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Wir alle können Hoffnung gut gebrauchen – aber ohne eine Auseinandersetzung mit dem, was uns wütend macht, geht das nicht. Anna Rosenwasser widmet sich in Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung den Fragen, die ihr als Aktivistin häufig gestellt werden: Wie können wir uns mit der Realität von Gewalt beschäftigen, ohne unsere Zuversicht zu verlieren? Wohin mit unserer Wut, die bei problematischen Diskussionen aufkommt? Warum fällt es vielen Frauen und Queers so schwer, Raum einzunehmen – und mit welchen Tricks schaffen wir es trotzdem? Die Texte beschreiben heutige Realitäten von Frauen und queeren Menschen mit Einfühlsamkeit und Humor. Sie öffnen Perspektiven, beleuchten allzu oft Missverstandenes und ermutigen, nicht alleine zu verzweifeln, sondern gemeinsam fantasievollen Widerstand zu leisten. Nicht zuletzt gewährt das Buch persönliche Einblicke in die Lebens- und Gedankenwelt einer jungen Nationalrätin.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Anna Rosenwasser
Herz
Feministische Strategien und queere Hoffnung
Rotpunktverlag
Einige der Texte basieren auf Kolumnen, die auf republik.ch erschienen sind: »Frau im Internet«, 22. August 2023; »Ich opfere rum«, 19. September 2023; »Ich erkläre Annahme der Wahl«, 14. November 2023; »Ein fremder Mann in meinem Bett«, 12. Dezember 2023; »Haha, Alkohol!«, 5. März 2024; »Willst du es auch, Max?«, 30. April 2024; »Nemo, die Häme und eine Hoffnung«, 28. Mai 2024; »Du hast mir sehr gefallen gestern. Nichts für ungut«, 17. September 2024; »Immer schön reserviert auftreten«, 12. November 2024; weiterhin auf: »Wiedersehen mit Myra«, in: Gruß aus der Küche. Texte zum Frauenstimmrecht, hg. von Rita Jost und Heidi Kronenberg, Rotpunktverlag, Zürich 2020; »Brief an Linda Fäh«, in: Saiten, 15. September 2021; »Referat für Überforderte«, Schauspielhaus Zürich, 8. Juni 2024.
Die Autorin und der Verlag bedanken sich bei folgenden Institutionen für die Unterstützung dieses Buchs:
Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2025 unterstützt.
© 2025 Rotpunktverlag, Zürich
www.rotpunktverlag.ch
Lektorat: Christiane Schmidt
Korrektorat: Jürg Fischer
eISBN 978-3-03973-061-2
1. Auflage 2025
Für meine Verbündeten
Vorwort
Queer as fuck
Sex!
Bisexueller Trotz
Über Überforderung
Wiedersehen mit Myra
Butch please
Coming out, letting in
Gewalt
Darüber schreiben
Mit Sicherheit ein Mann
Opfert rum!
Haha, Alkohol!
Zäme hässig
Hässig ist der Bodyguard von Trurig
Sei froh, Roland
I will fucking kill you
Herrschaft in der Drehtür
Raum einnehmen
Hoffen ist ein Verb
Dank
Die Autorin
Liebe Lesende, sehr geehrte Damen bis Herren, hoi Büsi, willkommen zu Herz! Dieses Buch ist ein Versprechen, und zwar, dass kein Mensch alleine ist.
Das Herz wird gern dem Kopf entgegengehalten. Als wäre sich die Wissenschaft nicht schon lange über die Verwobenheit von Gefühlen und Vernunft einig. Solange unsere Gesellschaft glaubt, dass Herz und Kopf zwei verschiedene Dinge sind, kann sie das eine ab- und das andere aufwerten. Gefühle gelten als etwas Weibliches und Vernunft als etwas Männliches. Wie das so ist mit Binarität, sie erleichtert, Ungerechtigkeit zu rechtfertigen.
Das Buch will diesen patriarchalen Marketingtrick aufbrechen. Auf der Welt besteht so gut wie nichts nur aus zwei starren Kategorien. Es geht darum, alles zu fühlen und zu lernen, die widersprüchliche Gleichzeitigkeit auszuhalten, von der Grässlichkeit von Gewalt bis zu all dem, was uns spüren lässt, dass wir nicht nur überleben, sondern leben. Manchmal sogar verdammt gerne.
Im safe space für cis Männer Bundeshaus wird einem immer wieder vor Augen geführt, wer Herz und Kopf vermischen darf und wer nicht. Von links bis rechts erzählen Politiker von ihrer Lebenswelt als Landwirte, Väter, Innerschweizer (auch als Rassisten und Frauenschläger – siehe S. 166). Legen hingegen minorisierte Gruppen ihr Erlebtes als Kompetenz aus, wird ihnen vorgeworfen, emotional und voreingenommen zu sein.
Wie schon unsere feministischen und queeren Vorfahr*innen wussten: Das Private ist politisch. Herz ist das Persönlichste, was ich je geschrieben habe. Was hier drin steht, ist alles echt. Einige Menschen habe ich anonymisiert, und wer nicht in einer Geschichte enden will, soll halt keinen Scheiß anstellen.
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Anna
Von meinem ersten Buch hatte ich erwartet, dass es von einer übersichtlichen Zahl junger, queerer Menschen gelesen wird, eine Art Subkulturbuch. Dann kam alles anders.
»Kannst du es bitte für meine Großmutter unterschreiben, sie heißt Ruth«, fragt mich jemand am Signiertisch. Am nächsten Tag bestellt es die Ständerätin einer christlichen Partei. Eine der nächsten Bestellungen kommt von einem Rolf. Dann eine von einer Teenagerin, und ich denke: Fuck, in dem Buch kommt mega viel Sex vor. Fingern (das Verb, nicht das Nomen). Und Darkrooms. Mehrere Texte handeln von Analsex. Fuck, fuck, fuck.
Es fiel mir nie schwer, über Sex zu schreiben. Ich schreibe gerne über Schönes; ich habe schon an mehreren queerfeministischen Büchern über Sex mitgeschrieben. Aber fast nie wird das offiziell so gesagt, denn, eben: fuck.
Nein, mir fiel es nie schwer, über Sex zu schreiben – weniger schwer als über Liebe, Gewalt oder Politik. Aber es fällt mir schwer, über Sex geschrieben zu haben. Zu wissen, dass Leute diese Texte, wenn sie veröffentlicht sind, lesen, von der Teenagerin bis zum Bundesrat, ist mir peinlich. Das ist widersprüchlich. Eigentlich finde ich, Jugendliche und Bundesräte sollen genauso Zugang haben zu feministischen Texten über Sexualität wie alle anderen. Vielleicht sogar noch mehr.
Wenn ich bei Lesungen aus meinem Rosa Buch ausnahmsweise Texte über Sex vorlese, wird mir oft heiß und kalt – die ängstliche Variante –, und das, obwohl ich sie selber geschrieben und publiziert habe! Was ich bisher zum Thema Körperlichkeit geschrieben habe, finde ich eigentlich noch immer koscher: dass jede Person die Freiheit genießen soll, so viel oder wenig Sex zu haben, wie es ihr passt, dass jeder Mensch altersgerechten Zugang zu Informationen rund um selbstbestimmte Sexualität erhalten soll, um verantwortungsvoll handeln zu können, und dass es eben falsch ist, das Thema Sex mit Scham zu überziehen, erst recht, wenn es um Frauen und Queers geht.
Darum schämte ich mich, dass in meinem ersten eigenen Buch Sex vorkam.
Und darum beginnt dieses Buch mit Sex.
Eine Situation, in der ich nicht damit gerechnet hatte, über Sex reden zu müssen, war am After-Apéro der größten Polit-Talkshow der Schweiz. Die Sendung hatte sich um irgendein LGBTQ-Thema gedreht, weil es in diesem modernen Land noch immer normal ist, dass wir darüber diskutieren müssen, ob alle Menschen die gleichen Rechte verdient haben. Danach gab es im Foyer des Schweizer Fernsehens Apéro für alle; wir Politikerinnen und Politiker waren da, außerdem die Schulklassen, die in der Sendung jeweils das Publikum stellen.
Während ich am Buffet vergebens nach Tee suchte, baute sich ein Jugendlicher vor mir auf. Er hielt sich an seinem Sektglas fest, vermutlich dem zweiten, und zog einen Mundwinkel hoch.
»Ich habe eine Frage.«
Das ahnte ich. Ich ahnte auch, dass die Frage nicht Gesetzgebungsprozesse betraf.
»Wie habt ihr eigentlich Sex?«, fragte der junge Mann, während sich seine Wangen ganz kommunistisch färbten. Ich vermute, er hat meinen SVP-Kontrahenten, der an diesem Abend gegen meine Rechte argumentiert hatte, nicht gefragt, wie er und seine Frau ihren Verkehr bewerkstelligen. Aber mich fragte er.
Der Junge nahm einen Schluck aus seinem Sektglas. Ich nahm keinen Schluck Tee, weil es keinen gab.
Ich hoffe, wir sind uns einig, dass es merkwürdig ist, dass ein Teenager eine ihm fremde erwachsene Polit-Aktivistin im Studio des nationalen Fernsehens nach ihrem Sexleben fragt. Merkwürdig, aber nicht ungewöhnlich. Seit ich geoutet bin, passiert mir das immer mal wieder. Männer und Frauen verschiedenen Alters fragen mich in unterschiedlichen sektglaslastigen Situationen, wie Frauen Sex miteinander haben. Sie grölen es nachts über die Straße, weil sie mich die Hand meiner Frau halten sehen. Sie äußern es schüchtern, fast flüsternd, im Gespräch unter Bekannten. Wenn es um Sex geht, vergreifen wir uns gern in der Lautstärke; wenn es um Queers geht, sowieso.
In einer idealen Welt hätte der Junge nie fragen müssen, weil er in der Schule altersgerechten Sexualkundeunterricht gehabt hätte, in dem unterschiedliche Sexpraktiken geschlechtsunabhängig erwähnt werden. Denn die meisten Praktiken sind nicht abhängig vom Geschlecht. Die meisten Sexpraktiken sind nicht abhängig vom Geschlecht. – Ich würde diesen Satz gerne ein paar Seiten lang wiederholen, aber die Papierpreise sind teuer.
Ich wäre ganz froh, würde dieser fremde Siebzehnjährige nicht nur in der Schule, sondern auch in Gesprächen mit Freunden, in den Sozialen Medien und in den Pornos, die er mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit1 schaut, einen Eindruck erhalten, wie Menschen unterschiedlicher Geschlechter einander nahekommen können. Stattdessen ist das Thema Sex zwar überall, wo wir nicht danach gefragt haben, aber etwa so vielseitig wie das Apéro-Angebot der Polit-Talksendung, wo ich mir gerade ein Glas Wasser nachschenkte, während ich mich fragte, ob ich ihm antworten solle.
Doch ich will antworten. Ich will unbedingt antworten.
Lesben haben so Sex, wie Heteros auch Sex haben könnten, wenn sie sich mal etwas Mühe gäben. Eigentlich gibt es wenig Sex, den wir ausschließlich als Lesbensex bezeichnen könnten. Wie auch? Die meisten Elemente, die beim Sex involviert sein können, sind unabhängig vom Geschlecht und der sexuellen Orientierung. Die meisten Menschen haben Finger, Münder, Anus, Nippel und haufenweise weitere Körperteile, die potenziell erogen sind. Und so gut wie alle Menschen haben Genitalien, die unterschiedlich und nicht so binär sind, wie wir alle meinen. Sextoys stehen ebenfalls allen zur Verfügung. The world is your oyster, die Welt liegt dir zu Füßen. Oder unter dir. Oder auf dir drauf. Wie du willst. Die Voraussetzungen für uns alle sind viel ähnlicher, als wir denken. Da liegt das Problem also nicht.
Es liegt wo völlig anders. Wir wachsen mit einem unnötig eingeengten Konzept davon auf, wer was machen darf, mit welchen Körperstellen und mit welchen Körperteilen.
Die allgemeine Auffassung, ab wann Sex Sex ist, orientiert sich an der Penetration durch einen Penis; erst dann ist es Sex. Nach dieser Definition hätten die meisten Lesben gar nie Sex. Wir leben einfach ein vergnügtes platonisches Leben voller freundschaftlicher Orgasmen.
Ich finde die Definition von »Sex« auch unabhängig davon absurd – als wären zum Beispiel Oralsex und Stimulation durch Hände nicht auch sexuelle Akte oder sonstiger konsensueller Schund, der von allen Beteiligten als sexuell wahrgenommen wird. Ich frohlocke nicht gerade, wenn ich Worte wie »Penetration« oder »Stimulation« tippen muss. Sie klingen für mein Verständnis schrecklich unherzlich. Aber das ist Teil der Krux an dem Verhältnis unserer Gesellschaft zu Sex. Sie hat solche Berührungsängste vor der Berührung, dass sie keine guten anständigen Worte entwickelt, nicht mal gute unanständige.
Im Kontrast dazu sind die ungeschriebenen Regeln, welcher Sex normal ist, entgeisternd unvage. Der Mann penetriert die Frau, und zwar mit seinem erigierten Penis. Damit beginnt der Sex; alles davor oder dazwischen ist Vorspiel. Und wenn der Mann einen Orgasmus hatte, ist der Sex zu Ende. Dieses Drehbuch darf dekoriert werden mit Großzügigkeiten: Der Luxus eines weiblichen Orgasmus kommt bei Heteros mindestens zu 30 Prozent seltener2 vor als der männliche, und Oralsex erhalten 63 Prozent der Männer, aber nur 44 Prozent der Frauen,3 da ein erheblicher Anteil Männer sich vor aktivem Oralsex bei Frauen ekelt.4The world could be your oyster, und du entscheidest dich aktiv dagegen!
Ich habe noch eine Statistik, nämlich meine eigene. Ich erinnere mich, wie ich während meiner ausschweifenden Zeit mit Männern oft während des Sex dachte: Okay, von mir aus könnte das jetzt zu Ende sein, ich warte einfach. Ich fühlte mich damit nicht grob in meinen Grenzen verletzt; es galt einfach als selbstverständlich, dass der Sex zu Ende ist, wenn der Mann kommt, und darauf wartete ich halt, manchmal in der Hoffnung, dass mein Gegenüber feministisch genug war, dass es danach für mich noch etwas weiter ging.
Ich befürchte, es geht vielen Frauen so, dass sie auf den Höhepunkt des Mannes warten, während der Sex eigentlich vorbei wäre, ginge es nach ihnen. Zu der Zeit, als es mir so erging, hielt ich mich und mein Verständnis von Sexualität bereits für feministisch, und es ist mir unangenehm, zuzugeben, dass mein Liebesleben zuerst lesbisch werden musste, damit ich verstand.
Sex sollte dann zu Ende sein, wenn eine involvierte Person keine Böcke mehr hat. Egal, wer schon alles einen Orgasmus hatte. Egal, wie lange oder kurz der andauert. Wenn jemand eigentlich nicht mehr will, muss Sex beendet werden können. Einfach zu warten aus einem Verpflichtungsgefühl heraus, ist kein feministischer Sex.
Mir dämmerte das erst, als ich anfing, Sex zu haben, der keinen Penis involvierte. Unsere Kultur hat ein irritierend genaues Regelwerk dafür, wie Mann-Frau-Sex auszusehen hat – und nimmt Frau-Frau-Sex so wenig ernst, dass er im Regelwerk vergessen wurde.
Das schenkt jedoch denjenigen, die eine Vulva haben, eine potenzielle Freiheit: Wenn kein Geschlecht involviert ist, von dem aktive Penetration und ein unbedingter Orgasmus zwingend erwartet wird, steht uns plötzlich alles frei. Mein Literatur-Crush Carolin Emcke beschreibt das so: »[…] vielleicht weil meine eigene Lust, die Art und Weise, wie ich mich in die andere hineinliebe, in den anderen Körper hineinliebe, weniger selbstverständlich ist, wie ich eine Frau berühre, scheint in diesem Unbestimmten offener, […] wenn es kein Zentrum mehr gibt und keine Peripherie, sondern alles möglich erscheint«.5 Wenn die Rolle der penetrierenden, aktivdominanten Person nicht mehr so eindeutig verteilt werden muss (aber darf!), fällt auch der Maßstab weg, ab wann der Sex aufhört, ab wessen Orgasmus, ab dem wievielten. Ich will ja keine Werbung machen, aber in lesbischen Beziehungen geben 74,7 Prozent der Frauen an, beim Sex regelmäßig zum Orgasmus zu kommen.6 Ich danke der Lesbengöttin Sappho jeden Tag dafür, dass ich auf Frauen stehe.
Nun, wie wissen wir, wann der Sex zu Ende ist, wenn wir anerkennen, dass er nicht von einer spezifischen Praktik abhängt und mit einem männlichen Orgasmus enden muss? Auch das dämmerte mir erst sehr spät. Wir haben kaum eine Sprache dafür, Sex zu beenden. Nicht notfallmäßig, nicht als Abweisung, eben nicht: »Ich will nicht mehr«, oder: »Bitte hör auf!« Auch diese Sätze sind viel zu wenig normalisiert. Es geht um unaufgeregte, zufriedene oder neutrale Weisen, Sex zu beenden, einfach, weil man erfüllt ist, oder müde, oder gelangweilt, oder angekommen. Dass wir als Gesellschaft keine Sprache für das Ende von Sex entwickelt haben, ist ganz schön abgefuckt. Es sollte sehr einfach und sehr normal sein, Sex zu beenden, und zwar nicht erst, wenn es unangenehm oder schlimm ist.
Eine Freundin erzählte mal, wie sie nach Hause kam zu ihrem Mann, Lust auf Sex hatte, und er sagte, er habe es sich aber gerade erst gemacht. Da habe es halt keinen Sex gegeben, geht ja nicht.
Wenn der Mann einfach keine Lust hat, ist das selbstverständlich legitim und die Geschichte damit zu Ende. Die Erzählung wirkte aber eher so, als sei das Nein technischer Natur gewesen, klappt halt nicht, Penis ist ja gerade nicht erigiert. Es klang wie die vielen Geschichten von meinen Freundinnen und mir, in denen Sex nicht zustandekam, weil der Mann keine Erektion hatte. Das kann ein ernst zu nehmendes gesundheitliches Problem sein, aber darum geht es mir gerade nicht. Viel eher will ich fragen: Wie eingeschränkt ist unser Verständnis von Sex, wenn das Fehlen einer Erektion ihn verunmöglicht?
Das meine ich mit meiner Aussage, dass Heteros sich mehr Mühe geben könnten. Wenn wir Oralsex als Sex anerkennen – und das cis-männliche Verhältnis zu Vulvas weniger sexistisch wäre –, wenn wir die manuelle Stimulation von Genitalien als Sex anerkennen, wenn wir Sextoys als legitime Option anerkennen und jedes potenziell erogene Körperteil, das nicht ein Penis ist, gäbe es sehr, sehr viele Möglichkeiten zu erfüllendem Sex. Ich glaube nicht nur, dass die Peniszentriertheit Frauen schadet, ich glaube, sie schadet auch Männern und sämtlichen Geschlechtern. Sie macht es uns allen schwerer, auf unsere Bedürfnisse zu hören, einander Grenzen zu setzen und Freiheiten zu geben. – Und sie macht es uns schwerer, einander zu fingern. Und das ist sehr schade. Fingert einander endlich mehr, ihr verpasst was, alle!
Die Sexnorm macht es uns auch schwer, anzuerkennen, dass Körper unterschiedlich sind und dass das etwas Gutes ist, vielleicht sogar etwas Neutrales. Es ist nicht so, als hätten alle Männer Penisse und alle Frauen Vulvas. Diese Binarität wird der Vielfalt von Geschlechtern und Körpern nicht gerecht. Genitalien sind nicht automatisch an Weiblichkeit oder Männlichkeit gebunden, eben, trans Menschen existieren. Außerdem muss ein Körper nichts darüber aussagen, welche Rolle eine Person beim Sex spielt, aktiv, passiv, penetrierend, empfangend. Unser aller Sex würde freier, würden wir uns und allen anderen die Freiheit geben, Rollen selbst zu wählen.
Darum behaupte ich, Lesbensex gibt es nicht. Lesbensex ist Sex zwischen zwei Lesben, okay, aber er hat keinen definierten Inhalt. Lesben können unterschiedliche Genitalien haben, diverse Vorlieben. Lesben haben Sex mit Mündern und Fingern und Genitalien und Toys – aber das können eben wirklich alle, das ist alles genderneutral.
Wenn mich ein Mitmensch fragt, wie Lesben Sex haben (im Gegensatz zu Schwulen, die diese Frage seltener beantworten müssen), heißt das übersetzt: Ohne Penetration eines erigierten Penisses kann ich mir Sex nicht vorstellen. Das ist auch ein Auswuchs einer Welt, die die Bedürfnisse und das Wohlergehen von cis Männern höher wertet als alles andere, und zwar so sehr, dass sie uns einredet, wir dürften nicht Stopp sagen, wenn der Sex für uns zu Ende ist.
Ich will, dass mein Text über Sex lustvoll und lebensbejahend endet, aber davor muss ich düster werden: Unser Verhältnis zu Sex trägt zu einer Kultur bei, in der die körperlichen Grenzen von Frauen – auch von allen anderen Geschlechtern, aber vor allem von Frauen – ignoriert und überschritten werden. Das ist verheerend. Es wird uns schwer gemacht, Nein zu sagen. Und wenn wir doch Nein sagen, wird unser Nein übergangen, weil unsere Bedürfnisse nicht als wichtig erachtet werden.
Dabei geht es bei Sex ja um etwas so Schönes. Eben darum, Ja zu sagen. Zu allem, worauf man gemeinsam Lust hat: zu Berührungen jenseits des Drehbuchs, zu Nähe ohne Zentrum und ohne Peripherie, zu einem Auflösen von Normen. Das wünsche ich nicht nur denjenigen, die das Glück haben, Lesbensex zu erleben, sondern absolut allen. The world is your oyster. – Und wenn du diese Vulvaanspielung bis jetzt nicht verstanden hast, empfehle ich dir, dich wahlweise mehr mit Austern oder mit Vulven zu beschäftigen.
Mir hat mal eine Stripperin einen Lapdance auf der Bühne gegeben, vor 150 Leuten. Das war nicht so spaßig, wie es klingt. Ich finde es immer seltsam, auf einer Bühne zu sein, während ich nichts sage, zum Beispiel, während andere neben mir etwas vorlesen oder auf dem Klavier spielen oder Witze machen, und ich sitze wohlbeleuchtet da und stoffwechsle.
Als die knapp mit Glitzer bekleidete Candy so aufwendig an und auf mir rumtanzte, dass sie einmal sogar mit den Schultern auf meinen Oberschenkeln kopfüber stand, fehlten mir die Worte.
Candy hingegen fand Worte. Mehr, als ich mir vorstellen konnte. Vor der Show hatte sie mit mir abgeklärt, wie viel Berührung für mich okay war. Während des Lapdances sprach sie ebenfalls mit mir, mit ruhiger, liebevoller Stimme, jeweils dann, wenn ihr Gesicht nahe an meinem war. »Alles okay?« und »Ist das in Ordnung so?«, mehrmals, immer wieder. Ich hätte nie gedacht, dass das eine Option war: aktiv Konsens herstellen, während ein Mensch auf der Bühne von einem anderen Menschen einen Lapdance erhält. Später haben mir Menschen aus dem Publikum bestätigt, dass sie nichts mitgekriegt haben davon, dass Candy mit mir gesprochen hatte. Mir aber wurde so in einer überfordernden Situation Respekt gezollt und Mitbestimmungsrecht gegeben. In einer Situation, von der ich unbewusst erwartet hatte, dass ich ihr ausgeliefert wäre.
Eigentlich heißt meine monatliche Show »Hässig am Mittwuch«, aber diese Ausgabe hieß »Hässig am Stripwuch«. (Ich bin bis heute unnötig stolz auf dieses Wortspiel.) Candy hat mir nicht nur diesen konsensuellen und natürlich vorbesprochenen Lapdance gegeben, sondern auch davor und danach mit mir auf der Bühne über die Rechte und den Alltag von Sexarbeiter*innen gesprochen. Ob Strippen unter den Überbegriff Sexarbeit fällt, ist umstritten, aber wenn eine Arbeit derart stark mit sexuellen Gefühlen in Verbindung gebracht und genau deshalb gesellschaftlich abgewertet wird, soll sie zu Sexarbeit zählen. Fand ich. Fand Candy auch. Auch darüber redeten wir während des Hässig am Stripwuch.
Monate davor hatte Candy mir ein Foto eines selbstgebastelten Oberteils gesandt, das sie aufwendig mit Hunderten Pailletten in den Farben der Bisexualitätsflagge bestickt hatte. So haben wir uns kennengelernt. Wochen später fiel sie mir an einem Comedyevent im Publikum auf, weil sie eine absurd elegante Art hatte, sich hinzusetzen; ich wusste gar nicht, dass sich ein Mensch derart graziös setzen kann. Da stand sie auch schon wieder auf, um mir Hallo zu sagen. So freundeten wir uns an. Und so geschah es, dass eine Stripperin zu mir in die Show kam und mir auf den Schoß.
Am entsprechenden Stripwuch kamen viele von Candys Fans und Freundinnen, vorwiegend junge Frauen, die ihre diversen Tanzkurse besuchten, Poledance, Burlesque, Chairdance. Im Vorfeld der Show saß ich mit einigen von ihnen an einem Tisch – lauter Frauen, die kunstvoll wenig anhatten. Manche tanzen als Hobby, manche strippen. Zwei von ihnen, mit denen ich mich unterhielt, schienen sich schon länger zu kennen. »Woher kennt ihr euch eigentlich?« fragte ich, und die eine antwortete: »Ah, aus dem Physikstudium. Wir sind Physikerinnen.«
Candy selbst hat lange als Chemielaborantin gearbeitet, davor war sie in der Pflege tätig. Abends und am Wochenende strippte sie, liebend gern, so liebend gern, dass sie irgendwann das Chemielabor verließ. Heute ist sie selbständig, gibt Kurse, tritt auf, von Geburtstagen bis zu Fetischpartys. Und sie spricht auf Bühnen und vor Kameras über Strippen und über einen respektvollen Umgang mit Menschen, die im Bereich Sexarbeit tätig sind.
Ich bin sehr froh, dass ich heute den Überbegriff »Sexarbeit« kenne. Früher wusste ich einfach, dass es Prostituierte gibt. Das klingt nicht nur ausschließlich weiblich – nie hörte ich von einem Prostituierten –, sondern auch anrüchig. Außerdem wusste ich von Escort; das tönte irgendwie weniger schmutzig, weil es in der Oberschicht stattfindet. Dass Stripperinnen existieren, wusste ich auch, wenngleich ich nicht wusste, wie nackt die waren und ob sie auch mit Freiern schliefen. Allgemein war mir das Ganze suspekt. Und es hatte wenig mit mir zu tun. Glaubte ich.
Jetzt kenne ich das Wort Sexarbeit. Den Überbegriff, der das alles mitmeint, von der Stripperin bis zur Full-Service-Prostituierten, vom Callboy bis zum Escort-Boy, von Boys bis Girls und darüber hinaus alle Menschen, die erotische und sexuelle Dienstleistungen für Geld anbieten. Darum ist der Begriff »Sexarbeit« so sinnvoll: um anzuerkennen, dass es sich um Arbeit und um den Handlungsbereich Sex handelt. Und um sich abzugrenzen von Menschenhandel, denn Zwang und Ausbeutung ist nicht dasselbe wie Arbeit – obwohl viele Formen von Arbeit, die nichts mit Sex zu tun haben, sehr ausbeuterisch sind.
Immer, wenn wir über Sexarbeit urteilen, werden unsere Urteile über Sex und Arbeit sichtbar. Wenn Candy erzählt, dass sie ihre Arbeit im Chemielabor aufgegeben hat, weil sie unbedingt Stripperin werden wollte, stößt das zwar bei Weitem nicht bei allen Zuhörenden auf offene Ohren, aber bei einigen, denn Strippen ist weniger stigmatisiert als Prostitution, und Candys Geschichte beinhaltet, dass sie Strippen liebt. Sobald aber der Eindruck entsteht, eine Sexarbeiterin würde ihren Job nicht euphorisch vergöttern, will ein Großteil der Öffentlichkeit sie retten und ihr ihre Arbeit verbieten.
Was wäre, wenn wir bei jeder Form von Arbeit so reagieren würden. Wollen wir jeden Detailhändler retten, der am frühen Morgen nicht enthusiastisch in den Laden schreitet? Wollen wir Putzservices verbieten, weil nicht alle Putzkräfte ihre Arbeit über alles lieben? Bei so gut wie allen prekarisierten Berufen nehmen wir es hin, dass die meisten Menschen sie nicht aus Begeisterung, sondern aus Abhängigkeit und fehlenden Alternativen ausüben.
Das sei nicht dasselbe, sagen Sexarbeitgegner*innen, bei der Sexarbeit verkaufe man immerhin seinen Körper. Ich bin mir erstens sehr sicher, dass eine Sexarbeiterin nach der Arbeit ihren Körper wieder mit nach Hause nimmt, und glaube mich zweitens zu erinnern, dass andere Berufe ebenfalls Körper beinhalten. Verkauft der Pianist seinen Körper? Der Bauarbeiter? Der Balletttänzer? Die Physiotherapeutin? Außerdem ist die Arbeit nicht nur körperlich. Ich fragte Candy auf der Bühne, ob sie mit ihren Kunden auch Gespräche führe. Oft, antwortete sie, bei so manchem Private Dance im Séparée käme irgendwann die Bitte: Können wir auch einfach noch etwas reden? Sie nutze viele ihrer erlernten Fähigkeiten aus ihrem früheren Pflegeberuf und habe, seit sie hauptberuflich als Stripperin arbeite, vor allem eines gelernt: wie einsam die Menschen seien. Verzeiht mir den gewagten Sprung, aber das klingt doch nach Seelsorge, und die Arbeit respektieren wir auch.
Wenn wir bei Sexarbeiterinnen instinktiv aufheulen, sie seien zu ihrer Arbeit gezwungen, aber bei anderen stark prekarisierten Berufen mit den Schultern zucken, geht es uns vermutlich nicht um die Rechte von Arbeiter*innen, sondern es handelt sich um ein unentspanntes Verhältnis zu Sexualität. Wenn es uns hingegen um die Arbeiter*innen geht, können wir ihnen zuhören, was sie fordern: sicherere Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende, anstatt sie schwieriger zu machen, etwa mit einem bei manchen Feministinnen so beliebten Sexkaufverbot. Die Rede ist hier nicht von Menschenhandel. Menschenhandel ist ein Verbrechen, das bekämpft werden muss. Internationale Arbeitsorganisationen kommen zum Schluss, dass sich Menschenhandel weltweit sogar besser bekämpfen lässt, wenn Sexarbeit keine Straftat ist,7 weil die Sexarbeitenden sich dann besser solidarisieren und ihre Rechte wahrnehmen können. Schwierigkeiten bekommen Sexarbeitende, wenn Migration und Sexarbeit kriminalisiert werden.8
Wir müssen es Sexarbeitenden ermöglichen, selbstbestimmt zu arbeiten, anstatt zu meinen, sie müssten gerettet werden. Sie sind nicht Julia Roberts, und wir sind nicht Richard Gere (außer Richard Gere). Die meisten Geschichten über Sexarbeiterinnen, denen wir begegnen, zeichnen ein Bild einer Frau, die von uns gerettet werden muss und will. Das passiert nicht, indem wir Sexarbeit verbieten, denn das treibt Sexarbeiterinnen in noch unsicherere illegale Situationen.
Die Perspektiven von Sexarbeitenden sind in Büchern wie Ich bin Sexarbeiterin9 wiedergegeben oder durch das Netzwerk ProCoRe vertreten. Verdächtigerweise vergessen wir bei gewissen Bevölkerungsgruppen gern, sie selbst nach ihren Bedürfnissen zu fragen. Denn darum sollte es eigentlich gehen.
1Céline Desiree Külling, Gregor Waller, Lilian Suter, Isabel Willemse, Jael Bernath, Patricia Fabienne Skirgaila, Pascal Streule und Daniel Süss, »JAMES: Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz: Ergebnisbericht zur JAMES-Studie 2020«, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, 2022, www.zora.uzh.ch/id/eprint/236410/1/2022_ZHAW_JAMES_Ergebnisbericht_DE.pdf.
2Verena Klein und Terri D. Conley, »The Role of Gendered Entitlement in Understanding Inequality in the Bedroom«, 29. November 2022, in: Social Psychological andPersonality Science, Bd.13, Nr. 6, S. 1047–1057.
3Jessica R. Wood, Alexander McKay, Tina Komarnicky und Robin R. Milhausen, »Was it good for you too? An analysis of gender differences in oral sex practices and pleasure ratings among heterosexual Canadian university students«, in: TheCanadian Journal of Human Sexuality, Bd.25, Nr. 1, 2016, S. 21–29. Diese Studie fand heraus, dass 63% der Männer und nur 44% der Frauen in ihren Beziehungen regelmäßig Oralsex erhalten, was die geschlechtsspezifische Diskrepanz verdeutlicht.
4Florence Given, Women don’t owe you pretty, Cassell, London 2020.
5Carolin Emcke, Wie wir begehren, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020.
6Justin R. Garcia, Elisabeth A. Lloyd, Kim Wallen und Helen E. Fisher, »Variation in Orgasm Occurrence by Sexual Orientation in a Sample of U.S. Singles«, in: TheJournal of Sexual Medicine, 1. Novemver 2014, S. 2645–2652, https://academic.oup.com/jsm/article/11/11/2645/6958368.
7Amnesty International Schweiz, »Entkriminalisierung von Sexarbeit«, November 2024, www.amnesty.ch/de/themen/frauenrechte/dok/2024/warum-amnesty-die-prostitution-entkriminalisieren-will.
8Appell Sexarbeit-ist-Arbeit.ch (Hg.), Ich bin Sexarbeiterin. Porträts und Texte, Limmat, Zürich 2020.
9Ebd.
Zu dritt teilen wir uns einen Morgenmantel, den wir wie eine Decke über unsere Beine legen. Luna, Jonas und ich sitzen draußen auf einer Bank vor einem Club. Drinnen läuft eine queere Party, und wir sind ein bisschen nervös angesichts der schönen Anwesenden, besonders Jonas, der beste Freund von Luna, einer Bekannten von mir. Ich habe ihn gerade erst kennengelernt. Amüsanterweise verleiht der Club Morgenmäntel an Leute, die draußen vor dem Club rauchen wollen. Keiner von uns raucht. Aber Jonas hat Feuer-Emojis in den Augen.
»Habt ihr den Typen gesehen, mit dem ich vorhin gesprochen habe? Den im Netzshirt? Genau den. Mit den langen Haaren. Ich kenne ihn!« Jonas beginnt aufgeregt zu gestikulieren. »Von vor acht Jahren! Wir waren im selben Schießclub. Er hat zuerst aufgehört, ich kurz nach ihm.«
Ich weiß, wen er meint. Dieser Schütze ist mir auch aufgefallen. »Der ist wirklich süß«, sage ich. Jonas fingert aufgeregt an seinem Handy herum. Dann zeigt er uns ein Foto des Mannes, auf dem Bild deutlich jünger, die Haare damals kurz, das Lächeln höflich. »Ich habe es mir schon da gedacht!«, japst Jonas. »Schon damals! Dass er vielleicht!«
»Whoa, vor acht Jahren wusste ich selbst noch nicht mal, dass ich bi bin«, sagt Luna. »Wir wussten es quasi alle vor dir, es war so offensichtlich«, lacht Jonas. Sie lacht mit und lehnt ihren Kopf an seine Schulter. »Luna, weißt du noch, wie ich dich mal gefragt habe? Und du: Sicher nicht, das ist einfach mein Style?«, sagt Jonas. Er will gerade wieder losprusten, da stockt ihm der Atem. »Da. Der Schütze«, sagt er leise. Und tatsächlich, da schreitet er aus dem Club, im gut durchsichtigen Netzshirt mit für diese Uhrzeit erstaunlich wohldrapierten Haaren. Ein wirklich schöner Mensch. »Er ist so heiß«, flüstert Jonas. »Ich wusste es doch, schon damals.« »Wusste er denn, dass du auf Männer stehst?«, frage ich. Lunas Körper neben mir spannt sich plötzlich spürbar an. Jonas reißt seinen Blick vom Schützen los und schaut zu mir. »Ich bin hetero.« Ich nicke, ah, okay.
Warum ist die Situation plötzlich unangenehm?
»Also, ich finde es cool so als Dreier, klar, aber so oneon-one natürlich nicht. Ich unterstütze euch aber voll«, versichert Jonas in Lunas und meine Richtung. Ich nicke, ja, bist ja auch mit uns auf einer queeren Party. Innerlich ist Jonas aber eh schon wieder beim Schützen, sein Blick auf dessen beachtlich muskulösem Rücken, den er uns zugewandt hat, während er wieder in den Club geht. »Wir sollten rein«, sagt Jonas.
Als wir wieder rauskommen, sind wir zu viert. Luna und ich teilen uns auf dem Weg zur Tramhaltestelle einen Becher Wasser, hinter uns Jonas und der Schütze, sie unterhalten sich angeregt. Gerade geht es um die Heteronormativität in der Schieß-Community, welche Frauenbegriffe verwendet werden, um andere Männer abzuwerten, voll daneben, findet der Schütze, voll daneben, findet auch Jonas. »Bist du eigentlich auch gay?«, fragt ihn da der Schütze. Luna verschluckt sich fast am Wasser. »Also, ähm, nicht direkt«, hören wir Jonas murmeln, »eher so: offen … würde ich sagen. Also definitiv offen.« Wir verabschieden uns vom offenen Jonas, der mit dem Schützen mitgeht. In seinen Augen leuchten weiterhin heterosexuelle Feuer-Emojis.
Wenn Luna ihn heute erwähnt, frage ich gerne: »Ah, der heterosexuelle Jonas?« Sie sagt dann: »Ja voll, der mega heterosexuelle Jonas«, und wir lachen kurz. Aber eigentlich ist es nicht zum Lachen. Es ist Teil eines Phänomens, das mir immer wieder begegnet: Menschen, die Anziehung zum gleichen Geschlecht empfinden und sich dennoch unbeirrt als heterosexuell definieren. Das könnte anderen vielleicht egal sein, aber ich finde, das sollte es nicht.
Was heißt das, wenn du dich zu mehreren Geschlechtern hingezogen fühlst, die Norm aber sagt, dass es nur hetero und homo gibt? Du bleibst beim einen oder anderen. Deine eigene, vermeintlich klare Identität sorgt dann potenziell dafür, dass du deine Anziehung nie so auslebst, wie du es könntest, wenn sie wirklich frei wäre. Wenn der heterosexuelle Jonas sich nicht als heterosexuell definieren würde – vielleicht würden der Schütze und er ja ein Paar? Wenn Jonas seine Anziehung zu Männern aber vor sich selbst und vor anderen versteckt, kann das – nachweislich – seine psychische Gesundheit beeinträchtigen.
Es ist an dieser Stelle wichtig, dass wir uns bewusst werden, was »Anziehung ausleben« bedeutet. Sexuelle Orientierung ist nicht das, was du machst, es ist das, was du fühlst, dein Empfinden, über dein Leben hinweg. Du kannst bisexuell sein und dein ganzes Liebesleben lang nur mit Männern Sex haben. Du kannst bisexuell sein und vierzig Jahre lang mit einer Frau verheiratet sein, ohne dass irgendwas mit irgendeinem Mitmenschen passiert. Du kannst bisexuell sein und nie jemandem nahekommen. Und du kannst bisexuell sein und so vielen verschiedenen Geschlechtern konsensuell deine Zunge in den Hals stecken, dass man meinen könnte, du seist ein Vogelmami. Bisexualität hat zwar »Sex« im Wort, meint aber eigentlich nur Anziehung empfinden, Anziehung zu mehr als einem Geschlecht, im Laufe deines wunderschönen Lebens. Bisexualität sagt nichts darüber aus, wie viel oder wie intensiv wir Anziehung empfinden. Du kannst bi sein und gleichzeitig zum asexuellen oder aromantischen Spektrum gehören. Du kannst bi sein und einmal pro Jahreszeit einen Menschen anziehend finden oder einmal pro Stunde, wie ich während meines Eisprungs. Genau so, wie es Heteros gibt, die selten mal einen Mitmenschen attraktiv finden, und Heteros, die oft und intensiv Anziehung empfinden. So verhält es sich bei Schwulen und Lesben auch.
Ich teile nicht die These: Jeder ist doch ein bisschen bi. Das wird gern mit besten Zwinkersmiley-Absichten gesagt, aber es stimmt nicht. Heterosexuelle existieren. Schwule und Lesben existieren. Das müssen alles keine starren Kategorien sein – ich spreche dir deine Heterosexualität nicht ab, wenn du mal einer Person des gleichen Geschlechts hinterherguckst. Bisexuelle sind zwar der zahlenmäßig größte Teil des LGBTQ-Spektrums10, umfassen aber nicht alle.
Ich teile auch nicht die These: Du weißt es nie, bis du es nicht probiert hast. Anziehung kann verspürt werden, ohne dass wir uns ausziehen. Sonst gälten ja alle Heteros bis zum Zeitpunkt ihres ersten Kusses als asexuell. Oder als bisexuell. Also, du kannst auch spüren, wer du bist und welche Anziehung du empfindest, wenn du es nicht ausprobiert hast. Natürlich ermutige ich jeden Menschen, bei Bedarf und Konsens allerlei Abenteuerliches auszuprobieren. Ich habe selbst manche Aspekte meiner Anziehung erst kennengelernt, indem ich sie erlebt habe.
Eine Geschichte dazu: Ein Typ, mit dem ich zur Sekundarschule gegangen bin, hat mir letztens auf WhatsApp geschrieben. »Anna, ich weiss, wir hatten ewig keinen Kontakt mehr, aber ich will dir was erzählen. Ich war mein Leben lang immer mit Frauen zusammen, nice und alles, und habe Queers immer toleriert, aber mehr nicht. Seit zwei Jahren lebe ich in Wien. Und da war einmal einfach dieser Mann. Bäm. Ich war hin und weg. Ich wusste gar nicht, dass das geht. Und er auch. Wir sind jetzt zusammen, ist ein halbes Jahr her. War mega froh um deine Beiträge zu Bisexualität, ich bin so geflasht und hätte nie gedacht, dass mir das passiert. War noch nie so glücklich. Grüsse aus Wien, sag falls du mal hier bist. xx Joël«
Joël hat in dem Moment, in dem er sich in den Typen verliebte, realisiert, dass er sich auch zu Männern hingezogen fühlen kann. Vielen Menschen ergeht es nicht ganz so. Sie empfinden immer mal wieder subtilere Arten der Anziehung. Wenn sie wissen, dass es erstens Bisexualität gibt und zweitens das nichts Schlimmes ist, sondern etwas Neutrales bis Schönes, können sie diese Anziehung einordnen. Oftmals macht uns unsere Identität aber einen Strich durch die Rechnung. »Ich bin ja hetero, aber dieser eine Mann!«, ist eine Aussage von Männern, die ich sehr oft höre, wahlweise auch: »Du weißt ja, ich bin schwul, aber …«, und dann ein Geschwärme über eine Frau, das so gar nicht platonisch anmutet. Mit Anziehung ausleben meine ich, dass ich jedem Mensch wünsche, sich selbst einzugestehen, wenn er Anziehung zu mehr als einem Geschlecht empfindet. Und dass es ihm offensteht, die Anziehung zu mehr als einem Geschlecht als Bisexualität einzuordnen und wahlweise hemmungslos mit allen Geschlechtern rumzumachen.
Viele Menschen stellen sich vor, dass Bisexualität bedeutet, sich sozusagen gleichzeitig zu mehreren Geschlechtern hingezogen zu fühlen, und zwar zu gleichen Teilen. Viele Bisexuelle haben Tendenzen, oder ihre Bisexualität verändert sich im Laufe des Lebens, fühlt sich anders an, drückt sich anders aus. Es ist leider üblich, dass Bisexuelle in monogamen Mann-Frau-Beziehungen glauben, sie seien nicht bi genug. Dabei ist jede Ausprägung von bisexuellem Empfinden bi genug.
