Hellsichtig – Mein Leben gegen den Strom - Gabriela - E-Book

Hellsichtig – Mein Leben gegen den Strom E-Book

Gabriela

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Beschreibung

Hellsicht ist eine kostbare Gabe. Hier ist die bewegende Geschichte einer außergewöhnlichen Frau. Ihr spiritueller Seelenauftrag wurde über drei Generationen hinweg erteilt und ist mit großen Herausforderungen verbunden gewesen. Vom mittellosen Flüchtlingskind wurde sie zur weithin gefragten, hellsichtigen Therapeutin. Als Erweckerin von Selbsterkenntnis und Unterstützerin von Selbstheilungskraft steht sie vielen Menschen bei, die sonst nirgends Hilfe gefunden haben. Der Lebensweg von Gabriela Novák ist bemerkenswert und deshalb eine starke Ermutigung für uns alle: Finde deinen Weg, für den du bestimmt bist – wie groß die Widerstände auch sein mögen! Dann heilst du nicht nur dich selbst, sondern auch deine Ahnen und Nachkommen.

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2025

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HELLSICHTIGMein Leben gegen den Strom

Das vorliegende Buch ist sorgfältig erarbeitet worden. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gemachten praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

E-Book-Ausgabe

Diese unkörperliche Ausgabe des Werks ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes erfordert die Zustimmung des Verlags und ist ohne diese strafbar. Das gilt insbesondere, aber nicht nur für Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung sowie Einspeicherung zwecks Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten. Alle Rechte vorbehalten.

Copyright ©2025 Allinti Verlag GmbH, Allschwil (Schweiz)

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Umschlagmotiv: © alexkava / iStock / Getty Images Plus

Foto der Autorin: © Patrycia Lukas @patrycialukasphotography

Satz und Layout: BuchHaus Robert Gigler, München

Technische Realisierung E-Book: Bookwire, Frankfurt a. M.

E-Pub-ISBN 978-3-905836-40-0

Alle Rechte vorbehalten.

www.allinti.ch

GABRIELA NOVAK

HELLSICHTIGMein Leben gegen den Strom

Wie ich meine größte Gabe lieben und nutzen lernte

Dieses Buch widme ich meinen Töchtern Vivien und Joya.

INHALT

I IN DEN GÖTTLICHEN SPIEGEL SCHAUEN

II SCHULD MUSS IN DER GANZEN AHNENREIHE ENERGETISCH GELÖST WERDEN

III EIN BRAVOURSTÜCK AN VERSCHWIEGENER EIGENMÄCHTIGKEIT

IV VON ENGELN IN MENSCHENGESTALT UND MOBBING IN DER SCHULE

V WER MIT DER HELLSICHT LEBT, DEM KANN EIN KÄMPFERHERZ NICHT SCHADEN

VI TROTZ IST DER TREIBSTOFF DER JUGEND

VII WAS MIR NICHT FÜR DAUERHAFTE PARTNERSCHAFT REICHT

VIII SELBSTFÜRSORGE UND MUTTERSCHAFT

IX WARUM ICH KITSCH MANCHMAL SUPER FINDE. UND FITNESS-CENTER SOWIESO

X ALLES IN FLUSS – UND ALLES EINS. NUR SCHADE, DASS ES SO SELTEN GESEHEN WIRD

XI HÖRE AUF DEIN HERZ, NICHT AUF DIE ZWEIFEL

XII VOM UNTERSCHIED ZWISCHEN BLOSSER VERÄNDERUNG UND ECHTER TRANSFORMATION

XIII WENN DIE ÄLTESTEN WUNDEN HEILEN, SCHLIESST SICH DEIN KREIS

ÜBER DIE AUTORIN

IIN DEN GÖTTLICHEN SPIEGEL SCHAUEN

Andere erkennen ist Weisheit.

Sich selbst erkennen ist Erleuchtung.

Laozi

Ein Seminarzentrum irgendwo in der Schweiz, im Jahr 2003

Was ist das denn …?!? Ich schwebe …!!! Aber nicht so auf die angenehme Art … eher, wie wenn ich die Bodenhaftung verloren hätte. Und tatsächlich: Ich schaue auf mich hinunter. »Ich« – also mein Bewusstsein – ist oben. Und mein Körper dort unten, in der Kabine einer Toilette.

Dorthin floh ich, schloss mich ein, um mich zu sammeln und nachzudenken. In der Pause des Vortrags hatten mich die anderen Besucher umringt und mit tausend Fragen bestürmt. Ich riss mich los. Und wo geht man hin, wenn alles zu viel wird? Am besten hinter eine verschlossene Tür. Und dort sehe ich mich jetzt – also meinen Körper. »Ich« bin ja weiter oben. Oder wo? In jedem Fall eine seltsame, fast ungeheuerliche Erfahrung.

Doch halt, ich kenne das! Lang ist’s her …

Als Kind hatte ich es immer wieder erlebt: plötzlich über mir zu schweben. Als befreiend empfand ich das. War sogar dankbar dafür. Immer wenn ich meinen Körper und gefühlt die ganze Welt unter mir sah, fühlte ich mich erlöst. Losgelöst von allem. Alles, was mich zu erdrücken schien, gehörte »oben« nicht mehr zu mir. Mein Beobachten war völlig frei. Anfangs war ich so überrascht davon, dass ich lauthals lachen musste, doch weil mir das Reaktionen des Erstaunens, ja der Missbilligung einbrachte, begann ich diese besondere Erfahrung zu verbergen. Ja, ich arbeitete unbewusst sogar daran, sie zu vermeiden. Um nur niemand zu irritieren. Dass mein Bewusstsein sich dann in einer anderen Dimension befindet, weil es sich tatsächlich vom Körper getrennt hat, begriff ich erst allmählich.

Eines nach dem anderen, sage ich mir. Tief einatmen, langsam ausatmen, und alles schön der Reihe nach. Du kennst das doch, hast es nur weit unten abgespeichert. Fangen wir damit an, was vorhin war: Du besuchst den Vortrag eines berühmten spirituellen Lehrers. Du wurdest von ihm nach vorn geholt. Für einen Test. Du solltest auf die persönliche Frage einer anderen teilnehmenden Person reagieren, deren Antwort nur sie selbst wissen konnte. Es wurde zur Demonstration: Du hast es gewusst. Den Nagel auf den Kopf getroffen. Dabei hast du nur gemacht, was du immer machst, wenn dich Menschen bitten, dass du ihnen erklärst, was sie im Innersten bewegt: Du hast in den göttlichen Spiegel geschaut.

»Göttlicher Spiegel«? Was für ein seltsames Wort, nicht wahr? Aber es passt!

Was meine ich mit »göttlichem Spiegel«? Es ist für mich das beste Wort, um anzudeuten, wenn ich etwas »sehe«, was normalerweise unsichtbar ist. Wenn ich vor meinem inneren Auge die Facetten einer menschlichen Seele sehe, weiß ich, dass es wahr ist, was ich wahrnehme. Und dass ich, wenn gewünscht, es auch mitteilen darf, wenn ich es ethisch vertreten kann.

Nur keine Sorge: Man wird mich dann nicht seltsame Dinge murmeln hören oder die Augen ganz weit nach oben verdrehen sehen.

Im Gegenteil. Wenn ich in den göttlichen Spiegel schaue, ist das für mich eine ausgesprochen methodische Sache, die ich in völliger Nüchternheit ausübe. Und eine Fähigkeit, die man selbst bei noch so viel Talent nur durch geduldige Übung und ständige Selbstkorrektur so weit entwickeln kann, dass es eine verlässliche Methode der Informationsbeschaffung ist. Genauso, wie jemand ein fremdsprachiges Buch übersetzt, so übertrage auch ich Informationen der Geistigen Welt in menschliche Sprache: Ich bin Seelen-Dolmetscherin.

Natürlich waren die Anwesenden verblüfft, dass ich wusste, was ich nach normalem Ermessen gar nicht hätte wissen können. Nur der Seminarleiter blieb völlig gelassen. Lächelnd sagte er nur: »Gabriela, jetzt werden hier womöglich viele denken, du seiest erleuchtet!«

Ironie?, dachte ich zunächst. Nun, Ironie kenne ich nur zu gut, wenn von außerkörperlichem Bewusstsein die Rede ist. Oft entsteht dann eine gewisse Verlegenheit, die gern überspielt wird. Doch dieser Lehrer war nicht verlegen. Er wusste einfach, was gleich geschehen würde. Denn er kannte sein Publikum und die Erwartungen, die nicht wenige hier nun hegten und dass sie mich mit ihren eigenen Fragen löchern würden.

An jenem Tag stiegen nicht nur tief verdrängte Erinnerungen an Erfahrungen in der Kindheit in mir auf. Es war, als wenn eine Tür aufgerissen wurde. Danach rang ich mich endlich dazu durch, meine persönliche Gabe mit der Öffentlichkeit zu teilen. Ein völlig neues Gefühl! Auf einen Schlag war mir klar: Ich kann nicht mehr vor mir selbst weglaufen. Allerdings machte mich das nicht etwa glücklich. Es trug zu meiner Überforderung eher noch bei.

Damals war ich alleinerziehende Mutter, meine erste Tochter gerade acht Jahre alt geworden. Um Geld zu verdienen, arbeitete ich als Fitnesstrainerin und Tagesmutter. Meine freie Zeit war äußerst knapp, und wenn mir noch Kraft blieb, bildete ich mich selbst in Psychologie weiter. Ich war ehrgeizig und machte mir mein Leben schwerer, als es hätte sein müssen. Konnte ja auch nicht wissen, dass schon im nächsten Jahr meine zweite Tochter auf dem Weg sein würde und mir weitere Verantwortung zuwüchse.

Falls jetzt die Frage aufkäme, ob ein Mensch mit der Fähigkeit, in andere Menschen hineinzuschauen, vor Überraschungen in seinem eigenen Leben gefeit ist, dann wäre die Antwort sehr einfach: Nein, ist er nicht. Dann wäre er oder sie wohl wirklich erleuchtet. Ich selbst bin ein ganz normaler Mensch – und heilfroh darüber. Außerdem habe ich gelernt, mein Sehen so in Worte zu verpacken, dass andere es auch als Wahrheit empfinden können, statt sich davon gestört zu fühlen.

Auch als Kind hatte ich allerdings schon meine spezielle Gabe eingesetzt. Oft jedoch hatte es mir bestenfalls hochgezogene Augenbrauen, schlimmer noch: Misstrauen und Schwierigkeiten eingebracht.

Nun aber konnte ich endlich, endlich voll und ganz begreifen: Ich habe einen Seelenauftrag. Und dass er darin besteht, meine Gabe mit anderen zu teilen.

Also nahm ich Kontakt mit diesem Lehrer auf, und wir begannen einen intensiven Austausch, der schließlich zur Freundschaft wurde. Sosehr ich mich anfangs dagegen sträubte, umso mehr weckte es meine Bereitschaft, alle schützenden Dämme zu durchbrechen, die ich um meine Seele errichtet hatte. Leiser und leiser wurde die hämische Stimme, die mich immer zurückgepfiffen hatte, sobald da etwas in mir zur Entfaltung kommen wollte, das lange geschlafen hatte, obwohl es doch mein Kern und Wesen ist.

Leider verstarb dieser so wertvolle Mensch bald. Doch ihm habe ich das Schlüsselerlebnis zu verdanken und den Input, um meine Gabe endgültig anzunehmen und vollends in die Erfüllung meiner Lebensaufgabe hineinzuwachsen.

Auch davon, warum das so schwierig sein kann, handelt dieses Buch. Denn ich stehe damit ja nicht allein! Mehr Menschen, als man heute denkt, besitzen ähnliche Gaben. Nur unterdrücken sie diese oft. Denn die Mehrheit unserer Zeitgenossen reagiert mit Ablehnung, falls du von Kontakten mit der Geistigen Welt berichtest. Schlimmstenfalls wirst du für verrückt erklärt. Ich hingegen ließ mich nicht beirren. Allmählich überwand ich meine Angst. Im Grunde hatte ich keine Wahl! Denn die Gabe der Hellsicht – oder Klarsicht, wie ich es gern nenne – begleitet mich, so weit ich nur zurückdenken kann. Ob ich wollte oder nicht: Es drang ohnehin immer wieder durch. Also arbeitete ich daran. Nicht selten schwankte und irrte ich, aber die geistigen Fäden, an denen mein Schicksal hängt, sind zu stark, als dass ich mich von meinem Weg hätte abbringen lassen.

Eine spezielle Herausforderung erlegte mir allerdings meine Herkunftsfamilie auf. Nur weiß ich heute: Unsere größten Prüfungen sind auch unsere größten Chancen. Und stehen wir nicht alle auf den Schultern unserer Ahnen? In deren Energiefeld werden wir hineingeboren, auch spirituell suchen wir immer wieder nach ihren Spuren. Unbewusst tun das sogar Menschen, für die ihre eigenen Schicksalsfäden ein Leben lang unsichtbar bleiben.

Der folgende Bericht basiert auf Erzählungen von Älteren meiner Familie.

Prag, im Jahr 1970

Der Geruch nach Essen mischt sich in den speziellen Duft, der dem Haus meiner Urgroßeltern mütterlicherseits eigen war. Uroma Jiřina stellt die Teekanne auf den Tisch und beugt sich noch ein wenig weiter vor, um ihrer geliebten Enkeltochter, meiner Mutter Jana, die Hand zu tätscheln – nur im Vorübergehen, wie beiläufig. Fürchtet sie die Eifersucht meines Vaters? Aber Vater Pavel guckt weiter teilnahmslos aus dem Fenster.

Jana erwidert die Zärtlichkeit ihrer Großmutter ausnahmsweise einmal nicht. Sie ist sehr beschäftigt. Was macht sie denn da, mit den Händen unter dem Tisch?

Uroma ist inzwischen an den Kochherd zurückgekehrt. Sie hebt den Deckel vom Suppentopf, damit der Dampf entweicht, als ob sie die aufkommende Spannung im Raum dämpfen wollte. Jiřina, unsere Älteste, war ausgesprochen gut darin, Stimmungen zu erspüren und Konflikte möglichst schon im Keim zu ersticken.

»Trinkt«, meint sie wohlwollend. »Auf dem Tisch, das ist Kamillentee, er wird euch entspannen.«

Doch Mutter reagiert nicht, zumal das Desinteresse ihres Mannes stabil bleibt. Er murmelt nur Unverständliches und macht es sich auf dem Küchensofa neben seinem schlafenden zweijährigen Sohn Pavel jr. noch ein wenig bequemer. Keiner will jetzt Kamillentee trinken. Während Janas Hand weiterhin unter dem Tisch umherwandert, huscht ein überraschter Ausdruck über ihr Gesicht.

»Was ist denn das«, fragt sie erstaunt und blickt hinüber zu ihrer Großmutter. »Eine versteckte Lade?«

Jiřina hält inne. Ein kurzer Seitenblick auf meinen Vater, und da dieser die Augen mittlerweile geschlossen hat, nickt sie meiner Mutter zu.

»Sieh sie dir an«, sagt sie fast flüsternd. »Ich hatte fast vergessen, dass sie dort in der Schublade sind. Aber jetzt ist wohl der Moment, da du es erfahren sollst. Hol sie raus und sieh sie dir an.«

»Sie?«

Doch Mutter wartet die Antwort nicht ab. Kurzerhand schlägt sie die billige Plastiktischdecke zurück, die nicht anders kann, als den Luftstrom des speziellen Nebengeruchs eines gewöhnlichen Haushalts im ehemaligen Ostblock aus sich zu entlassen. Tatsächlich, unter der Tischplatte befindet sich eine Lade, vorher unsichtbar. Mutter zieht sie nach vorn über den Tischrand.

»Da sind Papiere drin. Alt, schon ziemlich vergilbt.«

Sie entfaltet das erstbeste Schriftstück. Die Faltkanten sind so brüchig, dass es fast schon auseinanderfällt. Offenbar wurde es immer wieder gelesen und anschließend sorgfältig zusammengelegt. Ein handgeschriebener Brief!

Fragend blickt Jana zu ihrer Großmutter hinüber. Doch die widmet sich geflissentlich ihrer Suppe. Ist es ihre Absicht, dass Jana den Brief liest, aber ohne viel Aufhebens?

»Geliebte Jiřina«, liest Jana leise, und dann den Schluss: »Dein Dich liebender Franta«.

Sogleich ahnt Mutter, auf welchen Schatz sie gestoßen ist. Sie kennt ja die Lebensgeschichte ihrer Großeltern, jedenfalls in groben Zügen. Unruhe erfasst sie, ganz heiß wird ihr jetzt.

Und Uroma? Kehrt allen weiter den Rücken zu. Mutter aber fühlt den forschenden Blick ihres Mannes plötzlich auf sich ruhen. Er wirkt auf einmal alles andere als teilnahmslos. Nein, er brennt förmlich vor Neugier. Seine Frau ist auf etwas gestoßen, das sie in Aufruhr versetzt. Da will er doch teilhaben! Schwungvoll kommt er auf die Beine, stellt sich hinter sie und späht auf die Papiere.

Doch schon ist das Schriftstück wieder zusammengefaltet. Was geht ihn ein Liebesbrief von Großvater an Großmutter an, denkt Jana. Um Pavels Neugier nicht noch anzustacheln, schlägt sie beiläufig das nächste Schriftstück auf, und da auf den ersten Blick zu erkennen ist, dass es ebenfalls ein Liebesbrief ist, faltet sie es umgehend wieder zusammen und schaut ihrem Mann herausfordernd ins Gesicht.

Er versteht, kann sich aber doch die Frage nicht verkneifen:

»Jiřina, sind das die Briefe, die dein Mann dir aus dem Konzentrationslager geschrieben hat?«

Mutters Blicke auf Vater werden streng. Um nicht allzu indiskret zu erscheinen, schlurft der wieder zum Sofa hinüber und lässt sich in die Kissen fallen. Ist er beleidigt?

Uroma aber antwortet ganz sachlich und nach wie vor, ohne sich umzublicken.

»Ja, das sind sie.«

Beklommenes Schweigen erfüllt jetzt den Raum. Wie wird Mutter reagieren?

»Lies«, meint Uroma begütigend, aber vergiss darüber deine Arbeit nicht, meine Liebe.« Dabei dreht sie sich langsam um und lächelt schelmisch, während sie mit dem Kochlöffel auf die ungeschälten Kartoffeln auf dem Tisch weist.

»Die müssen bald in die Suppe«, sagt sie.

Mutter versteht: Ich soll mir mit den Briefen keinen Zwang antun. Nur mein Mann soll wegbleiben.

Schon hat sie ein weiteres, diesmal mehrseitiges Schriftstück geöffnet. Und die ungeschälten Kartoffeln sind überhaupt kein Thema mehr. Sie liest und liest, ist nicht mehr davon wegzubekommen. Ihr Gesicht verdunkelt sich, nimmt mehr und mehr die Züge des Entsetzens an.

Auf einen Schlag herrscht eine Stimmung im Raum wie im Hühnerstall, wenn plötzlich der Fuchs naht … Welches Unheil bahnt sich an? Selbst mein zweijähriger Bruder Pavel, der bisher selig geschlafen hat, reißt die Augen auf und blinzelt verdutzt in die Runde.

»Das ist der Haftbefehl«, flüstert meine Mutter und alle erwarten jetzt, dass sie aus dem Dokument vorlesen wird. Aber bevor es dazu kommt, ergreift unsere Älteste das Wort, als ob sie aufgrund einer Vorahnung die fast unerträglich gewordene Spannung etwas mildern wollte:

»Ihr wisst, dass wir während der deutschen Besatzung eine jüdische Familie in unserer Prager Wohnung versteckten. Mein Mann František, den alle nur Franta nannten, war Landesgeschäftsführer für die Tschechoslowakei bei dem großen Kaffeeunternehmen Meinl. Der Vater dieser jüdischen Familie war sein Geschäftspartner und Freund. Dieser wusste, wann und wo Franta Kaffee auslieferte. So passte er ihn im Geschäft eines seiner Kunden ab. Und ja, Franta sicherte dem verzweifelten Mann und seiner Familie Hilfe zu. Im selben Geschäft übergab er ihm später, versteckt hinter einem Vorhang, einen Schlüssel zu unserer Prager Wohnung. Dabei wurden die beiden von jemand belauscht und dann denunziert. Die Nationalsozialisten steckten Franta zunächst in das Konzentrationslager Buchenwald. Danach verlegten sie ihn wiederholt in andere Lager, weil er fließend Deutsch und Englisch sprach und als Dolmetscher von Wert für sie war. Sonst hätte er das KZ womöglich gar nicht überlebt.«

Uroma hält inne und deutet auf die Schublade.

»Ja, das sind die Briefe, die er mir aus den Konzentrationslagern geschrieben hat. Einmal im Monat durfte er eine Seite schreiben und abschicken. Und da hast du jetzt auch den Haftbefehl der Gestapo in Händen.«

Mutter senkt den Blick erneut auf das Dokument. Dann hebt sie es in die Höhe und zeigt darauf.

»Hier stehen übrigens Name und Adresse des Denunzianten.«

Laut und deutlich liest sie beides vor.

Auf einmal weicht Vater das Blut aus dem Gesicht. Wie versteinert sitzt er nun da, starrt mit glasigem Blick ins Leere.

»Oh Gott! Das war mein Großvater! Mein Opa mütterlicherseits! Jiřina, er war es, der deinen Mann ins KZ gebracht hat!«

IISCHULD MUSS IN DER GANZEN AHNENREIHE ENERGETISCH GELÖST WERDEN

Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.

Dietrich Bonhoeffer

Ja, es gibt sie, diese Augenblicke, in denen die Welt stillzustehen scheint, weil man an einer Weggabelung steht und zu spüren ist, dass die Weichen neu gestellt werden.

Für alle Beteiligten in der Küche meiner Uroma war es eine niederschmetternde Erkenntnis, dass die Lebensfäden beider Familien schon zwei Generationen zuvor miteinander verknüpft worden waren. Besser: auf ungute Weise miteinander verknotet.

Meine eigene Familiengeschichte ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie Ahnenthemen die Lebenswege nachfolgender Generationen bestimmen.

Als ich viele Jahre später meine Familienfotos durchsah, fiel mir auf, dass eine bestimmte Person, die man sicher auf dem Hochzeitsbild meiner Eltern vermuten würde, nicht zugegen war: jener Großvater meines Vaters, der meinen Urgroßvater Franta verraten hatte. War das Zufall? Oder wollte der Verräter sichergehen, dass sein Geheimnis gewahrt bliebe? Selbst bei dieser Hochzeit hatte sogar meine Urgroßmutter nichts gewusst. Denn der Name des Denunzianten im Haftbefehl der Gestapo gehörte zur mütterlichen Ahnenlinie meines Vaters. Erst zwei Jahre nach dieser Hochzeit, in Uromas Küche, platzte der Ballon.

Von meinen Eltern weiß ich: Ihre Schwiegereltern fanden sich von vornherein gegenseitig unsympathisch. Keiner wusste, warum. Man hätte sich doch gegenseitig respektieren sollen, die Heirat wurde als standesgemäß betrachtet. Und doch schien eine dunkle Wolke über allem zu hängen.

Aus der therapeutischen Arbeit weiß ich um die Vielschichtigkeit von Schuld. Schuld kann unauflöslich aneinanderbinden, solange die damit verbundene negative Energie nicht gelöst wird. Wohlgemerkt: Hier geht es um »lösen«, nicht um »abtragen«. Niemand kann die Vergangenheit ändern, und Wiedergutmachungsversuche sind immer nur ein Pflaster über alten Wunden. Nein, Schuld muss gelöst werden, damit die Menschen davon erlöst werden. Und das ist keine moralische, sondern eine energetische Frage, die tief ins Seelische reicht. Sogar über mehrere Generationen hinweg – nicht obwohl, sondern weil es sich im Unterbewusstsein abspielt.

Nach der Enthüllung des Geheimnisses in Uromas Küche tat mein Vater etwas, das er wohl als Befreiung erachtete, einer Lösung der heiklen Schuldfrage zwischen beiden Familien aber fortan im Wege stand: Er nahm den Haftbefehl an sich und vernichtete ihn. Ein klares Zeichen, dass nie über die Angelegenheit gesprochen werden sollte. Trotzdem – oder gerade deshalb – begannen die Schwiegereltern Pavels und Janas sich mehr und mehr regelrecht zu hassen. Und das Schweigen, aufgeladen mit der Energie einer furchtbaren Schuld innerhalb unserer Sippen, pflanzte sich fort.

Familiäre Probleme sind bei uns grundsätzlich versteckt worden. Sprachlosigkeit schien ganz allgemein erträglicher zu sein, als eine offene Aussprache zu riskieren. Meine Eltern waren ausschließlich mit Lebenskampf beschäftigt. Im Realsozialismus herrschte immer Mangelwirtschaft. Schon gar nicht konnten Vater und Mutter sich dafür öffnen, wohlwollend auf jene Erfahrungen einzugehen, die mich selbst schon in frühen Jahren so sehr in Atem hielten. Nur in den Verdacht der »Hellseherei« zu kommen, führte in einem atheistischen Staat unweigerlich zu sozialer Diskriminierung. »Bloß nicht auffallen«, war das alles beherrschende Motto.

Wir alle haben Regeln im Kopf, die uns sagen wollen, wie wir uns verhalten, welches Leben wir führen und sogar, was wir fühlen und denken sollten. Zum Teil werden diese Regeln uns von außen auferlegt, zum Teil erzeugen wir sie selbst. Und wir setzen uns damit gegenseitig unter Druck. Falls sich jemand nicht beugt und einen Zug wagt, der gegen die Spielregeln verstößt, erfolgt der Zugriff auf ein ganzes Arsenal an Reaktionen, um ihn oder sie zur Ordnung zu rufen.

Mein Urgroßvater Franta verstieß gegen die herrschende Ordnung, weil er seinem Gewissen folgte. Er spielte nach seinen eigenen Regeln, weil er einer Art höherer Ordnung folgte. Ich persönlich bevorzuge es, von »göttlicher Ordnung« zu sprechen, weil Gott uns das Gewissen geschenkt hat. Oftmals decken sich die herrschende Ordnung und die göttliche Ordnung nicht.

Aber Begriffe sind hier Geschmackssache, weil die göttliche Ordnung in einer höheren Dimensionalität wurzelt als die herrschende Ordnung unserer eigenen Welt. Zur göttlichen Ordnung gehört für mich übrigens auch, dass jeder Mensch einzigartig ist – und dass er oder sie demzufolge auch seinen ganz besonderen Platz und seine ureigene Aufgabe im Leben besitzt. Die Frage ist nur, ob man seine Gaben erkennt und gewillt ist, sein Potenzial auszuschöpfen.

Eine weitere Frage ist, ob andere dich erkennen und vielleicht sogar helfen würden, dass du deine Möglichkeiten auch ausschöpfen kannst. Meine Ursprungsfamilie jedenfalls verfügte nicht über die Voraussetzungen, den Platz zu erkennen, den die göttliche Ordnung für mich vorsieht. Nun, damit stehe ich ja keineswegs allein da. Vielmehr gehört es zu den Verrücktheiten der Welt, in der wir leben, dass die normale Erziehung die Einzigartigkeit eines Menschen eher zu dämpfen als zu fördern und zu fordern trachtet. Über diesen Punkt will ich mich in diesem Buch nicht auslassen. Es genügt, wenn ich mich im Folgenden auf mich selbst konzentriere.

Mein Vater war in jungen Jahren ein attraktiver Mann und konnte sehr charmant sein – wenn er wollte. Er hatte sich darauf eingelassen, mit einem Freund zu wetten, er würde Mutter ins Bett bekommen! Die Wette gewann er – und dazu sie, denn Mutter wurde schwanger. Da gab es für sie nichts, als zu heiraten. Und Vater tat, was er auch später immer tat, wenn es galt, Entscheidungen für die Familie zu treffen: Er stimmte zu.

Als mein Bruder geboren wurde, drängte Mutter sofort auf ein zweites Kind. Von klein auf war es ihr inniger Wunsch gewesen, eine Tochter zu bekommen. Das klappte später ja auch, und so kam ich zur Welt. Obwohl ich meiner Mutter zur Erfüllung eines Traums verhalf, wurde ich für sie auch eine Ersatzbefriedigung für eine Ehe ohne wahre Liebe. Sicher hat sie das überhaupt nicht so gesehen. Ja, sie gab sich alle Mühe mit mir. Nur ich selbst spürte tief im Innern ihre Distanz. Manchmal schien es, als wäre sie nur wie durch eine Glasscheibe zu sehen: so nah, und so unerreichbar zugleich. Dies auch in Momenten, wo ich verzweifelt ihre Nähe suchte. Als Kind kann man nicht verstehen, warum das so sein muss, und selbst wenn es möglich wäre, was würde man damit anfangen können?

Denn die Lebensfäden, an denen unsere menschliche Existenz hängt, sind uns anfangs gänzlich unbewusst, und sehr oft bleibt es prinzipiell dabei. Der Alltag wirft uns hin und her, und das Wichtigste scheint zu sein, dass wir klarkommen. Mir aber wollte das nicht reichen – weil meine Seelenaufgabe in meinem Unterbewusstsein rumorte und mir keine Ruhe ließ. Sie zu erkennen dauerte, aber ich habe hart daran gearbeitet, sie so gut zu erfüllen, wie es mir nur möglich ist. Nie hatte ich da wirklich eine andere Wahl. Mein Weg auf dem Spielbrett des Lebens war damit vorgezeichnet, dass ich mit einer Gabe auf die Welt kam, an der ich selbst nicht vorbeikam. Also musste ich lernen, sie zu akzeptieren – und ja: sie zu lieben.

Als mein Urgroßvater 1945 aus dem Konzentrationslager entlassen wurde, war er ein körperliches Wrack. Um die eins achtzig groß, wog er gerade noch 49 Kilo. Psychisch gebrochen war er nicht. Das wäre ihm wohl kaum möglich gewesen ohne die Gewissheit, dass seine Frau hinter ihm stand, bei allen Opfern, die auch sie und die Familie zu erbringen hatten.

Das Schicksal erlegte ihm weitere Prüfungen auf. Aber auch in der kommunistischen Diktatur bewies er Haltung. Er ließ sich nicht unterkriegen und baute als Selbstständiger ein Lebensmittelgeschäft auf. Die Behörden hatten ein scharfes Auge auf ihn und überwachten den Verkauf aller seinem Unternehmen zugeteilten Rationen haargenau. Es war Nachkriegszeit, die Menschen hungerten. Eines Tages wurde nun festgestellt, dass in Uropas Geschäft Ware fehlte. Diebstahl am Staat! Da gab es kein Zögern: Es musste natürlich dieser widerspenstige Mann selbst gewesen sein. Ab ins Arbeitslager Jáchymov mit ihm!