Helmuth James von Moltke - Günter Brakelmann - E-Book

Helmuth James von Moltke E-Book

Günter Brakelmann

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Beschreibung

Günter Brakelmann schildert den ungewöhnlichen Lebensweg Helmuth James von Moltkes (1907–1945), der als Gründer und Vordenker des Kreisauer Kreises eine der faszinierendsten Gestalten des deutschen Widerstandes gegen Hitler ist.

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Günter Brakelmann

Helmuth James von Moltke

1907–1945

Eine Biographie

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag C.H.Beck

 

 

Zum Buch

Günter Brakelmann schildert anschaulich den ungewöhnlichen Lebensweg Helmuth James von Moltkes, der als Gründer und Vordenker des Kreisauer Kreises eine der faszinierendsten Gestalten des deutschen Widerstands gegen Hitler ist. Das Buch lässt auf der Grundlage vieler neuer Quellen die charismatische Persönlichkeit Moltkes lebendig werden und macht sein Denken und Handeln, das sich allen weltanschaulichen Schubladen entzieht, im Kontext seiner Zeit verständlich. Mit dieser umfassenden Biographie liegt seit langem wieder ein Standardwerk zu Helmuth James von Moltke vor.

„Eine eindrucksvolle und lebensnahe Biographie“ Hans Mommsen, Süddeutsche Zeitung

„Die Darstellung … dürfte schnell zum Standardwerk über Moltke werden.“ Stephan Malinowski, Deutschlandradio Kultur

„Ein überzeugendes und gut lesbares Lebensbild Moltkes und des Kreisauer Kreises“ Joachim Scholtyseck, Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Günter Brakelmanns bewegende Biographie … ist eine in vielerlei Hinsicht empfehlenswerte Lektüre.“ Renate Wiggershaus, Frankfurter Rundschau

Über den Autor

Günter Brakelmann, geb. 1931, ist Professor em. für Christliche Sozialethik und Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Durch zahlreiche Publikationen zum deutschen Widerstand ist er als einer der besten Kenner des Kreisauer Kreises ausgewiesen. Bei C.H.Beck erschienen von ihm außerdem die Biographie „Peter Yorck von Wartenburg“ (2012) sowie eine Ausgabe von Helmuth James von Moltkes Tagebüchern und Briefen aus der Haft in Ravensbrück („Im Land der Gottlosen“, 2009).

 

 

 

Für Ingrid Brakelmann

Inhalt

Abkürzungen und Zitierweise

Vorwort

  1. Creisau (1907–1925)

Preußische Tradition und englische Lebensart

Ein kleiner Junker

Politik und Christliche Wissenschaft

Ungeliebte Schulen

  2. «Ich fühle mich verpflichtet» (1925–1929)

Studium in Breslau und Berlin

Im Schwarzwaldkreis

Die Schlesischen Arbeitslager

Ein junger Gutsherr

Reisen und Pläne

Das politische Weltbild eines jungen Demokraten

  3. Ehemann – Gutsherr – Homo politicus (1929–1939)

«Wir müssen heiraten!»

Privates Glück und zerstörte Hoffnungen

Im Lager von Jüterbog

Südafrika: Bleiben oder emigrieren?

Die Sanierung des Guts

Erkundungen in Europa

Eine politische Mission in Großbritannien

Blicke von England auf ein furchtbares Deutschland

Eine neue Existenz in London

  4. Kriegsgegner und Kriegsverwaltungsrat (1939)

Kriegsbeginn und berufliche Neuorientierung

Als Völkerrechtler im Dienst des «Dritten Reichs»

«Ich habe mich maßlos querlegen müssen»

Der Weg in den Widerstand

  5. Im Kreisauer Kreis (1940–1941)

Der Freund: Peter Yorck von Wartenburg

Gespräche über den Staat

«Über die Grundlagen der Staatslehre»

Neue Freunde

Kollegen und Bündnispartner

Gewissensfragen

  6. Arbeit an der Neuordnung Deutschlands (1941–1942)

Moltkes Memorandum «Ausgangslage, Ziele und Aufgaben»

«Der Mensch ist zur Gestaltung der Erde berufen»

Der Kreis erweitert sich

Das erste Kreisauer Pfingsttreffen

Die Stimmen der Kirchen gewinnen

Gewerkschafter und Jesuiten vereinen

Vielfältige Kontakte und Hans Adolf von Moltke

Vom Eigenwert der Landwirtschaft

  7. Konspirative «Staatsreisen» (1940–1942)

Brüssel, Paris und die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs

Mit Dietrich Bonhoeffer in Oslo und Stockholm

Ein Memorandum für Churchill

Kontaktpflege im Norden

  8. Konflikte und Krisen (1942–1943)

Die zweite Kreisauer Tagung und die Trennung von Wilhelm Leuschner

Kreisauer Kreis und Goerdeler-Beck-Kreis

Attentat oder abwarten?

  9. Reisen im Dienst des «anderen Deutschland» (Frühjahr 1943)

Über Skandinavien die Westmächte erreichen

Über Wien und Warschau nach Pulawy

Eine verhängnisvolle Reise nach Österreich

Harte Arbeit in den westlichen Kommandozentralen

10. Letzte Entwürfe und letzte Reisen (Sommer und Herbst 1943)

Die dritte Kreisauer Tagung

Carlo Mierendorffs «Sozialistische Aktion»

Grundsätze für die Neuordnung

Außenpolitik für die Nachkriegszeit

Außenpolitik im Krieg: erneute Reisen

Ungeduld und Angst im Norden

Über Istanbul endlich die Westmächte erreichen!

11. «Das Gefühl eines vollständigen Stillstandes überall» (Herbst und Winter 1943–1944)

Krise im Amt

Krise unter den Freunden

Die letzten Wochen in Freiheit

12. «Helmuth ist verreist» (1944–1945)

Von Berlin nach Ravensbrück

Luther, die Bibel und Kant

Arbeit für das Amt

Ehemann, Vater und Patron

Der 20. Juli 1944

Verhöre und Berichte

Im Tegeler Totenhaus

Der Prozess und die Hinrichtung

Epilog: Die Stimme einer Amerikanerin

Helmuth James von Moltke: Wie alles war, als ich klein war

 

Anhang

Anmerkungen

Literatur

Zeittafel

Bildnachweis

Personenregister

Abkürzungen und Zitierweise

 

Alle Zitate werden in heutiger Schreibweise wiedergegeben. Fremdsprachige Zitate wurden, wenn nicht anders angegeben, von Karin Schemmann übersetzt.

 

Br. 1

Günter Brakelmann: Der Kreisauer Kreis. Chronologie, Kurzbiographien und Texte aus dem Widerstand, 2. Auflage, Münster 2004

Br. 2

Günter Brakelmann: Die Kreisauer: Folgenreiche Begegnungen. Biographische Skizzen zu Helmuth James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Carlo Mierendorff und Theodor Haubach, 2. Auflage, Münster 2004

DB

Dorothy von Moltke: Ein Leben in Deutschland. Briefe aus Kreisau und Berlin 1907–1935, eingeleitet, übersetzt und herausgegeben von Beate Ruhm von Oppen, München 1999

Doss.

Dossier. Kreisauer Kreis. Dokumente aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Aus dem Nachlaß von Lothar König S. J., herausgegeben und kommentiert von Roman Bleistein, Frankfurt am Main 1987

Dp

Alfred Delp: Gesammelte Schriften, 5 Bde., herausgegeben von Roman Bleistein, Bd. IV: Aus dem Gefängnis, Frankfurt am Main 1985

MB

Helmuth James von Moltke: Briefe an Freya 1939–1945, herausgegeben von Beate Ruhm von Oppen, 3. Auflage, München 2005

MBF

Freya von Moltke/Michael Balfour/Julian Frisby: Helmuth James Graf von Moltke 1907–1945, Berlin 1984

MTB

Helmuth James von Moltke: Im Land der Gottlosen. Tagebuch und Briefe aus der Haft 1944/1945, herausgegeben und eingeleitet von Günter Brakelmann. Mit einem Geleitwort von Freya von Moltke, München 2009

RN

Ger van Roon: Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer Kreis innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung, München 1967

RV

Helmuth James Graf von Moltke. Völkerrecht im Dienste der Menschen. Dokumente, herausgegeben und eingeleitet von Ger van Roon, Berlin 1986

SB

«Spiegelbild einer Verschwörung». Die Opposition gegen Hitler und der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 in der SD-Berichterstattung, 2 Bde., herausgegeben von Hans-Adolf Jacobsen, Stuttgart 1984

UF

Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart, herausgegeben und bearbeitet von Herbert Michaelis und Ernst Schraepler, Bde. IX–XVII, Berlin 1964–1972

Wh

Wilhelm Ernst Winterhager: Der Kreisauer Kreis. Porträt einer Widerstandsgruppe, Berlin 1985

Vorwort

«Ich bin wie ein stiller Sämann übers Feld gegangen, und das eben will man nicht. Der Samen aber, den ich gesät habe, wird nicht umkommen, sondern wird eines Tages seine Frucht bringen, ohne dass irgendjemand wissen wird, woher der Same kommt und wer ihn gesät hat.» Diesen Satz schrieb Helmuth James von Moltke am 24. Oktober 1944 in der Tegeler Haft rund drei Monate, bevor er am 23. Januar 1945 als Mitwisser des gescheiterten Attentats vom 20. Juli 1944 und wegen «Defätismus» hingerichtet wurde. Hat der von ihm ausgestreute Same Frucht gebracht? Es ist nicht die Aufgabe der vorliegenden Biographie, diese Frage zu beantworten. Aber wer der stille Sämann war und was er gesät hat, das soll Gegenstand dieses Buches sein.

Helmuth James von Moltke ist als Initiator und Motor des Kreisauer Kreises bekannt, in dem sich Vertreter unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen zusammenfanden, um über die Zukunft Deutschlands nach einem – hoffentlich – verlorenen Krieg nachzudenken. Als Rechtsanwalt hat er sich für viele Opfer des Nationalsozialismus, insbesondere jüdische Mitbürger, eingesetzt. Als Völkerrechtler in einer Behörde des «Dritten Reichs», dem Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht, hat er sich darum bemüht, mit völkerrechtlichen Gutachten so viele unmenschliche, völkerrechtswidrige Befehle wie möglich zu durchkreuzen. Über den Widerstand Helmuth James von Moltkes gegen das nationalsozialistische Regime hat erstmals eine Biographie von Michael Balfour und Julian Frisby umfassend Auskunft gegeben, die 1972 in den USA und einige Jahre später in einer Bearbeitung durch Freya von Moltke auch in Deutschland erschienen ist und die vor allem wichtige Dokumente zum Leben Moltkes versammelt. Das Leben auf dem Gut Kreisau hat Freya von Moltke in ihren 1997 veröffentlichten Erinnerungen an Kreisau in liebevoller Weise beschrieben. Seit der ersten Biographie sind zahlreiche weitere Dokumente zum Leben Helmuth James von Moltkes und zum Kreisauer Kreis bekannt geworden. Die Forschung zum deutschen Widerstand hat viele neue Erkenntnisse gewonnen. Es schien mir daher an der Zeit, erneut das Leben Helmuth James von Moltkes nachzuzeichnen und den Motiven für seinen unerschrockenen Widerstand nachzugehen. Den zwei Meter großen eloquenten, charmanten, kosmopolitischen, souveränen und offenen Helmuth James von Moltke haben alle, die mit ihm zu tun hatten, Freunde und Gegner, als einen faszinierenden Charakter erlebt. Wenn es gelingt, wenigstens einen Teil dieser Faszination auch den Lesern dieser Biographie zu vermitteln, ist eine wichtige Aufgabe dieses Buches erfüllt.

Sternstunden meiner intensiven Beschäftigung mit dem Kreisauer Kreis waren für mich die Begegnungen mit der inzwischen über neunzig Jahre alten, in den USA lebenden Freya von Moltke, der Frau von Helmuth James. Ich traf sie mehrfach im Rahmen der Forschungsgemeinschaft 20. Juli in Kreisau. Ihr durfte ich eine erste Fassung des Manuskripts zur kritischen Durchsicht schicken, sie hat mich engagiert und sachkundig beraten und korrigiert. Freya von Moltke fühle ich mich in Respekt und Dankbarkeit verbunden. Unsere gemeinsame Hoffnung ist, dass der deutsche Widerstand gegen Diktatur und Terror für uns heute und zukünftig die Verpflichtung stärkt, sich für personale Grundrechte und soziale Gerechtigkeit einzusetzen – in Deutschland, in Europa und weltweit.

Bei vielen weiteren Personen habe ich mich zu bedanken, die hier nicht alle genannt werden können. Sibylle Brakelmann hat mir bei der Herstellung des Manuskripts unschätzbare Dienste geleistet. Renate Lotz-Rimbach, Ulrich Kabitz, Ferdinand Schlingensiepen und Ekkehard Klausa haben das Manuskript kritisch gelesen und nicht mit Kürzungs- und Verbesserungsvorschlägen gespart. Ulrich Nolte, Andrea Hemminger und Angelika von der Lahr vom Verlag C.H.Beck haben mir überzeugend gezeigt, was Zusammenarbeit sein kann. Dank gebührt auch der Übersetzerin der englischen Texte, Karin Schemmann.

Seit den ersten Tagen meines Berufes als Theologe und Historiker hat mich meine Frau seit bald fünfzig Jahren mit großem Verständnis und mit notwendiger Kritik begleitet. Es ist kaum ein Abend vergangen, an dem wir nicht über die Tagesproduktion diskutiert hätten. Ihr widme ich diese Biographie über einen Menschen, der uns beide nicht mehr losgelassen hat.

Bochum, im Dezember 2006

Günter Brakelmann

1.   Creisau (1907–1925)

Preußische Tradition und englische Lebensart

Ein kleines Dorf in Niederschlesien war der Geburtsort Helmuth James von Moltkes: Creisau, ab 1930 Kreisau. Der Ort liegt etwa fünfzig Kilometer südwestlich von Breslau und sieben Kilometer südöstlich der Kreisstadt Schweidnitz inmitten der hügeligen Vorfelder des Eulengebirges. Im Nordosten erhebt sich der sagenumwobene Berg Zobten.

In die Geschichte ging Creisau erstmals mit Helmuth von Moltke ein. Diesem Urgroßonkel und Namensvetter von Helmuth James von Moltke hatte der preußische König Wilhelm I. 250.000 Taler als Dotation für seine Verdienste im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 gewährt. Dafür kaufte Helmuth von Moltke am 1. August 1867 die Rittergüter Creisau, Nieder-Gräditz und Wierischau, die er 1868 zum Familienfideikommiss Creisau machte.[1] 1870 wurde er in den Grafenstand erhoben und mit dem Titel eines Generalfeldmarschalls ausgezeichnet. Als der preußische König ihm nach dem Krieg von 1870/71 anstelle einer erbetenen Geldspende fünf erbeutete französische Kanonen überließ, stiftete er sie der dortigen evangelischen Kirche. Aus dem ehemaligen Kriegsgerät wurden drei Glocken gegossen. Die größte trug den Namen des Feldmarschalls mit der von ihm selbst verfassten Inschrift: «Gegossen aus französischem Geschütz, durch deutsche Tapferkeit 1870/71 dem Feind entrissen, von Kaiser Wilhelm durch Schenkung an den Feldmarschall Grafen von Moltke dem Friedensgeläut zur Ehre Gottes geweiht.»

1876 wurden in Creisau mit finanzieller Unterstützung des Feldmarschalls neben der evangelischen Volksschule eine Sparkasse für Schulkinder und eine Schulbibliothek eingerichtet. Nach dem Tod seiner Frau Marie Burt (1826–1868) ließ er 1869 auf einem Hügel bei Creisau eine Grabkapelle errichten, die er selbst entworfen hatte und die auch ihm als letzte Ruhestätte dienen sollte. Als er am 25. April 1891 starb, wurde er im Beisein Kaiser Wilhelms II. in dem Mausoleum auf dem Kapellenberg beigesetzt.

In Creisau lebte der Feldmarschall überwiegend im Sommer, den Winter verbrachte er in seiner Dienstwohnung in Berlin. Das in unmittelbarer Nähe zum Gutsbetrieb gelegene Schloss ließ er umbauen und mit einem Ziegeldach versehen. Zu beiden Seiten des Flusses Peile wurde ein Park angelegt. Große Gewinne hat der Feldmarschall aus der Landwirtschaft jedoch nicht gezogen. Creisau gehörte mit seinen rund vierhundert Hektar nicht zu den großen Gütern in Schlesien. Die Lebensführung des Generalstabschefs war äußerst spartanisch.

Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1800–1891), der Urgroßonkel Helmuth James von Moltkes

Schloss Creisau, um 1895

Der Feldmarschall war der Typ des gelehrten Soldaten. Er interessierte sich besonders für die Geschichte. In der englischen Sprache war er durch die Ehe mit einer Engländerin so zu Hause, dass er die Geschichte des Niedergangs und des Verfalls des Römischen Reiches von Edward Gibbon (1776ff.) ins Deutsche übersetzen konnte. Lange Auslandsreisen brachten ihn in viele Länder, die er in Aufsätzen und Büchern beschrieb. Er liebte Literatur und Musik; an gesellschaftlichen Festen und Empfängen nahm er nur widerwillig teil. Sich in der Natur allein aufzuhalten und sie zu beobachten waren für den «großen Schweiger» die Höhepunkte seines Landlebens. Sprichwörtlich waren sein Fleiß, seine Disziplin, sein einfaches Leben, sein lebenspraktischer Realismus, aber auch seine soziale Verantwortlichkeit und seine Gebundenheit in protestantischer Tradition. Moltke war Mitglied des Preußischen Herrenhauses und des Reichstags, wo er in die außenpolitischen und vor allem militärpolitischen Debatten eingriff. Den zeitgenössischen Pazifismus lehnte er ebenso ab wie einen zu seiner Zeit aufkommenden aggressiven Nationalismus und Imperialismus und warb für sein Konzept einer verantwortlichen Friedenspolitik.[2] Mit der Person und mit dem Geist dieses berühmtesten Moltke musste sich jeder Nachfahre auseinandersetzen. Sein Urgroßneffe Helmuth James hat seinen gedruckten und archivierten Nachlass später gründlich gelesen. Er strebte zwar selbst nie eine militärische Laufbahn an, schätzte aber den Charakter und die Bildung dieses Vorfahren sehr.

Erbe von Creisau wurde nach dem Tod des Feldmarschalls 1891 Wilhelm von Moltke (1846–1905), ein Sohn seines Bruders Adolf. Ihm folgte 1905 dessen Sohn Helmuth von Moltke (1876–1939), der Vater von Helmuth James.

Die Südafrikanerin Jessie Rose Innes (1850–1943) besuchte auf einer Europareise 1902 mit ihrer Tochter Dorothy (1884–1935) Dresden. Aufgrund einer Zeitungsannonce der Gräfin Ella von Moltke (1856–1924), in der sie «zahlenden Gästen» Ferien in ihrem Schloss anbot, sofern sie Bridge spielen konnten, fuhren sie nach Creisau. Ella von Moltke, geborene Gräfin von Bethusy-Huc, war die Frau des Majoratsherrn auf Creisau, Wilhelm Graf von Moltke. Mutter und Tochter lernten auf diese Weise das Schloss, das Gut und die Umgebung von Creisau kennen. Dorothy und der junge Helmuth von Moltke verliebten sich. Als im Januar 1905 Wilhelm von Moltke gestorben war, reiste sein Sohn und Nachfolger Helmuth nach London, um Jessie und James Rose Innes um die Hand ihrer einzigen Tochter Dorothy zu bitten. Helmuth erreichte trotz Bedenken der Eltern sein Ziel. Am 18. Oktober 1905, am Hochzeitstag der Eltern der Braut, fand die Hochzeit in Pretoria in der südafrikanischen Provinz Transvaal statt. Dorothys Vater war dort als Justizminister und zuletzt als Oberster Richter der Südafrikanischen Union tätig. Er genoss in Südafrika sowie in Großbritannien hohes fachliches und persönliches Ansehen.[3] Rechtlich und moralisch war er ein Mann mit festen Grundsätzen. Seine Tochter liebte er sehr und konnte ihren frühen Tod 1935 nie ganz verwinden. Dorothys Mutter hatte zwar ebenfalls strenge moralische Auffassungen, konnte aber auch ein Auge zudrücken. Die Liebhaberin von Gärten war immer optimistisch gestimmt. Nach dem Tod ihrer Tochter übertrug sie ihre ganze Liebe auf die Enkelkinder und half, wo sie nur konnte. Beide Großeltern dachten politisch liberal und waren den Prinzipien der Emanzipation verpflichtet. Der Rechtsstaat war für sie ein hohes Gut. Der Großvater kämpfte für die Rechtsgleichheit aller Menschen, die Großmutter engagierte sich in der nationalen und internationalen Frauenbewegung.

Hochzeit von Dorothy Rose Innes und Helmuth von Moltke in Pretoria, 1905

Nachdem Dorothy «Herrin» auf Creisau geworden war, wechselte sie wöchentlich Briefe mit ihren Eltern in Südafrika. In Abständen von mehreren Jahren besuchten Jessie und James Rose Innes Deutschland und Creisau. Zwischendurch reiste Dorothy zu ihren Eltern nach Südafrika, Ende 1912 sogar mit der ganzen Familie und zwei Kindermädchen. Ihre Briefe, die sie vom 5. April 1907 bis zum 11. November 1934 geschrieben hat, zeigen eine Frau, die bewusst und aufmerksam die politische Situation in Deutschland miterlebte. Innerhalb des deutschen Adels, in den sie eingeheiratet hat, war sie als liberale, kosmopolitisch denkende Demokratin und Anhängerin der internationalen Frauenrechtsbewegung eine Ausnahme.

Dorothys Mutter war zu Besuch in Creisau, als das erste Kind der Moltkes am 11. März 1907 im Erkerzimmer des Schlosses geboren wurde. Anfang April fand im Feldmarschallzimmer die Taufe statt. Den Taufspruch für ihr erstes Kind hatte die Mutter ausgesucht: «Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Fürstentümer und Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.» (Römer 8,38f.) Unter den Gästen der Tauffeier befand sich auch ein weiterer Helmuth von Moltke (1848–1916), ein Neffe des Feldmarschalls, der von 1906 bis zu seiner Ablösung nach der Marneschlacht 1914 Chef des Generalstabs war. Die Familie drängte darauf, dem neuen Moltke auf Creisau den traditionellen Vornamen Helmuth zu geben. Einmütig fügten die Eltern den Vornamen seines südafrikanischen Großvaters James hinzu. Preußische Tradition und englische Lebens- und Denkart sollten sich später im Träger dieses Vornamens verbinden. Er bekam in den folgenden Jahren vier Geschwister: 1909 kam Joachim Wolfgang (genannt Jowo), 1911 Wilhelm Viggo (genannt Willo), 1913 Carl Bernhard (genannt C. B.) und 1915 Asta Maria im Creisauer Schloss zur Welt.

Dorothy von Moltke mit ihrem ersten Sohn, Helmuth James, 1907

Dorothy von Moltke mit ihrem Vater, Sir James Rose Innes, und ihrer Schwiegermutter, Ella von Moltke, 1914

Ein kleiner Junker

Über die Kindheit und Jugend Helmuth James von Moltkes wissen wir am meisten aus seiner autobiographischen Schilderung dieser Zeit, die er Ende Januar und Anfang Februar 1944 in der Haft für seine beiden kleinen Söhne von sechs und zwei Jahren, Helmuth Caspar und Konrad, schrieb und die am Ende dieses Buches vollständig wiedergegeben ist (MBF 9–28). Hinzu kommen die zahlreichen Briefe Dorothys an ihre Eltern.

Als kleiner Junker war Helmuth James im Schloss von Dienern umgeben. Die Männer des Reit- und Fahrdienstes prägten sich fest seiner Erinnerung ein. Die «Mamsell» hatte das Sagen in Küche und Haus. Kindermädchen gingen der «Herrin» bei der Erziehung der fünf Geschwister zur Hand. Von besonderer Bedeutung, aber nicht immer geliebt, waren die Hauslehrerinnen, die die Kinder bis zum Eintritt in die Höhere Schule unterrichteten. Der kleine Helmuth James musste vor allem Gedichte auswendig lernen, hatte aber große Lücken in den Grundfächern. Das zeigte sich beim Wechsel in das Schweidnitzer Gymnasium. Nur mit Mühe schaffte er die Versetzungen. Ein guter Schüler wurde er nie. Allerdings erhielt er früh profunden Englischunterricht, zunächst durch die englische Nurse, Miss Chalmers, später, als diese zu Beginn des Ersten Weltkriegs Creisau verlassen musste, durch seine Mutter, die sich aus Südafrika englische Literatur für ihre Kinder schicken ließ.

Prägend war vor allem das Gut mit seinen vielen Menschen in verschiedenen Funktionen. Helmuth James hielt sich gerne in dem Park auf, der sich an dem kleinen Fluss Peile entlangzog und in dem «Gipsfiguren nach antiken Vorbildern» aufgestellt waren. Er liebte die Gärten und die Treibhäuser, aus denen täglich frisches Gemüse und Blumen kamen. Alle Moltke-Kinder hatten einen eigenen kleinen Garten, dessen Früchte sie an ihre Mutter verkaufen durften. Häufig besuchte Helmuth James den Kapellenberg mit dem kleinen Mausoleum, der Grabstätte des Feldmarschalls und seiner Frau, und den kleinen Friedhof unterhalb des Mausoleums, auf dem weitere Mitglieder der Großfamilie begraben waren. Er erlebte die Welt der Landwirtschaft mit ihrer Feldarbeit, Forstwirtschaft und Tierhaltung. Das Leben im Rhythmus der Natur und das Bewusstsein, von ihr abhängig zu sein, ließen früh den Sinn für das Werden und Vergehen erwachen. Aber auch die Freude an den Formen und Farben in der Natur stellte sich früh ein. Selbst wenn er schon als Kind öfter mit den Eltern und der Kinderfrau in Berlin war: Das Leben auf dem Land blieb sein Zuhause. Hier bekam er als Fünfjähriger ein eigenes Pony mit kleinem Wagen. Hier lernte er reiten, kutschieren und schießen. Von hier aus wurden Tagesritte und Autofahrten in die weitere Umgebung unternommen. Hier half er wie die anderen Schuljungen gegen Entgelt bei der Ernte und beim Heueinfahren. Hier ging er zum Konfirmandenunterricht beim Gräditzer Pfarrer, mit dem er «stets große Disputationen» führte.

Helmuth von Moltke mit seinen Söhnen Joachim Wolfgang, Wilhelm Viggo und Carl Bernhard vor Schloss Creisau

Helmuth James von Moltke, um 1911

Helmuth James von Moltke, um 1912

Schon als Kind hatte sich Moltke in dem ein paar hundert Meter vom Schloss entfernt auf einer Anhöhe gelegenen sogenannten Berghaus besonders wohl gefühlt. Hier residierte Tante Luise, eine Schwester des Großvaters. Zu seiner Großmutter väterlicherseits entwickelte er dagegen nie ein engeres Verhältnis. Ihre egozentrische Lebensführung und die Art ihres Charakters waren ihm fremd. Hin und wieder spielte er aber mit ihr Bridge. In bester Erinnerung behielt er seinen Großonkel Ludwig von Moltke, der im nicht weit entfernten Wernersdorf, das auf dem Weg nach Breslau lag, auf einem weiteren vom Feldmarschall erworbenen Landsitz saß und regelmäßig zur Kirsch- und Erdbeerzeit von der Creisauer Familie besucht wurde. Als er starb, wurde auch er auf dem Kapellenberg beigesetzt. Das Gut übernahm sein Neffe Hans Adolf von Moltke, der im Auswärtigen Amt Karriere machte, von 1931 bis 1939 Botschafter in Warschau war und 1943 als Botschafter in Madrid starb.

1911 und 1912, als sich seine Eltern für mehrere Monate in den USA aufhielten, wohnte der kleine Helmuth James längere Zeit im Berghaus und beteiligte sich intensiv an der Vorbereitung der Weihnachtsfeiern. Weihnachten war für ihn wie für alle in Creisau ein Höhepunkt des Jahres. Für die Armen des Ortes gab es im Berghaus Bescherungen, für die Spielschulkinder in der Spielschule, für die Hofleute im Schloss, und für die Familie fanden zwei Feiern statt, eine im Schloss und eine im Berghaus. Besondere Höhepunkte waren im Winter Theateraufführungen, bei denen Jung und Alt mitwirkten. Helmuth James führte wegen mangelnder schauspielerischer Begabung Regie.

Die Welt des Militärischen, die durch das Mausoleum des Feldmarschalls ohnehin immer latent präsent war, brach 1913 in die Landidylle ein. Rund um Creisau fand ein großes «Kaisermanöver» statt, das Helmuth James vom sogenannten Feldherrenhügel im nahe gelegenen Ludwigsdorf aus beobachten konnte. Der südafrikanische Großvater, der mit seiner Frau im Sommer 1913 in Creisau zu Gast war, bekam Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem österreichischen Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Ein Jahr später, zu Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914, erlebte Helmuth James den Abschied seines Vaters, der bis 1919 Dienst in der Etappe in Polen tat und während des Krieges nur selten nach Hause kam. Die allgemeine Kriegsbegeisterung, den Nationalismus und die karitative Arbeit konnte er im Schloss und im Dorf beobachten. Trotz des Gutsbetriebs gab es während des Krieges weniger zu essen. Das Brot wurde mit Sägemehl angereichert. Zucker war knapp, das Petroleum für die Beleuchtung musste gespart werden. Erst 1918 kam der elektrische Strom auch nach Creisau.

1915 war Helmuth James mit der Mutter für einige Wochen in der Berliner Mietwohnung der Moltkes. Während dieses Aufenthalts konnte er seinen Vater zu einer Sitzung des Preußischen Herrenhauses begleiten, wo er seinem Großonkel Helmuth von Moltke, dem Chef des Stellvertretenden Generalstabs, begegnete. Der Aufenthalt in Berlin ist bezeichnend, denn der beständige Wechsel zwischen Hauptstadt und Creisau sollte bis zu Moltkes Verhaftung sein Leben begleiten.

Politik und Christliche Wissenschaft

Die prägende Person für Helmuth James von Moltke war seine Mutter, «die Mami», wie sie in seinem Bericht an seine Kinder heißt. Sie war der Mittelpunkt des familiären und gesellschaftlichen Lebens im Schloss, sie war die wichtigste Bezugsperson für ihre Kinder. Dagegen war das Verhältnis zum Vater eher zwiespältig und distanziert. Für seine Frau und ihre besondere Situation als bürgerliche Ausländerin inmitten des deutschen Landadels brachte dieser nicht immer das notwendige Verständnis auf. Der Sohn hielt ihn im Rückblick für einen Egoisten, der dabei aber «weich, gutmütig und voller freundlicher Gedanken» war. Doch der Vater konnte auch cholerisch und hart sein. Helmuth James führte diesen widersprüchlichen Charakter auf seine Jugend zurück. Er wurde «unterdrückt, verzogen» und hatte viel Geld, «ohne es verdient zu haben». Was er später getan und erreicht habe, verdanke er seiner Frau: «Alle seine Launen, all seinen Missmut hat sie abgefangen und gemildert und so erreicht, dass die schroffen Seiten dieses schwierigen Mannes immer von ihr verdeckt waren.» (MBF 24)

Beide Moltkes waren schon im Kaiserreich Außenseiter unter den Großgrundbesitzern Schlesiens. Sie unterwarfen sich nicht den gesellschaftlichen Zwängen ihrer adeligen Nachbarn und hielten Distanz zum aristokratisch-feudalen Lebensstil sowie zum konservativen Denken ihrer Standesgenossen. In einer Mischung aus Sorge und Sympathie schrieb Dorothy am 3. Mai 1910 an ihre Eltern:

Und der Y. T. [Young Teuton] entwickelt sehr liberale Ansichten, die ihm den Ruf eines ziemlichen Narren und Parias einbringen! Selbstverständlich macht es uns nicht viel aus, denn wir wissen, dass es eine Menge intelligente und gute Leute gibt, denen solche Ansichten das Natürlichste von der Welt sind und die sie nicht, wie hierzulande, als hochverräterisch ansehen. Und jemand muss die Mauer der Traditionen und Vorurteile einreißen und die Luft der Freiheit hereinlassen, sodass sich Individualitäten (etwas, was beim «Adel» in Deutschland sehr fehlt) entwickeln können. Aber das ist manchmal eine nicht sehr angenehme Aufgabe! Zum Glück sind wir (wie in vielen anderen Dingen in unserem Leben) wirklich eines Sinnes in all diesen Kämpfen, was vielleicht unsere größte Stütze ist. (DB 22f.)

Helmuth von Moltke trat als einer der wenigen seiner Klasse in Schlesien 1920 der Deutschen Volkspartei, der Partei Gustav Stresemanns, bei, die die Weimarer Republik anerkannte. Er dachte wie seine Frau: «Es bleiben der Welt nur zwei Möglichkeiten: ein echter Völkerbund oder dass Deutschland ständig Pläne schmiedet, seine alte Macht wiederzuerlangen, und es ist gar keine Frage, was für die Menschheit klüger und besser ist. Ich gehöre zur Bewegung für den Völkerbund, die im Vaterland sehr aktiv ist.» (DB 62) Und am 1. September 1920 bekannte sie: «Jeden Tag werde ich weniger imperialistisch und nationalistisch, aber dafür pazifistischer.» (DB 66)

Dorothy kämpfte zusammen mit ihrer Schwägerin und Freundin Ete von Trotha für die rechtliche und faktische Gleichberechtigung der Frauen. Sie war Mitglied eines regionalen Frauenvereins und der Vereinigung Deutscher Staatsbürgerinnen. Im Mai 1923 nahm sie an einem internationalen Frauenkongress in Rom teil. Hier traf sie mit ihrer Mutter und anderen Bekannten aus der internationalen Frauenbewegung zusammen.

Für die Launen ihres Mannes hatte Dorothy durchaus Verständnis. Am 21. März 1911 schrieb sie an ihre Eltern:

Dieses Leben eines Junkers ist nichts für Leute, die so jung sind wie wir, und besonders für Helmuth bietet es nicht annähernd genug Betätigungsfeld für seine Energie – eine Frau kann sich im Allgemeinen besser beschäftigen als ein Mann, und das macht vieles leichter für sie. Es sollte mich nicht wundern, wenn Helmuth eines Tages eine Arbeit in einer Stadt aufnehmen und Creisau nur noch als Sommerhaus benutzen würde. (DB 27)

Die Ehefrau war froh, dass ihr Mann sich intensiv in die Arbeit für die Christian Science stürzte. Diese aus den USA kommende spirituelle Heilungsbewegung hatte in Deutschland zahlreiche Stützpunkte, so auch in Breslau und Schweidnitz.[4] Seine junge Frau ließ sich schnell für die Christliche Wissenschaft gewinnen und wurde zusammen mit Ete von Trotha für die Bewegung aktiv. Von August 1911 bis März 1912 reiste das Ehepaar Moltke nach Boston, dem Hauptsitz der Christian Science. Dorothy half dort ihrem Mann, das Grundlagenwerk der Gründerin Mary Baker Eddy (1821–1910) Science and Health with Key to The Scriptures (erschienen 1890, 1894, 1901 und 1906) ins Deutsche zu übertragen. Auch Ulla Oldenbourg, eine Freundin der Familie, war hieran beteiligt. Die Übersetzung mit dem parallelen englischen Text erschien 1912 unter dem Titel Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift.

Bemerkenswert ist, dass die Eltern nie versuchten, ihre Kinder für die Christliche Wissenschaft zu gewinnen. Alle Kinder wurden landeskirchlich getauft und konfirmiert. Helmuth von Moltke selbst ist als «Kompatron», das heißt als Patron sowohl der evangelischen als auch der katholischen Gemeinden, von Gräditz und Creisau nie aus der evangelischen Landeskirche ausgetreten. Überhaupt ist ein besonderer religiöser Einfluss von Vater und Mutter auf Helmuth James und seine Geschwister nicht nachzuweisen, weder im Sinne der Christlichen Wissenschaft noch im Sinne einer gelebten evangelischen Frömmigkeit mit Andachten, Gebeten, Gesang oder gemeinsamen Gottesdienstbesuchen.

Dorothy von Moltke mit ihren Eltern und ihren Kindern Helmuth James, Joachim Wolfgang, Wilhelm Viggo, Carl Bernhard und Asta Maria in Holland, 1919

Helmuth James, Wilhelm Viggo und Joachim Wolfgang auf dem Schulweg nach Schweidnitz, um 1921

Dorothy von Moltke mit ihren fünf Kindern vor Schloss Creisau, um 1919

So hatte Helmuth James auch kein ausgeprägtes Verhältnis zum christlichen Glauben und zur evangelischen Kirche. Er gehörte keiner religiösen Jugendgruppe an, wie er auch keine Bindungen zur Jugendbewegung unterhielt. Die besondere Religiosität seiner Eltern, ihr spezifisches Jesusverständnis oder ihre Überzeugung von einem engen Zusammenhang zwischen Glaube und Gesundheit hat er nie kritisiert. Am meisten überzeugte ihn noch die praktische Frömmigkeit seiner Eltern. Religion war auf Creisau Privatsache, und jeder respektierte den Glauben der anderen.

Ungeliebte Schulen

1916 kam Helmuth James zusammen mit seinem Vetter Carl Dietrich von Trotha auf das Gymnasium in Schweidnitz. Mit diesem Cousin, der mit seiner Mutter und den Geschwistern in Creisau und ab 1916 in Schweid-nitz wohnte, verbrachte er den größten Teil seiner Kindheit und Jugend. Bis Ostern 1921 fuhr er bei jedem Wetter zunächst allein und dann mit seinen Brüdern mit einem schnellen Apfelschimmel vor einem zweirädrigen Wagen in die Schule nach Schweidnitz.

1919 reiste Dorothy von Moltke mit ihren fünf Kindern und zwei Bediensteten quer durch Deutschland nach Holland, um ihre Eltern nach langen Jahren der Trennung wiederzusehen. Bei der Rückkehr hatten die Wirren der Nachkriegszeit Creisau eingeholt. Freikorps-Leute unter General von der Goltz hatten sich auf dem Gut einquartiert, um den Anschluss Oberschlesiens an Polen zu verhindern. Auf einer nahe gelegenen Bahnstation half Helmuth James, an die in Sonderzügen zur Abstimmung über Oberschlesien am 20. März 1921 reisenden stimmberechtigten Deutschen Essen und Getränke auszuteilen.

Eine Zwischenetappe in der schulischen Laufbahn war ein Aufenthalt im Landerziehungsheim Schondorf am Ammersee ab 1922. Um ihn nicht «verbauern und verschlesiern» zu lassen, schickten ihn die Eltern in diese Schule, von deren modernen pädagogischen Prinzipien sie beeindruckt waren. «Ich glaube, es wird für den Jungen ganz herrlich sein» (DB 73), schrieb Dorothy an ihre Eltern. Aber weit gefehlt: Für Helmuth James wurde der Aufenthalt zu einer Katastrophe. Im Rückblick war für ihn hiermit «meine eigentliche Kindheit zu Ende, jene schöne Zeit, die mir nachträglich wie vergoldet erscheint, wie ein unerschöpflicher Born von Liebe und anhänglichen Gedanken, von Erinnerungen mit Heimatgefühlen» (MBF 27). Der «Landheimgeist» war völlig konträr zu dem bisher Erlebten und Eingeübten. Dort herrschten Heuchelei und Hohlheit. Mit der Mehrheit der Mitschüler gerieten er und eine kleine gleichgesinnte Gruppe von zehn Mitschülern in harte Konflikte. Am Ende stand die «Hordenkeile», bei der ein Trommelfell platzte. Der bisher behütete Junge erlebte die ersten harten Widerstände gegen den im Elternhaus eingeübten Geist. Er war aber nicht bereit, sich dadurch verbiegen zu lassen. Lieber ließ er sich schlagen und räumte mit den Gleichgesinnten das Feld. Unter ihnen war Carl Deichmann aus Köln, der Bruder seiner späteren Frau.

Auf eigenen Wunsch verbrachte Moltke die letzten Schuljahre von 1923 bis zum Abitur 1925 auf dem Realgymnasium in Potsdam, wo er bei den Verwandten Magnus Freiherr von Mirbach und Frau Margarethe, geborene von Moltke, wohnte. In diesem Haus wurde vorrangig Französisch gesprochen. Moltke selbst lernte diese Sprache nur unvollkommen. Die Schule spielte in diesen beiden Jahren nicht die Hauptrolle. Er war viel in Berlin und nahm dort am kulturellen Leben teil. Moltke las, was ihn interessierte, und kümmerte sich nicht viel um den schulischen Kanon. Das war durchaus auch im Sinne der Eltern. Dorothy von Moltke lobte in ihren Briefen nach Südafrika mehr den Charakter ihres Sohnes als besondere schulische Leistungen:

Der Junge war für uns Ostern eine große Freude; in vieler Hinsicht ist er noch ein Kind, aber so zuverlässig, so stetig, und er hat ein goldenes Herz. Er ist ein großer Leser und hat für sein Alter erstaunlich viel gelesen. Sein Verhältnis zu seinem Vater und umgekehrt ist höchst erfreulich. Der Y. T. [Young Teuton] ist sehr stolz auf ihn, sie sind große Freunde, und der Junge bewundert und versteht seinen Vater sehr gut. Dabei ist er sehr modern und gehört geistig zur heutigen Jugend mit ihren europäischen Ansichten – sehr interessant zu beobachten. Ich kann es nicht abwarten, bis Dad ihn kennen lernt, denn ich bin sicher, dass er ihn sehr lieb gewinnen und viel Freude an seinem Enkel haben würde. (DB 97)

Der Realgymnasiast Helmuth James von Moltke verfolgte in den Jahren 1923 bis 1925 die politische Szene in Berlin und Deutschland mit wachen Augen und Ohren. Über die verworrene und teils chaotische Lage musste er sich nicht in der Zeitung informieren, sondern er sah auch aus nächster Nähe, wie der politische Radikalismus von links und rechts gegen die erste deutsche Republik verantwortungslos gewütet hat. Er erlebte aber auch mit, wie die Weimarer demokratische Mitte sich durch eigenes Versagen schwächte. Was Klassen- und Interessenkämpfe sind und welche zerstörerischen Kräfte in ihnen walten, hat er nicht durch sozialwissenschaftliche Lektüre gelernt, sondern durch unmittelbare Beobachtung. Die Straßen und Plätze der Stadt sahen die Umzüge und Kundgebungen der politischen Gegner. Straßen- und Saalschlachten, Überfälle mit Verletzten und Toten gehörten zum Bild einer in unversöhnlichen Gegensätzen denkenden «politischen Kultur». Das Fehlen eines liberalen und demokratischen Umgangs- und Redestils war eine Erfahrung, die für Moltkes spätere politische Entwürfe bedeutsam werden sollte.

Der Schüler lernte einen Vertreter der American Press Association kennen, den er bei Theaterbesuchen und Interviews begleitete, um zu dolmetschen. Im Umgang mit ihm frischte er seine Englischkenntnisse so auf, dass er bald perfekt zweisprachig war. Die Schule am Morgen ließ er über sich ergehen, gelernt hat er an den Nachmittagen und Abenden in Berlin. Dass er sein Abitur bestand, verdankte er einem Referat über «Napoleon und England» in der mündlichen Prüfung. Der sozialdemokratische Oberschulrat Hardtke war so beeindruckt, dass er ihm die anderen Prüfungen erließ.[5] Auf einem Bild der Abiturklasse sieht man Moltke zusammen mit Prinz Louis Ferdinand von Preußen und mit Prinz Wilhelm von Preußen. Aber zu beiden Hohenzollern suchte er weder während seiner Schulzeit noch später Kontakt. Dieses «Herrscherhaus» war ihm von Jugend an fremd. Die Schule gab als Berufswunsch des Abiturienten «Landwirt» an.

Schon in der Zeit vor dem Abitur am 20. März 1925 stand die Frage der Zukunft des Jungen auf der familiären Tagesordnung. Natürlich dachte man für den späteren Erben von Creisau zunächst an eine dreijährige landwirtschaftliche Elevenausbildung. Aber die Schulzeit in Potsdam und Berlin hatte ihm die ersten tieferen Einblicke in die Politik gegeben, und der Wunsch, politisch tätig zu sein und Deutschland zu neuer Stabilität in Politik und Ökonomie zu führen, wurde schon am Ende der Schulzeit sein Leitmotiv. Das entsprach einem Wunsch seiner Mutter, die sich viel von ihren Söhnen erhoffte: «Meine drei kleinen Söhne – ich träume davon, dass sie sich eines Tages als Segen für die Welt erweisen.» (DB 29) Und im Dezember 1913 träumte sie weiter:

Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass Ihr – durch die Söhne – eine große Rolle bei der Entstehung eines liberaleren Deutschlands haben könntet, das wiederum ein großer Faktor in der Geschichte der immer größer werdenden friedlichen Verständigung unter den Nationen sein wird, einer neuen Definition des Wortes «Patriotismus». Und so greifen die Räder ineinander – wie klein der Mensch ist und wie unendlich groß! (DB 39)

Als Moltke sein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften begann, stand ihm schon vor Augen, dass es immer von einem politischen Engagement begleitet sein würde. Doch pflegte er weiterhin auch andere Interessen: Literatur, Theater und Geschichte. Dieses Nebeneinander von Engagement und Kontemplation sollte auch sein weiteres Leben bestimmen.

2.   «Ich fühle mich verpflichtet» (1925–1929)

Studium in Breslau und Berlin

Vor dem Abitur hatte sich der Oberstufenschüler um ein Stipendium der Cecil-Rhodes-Stiftung in Oxford beworben. Er wurde nicht berücksichtigt, sodass er sich zum Sommersemester 1925 zum Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in seiner schlesischen Heimatuniversität Breslau einschreiben ließ.[1] Zu dieser Zeit waren die Großeltern aus Südafrika für ein halbes Jahr zu Besuch in Creisau. Das Verhältnis des Enkels zu ihnen wurde damals noch inniger und vertrauensvoller. Das zeigen seine späteren Briefe an sie.

Das Sommersemester in Breslau war kaum mit ernsthaften Fachstudien angefüllt. Falls er überhaupt dort war, hörte er Vorlesungen über Geschichte und Politikwissenschaft. In Breslau begann, was er 1926 in Berlin und 1927 in Wien fortsetzen sollte: ein sehr eigenständiges Studium. Im September 1926 schrieb er in einem Lebenslauf:

Meine Universitätsstudien stellen ein ziemliches Durcheinander dar, weil ich die Absicht habe, möglichst lange zu studieren, und darum an verschiedenen Stellen zugleich angefangen habe. Bei meinem juristischen Studium interessiert mich hauptsächlich die geschichtliche Seite. Bis jetzt habe ich römisches Recht, Rechtsgeschichte und die Hälfte des deutschen bürgerlichen Rechts gehört. Daneben Geschichte, neuere und neueste, hauptsächlich Sozialgeschichte und Geschichte des Sozialismus. Außerdem habe ich in der von Dr. Simons geleiteten Hochschule für Politik Vorlesungen über verschiedene Gebiete der Politik gehört. Neben diesen Interessen Geschichte, Rechtswissenschaft und Politik habe ich zwei Semester mich mit Zeitungswesen beschäftigt und an dem Berliner Institut gearbeitet. Ein allgemeines Interesse für Literatur ist in den letzten zwei Jahren wegen meiner günstigen Beziehungen zu Malerei und Kunstgeschichte hinter diesen beiden zurückgetreten. (RV 42)

Der Student Moltke hat die Rechtswissenschaft von Anfang an auch als geschichtliche und politische Wissenschaft verstanden. Was ihn interessierte, war nicht nur die Auslegungstechnik des geltenden Rechts, sondern seine Weiterentwicklung im Dienst eines liberalen und sozialen Gemeinwesens. Es war nicht das Interesse an gesammelter Gelehrsamkeit, das ihn trieb, sondern das Interesse, reflektiertes Wissen für gezielte politische und gesellschaftliche Veränderungen einzusetzen. Das war aber keineswegs verbunden mit einem Desinteresse an theoretischen Grundsatzfragen normativer Rechtsbegründung und ethisch verantworteter Rechtsanwendung. Im Gegenteil: Gerade weil er mithilfe des Rechts die Elemente der personalen Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit verankern und vertiefen wollte, waren für ihn rechtsphilosophische Vorentscheidungen, religiös oder naturrechtlich begründete Normen und Kriterien unabdingbar. Entsprechend befasste er sich von Anfang an auch mit theoretischer Rechtsgeschichte und mit Fragen normativer Rechtsbegründung. Sein Großvater dürfte ihm als Jurist und Politiker bei der Anlage seines Studiums vor Augen gestanden und ihn wohl auch beraten haben. Jedenfalls gab ihm der Enkel in späteren Briefen immer wieder Rechenschaft über sein Studium und erbat kritischen Rat.

Helmuth James von Moltke, vermutlich auf dem Dach der Schwarzwaldschule in Wien, um 1927/28

Nach dem einsemestrigen Schnupperstudium in Breslau ging der Student nach Berlin, wo er bei Ulla Oldenbourg wohnte. Er kam in eine ihm wohl vertraute Stadt zurück mit einem vielfältigen Angebot an Vorlesungen, Seminaren und Vortragsreihen. Er besuchte, was ihn interessierte. Das nötige Examenswissen holte er sich beim Repetitor. Bei aller Umtriebigkeit, Neues und sehr Verschiedenes kennen zu lernen, arbeitete er gleichzeitig systematisch und ergebnisorientiert und schrieb die für ihn wichtigsten Erkenntnisse thesenartig auf. Vor allem interessierte sich der junge Adelige für die Geschichte des deutschen und europäischen Sozialismus. Mit dem SPD-Landrat von Waldenburg, Karl Ohle, traf er sich in Creisau, um mit ihm über ein mögliches Praktikum im Landratsamt zu sprechen. Selbst an einer Vortragsreihe in der Berliner Sowjetischen Botschaft über die Theorie des Kommunismus sowie an einem großen Empfang zur Jahresfeier der kommunistischen Revolution nahm er teil. Er befand sich in einer politischen Orientierungsphase und wollte möglichst authentisch die politisch-weltanschaulichen Angebote seiner Epoche kennen lernen. In dieser Zeit befasste er sich auch mit der Paneuropa-Idee des Grafen Coudenhove-Kalergi (1894–1972). Dieser hatte 1923 die Programmschrift Paneuropa herausgebracht und war ein Pionier des europäischen Einigungsgedankens. Im Spektrum der damaligen deutschen Parteienlandschaft und in den Mechanismen einer parlamentarischen Demokratie kannte Moltke sich bald hervorragend aus. Besonders die auf europäische Verständigung angelegte Außenpolitik Stresemanns fand seine Zustimmung. Den Locarno-Vertrag von 1925 hielt er für einen Meilenstein in der deutsch-französischen Verständigungspolitik. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund war seiner Ansicht nach für eine gewaltfreie Lösung von Konflikten unter den Nationen unabdingbar.

Helmuth James von Moltke in Grundlsee im Hotel «Seeblick», Sommer 1928

Es fällt auf, dass aus seiner ersten Berliner Studentenzeit keine Namen von Professoren auftauchen, die für ihn besonders wichtig gewesen wären. Seine Lernstätte war vor allem das moderne Berlin. Das außeruniversitäre Leben war ihm immer näher als die Gelehrtenwelt. Moltke hatte Kontakte zu vielen «Leuten aus der jüngeren Generation im Auswärtigen Amt und in Regierungskreisen», die im Gegensatz zu den Reaktionären von einem «liberalen und europäischen Geist» bestimmt waren (DB 155). Der politisch engagierte Student suchte besonders die Nähe zu Menschen, die etwas von Außenpolitik verstanden. Schon jetzt fand er hier Nachwuchskräfte, die den von alten kaiserlichen Beamten bestimmten Geist zugunsten einer Option für ein anderes Europa aufbrechen wollten.

Auf diese Weise entstand ein eigener Berliner Bekanntenkreis. Moltke hatte die Begabung, Kontakte zu knüpfen, ohne sich anzubiedern. In der Tat war der schlanke, hochgewachsene Mann nicht der schnelle Freund, schon gar nicht der Kumpel.

Im Schwarzwaldkreis

Das wichtigste Ereignis während seiner Berliner Zeit war die Begegnung mit Eugenie (Genia) Schwarzwald (1872–1940), die im Berliner Schloss im sogenannten Apothekerflügel eine Gemeinschaftsküche der Österreichischen Freundeshilfe (1923–1927) eingerichtet hatte, in der auch Studenten gut und preiswert essen konnten. Die aus Galizien stammende Jüdin hatte in Zürich promoviert und lebte in Wien. In Österreich war sie nicht nur als Pädagogin und Schulreformerin bekannt, sondern auch als eine sozial engagierte Bürgerin. Sie hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg ein privates Schulsystem für Mädchen von der Volksschule bis zum Abitur aufgebaut. Während des Krieges hatte sie eine Reihe von Sozialeinrichtungen ins Leben gerufen: Gemeinschaftsküchen, Tagesheime, Land- und Ferienheime für Kinder und Erwachsene. Sie galt mit ihrem unermüdlichen Einsatz für Menschen in Not als große Wohltäterin. Es gab einen Verein Schwarzwald’scher Schulanstalten und ein Schwarzwald’sches Wohlfahrtswerk.[2]

Eugenie Schwarzwalds Wiener Wohnhaus war ein Treffpunkt von jungen Talenten und bereits bekannten Größen aus dem Kulturleben der kaiserlichen und später republikanischen Hauptstadt. 1921 richtete sie am Grundlsee im Salzkammergut das Sommerheim «Seeblick» als Erholungs- und Begegnungszentrum ein. Hier trafen sich Frauen und Männer aus ganz verschiedenen Berufen und politischen Lagern, aus verschiedenen Nationen und mit unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen. Dichter und Schriftsteller wie Jakob Wassermann, Carl Zuckmayer, Bertolt Brecht, Karl Kraus, Robert Musil, Elias Canetti, Egon Friedell und Hugo von Hofmannsthal waren in der Wiener Josephstädterstraße und im «Seeblick» zu Gast. Hinzu gesellten sich der Architekt Adolf Loos, der das Haus der Schwarzwalds entworfen und eingerichtet hatte, ferner der Musiker Arnold Schönberg, der Maler Oskar Kokoschka, der junge Philosoph Karl R. Popper, der Staatsrechtslehrer Hans Kelsen und viele andere aus der österreichischen Intellektuellen- und Künstlerszene. Die Schriftstellerinnen Maria Lazar, Alice Herdan, Karin Michaelis aus Dänemark und die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson, die Schauspielerin Helene Weigel und zahlreiche weitere Persönlichkeiten haben sich in diesem internationalen «Schwarzwaldkreis» getroffen und sich in die Diskussionen, Lesungen, Spiel-, Musik- und Liederabende eingebracht. Es entstanden Kontakte und Freundschaften, die lange währten und sich in den kommenden Krisenzeiten bewähren sollten.

Eugenie Schwarzwald, kurz «Fraudoktor» genannt, lud nach einem kurzen Kennenlernen im März 1926 den neunzehnjährigen Jurastudenten nach Wien und zur Sommertagung an den Grundlsee ein. Er fuhr im Sommer in die österreichische Hauptstadt, wo er auch den Bank- und Finanzexperten Hermann Schwarzwald (1871–1941) kennen lernte. Dieser Jurist war Sektionschef im Finanzministerium, zuständig für Kredit- und Währungsangelegenheiten. Er galt in der Finanzwelt als herausragender Experte, im Freundes- und Bekanntenkreis als sehr gebildeter und kluger Gesprächspartner. 1923 wurde er Präsident der Anglo-Austrian Bank. Seiner Frau stand er stets mit Rat und Tat zur Seite.

In Wien und am Grundlsee zeigte sich endgültig, dass der junge Moltke in der liberalen und demokratischen Welt angekommen war. Ihm präsentierte sich eine Lebensweise und Kultur, die in starkem Kontrast zum deutschnationalen Klima stand. Er erlebte hier im Kleinen das Modell für ein humanes Europa ohne imperialistische Ansprüche und ideologischen Zwang. In toleranter Atmosphäre entwickelten sich Dialoge zwischen Christen und Juden, zwischen religiös-kirchlich gebundenen Menschen und Atheisten verschiedenster Prägung. Dass geistiger und kultureller Pluralismus, wertgebundene Toleranz und offene Mitmenschlichkeit das Zusammenleben in Freiheit ermöglichen, das zeigte ihm der Schwarzwaldkreis. Er fand hier in einem größeren Zusammenhang, was in seinem Elternhaus bereits angelegt war.

Helmuth James von Moltke als Student in Wien, um 1928

Gleichzeitig entfernten ihn diese Erfahrungen weiter von seiner Herkunft. Als er mit Bekannten noch im selben Jahr den letzten deutschen Kaiser und damit den Hauptrepräsentanten der alten Gegenwelt im holländischen Doorn besuchte, wurde ihm bewusst, wie groß seine Distanz zu dem politisch-gesellschaftlichen System, dem seine Vorfahren selbstlos und erfolgreich gedient hatten, inzwischen geworden war. Dorothy schrieb am 17. September 1926: «Hat Euch der Junge etwas über seinen Besuch in Doorn erzählt? Er fand den Kaiser jämmerlich, seine Frau netter – sie hat sogar [Emil] Ludwigs Buch über Wilhelm II. gelesen – und die ganze Veranstaltung äußerst lächerlich und ohne Beziehung zur Wirklichkeit, das heißt, er benimmt sich noch so, als ob er das Vaterland beherrschte.» (DB 126) Helmuth James von Moltke dachte auch später in wirren Zeiten nicht an eine Restauration der Hohenzollern-Dynastie. Das historisch-politische Versagen des Kaisers und der ihn umgebenden Eliten war für ihn überdeutlich.

Die Erlebnisse in Wien und am Grundlsee bei den Schwarzwalds und ihrem Kreis haben Helmuth James so fasziniert, dass er im Wintersemester 1926/27 für ein Jahr an die Wiener Universität wechselte. So konnte er seine Kontakte vertiefen und neue knüpfen. Das Haus der Schwarzwalds, in dem er zeitweilig auch wohnte, wurde für ihn ein wichtiger Ort der Begegnungen und Gespräche. Von Bedeutung sollte besonders die Bekanntschaft mit zwei Frauen werden: der dänischen Schriftstellerin Karin Michaelis (1872–1950), der ältesten und besten Freundin der «Fraudoktor», und der amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson (1894–1961), die 1927 von Wien nach Berlin zog. Durch Letztere kam er auch in Kontakt mit dem Berliner Korrespondenten der Chicago Daily News, Edgar Mowrer, und dessen Frau.

Während seines Wiener Studiums entwickelte Moltke ein engeres Verhältnis zu dem Staats- und Völkerrechtler Hans Kelsen (1881–1973) und dem Völkerrechtler Alfred Verdross (1890–1980). Bei Kelsen hörte er «Allgemeine und Österreichische Staatslehre», bei Verdross «Verfassung und Tätigkeit des Völkerbundes». Schon in Wien begann die allmähliche Hinwendung des Jurastudenten zu den beiden Schwerpunkten Staats- und Völkerrecht. Aber er besuchte auch die nationalökonomischen Vorlesungen von Othmar Spann. Hinzu kam eine Vorlesung über die Philosophie von Kant bis Hegel bei Robert Reininger.[3]