Herr aller Dinge - Andreas Eschbach - E-Book
oder
Beschreibung

Das enhanced E-Book von "Herr aller Dinge" enthält zusätzlich zum Roman ein Begrüßungsvideo und ein Videointerview mit dem Autor, die exklusive Kurzgeschichte "Das schwarze Messer" und ein umfangreiches Glossar. Der Roman: Als Kinder begegnen sie sich zum ersten Mal: Charlotte, die Tochter des französischen Botschafters, und Hiroshi, der Sohn einer Hausangestellten. Von Anfang an steht der soziale Unterschied spürbar zwischen ihnen. Doch Hiroshi hat eine Idee. Eine Idee, wie er den Unterschied zwischen Arm und Reich aus der Welt schaffen könnte. Um Charlottes Liebe zu gewinnen, tritt er an, seine Idee in die Tat umzusetzen - und die Welt damit in einem nie gekannten Ausmaß zu verändern. Was mit einer bahnbrechenden Erfindung beginnt, führt ihn allerdings bald auf die Spur eines uralten Geheimnisses - und des schrecklichsten aller Verbrechen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:1071


ANDREAS ESCHBACH

HERR

ALLER

DINGE

Roman

Lübbe Digital

Vollständige E-Book Ausgabe

des in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Lübbe Digital in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG

Dieser Titel ist auch als Hörbuch bei Lübbe Audio lieferbar

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Copyright © 2011 by Andreas Eschbach und

Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln

Textredaktion: Stefan Bauer

Umschlaggestaltung: Pauline Schimmelpenninck

Büro für Gestaltung, Berlin

Umschlagmotiv: © Daniel White / Skytopia

Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Enhanced E-Book Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-8387-1352-6

Sie finden uns im Internet unter

www.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

BEGRÜSSUNG DES AUTORS

Hier befindet sich ein Video, das von Ihrem Gerät nicht angezeigt werden kann!

PROLOG

Ich weiß jetzt, wie man es machen muss, damit alle Menschen reich sind«, sagte Hiroshi.

»Quatsch«, sagte Charlotte. »Das geht nicht.«

»Doch, das geht«, beharrte er.

»Schaukel lieber«, sagte Charlotte. Es ärgerte sie, dass Hiroshi nur auf dem Brett saß und knirschende Geräusche mit der Kette machte. Sie stieß sich ab, schaukelte. »Los! Wer am höchsten kommt!«

Der Himmel war heute Abend wie dunkelblaues Glas, unendlich weit und geheimnisvoll. Keine einzige Wolke war zu sehen, nur ein erster, winziger Stern, der aufgeregt zwinkerte und blinkte. Wie eine Einladung, ihn doch zu besuchen. Wenn man dort hinauffliegen könnte …! Und die Luft roch warm und nach Sommer, fremdartigen Gewürzen, nach frisch gemähtem Gras.

»Schaukel doch!«, rief sie. »Ich glaub dir eh nicht!«

»Du wirst schon sehen.«

»Ich weiß, was du dir ausgedacht hast. Du denkst, wenn man einfach nur genug Geldscheine druckt, dann sind alle Leute reich«, schrie Charlotte, während die Schaukelschwünge sie immer weiter und weiter hinauftrugen und der Wind ihr ganz herrlich ins Kleid fuhr. »Aber das funktioniert nicht. Mein Papa hat mir das genau erklärt. Davon wird einfach alles nur teurer, denn es gibt ja nicht mehr Sachen, nur weil es mehr Geldscheine gibt!«

Hiroshi warf ihr einen verächtlichen Blick zu. »Das weiß ich selber«, rief er.

»Na also. Dann schaukel endlich! Wer sich traut zu springen!« Charlotte jauchzte. Heute würde sie sich trauen! Sie würde sich ganz, ganz hoch hinaufschwingen und dann loslassen.

Und fliegen!

»Du wirst schon sehen«, rief Hiroshi noch einmal. Dann fing auch er an zu schaukeln, stieß sich mächtig ab, legte sich ins Zeug, um zu ihr aufzuholen. »Wenn ich groß bin, mach ich das!«

»Was denn?«

»Dass alle Leute reich sind. Aber echt reich! Dass jeder alles hat, was er will. Und so viel er will.«

Charlotte schwang mit aller Kraft weiter und überlegte, was sich Hiroshi wohl wirklich ausgedacht haben mochte. Die Schaukel quietschte jämmerlich, und sie begann, ein wenig zu schwanken, weil eines der Beine nicht mehr fest in dem Beton steckte, in dem es hätte verankert sein sollen. »Wie willst du das denn machen?«

»Verrat ich nicht.«

»Weil du’s nicht weißt. Weil du bloß angeben willst.«

Damit war Hiroshi nicht zu beeindrucken. Das hatte sie schon gewusst. Er war sich immer so unglaublich sicher in allem, was er sagte!

»Wart’s einfach ab«, schrie er, warf die Beine himmelwärts und hatte aufgeholt.

Charlotte keuchte vor Anstrengung. »Wenn das wahr ist, dann musst du springen!«

»Okay!« Hiroshi raste jetzt so wild hin und her, hin und her, vor und zurück, als wolle er sich mit der Kette um die Stange oben wickeln. »Aber weißt du, was ich mich frage?«

»Was?«

»Warum vor mir noch niemand draufgekommen ist, wie man das machen muss!«, schrie Hiroshi. »Es ist nämlich unglaublich einfach!«

Damit ließ er los und flog, flog durch die Luft wie aus einer Kanone geschossen. Eine Weile schien er zu schweben, dazu bestimmt, immer weiter und weiter zu fliegen, bis in den Himmel hinauf und in den Weltraum dahinter. Aber dann kam er doch auf dem Rasen auf, rollte sich jauchzend ab und lachte.

Charlotte beobachtete ihn neiderfüllt. Sie hatte aufgehört, sich ins Schaukeln hineinzusteigern, klammerte sich nur an die Ketten und wartete ab, bis sie ausgeschwungen hatte. Als es so weit gewesen wäre, loszulassen, hatte sie es doch nicht gekonnt. Wieso nicht? Wo sie es sich doch so sehr wünschte!

Charlotte Malroux kannte mehr Vergangenheit als irgendjemand sonst, doch die Zukunft kannte sie nicht.

Sie war erst zehn Jahre alt und wusste noch nicht, was für eine Gnade das war.

DIE INSEL DER HEILIGEN

1

Hiroshi und seine Mutter lebten im dritten Stock in einem der Häuser gegenüber der französischen Botschaft, wo sie als Wäscherin arbeitete. Sie hatten zwei Zimmer und ein Bad. Im kleineren der beiden Zimmer schlief Mutter. Das andere diente als Küche, Esszimmer und Wohnzimmer. Hinter einem Wandschirm standen Hiroshis Bett und das Regal, in dem er seine Sachen aufbewahrte. Über dem Bett hatte er ein schmales Fenster aus drei Glassegmenten, die man schräg stellen konnte, um frische Luft hereinzulassen.

Sofern es welche gab. Das war hier, nahe dem Zentrum von Tokio, nicht zu allen Jahreszeiten selbstverständlich. Im Sommer war es nachts oft so schwül und warm, dass Hiroshi nicht schlafen konnte, und manchmal half nicht einmal Regen.

So war es auch in der Nacht, in der er das Mädchen zum ersten Mal sah.

Es regnete. Leiser, silberner Regen fiel vom Himmel und schimmerte im Licht des Mondes und der Stadt wie ein magischer Vorhang. In der Wohnung roch es nach Misosuppe, die es am Abend gegeben hatte, und nach der Wäsche, die an einer Leine quer durchs Zimmer gespannt war und nicht trocknen wollte. Hiroshi konnte nicht schlafen.

Er stand auf und streckte die Hand aus dem Fenster, um zu fühlen, ob es wenigstens ein bisschen weiter draußen kühler zu werden begann. Tat es nicht. So blieb er eine Weile stehen, sah auf den großen, dunklen Garten der Botschaft hinunter und wusste nicht, ob er müde war oder wach. Schließlich legte er sich wieder hin, weil es sonst nichts zu tun gab.

Als er das dritte Mal aufstand, um hinauszuschauen, stand mitten im Garten ein Mädchen.

Sie stand einfach da, die Arme weit ausgebreitet, und schaute zum Himmel hinauf. Sie hatte langes schwarzes Haar, das ihr den Rücken hinabfiel. Sie trug nur ein Nachthemd, und das klebte ihr völlig durchweicht am Körper.

Hiroshi kniff die Augen zu, zählte bis zehn und machte sie wieder auf.

Das Mädchen stand immer noch da unten, mitten auf dem Rasen. Sie wiegte sich hin und her, ganz langsam und verträumt, während der warme Regen auf sie herabprasselte.

Hatte er einen Laut der Überraschung von sich gegeben? Hiroshi wusste es nicht, aber jedenfalls hörte er die Schiebetür gehen, und seine Mutter kam herein. »Was ist?«, fragte sie. »Du sollst schlafen.«

»Da ist ein Mädchen im Garten«, sagte Hiroshi.

Mutter schlurfte ans große Fenster, besah sich das Schauspiel eine Weile schweigend und meinte schließlich: »So fängt das also an. Dass reiche Leute irgendwann verrückt werden.«

»Wieso tut sie das?«, fragte Hiroshi.

»Es ist ein neuer Botschafter angekommen. Das ist vielleicht seine Tochter. Jemand hat so was gesagt, dass er eine Tochter hat.«

»Sie ist ganz nass.«

»Geh schlafen«, sagte Mutter.

»Ich kann nicht. Es ist so warm.«

»Du musst aber schlafen, sonst fallen dir morgen in der Schule die Augen zu. Leg dich wenigstens hin und ruh dich aus.«

Hiroshi rührte sich nicht von der Stelle, so wenig wie das Mädchen. Es sah aus, als bete es den Mond an. Oder als warte es, dass etwas vom Himmel fiel, das es umarmen konnte. »Was ist mit ihr? Sie muss doch auch in die Schule.«

»Was geht dich an, was sie macht?« Jetzt klang Mutter ungehalten. »Das sind reiche Leute. Mit denen haben Leute wie wir nichts zu schaffen.«

»Wieso sind die reich?«

»Sie sind es eben. Schlaf jetzt«, sagte Mutter und ging wieder.

Das schien das größte Problem der Welt zu sein: dass es Leute gab, die reich waren, und andere, die es nicht waren. Mutter sprach oft davon.

In diesem Moment ließ das Mädchen die Arme sinken. Sie blickte zum Haus zurück, und es sah aus, als würde sie von dort gerufen. Durch das Rauschen des Regens hörte Hiroshi nichts, aber er sah, wie sie sich in Bewegung setzte, widerwillig, und wie sie mit nackten Füßen durch das Gras auf eine offene Tür zuging.

Hiroshi wartete, bis sie verschwunden war, dann legte er sich hin. Diesmal schlief er endlich ein, und natürlich träumte er von ihr.

Von da an lag er auf der Lauer. Jeden Nachmittag beeilte er sich, von der Schule nach Hause zu kommen und seinen Beobachtungsplatz am Fenster einzunehmen. Er gewöhnte es sich an, hier seine Schularbeiten zu machen, und am liebsten hätte er auch am Fenster gegessen, aber das erlaubte seine Mutter nicht.

»Was soll das?«, schimpfte sie. »Was machst du da?«

»Nichts«, sagte Hiroshi, und in gewisser Weise stimmte das sogar: Die meiste Zeit schaute er nur in den Garten der Botschaft hinunter und wartete. Er hätte nicht einmal sagen können, worauf eigentlich. Auf das Mädchen, klar. Aber warum? Was erhoffte er sich davon, sie noch einmal zu sehen? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er nicht anders konnte, als am Fenster auszuharren, obwohl er nicht mehr zu sehen bekam als ab und zu einen hellen Fleck hinter einer Scheibe, der ein Gesicht sein mochte oder auch nicht, und ab und zu einen Schatten, eine Bewegung.

Das Problem war, dass man von der Wohnung aus nur einen ganz kleinen Teil des Gartens einsehen konnte. Hiroshi wusste, dass der Garten sehr groß war, aber die Gebäude darum herum und die vielen Pflanzen versperrten einem die Sicht. Zum Beispiel wusste er, dass mitten in dem Garten der Botschaft ein Swimmingpool lag, doch durch die Bäume sah man nicht den kleinsten Schimmer davon.

Den Gärtner sah er oft. Das war Herr Takagi; Hiroshi kannte ihn nur aus der Ferne. Er mähte den Rasen, beschnitt die Büsche auf eine bestimmte Weise, wie sie in Frankreich üblich war: Das hatte er Mutter einmal erzählt.

Viel mehr passierte nicht. Hiroshi konnte den Vögeln zusehen, die sich ab und zu auf den Zweigen niederließen. Er verfolgte, wie die Schatten wanderten, und versuchte zu erraten, wie spät es war, ehe er auf die Uhr sah. Es war heiß, und es war unbequem am Fenster, aber jetzt hatte er es begonnen, da konnte er es nicht wieder lassen.

Als Hiroshi kurz vor den Sommerferien sein Zwischenzeugnis bekam, schimpfte Mutter über seine Noten. »Du könntest viel besser sein, wenn du dir nur Mühe geben würdest. Was du dir sonst immer alles merken kannst, da müsste die Schule für dich doch ein Kinderspiel sein. Aber es interessiert dich einfach nicht! Du denkst: Schule, Noten – muy! Aber das ist wichtig. Für später. Wenn du einmal einen guten Beruf haben willst, einen, bei dem du dazugehörst, bei einer guten Firma, dann musst du auf eine gute Oberschule gehen. Und die nehmen dich nur, wenn du gute Noten mitbringst.«

»Man muss nur die Aufnahmeprüfung schaffen«, wandte Hiroshi ein.

»Wenn deine Noten zu schlecht sind, darfst du die gar nicht erst machen«, erwiderte Mutter. »Das weißt du genau.«

»Ja«, gab er zu.

Es war immer dieselbe Leier. Es stimmte: Die Schule interessierte Hiroshi tatsächlich nicht. Aber war das seine Schuld? Warum lernten sie denn nichts Interessantes, zum Beispiel, wie Roboter funktionierten? Stattdessen langweilige Mathematik, langweiliges Japanisch, langweilige Erdkunde … Es würden noch Jahre vergehen, bis sie endlich mal etwas annähernd Interessantes wie zum Beispiel Physik bekamen.

Aber wenigstens hatte er nun Ferien. Das hieß, er konnte den ganzen Tag am Fenster auf der Lauer liegen.

Das gefiel seiner Mutter natürlich erst recht nicht. »Kannst du nicht etwas Vernünftiges mit deiner Zeit anfangen wie andere Kinder?«, rief sie jedes Mal, wenn sie von der Arbeit kam. »Wozu hab ich dir den Bastelkasten gekauft, den du unbedingt wolltest? Jetzt liegt er in der Ecke!«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!