Helmut Kohl und die Deutsche Einheit - Christian Bayer - E-Book

Helmut Kohl und die Deutsche Einheit E-Book

Christian Bayer

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Beschreibung

In den Jahren 1989 und 1990 überschlugen sich die politischen Ereignisse in einer rasanten Geschwindigkeit. Das Tor zu einer möglichen deutschen Wiedervereinigung stand nach dem 9.November 1989 nur einen kleinen Spalt weit offen. Nun lag es an den politisch Verantwortlichen diese historische Chance zu nutzen bevor sich das Tor wieder schließen würde. Welchen Anteil trägt der Kanzler der Einheit tatsächlich an der Wiedervereinigung? Wie bewertet er dies selbst? Was sagen seine politischen Gefährten und Rivalen? Wie beurteilen Gorbatschow, Thatcher, Mitterand und Bush sein Verdienst? Wo zeigen sich Parallelen und Widersprüche und wer trug letzten Endes nun tatsächlich wesentlich dazu bei, dass zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 Weltgeschichte geschrieben werden konnte?

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2021

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„Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation.“

Helmut Kohl

„Wir wählen die Freiheit!“

Konrad Adenauer

„Es wächst zusammen, was zusammengehört.“

Willy Brandt

“General Secretary Gorbachev, if you seek peace, if you seek prosperity for the Soviet Union and Eastern Europe, if you seek liberalization: Come here to this gate. Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev -- Mr. Gorbachev, tear down this wall!”

Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor, 1987

„Die Zeit arbeitet immer für, nicht gegen die Sache der Freiheit“

Helmut Kohl

Subjektive Selbsteinschätzung Kohls im Vergleich zu den Urteilen der am Prozess beteiligten Hauptakteure unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes. Konsens, Dissens, Parallelen und Gesamtbilanz.

Inhalt

1. Vorwort

2. Helmut Kohls Selbsteinschätzung

3. Urteil der Hauptakteure

4. Kohls Bild in der Wissenschaft

5. Epilog

1. Vorwort

Am 3. Oktober 1990 vollzog sich mit der deutschen Einheit eine historische Zäsur. Kein Historiker wird ernsthaft bestreiten, dass an diesem Tag Weltgeschichte geschrieben wurde. Beim Festakt zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin trafen die Politiker Kohl, Gorbatschow und Bush am 31.10.2009 wieder aufeinander.1 Für die am Festakt beteiligten Personen bestand kein Zweifel, dass diesen drei Staatsmännern ein wesentlicher Anteil an der deutschen Einheit zugutekommt. Die Frage nach den Voraussetzungen und Ursachen, welche den Weg zur deutschen Einheit überhaupt erst ermöglichten, wird unter Politikern und in der Forschung dagegen durchaus differenziert beantwortet.2 Ebenso fällt das Urteil in der deutschen Öffentlichkeit hierzu sehr unterschiedlich aus und nicht selten findet eine Verklärung von Personen und Ereignissen statt. Einerseits steigt der Kanzler der Einheit in der Jungen Union immer mehr zum Übervater auf.3 Andererseits findet man in der Bundesrepublik mitunter Kommentare vor, die Kohl als Verräter titulieren und große Antipathie erkennen lassen.4 Unabhängig davon scheint aber auch die Bedeutung des historischen Meilensteins der Wiedervereinigung in der öffentlichen Wahrnehmung zu schwinden und man begegnet immer wieder überzeugten Anhängern der sogenannten „Ostalgie“.5

In dieser Arbeit soll grundsätzlich der Frage nachgegangen werden, wie Helmut Kohl sein Verdienst um die deutsche Einheit aus seiner subjektiven Selbstwahrnehmung heraus beurteilt und dies im Gegensatz von den ebenfalls am Prozess der Wiedervereinigung beteiligten Hauptakteuren gesehen wird. Daraus wird sich ein

Abgerundet werden die Urteile mit einer Darstellung über den aktuellen Forschungsstand. Im Rahmen dieser Arbeit kann zwar schon allein aus Kapazitätsgründen nicht jeder dazu vorherrschende Beitrag aus der Forschung berücksichtigt werden. Der Verfasser hofft jedoch, aus den zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen insgesamt eine ausgeglichene Auswahl getroffen zu haben, so dass ein gesicherter Überblick entsteht und die subjektiven Beurteilungen Kohls und seiner politischen „Weggefährten“ ausreichend ergänzt werden. Insgesamt soll für den Leser ersichtlich werden, in welchen Bereichen weitestgehend Eintracht bzw. Zwietracht besteht. Nicht zuletzt ist es das Ziel dieser Arbeit, dass sich der Leser mit den hier bearbeiteten Beiträgen aufgrund solider Information und ausreichendem Hintergrundwissen ein eigenes und fundiertes Urteil über Helmut Kohls Verdienst an der Wiedervereinigung verschaffen kann.

Die grundlegende Frage dieser Arbeit bedingt, dass das primäre Quellenmaterial überwiegend auf den jeweiligen Autobiographien bzw. Memoiren sowie weiteren öffentlichen Äußerungen (so z.B. Interviews) basiert. Freilich sind die Aussagen zu einem nicht unbedeutenden Anteil stark subjektiv geprägt. Dass z.B. Helmut Kohl in seiner Beurteilung andere Schwerpunkte setzt als die britische Premierministerin Margaret Thatcher, dürfte grundsätzlich nicht allzu sehr überraschen. Durch die Einbeziehung aller „wichtigen“ politischen Akteure am Prozess der deutschen Wiedervereinigung wird aber gerade aufgrund heterogener Ansichten und Schwerpunktsetzungen insgesamt ein sehr aufschlussreiches und differenziertes Bild entstehen. Darüber hinaus dienen Gesprächsprotokolle aus Bonn, Moskau und London als wertvolles Quellenmaterial. Diese tragen wesentlich dazu bei, noch genauer hinter die Kulissen zu blicken und einen authentischen Eindruck der Gemütslage und Atmosphäre des Politikgeschehens der Jahre 1989 und 1990 zu vermitteln. Insbesondere eröffnen die im Jahre 2010 von der britischen Regierung publizierten „Documents on British Policy Overseas“6 neue Erkenntnisse im Hinblick auf vertrauliche Gespräche zwischen London und Paris, die nicht nur das Bild Thatchers weiter konkretisieren, sondern auch neue Hinweise auf Mitterands „Doppelspiel“7 liefern. Dadurch werden die subjektiven bzw. bewusst „gefärbten“ Beiträge mitunter relativiert und ergänzt.

Ebenso sei noch darauf hingewiesen, dass diese Arbeit keine Chronologie der Wiedervereinigung darstellt. So wird z.B. nicht der Inhalt des Zehn-Punkte-Plans oder der Währungsunion an sich behandelt, sondern jeweils in Bezug auf Kohls Verdienst bzw. Verfehlungen. Aus diesem Grunde wird nicht jeder einzelne politische Schritt der Jahre 1989/90 auszuführen sein, sondern stets die Ereignisse, welche von den hier zu Wort kommenden Akteuren als besonders bedeutend in Bezug auf Helmut Kohls Verdienst angesehen werden.

Die Hauptaufgabe besteht freilich darin, eine objektive Auswertung der subjektiven Beurteilungen anzustreben. An manchen Stellen wird der Verfasser jedoch eigene Kommentare hinzufügen, wann immer dies m.E. notwendig bzw. hilfreich erscheint, um auf bewusst verfälschte oder missverständliche Aussagen aufmerksam zu machen. Zuletzt wird im Epilog noch einmal ein zusammenfassender Überblick wiedergegeben und abschließend eine Gesamtbilanz gezogen.

Christian Bayer

im März 2012

1 Hierzu z.B.: Welt-online. Richter, Christine: Historischer Abend mit Kohl, Bush, Gorbatschow. 1.11. 2009, Quelle: http://www.welt.de/politik/article5041490/Historischer-Abend-mitKohl-Bush-Gorbatschow.html (Stand: 15.02.2012).

2 Hierzu Forschungsbeiträge, welche das Verdienst Helmut Kohls äußert positiv bewerten. So z.B. Fröhlich, Stefan: Auf den Kanzler kommt es an. Helmut Kohl und die deutsche Außenpolitik. Persönliches Regiment und Regierungshandeln vom Amtsantritt bis zur Wiedervereinigung, Paderborn 2001.Auch Rödder, Andreas: Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009. (Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010). Dagegen zum Teil kritische Stimmen gegenüber Kohl, z.B. Noack, Hans-Joachim/Bickerich, Wolfram: Helmut Kohl. Die Biographie, Berlin 2010. Besonders deutlich wird die Kritik in Vilmar, Fritz (Hrsg.): Zehn Jahre Vereinigungspolitik. Kritische Bilanz und humane Alternativen (Kritische Analysen zur Vereinigungspolitik, Bd. 1), Berlin ²2000.

3 Vgl. hierzu z.B. Berichte der Jungen Union: Begeisterung für Helmut Kohl – gelungene JU-Aktion in Ludwigshafen, Quelle: http://www.jungeunion.de/content/presse/mitteilungen/1070 (Stand: 1.03.2012). 20 Jahre Kanzler der Deutschen Einheit – Danke, Helmut Kohl, Quelle: http://www.junge-union.de/content/presse/mitteilungen/1145 (Stand: 1.03.2012).

4 Z.B. Internetforen, die Kohl politisch und persönlich attackieren. Helmut Kohl, Verräter Deutschlands!, Quelle: http://www.deutschlanddebatte.de/2012/02/29/helmut-kohl-verrater-deutschlands/ (Stand: 1.03.2012).

5 Vgl. hierzu auch Kommentare Joachim Gaucks bzgl. Geschichtsvergessenheit und einem „Nachtrauern“ der DDR. So z.B. Welt-Online: Thomas Schmid im Gespräch mit Joachim Gauck: Freiheit ist anstrengend, denn man muss wählen, 6.6.2010, Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article7922299/Freiheit-istanstrengend-denn-man-muss-waehlen.html (Stand: 02.02.2012). Gesamtbild ergeben, welches Konsens, Dissens und Parallelen zwischen den einzelnen Beurteilungen aufzeigt.

6 Salmon, P./Hamilton, K. (Hg.): Documents on British Policy Overseas. German Unification, 1989-1990 (Foreign and Commonwealth Office, Series III, Volume VII), London/New York 2010.

7 Kohl, Helmut: Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung. Meine Erinnerungen, München 2009, S. 78.

2. Helmut Kohls Selbsteinschätzung

2.1 Persönliche Beziehungen, Vertrauen und Prinzipien

„Was im privaten Umgang miteinander richtig ist, ist auch in der Politik richtig. […] Wesentlich für stabile Beziehungen im privaten wie im politischen Bereich ist das Vertrauen in die Verlä[ss]lichkeit des Partners.“8

2.1.1 Die amerikanischen Freunde: Partner in leadership!

Ein persönliches und menschliches Verhältnis zu anderen Politikern aufzubauen, war für Helmut Kohl stets eine wichtige Voraussetzung, um langfristig erfolgreich zusammenarbeiten zu können. Mit der amerikanischen Mentalität konnte sich Kohl durchaus identifizieren. „Die Arroganz mancher Europäer“, so Kohl, „die voller Dünkel auf die Amerikaner herabsehen, habe ich nie verstanden. Ich fühle mich wohl unter den Amerikanern.“9 Und in der Tat pflegte Helmut Kohl sowohl zu Ronald Reagan (1981-1989), viel mehr aber noch zu dessen Nachfolger George Bush senior ein außerordentlich gutes Verhältnis. Mit Letzterem verbindet Kohl bis heute eine tiefe Freundschaft.

Während man 1979 dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan bei einem Besuch in Bonn mehrheitlich mit Nichtachtung und Überheblichkeit begegnete, sei Helmut Kohl damals der Einzige gewesen, der sich Reagans angenommen habe, um mit ihm während eines kleinen Abendessens in Kohls Büro eine persönliche Beziehung aufzubauen. In einer äußerst freundschaftlichen Stimmung sei der Grundstein für die menschliche Nähe zwischen Kohl und Reagan gelegt worden. Und in der Tat sollte der in Deutschland viel belächelte Reagan bald darauf als 40. Präsident der Vereinigten Staaten in die Geschichtsbücher eingehen.10 Während in Bonn weder ein Minister noch ein Abgeordneter sich für Reagan Zeit nahm, bewies Helmut Kohl bereits hier sein feines Gespür für die Wichtigkeit persönlicher Beziehungen. Ronald Reagan betont in seinen Tagebucheinträgen vom 15. November 1982 die Unterschiede zwischen Kohl und dessen Vorgänger Helmut Schmidt. Darin bezeichnet er Kohl als äußerst warmherzig und freundlich. Der Präsident beendet seinen Tagebucheintrag mit den Worten, dass man sicher eine sehr gute Beziehung aufbauen werde.11 Laut Kohl sei das Vertrauen der westlichen Verbündeten von großer Wichtigkeit gewesen. Dabei betont er besonders Reagans Nachfolger George Bush.12 Nicht nur habe die beiden Staatsmänner

„gegenseitige politische Wertschätzung [geprägt], sondern auch tiefe menschliche Sympathie. George Bush ist ein Mann mit gesundem Menschenverstand und von bodenständiger Lebensart, gläubig und zu echter Freundschaft fähig. Er ist außergewöhnlich kultiviert und weltläufig. Von Außenpolitik, von Deutschland und Europa verstand er mehr als die meisten seiner Vorgänger.“13

In der Zeit zwischen dem Mauerfall bis zur Deutschen Einheit war die Zusammenarbeit zwischen Bonn und Washington besonders intensiv und Kohl ist davon überzeugt, dass die Rückendeckung der amerikanischen Regierung zu einem großen Teil auf die Sympathie zwischen dem deutschen Bundeskanzler und dem amerikanischen Präsidenten zurückzuführen sei. Bei unzähligen Telefongesprächen und persönlichen Begegnungen scheint ein enger „Schulterschluss“ in der Tat spürbar gewesen zu sein. Demnach sei George Bush ein „Glücksfall für uns Deutsche“ gewesen, ohne den die deutsche Einheit im Jahr 1990 nicht zustande gekommen wäre.14 Freundschaft und Treue habe Bush vor allem in seiner Reaktion zum Zehn-Punkte-Plan bewiesen, mit dem sich der Kanzler vor allem aus Moskau und London heftigster Kritik ausgesetzt sah. Bush habe Kohl seine Zustimmung und Unterstützung zugesichert, woraufhin sich dieser sichtlich bewegt mit dem durchaus ernst gemeinten Kompliment bedankt habe, dass es seit der Ära Adenauer-Dulles nicht mehr eine so gute und gefestigte deutsch-amerikanische Beziehung gegeben habe.15

Kohls Besuch in Camp David im Februar 1990 stelle einen Höhepunkt in der Beziehung zu Bush dar. Auf dem Landsitz des amerikanischen Präsidenten sei Kohl noch einmal deutlich geworden, dass die enge Freundschaft und vertrauensvolle Partnerschaft mit den USA eine entscheidende Vorbedingung für die kommende deutsche Einheit sein würde. Indirekt weist Kohl in seinen Erinnerungen daraufhin, dass er es war, dem die amerikanische Regierung bedingungslos vertraute und hebt sich diesbezüglich deutlich von Außenminister Hans-Dietrich Genscher ab, der zu diesem Treffen in Camp David nicht eingeladen war. Die Bush-Administration sei gegen Genscher etwas verstimmt und skeptisch gewesen, da sich dieser zuvor negativ über eine Ausweitung der NATO auf das Gebiet der DDR geäußert habe. Das habe „die Amerikaner irritiert, und alte Vorurteile gegenüber Genscher, was seine Haltung gegenüber der Sowjetunion betraf, neu belebt. Dieses Misstrauen war den Amerikanern nicht zu nehmen, und deswegen, so wurde [Kohl] erklärt, habe man [Genscher] in Camp David nicht dabeihaben wollen.“16

In einer freundschaftlichen Atmosphäre habe man sich laut Kohl in allen entscheidenden Fragen einigen können und folgerichtig sei der Besuch ein voller Erfolg gewesen. Bei der Recherche der Protokolle vom 24. Februar 1990 entsteht in der Tat weniger der Eindruck eines politischen Dialogs, sondern vielmehr eines Gespräches unter engen Freunden. Kohl bekräftigte dies gleich zu Beginn des Aufeinandertreffens. Die Freundschaft sei „heute wichtiger […] als vor 30 oder 40 Jahren – sie sei existentiell.“17 Den entscheidenden Grund für die meist unkomplizierte Zusammenarbeit zwischen Bonn und Washington sieht Kohl vor allem in seiner Person. Bush habe zwar auch Genscher geschätzt, zu ihm aber nie so einen guten Draht gefunden wie zu Kohl. Den Grund hierfür sieht Kohl darin, dass er von Anfang an gewusst habe, was er wollte und eine klare Linie aufgezeigt habe. Die amerikanische Regierung habe dem Kanzler deshalb einen so festen Rückhalt geboten, weil sie überzeugt gewesen sei, dass man einem Helmut Kohl uneingeschränkt vertrauen könne.18

Ein gutes Verhältnis war somit aufgebaut, welches für den politischen Prozess der deutschen Einheit durchaus noch eine große Rolle spielen sollte, wie in den folgenden Kapiteln noch zu zeigen sein wird.

2.1.2 Beziehung zu Gorbatschow

Während zwischen Kohl und Bush also von Anfang an ein freundschaftliches Verhältnis vorherrschte, waren die Voraussetzungen in der Beziehung zu Gorbatschow in der Tat nicht die allerbesten. Freilich war es weitaus komplizierter mit Gorbatschow ein enges Verhältnis aufzubauen als zum amerikanischen Präsidenten. Eine politische Nähe zu Moskau hatte Kohl nicht. Zu den laut Gorbatschow eher schlechten Beziehungen zwischen Moskau und Bonn im Jahr 198619 hatte Kohl selbst wesentlich beigetragen. Während man Kohl oft als zuverlässig und vertrauenswürdig hielt,20 sind ihm andererseits diplomatisch auch schwere Fehler unterlaufen. Am 27. Oktober 1986 ließ sich der Kanzler in einem Interview mit dem amerikanischen Magazin „Newsweek“ dazu hinreißen, in Bezug auf Gorbatschows Öffentlichkeitarbeit zumindest indirekt einen Vergleich mit Goebbels heranzuziehen. Auch Kohls schnelles Dementi konnte den angerichteten Schaden nicht unmittelbar reparieren.21 Michail Gorbatschow widmet in seinen Erinnerungen Kohls verbaler Entgleisung lediglich einen Satz und habe sich dabei angeblich nur gefragt, ob die „bundesrepublikanische Führung überhaupt fähig sei, die Geschehnisse adäquat einzuschätzen.“22 Man kann aber sicher davon ausgehen, dass der sowjetische Generalsekretär über die unangebrachten Äußerungen Kohls mehr als nur irritiert war. Auch in Deutschland herrschte Unverständnis und Entsetzen über Kohl. In einer Umfrage des Spiegels vom November 1986 bezeichneten deutliche 90 Prozent der Befragten Kohls Vergleich als einen Fehler, für den sich der Kanzler entschuldigen müsse.23 Dennoch versteht es Kohl in seinen Erinnerungen auch hier, die Akzente auf seine Fähigkeit der Bildung von persönlichen Beziehungen und Freundschaften zu fokussieren. Nach eigenen Aussagen habe er es relativ zügig geschafft, auch zu Gorbatschow eine Beziehung aufzubauen, die letztlich auf großem Vertrauen beruht habe. Jedoch gesteht er ein, dass er sich dieses Vertrauen hart erarbeiten habe müssen. Im Juni 1989 sei es demnach laut Kohl zu einem Schlüsselerlebnis gekommen, als Gorbatschow zu seinem ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik erwartet wurde. Dabei stand die Begegnung unter drei Leitmotiven:

1. Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion verbessern.

2. Vertrauen aufbauen und einen Zustand guter Nachbarschaft begründen.

3. Eine über die Verständigung der Regierungen hinausführende Aussöhnung der Völker.

Im Bundeskanzleramt kam es insgesamt zu drei vertraulichen Gesprächen. Kohl verstand es seinen eigenen Aussagen nach dabei das Eis zu brechen, indem er mit Gorbatschow zuallererst persönliche und familiäre Gespräche geführt habe. Wichtig sei ihm dabei gewesen, Gorbatschow wissen zu lassen, wie wichtig für Kohl die direkte Zusammenarbeit und gegenseitige Kommunikation sei. Der entscheidende Moment sei gewesen, als Kohl und Gorbatschow bereits nach Mitternacht noch einen spontanen gemeinsamen Spaziergang im Park des Kanzleramts unternahmen. Beide seien sich einig gewesen, dass man die Beziehungen auf eine neue und bessere Basis stellen müsse und einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen solle. Kohl habe aber unmissverständlich darauf hingewiesen, dass nach wie vor die Teilung Deutschlands zwischen ihnen stünde. Daraufhin habe ihm Gorbatschow sofort widersprochen und die Teilung als die logische Folge der geschichtlichen Entwicklung bezeichnet. Und an dieser Stelle schildert Kohl die Szene, die er als Schlüsselerlebnis bezeichnet. Er habe auf den Rhein gezeigt und den Fluss als ein Symbol für ständige Bewegung dargestellt. Den Fluss könne man war kurzfristig aufhalten, aber er würde sich andere Wege suchen und schließlich sein Ziel erreichen. So sei es auch mit der deutschen Einheit. So sicher wie der Rhein zum Meer fließe, so sicher würde auch die Einheit kommen. Hierauf habe Gorbatschow nicht mehr widersprochen.24

Kohl behauptet nicht, dass er mit seinem bildhaften Vergleich unmittelbar auf Gorbatschows Politik Einfluss genommen habe. Jedoch habe das im Bonner Kanzleramt gefasste gegenseitige Vertrauen eine enorme Bedeutung gehabt und sei mitunter einer von mehreren Auslösern gewesen, aufgrund derer sich bei Gorbatschow schließlich die Erkenntnis durchgesetzt habe, dass die DDR nicht mehr zu retten sei. Das Gespräch am Rhein hätten beide Staatsmänner sogar mit einer Umarmung beendet.25 Trotz dieser fast filmreifen Szenen ist die tatsächliche Gemütslage Gorbatschows zu diesem Zeitpunkt nur schwer zu erfassen. Tatsächlich scheint Gorbatschow von der persönlichen und menschlichen Atmosphäre beim Bonner Treffen beeindruckt gewesen zu sein. Dass es in der Tat vor allem im Vergleich zum vorangegangen Treffen in Moskau 1988 auch im gegenseitigen Umgangston zu einer wesentlichen Entspannung gekommen war, lässt sich aus den Gesprächsprotokollen eindeutig entnehmen.26 Andererseits hätte Gorbatschow zu diesem Zeitpunkt der Aussage Kohls keinesfalls zugestimmt. Nichts lag dem Kremlchef ferner als eine mögliche Wiedervereinigung Deutschlands.27 Und dennoch lässt sich an Kohls Interpretation der Gespräche erkennen, dass er es in der Tat geschafft hatte, die von mancher Krise gebeutelte Beziehung zu Gorbatschow auf ein freundschaftliches und menschliches Fundament zu stellen. Unbestritten hat dies in den folgenden Monaten dazu beigetragen über gewisse Streitfragen hinwegzukommen. Wie Kohl richtig anmerkt, habe Gorbatschow die Einheit ja nicht gewollt. Die Entwicklung, die Gorbatschow durch Perestroika und Glasnost unbeabsichtigt selbst ankurbelte, sei regelrecht über ihn hinweggegangen. Dass er den Weg im Laufe des Jahres 1990 schließlich doch frei machte, habe nicht zuletzt mit das in Kohl gesetzte Vertrauen zu tun gehabt.

„Den Weg zur deutschen Einheit frei zu machen […] fiel ihm um so leichter, als er mir vertraute. Unser gutes Verhältnis, das wir im Juni 1989 in Bonn begründet hatten, erwies sich als wetterfest, weil es seitdem andereGelegenheiten gegeben hatte, in denen ich Versprechen einlösen konnte [Kohl meint hier das an Gorbatschow eingelöste Versprechen der Lebensmittellieferungen an Moskau im Januar 1990 – eigene Anmerkung]. Er wu[ss]te, dass ich jemand bin, der Wort hält, auf den man sich in schwieriger Lage verlassen kann.“28

Bereits im Oktober 1988 und vor allem eben ein Jahr später in Bonn war Gorbatschow trotz aller politischer Unterschiede von Kohls Menschlichkeit beeindruckt. Man habe, so Gorbatschow, in der Tat „ein neues Kapitel in den deutsch-sowjetischen Beziehungen aufgeschlagen.“29

Ebenso ist noch der 10. November 1989 zu nennen. Kohl befand sich gerade auf einer Kundgebung am Schöneberger Rathaus, um dort eine kurze Rede zu den sich überstürzenden Ereignissen zu halten.30 Nur Augenblicke bevor Kohl seine Rede beginnen konnte, wurde Teltschik ans Telefon gerufen, um eine Nachricht des sowjetischen Botschafters in Bonn, Julij Kwizinskij, entgegenzunehmen. Kwizinskij übermittelte die dringende Bitte Gorbatschows, die Emotionen nicht außer Kontrolle geraten zu lassen und unter allen Umständen ein Chaos zu verhindern. Teltschik schildert diesen Augenblick folgendermaßen:

„Präsident Gorbatschow bitte[t] den Bundeskanzler, beruhigend auf die Menschen einzuwirken. Für Rückfragen bleibt keine Zeit, ich mu[ss] zurück zum Kanzler und zwänge mich durch das dichte Menschenknäuel, um ihmGorbatschows Botschaft zu übermitteln, die er kommentarlos zur Kenntnis nimmt. Was bedeutet sie? Vermutlich bewegt Gorbatschow die Sorge, da[ss] […] die Gefühle der Menschen so aufgeputscht werden könnten, da[ss] sie wie in der vergangenen Nacht erneut über die Mauer hinweg zusammenströmen und die Einigung mit den Füßen vollziehen. […] Ist Gorbatschows Botschaft mehr als eine Bitte aus Sorge, ist es eine versteckte Warnung?“31

Sowohl aus den Bonner Protokollen, insbesondere aber aus den sowjetischen Dokumenten wird Gorbatschows Besorgnis besonders deutlich. Der sowjetische Generalsekretär bat den Kanzler, beruhigend auf die Menschen in Berlin einzuwirken. Ein Chaos, so Gorbatschow, müsse unter allen Umständen verhindert werden. Die Folgen seien sonst unabsehbar.32 Schließlich habe Gorbatschow von Kohl persönlich wissen wollen, ob einzelne Berichte zuträfen, wonach die Situation in Berlin außer Kontrolle sei und Menschenmengen damit begonnen hätten, Einrichtungen der Sowjetarmee zu stürmen. Kohl, eingezwängt auf dem Balkon des Schöneberger Rathaus, habe keine Möglichkeit gehabt, persönlich bei Gorbatschow anzurufen. So habe er Gorbatschow ausrichten lassen, dass die Berichte nicht zuträfen und die Stimmung wie bei einem „Familienfest“ sei. Aufgrund der Nachricht Kohls, so habe ihm Gorbatschow später einmal wissen lassen, habe der Kremlchef der DDR-Führung zu verstehen gegeben, dass die Sowjetunion – anders als am 17. Juni 1953 – keinesfalls mit Panzern eingreifen werde.33 Hier wird noch einmal Kohls Überzeugung deutlich, dass die inzwischen entstandene Vertrautheit zwischen ihm und Gorbatschow entscheidend gewesen sei. Den Schilderungen nach habe Gorbatschow seine Entscheidung von Kohls Aussage abhängig gemacht. Ohne die erfolgreiche Außenpolitik und den persönlichen Begegnungen der letzten Jahre hätten sich die Ereignisse schlagartig auch in eine völlig andere Richtung entwickeln können.

„Dass gerade zu diesem Zeitpunkt die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik ein solch hohes Niveau erreicht und sich über das offizielle Maß hinaus persönliche Kontakte zwischen uns herausgebildet hätten, schätzte ich als besonders glückliche Fügung ein.“34

Kohl sah sich also darin bestätigt, dass persönliche und psychologische Aspekte in der Politik von großer Bedeutung sein können.

2.1.3 Kohl und Mitterand. Eine undurchsichtige Beziehung

Bei der Trauerfeier für den am 8. Januar 1996 verstorbenen François Mitterand sah man einen sichtlich bewegten Helmut Kohl.35 Mit seinen Tränen zeigte der Kanzler die enge Verbundenheit, welche zwischen beiden Staatsmännern während ihrer gemeinsamen Amtszeit bestand. Ebenso schildert der Altkanzler in seinen Erinnerungen den für ihn unvergesslichen Moment, als er und Mitterand Hand in Hand im September 1984 an den Gräberfeldern von Verdun standen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Beziehung hätte nicht besser sein können. „Leider“, so Kohl, „musste ich später feststellen, dass Mitterand im Laufe der folgenden Wochen [nach dem deutsch-französischen Gipfel in Bonn am 2./3. November 1989 und nach dem Fall der Berliner Mauer – eigene Anmerkung] eine Art Doppelspiel betrieb.“36

Der französische Präsident scheint in der Tat hinter verschlossenen Türen völlig anders argumentiert und gedacht zu haben, als er dies gegenüber Kohl zeigte. So habe Mitterand während des deutsch-französischen Gipfels in Bonn am 2./3. November 1989 z.B. erläutert, dass die Entwicklungen in Osteuropa derart in Bewegung geraten seien, dass man einfach nicht wissen könne, was der nächste Tag bringen werde.37 Im Verlauf des Gesprächs habe Mitterand dann auch „ausdrücklich grünes Licht“38 für die Deutsche Einheit gegeben, andererseits habe er engen Mitarbeitern anvertraut, dass die Einheit so schnell nicht kommen würde und man darauf setzen könne, dass Gorbatschow niemals bereit sein würde, ein vereinigtes Deutschland in der Nato zu akzeptieren. Kohls Verärgerung bringt er mit den Worten „[s]ie sollten sich gewaltig täuschen“ zum Ausdruck.39 Auch wenn sich Kohl in seinen Erinnerungen nicht ausdrücklich negativ zu Mitterand äußert, wird doch deutlich, dass er über die etwas zwiespältige Rolle des französischen Präsidenten heute menschlich schwer enttäuscht ist.

Aber auch bei Mitterand habe er wiederum ein Gefühl der Vertrautheit geschaffen, welches für den Prozess der Wiedervereinigung große Bedeutung haben sollte. Am Morgen nach dem Mauerfall berichtete Kohl in einem Telefonat dem französischen Präsidenten von den bewegenden Ereignissen in Berlin sowie den starken Emotionen der Menschen in ganz Deutschland. Mitterand habe seine besten Wünsche für die Deutschen zum Ausdruck gebracht und von einem „großen Augenblick in der Geschichte“ gesprochen. Außerdem, und dies war für Kohl natürlich mit am Wichtigsten, habe Mitterand gegenüber dem Kanzler seine Freundschaft ausdrücklich hervorgehoben.40

Wie bereits erwähnt, tituliert Kohl Mitterands Verhalten in den darauffolgenden Wochen allerdings als Doppelspiel. Laut Kohl sei die Entwicklung zum Jahresende 1989 für Mitterand mitunter zu schnell gegangen. Darüber hinaus war der Präsident über den Zehn-Punkte-Plan nicht erfreut und die französische als auch deutsche Presse sprachen wohl nicht ganz zu Unrecht von einer Krise zwischen den beiden Staatsmännern, auch wenn Mitterand dies rückblickend anders darzustellen versuchte (hierzu ausführlich Kapitel 3). Die Situation habe den Kanzler irritiert und ihm keine Ruhe gelassen. Deshalb reiste Kohl am 4. Januar 1990 nach Latché südlich von Bordeaux, wo Mitterand nahe der Atlantikküste ein Ferienhaus besaß. Der französische Präsident habe auf Kohl einen befangenen Eindruck gemacht. „So hatte ich meinen Freund noch nicht erlebt“, so Kohl.41 Es folgten ein langer Spaziergang und stundenlange Gespräche, in denen Kohl ausführlich die politische Lage und seine ganz persönlichen Ansichten geschildert habe. Kohl habe noch einmal die Notwendigkeit seines Vorgehens beim Zehn-Punkte-Plan sowie die Lage in der DDR und Sowjetunion erläutert. Besonders deutlich habe er dabei akzentuiert, dass es keinen deutschen Alleingang geben werde und die deutsche und europäische Einheit zwei Seiten einer Medaille seien.42 Nach Kohls Schilderungen scheint Mitterand immer noch skeptisch und zurückhaltend gewesen zu sein. Kohl möge doch bitte beachten, dass jeder Schritt der Bonner Regierung direkte Auswirkungen auf Gorbatschow nach sich ziehe.43 Kohl habe nach eigenem Bekunden auch hier wieder seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, durch intensive und vertrauensvolle Gespräche sein Gegenüber letztlich überzeugen zu können.

„Als ich zurückflog, hatte ich das Gefühl, Mitterand von der Ernsthaftigkeit meines europapolitischen Engagements und von der Verlässlichkeit auch eines wiedervereinigten Deutschlands überzeugt zu haben. Das französische Misstrauen schien durch das offene und klärende Gespräch überwunden, unser gegenseitiges Vertrauensverhältnis schien wiederhergestellt zu sein.“44

Kohl suggeriert hiermit trotz mancher Differenzen und Irritationen aufgrund des freundschaftlichen Verhältnisses Streitpunkte geklärt und Vertrauen zurückgewonnen zu haben. In der Tat schwenkte Mitterand in den nächsten Monaten zumindest öffentlich auch immer mehr auf Kurs Wiedervereinigung ein. Das Bündnis Deutschland-Frankreich, genauer Kohl-Mitterand, erwies sich nach den Gesprächen im Januar in der Tat wieder gefestigter als zum Jahresende 1989.

2.1.4 10 Downing Street. Oh my God, that man is so German!

Helmut Kohl beschreibt Margaret Thatcher als „die Ehrlichste unter den Gegnern der Einheit”.45 Ähnlich wie Mitterand hatte sie grundsätzlich darauf gesetzt, dass Gorbatschow ein vereintes Deutschland in der NATO niemals akzeptieren würde. In der Tat versuchte Thatcher die Wiedervereinigung mit allen Mitteln zu verhindern. Die Iron Lady selbst wehrt sich in ihren Erinnerungen gegen den Vorwurf, sie hätte gar einen „Deutschhass“ gehegt.46 Es lässt sich aber nicht abstreiten, dass die Eiserne Lady unter den europäischen Regierungschefs die mit Abstand härteste Gegnerin einer Wiedervereinigung Deutschlands war (und dies auch öffentlich äußerte). Für Helmut Kohl sollte die Beziehung zu Thatcher stets auf sehr schwierigen Pfeilern stehen. In Kohls Erinnerungen wird deutlich, dass er zu Thatcher nie einen richtigen Draht fand. Als Kohl in einem Telefonat der Premierministerin einen Eindruck von der fröhlichen Stimmung nach dem Mauerfall in Berlin vermitteln wollte, sei ihm deutlich geworden, dass sie der „Situation mit Unbehagen gegenüberstand.“47 Dies mag bei Thatcher durch ihr nur wenig ausgeprägtes diplomatisches Geschick sowie ihre eigenen Erfahrungen während des zweiten Weltkrieges zu erklären sein. Thatchers