Heliosphere 2265 - Band 5: Im Zentrum der Gewalten (Science Fiction) - Andreas Suchanek - E-Book

Heliosphere 2265 - Band 5: Im Zentrum der Gewalten (Science Fiction) E-Book

Andreas Suchanek

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Beschreibung

Der Verräter wurde enttarnt, doch was war seine eigentliche Aufgabe, was steckte hinter der Infiltration der HYPERION? Als die Raumstation am Rand des Stillen Sektors einen Anstieg von Fraktal-Energie entdeckt, wird die Space Navy aktiv. Doch was erwartet die ausgesandte Crew im Zentrum der Gewalten? Dies ist der fünfte Roman aus der Serie "Heliosphere 2265" Am 01. November 2265 übernimmt Captain Jayden Cross das Kommando über die Hyperion. Ausgerüstet mit einem neuartigen Antrieb und dem Besten an Offensiv- und Defensivtechnik, wird die Hyperion an den Brennpunkten der Solaren Union eingesetzt. Heliosphere 2265 erscheint seit November 2012 monatlich als E-Book sowie alle 2 Monate als Taschenbuch. Hinter der Serie stehen Autor Andreas Suchanek (Sternenfaust, Maddrax, Professor Zamorra), Arndt Drechsler (Cover), Jonas Hoffmann (Technischer Redakteur) und Anja Dreher (Innenillustrationen).

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Heliosphere 2265

Band 5

„Im Zentrum der Gewalten“

von Andreas Suchanek

Sol-System, SOL III, 02. März 2266, 04:13 Uhr

Doktor Irina Petrova wusste, dass sie verloren war. Die Männer in Schwarz hatten sie von der Krankenstation der HYPERION geholt und in dieses Loch geworfen, in dem sie seitdem wartete. Der Vorwurf lautete: Hochverrat und Verschwörung mit Admiral Juri Michalew. Von einem Augenblick zum anderen war sie von einer angesehenen Ärztin zur Verräterin geworden, die angeblich Bombenanschläge unterstützt und den Tod von Präsidentin Ione Kartess mitverursacht hatte.

Irina sank zu Boden. In der drei Quadratmeter großen Zelle gab es keine Sitzgelegenheiten, geschweige denn sanitäre Anlagen. Wenn sie sie hier weiterhin schmoren ließen, musste sie jemand herbeirufen, sonst wurde es peinlich für sie.

Und das alles nur, weil ich auf Juri hereingefallen bin.Sie schlug mit der Faust gegen die Wand.

Noch immer fragte sie sich, was im Sol-System vorgefallen war, während die HYPERION bei NOVA gekämpft hatte und in der Folge von der Verräterin Sarah McCall in eine Falle gelockt worden war.

Durch einen Ausfall des Phasenfunk-Netzes waren sie von jedem Informationsfluss abgeschnitten gewesen. Kaum zurück im Sol-System, war ein Trupp der Männer in Schwarz in die Krankenstation gestürmt, um sie zu verhaften. Das war erst wenige Stunden her, doch es kam ihr vor wie eine Ewigkeit.

Ein Klicken ertönte. Irina erhob sich und strich ihre Uniform glatt. Das Schott fuhr zur Seite.

„Folgen Sie mir, Doktor Petrova“, sagte ein junger Mann in schwarzer Uniform. Im Brustbereich war in silbernen Lettern des Kürzel I.S.P. aufgenäht.

Die Inner Security Police,wie siemittlerweilewusste. „Wohin bringen Sie mich?“

Schweigen.

Irina gab es auf. Sie ging hinter dem Mann her, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Es dauerte einige Momente, bis ihre Augen sich nach dem Dämmerlicht, das in der Arrestzelle geherrscht hatte, an das grelle Licht der Deckenstrahler gewöhnten.

Ihr Ziel war eine Zelle von etwa zwanzig Quadratmetern Größe. Die Einrichtung bestand aus einem weißen Tisch aus Plastoplex neben dem ein wackliger Stuhl aufgestellt worden war.

„Setzen Sie sich.“

Irina nahm Platz. Der Offizier verließ den Raum. Sekunden später betrat ein grauhaariger Mann in der Uniform der Inner Security Police die Zelle. Er mochte Anfang vierzig sein, ebenso gut aber auch Ende fünfzig. Ohne sie zu beachten, studierte er die Anzeige auf seinem Pad.

Was soll das?! Sie hätten mir längst meine Rechte vorlesen müssen. Und wo ist mein Verteidiger?

Er legte das Pad vor sich auf den Tisch. „Sie sind Doktor Irina Petrova?“

„Das bin ich. Warum wurde ich verhaftet?“

„Bis zum gestrigen Tag dienten Sie als Chefärztin auf dem Interlink-Kreuzer HYPERION?“ Er blickte nicht auf.

„Ich will meinen Anwalt sprechen!“

Der Grauhaarige schob das Pad zur Seite. „Lassen Sie mich ein paar Dinge klarstellen. Während Sie dort draußen für den ehemaligen Admiral Juri Michalew konspirativ tätig waren, kam es in der Solaren Union allerorts zu Bombenanschlägen und Attentaten. Die Präsidentin ist tot. Vom ursprünglichen Admiralsrat leben nur noch Pendergast und Jansen, die beide auf Michalews Seite stehen und fliehen konnten.“

„Das kann nicht stimmen.“Pendergast und Jansen waren Feinde von Michalew, sie hätten ihn niemals unterstützt.

„Die Verfassung wurde durch das Kriegsrecht außer Kraft gesetzt“, sprach der Grauhaarige einfach weiter. „Admiral Sjöberg hat die Amtsgeschäfte übernommen und die Ordnung in der Solaren Union teilweise wiederhergestellt. Der ehemalige Innenminister gab eine Liste aller Mistreiter Michalews heraus. Ihr Name steht ebenfalls darauf!“

„Aber ich half ihm lediglich dabei, Daten über die Parlidenrüstungen auszuwerten. Ich bin nie an irgendeiner Verschwörung beteiligt gewesen, die es zum Ziel hatte, die Regierung zu stürzen.“

„Sie geben es also zu.“

„Aber so hören Sie doch, ich bin unschuldig!“

„Mäßigen Sie Ihren Ton, sonst muss ich entsprechende Maßnahmen ergreifen“, sagte er emotionslos. „Während wir Steuergelder verschwendeten, indem wir Sie in einer Arrestzelle unterbrachten, leiteten die Behörden weitere Schritte ein. Sie wurden unehrenhaft aus der Space Navy entlassen; Ihre Lizenz als Ärztin ist mit sofortiger Wirkung außer Kraft gesetzt.“

„Aber ... ich habe das Recht auf ein Verfahren.“

„Laut des seit drei Tagen wirksamen Zusatzartikels zum Schutz der Solaren Union vor konspirativen Elementen irren Sie sich. Legen Sie Ihre Uniform ab.“

„Bitte?“

Der Grauhaarige betätigte ein Icon auf seinem Pad. Die Tür glitt auf und zwei muskelbepackte Männer sowie eine bullige Frau traten ein.

„Legen Sie Ihre Uniform umgehend ab. Andernfalls wird man Ihnen dabei helfen.“

Irina schluckte hart. Mit zitternden Händen schälte sie sich aus ihrer Hose, das Oberteil folgte. Die Arme vor dem Oberkörper verschränkt, nahm sie wieder auf dem Stuhl Platz.

Auf ein Nicken des Grauhaarigen trat die bullige Frau mit steinerner Miene vor, hob die Kleidungsstücke auf und verließ die Zelle. Die beiden Männer verzogen bei Irinas Anblick angewidert das Gesicht, dann gingen auch sie.

Es war kühl. Irina begann zu zittern. Sie trug nur noch ihre Unterwäsche, presste ihre Lippen wütend aufeinander.

„Nachdem dies nun geklärt ist, lässt es sich einfacher reden. Ich finde es unangebracht, wenn eine Verräterin durch das Tragen einer Uniform die Space Navy beschmutzt. Sehen Sie das anders?“

„Ich war immer loyal.“

Der Grauhaarige seufzte in gespielter Ermüdung. „Das Ganze wird doch mehr Zeit in Anspruch nehmen, als ich dachte.“

Die Tür des Raumes öffnete sich.

„Admiral!“ Grauhaar sprang förmlich aus seinem Sitz. „Was für eine Freude!“

„Gehen Sie sich die Beine vertreten“, sagte Björn Sjöberg. Seine Stimme wurde von einem warmen Bariton getragen, der Bart war wie immer säuberlich gestutzt. Er schenkte Irina ein Lächeln.

Als sie alleine waren, nahm er hinter dem Tisch Platz und bedachte sie mit einem gütigen Blick. „Sie haben ihm also geholfen.“

„Ich versichere Ihnen ...“

Sjöberg winkte ab. „Überspringen wir diesen Teil. Ich bin ein geduldiger Mensch, doch Michalew hat eine Menge Schaden angerichtet und viele Leben ausgelöscht. Männer, Frauen und Kinder starben. Die Präsidentin ist tot. Und Sie, Doktor, waren beteiligt – auf welche Art auch immer. Glücklicherweise gibt es in der Solaren Union schon lange kein Todesurteil mehr, doch die ersten Stimmen werden bereits laut, das zu ändern. Das Volk schreit nach Blut. Wer bin ich, dass ich ihm etwas Derartiges verweigere?“

Irina wurde eiskalt. „Sie ... aber ... das ist nicht Ihr Ernst.“

Sjöberg lächelte und schüttelte langsam den Kopf. „Doktor, wir sind zivilisierte Menschen. Die Todesstrafe ist barbarisch und wird sich zweifellos auf die Gefolgsleute von Michalew beschränken. Ich fürchte aber, das schließt Sie mit ein.“

Irina spürte, wie ihr Puls in die Höhe schoss. Was immer in der Solaren Union während des Flugs der HYPERION geschehen war: Es war nicht mehr die Heimat, die sie verlassen hatten.

„Was wollen Sie?“

Sjöberg nickte. „Sie haben einen wachen Verstand. Ich biete Ihnen einen einmaligen Deal an. Machen Sie sich keine Hoffnungen, Sie werden nie wieder als Ärztin arbeiten oder in der Navy dienen. Aber wenn Sie mir bei einem wissenschaftlichen Problem zur Hand gehen, entgehen Sie der Todesstrafe.“

„Um was handelt es sich?“

„Ihr Fachgebiet.“ Sjöberg erhob sich. „Sie sollen meine Frau von der Parlidenrüstung befreien. Gelingt Ihnen das, sind Sie frei. Wenn Sie versagen, erwartet Sie das gleiche Schicksal wie alle von Michalews kleinen Puppen.“ Damit wandte er sich um und verließ den Raum.

Irina blieb zitternd zurück.

*

Sol-System, Mars, 02. April 2266, 08:30 Uhr

Ein Monat später

Captain Jayden Cross hatte das Gefühl, durch eine Geisterstadt zu marschieren. Die ehemals dicht bevölkerte Wissenschaftsstation auf dem Mars, wo bis vor wenigen Wochen das erste Fraktal untersucht worden war, glich einem toten Gerippe. Weder Weißkittel noch aktive Sicherheitssysteme waren geblieben, nur deaktivierte Monitore und Holotanks.

„Captain, beehren Sie uns auch schon mit Ihrem Besuch!“, sagte Admiral Rispon. „Ich stand kurz davor, einen Suchtrupp loszuschicken.“

Jayden wusste nicht, ob sein neuer Vorgesetzter gerade scherzte oder ihm ernsthaft die Sicherheit auf den Hals hatte hetzen wollen.Bisher hat er ja eine Menge Charaktereigenschaften aus seinem Repertoire hervorgezaubert, aber Humor gehört nicht dazu.„Es tut mir Leid, Sir. Das Mars-Shuttle hatte mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen.“

„Oh, Sieentschuldigensich, na dann ist ja alles in Ordnung. Walker scheint mit der Einschätzung Ihres Charakters Recht zu behalten. Aber dieses Gespräch vertagen wir auf ein anderes Mal.“ Rispon winkte ihn heran. „Das hier ist Doktor Florian von Ardenne.“

Der Wissenschaftler hatte seinen typischen arroganten Blick aufgesetzt, und sein Bauchumfang schien seit ihrem letzten Treffen noch angewachsen zu sein. „Captain, was für ein Vergnügen, Sie wiederzusehen.“ Die Ironie war offensichtlich.

„Ich kenne den Bericht ihres ersten Zusammentreffens“, sagte Admiral Rispon. „Damals wurde der gesamte Mars durch das erste Fraktal in ein Dunkelfeld gehüllt. Beschränken wir uns heute auf die reine Analyse der vorhandenen Daten. Doktor von Ardenne, sprechen Sie mit dem Captain über die neuesten Ergebnisse der Sensorauswertungen. Sobald das erledigt ist, will ich einen ausführlichen Bericht in meinem persönlichen Speicher.“ Er wandte sich ab. „Betrachten Sie das als Ihre Einsatzbesprechung, Cross. Mir wurde mitgeteilt, dass die HYPERION nach einem Monat im Dock wieder voll einsatzbereit ist. Detaillierte Order wird Ihnen noch überbracht.“

Der Admiral stieg die wenigen Stufen zum Lift empor und trat ein, die Türen schlossen sich hinter ihm.

Jayden atmete innerlich auf. Die vergangenen Wochen hatten gezeigt, dass eine vernünftige Zusammenarbeit mit Rispon nicht möglich war. Glücklicherweise wartete die nächste Mission, die die HYPERION hoffentlich eine Menge Lichtjahre fort von der Erde führen würde. Damit entging er einstweilen allen sinnlosen Verwaltungsanträgen und Plänen zur Umstrukturierung der Crew, die ihm sein Vorgesetzter in jeder freien Minute zusendete. Dieses Bombardement war nicht auszuhalten.

„Bringen wir es hinter uns, Captain. Ich habe nicht viel Zeit. Der Präsident hat mich für ein wichtiges Projekt angefordert.“ Er trat an einen der Holotanks. Nach einem Tastendruck erwachte dieser zum Leben. „Was Sie hier sehen, ist eine Sensorauswertung des Stillen Sektors oder genauer gesagt: des Randgebietes. Die Raumstation im Nachbarsystem hat etwas Beunruhigendes festgestellt.“

Jayden studierte die Anzeige.

Vor etwa sieben Jahren hatte eine Flotte aus drei Leichten Kreuzern ein Sternensystem entdeckt, das von einem Wall unbekannter Strahlung eingehüllt wurde. Jede einfliegende Sonde verlor innerhalb kürzester Zeit ihre gesamte Energie. Bevor man diese Gefahr jedoch in ihrer Gänze erkannte, hatte einer der Raumer den Einflug gewagt. Alle Systeme waren ausgefallen, während das Schiff von seiner Eigenbewegung weiter in das System getragen wurde. Die PROMETHEUS befand sich noch immer auf ihrem Flug in das Sonnensystem. An Bord konnte, nach dem Ausfall jedweder Energie, längst niemand mehr leben. Tote Körper, die ins Zentrum des Rätsels flogen.

Jeder darauffolgende Versuch, den Energiefluss in Testsonden bei Eintritt in das System aufrechtzuerhalten, war gescheitert. Daraufhin hatte die Admiralität das Sonnensystem zur verbotenen Zone erklärt. Die Bezeichnung „Stiller Sektor“ war zum geflügelten Wort geworden.

Der Admiralsrat hatte eine Wissenschaftsstation im Nachbarsystem errichten lassen. Sie sollte dazu dienen, Näheres über die Strahlung herauszufinden, doch bisher konnten die Wissenschaftler keine nennenswerten Fortschritte verzeichnen.

„Hat sich all der Aufwand am Ende also gelohnt. Raus damit, worum geht es?“

„Nachdem es hier auf dem Mars zum Fraktal-Debakel kam, wurden die dabei aufgezeichneten Strahlungsspektren an alle Raumstationen und Sensorstationen weitergeleitet. Die Admiralität wollte sichergehen, dass ähnliche Artefakte gefunden werden. Im Nachhinein stellte sich das als Glücksfall heraus.“ Von Ardenne vergrößerte durch Berührung eine der Skalen.

Jayden erkannte die Darstellung. „Das ist Fraktal-Strahlung.“

„Eine nette Bezeichnung für diesen Strahlen-Mix. In der Tat, die Signaturen sind deckungsgleich. Es gibt nur einen Unterschied: Was im Stillen Sektor emittiert wird, besitzt die hundertfache, wenn nicht sogar tausendfache Stärke der hier auf dem Mars angemessenen Strahlung.“

„Also befinden sich dort vermutlich mehrere Artefakte?“

„Davon ist auszugehen. Genauere Messungen sind nicht möglich. Der Wall aus Strahlung unterbricht nicht nur jeden Energiefluss, er verhindert auch jedwede genauere Abtastung mittels Sensoren. Zudem können nach wie vor weder Schiffe noch Sonden in das System einfliegen. Mit einer Ausnahme: die HYPERION.“

„Erklären Sie das.“

Während Jayden den Holotank fixierte, entstand vor seinem inneren Auge das Abbild von Sarah McCall. Seine ehemalige Kommunikationsoffizierin hatte sich als trojanisches Pferd entpuppt. Nach vielen Monaten der Spionage, Sabotage und Manipulation war es Alpha 365 gemeinsam mit Lieutenant Commander Kensington gelungen, McCall zu enttarnen. Ihr Ziel war es anscheinend gewesen, durch die HYPERION zwei der Fraktale zu bergen. Am Ende konnte sie an Bord eines der rätselhaften Sternenschiffe flüchten, die zuvor bereits die NOVA-Station angegriffen hatten.

Wo die Artefakte sind, ist McCall sicher auch nicht weit.

Unbändige Wut loderte in ihm empor, ließ seinen Puls in die Höhe schnellen. Wenn er diese Schlange in die Finger bekam, würde er sie mit Freuden beim Geheimdienst abliefern. Sollten die sie doch in ein Hochsicherheitsgefängnis für außerirdische Spione stecken.

„Einige Kollegen werteten in den vergangenen zwei Monaten jene Daten aus, die Sie, Captain, von Ihrem ersten Einsatz im Elnath-System mit nach Hause brachten. Auch dort deaktivierten sich die Sonden, die zum Planeten geschickt wurden, um das dortige Fraktal zu bergen. Sie erinnern sich?“

„Natürlich.“ Jayden nickte. „Uns gelang es, diesen Ausfall auf eine Destabilisierung des Phasenantriebs zurückzuführen. Als wir Shuttles ohne integriertes Phasenmodul verwendeten, gab es keinerlei Probleme mehr. So haben wir das erste Fraktal damals geborgen.“

„Exakt.“ Von Ardenne war ganz in seinem Element. Er vergrößerte eine Skala nach der anderen im Holotank; Jayden verlor nach der dritten den Überblick. „Auf der Grundlage dieser Erfahrung konzipierten die Wissenschaftler der SILENCE-Station eine neuartige Sonde.“

Er hatte es fast vergessen: Im Gegensatz zu größeren Raumstationen wie NOVA erhielten kleinere Wissenschaftsstationen lediglich eine Nummer, die sich aus dem Namen des Systems, in dem der Rumpf gefertigt wurde, und einer Seriennummer zusammensetzte. Da kein vernunftbegabter Mensch sich eine derartige Bezeichnung merken konnte, entwickelten sich in der Umgangssprache meist Ersatzbezeichnungen. Aufgrund ihrer Lage hatte es bei der SILENCE-Station nicht lange mit der Namensfindung gedauert.

„Diese Sonden enthielten kein Phasenaggregat. Stattdessen statteten meine Kollegen sie mit einem Puls-Interlink aus. Für ein komplettes Triebwerk reichten weder die Solaren Dollar noch der zur Verfügung stehende Platz. Das Experiment war erfolgreich: Die Sonden konnten in den Stillen Sektor einfliegen. Der Testlauf wurde über mehrere Wochen mit verschiedenen Sonden durchgeführt – und war erfolgreich.“

„Es kam zu keinem Ausfall der Fusionstriebwerke?“

Von Ardenne nickte. „In der Tat ist nichts dergleichen geschehen. Damit ist bestätigt, dass es bei normalen Raumschiffen zu einer Rückkopplung zwischen Fusionskraftwerk und Phasenmodul kommt, wenn die Störstrahlung wirksam wird. Daher verlieren einfliegende Raumer im Stillen Sektor ihre Energieversorgung.“

„Was der HYPERION nicht passieren würde. Trotz des Phasenfunk-Moduls?“

„Sie haben es verstanden“, sagte von Ardenne. „Beeindruckend. Tatsächlich wird das Phasenfunk-Modul kein Problem darstellen, da es komplett vom Antrieb separiert ist. Es gibt keine Verbindung zwischen den Modulen. Beim Phasen-Antrieb und Fusionsreaktor in herkömmlichen Schiffen ist das anders.“

Jayden fragte sich, warum er immer wieder mit solchen Kotzbrocken konfrontiert wurde. „Wir werden also dorthin beordert?“

„Das müssen Sie die Admiralität fragen. Ich sollte nur die Sensorauswertungen erläutern. Aber vermutlich wird die HYPERION in den Stillen Sektor geschickt, nachdem nun nachgewiesen werden konnte, was ich bereits seit Ihrem Bericht der Elnath-Mission vermutete.“

Für eine Sekunde kam Jayden der abwegige Gedanke, dass Harrison Walker, der unter Präsident Sjöberg die neu gegründete Inner Security Police leitete, ihn loswerden wollte. Andererseits konnte er das einfacher haben. Er musste nur ein paar seiner Männer schicken. Der Interlink-Kreuzer war zu wertvoll, als dass die hohen Herren diesen bei einer Selbstmordmission aufs Spiel setzten. Zudem vertraute Jayden Präsident Sjöberg. Der Mann hatte ihn immer unterstützt und war dabei, die Michalew-Krise auf effektive Art aufzulösen. Vermutlich würde der abtrünnige Admiral in wenigen Monaten in einer Zelle der I.S.P. sitzen. Er vertrieb die Gedanken zur politischen Krise mit einem Kopfschütteln und wandte sich der vor ihm liegenden Aufgabe zu.

Wenn die Energie beim Einflug in den Stillen Sektor ausfiel, wurde das Raumschiff zu einem schwebenden Massengrab. Die Crew musste dann das Schicksal der PROMETHEUS teilen. Mochte dies auch nach der Testreihe unwahrscheinlich sein: Ein letzter Rest Misstrauen blieb. „Vielen Dank, Doktor.“

Während von Ardenne noch etwas murmelte, richteten sich Jaydens Überlegungen bereits auf die nächsten Schritte. Was würde seine Crew und ihn im Stillen Sektor erwarten?

*

Mars-Dock 9a, 02. April 2266, 10:00 Uhr

„Der Abschlussbericht der Chefingenieurin“, sagte Commander Noriko Ishida. Sie deutete in Richtung von Jaydens Monitor, wo er diesen aufgerufen hatte. „Unsere Torpedo-Abschussvorrichtungen wurden auf den Sprengkopf Typ-A22 umgestellt. Die damit einhergehenden Verbesserungen können Sie der angehängten Spezifikation entnehmen. Der Laser verwendet jetzt einen zweipoligen Prisma-Abstrahlkristall, wodurch die Brenndauer erhöht wird und wir über eine graduelle Linsenanpassung mehrere – dann aber geschwächte – Strahlen verschießen können. Außerdem wurde die Stärke des Schutzschilds durch neuartige Frequenz-Kristalle verbessert. Von dem aktuellsten Aufdampfverfahren der Hüllenpanzerung konnten wir leider nicht profitieren, da die Werftarbeiter nicht die gesamte Hülle austauschen wollten. Das hätte uns zwei weitere Monate im Dock gekostet. Die wichtigsten Daten zum neuen STEALTH-System können Sie Anhang F-22 entnehmen.“

„Das sieht doch ganz gut aus. Wie macht sich das neue Mitglied im Kreis der Primäroffiziere?“

Ishida lachte auf. „Lieutenant Michael Larik. In den Übungen schließt er regelmäßig mit neunzig Prozent der verfügbaren Punktzahl ab.“

„McCall lag bei zweiundneunzig.“

„Er sitzt erst seit drei Wochen an dieser Konsole und hat es mit einem völlig neuen Interface-Konzept zu tun. Geben Sie ihm Zeit.“

„Wie reagiert Lieutenant Samura auf Larik?“

Ishida sog scharf die Luft ein. „Bisher lässt sie sich nichts anmerken, aber vermutlich ist sie verdammt wütend. Immerhin hat sie mehr Erfahrung mit dem neuen Interface-Konzept. Nach mehreren Monaten als Stellvertreterin von Sarah McCall hätte sie es verdient, zur Primäroffizierin befördert zu werden.“

Jayden winkte ab. „Ich weiß, glauben Sie mir. Und ich habe Admiral Rispon Lieutenant Samura für den Posten vorgeschlagen. Aber der Admiral scheint einen Groll gegen mich zu hegen. Offiziell sind es politische Gründe, weshalb Larik die Stelle erhielt, ich glaube aber eher, Rispon wollte mir damit eins auswischen.“