Herzkörper - Harald Darer - E-Book

Herzkörper E-Book

Harald Darer

4,8

Beschreibung

Ihre Rituale sind ebenso brutal wie sinnfrei: Drei Jugendliche, die vor der Stumpfsinnigkeit ihres Daseins fliehen, wenden all ihre Aggressionen gegen Rocko, einen Obdachlosen, der ihnen als Punchingball für alle Lebenslagen dient. Rocko wiederum erträgt langmütig alle Misshandlungen - seine Sehnsucht gilt seinem früheren Leben und seiner ihm entwachsenen Tochter, die mit dem Vater nichts zu tun haben will.

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Harald Darer

HERZ

KÖRPER

Copyright © 2015 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung: © Cultura/Alan Graf/Getty Images

ISBN 978-3-7117-2023-8

eISBN 978-3-7117-5281-9

Informationen über das aktuelle Programmdes Picus Verlags und Veranstaltungen unter

www.picus.at

Harald Darer, geboren 1975 in Mürzzuschlag, Steiermark, begann nach der Lehre zum Elektroinstallateur und einschlägigen Weiterbildungen mit dreißig Jahren zu schreiben. Seither zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sein Debütroman »Wer mit Hunden schläft« erschien 2013 im Picus Verlag und wurde für mehrere Preise nominiert. Harald Darer lebt und arbeitet in Wien.

www.der-darer.net

Harald Darer

HERZ

KÖRPER

Roman

Was wird das für eine Generation?

Eine harte oder nur eine rohe?

ÖDÖN VON HORVÁTH,Jugend ohne Gott

Inhalt

Zum Autor

Samstag

13:00 Uhr

09:00 Uhr

Gedächtnisprotokoll Chris

Kurz nach 13:00

10:00 Uhr

11:30 Uhr

12:00 Uhr

14:00 Uhr

10:00 Uhr

Kurz nach 14:00 Uhr

12:30 Uhr

Circa 15:00 Uhr, Restaurant Neuland

12:30 Uhr

Gedächtnisprotokoll Rampitsch

16:00 Uhr

Gedächtnisprotokoll Boro

17:00 Uhr, Café Fellini

Sonntag

Kurz nach Mitternacht, Gasthof zur Post

04:00 Uhr

Gedächtnisprotokoll Andi

02:00 Uhr

09:00 Uhr

Maria beschließt aufzustehen. Es ist vier Uhr früh. An Schlaf ist ohnehin nicht mehr zu denken, denkt sie. Es war eigentlich schon kurz nach dem Zubettgehen nicht mehr daran zu denken. Beim Versuch einzuschlafen sofort der Gedanke: Was wird sie fragen? Was soll ich antworten? Worauf soll ich nicht antworten und wie? Was ziehe ich an? Soll ich mich schminken? Oder nur ein bisschen? Oder gar nicht? Und so weiter. Zwischen diesen Gedanken immer wieder die Aussagen der Kolleginnen: Du bist jetzt unsere Frontfrau! Das im besten Fall beste Beispiel für uns alle! Und die Worte Vorzeigeführungskraft, Kämpferin und Generationswechsel, die gefallen sind, beim Empfang, den sie ihr nach Bekanntwerden der Entscheidung bereitet haben, der Applaus dazwischen, das Klirren von aneinanderstoßenden Sektgläsern und das Kauen auf hübsch mit rotem und gelbem Paprika garnierten Lachsmayonnaisebrötchen. Der Rummel wird nicht lange andauern, denkt sie, und spürt dabei die Erleichterung, die Sicherheit, die zurückkehrt, nachdem man aus einem Traum aufwacht und sich denkt: Es war nur ein Traum. Die Zufriedenheit, noch so da zu sein, wie man ein paar Stunden vorher ins Bett gegangen ist, nur etwas zerknüllter. Sie stellt sich vor, im Interview auf die Frage, die bestimmt kommen wird, die immer im Zusammenhang mit ihrem Beruf gestellt wird – ist es nicht Berufung?, so ein Beruf kann ja nur Berufung sein, täglich so viel Wirklichkeit, finden Sie nicht auch? –, zu antworten: Die Wirklichkeit hat mich nicht abgestumpft oder zerstört, nur, wie man sieht, etwas zerknüllt, wenn Sie so wollen. Sie versucht den Satz mit der brummenden elektrischen Zahnbürste im Mund auszusprechen, muss lachen und spuckt die Zahncreme in das Waschbecken. Sie schaut in den Spiegelschrank vor sich und denkt: Du bist knapp vierzig Jahre alt, Dr.iur., Rektorin der größten Fachhochschule für Sozialberufe des Landes. Kein Grund für Lampenfieber also.

Simone Remschnik sitzt auf der Rückbank eines silbernen Transporters mit kaputten Stoßdämpfern, aufgrund derer das Heck des Wagens nach jedem Kurvenausgang ein paar Mal hin und her schaukelt. Es ist ihr bereits mulmig im Magen geworden, weil sie in den auf ihrem Schoß liegenden Notizblock vertieft ist.

Musst du so schaukeln?, sagt sie zum Fotografen, der den Transporter fährt. Mir ist schon ganz mulmig im Magen von der Schaukelei.

Ich schaukel ja nicht absichtlich, sagt er, das Auto schaukelt von alleine. So langsam kann ich gar nicht um die Kurve fahren, dass es nicht schaukeln würde. Wir haben den mit den kaputten Stoßdämpfern.

Warum haben immer wir den mit den kaputten Stoßdämpfern?, sagt Remschnik und schaukelt hin und her.

Der Fotograf zuckt mit den Schultern. Gleich sind wir da, sagt er, während Remschnik wieder hin und her schaukelnd in ihren Notizblock hineinschaut und die Fragen durchgeht. Noch einmal schnell die Fragen durchgehen, denkt sie.

Remschnik, sagt Remschnik, freut mich sehr, und streckt Maria, die die Tür kurz nach dem Läuten aufgemacht hat, die Hand entgegen.

Satori, sagt Maria, freut mich auch, und drückt die ihr von Remschnik entgegengestreckte Hand, die den Händedruck kaum erwidert. Ihre Hand liegt in Marias wie ein lauwarmer, leicht feuchter Küchenschwamm.

Bitte, kommen Sie doch herein, sagt sie, öffnet die Tür jetzt ganz, stellt sich mit dem Rücken zur Wand des Vorzimmers und winkt Remschnik und den Fotografen, der vollbepackt mit Kamera, Scheinwerfer und Stativ hinter Remschnik steht, in die Wohnung herein. Gehen Sie ruhig weiter durch, sagt sie.

Wollen wir gleich hier?, fragt sie und zeigt mit einer Hand, die Handfläche der anderen Hand an ihren Oberschenkel gepresst, auf das Sofa, das mitten im Wohnzimmer steht, daneben ein Beistelltisch, auf dem auf einem mit Hardangermuster bestickten Untersetzdeckchen eine mit Bananen, Äpfeln und Pfirsichen gefüllte Obstschüssel, eine Kaffee- und eine Milchkanne, Espressotassen, eine Zuckerdose und ein Gugelhupf angerichtet sind.

Remschnik schaut den Fotografen an, der, nachdem er die Lichtverhältnisse kontrolliert hat, nickt und mit dem Aufbau seines Equipments beginnt.

Kaffee?, fragt Maria.

Gerne, sagt Remschnik.

Der Fotograf schüttelt den Kopf und winkt dankend ab.

Gehen wir den Ablauf kurz durch?, sagt Remschnik.

Bitte, sagt Maria.

Ich habe mir gedacht, wir beginnen mit Ihrer Wahl zur Rektorin und steigen dann in Ihren beruflichen und persönlichen Werdegang ein. Vor allem das Persönliche ist es, was unsere Leserinnen und Leser am meisten interessiert. Ist das in Ordnung?

In Ordnung, sagt Maria.

Der Fotograf richtet den Scheinwerfer auf sie und fängt an zu knipsen.

Remschnik holt aus ihrer Handtasche ein Aufnahmegerät und ein Smartphone und legt beides vor Maria auf den Tisch. Sie drückt auf die REC-Taste des Aufnahmegeräts und startet auf dem Smartphone die Aufnahmefunktion. Doppelt hält besser, sagt sie.

Remschnik: Frau Satori, Sie sind an der größten Fachhochschule für Sozialberufe des Landes zur Rektorin gewählt worden. Für Aufsehen hat Ihre Bestellung gesorgt, weil Sie die erste Frau sind, die diesen Posten einnehmen wird. Nervt es Sie, in dem Zusammenhang ständig auf Ihr Geschlecht angesprochen zu werden?

Satori: Nun, wäre ich ein Mann, wäre vielleicht ein kurzer Artikel in der Zeitung erschienen. Das große Medieninteresse an meiner Person war überraschend für mich, aber doch nachvollziehbar.

R: Empfinden Sie es als Ehre, in einem männerdominierten Bereich Vorreiterin sein zu können?

S: Ja, obwohl ich natürlich jetzt die Vorzeigequotenfrau bin.

R: Sind Sie eine Quotenfrau oder empfinden Sie diese Bezeichnung als Beschimpfung?

S: Ja, ich bin eine und das Wort wird in erster Linie als Schimpfwort gebraucht, ich fühle mich dennoch nicht beschimpft. Ich gehe davon aus, dass die Entscheidung, mich in diese Position zu wählen, in erster Linie meinen Leistungen für das Institut zuzurechnen ist und nicht der Quote. Wer noch auf der Liste zur Wahl gestanden ist, ist mir nicht bekannt.

R: Was, glauben Sie, war in Ihrer Laufbahn ausschlaggebend dafür, dass Sie das erreichen konnten, was Sie erreicht haben? Geht es darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

S: Trotz harter Arbeit, Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit muss man am Ende des Tages sagen: Ohne die Unterstützung anderer, und, bezeichnen wir die Unbekannte als Glück, wäre mein Leben nicht so verlaufen, wie es verlaufen ist. Ob man seinen Weg, Ausweg oder nur mehr Ausweglosigkeiten vorfindet, ist nicht nur an richtigen oder falschen Entscheidungen festzumachen.

R: Sie kommen aus einfachen Verhältnissen, nicht wahr?

S: Ich würde eher sagen aus komplizierten.

R: Sie waren Leiterin des Studienfachs Soziale Arbeit und betonen immer, in erster Linie Sozialarbeiterin zu sein, erst dann Juristin. Empfinden Sie Ihre Arbeit als Berufung? So ein Beruf kann ja nur Berufung sein, finden Sie nicht auch?

S: Jus habe ich studiert, um in der Sozialarbeit gewissermaßen schlagkräftiger zu sein. Vor allem bei der Zusammenarbeit mit Behörden, Polizei und Gericht erfährt man eine Wertschätzung, die man sonst so leider nicht erhält. Bezüglich Berufung – sie denkt an den Satz, den sie sich in der Früh ausgedacht hat, sagt ihn aber nicht –: Erfahrungsgemäß ist es nicht die Beschäftigung mit tragischen, deprimierenden Fällen, was Sie andeuten, die einem zu schaffen macht, sondern die Auseinandersetzung mit sich selbst, die ständige Reflexion der eigenen Perspektive, der eigenen Vergangenheit. Daran scheitern auch die meisten der Studierenden, wenn sie scheitern. Im gesamten Studium, vor allem zu Beginn, sind die Studierenden gezwungen, sich und ihre Perspektive zu reflektieren. Und zwar mündlich und in der Gruppe. Das führt mitunter zu erstaunlichen Ergebnissen und Erkenntnissen bei den Studierenden.

R: Zum Beispiel?

S: Wutausbrüche, Tränen. Es ist vorgekommen, dass jemand aufgestanden ist, wortlos den Raum verlassen hat und nicht mehr erschienen ist.

R: Haben Sie Mitleid mit den Studierenden wenn das passiert?

S: Nun, Mitleid ist keine juristische und schon gar keine sozialarbeiterische Kategorie. Genauso wenig wie Hoffnung, Glück oder Gerechtigkeit.

R: Das klingt deprimierend.

S: Überhaupt nicht! Es ist überaus wichtig, Sentimentalitäten bei der Arbeit hintangestellt zu lassen. Es ist unsere Aufgabe, den Studierenden Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie professionelle Distanz zu den Klienten wahren können. Diese wird bei Praxisreflexionen und Fallanalysen trainiert. Dafür gibt es eine andere Kategorie, die zwar keine juristische, jedoch eine überaus wichtige sozialarbeiterische ist: Empathie. Erst diese schließt alle Sentimentalitäten von vorneherein aus und befähigt, das sage ich den Studierenden immer, das zu tun, wofür wir da sind. Dem Klienten kein schöneres, besseres oder glücklicheres, sondern in erster Linie ein funktionierendes Leben in der Gesellschaft, in der wir uns, in der sie sich, wohl oder übel, befinden, in Aussicht zu stellen. Viel mehr als eine Aussicht kann es nicht sein, was wir zu bieten haben.

R: Sind nicht viele der Fälle von vornherein aussichtslos?

S: Auf den ersten Blick, ja. Sonst würden wir schließlich erst gar nicht auf den Plan treten müssen. Hier sind wir die Spürhunde der Ressourcen der Klienten, wenn Sie so wollen. Und irgendeine Ressource spüren wir immer auf. Oft ist es das nicht Offensichtliche. Das, mit dem man nicht rechnet, was man bei der Analyse überhaupt nicht in Betracht gezogen hätte. Hier geht es um Genauigkeit bei der Ermittlung von Motiven. Wie und was denkt der Klient? Inwiefern wurde er als Mensch geformt? Welche Faktoren beeinflussen ihn? Soziale, berufliche, finanzielle? Verschiedene Perspektiven einnehmen!, sage ich den Studierenden immer, so viele Perspektiven wie möglich einnehmen! Das ist das gleichzeitig Spannende und Enervierende in unserem Beruf.

R: Was ist die Frage, die Ihnen von den Studierenden am häufigsten gestellt wird?

S: Dieselbe Frage, die ihnen, die sie diesen Beruf gewählt haben, am häufigsten gestellt wird.

R: Und die wäre?

S: – Maria rührt mit dem Löffel langsam in ihrem Kaffee, nimmt ihn nach einigen Umdrehungen heraus und legt ihn auf die Untertasse – Kurz gesagt, wie das Elend die ganze Zeit auszuhalten ist.

R: Sagen Sie darauf den Studierenden das, was Sie mir gerade gesagt haben?

S: Nein, auf diese Frage gibt es keine konkrete Antwort, weil jeder Fall anders gelagert und das Feld breit gefächert ist. Darum gebe ich ein Fallbeispiel, lasse es die Studierenden analysieren, sie selbst ihre Schlüsse ziehen und eine Antwort für sich finden. Ich lasse sie in die verschiedenen Rollen schlüpfen, sie gewissermaßen ein Theater aufführen, bei dem ich die Regieanweisungen gebe.

R: Sind das immer andere Beispiele, die Sie geben?

S: Nein, tatsächlich hat sich über die Jahre für den Einstieg ein Beispiel zur Fallanalyse als besonders geeignet erwiesen, weil hier, meines Erachtens, einschlägige Thematiken, mit denen wir in der Praxis ständig konfrontiert sind, in komprimierter Form auftreten: Delinquenz, Gewalt in der Familie, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Zusammenarbeit mit Behörden und so weiter. Aber das Ergebnis ist immer ein anderes. Die verschiedenen Perspektiven verändern natürlich die Analyse, die Aussichten, die Ressourcen. So wie sich die Richtung in einem Gespräch ändert, durch einen Satz, ein Wort, einen Gedanken, und damit Einfluss auf die unmittelbare Wirklichkeit hat.

R: Wie darf ich mir das vorstellen?

S: Nun, ausgehend vom aktuellen Zustand soll ein dynamischer Prozess in Gang gesetzt, die Verbindungen der Problembeteiligten untereinander dargestellt und die Eventualitäten in der folgenden Entwicklung ausgelotet werden. Der Ablauf erfolgt bewusst ohne eingreifenden Einsatz sozialwissenschaftlicher Methoden, also nach deterministischem Prinzip: Was passiert wem, wann, wo, warum, mit besonderem Augenmerk auf die verschiedenen Perspektiven der einzelnen Problembeteiligten. Am Ende erst werden die möglichen Methoden wie Anamnese, Diagnose, Intervention und so weiter, diskutiert.

R: Das klingt sehr abstrakt und ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht viel darunter vorstellen.

S: (Lacht) Stimmt, das sagen die Studierenden auch immer, deshalb gehe ich auch gleich mit ihnen in medias res, das heißt, ich verteile die Rollen, gebe Zeitrahmen und Richtung vor, stelle Zusammenhänge zwischen den Problembeteiligten her, und schon kann es losgehen.

R: Welchen Zeitrahmen geben Sie vor?

S: Ein Wochenende ist überschaubar. Mäandern erwünscht. (Lacht)

R: Wollen Sie mit mir auch in medias res gehen?

S: Ich denke, dafür wird Ihre Zeit nicht ausreichen.

R: – Zuckt mit den Schultern und dreht sich zum Fotografen um – Die Fotos haben wir, oder? – Der Fotograf nickt – Also gut, ich habe keinen Termin und kann mir später ein Taxi nehmen. – Dreht sich wieder um, schaut Maria in die Augen – Es wäre eine interessante Erfahrung.

Maria greift zu ihrer Tasse, um einen Schluck Kaffee zu nehmen, stellt fest, dass sie sie ausgetrunken hat und sagt: Wollen Sie auch noch eine?

Gerne, sagt Remschnik, es eilt ja nicht, beugt sich über den Tisch zum Aufnahmegerät, kippt es zu sich, um besser auf das Display schauen zu können, und sagt:

Platz haben wir genug, der Speicher ist fast leer.

Samstag

13:00 Uhr

Ich bin noch gar nicht dort und trotzdem bin ich schon angefressen, denkt Andi. Sicher sind sie schon wieder alle vor mir da, denkt er. Es ist ja jedes Mal dasselbe, jede Woche das gleiche Theater. Alleine daran zu denken, dass alle oben sitzen und schon wieder ohne mich angefangen haben, reicht mir schon, denkt er sich, als er die engen Stiegen zum Dachgeschoß, in dem Chris’ Wohnung liegt, hinaufgeht. Ich will überhaupt gar nicht hingehen und trotzdem gehe ich jedes Mal hin. Bin ja schon wieder dahin unterwegs, denkt er. Obwohl ich mich eigentlich von dem Moment an, in dem ich von zu Hause weggehe, über mich selbst ärgere, dahin zu gehen. Ich sehe sie jetzt schon, wo ich noch gar nicht dort bin, mich mit ihren von Haus aus blöd ausschauenden Gesichtern absichtlich blöd anschauen, weil sie garantiert schon einen leichten Rausch haben, einen , wie sie sicher sagen werden. Weil sie natürlich ohne mich zu spielen und zu trinken angefangen haben werden. Dabei ist es meine Idee gewesen, das Spiel. Mal was anderes, hab ich gesagt damals, das hat sicher noch keiner gemacht, oder noch keiner, beziehungsweise nicht viele, weil, wer macht da schon freiwillig mit, bei so was? Vor allem dann, wenn es um nichts geht, nicht wahr?, denkt er. Obwohl einige gerade deshalb mitspielen wollten, weil es um nichts geht, sie gerade deswegen neugierig darauf geworden sind, weil sie herausfinden wollten, um was man so lange spielen kann, wenn es um nichts geht. Drei sind es, um genau zu sein. Boro, Chris und er, also Andi. So ist es halt, reden tun viele, aber wenn es ans Eingemachte geht, ist es bei den meisten vorbei, denkt er sich und schmunzelt bei dem Gedanken, wie sie einmal einem, der unbedingt mitspielen wollte und der glücklicherweise verloren hat, mit dem selbst gebrannten Sliwowitz von Boros Opa das Bein angezündet haben. Eigentlich nicht das Bein, ausgemacht ist nur der Socken gewesen, in dem der Fuß von demjenigen drinnengesteckt ist, erst als Boro den brennenden Socken mit dem Sliwowitz löschen wollte, hat zuerst der Socken samt Fuß und dann das Bein gebrannt. Danach ist er nicht mehr gekommen. Hat man eine Fleischwunde, merkt man ja erst, dass man am Leben ist, hab ich zu ihm gesagt und ihm aufmunternd auf die Schulter geklopft, denkt Andi. Es war sehr komisch. So wie alle anderen auch nicht mehr gekommen sind, die das Spiel ausprobiert haben, weil, auch wenn es um nichts geht, so geht es zumindest ums Eingemachte, also darum, sich möglicherweise wehzutun oder jemand anderem wehtun zu müssen. Boro ist das größte Schwein, denkt sich Andi. Skrupellos gegen den besten Freund, eine richtige Ratte, denkt er. Boro, mir graust vor deiner unappetitlichen Fresse, oder, Boro, ich kann deine unappetitliche Fresse nicht mehr sehen, sagt Chris jedes Mal mindestens einmal zu ihm. Boro verliert fast nie. Natürlich bescheißt er, aber leider haben wir ihn noch nie dabei erwischt. Jeder denkt sich jedes Mal: Heute erwischen wir ihn, und leider erwischen wir ihn nie. Aber heute erwische ich ihn, denkt Andi, heute pass ich auf, dass ich nicht zu viel Bier trinke, damit ich ihn endlich erwische, damit er sich endlich seine Strafe abholen kann, die schon seit zwei Jahren überfällig ist. Er hat sicher schon vergessen, was für eine Strafe wir uns fürs Bescheißen ausgedacht haben, was wir vereinbart haben seinerzeit, aber wenn ich ihn erwischt habe, wird er sie sicher nie wieder vergessen, dafür sorge ich schon, denkt er und drückt auf den Klingeltaster. Durch das enge Stiegenhaus hört er aus dem unteren Stockwerk jemanden etwas von einem und das Wort zu ihm heraufrufen. Durch die Tür kann er Musik hören. Natürlich hören sie mich wieder nicht, denkt Andi. Sie wissen genau, dass ich später komme und trotzdem drehen sie die Stereoanlage so laut auf, dass sie mich nicht hören können, jedes Mal das Gleiche, diese Arschlöcher, denkt er. Chris immer mit seiner ihm heiligen Musik aus seiner von ihm über alles geliebten Stereoanlage, die außer ihn sowieso keinen interessiert. Dabei komme ich ja gar nicht später, ich komme ja pünktlich, kommen immer zu früh, zufleiß zu früh, denkt Andi und tritt gegen die Tür. Für was sich überhaupt was ausmachen, denkt er sich und trommelt auf die Tür ein. , hört er von unten. Leck mich, denkt Andi, sagt es aber nicht und denkt sich weiter, Boro hätte es sicher gesagt, Boro wäre runtergegangen und hätte es ihm ins Gesicht gesagt, mit seinem Gesicht ganz nah an dem Gesicht des Nachbarn, wie er es immer macht, denkt Andi. Er tritt, trommelt weiter, läutet Sturm, bis sich endlich der Schlüssel im Schloss dreht und die Tür aufgeht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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