGANG, 21. Februar 2268, 01:30 Uhr

 

Langsam glitt die SJÖBERGS UNTERGANG näher an das Ziel heran. Captain Isam Ortega strich sich durch den Vollbart. Die Geste ließ seine I.O. schmunzeln.

„Sie sind besorgt?“, fragte Commander Izzy Hernández, wobei die Frage eher eine Feststellung war. Sie kannte ihren Vorgesetzten einfach zu gut.

Ortega wandte ihr sein aufgeschwemmtes Gesicht zu, taxierte sie mit wachen Augen, in denen der Hauch von Schalk zu erkennen war. „Man hätte Ihnen verbieten sollen, die Psychologievorlesungen zu vertiefen.“ Er lächelte kurz, wurde aber sofort ernst. „Diese ... Parliden sind mir unheimlich. Kaum zu glauben, dass sie von der Widerstandsbewegung aus unserer Zeitlinie erschaffen wurden. Wie dumm muss man sein, so etwas zu tun? Mit den Hinterlassenschaften eines alten Volkes zu spielen, um so etwas zu kreieren.“

Versonnen starrte Izzy auf das Holoband, in dem der gigantische Transporttender zu sehen war, dem sie sich näherten. „Sie waren verzweifelt. Wir standen auf der falschen Seite, Isam, haben den Imperator unterstützt und hätten jedes Rebellenschiff in Stücke zerschossen. Ohne Cross wüssten wir bis heute nichts von den Killchips.“

Der Captain nickte nachdrücklich. „Ohne ihn würden wir auch nicht mehr leben. Aber was hat diese tolle kleine Armee denn gebracht?“

„Effektivität kann man ihnen nicht absprechen“, warf Lieutenant Commander Naruto Sotooka ein. Die Finger des glatzköpfigen Mittdreißigers flogen virtuos über die Waffenkonsole. „Sie haben die Zeitreisenden auf Terra stranden lassen und mal eben eine eigene Sternennation gegründet. Dass sie dann noch Menschen in ihre Rüstungen stecken und gegen das eigene Volk kämpfen lassen, ist ...“

„... perfide“, sagte Izzy.

„... widerlich“, kam es von Captain Ortega.

„... effektiv“, beendete Sotooka. „Es minimiert die eigenen Verluste. Ich spreche hier rein logisch, vom taktischen Standpunkt aus.“

Die SJÖBERGS UNTERGANG stoppte ihren Flug.

„Wir befinden uns 15.000 Kilometer entfernt“, meldete Lieutenant Shannon Steinbeck. „Endposition erreicht.“

„Paramedics, Marines und Doktor Shoeven melden Bereitschaft“, sagte Kommunikationsoffizier Daniel Szerny. „Translokation kann jederzeit eingeleitet werden.“

Der Captain nickte. „Izzy, wir beide gehen mit rüber.“

„Aber ...“

„Ersparen Sie mir das Protokoll“, sagte er. „Das dort drüben wird eine Gratwanderung, da darf nichts schief gehen. Die Marines sind kampferfahren, aber wir benötigen auch Offiziere mit diplomatischem Feingefühl und Erfahrung. Wir alle hier wissen, wie es ist, entwurzelt und heimatlos zu sein und sich in einer gänzlich neuen Situation wiederzufinden.“

Izzy dachte kurz über die Worte nach. Captain Ortega gehörte weder zur emotionalen noch zur übereifrigen Sorte; der Gedanke war durchaus nachvollziehbar. „Okay.“ Sie schaute zu Sotooka. „Naruto, Sie haben die Brücke. Daniel, Sie koordinieren zusammen mit der Schadenskontrolle den Transport der Befreiten und halten sich bereit. Das humanitäre Notfallprotokoll wurde ausgelöst, es darf nichts schief gehen.“

„Aye, Ma’am.“

Gemeinsam mit dem Captain verließ Izzy die Kommandobrücke. Sie benötigten zehn Minuten, um in voller Skinsuitmontur den Translokationsraum zu erreichen.

Doktor Shoeven, der Bordpsychologe, lächelte leicht, als er sie kommen sah. „Dachte ich es mir doch.“

Das Einsatzteam bestand aus insgesamt zwölf Marines, dreizehn Paramedics, vier Ärzten, einem Psychologen und nun ihnen beiden. Izzy befürchtete, dass das nicht ansatzweise genug war. Auf Befehl von Admiralin Jansen wurden die Streitkräfte zusammengezogen. Jedes verfügbare Schiff - mit Ausnahme der Alzir-Systempatrouille - wurde eingesetzt, dazu Versorgungsschiffe, Shuttles und zivile Raumer.

Das humanitäre Notfallprotokoll sah für diesen Fall auch vor, dass Zivilisten als Helfer herangezogen und auf den Habitaten sofort freier Platz geschaffen wurde.

„Bringen Sie uns rüber“, befahl Ortega.

Das bekannte rotgoldene Flimmern des Translokationswurmlochs erfasste das Einsatzteam und trug sie innerhalb von Sekunden an ihr Ziel.

Izzy kämpfte den leichten Schwindel nieder, nachdem das Gefühl zu fallen und die Funken verschwunden waren.

Die Marines handelten sofort und sicherten die Umgebung. In ihre Anzüge waren Scanner verbaut, die sofort zum Einsatz kamen.

„Keine aktiven Waffen oder Auslöser für Gefahrenpotenziale erkennbar“, meldete Corporal Lance Knighting, der Anführer der Marines.

Izzy hatte nichts anderes erwartet. Wenn die Parliden tatsächlich die Koordinaten der dritten Brutwelt wollten, ja, sogar bereit für einen Pakt mit der Menschheit waren, dann war das hier keine Falle. Nein, es handelte sich wirklich und wahrhaftig um die Überstellung von Gefangenen.

Plötzlich flammte Licht auf. Es war ein warmes, weiches Licht, das aus den Wänden zu fließen schien.

„Grundgütiger“, hauchte Ortega neben ihr.

Izzy erstarrte. Der Translokationsstrahl hatte sie exakt im Zentrum einer mehrstöckigen rundum laufenden Galerie abgesetzt. Besagte Galerie bestand aus dicht an dicht angebrachten Halteklammern, in denen Parliden standen. Schwarze Gitter bildeten den Boden, ein hüfthohes Geländer schirmte die Stege ab.

„Das sind Hunderte“, sagte Doktor Shoeven. „Captain, wenn wir diese Leute abrupt alle auf einmal raus holen, kann ich nicht vorhersagen, was das für Folgen hat.“

„Wollen Sie sie etwa noch länger da drin schmoren lassen?“, fragte Ortega aufgebracht.

„Sir“, sagte Shoeven beschwörend. „Das sind Hunderte Offiziere, möglicherweise mehr. Wenn auch nur die Hälfte an etwas wie posttraumatischem Stress leidet, abrupte Aggressivität nach außen oder innen richtet, sind wir nicht genug Leute, um darauf zu reagieren.“

„Ich fürchte“, warf Izzy ein, „dass uns die Entscheidung abgenommen wird.“

Ihre Ankunft musste etwas ausgelöst haben. Die Rüstungen zerflossen. Als habe jemand ein Streichholz an Wachs gehalten, warf die schwarze Nanomaterie Blasen, floss an den Leibern der in ihr gefangenen Menschen herab und bildete Pfützen auf dem Boden.

Der Albtraum begann.

 

*

 

Direkt neben Izzy löste sich eine Halteklammer. Eine glatzköpfige Frau um die Fünfzig fiel ihr wimmernd vor die Füße. Panisch flog ihr Blick umher, ihre Glieder zuckten. Sie versuchte fort zu kriechen, als sie das Einsatzteam bemerkte, doch ihre Muskeln waren nicht mehr dazu in der Lage, die benötigte Kraft zu liefern. Ihr Körper sackte zusammen.

„Ganz ruhig“, sagte Izzy.

In diesem Augenblick begann die Frau zu schreien. Ein Schrei, der aufgenommen und verstärkt wurde von zahlreichen weiteren Kehlen.

Die ehemaligen Gefangenen hatten alle eine Glatze, registrierte Izzy. Ob Mann oder Frau, jung oder alt, an ihren nackten Körpern war kein einziges Haar zu entdecken.

Sie beugte sich über die Frau und aktivierte per Anvisier-Icon auf dem Heads-Up-Display die Scanfunktion des Anzugs. Das Ergebnis waren verheerende Biowerte. Die Frau benötigte Vitamine, Mineralstoffe, Muskelaufbaupräparate und Medikamente, die die Organe stabilisierten. Vermutlich war sie seit Jahrzehnten gefangen gewesen, wodurch der Anzug auch verschiedene Krankheiten neutralisiert und Organfunktionen verbessert oder aufrechterhalten hatte. Mit dem Wegfall dieser „Stütze“ brach alles über der Frau zusammen; sie presste sich die Hände gegen die Ohren.

Der Anzug muss auch partiell ihre Sinne gefiltert haben, erkannte Izzy. Sie leidet an Reizüberflutung.

Am liebsten hätte sie das arme Geschöpf einfach betäubt, doch das hätte den Metabolismus der Befreiten vermutlich endgültig zusammenbrechen lassen.

Die Schreie ringsum wurden lauter. Dazwischen gab es vereinzeltes Wimmern, aber auch hinausgebrüllte Wut. Auch Schläge waren zu hören.

Irgendwo über ihnen randalierte jemand, packte seine Mitgefangenen und warf sie über die Brüstung.

„Corporal Knighting“, sagte Captain Ortega nur. Seine Stimme war ein Krächzen.

Sofort stießen sich vier Marines vom Boden ab. Drei davon fingen die Fallenden auf, während der vierte sich um den Randalierer kümmerte. Ein Betäubungsschuss flirrte.

„Gefahr neutralisiert, Captain“, meldete Knighting.

„Bedenken Sie bitte, dass es sich um Menschen handelt, die nicht mehr klar denken können“, sagte Ortega.

Die nächsten Minuten waren reinstes Chaos und Izzy konnte im Nachhinein nicht mehr sagen, wie sie sie bewältigt hatten. Die Paramedics eilten von Person zu Person, nahmen Scans vor, teilten mit Kurzdiagnosen alle Befreiten in Behandlungskategorien ein und injizierten Transponder-Chips. Die Ärzte kümmerten sich um jene Notfälle, die direkt nach der Befreiung kollabiert waren. Randalierer wurden von Marines auf sanfte Art ausgeschaltet.

Sie waren viel zu wenige.

Izzy scannte, verabreichte Injektionen, teilte Leute zu. Immer mehr Marines und Paramedics materialisierten aus einer Wurmlochporta. Doktor Shoeven sprach mit jenen Befreiten, die apathisch oder orientierungslos wirkten und fertigte erste Schnelldiagnosen an, die ebenfalls auf dem Chip gespeichert wurden.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wurden die ersten Befreiten von Translokationswurmlöchern erfasst und auf andere Schiffe gebracht. Izzy wollte sich gar nicht vorstellen, wie die Translokation auf geistig verwirrte und körperlich geschundene Menschen wirkte, die so etwas bisher nie erlebt hatten. Doch eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Stunden vergingen.

Nach wie vor hallten Schreie durch den gigantischen Tender, nach wie vor gab es Befreite, die nicht behandelt, diagnostiziert und abtransportiert worden waren.

Zu viele. Izzy schloss für einen Augenblick die Augen.

Sie waren auf einem Tender. Wie viele gab es insgesamt?

Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken.

„Captain“, erklang die atemlose Stimme von Doktor Shoeven. „Wir sind auf das, was hier geschieht, nicht vorbereitet. Die Gefangenen müssen einzeln aufgeweckt werden, in einer kontrollierten Umgebung. Das alles ist für jene, die bereits seit Jahrzehnten ein Sklavendasein fristen, ein Schock.“

„Bedanken Sie sich bei den Parliden, Doc“, sagte der Captain bitter. „Die haben das so eingerichtet. Ich glaube kaum, dass sie es ändern werden. Sobald auch nur ein Mensch einen Tender betritt, da war Admiralin Jansen glasklar, schmelzen alle Rüstungen synchron. Vermutlich wollen die nicht, dass wir etwas über die verwendete Technologie erfahren. Oder es ist einfach Perfidität. Keine Ahnung.“

„Ich kontaktiere Marjella Cruz auf der NOVA-Station“, sagte Shoeven. „Sie koordiniert das Psychologen-Team. Ich brauche hier Unterstützung.“

„Versuchen Sie es.“

Sie hatten sowieso zu wenig Psychologen, das wusste Izzy. Die Republik gab es noch nicht lange, sie war hervorgegangen aus der Rebellion dieser Zeitlinie. Es fehlte, wie nicht anders zu erwarten, an Fachkräften. Bis sich das änderte, würden Jahre vergehen. Soweit ihr bekannt war, hatte Präsidentin Shaw ein Schnelllernprogramm eingeführt, bei dem Experten mit jahrelanger Erfahrung andere Personen schulten. Trotzdem besaß die Republik von allem zu wenig: Platz, Nahrung, Spezialisten.

Irgendwo über ihr erklang ein Schrei.

Ein Körper fiel zu Boden, vorbei an den ausgestreckten Armen eines Marines, und landete mit einem Geräusch, das Izzy nie vergessen würde, direkt vor ihren Füßen.

Sie schloss die Augen.

 

*

 

Auf der NOVA-Station

 

Präsidentin Jessica Shaw stürmte in den Konferenzraum, warf sich in den Konturensessel am runden Tisch und wartete, bis ihre Stabschefin und die Minister schwiegen.

„Sie alle sind mittlerweile von Priscilla informiert worden?“ Sie nickte ihrer Stabschefin zu. Nacheinander bestätigte diese Vermutung jeder der Anwesenden.

„Gut. Wir sehen uns mehreren Problemen gegenüber und haben wenig Zeit, ausführlich an Lösungen zu feilen. Pragmatismus ist angesagt. Das Wichtigste zuerst: Wie steht es um die befreiten Gefangenen?“ Sie gab dem Gesundheitsminister mit einem Nicken zu verstehen, dass er sprechen sollte.