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In den letzten Jahren wird die Jagd immer mehr zum Gegenstand öffentlicher Kritik. Tierschützer ziehen ihre Legitimation in Zweifel, Naturschutz und Forstwirtschaft beurteilen sie rein aus der Perspektive der Waldwirtschaft. Ein ebenso kompetenter wie streitbarer Experte setzt sich in diesem Buch mit den Antijagd-Strömungen auseinander. Schlüssig belegt er die Berechtigung und Notwendigkeit nachhaltiger Jagd in unseren naturfernen Kulturlandschaften und weist den Weg für ein zukunftsfähiges Waidwerk.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Fakten statt Naturschwärmerei
Der Bauernhof, auf dem ich als Kind lebte, lag mitten in einer damals noch recht kleinen Stadt im Rhein-Main-Gebiet. Wenn wir im Frühjahr und Sommer auf dem mehrere hundert Hektar großen Feld waren, das weit außerhalb des Städtchens lag und auf drei Seiten an den Wald angrenzte, wurden Beschaulichkeit und Stille dort vom allgegenwärtigen Jubilieren der Feldlerchen noch betont. Wiesen waren bunt blühende Teppiche mit darüber schwebenden Wolken von Schmetterlingen und anderen Insekten. Lief man durch eine solche Wiese, stand alle paar Meter ein Hase auf, und an den Feldrändern waren immer wieder Rebhuhnketten zu beobachten. Alles in allem ein Garten Eden für eine große Zahl von Tier- und Pflanzenarten und für das Niederwild.
Heute ist der weitaus größte Teil dieser Flächen zugebaut, und das Dröhnen der Flugzeugturbinen des nahen Flughafens hat das Jubilieren der Lerchen abgelöst. Nur ab und an verirrt sich noch ein Fuchs oder ein Hase in diese Gegend. Und da stellt sich dann die Frage, ob man in einer solchen Situation überhaupt noch jagen darf. Müssten wir in unserer Kulturlandschaft nicht die Jagd einstellen? Verstärken wir mit der Jagd nicht vielleicht noch das Artensterben, das vor allem durch die industrialisierte Landwirtschaft und unkontrollierte Landnahme durch den Menschen verursacht wird?
Man muss schon etwas genauer hinschauen, um Zusammenhänge in der Natur zu erkennen und zu wissen, ob man eine Art bejagen kann oder muss und in welchem Umfang. Dieses Hinschauen und Begreifen natürlicher Zusammenhänge ist der urbanisierten Gesellschaft Mitteleuropas jedoch weitestgehend abhandengekommen.
Nun habe ich als Biologe sozusagen von Berufs wegen im Laufe meines Lebens sehr viel über ökologische Zusammenhänge gelernt und erfahren, und ich habe als Jäger durch eigene Beobachtungen draußen reichlich praktische Erfahrungen über die Wechselbeziehungen in der Natur gesammelt. Und ich bin überzeugt: Auch heute noch kann man jagen, ohne den Pfad der Nachhaltigkeit zu verlassen! Im Gegenteil – oft oder besser meist leistet die Jagd einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität. Zuvor ist freilich eine Reihe von Fragen zu beantworten.
Wie hoch ist der Zuwachs, wie hoch ist die natürliche Sterblichkeit, wissenschaftlich „Mortalität“, einer Tierart? Wie muss Bejagung erfolgen, um den Alters- und Sozialstrukturen unserer Wildtierpopulationen gerecht zu werden? Können wir einfach darauflosjagen oder müssen wir planvoll jagen? Wie werden vernünftige Abschusspläne erstellt und vollzogen? Hängt die natürliche Mortalität von der Dichte der Bestände bzw. Besätze ab? Kann man möglicherweise auch bei nicht so häufigen Arten oder solchen mit geringen Fortpflanzungsraten auch das eine oder andere Exemplar erlegen? Kann man nicht z. B. einen Hasen im Frühherbst erbeuten, bevor er natürlicherweise an einer Parasitose stirbt? Kann man nicht auf dem „Schnepfenstrich“ im zeitigen Frühjahr einen Schnepfenhahn erlegen, dessen Platz bei dieser polygamen Art sofort ein anderer Hahn einnimmt, der nur auf diese Gelegenheit gewartet hat? Muss nicht der Fuchs scharf bejagt werden, weil er z. B. die letzten Großtrappen und die Restpopulationen vieler Wiesenvögel in unserem Land stark gefährdet? Sollen Waschbär und Mink weiterhin ungestört die Vielfalt der Avifauna zerstören?
Ein paar dieser Zusammenhänge darzustellen und sie dem naturfernen Menschen, aber auch dem näher interessierten Jäger zu verdeutlichen, ist Ziel dieses Buches. Es soll also ein Plädoyer für die Jagd sein und zwar nicht auf der Grundlage von naturromantischer Schwärmerei, sondern auf der Grundlage biologischer und ökologischer Fakten.
Jagd mit der Begründung abzulehnen, der Mensch dürfe keine Tiere töten, geht so weit an der biologischen Realität vorbei, dass man darauf nur am Rande eingehen muss.
Zugleich aber soll das Buch dem Jäger Argumentationshilfen an die Hand geben und ihm die eine oder andere Facette seines Handwerks noch näherbringen. Tradition bewahren, heißt an der Spitze des Fortschritts marschieren, wie es der preußische Feldherr Scharnhorst ausgedrückt hat. Das an sich Positive der konservativen, also bewahrenden Grundeinstellung vieler Jäger kann sich leicht ins Negative wenden, wenn wir unser jagdliches Handwerk nicht an den jeweils neuesten wildökologischen Kenntnissen ausrichten, und wenn wir die Stimmungen und Befindlichkeiten in der nichtjagenden Gesellschaft nicht aufnehmen. Auch dazu soll das Buch Denkansätze liefern.
Manche Sachverhalte werden in diesem Buch mehrmals an unterschiedlicher Stelle und unterschiedlichen Schwerpunkten abgehandelt. Die dadurch entstehenden Redundanzen sind beabsichtigt und werden als didaktisches Mittel eingesetzt.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich all denjenigen danken, die mich in 50 Jahren Jägerleben begleitet haben und denen ich sehr viel zu verdanken habe, was das Verstehen und Begreifen natürlicher Zusammenhänge angeht. Sie alle aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen. Gleichzeitig danke ich dem Verlag und meinem Lektor für die verständnisvolle und geduldige Zusammenarbeit.
Hans-Dieter Pfannenstiel
Jagd und ihre Berührungspunkte
Paragraf 1 des Bundesjagdgesetzes („Inhalt des Jagdrechts“) steckt den Rahmen ab, innerhalb dessen sich die Jagd in Deutschland bewegt. Von den sechs Abschnitten dieses Paragrafen seien die ersten fünf hier zitiert:
„(1) Das Jagdrecht ist die ausschließliche Befugnis, auf einem bestimmten Gebiet wildlebende Tiere, die dem Jagdrecht unterliegen (Wild), zu hegen, auf sie die Jagd auszuüben und sie sich anzueignen. Mit dem Jagdrecht ist die Pflicht zur Hege verbunden.
(2) Die Hege hat zum Ziel die Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlagen; auf Grund anderer Vorschriften bestehende gleichartige Verpflichtungen bleiben unberührt. Die Hege muss so durchgeführt werden, dass Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere Wildschäden, möglichst vermieden werden.
(3) Bei der Ausübung der Jagd sind die allgemein anerkannten Grundsätze deutscher Waidgerechtigkeit zu beachten.
(4) Die Jagdausübung erstreckt sich auf das Aufsuchen, Nachstellen, Erlegen und Fangen von Wild.
(5) Das Recht zur Aneignung von Wild umfasst auch die ausschließliche Befugnis, krankes oder verendetes Wild, Fallwild und Abwurfstangen sowie die Eier von Federwild sich anzueignen.“
Einige bedeutsame Punkte, auf die später näher eingegangen wird, sollen hier nur kurz erwähnt werden.
(1) beschränkt die genannten Befugnisse auf ein bestimmtes Gebiet. Solche Gebiete sind Jagdreviere (siehe hier). Jagdausübungsberechtigte können in ihrem Revier jagen und sind dort gleichermaßen zur Hege verpflichtet. Diese Verbindung von Jagd und Hege ist ein wichtiges Element unseres Jagdsystems.
Unter Hege – siehe (2) – verstehen Gesetzgeber und Jäger das, was Grundeigentümer und Revierinhaber tun, um die Lebensgrundlagen des Wildes und anderer Tier- und Pflanzenarten im Revier zu verbessern bzw. in möglichst natürlichem Zustand zu halten. Hege bedeutet demnach nicht, Wildbestände zu schaffen, die nicht an die Landeskultur angepasst sind.
Der Begriff der Hege wird heute von jagdfeindlichen Kreisen unter Leugnung seiner wahren Bedeutung diskreditiert. Selbstkritisch einzuräumen ist allerdings auch, dass mancher Jäger im Wege falsch interpretierter „Hege“ durchaus Wildbestände herangepflegt hat, die nicht an die landeskulturellen Bedürfnisse angepasst sind, einer ordnungsgemäßen Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft also entgegenstehen. Das Bundesjagdgesetz, das hier im Wesentlichen dem Reichsjagdgesetz von 1934 folgt, wird deswegen immer wieder als Nachfolger eines Nazigesetzes diffamiert. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer einheitlichen Bejagungsrichtlinie für ganz Deutschland und die Verpflichtung der Jägerschaft zur Hege sind allerdings älter und waren absolut notwendig. Bereits in der Weimarer Republik gab es entsprechende Ländergesetze.
Das Reichsjagdgesetz und das Bundesjagdgesetz als Nazigesetze zu diffamieren, wie es gelegentlich auch nichtjagende Naturschützer tun, ist tatsächlich vollkommen unangebracht. Niemand käme wohl auf die Idee, das Naturschutzgesetz, das seinen Vorläufer ebenfalls im Dritten Reich hat, als Nazigesetz zu diffamieren.
Über die unter (3) genannten Grundsätze deutscher Waidgerechtigkeit wird fortlaufend von Jägern untereinander und mit Nichtjägern diskutiert. Das liegt einmal daran, dass es sich bei Waidgerechtigkeit um einen unbestimmten Rechtsbegriff handelt. Zum anderen unterliegt die Bedeutung dieses Begriffs mit dem Zuwachs an wildbiologischen Erkenntnissen und den Veränderungen in der Jagdausübung und beim jagdlichen Brauchtum einem ständigen Wandel. Zusammenfassend lässt sich unter dem Begriff Waidgerechtigkeit letztlich alles subsummieren, was mit Tierschutz und Jagdethik zu tun hat.
Jagdrecht und Jagdausübungsrecht sind von unserer Verfassung besonders geschützte Eigentumsrechte. Das hinderte aber den einen oder anderen Politiker gerade jüngerer Vergangenheit nicht an Versuchen, das Eigentum mit Hilfe von Gesetzen so zu gestalten, dass es seinen Vorstellungen und denen seiner Partei entspricht. Bereits beschlossene oder zukünftig geplante Einschränkungen des Katalogs jagdbarer Arten und die Einschränkung von Jagdzeiten in manchen Bundesländern mit „ökologischen“ Fachministern sind solche Eigentumsgestaltungsmaßnahmen. Nach Meinung verschiedener Juristen stellen sie unzulässige Eingriffe in das Eigentum dar.
Es wird dann der Anschein erweckt, dass die Beibehaltung des bisherigen Jagd- und Jagdausübungsrechts einer besonderen Begründung bzw. Rechtfertigung bedürfe. Umgekehrt wird aber ein Schuh daraus: Die Einschränkung dieser Eigentumsrechte müsste eigentlich mit schwerwiegenden Argumenten besonders begründet werden. Hier kann man den in ihren diesbezüglichen Rechten beschnittenen Jagdrechtsinhabern und Jagdausübungsberechtigten nur anraten, solche Jagdgesetze höchstrichterlich überprüfen zu lassen. Der Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen hat diesen Weg hinsichtlich des von einem Minister initiierten Jagdgesetzes jüngst beschritten, doch viel mehr ist in dieser Richtung nicht zu verzeichnen. Die bisherige Duldsamkeit vieler Betroffener im ländlichen Raum ist kaum noch zu verstehen.
Jagd und Evolution
In der Natur, in der stammesgeschichtlichen Entwicklung (Evolution) von Tier- und Pflanzenarten sowie des Menschen, in den Beziehungen von Tier- und Pflanzenpopulationen untereinander und mit dem Mensch sowie der unbelebten (abiotischen) Umwelt gibt es kein statisches und kein zeitlich unendliches Gleichgewicht. Gerade der Menschen hat, nicht zuletzt durch seine große Anzahl, in den letzten Jahrhunderten verstärkt großen Einfluss auf natürliche Fließgleichgewichte genommen.
Die zahlreichen Wechselbeziehungen zwischen Organismen und der anorganischen Umwelt hat übrigens Ernst Haeckel 1866 erstmals als Ökologie bezeichnet (Lehre vom Haushalt in der Natur) und damit eine eigene Wissenschaftsdisziplin innerhalb der Biologie begründet. Leider wird im heutigen Sprachgebrauch „Öko“ von vielen Menschen inflationär und nahezu ohne Bezug zur Wissenschaft, meist im Sinne „natürlich, umweltschonend“ etc. benutzt. Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Ökologie ist diese Ökoinflation beinahe eine Weltanschauung geworden, von Dirk Maxeiner und Michael Miersch in ihrem lesenswerten Buch „Alles grün und gut?“ treffend „Ökologismus“ genannt.
Evolution – Anpassung durch Veränderung
Wie die Anpassung von Arten an die jeweils herrschenden Umweltbedingungen, also an die Vorgaben der unbelebten Natur und an die von anderen Arten ausgehenden Einflüsse läuft, hat Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie verständlich gemacht. Veränderungen in diesem Entwicklungs- und Beziehungsgeflecht erfolgen allerdings meist so langsam, in so langen Zeiträumen, dass wir Menschen sie nicht oder allenfalls teilweise wahrnehmen können. Werden und Vergehen von Arten waren alleine wegen der zeitlichen Dimension solcher Evolutionsprozesse schwierig zu verstehen und sind lange schlicht geleugnet worden. In manchen Staaten der USA wird die Evolutionslehre auch heute noch als Teufelszeug betrachtet.
Im Zusammenhang mit der Evolution wird oft übersehen, dass biologische Evolution kein allgemeingültiges Ziel verfolgt. In einer Kaltzeit ist es von Vorteil, eine relativ kleine Körperoberfläche und eine gute Wärmeisolation zu haben. Wenn es nach einigen Zehntausend Jahren wieder warm wird, muss man entweder in kältere Gegenden ausweichen oder den Pelz ablegen. Hebt sich ein Meeresboden als Folge geologischer Prozesse über Hunderttausende von Jahren langsam an, dann müssen Arten mit Kiemenatmung in andere aquatische Lebensräume ausweichen oder Lungen entwickeln.
Solche Anpassungen entstehen im Laufe vieler Generationen schrittweise durch zufällige Mutationen. Nun steht bei solchen Anpassungsprozessen jedoch kein Schild „Wegen Umbau vorübergehend geschlossen“. Die betreffenden Arten sind stets optimal an ihre jeweiligen Lebensbedingungen angepasst. An diesem Beispiel wird auch klar, dass die Art mit Lungen am vorläufigen Ende dieses Anpassungsprozesses nicht mehr dieselbe ist, die sie zu Beginn war. Arten verändern sich also im Laufe der biologischen Evolution kontinuierlich. Selbstverständlich trifft das auch auf Homosapiens zu, wenn auch die Entwicklungslinien von eher affenähnlichen Vorfahren bis zum modernen Menschen heute noch nicht ganz genau nachverfolgt werden können. Der Mensch kann übrigens nicht von heute lebenden Affen abstammen. Die Vorfahren-Arten sämtlicher Arten sind immer ausgestorben.
An kurzfristige und periodische Änderungen der Umwelt sind viele Tierarten durchaus angepasst. Die jahresperiodische Austrocknung von Gewässern führt dazu, dass viele darin lebende Tiere zu Grunde gehen. Die Fortpflanzungsrate solcher Arten ist an diese Situation angepasst. Jeder kennt die Bilder von Fischen, die sich zu Hunderten in den letzten Schlammpfützen austrocknender Flüsse wälzen, bevor sie ersticken. Hier wird der Begriff „qualvoll“ ganz absichtlich nicht verwendet, weil solche menschlichen Kategorien der Natur absolut fremd sind.
Einige Arten aber graben sich in dieser Situation ein, reduzieren ihre Aktivität und ihren Stoffwechsel und können notfalls jahrelange Trockenheit überdauern. Selbst in trockenen australischen Wüsten gibt es eine Froschart (Cyclorana alboguttata), die eingegraben vor Austrocknung geschützt ist und durch ein rigoroses Energiesparprogramm überlebt. Wenn es dann im nächsten Jahr, u. U. aber auch erst nach mehreren Jahren, wieder regnet, kommen die Frösche an die Oberfläche, paaren sich und produzieren Nachkommen. Die Kaulquappen wachsen unglaublich rasch heran, machen die Metamorphose zum Frosch durch und graben sich wieder ein, bevor ihr Tümpel austrocknet. Ein „Trick“ der Evolution besteht eben darin, dass mehr Nachkommen produziert werden, als für den Fortbestand einer Population notwendig sind, und nur die jeweils am besten Angepassten überleben.
Evolution kennt auch den „Rückwärtsgang“
Oft wird von Höherentwicklung gesprochen, wenn es um evolutive Veränderung von Arten geht. Es gibt aber auch dafür kein vorprogrammiertes Ziel. Lediglich die immer bessere Anpassung an die Umwelt, also leistungsfähigere Sinnesorgane, sparsamerer Umgang mit natürlichen Ressourcen usw. sind hier unter Höherentwicklung zu verstehen. Evolution kann nämlich tatsächlich auch den umgekehrten Weg gehen. Manche Fischarten, die in Höhlen leben, haben im Laufe ihrer Evolution Augen verloren. Sie brauchen in der Dauerdunkelheit keine Augen, und diejenigen Individuen, die zufällig durch entsprechende Mutationen die Augen sukzessive verloren haben bzw. deren Entwicklung unterdrückt haben, besaßen insofern einen gewissen Selektionsvorteil, als sie für Augenentwicklung weder Zeit- noch Entwicklungsaufwand treiben mussten. Ein solcher, zunächst unbedeutend und recht geringfügig erscheinender Vorteil führte aber im Laufe vieler Generationen dazu, dass es nur noch augenlose Fische gibt.
Sinnvolle „Mängel“
Blinde Höhlentiere gibt es übrigens nahezu quer durch das Tierreich. Lediglich Vögel und Säugetiere, die ständig in Höhlen leben und keine Augen mehr besitzen, sind nicht bekannt. Unsere einheimischen Maulwürfe (Talpa europaea), die ja nahezu ständig unter Tage leben, besitzen sehr kleine Augen, die zudem zumindest teilweise von Haut bedeckt sind. Sie sind aber keineswegs augenlos.
Auch viele sogenannte Endoparasiten, also Parasiten, die in anderen Tieren leben, wie z. B. Fadenwürmer (Nematoden) oder Bandwürmer (Cestoden), besitzen ebenfalls keine Augen und sind farblos. Wozu sollten sie auch pigmentiert sein? Keiner sieht sie. Den Bandwürmern fehlen sogar Mund und Darm. Sie leben als adulte Würmer im Dünndarm von Wirbeltieren und nehmen ihre Nahrung direkt über die gesamte Körperoberfläche auf. Übrigens werden sie im Darm ihrer Wirte nicht selbst verdaut: Saure Substanzen in ihrer äußeren Hautschicht erzeugen niedrige pH-Werte und hemmen dadurch die alkalischen Verdauungsenzyme im Dünndarm des Wirts. Nematoden leben ebenfalls im Dünndarm. Sie besitzen aber Mund, Darm und After. Gegen Verdauung schützen sie sich durch eine unverdauliche, extrazelluläre Schutzschicht (Cuticula).
Beispiel Huftiere
Beispiele für den evolutiven Verlust von Körperteilen oder Organen gibt es auch bei unserem Schalenwild. Die ursprüngliche Extremität der landlebenden Wirbeltiere hatte fünf Zehen bzw. Finger, wie das bei uns Menschen noch heute so ist. Bei Paarhufern wie beispielsweise Reh, Hirsch oder Sau sind an den Händen (Vorderlauf) der Daumen und an den Füßen (Hinterlauf) der große Zeh vollkommen reduziert. Mittelfinger und Ringfinger bzw. die entsprechenden Fußzehen tragen die Hauptschalen (Hufe). Zeigefinger und kleiner Finger und entsprechende Fußzehen tragen sogenannte Afterklauen, das Geäfter. Beim Unpaarhufer Pferd sind bis auf den Mittelfinger bzw. die mittlere Fußzehe alle anderen Strahlen weitestgehend bzw. vollkommen reduziert.
Die vorderen Extremitäten von Paarhufern (l. z. B. Rothirsch) und Unpaarhufern (z. B. Pferd): Im Zuge der Evolution verschwand der Daumen vollständig, die übrigen Finger/Zehen wurden umgebildet (2 – Zeigefinger, 3 – Mittelfinger, 4 – Ringfinger, 5 – kleiner Finger).Illustration: Wilfried Sloman
Manchmal übertreibt die Evolution anscheinend auch ein wenig, wenn man das so salopp ausdrücken darf. Es gab vor 400 000 Jahren einen Riesenhirsch (Megaloceros giganteus), der sich im Körperbau nicht wesentlich von unserem heutigen Rothirsch (Cervus elaphus) unterschied, aber ein über 40 Kilogramm schweres Geweih trug. Sein Geweih war also so schwer wie das eines heutigen kapitalen Alaska- oder Kamtschatka-Elchs (Alces alces). Sobald die Umweltbedingungen nicht mehr zur Bildung eines solchen Monstergeweihs taugten, hatten diejenigen Artgenossen einen Entwicklungsvorteil, deren Geweihe nicht ganz so überdimensioniert waren. Und eben sie blieben dann im Laufe vieler Generationen übrig. Das war so etwa vor 100 000 Jahren. Von Paläontologen wird auch diskutiert, ob nicht damals bereits eine übermäßige Bejagung durch den steinzeitlichen Menschen zum Aussterben des Riesenhirschs beitrug. Das scheint aber angesichts der damals vergleichsweise geringen Zahl an Menschen eher unwahrscheinlich.
Megaloceros giganteus, ein Vertreter der vor etwa 100 000 Jahren ausgestorbenen RiesenhirscheIllustration: Wilfried Sloman
Evolution braucht Zeit
Die biologische Evolution, getrieben von Mutation und Selektion, hat eine bestimmte Schrittweite, die wesentlich davon abhängt, wie oft Mutationen spontan das Erbgut verändern, wie rasch Generationen aufeinanderfolgen und in welchen zeitlichen Dimensionen sich die äußeren Bedingungen ändern. Die evolutive Anpassung an neue Umgebungen durch Mutation und Selektion kann aus Zeitmangel nicht funktionieren, wenn sich die Umwelt zu rasch ändert. Dann stirbt eine Art schlicht und einfach aus.
So sollen dramatische Veränderungen in der Zusammensetzung der Erdatmosphäre nach dem Einschlag eines riesigen Meteoriten in Mittelamerika und dadurch verursachten gewaltigen Vulkanausbrüchen in Indien u. a. für das rasche Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit vor etwa 65 Millionen Jahren verantwortlich sein.
Massenaussterben in der Erdgeschichte
Am Übergang von Kreide zu Tertiär vor etwa 65 Millionen Jahren ist vermutlich mehr als die Hälfte der damals existierenden Arten ausgestorben, so auch alle großen Dinosaurier. Von den Dinos überlebten nur diejenigen Arten die Meteoriten- und Vulkankatastrophe, aus denen sich die heutigen Vögel entwickelten. Beim Einschlag eines Meteoriten mit etwa zehn Kilometern Durchmesser am Rande der heutigen Halbinsel Yukatan im Golf vom Mexiko entstand ein riesiger Krater von 170 Kilometern Durchmesser. Dabei soll der Meteorit große Mengen des Elements Iridium mitgebracht haben. In den darauf folgenden Jahrtausenden verstärkte sich in Indien der Vulkanismus, vermutlich als Folge des Meteoriteneinschlags. Riesige Staubwolken und gewaltige Freisetzung von CO2 werden als direkte Ursachen des Massenaussterbens diskutiert. Staub könnte durch Abschirmung des Sonnenlichts die Photosynthese der Pflanzen behindert haben und Kohlendioxid hätte einen Treibhauseffekt zur Folge gehabt. Skeptisch macht allerdings die Tatsache, dass Abkühlung durch Verdunkelung und Erwärmung durch den Treibhauseffekt doch eigentlich gegenläufig wirken müssten.
Insgesamt hat es in den letzten 550 Millionen Jahren fünf Massenaussterben gegeben. Von manchen Experten wird der gegenwärtig hauptsächlich vom Menschen verursachte Artenschwund als sechstes Massenaussterben bezeichnet.
Evolution und Paradies schließen sich aus
Man muss sich auch von der Vorstellung trennen, Arten lebten in unberührter Natur stets harmonisch miteinander, wie es laut Altem Testament im Garten Eden gewesen sein soll – Löwe und Lamm friedlich vereint. Evolution, ständiges Aneinander-Anpassen von Arten und Anpassung an abiotische Faktoren, ist im Prinzip ein Hauen und Stechen und absolut gnadenlos.
Arten bekämpfen sich aber nicht direkt, und auch innerartlich finden, außer bei Homo sapiens, keine Ausrottungsfeldzüge statt. Mit „survival of the fittest“ bzw. „struggle for life“ hat Charles Darwin etwas ganz anderes gemeint: Diejenigen Individuen, die an die jeweilige Lebenssituation am besten angepasst sind, geben die dazu notwendigen Gene an ihre Nachkommen weiter, und so werden langfristig nur noch die am besten angepassten Individuen da sein. Die besser Angepassten rotten die weniger gut Angepassten aber nicht aktiv aus.
Der Kampf ums Überleben kann im normalen Leben aber durchaus auch grausam sein, legt man ethische Normen des Menschen zu Grunde. Fleischfresser sind darauf angewiesen, andere Tiere zu erbeuten, zu töten und zu fressen. So holt sich die Katze die brütende oder bereits Junge fütternde Amsel. Naturferne Menschen empfinden das als grausam. Im Falle der vom Menschen vernachlässigten Hauskatzen ist das in unserer Kulturlandschaft zwar nicht tolerierbar, aber auch nicht moralisch verwerflich. Trocknet in der afrikanischen Savanne eine Wasserstelle aus, sterben dort Fische, Amphibien oder auch Flusspferde elendiglich. Geier und Hyänen freuen sich dann über das üppige Nahrungsangebot.
Dieses Werden und Vergehen muss man in der Naturlandschaft einfach als natürlichen Prozess sehen und akzeptieren. Gleiches gilt aber eben nicht in der Kulturlandschaft. Und wenn man den Menschen als Teil der Natur begreift – schließlich sind wir ja aus zoologischer Sicht nur Säugetiere –, dann kann man dessen Einfluss auf die Natur nicht einfach ausblenden oder verhindern wollen.
Evolution durch Jagd?
Auch durch gezielte Entnahme bestimmter Individuen bei der Jagd von Trophäenträgern, z. B. Rothirsch oder Reh (Capreolus capreolus), kann sich der Genpool einer Population im Laufe vieler Jahre kaum nennenswert verändern. Mit Ausnahme des Rentiers (Rangifer tarandus) tragen nur die männlichen Vertreter der Hirschartigen ein Geweih und in aller Regel berücksichtigen Abschussrichtlinien vorrangig Geweihmerkmale. Die Beurteilung des Geweihs, nach der über Leben und Tod eines Hirschs entschieden wird, erfolgt nach rein menschlichen Gesichtspunkten. Dabei wird zudem außer Acht gelassen, dass beide Geschlechter jeweils exakt die Hälfte der Gene des Nachwuchses liefern. Beim Kahlwild, also den weiblichen, geweihlosen Individuen, kann man eben ein nicht vorhandenes Geweih nicht als Abschusskriterium bewerten. Auf diesen wichtigen Umstand muss schon hier aufmerksam gemacht werden.
Gerade deshalb ist es wichtig, sich über Abschussrichtlinien und Abschusskriterien (siehe hier) Gedanken zu machen. Die Gefahr einer jagdlich bedingten Genpoolveränderung einer Population ist naturgemäß vor allem bei solchen Arten extrem gering, die normalerweise völlig unselektiv bejagt werden, wie z. B. Hasen (Lepus europaeus) oder Fasan (Phasianus colchicus).
Insgesamt dürften sich bei allen Arten andere äußere Einflüsse stärker auf den Genpool auswirken als die Jagd. Zu nennen sind hier beispielsweise die nur inselartigen Verbreitungsgebiete des Rothirschs in Europa, die einen Genaustausch zwischen Teilpopulationen erschweren oder sogar unterbinden können. Negatives Paradebeispiel in Deutschland ist das Vorkommen des Rothirschs in Baden-Württemberg: Ihm werden dort lediglich vier Prozent der Jagdfläche des Landes als Lebensraum zugebilligt, während Biber (Castor fiber) und Wolf (Canis lupus) sich in ganz Deutschland völlig frei bewegen dürfen.
Geschichte und Entwicklung der Jagd
Erst durch Ackerbau und Viehzucht konnten Menschen sesshaft werden. Pflanzen wie z. B. Getreide wurden durch gezielte Züchtung schon vor einigen Tausend Jahren den Bedürfnissen der Menschen angepasst. Wilde Tiere wurden gezähmt und als Haustiere genutzt: Pferde, Rinder, Schweine, Hühner und Hunde. Die Jagd hatte damit ihre überragende Bedeutung zur Gewinnung von Fleisch und Fett, aber auch von anderen lebensnotwendigen Dingen, wie z. B. Fellen, Sehnen, Knochen, zumindest teilweise verloren. Zum Schutz der Felder vor wilden Pflanzenfressern und des Viehs und der Haustiere vor Beutegreifern war sie aber weiterhin notwendig. Zudem war Wildbret nach wie vor begehrtes Nahrungsmittel. Der Mensch jagte also weiterhin. Dabei wurden viele „Raubtiere“, also Beutegreifer bzw. Prädatoren, als Konkurrenten gesehen und rücksichtslos verfolgt.
Vom Mittelalter bis in die Neuzeit gab es durchaus unglaubliche Auswüchse der Jagd. Man denke nur an die sogenannten eingestellten Jagen gegen Ende der Feudaljagdzeit, bei denen Tiere zum Gaudium des anwesenden Publikums auf teilweise bestialische Weise gequält und getötet wurden. Und wenn heute kurz zuvor in kleinen Gattern ausgesetztes Wild zahlungskräftigen „Jägern“ zum Abschuss vorgeführt wird, ist das ebenfalls als Perversion zu bezeichnen: Mit Jagd und Waidgerechtigkeit hat das nicht das Geringste zu tun. Hier muss man im Einzelfall allerdings schon genau hinschauen, bevor man Urteile fällt. Vernünftig durchgeführte Trophäenjagd kann durchaus erstens waidgerecht sein und zweitens zum Schutz der bejagten Tierart beitragen, so paradox das auf den ersten Blick auch ausschauen mag (siehe hier).
Bedeutungswandel
Diente die Jagd unseren Vorfahren vor Jahrtausenden noch der lebensnotwendigen Beschaffung von Nahrung, Kleidung und Werkzeug, ging diese Bedeutung also mit der Sesshaftigkeit des Menschen und dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht zumindest teilweise verloren. Mit der steigenden Zahl an Menschen und deren zunehmendem Einfluss auf die Landschaft wurde sie vor allem wichtig zum Schutz der Äcker vor Wildschäden und des Viehs vor großen Beutegreifern.
Manche Ökofantasten wollen der Jagd heute gar nur noch eine dienende Funktion im Sinne von Wildschadensabwehr zugestehen. Der Begriff Wildschaden – solche „Schäden“ sind eigentlich nichts anderes als natürliche Lebensäußerungen verschiedener Tierarten – taucht erst auf, seit sich der Mensch die Erde mit seinen überbordenden Individuenzahlen untertan gemacht hat. Im Alten Testament (Genesis) gebietet Gott dem Menschen ja geradezu, sich zum Herrscher über alles Lebende auf der Erde zu erheben. Und im Neuen Testament werden Menschen zur weltweiten Mission aufgefordert (Matthäus-Evangelium: „Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.). Diese Bibelworte haben der christlichen Kirche jahrhundertelang als Vorwand für grausamste Mordtaten und Zerstörung alter Kulturen gedient. Und auch heute noch versuchen christliche Missionare im Amazonasbecken, die letzten Ureinwohner von ihrem Leben im Einklang mit der Natur abzubringen.
Auf den in diesem Zusammenhang gegenwärtig viel diskutierten sogenannten Wald-Wild-Konflikt, dem letztlich verschiedene Nutzungsinteressen des Menschen zu Grunde liegen, wird später noch genauer eingegangen (siehe hier).
Trotz der veränderten Rolle der Jagd ist Wildbret aber nach wie vor ein begehrtes Nahrungsmittel. Das zeigen die Tonnagen an Wildbret, die jedes Jahr nach Deutschland importiert werden. Die heimische Jagd reicht also nicht aus, den Wildbretbedarf hierzulande zu decken.
Der historische Wandel der Jagd im gesellschaftlichen Kontext lässt sich leicht nachvollziehen. Noch vor 2 000 Jahren stand es jedermann frei, Tieren nachzustellen, sie zu fangen, zu töten und zu verwerten. Etwa um 800 n. Chr. begann die Einrichtung von Bannforsten. Auf diesen Flächen, die neben Wald auch andere Ländereien umfassten, besaß der König ganz exklusiv das Jagdrecht. Damit wurde der freie Tierfang abgelöst und die Allgemeinheit so von der Jagdausübung komplett ausgeschlossen. Man bezeichnet diese Periode bzw. diesen neuen Umgang mit dem Jagdrecht als Inforestation (Einforstung). Um dieses Recht zu schützen, wurden „forestarii“ angestellt, königliche Jäger, die man als Urform der Förster und Berufsjäger bezeichnen kann. Unsere heutige Bezeichnung Förster leitet sich ja direkt von den „forestarii“ ab.
Dem normalen Bürger war das Betreten der Bannforste strikt untersagt. Zuwiderhandlungen, auch das Wildern, wurden mit drakonischen Strafen belegt. Im 13. Jahrhundert wurden kirchlichen Würdeträgern und den jeweiligen adligen Landesherren vom König Nutzungsrechte (Regalien) übertragen, u. a. auch das Jagdrecht auf bestimmten Flächen. So kamen diese auch in den Genuss des sogenannten Jagdregals. Die folgende Periode der höfischen Jagd bzw. der Feudaljagd war insbesondere im 18. Jahrhundert von Jagdmethoden gekennzeichnet, die mit unserem heutigen Verständnis von Jagdethik nicht das Geringste zu tun hatten und nur als Auswuchs einer zu Ende gehenden Epoche verstanden werden können. Mit der Revolution von 1848 wurde die sogenannte Regalität beendet und das Jagdrecht stand nun den Grundeigentümern zu.
Jagd muss mehr als ein Hobby sein
Für viele Jäger ist Jagd heute zur reinen Freizeitbeschäftigung geworden. Der in der Öffentlichkeit dafür gebrauchte Begriff Hobbyjagd hat entsprechend auch einen deutlich negativen Klang. Die Verantwortung, die der Jäger gerade heute für die moderne Kulturlandschaft zweifelsohne hat, wird von einigen Jägern tatsächlich nicht im erforderlichen Maße gesehen, geschweige denn wahrgenommen.
Das zeigt sich auch daran, dass immer weniger Waidmänner langfristig Verantwortung für ein Revier übernehmen wollen. Stattdessen haben Jagdveranstalter großen Zulauf, die kurzweilige Jagderlebnisse anbieten, ohne dass der Kunde für das betreffende Jagdrevier in irgendeiner Weise Verantwortung übernehmen muss. Man reist zur Jagd an, wird von einem Betreuer auf seinen Stand gebracht, freut sich über die Erlegung des Wildes und reist am nächsten Tag wieder ab. Und wenn das gebuchte Wild nicht erlegt werden kann, dann ist man frustriert und beschwert sich über ein leergeschossenes Revier.
Und schließlich meinen manche Jäger, durch die Erbeutung möglichst vieler und möglichst starker Trophäen ihr Ansehen und ihr Selbstwertgefühl stärken zu müssen. Wenn die Trophäe zum Selbstzweck wird, sind Auswüchse vorprogrammiert.
Zu bedenken ist allerdings, dass kontrollierte Trophäenjagd Wild einen Wert gibt, den es bei totalem Jagdverbot sofort verliert. In manchem afrikanischen Land gäbe es die eine oder andere Wildart nicht mehr, wenn sie nicht wegen der Trophäenjagd wertvoll geworden wäre (siehe hier). Zudem unterliegt der Handel mit gefährdeten Tierarten strengen internationalen Regularien.
Das Washingtoner Artenschutzabkommen
Die „Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora (CITES)“, auf Deutsch „Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen“ von 1975 soll den internationalen Handel mit wilden Tier- und Pflanzenarten regulieren und kontrollieren. Ziel der auch als „Washingtoner Artenschutzabkommen“ bekannten Übereinkunft ist es, eine Gefährdung von Tier- und Pflanzenarten durch internationalen Handel zu vermeiden. Arten unterschiedlicher Schutzkategorien sind in drei Anhängen (I bis III) aufgelistet. Für jede dieser Kategorien gibt es spezifische rechtliche Vorschriften. In dreijährigem Abstand finden CITES-Konferenzen der beteiligten Länder statt, bei denen auf Antrag eine Neueinordnung von Arten in die drei Anhänge oder auch die Aufnahme neuer Arten beschlossen werden kann. Bei diesen Konferenzen prallen die gegensätzlichen Meinungen meist hart aufeinander.
Biodiversität
Nach der Entstehung des Lebens auf unserem Planeten vor schätzungsweise gut vier Milliarden Jahren hat sich im Laufe der biologischen Evolution eine ungeheure Fülle verschiedener Arten entwickelt. Ihre heutige Zahl lässt sich ebenso wenig abschätzen wie die Zahl aller Arten, die jemals auf unserem Planeten gelebt haben. Manche Schätzungen der Anzahl rezenter Arten gehen bis weit in den zweistelligen Millionenbereich.
Die Artenfülle lässt sich grob in Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen gliedern. Je nach Zustand der unbelebten Natur haben sich alle Arten im Laufe von Jahrmillionen verändert, sind also zu neuen Arten geworden oder sind ausgestorben. Insofern gehören die jeweiligen Lebensräume und die der Artenfülle zu Grunde liegende genetische Vielfalt mit in den Begriff Biodiversität. Um die Dimensionen dieses Begriffs zu veranschaulichen, seien hier nur ein paar Zahlen genannt. Bis heute sind beispielsweise annähernd 400 000 verschiedene Käferarten bekannt. Die Zahl von Gliedertierarten (Insekten, Krebse, Spinnentiere) wird auf mehrere Millionen geschätzt. Säugetiere stellen mit etwa 5 500 bekannten Arten zahlenmäßig eine Minderheit dar.
Ordnung durch Systematik
Schon immer hat der Mensch versucht, in diese ungeheure Artenfülle Ordnung zu bringen bzw. eine Ordnung in ihr zu erkennen. Heute heißt dieser Wissenschaftszweig der Biologie Systematik, zoologische oder botanische Systematik.
Eine Reihe aussagekräftiger Indizienbeweise spricht dafür, dass sich alle heute lebenden und alle ausgestorbenen Arten der Erde ursprünglich aus einer gemeinsamen Wurzel entwickelt haben. Entsprechend sollte eine sinnvolle biologische Systematik die realhistorischen Verwandtschaftsverhältnisse der Arten widerspiegeln. Die Systematik muss also deren Entwicklungslinien im Sinne von Evolution nachzeichnen. Sie darf nur solche Arten zu systematischen Gruppen zusammenfassen, die auch tatsächlich näher miteinander verwandt sind.
Systematische Gruppen wurden früher noch mit eigenen Etiketten versehen. Z. B. wurden die Säugetiere (Mammalia) als Klasse bezeichnet, die größeren Säugetiergruppen wiederum zu Unterklassen zusammengefasst (eierlegende Säuger, Beutelsäuger, plazentale Säuger). Solche Kategorien (Stamm, Klasse, Ordnung, Familie) werden in der Wissenschaftsdisziplin Zoologie nicht mehr verwendet: Zum einen existiert keine wirklich allgemein gültige Definition dieser Kategorien, zum anderen lassen sich die Kategorien in den einzelnen Zweigen des Stammbaums der Tiere in ihrer Wertigkeit für das System nicht wirklich vergleichen: Hat eine Familie der Vögel den gleichen Rang wie eine Familie der Säuger? Aber wie das so ist, wird es vermutlich Jahre dauern, bis sich diese Erkenntnis durchsetzt. Insofern verwundert es nicht, dass auch heute noch in fast jedem Werk der Wildkunde für Jäger diese alten Kategorien verwendet werden. Es reicht doch eigentlich vollkommen aus, Mammalia zu sagen, wenn man Säugetiere meint. Man muss sie nicht als Klasse bezeichnen, wenn diese Bezeichnung keinen zusätzlichen Informationsgehalt hat.
Was ist eine Art?
Nun war häufig die Rede von Arten. Aber was ist eigentlich eine Art? Erstaunlicherweise ist eine Definition gar nicht so einfach wie man denken könnte.
Wenn sich Arten bisexuell fortpflanzen, es also männliche und weibliche Tiere oder Pflanzen gibt, dann werden alle Individuen, die zumindest potenziell untereinander fortpflanzungsfähig sind und deren Nachkommen wiederum untereinander fortpflanzungsfähig sind, als Art bezeichnet.
Gibt es keine unterschiedlichen Geschlechter, pflanzen sich also „Arten“ ungeschlechtlich fort, trifft diese Definition naturgemäß nicht zu. Hier behilft man sich damit, dass man die große Ähnlichkeit der Individuen einer solchen Art hinsichtlich vieler verschiedener Merkmale als Kriterium heranzieht.
Beispiel Pferd (Equus ferus caballus) und Esel (Equus asinus)
Alle Individuen, die zumindest potenziell untereinander fertil kreuzbar sind, bilden definitionsgemäß eine Art. Fertil bedeutet, dass auch die Nachkommen fortpflanzungsfähig sind. Pferd und Esel sind zwar kreuzbar, aber die Nachkommen Maultier oder Muli (Pferdestute x Eselhengst) bzw. Maulesel (Eselstute x Pferdehengst) sind nicht fortpflanzungsfähig, müssen also immer wieder durch entsprechende Kreuzungen von Pferden und Eseln erzeugt werden. Daher gelten Pferd und Esel als eigene Arten.
Arten werden durch zwei Benennungen gekennzeichnet. Die erste Benennung ist der Gattungsname. Die zweite, der Beiname, hebt oft auf eine charakteristische Eigenschaft der Art ab. Homo sapiens ist die wissenschaftliche Bezeichnung für den Menschen. Der Gattungsname Homo heißt im Lateinischen schlicht Mensch. Der Beiname sapiens bezieht sich auf die Geistesgaben des Menschen. Sapiens lässt sich mit verstehend, klug oder vernünftig übersetzen. Führt man sich die schleichende Zerstörung der Erde durch den Menschen vor Augen, kommen einem Zweifel, ob der Beiname wirklich passend gewählt ist.
Die Nationale Biodiversitätsstrategie
Biodiversität ist heute in aller Munde. Es werden Strategien entwickelt, z. T. auf höchster staatlicher Ebene, um die Biodiversität zu erhalten und zu fördern. Die erzielten Ergebnisse sind allerdings meist ernüchternd. Seit 2007 gibt es bei uns eine „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“, mit der Deutschland versucht, ein Übereinkommen der Vereinten Nationen zur biologischen Vielfalt umzusetzen. Über 300 definierte Ziele und über 400 geplante Maßnahmen sollen bis zum Jahr 2020 den Biodiversitätsverlust aufhalten.
Es gibt tatsächlich unbestreitbare Erfolge. Die Bestände des Fischadlers (Pandion haliaetus) und des Seeadlers (Haliaeetus albicilla) haben sich gut erholt. Mit über 600 brüten in Deutschland derzeit mehr Seeadlerpaare als jemals zuvor. Der Kranich (Grus grus), der von den Veränderungen in der Landwirtschaft eher profitiert und dessen Brutgebiete besser geschützt werden, hat ebenfalls deutlich zugenommen.
Ob Wolf und Biber Erfolgsgeschichten bleiben, muss abgewartet werden. Immerhin gibt es im ländlichen Raum bereits eine deutliche Distanz zu diesen beiden Arten. Sie kehren eben auch in eine Landschaft zurück, die sich seit ihrem Verschwinden unter dem wachsenden Einfluss des Menschen stark verändert hat und nur noch in größeren Schutzgebieten oder nahezu menschenleeren Gebieten, wie beispielsweise Truppenübungsplätzen, mit ihren Habitaten früherer Jahre vergleichbar ist.
Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn es zu Konflikten mit dem Menschen in dessen heutiger Kulturlandschaft kommt. Den Wolf sehen Landwirte und Schäfer zunehmend kritisch, da sie das Ende der Weidewirtschaft befürchten. Schutzzäune helfen oft nicht mehr, weil auch der Wolf erfinderischer wird.
Die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft und der Dachverband Deutscher Avifaunisten schlagen Alarm, was den anhaltenden Biodiversitätsverlust in der Agrarlandschaft angeht (siehe hier). Als Ursachen werden neben dem Verlust von Dauergrünland der weitere Flächenanstieg beim Energiepflanzen-Anbau (Mais, Raps, Roggen als Zwischenfrucht), ein Rückgang der Sortenvielfalt, der Wegfall von Stilllegungsflächen und der steigende Pestizideinsatz genannt. Neonikotinoide tragen anscheinend entscheidend mit zum Verlust biologischer Vielfalt der Insektenfauna bei. Diese relativ neue Klasse von hochwirksamen Insektiziden wird auch für das Phänomen des Bienensterbens verantwortlich gemacht.
Neonikotinoide
Diese Insektizide bestehen aus synthetisch produzierten Wirkstoffen, die an bestimmte Rezeptoren der Nervenzellen von Insekten besonders gut binden. Es kommt zu einer Störung der Übertragung von Nervenimpulsen. An den dadurch ausgelösten Dauerkrämpfen sterben die Insekten.
Wegen ihrer systemischen Wirkung werden Neonikotinoide als Beizmittel für Saatgut verwendet. Die Substanzen verteilen sich in den Pflanzen, bleiben über mehrere Monate wirksam und werden von Insekten, die an den Pflanzen fressen oder saugen, aufgenommen. Dadurch sind die Pflanzen vor diesen „Schadinsekten“ geschützt.
Pflanzen können an ihrer Oberfläche kleine Wassertropfen abgeben, Guttation nennen das Botaniker. Neonikotinoide sind auch in diesen Tröpfchen enthalten und können dann von solchen Insekten aufgenommen werden, die für die Pflanze eigentlich vollkommen harmlos sind und lediglich ihren Durst stillen wollen. Es gibt starke Hinweise darauf, dass es so u. a. zum massenhaften Sterben von Bienen kommt.
Homo sapiens – Fluch oder Segen?
Der Mensch (Homo sapiens) ist aus zoologischer Sicht ein Säugetier, allerdings der wohl am höchsten entwickelte „Allrounder“. Der Mensch kann etwas, was kein anderes Tier so perfekt beherrscht. Er schafft sich quasi seine eigenen Umweltbedingungen und entgeht so weitgehend der natürlichen Selektion. Das ist der Hauptgrund dafür, dass es so unglaublich viele Menschen auf diesem Globus gibt. Hinsichtlich seines Einflusses auf die gesamte Biosphäre und auf die abiotische Umwelt stellt der Mensch also die dominierende Säugerart dar. Bereits jetzt leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde und pro Jahr kommen nach UN-Schätzungen etwa 82 Millionen dazu. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Deutschland.
Überbevölkerung
Bei etwa 2,2 Nachkommen pro zeugungsfähigem Menschenpaar blieben die „Menschenpopulationen“ langfristig stabil. Im Mittel wird dieser Wert von der Weltbevölkerung deutlich übertroffen. Darüber kann auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass in den hochzivilisierten Ländern Mitteleuropas und Nordamerikas die Bevölkerung schrumpft. Und selbst wenn es heute im Jahr 2017 gelänge, diese 2,2 Nachkommen im Mittel einzuhalten, wird sich die Weltbevölkerung trotzdem noch mindestens verdoppeln, weil in vielen Ländern der überwiegende Teil der Menschen sehr jung und noch nicht im fortpflanzungsfähigen Alter ist.
Mit dem Übergang vom Sammler und Jäger zum sesshaften Landbauern stieg die Zahl der Menschen deutlich an. Mit der industriellen Revolution und besserer medizinischer, vor allem perinatal-medizinischer Versorgung hat sich das Bevölkerungswachstum weiter enorm beschleunigt.Grafik: Wilfried Sloman (Datenquelle 1)
Das stärkste Bevölkerungswachstum erwarten die Vereinten Nationen in Afrika. Dort leben derzeit ca. 1,2 Milliarden Menschen. Bis zum Jahr 2100 soll die Zahl dort auf etwa 4,8 Milliarden, auf der ganzen Erde auf 11 Milliarden angewachsen sein. Für Fauna und Flora Afrikas hat dieses Bevölkerungswachstum einen dramatischen Verlust von Lebensraum zur Folge, da immer größere Teile des Landes für Landwirtschaft, menschliche Siedlungsräume und Verkehrsinfrastruktur genutzt werden müssen. Man vergleiche den Film von 1959 „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard Grzimek, langjähriger Direktor des Zoologischen Gartens Frankfurt/Main, und dessen Sohn Michael mit dem heutigen Zustand in Ostafrika (Tansania, Kenia). Der Verlust an Lebensraum für die ursprüngliche Fauna ist immens.
Viele Konsequenzen, die dieses Wachstum der menschlichen Bevölkerung ganz allgemein für unseren Planeten hat, werden in der öffentlichen Diskussion jedoch allenfalls am Rande thematisiert. Welche Folgen diese Realitätsverweigerung hat, lässt sich an der gegenwärtigen Diskussion über die globale Erwärmung gut zeigen. CO2 scheint ja Klimafeind Nr. 1 zu sein, und in endlosen internationalen Kongressen und Diskussionsrunden werden globale Ziele für die Verringerung des CO2-Ausstoßes vereinbart. Das jüngste Abkommen wurde gerade mit großem Medienecho von der EU ratifiziert. Keines davon wird allerdings je eingehalten. Das geht wohl auch nicht, es sei denn, man hindert sogenannte Schwellen- und Entwicklungsländer daran, den gleichen Energie- und Rohstoffverbrauch wie den der Länder Mitteleuropas und Nordamerikas auch für sich in Anspruch zu nehmen, und beendet das Bevölkerungswachstum abrupt. Doch wie sollte das gelingen?
Bereits früher hat es in der Erdgeschichte Erwärmungen ähnlichen Ausmaßes wie derzeit gegeben – allerdings nicht in so dramatisch kurzer Zeit.Grafik: Wilfried Sloman
Wenn die ungeheure Anzahl dieser Menschen die gleichen Ansprüche an natürliche Ressourcen, also Rohstoffe, Wasser und Energie, stellt, wie wir das heute schon in Europa und Nordamerika tun, dann ist das Chaos vorprogrammiert, und das Artensterben wird ungeahnte Ausmaße annehmen. Der Mensch verändert durch seine Lebensansprüche und seine gewaltige Zahl Lebensräume von Tier- und Pflanzenarten derart schnell, dass natürliche Anpassungsmechanismen durch Mutation und Selektion nicht mehr hinterherkommen.
Artenverlust durch Jagd
In der Vergangenheit hat der Mensch durch übermäßige Bejagung auch Arten zum Aussterben gebracht. Aussterben bedeutet dabei, dass eine Art vollständig von der Erde getilgt wurde. Dieses Aussterben darf nicht mit dem Erlöschen lokaler Populationen verwechselt werden.
Gut dokumentierte Beispiele für Artensterben sind die in Neuseeland beheimatet gewesenen Moa und die australischen Riesendonnervögel. Die Weibchen von zwei Arten der Moa (Diornis sp.) waren mit schätzungsweise 200 Kilogramm Körpergewicht die größten Vögel Neuseelands. Nach Ankunft der Maori auf den bis dahin unbewohnten Inseln im 13. Jahrhundert wurden diese Vögel durch die Jagd recht schnell ausgerottet. Da es in Neuseeland keine Beutegreifer gab, die den Moa gefährlich werden konnten, hatten die flugunfähigen Vögel keinerlei Fluchtverhalten entwickelt, wurden also vermutlich sehr leicht Beute der Maori. In Australien sind Menschen vor schätzungsweise mehr als 50 000 Jahren eingewandert. Sie haben durch den Verzehr der melonengroßen Eier der Riesendonnervögel (Genyornis newtoni) maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Art dort vor etwa 47 000 Jahren bereits ausgestorben war.
Sonderfall Kulturlandschaft
