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Hunde zeigen uns, wer wir wirklich sind. Sie spiegeln unsere Stärke, unsere Unruhe, unsere Ängste, und manchmal bringen sie uns genau dadurch an unsere Grenzen. Doch hinter all dem Chaos, den Zweifeln und der Überforderung liegt eine wertvolle Wahrheit: Wachstum beginnt dort, wo wir ehrlich zu uns selbst werden. Dieses Buch basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen, auf Momenten voller Liebe, Frust, Tränen und Hoffnung. Es erzählt unzensiert und ehrlich vom echten Leben mit Hund, von den Rückschlägen und von den kleinen Wundern, die Mut machen. Und von der tiefen Verbindung, die entsteht, wenn Mensch und Hund beginnen, einander wirklich zu sehen. Es ist kein klassischer Ratgeber, sondern eine Einladung, hinzuschauen, zu fühlen, zu reflektieren und sich selbst im Spiegel des eigenen Hundes zu erkennen. Mit meinen ehrlichen Geschichten, praktischen Impulsen und viel Herz möchte ich dich ermutigen, dranzubleiben, Vertrauen zu finden und den Weg gemeinsam mit deinem Hund zu gehen, echt, achtsam und voller Liebe. Für alle, die spüren, dass ihr Hund sie etwas lehren will.
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1|Die erste Begegnung
2|Mein erster Hund und wie er mich geprägt hat
3|Die ersten Anzeichen: Was ich nicht wusste
4|Die Ängste und Unsicherheiten eines Hundebesitzer
5|Der Maulkorb
6|Reizüberflutung: Überforderung im Alltag
7|Sozialmotivierte Aggression verstehen
8|Der Versuch, Lösungen zu finden
9|Verhalten verstehen: Die psychologische Seite.
10| Gesundheitliche Aspekte: Auswirkungen auf das Verhalten
11|Die Rolle der Ernährung
12|Welche Trainingsmethoden wirklich helfen
13|Training und Geduld: Kleine Schritte
14|Die Bedeutung von Konsequenz und Struktur
15|Die Rolle der Ruhe – Warum Entspannung wichtiger ist als Beschäftigung
16|Die Kommunikation zwischen uns: Jenseits der Worte
17|Der Umgang mit Rückschlägen
18| Alltag mit einem "auffälligen" Hund – Wie andere reagieren
19| Selbstfürsorge für Hundebesitzer
20| Fortschritte erkennen – auch wenn sie klein sind
21| Akzeptanz statt Perfektion – Der Frieden mit dem Hund, den man hat
22| Rückblick – Was ich heute anders machen würde
Abschluss: Euer Weg – gemeinsam wachsen
Einleitung
Einen Hund in sein Leben aufzunehmen bedeutet, sich auf eine Reise einzulassen – eine Reise, die das Herz, den Alltag und oft auch die eigene Persönlichkeit grundlegend verändert. Es bedeutet, sein Herz weit zu öffnen: für Liebe, Vertrauen und Nähe, aber ebenso für Zweifel, Ängste und Unsicherheiten. Wer einen Hund zu sich nimmt, denkt meist an die schönen Momente – an die Spaziergänge durch Felder und Wälder, an die Freude über die Begrüssung nach einem langen Tag, an die Wärme eines Tieres, das sich an einen schmiegt und einfach „da“ ist. Doch was oft vergessen wird: Hunde sind keine idealisierten Bilder, die wir uns ausmalen, sondern eigenständige Wesen mit ihren Erfahrungen, Prägungen und Bedürfnissen. Sie sind so individuell wie wir Menschen. Und genau das macht das Zusammenleben mit ihnen zu einer der tiefsten, ehrlichsten und manchmal auch schwierigsten Erfahrungen, die man machen kann.
Als Sly, meine Hündin, in mein Leben kam, trug ich viele Hoffnungen in mir. Ich wünschte mir ein harmonisches Zusammenleben, das von Vertrauen, Freude und Abenteuer geprägt sein würde. Ich träumte von Leichtigkeit, von gemeinsamen Erlebnissen und einer Selbstverständlichkeit, die einfach da ist, wenn Mensch und Hund einander finden. Doch ich lernte schnell, dass unser Weg anders sein würde. Sly brachte nicht nur all die Liebe, Lebendigkeit und Nähe mit, die ich mir erhofft hatte, sondern auch Herausforderungen, die mich an meine Grenzen führten. Ihre Reaktivität, ihre Unsicherheiten in sozialen Situationen und ihre Sensibilität stellten mich immer wieder vor die Frage: Bin ich stark genug, geduldig genug, mutig genug, um diesen Weg wirklich zu gehen?
Der Weg mit einem Hund wie Sly ist kein leichter. Er ist geprägt von Höhen und Tiefen, von Rückschritten, Zweifeln und dem Gefühl, manchmal ganz allein dazustehen. Aber er ist ebenso geprägt von kleinen Momenten, die zeigen, dass Veränderung möglich ist – leise, langsam und oft unbemerkt. Ich begann zu verstehen, dass ihre Reaktionen keine Angriffe gegen mich waren, sondern Ausdruck ihrer Überforderung. Dass sie nicht kämpfte, um mir das Leben schwer zu machen, sondern darum, mit einer lauten, schnellen und unberechenbaren Welt zurechtzukommen.
Diese Erkenntnis veränderte meine Sichtweise. Denn sobald ich aufhörte, nur das Verhalten zu sehen und begann, die Gefühle und Bedürfnisse dahinter wahrzunehmen, wurde mein Blick weicher – auf sie und auch auf mich selbst. Ich erkannte, dass Veränderung nicht in der Kontrolle liegt, sondern im Vertrauen. Dass Beziehung nicht heisst, Erwartungen zu erfüllen, sondern sich gegenseitig anzunehmen, auch dann, wenn es schwierig ist.
Sly wurde zu meinem Spiegel. Sie zeigte mir meine eigenen Grenzen, meine Ungeduld, meine Angst vor Fehlern, mein Bedürfnis nach Kontrolle und Anerkennung. Und genau in dieser Spiegelung begann ich zu wachsen. Denn ich begriff, dass ich nur dann Sicherheit geben konnte, wenn ich selbst in mir ruhte. Dass ich nur dann Gelassenheit von ihr erwarten durfte, wenn ich selbst gelassen blieb. Sly brachte mich dazu, mich selbst genauer kennenzulernen – meine Muster, meine Schwächen, aber auch meine Stärke.
Dieser Prozess war nicht angenehm. Oft war er schmerzhaft, voller Selbstzweifel und Unsicherheit. Aber gerade darin lag das grösste Geschenk. Denn durch sie lernte ich, dass echte Liebe nicht bedeutet, dass alles leicht ist. Echte Liebe bedeutet, dabeizubleiben – auch dann, wenn es unbequem wird.
Echte Liebe bedeutet, nicht wegzusehen, sondern hinzuschauen. Echte Liebe bedeutet, Schritt für Schritt weiterzugehen, auch wenn man müde und entmutigt ist.
Vielleicht hältst du dieses Buch in den Händen, weil auch du mit einem Hund lebst, der dich herausfordert. Vielleicht suchst du nach Antworten, nach Trost, nach der Gewissheit, dass du mit deinen Gefühlen nicht allein bist. Vielleicht kennst du die Scham, wenn dein Hund in einem Moment laut und auffällig reagiert. Vielleicht kennst du die Angst, dass andere dich verurteilen. Vielleicht kennst du die Müdigkeit, immer wieder von vorne anzufangen. Und vielleicht trägst du trotzdem, tief in dir, die Hoffnung, dass Vertrauen möglich ist. Dass ihr gemeinsam wachsen könnt.
Dieses Buch soll dir zeigen, dass du nicht alleine bist. All die Zweifel, die Wut, die Scham, die Hilflosigkeit – sie gehören dazu. Aber genauso gehören dazu die Freude, die kleinen Fortschritte, die stillen Erfolge, die niemand sonst sieht. Es ist nicht der einfache, gerade Weg, den viele von aussen erwarten. Es ist ein verschlungener Pfad, voller Umwege, voller Hindernisse – aber auch voller Überraschungen, voller Erkenntnisse und voller Schönheit. Vertrauen entsteht nicht von heute auf morgen. Es wächst in unscheinbaren Augenblicken, in denen wir präsent sind, zuhören und annehmen. Es wächst, wenn wir aufhören, unseren Hund zu vergleichen, und stattdessen anfangen, ihn in seiner Einzigartigkeit zu sehen. Es wächst, wenn wir akzeptieren, dass Liebe nicht heisst, dass alles perfekt ist, sondern dass wir auch die schwierigen Momente gemeinsam aushalten.
Dieses Buch ist kein klassischer Ratgeber, der schnelle Lösungen präsentiert. Es ist eine Sammlung meiner Erfahrungen mit Sly – voller Zweifel, voller Fehler, voller Erkenntnisse, aber auch voller Mut und Hoffnung. Es ist ein ehrlicher Bericht darüber, was es bedeutet, mit einem Hund zu leben, der nicht ins Schema passt. Es ist eine Einladung, Vertrauen zu fassen – in deinen Hund, in eure Beziehung und nicht zuletzt auch in dich selbst.
Unsere Reise ist noch nicht abgeschlossen. Sly und ich gehen sie weiter, Tag für Tag, Schritt für Schritt. Es gibt nach wie vor Momente der Unsicherheit und nach wie vor Herausforderungen. Doch heute weiss ich, dass jeder einzelne Schritt sich lohnt. Denn Sly hat mir nicht nur beigebracht, wie man mit Geduld, Achtsamkeit und Liebe einem Hund begegnet. Sie hat mir gezeigt, wie ich auch mir selbst begegnen kann – mit mehr Verständnis, mehr Freundlichkeit, mehr Mut.
Und vielleicht ist das die wahre Aufgabe, die uns Hunde stellen. Nicht nur sie zu erziehen, sondern uns selbst neu kennenzulernen. Nicht nur ihre Ängste zu verstehen, sondern auch unsere eigenen. Nicht nur sie zu führen, sondern uns selbst zu entwickeln. Denn am Ende ist es nicht nur der Hund, der wächst – wir wachsen mit. Dieses Buch ist mein Versuch, diese Reise mit dir zu teilen. Es soll Mut machen, auch wenn es schwer ist. Es soll zeigen, dass du nicht allein bist. Und es soll dich einladen, deinen Hund nicht durch die Brille der Erwartungen zu sehen, sondern durch die Brille des Vertrauens. Denn wenn wir bereit sind, die Welt für unsere Hunde ein Stück sicherer zu machen, verändern wir nicht nur ihr Leben – sondern auch unser eigenes.
1|Die erste Begegnung
Als mein erster Hund Tyson im Dezember 2022 starb, hinterliess er eine Lücke in meinem Leben, die nicht in Worte zu fassen ist. Tyson war weit mehr als nur ein Hund – er war mein Seelenhund, mein treuer Begleiter durch Licht und Schatten. Unsere Beziehung war tief und einzigartig – eine Verbindung, die man nur einmal im Leben findet. Er kannte mich wie kein anderer, verstand meine Stimmungen, ohne dass ich ein Wort sagen musste. Tyson war immer an meiner Seite, selbst in den dunkelsten Stunden meines Lebens.
Doch seine letzten Monate waren geprägt von Krankheit und Abschied, von schwindender Kraft und dem Wissen, dass ich ihn bald loslassen müsste. Die Spaziergänge wurden kürzer, sein Gang langsamer, sein Blick müder. Und gleichzeitig spürte ich diese unerschütterliche Liebe, die er mir bis zum letzten Atemzug schenkte. Trotz aller Fürsorge kam der Tag, an dem ich ihn erlösen musste. Es war eine der schwersten Entscheidungen, die ich je treffen musste – aber auch ein letzter Akt voller Liebe. Ich wollte ihm weiteres Leid ersparen. Ich erinnere mich, wie ich danach in eine Stille fiel, die lauter war als jedes Geräusch. Ein Teil von mir starb an diesem Tag mit ihm.
Wie Tysons Geschichte mein neues Leben mit Sly beeinflusste, werde ich im nächsten Kapitel erzählen.
Nach Tysons Tod fühlte ich mich leer und zerbrechlich. Der Alltag ohne ihn war ungewohnt, schmerzhaft und fremd. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, fehlte mir sein vertrautes Schnaufen, das liebevolle Schwanzwedeln, das mich stets begrüsste und willkommen hiess. Ich fühlte mich entwurzelt – als hätte mir jemand den Boden unter den Füssen weggezogen. Plötzlich war da nur Leere, wo früher Wärme gewesen war.
Obwohl tief in mir der Wunsch schlummerte, eines Tages wieder einen Hund an meiner Seite zu haben, wusste ich, dass ich Zeit brauchte – Zeit zum Trauern, Zeit zum Heilen. Tyson war unersetzlich. Wie sollte ich je «ersatzweise» einen neuen Hund finden? Allein der Gedanke daran schien wie ein Verrat. Ich kämpfte mit Schuldgefühlen: Darf man überhaupt schon wieder an einen neuen Hund denken? Heisst das, man liebt den alten weniger?
Und dennoch wusste ich, dass mir ohne einen Hund an meiner Seite etwas fehlte – ein Teil von mir blieb unvollständig. Ein Leben ohne Hund war für mich kaum vorstellbar, und doch war der Schmerz noch so gross, dass ich mich nicht traute, nach vorn zu blicken. Wo sollte ich überhaupt anfangen? Ein Welpe? Allein die Vorstellung, wieder ganz von vorne zu beginnen, überforderte mich. Ein Tierheimhund vielleicht? Doch tief in mir spürte ich, dass die Zeit dafür noch nicht reif war. So kreisten meine Gedanken immer wieder im Kreis – und liessen mir keine Ruhe. Doch manchmal nimmt das Leben ungeahnte Wendungen.
Und so trat Sly in mein Leben – genau dann, als ich es am wenigsten erwartete.
Es war ein ganz gewöhnlicher Abend. Ich lag erschöpft auf dem Sofa und gönnte mir ein kleines Nickerchen. Die vergangenen Wochen hatten mich emotional ausgelaugt, und ich brauchte eine Pause. Plötzlich riss mich mein Partner – heute Ex-Partner – aus dem Schlaf: «Schau mal in den Fernseher!», rief er aufgeregt. Verschlafen öffnete ich die Augen und blickte zum Bildschirm. Die Sendung Tierisch lief – eine Serie, in der jede Woche Tiere aus Tierheimen vorgestellt werden, um ihnen ein neues Zuhause zu schenken.
Und dann sah ich sie: Sly.
Ein kleiner, robust wirkender Mischlingshund, eine Mischung aus Jack Russell und französischer Bulldogge. Auf den ersten Blick unscheinbar – und doch spürte ich sofort, dass etwas an ihr anders war. Ihr braun-gestromtes Fell war ein Kunstwerk aus wirbelnden Linien und Mustern, die wie feine Pinselstriche über ihren Körper tanzten. Es schimmerte leicht im Licht, weich und zugleich widerstandsfähig – genau richtig für eine Entdeckerin, die die Welt erobern wollte.
Doch es waren ihre grossen, dunklen Augen, die mich am meisten fesselten. Sie schienen nicht nur zu sehen, sondern tief in mein Innerstes zu blicken, als könnten sie meine Seele lesen. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Neugier und Sanftheit, aber auch etwas Verletzliches, das mich augenblicklich berührte. Wie sie den Kopf leicht schief legte, während sie in die Kamera schaute, war so entwaffnend ehrlich, dass ich die Welt um mich herum vergass.
Und dann war da dieser kleine Überbiss. Ein einzelner Zahn, der leicht über ihre Oberlippe ragte – als hätte sie ihn absichtlich dorthin gesetzt, um frech und unverwechselbar zu wirken. Dieses kleine Detail war kein Makel, sondern ihr Markenzeichen. Ihre kompakten Muskeln, ihre riesigen, kerzengeraden Ohren, der leichte Knick an der Rute – all das machte sie einzigartig.
Sly war nicht «perfekt» im klassischen Sinne – und genau das machte sie für mich perfekt. Ich habe schon immer eine Schwäche für Hunde gehabt, die das gängige Schönheitsideal sprengen. Hunde mit Ecken und Kanten, die Geschichten in sich tragen. Und Sly war genau so ein Hund.
In der Sendung wurde sie als Rohdiamant beschrieben: freundlich, wild und voller ungenutztem Potenzial. Während ich sie ansah, spürte ich, wie mein Herz schneller schlug, als hätte es diesen Moment längst als Schicksal erkannt. Doch als die Sendung endete, versuchte ich, die Gedanken an sie beiseite zu schieben. «Verrückt», redete ich mir ein, «du bist doch noch gar nicht bereit.» Aber Sly liess mich nicht los.
Tag für Tag tauchte ihr Bild in meinem Kopf auf – klarer, lebendiger, als wäre es ein Ruf, den ich nicht ignorieren konnte. Schliesslich wusste ich: Ich musste handeln.
Ich besuchte die Website des Tierheims, das in der Sendung erwähnt wurde, und tatsächlich: Sly stand auf der Liste der vermittelbaren Hunde. Es gab viele Hunde dort – doch nur sie hatte mein Herz berührt. Also schrieb ich eine Nachricht, stellte Fragen über ihren Charakter, ihr Verhalten, ihre Bedürfnisse.
Einige Tage später bekam ich Antwort. Man lud mich ein, sie kennenzulernen. Sofort schrieb ich mir eine lange Liste mit Fragen – ich wollte alles wissen, nichts vergessen. Doch dann überkam mich Unsicherheit: War ich wirklich bereit? Konnte ich, nach all dem Verlust, mein Herz wieder öffnen?
Am vereinbarten Tag machten wir uns auf den Weg ins Tierheim. Schon beim Betreten spürte ich diese besondere Mischung aus Hoffnung und Traurigkeit, die in solchen Orten in der Luft liegt. Die Leiterin begrüsste uns freundlich und begann, Slys Geschichte zu erzählen.
Zwei Jahre hatte Sly in einem kleinen Zimmer verbracht – ohne Liebe, ohne Zuwendung, ohne Nähe. Kein Spaziergang, kein Spiel, kein freundliches Wort. Alles, was für andere Hunde selbstverständlich war, war für sie fremd. Eines Tages war sie vom Veterinäramt beschlagnahmt worden; weitere Details dazu sind leider nicht bekannt. Und doch, trotz all dem Entzug, war sie freundlich geblieben. Offen für Menschen, offen für andere Hunde, als hätte sie sich irgendwo tief in ihrem Innern ein Stück Vertrauen bewahrt – ein leises „Trotzdem“, das in ihr weiterlebte. Diese Geschichte traf mich mitten ins Herz. Ich spürte Mitgefühl, aber auch eine Entschlossenheit, die ich kaum in Worte fassen konnte. Dieses kleine Wesen hatte so viel Schmerz erlebt – und trotzdem war da noch Hoffnung in ihr.
Dann kam der Moment, auf den ich gewartet hatte: Ich durfte sie sehen.
Die Tür öffnete sich – und da war sie. Wild, aufgedreht, voller Energie. Sie zog sofort auf mich zu, als hätte sie mich schon immer gekannt. Ihre Augen suchten meine, voller Nervosität und doch mit einem Funken Vertrauen.
In diesem Augenblick wusste ich: Das ist sie. Mein Hund.
Kein lauter, dramatischer Moment – vielmehr eine stille Gewissheit, die mich tief im Herzen traf. Alles in mir sagte: Sly gehört zu mir.
Ich ging nach Hause, und natürlich kreisten meine Gedanken unaufhörlich um Sly – und um Tyson. Dieses nagende schlechte Gewissen liess mich nicht los. Immer wieder fragte ich mich, ob es richtig war, ob ich vielleicht zu früh handelte, ob ich überhaupt das Recht hatte, schon wieder einen Hund in mein Leben zu lassen. Ich erinnerte mich an Tysons vertrautes Schnaufen, an sein warmes, schweres Gewicht neben mir auf dem Sofa, an die kleinen Rituale, die unser Zusammenleben so besonders gemacht hatten. Durfte ich all das jetzt ersetzen?
Doch so sehr ich versuchte, diese Zweifel in den Vordergrund zu stellen, tief in mir wusste ich: Ich konnte nicht anders. Sly hatte mein Herz berührt, so klar und so tief, dass es sich anfühlte, als hätte ich gar keine Wahl. Es war, als würde sie schon längst ein Teil meines Lebens sein, obwohl wir uns kaum kannten. Ich stellte mir vor, wie sie durch die Räume meiner Wohnung hüpfte, wie sie mich neugierig ansah, die Nase in alle Ecken steckte und mir dabei dieses unvergleichliche Funkeln in den Augen schenkte, das ich schon auf dem Bildschirm gespürt hatte.
In den darauffolgenden Tagen besuchte ich sie noch einige Male. Jedes Treffen, jeder Blick, jede noch so kleine Geste von ihr machte meine Entscheidung ein Stück klarer. Wenn sie mich ansah, spürte ich ihre ganze Geschichte: die Angst, die Unsicherheit, aber auch die kleine, ungebrochene Hoffnung, die in ihr lebte. Mit jedem Wiedersehen verschwand ein wenig von meiner Unsicherheit, und an ihre Stelle trat ein wachsames, sanftes Gefühl, dass wir zusammengehören, dass wir uns gegenseitig finden würden, egal wie schwierig der Weg auch sein mochte.
Ich stellte mir vor, wie wir unsere ersten Spaziergänge machen würden, wie wir gemeinsam Neues entdecken, Fehler machen, lachen und lernen würden. Ich dachte an all die Momente, in denen ich ihr Sicherheit geben könnte, und gleichzeitig spürte ich, wie sehr sie mir Halt geben würde – ein Spiegel, ein Freund, ein Lehrer zugleich.
Schliesslich fasste ich den Mut und traf die Entscheidung: Ich würde Sly zu mir holen. Es war kein einfacher Schritt, aber es war der einzig richtige. Nicht als Ersatz für Tyson, sondern als neues Kapitel, als Chance für uns beide. In diesem Moment spürte ich, dass ich ihr nicht nur ein Zuhause schenkte – sie schenkte mir im Gegenzug auch einen Weg zurück ins Leben, eine neue Hoffnung, die ich längst verloren geglaubt hatte. Ich wusste, dass wir einander verändern würden, dass wir gemeinsam wachsen würden, Schritt für Schritt, Tag für Tag, und dass jeder neue Augenblick mit ihr eine kleine, unschätzbare Lektion enthalten würde – über Geduld, Vertrauen und die unendliche Kraft der Liebe zwischen Mensch und Hund.
CHECKLISTE WELPENKAUF
EIGENE LEBENSSITUATION
Genug Zeit für Betreuung, Spaziergänge und Training?
Passt ein Hund zu Beruf, Familie, Wohnsituation?
Langfristige Verantwortung (10–15 Jahre) bewusst?
KOSTEN REALISTISCH EINSCHÄTZEN
Futter, Zubehör, Tierarzt, Impfungen, Versicherung
Hundeschule, Training, mögliche Krankheiten
Notfälle oder Spezialbehandlungen einkalkulieren
RASSE & EIGENSCHAFTEN
Passt Rasse/Mischung zum Alltag?
Typische Verhaltensmerkmale und Bedürfnisse kennen
Gesundheitliche Risiken beachten
SERIÖSE ZUCHT / ADOPTION
Zucht transparent & vertrauenswürdig?
Elterntiere sehen & Haltung prüfen
Gesundheitschecks & Impfungen vorhanden?
EIGENE ERWARTUNGEN
Bereit für Geduld & Arbeit?
informiert über Training, Beschäftigung, Alltag mit Welpen?
Akzeptanz von Eigenheiten & Verhalten des Hundes?
BERATUNG EINHOLEN
Trainer:innen, Tierärzt:innen, erfahrene Hundebesitzer:innen
Kritische Online-Recherche zu Rasse, Zucht, Ernährung
Empfehlungen für gute Hundeschulen prüfen
ZEIT LASSEN
Nicht impulsiv entscheiden
Mehrere Zuchten/Adoptionen vergleichen
Besuche vor Ort & mehrere Welpen kennenlernen
2|Mein erster Hund und wie er mich geprägt hat
Tyson. Schon allein der Name bringt mir eine Welle von Emotionen. Erinnerungen, die mein Herz mit Wärme und Schmerz zugleich füllen. Er war mein erster Hund, und was ich damals noch nicht wusste: Er würde mein Leben in einer Weise verändern, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.
Ich hatte Tyson als Welpen von einer Familie in Deutschland geholt. Die Entscheidung, einen Hund in mein Leben zu holen, war für mich glasklar. Schon als Kind träumte ich davon, eines Tages meinen eigenen Hund zu haben – jemanden, der mir bedingungslos treu zur Seite steht. Doch damals hatte ich keinerlei Erfahrung. Ich malte mir ein Bild von Hunden, wie es vermutlich viele tun, die das erste Mal ein Tier aufnehmen: treu, sozial, freundlich – ein perfekter Begleiter, der mein Leben bereichert. Ich suchte also nach „dem perfekten Hund“.
Eigentlich wusste ich gar nicht, wonach ich bei einem Hund suchen sollte. Ich hatte keine Ahnung. Damals war mir auch überhaupt nicht bewusst, wie viele Hunde in Tierheimen leben. Für mich war irgendwie klar, dass es einfach ein Welpe werden würde. Über die verschiedenen Rassen, ihre Krankheiten, ihren Charakter und all die anderen wichtigen Aspekte wusste ich nichts. Ich ging völlig blauäugig an die Sache heran.
Im Internet stiess ich eines Abends auf eine Anzeige. Vier Mischlingswelpen – eine Mischung aus Französischer Bulldogge und Shih Tzu. Eine lustige Kombination, die man tatsächlich als „Bullshit“ bezeichnet. Die Beschreibung der Welpen war liebevoll, und die beigefügten Bilder liessen mein Herz schneller schlagen. Ich hatte mich sofort in eines der Weibchen verliebt. Sie war noch zu haben, und ich vereinbarte einen Termin mit der Familie. Ich erinnere mich noch genau, wie ich voller Vorfreude losfuhr, mit
