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Fontane reloaded
Ein Abenteuer kann überall beginnen und sei es an einer Bushaltestelle in Brandenburg. Cornelius Pollmer ist für einen Sommer auf Weltreise im deutschen Osten. In Schlössern und Reihenhäusern, bei Truckern und Hackern, mit Busreiserentnern und der Spreewälder Dorfjugend. Im Sinne Fontanes zieht er los, mit »dem guten Willen, das Gute gut zu finden«. Dabei hat er einen Rucksack, etwas Bargeld und keinen Plan – außer dem, nicht schon am Abend wieder daheim zu sein.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ein Sommer im Osten. Was passiert dem, der sich hier treiben lässt, von einem Ort zum nächsten? Cornelius Pollmer macht sich auf den Weg, das zu erkunden, was vor der Haustür liegt. Seine Reise beginnt als Wallfahrt auf Fontanes Spuren und führt bis in den Himmel, wo er vielleicht sogar aus einem Flugzeug springt. Er trifft den sehr adligen Freiherrn von dem Knesebeck und den unvergleichlichen Imbiss-Inhaber Schniepa. Er hört zu bei Gabi und Reinhard, die das Schicksal verwundet hat, und bei einem alten Kapitän, der den Meeren nachtrauert. Er feiert Richtfest und Reiterball, Schlosshochzeit und die Fontanefestspiele in Neuruppin. Manche Tage verstreichen ereignislos, andere laufen über vor Gegenwart, vor Begegnungen, Gesprächen, Geschehen. Ein Country-Road-Movie zwischen Gestern und Morgen, Seen und Kleingartenkolonien.
Cornelius Pollmer, geboren 1984 in Dresden, studierte Volkswirtschaft und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Seit 2013 schreibt er als Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung über Ostdeutschland.
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CORNELIUSPOLLMER
Heut ist irgendwie ein komischer Tag
Meine Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Für meine Familie
»Ich behandle das Kleine mit derselben Liebe wie das Große, weil ich den Unterschied zwischen klein und groß nicht recht gelten lasse.«
Theodor Fontane
Inhalt
Abenteuer Heimat
Gloria in excelsis Theo
Mo. Wurstgulasch, Di. Paprikaschote, Mi. Gyros, Do. Möhreneintopf, Fr. Dicke Rippe
Reisestreiflicht I: Freie Körperkultur
Adel berichtet
Reisestreiflicht II: Keiner von hier
Schnuffelchen, uns jeht es jut
Verschwörung im Naturschutzgebiet
All You Can Read
Reisestreiflicht III: Nie wieder Astra
Good Vibrations
Der alte Mann ohne das Meer
Heavy Wedding
Theocashing
Kleingarten Eden
Dank
Zitathinweis
Abenteuer Heimat
Was ist Abenteuer und wo lässt es sich finden? Ich hatte als Kind ein Buch über Dinosaurier, es war das erste Buch, das ich wirklich geliebt habe. Ich verbrachte ganze Nachmittage damit und besonders lange blieb mein Blick immer auf der Doppelseite mit dem Brontosaurus kleben. Der Brontosaurus war viel größer als die anderen Saurier und zugleich schien er viel friedlicher zu sein. Er hatte ein liebes Gesicht und wirkte ein bisschen tollpatschig. Wie könnte jemand auch nicht tollpatschig wirken, der einen Wendekreis hat so groß wie das Saarland? Ich stellte mir vor, wie ich mich mit dem Brontosaurus anfreunden würde, in einem Land vor unserer Zeit, und wie ich mich dann auf seinen Kopf setzen würde, um auf ihm und mit ihm durch die Gegend zu spazieren. Ein größeres Abenteuer konnte ich mir nicht vorstellen. Und ich dachte, wenn mir nach drölf Milliarden Jahren auf dem Kopf des Brontosaurus irgendwann doch langweilig würde, würde ich ihn fragen, ob ich zur Abwechslung mal seinen Rücken runterrutschen dürfte. Später irgendwann sah ich den Film Jurassic World. Er spielt auf der fiktiven Insel IslaNublar, in einem Vergnügungspark voller Dinosaurier. Die Leiterin der Jurassic World sagt im Film, sie müsse alle paar Jahre neue Attraktionen züchten und auffahren, um das Interesse der Öffentlichkeit nicht zu verlieren. Die immer gleichen Ansprüche an den Park und an seine neuen Mitbewohner lauteten: »Bigger, louder, more teeth«. Größer, lauter, mehr Zähne. Lässt sich Abenteuer wirklich auf Messwerte reduzieren?
Gäbe es die Isla Nublar, ich würde nicht hinfahren. Die Idee eines Saurierparks ist mir aus ähnlichen Gründen fremd, wie es das Konzept von sogenannten Sehenswürdigkeiten ist. Als ich das erste und einzige Mal in meinem Leben vor der Oper in Sydney stand, wurde ich schlagartig unfassbar müde. Die Golden Gate Bridge in San Francisco? Kein Interesse – es sei denn, es ist Nebel und man sieht die Brücke eben gerade nicht; eine nicht zu sehende Sehenswürdigkeit, die hat schon wieder ihren Reiz. Zum Glück ist in San Francisco häufig Nebel. Vom Eiffelturm erinnere ich vor allem, ewig lange angestanden zu haben, von der Sagrada Família, dass sie von außen viel spektakulärer anzuschauen ist als von innen, wo die Luft ja auch nicht besser wird. »Sehenswürdigkeiten« berühren mich selten, ich erzähle nicht von ihnen, wenn ich Postkarten schreibe oder daheim von meinem Urlaub berichte. Was hängen bleibt und was Reisen besonders macht, das ist für mich oft das Ungeplante, das Zufällige.
Was ist also Abenteuer und wo kann ich es finden? Eine der schönsten und abenteuerlichsten Nächte meines Lebens habe ich in Mühlhausen verbracht, der Thomas-Müntzer-Stadt im Unstrut-Hainich-Kreis in Thüringen. Kein Dinosaurierfilm der Welt wird je dort spielen, kein Mühlosaurus Rex wie ein zu heiß gelaufener Häckslermotor in die Nacht brüllen. Das ist auch in Ordnung so, Mühlhausen steht nämlich in keiner Konkurrenz zur Isla Nublar und das wiederum habe ich bei Theodor Fontane begriffen, in dessen Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Diese Wanderungen würde es ohne die schottische Grafschaft Kinross womöglich nicht geben, ohne den Levensee und ohne eine Insel in seiner Mitte. Auf dieser Insel fand Fontane zwar keine Dinosaurier, nicht mal ein Seeungeheuer, aber er fand, immerhin, die Trümmer eines alten Douglas-Schlosses, Loch Leven Castle. Fontane streifte durch Eschen und Schwarztannen und hoch aufgeschossenes Gras und irgendwann ruderte er wieder davon: »… die Insel wurd ein Streifen, endlich schwand sie ganz«. Was aber nicht schwand, das war die Imaginationskraft des Autors im Ruderboot und so geschah es, dass »plötzlich unsre Phantasie weiter in ihre Erinnerungen zurückgriff und ältere Bilder vor die Bilder dieser Stunde schob. Es waren Erinnerungen aus der Heimat, ein unvergessener Tag.«
Konkret waren es Erinnerungen an das Rheinsberger Schloss, die bei Fontane »wie eine Fata Morgana« über dem Levensee ins Licht brachen.
Mir geht es auch so, dass ich unterwegs ständig Bilder und Trugbilder meiner Heimat sehe. Es sind wärmende Bilder, selbst wenn sie einen manchmal in Peinlichkeiten schubsen. Wie zu Beginn des vergangenen Sommers im Norden Australiens, als ich einem Aborigine erklärte, wie sehr mich die herrliche Landschaft an die Sächsische Schweiz erinnere. »Do you know Lilienstein?«
Man bekommt einen Menschen also aus seiner Heimat heraus, aber die Heimat selten ganz aus ihm. Als Theodor Fontane in Schottland von Brandenburg eingeholt wurde, als er vom Levensee zwar tief berührt sich wiederfand und trotzdem an die Heimat denken musste, da fragte er sich: »War jener Tag minder schön, als du im Flachboot über den Rheinsberger See fuhrst, die Schöpfungen und die Erinnerungen einer großen Zeit um dich her?« Und er beantwortete seine Frage mit: »Nein.«
In Momenten wie dem auf dem Levensee vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart und es kann, zweitens, eine neue Lust auf das Abenteuer Heimat daraus erwachsen.
Die jüngere Vergangenheit, das ist in der öffentlichen Erzählung oft die Zeit, in der noch alles gut war. Die Zeit, in der es eine Zukunft nicht nur gab, in der sich sogar alle darauf freuten. In der die Menschen Sozialsysteme ausbauten und Schutzimpfungen erfanden, in der Wandel nicht als Bedrohung galt, sondern Fortschritt bedeutete. Diese Vergangenheit, das ist die Zeit, in der ich nicht gelebt habe.
Die Gegenwart, das ist die Zeit der Widersprüche. Eine Zeit ohne Krieg in der Heimat, aber auch ohne gesellschaftlichen Frieden. Eine Zeit großen materiellen Wohlstands, aber auch großer Angst, diesen oder auch nur einen Teil davon zu verlieren. Eine Zeit großer individueller Freiheiten, aber auch eine, in der Gemeinschaft und Solidarität drohen, verloren zu gehen. Die Gegenwart, das ist die Zeit, in der ich lebe und in der gar nicht so vieles so schlecht sein kann, wie es manchmal gemacht wird.
Ich weiß nicht, wann genau das begonnen hat, dass ich mich wieder mehr für meine Heimat interessiere als für Fernreisen in kosmopolitische Pflichtbesuchsstädte wie New York oder zu instagramtauglichen Naturschönheiten. Ich weiß aber, warum es so ist. Es ist kein Distinktionsgehabe, so viel ist sicher. Wer auch nur ein einziges Mal an einem heißen Sommertag in der Burgenlandbahn saß und an wirklich jedem Bedarfshalt unterwegs die Türen aufgehen sah, der weiß: Um Distinktion kann es wirklich kaum gehen, wenn jemand sich dem Osten und sich im Osten verschreibt.
Es geht mir vielmehr darum, meine Position zu verstehen, es geht darum, ein System und darin Koordinaten und in diesem Koordinatensystem einen Punkt zu erkennen, von dem ich dann sagen kann: Da ungefähr, da bin ich. Und das ist es auch, was für mich den Begriff der Heimat von dem der Herkunft unterscheidet. Ich fand es immer verwunderlich, den ersten Begriff allein über den zweiten zu definieren. Herkunft ist vorbei. Für mich ist Heimat viel mehr eine Frage nach Zukunft. Heimat sehe ich in dem, was mir bleiben soll, hoffentlich: bleiben wird. So wie Menschen einander in diesem Sinne Heimat geben, so können auch Orte Heimat geben. Nur, welche?
Die Orte, die mir Heimat sind, werden nicht von EasyJet angeflogen. Heimat finde ich im Antizyklischen, im Randständigen, in der Abwesenheit von Mode und Zeitgeist, in der Abwesenheit von Mutmaßungen über Zugehörigkeit in Clubs, Restaurants, bei Premierenpartys. Heimat finde ich auch dort, wo gerade so noch ein Regionalexpress hält oder auch nur die Burgenlandbahn, wenn überhaupt.
Diese Heimat empfinde ich als bedroht. Weil sich ein giftiges Narrativ epidemisch ausgebreitet hat, demnach es gutes Leben nicht überall geben könne. Du kannst was, du willst was vom Leben? Dann bleibe bloß nicht in Mühlhausen, in Weißenfels, in Neuruppin. Wann hat das angefangen? Und stimmt es nur, weil so viele dieses Narrativ gebrauchen? Das wüsste ich gerne.
Denn wann immer ich in solchen Orten bin, durchdringt mich mit aller möglichen Gewalt eine Frage: Wo ist Leben, wo ist Zukunft? Selten sehe ich welches, selten sehe ich welche. Das macht mich traurig. Aber vielleicht gibt es sie ja, vielleicht begreife ich sie nur nicht?
Die Sorge um Zukunft findet sich allüberall belegt, da muss wirklich niemand lange suchen. Überall gibt es Orte wie Gentzrode, gelegen am nördlichen Rand Neuruppins. Als Fontane Gentzrode erwandert hatte, fand er das Gutshaus, ein Ensemble im neomaurischen Stil, und er befand fast utopistisch ungehalten, wirklich alles hier befinde sich »im Werden«. Heute gibt es in Gentzrode einen betrüblichen Wettlauf mit der Zeit. Vor vielen Jahren hat ein türkischer Investor das Gelände des Gutshauses übernommen, seitdem ist nicht viel passiert. Das Ensemble verfällt, vielleicht endgültig. Und wenn es nicht verfallen sollte, dann weil der Investor doch noch seinen angeblichen Plan umsetzt, über den die Märkische Oderzeitung berichtet hat. Der Geldgeber, heißt es, will »eines der größten Freizeitresorts in ganz Europa« in Gentzrode aufziehen. Bigger, louder, more teeth?
Es ist leicht, an Orten wie Gentzrode vorbeizufahren oder über sie hinwegzufliegen. Sich nach einem kurzen Blick recht zu geben: Ist öde dort, muss ich nicht hin. Es ist interessanter und aufrichtiger, sich diesen Orten in Ausführlichkeit zu widmen, um sie in Ruhe zu befragen.
Theodor Fontane nahm sich dafür 30 Jahre – die Antworten, die er in seinen Wanderungen fand, füllen fünf Bände. Sie sind von einer Romantik, wie wir sie uns heute zu selten erlauben, wie wir sie teilweise womöglich längst verlernt haben. Zu Fontane sprach an manchen Orten die Stille, sie sprach zu ihm dort, wo man heute recht schnell urteilen würde: Ist halt echt nichts los hier. Theodor Fontane forderte von sich selbst, bei der Reise in die Mark »mindestens keine Voreingenommenheit« im Sinn zu haben – und er empfahl dies auch allen möglichen Nachahmern. Unvoreingenommenheit, was für eine schöne Tugend. Fontane schließlich sagte, das Beste, das einem in der Mark begegnen werde, das seien die Menschen, »vorausgesetzt, daß du dich darauf verstehst, das rechte Wort für den ›gemeinen Mann‹ zu finden.«
Durchreisende Journalisten verstehen sich heute zuweilen darauf, gemeine Worte für den rechten Mann in Brandenburg zu finden. Vor dem muss und sollte niemand die Augen verschließen. Vor allem anderen aber auch nicht. Theodor Fontane hielt fest: »Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte.« Er schrieb, man solle dieser Heimat mit »Liebe und Anhänglichkeit« begegnen sowie mit »dem guten Willen … das Gute gut zu finden«. Gut. Das mache ich jetzt mal.
Ich möchte also Brandenburg entdecken. Ich möchte dort sein, ich möchte dort wandern, einen Sommer lang. Ich möchte zuhören, Menschen, Gebäuden, der Natur. Ich möchte den guten Willen haben, das Gute gut zu finden. Es geht um eine atmosphärische Vermessung der Gegenwart hauptsächlich dort, wo statistisch gesehen die meisten Menschen ihr Leben führen, nämlich außerhalb der großen Städte. Es geht darum, die Neugier auf das zu lenken, was vor der Haustür liegt. Es geht um den festen Glauben, dass Abenteuer wie von selbst passiert, wenn man einfach mal losgeht, mit einem Rucksack, mit etwas Bargeld, mit keinem Plan außer dem, nicht schon am Abend wieder daheim zu sein.
Marquardt, Karwe, Fehrbellin. Werben, Menz, Hermannswerder. Jeder Ort: ein Versprechen. Fast egal, welches davon eingelöst wird und welches nicht. Der Anspruch ist, keinen Anspruch zu haben. Der Anspruch ist, Freiheit zuzulassen und die Größe kleiner Augenblicke zu sehen. Es geht letztlich darum, der Gegenwart Größe abzuringen. Es geht darum, mögliche Normalitäten der Zeit zu finden, in der ich lebe. Es geht darum, nicht die Vergangenheit oder irgendwelche Klischees das Bild der Heimat bestimmen zu lassen. Es geht darum, sich stattdessen ein eigenes Bild zu machen, hier und dort und am besten zufällig.
Immer dabei ist einer, der mich trägt. Oft trägt er mich friedlich und stumm, manchmal sagt er auch was. Der, der mich trägt, ist Theodor Fontane, sozusagen mein ganz persönlicher Brontosaurus.
Gloria in excelsis Theo
Es gibt Tage, an denen mich die Aufregung weckt, bevor der Wecker klingelt. Heute ist so ein Tag, denn heute werde ich konvertieren. Ich werde übertreten in die Freikirche der Fontanisten. Wird es Nebeltöpfe mit Weihrauch geben, Tieropfer, einen Priester in Purpur? Ich weiß es nicht. Ich weiß lediglich, dass ich an einer Zeremonie teilnehmen werde. Das heißt, na ja, eigentlich habe ich mir nur eine Busfahrkarte besorgt.
Aber eben nicht irgendeine Karte und nicht für irgendeinen Bus. Ich habe mir einen Platz bei einer Pilgerreise organisiert, einer veritablen Wallfahrt. In Neuruppin, der Geburtsstadt Theodor Fontanes, soll diese Fahrt beginnen. Neun Stunden soll sie dauern, zu den Wirkungsorten Fontanes soll sie führen. Der Bus wird, so habe ich die Ankündigung verstanden, überall dort halten, wo der Autor mal einen Kubikmillimeter Luft weggeatmet hat.
Klingt ein bisschen wenig für einen Pfingstsonntag? Gegenprobe: Die Fahrt ist seit Wochen ausgebucht, in Neuruppin wird seit Tagen von ihr gesprochen und sie steht längst im Verdacht, nichts weniger als ein absolutes Happening zu werden, ein Spezialereignis für passionierte und in ihrer großen Mehrzahl pensionierte Fontanisten.
Ich habe die Erwartungen zusätzlich geschürt. Hier und da habe ich in Gesprächen fallen lassen, wer in Sachen Fontane etwas auf sich halte, der müsse bei der Fahrt am Sonntag wirklich dabei sein, da gebe es keine zwei Meinungen. Fontane selbst sei ja einst auf Pfingstfahrt gegangen, in den Teltow, und nach allem, was ich gehört hätte, planten die Monotheoisten jetzt eine Art mobilen Gottesdienst unter freiem Himmel, eine Anbetung in Etappen, ein gewaltiges Halleluja, das noch weit über die Grenzen der Mark werde zu vernehmen sein. Gloria in excelsis Theo.
So hatte ich mir das irgendwann wirklich vorgestellt, aber jetzt liege ich in einem sehr schmalen Bett in einer Pension und habe keine Lust aufzustehen. Ich liege wach, aber ich liege. Da ist keine Feierlichkeit in mir, auch keine erwartungsfrohe Erbaulichkeit. Da ist stattdessen dieses Gefühl, sich mal wieder leichtfertig verabredet zu haben, wie das manchmal mit Bekannten passiert, die man auf der Straße trifft. Klar, unbedingt bald auf ein Bier, wie wär’s übernächsten Mittwoch? Dann kommt die Woche, der Tag, der Abend: so gar keine Lust. Aber muss ja, jetzt noch absagen, das wäre anstandslos.
Nun also: eine leichtfertige Verabredung mit Fontane. Was nützt diese Parallele? Gar nicht so wenig. Sie erlaubt, ein paar Erfahrungswerte abzurufen und mit deren Unterstützung mir und diesem noch jungen Sonntag auf die Beine zu helfen. Die Erfahrung sagt: Es bringt nichts, die Unlust zu kultivieren und mit ihr schwer beladen wie ein wandelnder Migräneanfall durch den Tag zu tapern. Besser ist es, sich dem Unausweichlichen völlig hinzugeben und in dieser Hingabe mit etwas Glück sogar eine Balance zu finden. Eine Balance einerseits aus der sanftmütigen Aufgabe jeglichen Widerstands – und aus andererseits einer großzügig überdrehten Hare-Krishna-Hysterie.
Diese Balance stellt sich heute erstaunlich schnell ein, nämlich 20 Minuten und 17 Treppenstufen später im Frühstücksraum der Pension. Der Wirt hatte am Vorabend wissen wollen, wann ich gedächte zu frühstücken und ich hatte in der Sache hart, aber freundlich geantwortet: keine Ahnung. Ähnlich könnten es die Familie mit den drei kleinen Kindern, das Rentnerpaar sowie die ebenfalls allein reisende Seniorin gehalten haben. Sie alle drängen nun zeitgleich wie in einer Zombie-Version von Pac-Man aus unterschiedlichen Winkeln in den kargen Frühstücksraum. Der Wirt kann diesen von einer kleinen Theke einsehen. Als er den Ansturm von immerhin neun Personen gleichzeitig realisiert, perlt tröpfchenweise Panik auf seiner Stirn.
Unser Wirt fällt eindeutig in jene Kategorie Männer, die man mit der gebotenen Freundlichkeit gemütlich nennt. Umso riskanter ist die Entscheidung zu bewerten, die er jetzt angesichts von neun gleichzeitigen Frühstücksgästen trifft: Nach kurzem Überlegen wählt er die Strategie, mit erhöhter Geschwindigkeit auf die in ihm aufsteigende Nervosität zu reagieren.
Der Wirt versucht, mit einer schnellen ersten Runde sich und die Situation zu beruhigen und liefert also zunächst die bereits abgezählten und vorsortierten Eier aus. Ein Körbchen mit derer fünf landet auf dem Tisch des Rentnerpaares, ein einzelnes Ei hingegen bei der fünf Köpfe zählenden Familie. Ich bekomme zwei Eier, ein vergleichsweise glückliches Los. Zwei Eier sind eines zu viel, aber eben nur eines und damit gerade so wenig, dass ich beide Eier essen und mit Treu und Glauben die Rechtmäßigkeit dieses Handelns behaupten könnte, sollte es im Nachgang dieses Morgens zu einer juristischen Aufarbeitung des Frühstücks kommen.
Während ich so denke, eilt der Wirt schon wieder hinter die Theke und jongliert patschend in Vorbereitung von Runde zwei die offenbar sehr heißen Brötchen aus dem Ofen. Ahhhh, huhhh, heiß, heiß, huhhhhh. Ich lüfte ein zweites Mal das kleine Tuch über meinem Körbchen, als säße ich beim Poker und wollte mein Blatt prüfen. Die allein reisende Rentnerin am Nachbartisch nutzt diesen Moment und spitzfindelt mich von der Seite an. Mit einem Lächeln, das Gelassenheit nur vortäuscht, rechnet sie vor: Wenn es Körbchen mit nur einem Ei gebe, und die Familie da drüben habe ja ein genau solches bekommen, dann seien die zwei Eier in meinem sicher nicht für mich allein gedacht. Ob ich nicht so freundlich sein und ihr also eines der beiden Eier abgeben wolle? Ich tue wie gewünscht und schenke ihr ein Lächeln, das Gelassenheit nur vortäuscht.
Die Brötchen sind außen zwar heiß, innen jedoch noch gefroren. Bei der Familie nörgeln die Kinder, weil derdiedas Nutella fehlt, derdiedas ihnen offenbar versprochen worden war. Meine Nachbarin hat jetzt zwar ein Ei, aber kein Salz.
»Alles gut soweit?«, fragt der Wirt nervös aus seinem Thekenabteil.
»Alles bestens«, antworten wir unisono aus dem Frühstücksraum.
Das kleine Durcheinander hat mich im besten Sinne aufgeraut, ja, ich bin jetzt wach und bereit für meine Erweckung. Und sie kommt schneller als gedacht, bereits auf dem kurzen Weg zum Treffpunkt droht die totale Erleuchtung. Der Ruppiner See blendet schon am Morgen in kleinen Stichen, Glitzerfunkeln überall. Und in der nahen Ferne, am Bollwerk: gleißendes Beige. Keine Frage, das muss meine Gemeinde sein.
Schnelles Bonding mit Rentnern gehört gewöhnlich zu meinen Kernkompetenzen, gerade aber bin ich dafür zu aufgekratzt, viel zu euphorisch. Irgendwo muss diese Euphorie hin, am liebsten würde ich gleich nach meiner Ankunft jemanden umarmen, egal wen, Mensch, wir alle hier, ist das nicht toll! Abgelenkt und gerettet werde ich durch eine Alle-mal-herhören-Ansage der Reiseleiterin, Uta Bartsch.
»Es wäre gut, wenn alle ein Ticket haben«, ruft Bartsch der Gruppe in freundlicher Strenge zu.
»Na, ’n Tick ham wa uff jeden Fall!«, kumpelt ein Busrentner zurück. Alle lachen befreit auf, so auch ich.
Zustieg. Der Bus hustet beschwerlich den kleinen Hügel am See hinauf, durch die Reihen weht bald vorfreudiges Ausflugstuscheln. Dieses Tuscheln gilt in nicht geringem Maße einem Mann, der vorne rechts neben Uta Bartsch seinen Führungsplatz eingenommen hat: Günter Rieger. Schon vor der Abfahrt hatten sich um Rieger immer wieder kleine Menschenmengen gebildet. Mein erster Verdacht war in die Richtung gegangen, Rieger könnte einen Beutel Give-aways dabeihaben, um sich die Gunst der Gruppe zu sichern – Probiertütchen mit Betablockern vielleicht oder Rabattkärtchen fürs örtliche Reformhaus.
In Wahrheit ist Günter Rieger in der großen Freikirche der Fontanisten eine Berühmtheit und Koryphäe, er ist, ohne jede Übertreibung, eine Art Papst ohne Purpur und ihn werk- und ortskundig zu nennen, wäre eine dramatische Untertreibung. Vor bald 30 Jahren hat Rieger einen Regionalverlag gegründet, der nach ihm benannt ist und in dem er auch den geistigen Nachlass Fontanes mit Akkuratesse und Liebe verwaltet. Rieger scheint alles zu wissen, wirklich. Textstellen, Bekanntschaften Fontanes, geheime Gedanken. Rieger kennt selbst die Biografien von Leuten, deren Namen ich mir keine drei Minuten merken kann, von Hans Joachim von Zieten etwa oder von Karl Richard Meusenstein. Und wenn Günter Rieger die Biografie Karl Richard Meusensteins doch nicht kennt, dann nur, weil ich mir diesen Namen gerade ausgedacht habe, mangels real erinnerter Alternativen.
Wenn man wie ich ein gegenwartssüchtiger Mensch ist, kann es keine fremdere und keine bessere Spiegelfläche geben als jemanden wie Günter Rieger. Wenn Rieger zum Beispiel erzählt, im Ruppiner Land sei früher viel mit Torf gehandelt worden, die Menschen hätten gut gelebt von diesem Geschäft, bis mit der Kohle ein höherwertiger Energieträger aufgekommen sei, dann denke ich sofort an die Lausitz und an den dort bevorstehenden Zeitenbruch. Geschichte wiederholt sich irgendwie eben doch, nur in anderem Gewand, und wer weiß, vielleicht könnten wir zwei heute eine ganz gute Kombination ergeben: Ich, der ich viel über das Jetzt und die Zukunft nachdenke – und Rieger, der an der Nadel der Geschichte hängt.
»Wir fahren durch das Morgenland«, sagt Günter Rieger feierlich, als wir das Ostufer des Sees entlangschaukeln. Er erläutert, dass seinerzeit die freien Bauern verpflichtet worden seien, »einen Morgen Land zu kultivieren«. Wie wunderbar zukunftsgewiss und fruchtbar und mehrdeutig das klingt: ein zu kultivierender Morgen. Der bäuerliche Alltag damals wird nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen sein, aber ist es nur ein Fortschritt, dass sich heute große Landmaschinen durch die Böden fressen und fräsen und dass dieser Boden in Hektar vermessen wird? Hektar, das klingt nach einem grimmigen Höllengott und nach Einrichtungsmassenware von IKEA. Bevor ich mich aber schon wieder gedankenspringend zwischen Gestern und Heute verliere, holt mich Günter Rieger über das Busmikrofon zurück in die Gegenwart:
»Wer die Vergangenheit nicht kennt, der kann die Zukunft nicht gestalten«, sagt er.
Das Zitat ist von Fontane oder von Helmut Kohl, vielleicht ist es auch einfach nur: von Günter Rieger. Der verteilt nun jedenfalls weiter anekdotische Snacks an seine Jünger und wir Halb- und Viertelwissenden schnabeln ihm genüsslich aus der Hand.
Rieger ist nach klassischer Lesart ein Streber. Aber mehr noch ist er mir sympathisch, weil er auch ein Spieler ist, ein behutsamer Blender und Fontanist also auch im potemkinschen Sinne.
»Mensch, was wir zwei schon für Fahrten gemacht haben!«, raunt Rieger zum Busfahrer rüber, als wären beide zusammen in Vietnam gewesen.
Der Busfahrer nickt etwas irritiert und schon in der nächsten Kurve, bei der nächsten Gesprächsanbahnung, wird klar, warum:
Rieger: »Du, Frank …«
Fahrer: »Wolfgang.«
Rieger: »Wie?«
Fahrer: »Na, ick heiß Wolfgang.«
Rieger: »Ach so, ja ja, klar.«
Günter Rieger ist mir auch deshalb sympathisch, weil seine Verehrung für Fontane nicht ins Unbedingte oder gar Kultische kippt. Statt einer Wall- erlebt unsere Gruppe eine literarische Butterfahrt – mit einem Reiseleiter, der sich auch mal weit aus dem Busfenster lehnt und sagt, dass manche Fußnoten in den Wanderungen ja viel spannender seien als der eigentliche Text. Ein Verdikt, das in der Reisegruppe mit erstauntem, letztlich aber beifälligem Murmeln zur Kenntnis genommen wird.
Eher Fußtritte als Fußnoten bekomme ich zu spüren, als ich beim Stopp in Wustrau von der Gruppe davonschleiche und hinein ins privat betriebene Brandenburg-Preußen Museum. Draußen berichtet Günter Rieger, dass Fontane hier nach den Grabstätten derer von Zieten schaute und in der kleinen Wustrauer Kapelle »das Ideal von einer Dorfkirche« erkannte. Drinnen ist an der Empfangstheke ein wohl gekleideter Mann anzutreffen und als ich mich bei ihm spontan und auf Verdacht nach dem größten Sohn der Region erkundige, da wird er gleich erfrischend blasphemisch. Es gebe, sagt der Mann, »fast niemanden in meinem Umfeld, der aus Schulzeiten eine positive Erinnerung an den Autor Fontane hat. Das ist ein verschwindend geringer Teil.«
Ich will den Mann warnen, schhhhhht, passen Sie auf, da draußen, da ist Papst Rieger mit seiner Hobby-Kurie. Aber er spricht aus Überzeugung und diese Überzeugung lautet, dass Fontane eben ein sehr schwieriger Autor gewesen sei und dass man hier in der Region deswegen die Zugkraft seines Namens nicht zu hoch schätzen solle. Ob die großen touristischen Erwartungen an das Jubiläumsjahr 2019 gerechtfertigt seien? Na ja, er, sagt der Mann, sei sich da nicht so sicher. Das Museum hier jedenfalls werde, so viel wisse er und dürfe er schon verraten, mit einer »Anti-Fontane-Ausstellung« ins Rennen um Gäste und Ticketverkäufe gehen. Fotografien von Marie Goslich, ganz tolle Sachen.
So viel unverhohlener Zweifel an den Plänen des touristischen Apparats überrumpelt mich, derlei kenne ich aus meinem Geburtsland Sachsen nicht. Gelähmt durch die Verwunderung bringe ich als Antwort nur ein schlichtes »Aha?« heraus. Der Mann versteht diese Antwort richtig, nämlich als Aufforderung, doch bitte fortzufahren.
»Ich verstehe dieses Tourismusmarketing nicht, bei dem jetzt das Zeitlose der Region betont wird. Das kann doch kein Konzept sein, diese Behäbigkeit, die es hier gibt, einfach nur anders zu nennen. Das ist doch keine Idee für die Zukunft!«
Der Mann kommt so langsam auf gute Temperaturen, wie gerne bliebe ich noch eine Weile, aber der Frank, also der Wolfgang hat den Reisebusmotor schon wieder loshusten lassen. Weiter geht’s.
Und doch nicht. Mittagshalt, immer noch Wustrau, Café Constance. Es gibt eine sehr ordentliche Kartoffelsuppe mit sehr knackigen Würstchen, es gibt von allem reichlich und noch mehr Zeit. Ich büxe ein zweites Mal aus und spaziere zur Wustrauer Mühle. Die, hatte eine Dame berichtet, sei eigentlich nicht mehr in Betrieb, ab und an aber werde der Holzofen noch angeworfen und gebe es frischen Kuchen. Als ich die Mühle erreiche, kommt gerade ein Blech Rhabarber-Streusel aus dem Feuer. Bernd, der Bäcker, reicht ein Stück, ich esse es am Kanal neben der Mühle, mit Blick auf ein verfallendes, zur Mühle zugehöriges Haus. Davor liegt unter einer wetterverzerrten und wettergeplagten Plane ein kleines Ruderboot, es heißt, weiß auf blauem Grund: Sisyphos. Und Sisyphos scheint längst aufgegeben zu haben, aber schon ein paar Blickwinkel weiter links wartet Erbauliches: Die gewaltige Linde vor der Mühle, sie ist ein Gedicht, nein, ein Roman von einem Baum.
Nach meinem wiederholten Ausbüxen scheint es mir angebracht, der Gruppendynamik im Bus etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ich bin einem nicht geringen Teil des beigen Blocks offenbar suspekt, weil ich fortwährend Notizen mache und das nicht einmal auf meinem Handy, sondern mit Stift und Zetteln. Derart doppelt verdächtig, veranlasse ich eine Ältere zu dem etwas plumpen Versuch, Genaueres in Erfahrung zu bringen:
Frau: Na, wird das Heftchen voll?
Ich, grundlos fröhlich: Das wird es, gewiss! Leider – oder besser: zum Glück.
Frau: Na, noch sind Sie ja nicht ganz am Ende.
Ich: Ach, wann ist man das schon mal?
Die Frau schaut indigniert. Der Grund dafür allerdings muss überhaupt nicht in meiner zweifellos rhetorischen Frage liegen, er könnte sich auch ein paar Stockwerke darüber befinden, am Himmel, von wo die Sonne so erbarmungslos feuert, dass allen langsam, wie sagt man: der Keks weich wird.
Das Geniale an Günter Rieger besteht nun darin, auf Sonne und Müdigkeit und sonst wie fortschreitende Erschöpfung nicht mit einer Drosselung seines Programms zu reagieren. Nein, Rieger greift jetzt lieber noch höher ins Regal und wirft mitten im allgemeinen Suppenkoma mit Sätzen wie dem folgenden um sich:
