... hinter Stacheldraht und Gefängnismauern ... - Reiner Hermann - E-Book

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Reiner Hermann

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Beschreibung

Anhand einiger veröffentlichter, mehr noch aber mittels bisher unveröffentlichter Lebensbeschreibungen von Zeugen Jehovas und Material aus Archiven in Deutschland, Frankreich, Niederlande, Österreich, Polen und den USA analysiert der Autor nicht nur das Grauen, das Zeugen Jehovas aus mindestens 8 Ländern im Lager Bergen-Belsen ertragen mussten. Er vollzieht auch die verschiedenen Wege nach, auf denen diese Personen nach Bergen-Belsen kamen und versucht, allen Menschen dieser Opfergruppe Namen und Gesicht zu geben.

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gegen das Vergessen

Reiner Hermann

Zeugen Jehovas und Bibelforscher als Häftlinge in Bergen-Belsen

© 2021 Reiner Hermann

Autor: Reiner Hermann

Umschlaggestaltung: Reiner Hermann

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-40465-6 (Paperback)

978-3-347-40466-3 (Hardcover)

978-3-347-40467-0 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Quellen

Formen des Terrors

Herkunft der Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen

Lager vor und nach Bergen-Belsen

Haftdauer

Wege aus Bergen-Belsen

Die Altersstruktur

Die Anzahl der Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen

Bergen-Belsen in Berichten von Zeugen Jehovas

Briefe von Zeugen Jehovas aus den Lagern

Briefe von Zeugen Jehovas aus Bergen-Belsen nach der Befreiung

Wege nach Bergen-Belsen

Buchenwald

Niederhagen-Wewelsburg

Dachau

Westerbork

Männerkonzentrationslager Ravensbrück

Strasshof an der Nordbahn

Sachsenhausen

Zeugen Jehovas aus den Niederlanden

Groß-Rosen

Auschwitz

Erste Lagerhaft: Moringen

Erste Lagerhaft: Lichtenburg

Erste Lagerhaft: Ravensbrück

_Zeugen Jehovas aus Österreich

Erste Lagerhaft: Auschwitz

Zeugen Jehovas aus Polen

_Verhaftung in Litzmannstadt (Łódź)

Zeugen Jehovas aus Ungarn

Zeugen Jehovas aus der Tschechoslowakei

Zeugen Jehovas aus der Sowjetunion

Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Flossenbürg

Neuengamme

Transporte aus Strafanstalten

Salzgitter-Watenstedt

Mittelbau-Dora

Zeugen Jehovas aus Frankreich

Fazit

Zeittafel

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abbildungsnachweis

Vorwort

Als Eberhard Kolb 1962 seine Monographie über das Konzentrationslager Bergen-Belsen veröffentlichte1, erwähnte er Zeugen Jehovas mit keinem Wort. Auch in der Folgezeit schien das Thema der Verfolgung von Zeugen Jehovas während der Zeit des Nationalsozialismus außerhalb der von Jehovas Zeugen veröffentlichten Literatur fast völlig ausgespart worden zu sein. In Aufzählungen der Opfergruppen wurden „Bibelforscher“ eher beiläufig genannt. Ein Zusammenhang mit Jehovas Zeugen der heutigen Zeit war daraus meist nicht erkennbar.

Jehovas Zeugen teilten durch diese Nichtbeachtung das Schicksal anderer nichtjüdischer Opfergruppen, die die Forschung als die „vergessenen Opfer“ zusammenfasste. Erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts rückten diese Gruppen in den Blickpunkt der Forschung. Mehrere Autoren widmeten sich nunmehr verstärkt der Leidensgeschichte der Bibelforscher, wie Jehovas Zeugen in den dreißiger Jahren in Deutschland noch vielfach genannt wurden.2

So übernahm Kirsten John 1996 in ihrem Buch „Mein Vater wird gesucht…“ eine Angabe aus einem früher erschienenen Buch, dass etwa 100 bis 150 Zeugen Jehovas von Wewelsburg nach Bergen-Belsen kamen um dort ein neues Lager aufzubauen. Auch wenn es sich hierbei — wie sich erst wesentlich später herausstellte — um eine Fehlinformation handelte, wurde dadurch ein Zusammenhang zwischen der Verfolgung der Zeugen Jehovas und dem Konzentrationslager Bergen-Belsen hergestellt.

Auf der Arbeit von Kirsten John aufbauend verfasste Dr. Thomas Rahe einen Aufsatz über die in Bergen-Belsen inhaftierten Zeugen, in dem er nicht nur versuchte, die Gesamtzahl der in Bergen-Belsen inhaftierten Zeugen Jehovas zu ermitteln, sondern auch Einzelschicksale hervorhob.3

Seitdem konnten fast 130 Personen dieser Opfergruppe namentlich identifiziert werden. Über einige liegt umfangreiches biographisches Material vor, für andere konnte lediglich der Haftort Bergen-Belsen gesichert werden. Wieder andere, für die in anderen Veröffentlichungen eine Haftzeit in Bergen-Belsen behauptet worden war, mussten aus dieser Abhandlung gestrichen werden, da sich diese Angaben als nicht zutreffend erwiesen.4

Der Titel des Buches „…hinter Stacheldraht und Gefängnismauern…“ ist einem Brief der Überlebenden von Bergen-Belsen entnommen.5 Weshalb nennt der Untertitel „Zeugen Jehovas und Bibelforscher“? Für einige Personen konnte nicht sicher geklärt werden, dass sie Angehörige der Zeugen Jehovas waren (z.B. Ames, Galle). Von der Lagerleitung wurden sie jedoch mit dem lila Winkel versehen und in die Kategorie „Bibelforscher“ eingeordnet. Nicht alle mit einem lila Winkel waren also Zeugen Jehovas. Aber auch nicht alle Zeugen Jehovas wurden mit dem lila Winkel gekennzeichnet. Viele — vor allem nichtdeutsche — Zeugen Jehovas wurden als politische Gefangene eingestuft und trugen den roten Winkel. Nicht wenige Personen lernten den Glauben der Zeugen Jehovas erst im Lager kennen und nahmen ihn an.

Im Internet finden sich pauschale Behauptungen, es seien in Deutschland in erster Linie verschiedene Gruppen von Bibelforschern und nicht Zeugen Jehovas gewesen, die verfolgt wurden. Diese Entstellung muss als haltlos und nicht fundiert zurückgewiesen werden.

In dieser Abhandlung wird in den biographischen Angaben zumeist nur der entscheidende Abschnitt der Nazidiktatur behandelt. Für viele der während der NS-Zeit wegen ihres Glaubens in Konzentrationslagern inhaftierten Personen begann nach ihrer Befreiung in den Ländern östlich des „Eisernen Vorhangs“ erneut Verfolgung wegen ihres Glaubens. Dies führte beispielsweise in der DDR fast durchweg zur Aberkennung des Status eines „OdF“ (Opfer des Faschismus) und dem damit verbundenen Verlust von Renten und sonstigen Sozialleistungen. Einige wurden erneut wegen der Ausübung ihres Glaubens verhaftet. In manchen Fällen war die Haftzeit sogar länger als unter der Nazidiktatur, in manchen Fällen führte sie zum Tod.

Im Westen Deutschlands bezweifelten Mitarbeiter mancher Behörden noch Mitte der fünfziger Jahre, dass diese erneute Verfolgung für einen Zeugen Jehovas ein ausreichender Anlass für die Flucht aus der DDR gewesen sein konnte. Andere hatten Zweifel, dass allein die Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas der Grund für die lange Haft in den Konzentrationslagern gewesen war. Und dass diese Haft wiederum der Auslöser für die dauerhaften physischen und psychischen Leiden war, bezweifelte man in oft jahrelangen Auseinandersetzungen mit den Überlebenden der Verfolgten des Nazi-Regimes oder ihren Erben.

Diese Abhandlung kann weder ein lückenloser Lebenslauf aller in Bergen-Belsen inhaftierten Zeugen Jehovas sein, noch stellt es die Geschichte und die Verfolgung von Jehovas Zeugen im nationalsozialistischen Deutschland und den während des Krieges besetzten Ländern umfassend dar. Hieran interessierte Personen seien auf die von Jehovas Zeugen und anderen herausgegebenen Arbeiten verwiesen. Auch die grundsätzlich über das Lager Bergen-Belsen bereits veröffentlichte Literatur kann hiermit nur um den Teilaspekt der Zeugen Jehovas als Häftlinge in diesem Lager ergänzt werden.

Durch die Sammlung bereits veröffentlichter und unveröffentlichter Lebensberichte soll jedoch erreicht werden, dass diese Menschen nicht nur als Teil einer anonymen Masse wahrgenommen werden. Sie alle waren Individuen und hatten für ihren Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft persönliche Entscheidungen getroffen. Daher soll diese Abhandlung den Auftrag erfüllen, den der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff anlässlich der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen wie folgt formulierte: „Den Opfern schulden wir, dass sie nicht namenlos werden und nicht dem Vergessen anheimfallen.“

Celle, im Jahr 2021

Reiner Hermann

1 Eberhard Kolb: Bergen-Belsen 1943 bis 1945

2 Seit 1931 verwendet die Religionsgemeinschaft den Namen „Jehovas Zeugen“, gestützt auf Jesaja 43:10–12. Davor waren sie als „Ernste Bibelforscher“ oder „Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher“ bekannt. Der neue Name wurde weltweit von jeder einzelnen Gemeinde per Resolution angenommen.

3 Thomas Rahe: Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Bergen-Belsen u.a. in: Hans Hesse „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“

4 So standen z.B. die Namen von Gertrud und Hedwig Kuhn in der ursprünglichen Liste des Geschichtsarchivs der Zeugen Jehovas. Weitere Ermittlungen ergaben jedoch, dass sie nicht in Bergen-Belsen, sondern in Ravensbrück befreit wurden und auch vorher nicht in Bergen-Belsen waren. Andere Namen, die in dieser Aufstellung fehlen, sind Maria Branc, Klara Conklowsky, Marie Pape, Hendrik van Duren und Hendrik Renkema. Bei diesen und weiteren für Bergen-Belsen benannten Personen reichen die bisher vorliegenden Nachweise nicht aus, eine Haft in Bergen-Belsen mit ausreichender Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Bei anderen Personen kam es mangels genauer Angaben zum Geburtsdatum zu Vermischungen von Biografien. Ein Beispiel hierfür ist Jan Kaczmarczyk.

5 Diese Formulierung benutzten die überlebenden Zeugen Jehovas in ihrem Schreiben aus Bergen-Belsen an die Wachtturm-Gesellschaft vom 21.06.1945.

Die Quellen

Die Rekonstruktion der Haftstationen gleicht oft einem Puzzle, bei dem ein Großteil der Teile derzeit nicht auffindbar ist. In einigen Lagern wurden Dokumente vor der Befreiung fast vollständig vernichtet. Aber auch die vorhandenen Unterlagen haben ihre Tücken. Einige verblassten zwischenzeitlich derart, dass die vom Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen (International Tracing Service, ITS; jetzt Arolsen Archives) für Recherchezwecke zur Verfügung gestellten Listen teilweise kaum noch lesbar sind.

In vielen Nachkriegsaufstellungen wurden oft nur bestimmte Teilgruppen aufgenommen, andere ignoriert. Auch mussten einige Interpretationen früher Jahre durch verbesserte Erkenntnisse berichtigt werden. Die Nummernkarteien der Lager, die sich aus den bei der Untersuchung vom ITS erstellten Karteikarten zusammensetzen, sind teilweise durch das Einscannen nicht lesbar, zu einem großen Teil aber auch nicht in der richtigen Reihenfolge sortiert. Namen wurden nicht richtig und nicht in einheitlicher Schreibweise notiert und auch Fehler in der Zuordnung des Haftgrundes kamen vor.6

Die Quellenlage für das Konzentrationslager Bergen-Belsen ist allgemein als schlecht zu bezeichnen. Die SS war auch in Bergen-Belsen in der Lage, vor der Übergabe des Lagers die Registratur nahezu komplett zu vernichten.7 Durch die grassierende Typhus-Epidemie starben viele der ehemaligen Häftlinge in den ersten Tagen nach der Befreiung. Die Beerdigung erfolgte in Massengräbern, eine Registrierung der Todesfälle war vielfach nicht möglich.

Eine ganze Anzahl Transportlisten aus anderen Lagern, die Eingänge von Häftlingen aus Bergen-Belsen oder Abgänge nach dorthin enthalten, sind jedoch vorhanden. So sind die Namen von 26 Zeuginnen Jehovas, die im März 1945 von Bergen-Belsen zum KZ Mittelbau-Dora geschickt wurden, in einer Zugangsliste enthalten.8

Für die Zeit vom Aufbau des Lagers bis etwa März 1945 liegen Sterbebucheintragungen vor. Diese existieren zumindest für drei Zeugen Jehovas. Allerdings wird nur einer darin als „Bibelforscher“ bezeichnet. Bei den anderen ist als Religionszugehörigkeit „gottgläubig“ oder „ohne Religion“ angegeben. Allerdings konnten unter den bekannten Sterbefällen ohne oder unbekannter Religion und unter den anderen als gottgläubig bezeichneten Personen (bisher) keine weiteren Zeugen Jehovas identifiziert werden.

Eine zumindest unterstützende Wirkung bei der Forschung haben die Listen mit Namen Überlebender. Diese Aufstellungen entstanden teilweise unmittelbar nach der Befreiung. Zwar ist aufgrund der offensichtlichen Schreibfehler die Übernahme einer Person als Häftling in Bergen-Belsen nicht ohne weitere Überprüfung möglich. Jedoch kann ein Vergleich mit diesen Listen ein Indiz dafür erbringen, dass eine namentlich bereits bekannte Person tatsächlich in Bergen-Belsen war. Auch für mehrere Zeugen Jehovas konnte so die Befreiung in Bergen-Belsen bestätigt werden. Allerdings waren Angehörige verschiedener Nationen bereits vor Erstellung dieser Verzeichnisse in ihre Heimatländer gebracht worden.

Eine in den letzten Jahrzehnten vermehrt anerkannte Quelle für die Geschichtsforschung ist die so genannte „Oral History“. Berichte Überlebender oder derer Nachkommen, zumeist in Form von Videointerviews, geben wertvolle Hinweise. Naturgemäß muss auch hier mit einer gewissen Fehlerquote bei den Daten gerechnet werden. Dies sollte die Glaubwürdigkeit des erlebten Geschehens aber nicht in Frage stellen.

Bisher liegen zum Thema Bergen-Belsen nur wenige von Jehovas Zeugen veröffentlichte Berichte vor. So fand Bergen-Belsen nur kurze Erwähnung im Lebensbericht von Elsa Abt.9 Im Jahre 1998 berichtete Eva Josefsson (geb. Bàsz) ausführlicher über die Erlebnisse, die sie und Olga Slézinger in Bergen-Belsen hatten.10 Auch Rachel Sacksioni-Levée ging auf ihre Erlebnisse in Bergen-Belsen ein.11 Fast alle als Quelle angegebene Literatur von Jehovas Zeugen ist in der Online-Bibliothek auf der Website jw.org nachzulesen.

Daneben liegen im Geschichtsarchiv von Jehovas Zeugen in Selters/Taunus (WTA) eine ganze Anzahl unveröffentlichter Manuskripte (hier als „EB“ gekennzeichnet) von Personen vor, die in dieser Abhandlung beschrieben werden. Für die über viele Jahre gegebene Unterstützung möchte ich den Mitarbeitern des Geschichtsarchivs der Zeugen Jehovas einen speziellen Dank aussprechen.

Sollte sich aus dem Text zu der betreffenden Person nicht schon deutlich ergeben, worauf die Angabe, dass diese Person in Bergen-Belsen war, beruht, wird die Quelle durch eine Fußnote benannt. Nennungen ohne Quellenangaben beruhen zumeist auf den Angaben des Geschichtsarchivs der Zeugen Jehovas. Die Belege hierzu wurden — soweit dies möglich war — auf ihre Richtigkeit geprüft.

Der mehrfach zitierte Aufsatz von Dr. Rahe „Jehovas Zeugen im Konzentrationslager Bergen-Belsen“ wurde 1998 in der Jahresschrift „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland“, und in dem Sammelband „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“, herausgegeben von Hans Hesse in der Edition Temmen, veröffentlicht. Für die Genehmigung, die darin über Einzelpersonen enthaltenen Fakten als Grundstock für diese Abhandlung zu verwenden, sage ich Herrn Dr. Rahe Dank.

In den letzten Jahren konnte der Bestand des ITS Bad Arolsen genutzt werden. Auch lassen viele Archive — auch die Arolsen Archives — inzwischen Recherche im Internet zu, so dass auch darüber Informationen erlangt werden konnten. Zudem haben sich über die Jahre meiner Untersuchung die Mitarbeiter der Gedenkstätten und vieler Landesarchive für die Recherche als große Unterstützung erwiesen.

Und wenn ich schon bei den Danksagungen bin: ein besonders großer Dank gebührt meiner Frau, die mich auf vielen Reisen zu Gedenkstätten und Archiven begleitete. Bei der Korrekturlesung half sie mit Vorschlägen, die den Text verständlicher machten.

6 So wurden eine ganze Anzahl „Wifo“(Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft)-Häftlinge aus Dora-Mittelbau bei ihrer Registrierung in Ravensbrück zu „Bifo“-Häftlingen.

7 Der Lagerkommandant Kramer gab an, diese Unterlagen bereits im März 1945 vernichtet zu haben. (Arolsen Archives #82118088)

8 ITS Archiv Doc. No. 2541549#1 (1.1.27.1/0077/0063)

9Der Wachtturm vom 15.07.1980, S, 12ff

10Der Wachtturm vom 01.06.1998, S. 28ff

11Erwachet! vom 22.12.2001 S. 19ff

Formen des Terrors

Aus den vorhandenen Unterlagen ergibt sich ein immer wiederkehrendes Muster der Verfolgung: Terrorisierung wegen Nichtteilnahme an Wahlen, Hausdurchsuchungen, Entlassung vom Arbeitsplatz, Verweigerung von Sozialleistungen, Kündigung der Wohnung, Entzug des Sorgerechts für die Kinder. Darauf folgten Verhaftungen mit anschließender unterschiedlich langer Untersuchungshaft. Sodann Verurteilung und Haft in Gefängnissen. Nach der Entlassung erfolgte die Übernahme durch die Gestapo und Schutzhaft in wechselnden Konzentrationslagern. „Schutzhaft“ war die Umschreibung für eine Verhaftungsform, auf die keine Gerichtsverhandlung folgte und somit auch kein Urteil. Die Menschen wurden mithin willkürlich und für unbestimmte Zeit festgehalten.12 Nicht bei allen in dieser Abhandlung namentlich genannten Zeugen Jehovas konnten alle erlittenen Misshandlungen und Haftstationen im Einzelnen ermittelt werden.

Für einige der in dieser Abhandlung beschriebenen Frauen lauteten die Stationen in den Konzentrationslagern: Moringen, Lichtenburg (die Verlegung erfolgte jeweils nach der Auflösung des Lagers), Ravensbrück, Auschwitz, Groß-Rosen, Buchenwald, Mauthausen (die Aufenthalte in diesen drei letzten Lagern waren teilweise sehr kurz, so dass viele sie nur als Zwischenstationen des Transports empfanden; außerdem erfolgte keine Registrierung der Häftlinge) und ab Ende Februar 1945: Bergen-Belsen13. Dies bedeutete für einige eine KZ-Haft von über 8 Jahren. Andere kamen im Laufe der Zeit in den genannten Lagern hinzu.

Nicht nur in Lichtenburg mussten sie zusätzlich zur Haft brutale Behandlungen über sich ergehen lassen, weil sie politisch neutral bleiben wollten. In Ravensbrück kam für alle Zeuginnen Jehovas als Verschärfung ihrer Strafe eine Dunkelhaft von drei Wochen hinzu, viele erkrankten in Auschwitz und in Bergen-Belsen an Typhus und Malaria. Andere wurden Opfer medizinischer Versuche.

Haftstationen am Beispiel von Martha Baseler

Bei den Männern sind die Stationen nicht so gleichförmig. Oft wurden sie jedoch in den Lagern Sachsenhausen, Niederhagen-Wewelsburg und Buchenwald festgehalten. Einige derjenigen, die in Wewelsburg inhaftiert waren, wurden ab Mai 1943 zum Aufbau des Lagers Bergen-Belsen eingesetzt, die meisten anderen wurden nach Ravensbrück gebracht, von wo aus einzelne später nach Bergen-Belsen kamen. Eine nicht geringe Zahl kam kurz vor der Befreiung aus Mittelbau-Dora in das bereits völlig überfüllte Lager Bergen-Belsen.

In den Lagern mussten gerade Zeugen Jehovas schon bei der Einlieferung Terror über sich ergehen lassen, der von Beschimpfung bis zu brutalstem Zusammenschlagen ging.14 Hinzu kamen Strafen für die kleinsten Vergehen, die von Essensentzug, Dunkelhaft, Schläge auf dem Bock, Pfahlhängen, stundenlanges Stehen bei Kälte, oft in unzureichender oder sogar durchnässter Kleidung, bis zur gezielten Hinrichtung reichen konnten. Als Folge erlitten viele dauerhafte körperliche Schäden oder den Tod durch Krankheit, Erschöpfung oder Ermordung auf verschiedene Arten durch die SS und ihre Handlanger.

12 Silke Schäfer Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager. Das Lager Ravensbrück. S. 19 Doktorarbeit 2002

13 Obwohl 69 Frauen namentlich bekannt sind, die in Auschwitz waren, wird nur bei 22 von ihnen Groß-Rosen und Mauthausen als weitere Haftstationen genannt. Buchenwald, wo ein Transport ursprünglich abgeladen werden sollte, nennen sogar nur drei Zeuginnen Jehovas.

14 Antje Zeiger: Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Sachsenhausen in „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“, S. 82

Herkunft der Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen

Für die bisher bekannten 126 Zeugen Jehovas sind folgende Nationalitäten bzw. Herkunftsländer zu ermitteln:

Land

Anzahl

Anteil

Deutsches Reich

66

52,4%

Polen/staatenlos

27

21,4%

Niederlande

16

12,7%

Österreich

5

4,0%

UdSSR/Ukraine

5

4,0%

Ungarn

3

2,4%

Tschechoslowakei

2

1,6%

Frankreich

2

1,6%

Für 66 Personen deutscher Staatsangehörigkeit und die als staatenlos bezeichnete Elsa Abt ist auch der Geburts- bzw. Wohnort zu ermitteln. Bezogen auf den Wohnort zur Zeit ihrer Verhaftung stammen diese Personen aus den meisten deutschen Provinzen und der Freien Stadt Danzig:

Provinz

Anzahl

Provinz

Anzahl

Baden

3

Pfalz

2

Bayern

2

Pommern

5

Berlin

3

Rheinprovinz

4

Brandenburg

3

Saarland

2

Freie Stadt Danzig

2

Sachsen

10

Hamburg

1

Sachsen-Anhalt

2

Hessen-Nassau

2

Schlesien

7

Mecklenburg

1

Schleswig-Holstein

1

Oldenburg

5

Thüringen

5

Ostpreußen

4

Westfalen

3

Lager vor und nach Bergen-Belsen

Bergen-Belsen war für viele nur eine von vielen Stationen einer vielfach langjährigen Haft in deutschen Konzentrationslagern. In der nachfolgenden Tabelle sind einige der wichtigsten Lager aufgeführt, in denen diejenigen Zeugen Jehovas waren, die auch für Bergen-Belsen ermittelt wurden.

In der zweiten Spalte ist die bekannte Zahl der für dieses Lager ermittelten Zeugen Jehovas angegeben18. Die vier nachfolgenden Spalten geben die Anzahl derjenigen Männer und Frauen an, die zu irgendeinem Zeitpunkt vor oder nach ihrem Aufenthalt in Bergen-Belsen dort waren. Die Prozentzahl bezieht sich jeweils auf die für Bergen-Belsen ermittelten männlichen und weiblichen Zeugen Jehovas. Aus den beiden letzten Spalten ist zu entnehmen, wie viele aus diesen Lagern direkt nach Bergen-Belsen kamen. Dabei blieben die diversen Zwischenstationen der Evakuierungstransporte aus Auschwitz unberücksichtigt.

Auffallend ist sicherlich, dass mehr als 9 von 10 Frauen nicht nur in Auschwitz waren, sondern im Rahmen der Evakuierungstransporte mehr oder weniger direkt von dort nach Bergen-Belsen gebracht wurden. Aus Ravensbrück, in dem sich die größte Gruppe von weiblichen Zeugen Jehovas befand, kamen lediglich zwei Frauen direkt nach Bergen-Belsen. Alle anderen weiblichen Zeugen Jehovas, die in Ravensbrück und Bergen-Belsen waren, durchlitten zunächst noch das Konzentrationslager Auschwitz und das Grauen des Todesmarsches mit weiteren Stationen, wie Groß-Rosen, Buchenwald und Mauthausen.

Sachsenhausen war das Konzentrationslager, in dem die meisten männlichen Zeugen Jehovas zumindest zeitweise festgehalten waren. Fast zwei Drittel aller in Bergen-Belsen ermittelten männlichen Zeugen Jehovas waren davor oder danach in Sachsenhausen inhaftiert.

15 Letzte Spalte: Einlieferung aus Strafanstalten (2x), Strasshof und Westerbork (je 1x).

16 Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium, 3. Auflage, S.495.

17 Zwar kam ein Großteil der weiblichen Gefangenen aus Auschwitz über Mauthausen nach Bergen-Belsen. Lediglich von 22 Frauen wird diese Haftstation erwähnt. Auch sie sind daher als von Auschwitz direkt kommend aufgeführt.

18 Die meisten Angaben stammen aus Johannes Wrobel: Die Nationalsozialistische Verfolgung der Zeugen Jehovas in Frankfurt am Main, in: Kirchliche Zeitgeschichte (KZG), 16. Jahrgang, Heft 2 (2003), S. 372f. Teilweise aktualisierte Zahlen nannte das Geschichtsarchiv im April 2012.

Haftdauer

Immerhin jede fünfte Zeugin Jehovas in Bergen-Belsen war schon in Moringen inhaftiert und hatte somit bei ihrer Ankunft in Bergen-Belsen bereits 8 oder mehr Jahre Konzentrationslager hinter sich. Aus der nachfolgenden Grafik ist das Jahr der Verhaftung zu ersehen.

Verhaftungsjahr

Während in den Jahren ab 1936 zunächst nur reichsdeutsche Zeugen Jehovas in die Konzentrationslager eingewiesen wurden, änderte sich dies mit dem Anschluss Österreichs. Mit Beginn des Krieges wurden dann überwiegend Zeugen Jehovas aus den besetzten Ländern der Freiheit beraubt. In den Lagern trafen sie auf ihre deutschen Glaubensbrüder und –schwestern.

In einem Brief an das Londoner Büro der Zeugen Jehovas schrieben die Überlebenden, dass sie sich von „8 und 10-jähriger schwerster, brutalster und grausamster Behandlung“ erholen müssten. Dies war nicht übertrieben. Nicht für alle ist der genaue Beginn oder das genaue Ende der Haft zu ermitteln. Für diese Personen wurde das zu schätzende Minimum angesetzt. Dabei ergibt sich folgende Verteilung:

Insgesamt waren diese 126 Personen mehr als 596 Jahre „hinter Stacheldraht und Gefängnismauern“, das heißt im Durchschnitt fast 4 Jahre und 9 Monate. Die frühen Haftstrafen Anfang der 30er Jahre blieben hierbei oft unberücksichtigt. Den geringsten Teil dieser Zeit davon waren sie in Bergen-Belsen. Für dieses Konzentrationslager lassen sich für die untersuchte Gruppe folgende Haftdauern ermitteln (Angaben teilweise geschätzt):

Die längste Haftdauer bei den männlichen Zeugen Jehovas hatten die Männer des Baukommandos, die fast 10 Monate in Bergen-Belsen waren. Die kurze Haftdauer bei den Frauen wird wesentlich durch die 26 Zeuginnen Jehovas bestimmt, von denen die meisten kurz nach ihrer Ankunft in Bergen-Belsen nach Mittelbau-Dora überstellt wurden. Eine ebenso kurze Zeit waren die Frauen und Männer als Häftlinge in Bergen-Belsen, die von Salzgitter und Mittelbau-Dora Anfang April nach Bergen-Belsen transportiert worden waren. Allerdings schloss sich für viele vor der Heimkehr eine oft mehrere Monate dauernde Wartezeit im DP-Lager an.

Wege aus Bergen-Belsen

Die Mehrzahl der Zeugen Jehovas kam — wie der Großteil der Häftlinge in diesem Lager überhaupt — in den letzten Kriegsmonaten nach Bergen-Belsen. Dies erklärt, weshalb eine Mehrheit von ihnen in diesem Lager am 15.04.1945 befreit wurde. Zum anderen ist es eine Erklärung für die große Zahl der in diesem Lager gestorbenen Zeugen Jehovas.

Die nachfolgende Tabelle gibt an, was mit den Zeugen Jehovas nach ihrer Haftzeit in Bergen-Belsen geschah. Die Prozentwerte bei den Männern und den Frauen beziehen sich auf die jeweilige Anzahl der für Bergen-Belsen ermittelten männlichen und weiblichen Zeugen Jehovas bzw. auf die Gesamtzahl der ermittelten Zeugen Jehovas.

Von den in Bergen-Belsen befreiten Zeugen Jehovas starben mindestens weitere 4 Personen noch im Lager. Hier dürfte es jedoch eine große Dunkelziffer geben, denn allein durch den Luftangriff, dem Wilhelm Kohls zum Opfer fiel, sollen viele weitere Zeugen Jehovas umgekommen sein.19

19 Brief der Wachtturm-Gesellschaft an Peter Tiedemann vom 16.03.1947.

Die Altersstruktur

Ausgewertet wurden die Geburtsdaten aller 76 Frauen und 50 Männer. Nur in einem Fall konnte lediglich das Geburtsjahr ermittelt werden. Als Stichtag wurde der 26. Februar 1945 angenommen. Zu diesem Zeitpunkt waren durch die aus Auschwitz eintreffenden Evakuierungstransporte die meisten der namentlich bekannten Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen.

Folgendes Ergebnis ist festzuhalten: die Altersverteilung der männlichen Häftlinge stimmt nur teilweise mit den Untersuchungen über die Altersstruktur in anderen Konzentrationslagern überein. So weist das Diagramm nur ab den über 40 jährigen einen ähnlichen Verlauf auf, wie von Antje Zeiger für Sachsenhausen ermittelt20. Erhebliche Abweichungen bestehen zu den für die Wewelsburg ermittelten Zahlen. Auffällig ist der hohe Anteil der unter 30 Jahre alten Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen. Von 9 Personen, die in diese Gruppe gehören, stammte nur eine aus Deutschland. Insoweit ist ein Vergleich mit der Wewelsburg, in der hauptsächlich reichsdeutsche Zeugen Jehovas inhaftiert waren, auch nur bedingt möglich.

Altersstruktur der männlichen Häftlinge

                       Altersgruppen

Vergleicht man die Altersstruktur der männlichen und der weiblichen Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen, stellt man fest, dass die Verteilung bei den Frauen noch ganz anders geartet ist. Es erfolgt ein stetiger Anstieg bis in die Altersgruppe der über fünfzigjährigen. Die ältesten Frauen waren am Stichtag über 60 Jahre alt, die jüngste nicht einmal 18 Jahre. Der größte Unterschied zwischen der Altersverteilung bei Männern und Frauen ist die Altersgruppe der 50 bis 60-jährigen. Hier sind bei den Frauen ein weiterer Anstieg und die größte Gruppe zu finden.

Altersstruktur männlicher und weiblicher Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen im Vergleich

Zu diesen Frauen gehören solche, die bereits 1936 oder 1937 verhaftet worden waren und somit bereits etwa 8 Jahre in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern gewesen waren. Unter den jüngeren Gefangenen gibt es dagegen einen hohen Anteil polnischer und holländischer Zeugen Jehovas. Hier begann die nationalsozialistische Verfolgung erst mit der Besetzung der jeweiligen Länder 1939 bzw. 1940.

20 Antje Zeiger: Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Sachsenhausen in „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“, S. 79

Die Anzahl der Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen

In Moringen, Ravensbrück und Wewelsburg stellten Jehovas Zeugen zu verschiedenen Zeiten die stärkste Häftlingsgruppe. In anderen Lagern war — zumindest bis zum Ausbruch des Krieges — der Anteil in zweistelligen Prozentzahlen zu messen. Dagegen waren Jehovas Zeugen zu allen Zeiten ihrer Anwesenheit in Bergen-Belsen eine Gruppe, die nur einen geringen Prozentsatz an der gesamten Häftlingsstärke ausmachte. Dass sie gleichwohl als Gruppe erkannt wurden, geht aus dem hervor, was der englische Offizier, der an der Übernahme des Lagers durch die britischen Truppen beteiligt war, berichtete:

„,Was für Gefangene haben Sie hier?’ fragte ich Kramer. ,Homosexuelle und Berufsverbrecher’, antwortete er, ,ferner Bibelforscher’. Er beobachtete mich scharf, während er dies sagte.“ 21

Jehovas Zeugen gehörten zu den ersten Häftlingen im zunächst als „Zivilinterniertenlager“, später „Aufenthaltslager“ bezeichneten KZ Bergen-Belsen. Am 09.05.1943 wurden die ersten drei Zeugen Jehovas aus dem KZ Buchenwald nach Bergen-Belsen gebracht. Drei weitere kamen am 01.06.1943 aus dessen Außenkommando Wewelsburg, das kurz zuvor seine Eigenständigkeit verloren hatte. Durch eine weitere Überstellung aus Dachau stieg die Zahl der inhaftierten Zeugen Jehovas bis Ende Juni 1943 auf sieben Männer an. Diese Zahl blieb konstant bis zur Auflösung des Baukommandos am 23.02.1944. Für die folgenden drei Monate wurden keine Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen ermittelt.

Am 19.05.1944 kam Rachel Sacksioni-Levée, die nicht nur die erste weibliche Angehörige der Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen war. Sie blieb offenbar bis zu ihrer Überstellung nach Beendorf im Dezember 1944 auch die einzige. Am 03.06.1944 brachte man Hermann Alt ins Lager. Er starb am 20.06.1944. Anfang September 1944 kam Hendrik Mulder aus Sachsenhausen. Er starb zwei Wochen vor der Befreiung. Lediglich von zwei weiteren Männern, die im Herbst 1944 aus Ravensbrück kamen und wahrscheinlich 1945 in Bergen-Belsen starben, liegen Unterlagen vor.

Im Dezember 1944 setzten die Todesmärsche aus den weiter östlich gelegenen Konzentrationslagern ein. Außerdem brachte man für eine vorübergehende Zeit holländische Zeugen Jehovas im Februar 1945 nach Bergen-Belsen. Im Januar und Februar 1945 kamen mit den Evakuierungstransporten aus Auschwitz insgesamt 69 Zeuginnen Jehovas, die Mehrzahl von ihnen am 26.02.1945.

Am 03.03.1945 wurden von den weiblichen Zeugen Jehovas 26 Frauen ausgesucht und nach Mittelbau-Dora weitertransportiert. Danach blieb die Zahl der weiblichen Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen — soweit sie namentlich bekannt sind — bis zur Befreiung weitestgehend konstant. Die Abgänge bei den Männern wurden durch Zugänge am 10./11. April aus Mittelbau-Dora ausgeglichen.

Es sind nur wenige Häftlingsnummern von Zeugen Jehovas in Bergen Belsen bekannt. Diese geben jedoch einen Hinweis über die Ankunftszeit in diesem Lager. Offensichtlich erfolgte die Registrierung von Frauen und Männern getrennt.

Name

Haft-Nr.

Einlieferung in Bergen-Belsen

Erich Golly

256

Mai 1943

Karl Schleicher

263

Mai 1943

Karl Truckenbrodt

267

Mai 1943

Hermann Dominke

476

Juni 1943

Hendrik Mulder

3353

September 1944

August Wysa

3778

September 1944

Magda Schvartz

8985

Dezember 1944

Heinrich Bohlen

13929

Februar 1945

Annette Lubinus

20842

Januar 1945

Frieda Barelmann

30180

Februar 1945

Selma Klimaschewski

30207

Februar 1945

Die in Bergen-Belsen inhaftierte jüdische Ärztin Odette Abadi (geb. Rosenstock) erwähnt für einen Zeitpunkt etwa Mitte/Ende März „ungefähr 60“ Zeuginnen Jehovas.22

Diese Zahl passt zu der Zahlenangabe im bereits erwähnten Brief Überlebender an das Londoner Zweigbüro der Wachtturm-Gesellschaft vom 19.05.1945. In diesem Brief wird von „31 Brüdern und 52 Schwestern23“, also 83 Personen gesprochen. Bei den Schwestern, also den weiblichen Zeugen Jehovas, können die 26 nach Mittelbau-Dora deportierten nicht enthalten sein, da vor dem Abgang dieses Transports die Zahl der weiblichen Zeugen Jehovas, deren Namen uns bekannt sind, mit 68 weit höher lag.

Nachdem dieser Transport abgegangen war, befanden sich daher nur noch 42 weibliche und 14 männliche Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen, für die eine Haftzeit dort zum fraglichen Zeitraum mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden kann. Darin sind alle Personen eingeschlossen, die in Bergen-Belsen gestorben sind, deren Sterbedatum jedoch nicht mit Sicherheit vor den April 1945 datiert werden kann. Wenn sich die im Brief genannte Anzahl auf diesen Zeitraum beziehen sollte, bedeutet dies, dass uns 10 weibliche und 17 männliche Zeugen Jehovas bisher unbekannt geblieben sind.

Für den Zeitpunkt der Befreiung sind uns dagegen 41 weibliche und 20 männliche Zeugen Jehovas bekannt24. Sollte sich die Angabe im Brief also auf dieses Datum beziehen, läge die Anzahl der bisher unbekannten Personen somit entsprechend bei 11 Frauen und 11 Männern.

Die Dunkelziffer liegt in beiden Fällen zwischen 20 und 30 Personen. Somit kann von einer Gesamtzahl von Zeugen Jehovas, die zu verschiedenen Zeiten in Bergen-Belsen waren, von etwas über 150 Personen ausgegangen werden. Die meisten von ihnen kamen in der Schlussphase ab Dezember 1944 in dieses Lager.

Anzahl der Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen (Daten teilweise geschätzt)

Von den Meisten der uns bisher unbekannt gebliebenen Opfer muss angenommen werden, dass sie im Februar bis April 1945 nach Bergen-Belsen gebracht wurden. Die Mehrzahl der unbekannten Frauen kam wahrscheinlich aus Auschwitz und gehörte zu den bisher ungeklärten Schicksalen von Zeuginnen Jehovas, die dort waren. Bei den Männern ist anzunehmen, dass sie kurz vor der Befreiung aus Neuengamme oder aus Mittelbau-Dora kamen und nicht als Bibelforscher gekennzeichnet waren. Möglicherweise sind diese (noch) unbekannten Menschen kurz nach der Befreiung ums Leben gekommen.25

21 Derrick Sington Die Tore öffnen sich, S. 16

22 Odette Abadi, Terre de détresse, S.165 (Taschenbuchausgabe 2012)

23 „Jehovas Zeugen kennen bei ihrer Anrede keine Förmlichkeiten, sie fügen einfach ‚Bruder‘ oder ‚Schwester‘ hinzu, wenn sie jemand bei seinem Namen nennen.“ Erwachet! vom 22.08.1997, Seite 25

24 Marta Belebczuk (geb. Kiritschenko) nennt für einen Zeitpunkt kurz nach der Befreiung von Bergen-Belsen „ungefähr 25 bis 30 Schwestern“. United States Holocaust Memorial Museum RG-50.028*0005

25 Zur Anzahl der Opfer in Bergen-Belsen insgesamt s. Eberhard Kolb: Bergen-Belsen 1943 bis 1945, S. 77ff

Bergen-Belsen in Berichten von Zeugen Jehovas

Die Geschichte Bergen-Belsens beginnt 1935 mit dem Aufkauf von Land für den größten Truppenübungsplatz Europas. Damit verstieß das Deutsche Reich gegen die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages. Die für die Bauarbeiter errichteten Baracken dienten anfangs des 2. Weltkrieges belgischen und französischen Kriegsgefangenen als Unterkünfte. Nach Beginn des Russlandfeldzuges 1941 wurden über 20.000 russische Kriegsgefangene in Bergen-Belsen untergebracht, von denen der weit überwiegende Teil durch bewusste Vernachlässigung starb, das heißt: sie verhungerten, starben an Typhus und anderen Krankheiten.

Ab 1943 wurde das Konzentrationslager Bergen-Belsen errichtet. Es sollte zunächst als Sammellager für einige tausend Juden dienen, die gegen im Ausland internierte Deutsche ausgetauscht werden sollten. Tatsächlich kamen nur wenige solcher Austauschtransporte zustande. Die zunächst gewählte Bezeichnung „Zivi linterniertenlager“ wurde schnell wieder aufgegeben, da sonst dem Roten Kreuz hätte Zugang gewährt werden müssen.

Das Baukommando

Das Baukommando bestand aus etwa 500 — zumeist russischen und polnischen politischen — Gefangenen. Der erste Kommandant, Adolf Haas26, kam vom aufgelösten Lager Niederhagen-Wewelsburg. Unmittelbar danach folgten weitere Häftlinge, die als Spezialisten für den Aufbau des neuen Lagers eingesetzt wurden. Für die Zeugen Jehovas von der Wewelsburg ergab sich in Bergen-Belsen eine neue Situation. Waren sie bis dahin in einer großen Gemeinschaft von über 200 Zeugen Jehovas eingebunden, bildeten sie plötzlich eine nur verschwindend kleine Minderheit.

Es ist jedoch anzunehmen, dass die im Baukommando befindlichen Zeugen Jehovas ihre in anderen Lagern gezeigten Verhaltensweisen — darunter fallen auch das Studium der Bibel und die Missionstätigkeit27 — auch in Bergen-Belsen fortsetzten. Das Rundschreiben des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes vom 10.09.1943, das vor der „Propagandatätigkeit der Zeugen Jehovas“ warnte und entsprechende Gegenmaßnahmen vorschrieb, ging auch an das „Aufenthaltslager Bergen-Belsen“28. Eva Bàsz, die vom Dezember 1944 bis zur Befreiung im Lager Bergen-Belsen war, berichtete, dass zwar keine regelmäßigen Zusammenkünfte abgehalten werden konnten, aber am 23.03.1945 trafen sich die inhaftierten Zeugen und begingen die Feier zum Gedenken an den Tod Jesu. Außerdem sprachen sie mit Mitgefangenen über ihren Glauben.29

Drei Zeugen Jehovas kamen früh — mit dem Transport von insgesamt 18 Häftlingen, der am 09.05.1943 Buchenwald verließ — nach Bergen-Belsen und erhielten dort daher niedrige Häftlingsnummern: Erich Golly erhielt die Nr. 25630, Karl Schleicher die Nr. 263 und Karl Truckenbrodt die Nr. 267. Am 01.06.1943 wurden Hermann Dominke (Nr. 476)31, Herbert Schmidt und Georg Winkelmann nach Bergen-Belsen in Marsch gesetzt.

Wie bei den anderen reichsdeutschen Gefangenen dieser Transporte hatte die Überstellung der Zeugen Jehovas von Buchenwald und der Wewelsburg nach Bergen-Belsen einen praktischen Hintergrund: Herbert Schmidt war Architekt, Hermann Dominke hatte jahrelange Erfahrung im Hoch- und Tiefbau, Erich Golly war Friseur, Karl Schleicher Dekorationsmeister und Georg Winkelmann Schlosser. Sicherlich spielte auch bei Karl Truckenbrodt die handwerkliche Erfahrung eine Rolle. Nach Aussage seines Sohnes war er der Zimmermannskolonne zugeteilt, die mit dem Aufstellen von Wohnbaracken und Fachwerkbauten für die SS beschäftigt war. In den letzten vier Jahren seiner Haft soll er aber als Zahntechniker und Assistent in der Zahnstation beschäftigt gewesen sein. Der zunächst nach Dachau überstellte Kurt Ropelius war Koch. Zusammen mit den übrigen von Buchenwald überstellten Fachkräften und den zur Verfügung stehenden Arbeitskräften sollten sie das Konzentrationslager aufbauen.32

Hierzu schrieb Hermann Dominke, dass er in verschiedenen Lagern „7 Jahre lang im Baubüro mit technischen Arbeiten im Hoch- und Tiefbau beschäftigt [war]. Diese bestanden in der Planung, Materialbestellung, Bauüberwachung und Abrechnung von meist größeren Bauvorhaben der SS. Wir bekamen Bücher zum Lernen und führten diese Arbeiten selbständig und mit voller Verantwortlichkeit durch, da bei der SS nicht genügend Fachleute waren. Dabei konnte eine Fehlleistung das Leben kosten. Obwohl die Arbeit im Büro nicht schwer war, bekamen wir doch genau so wenig zu essen, wie alle anderen Häftlinge und magerten zum Skelett ab. So benötigte ich 5 Jahre von 1945 bis 1950 zur Rekonvaleszenz.“33

Der einzige ausführlichere Bericht eines Zeugen Jehovas zum Baukommando im Häftlingslager Bergen-Belsen stammt von Kurt Ropelius, der seine Erinnerungen 1956 und nochmals 1971 schriftlich festhielt. Die Jahreszahlen zu Beginn der nachfolgenden Absätze geben an, aus welchem dieser Berichte das jeweilige Zitat stammt. Nach seinen Angaben schickte man ihn am 30.04.1943 zunächst in das KZ Dachau um dort einen Kochkurs mitzumachen. Von dort sollte er zum KZ Bergen-Belsen als Koch angefordert werden. In Dachau erkrankte er jedoch schwer. Seine Wiederherstellung dauerte 10 Wochen. Am 22.06.1943 wurde er schließlich nach Bergen-Belsen gebracht.

(1971): „Als ich dann so einigermaßen wieder hergestellt war, kam ein Scharführer vom KZ Bergen-Belsen, der allerdings schon zweimal vergeblich in Dachau gewesen war, um mich abzuholen und brachte mich nach Bergen-Belsen. Dieses war ein kleines KZ für uns Häftlinge. Nur durch einen Laufgang für Posten und Hund, waren wir durch einen Stacheldrahtzaun vom Juden-Internierten-Lager getrennt.

Ich musste wieder in der SS-Küche unter demselben Quälgeist, dem Küchen-Oberscharführer aus dem KZ Wewelsburg, arbeiten.34 Ich war noch so schwach, dass ich nicht in der Lage war, die Ringe von der Herdfeuerstelle herauszuheben. Die Quälerei nahm ihren Fortgang. Russen und Polen waren meine Mitarbeiter, denen ich aber, wenn Gelegenheit war, viel Zeugnis [er sprach über die Glaubenslehre der Zeugen Jehovas]35 geben konnte.

(1956): „Im Laufe der Zeit sah ich, wie der Scharführer dem Häftlingsessen die Margarine entzog, sie ausließ und dann in 50-l-Kübeln verschob. Auch die SS-Mannschaft wurde im Essen schwer betrogen, was teilweise dann den Offizieren zukam.“

(1971): „Einem Bruder, der Tiefbau-Architekt36 war, gelang es über einen Zivilisten, mit dem er zusammenarbeiten musste, Verbindung mit Brüdern [Zeugen Jehovas] draußen aufzunehmen. Diese übermittelten uns geistige Speise [=Wachtturm-Schriften] und außerdem eine Abschrift eines Briefes, von einem zum Tode verurteilten Bruder. Die ermunternden und trostreichen Worte, die kristallklare Vision der schon herrschenden Regierung Gottes unter dem König Christus Jesus und die felsenfeste Hoffnung auf die Auferstehung, verbunden mit einer herzhaften und innigen Begrüßung seiner geliebten Frau, trieben uns allen die Tränen in die Augen; aber wir priesen Jehova für die Macht und Kraft seines Geistes, die er dem todgeweihten Bruder gegeben hatte. Dieses Erlebnis stärkte uns sehr und festigte unseren Glauben in Jehova Gott!“

(1956): „Monate später ließ ich mir, auf Anraten des damaligen SS-Arztes37, weil ich grässliche Schmerzen hatte, meine Leistenbrüche von ihm operieren. Ich hatte zu diesem jungen SS-Arzt (Hauptsturmführer) Vertrauen, denn er kam fast täglich in die Küche, schmeckte das Essen ab und sprach selbstbewusst von seinem Können. Bei der Operation an mir in dem Häftlingsrevier standen nur die primitivsten Mittel zur Verfügung. Ich musste mich auf einen üblichen Barackentisch legen, eine Decke unter dem Kopf und bei gewöhnlicher Deckenbeleuchtung begann um 10 Uhr die Operation (mit Narkose) und wurde erst nach 3 Stunden unter seltsamen Umständen beendet. Ein Bruder, der im Revier als Sanitäter amtete38, musste dem SS-Arzt die Instrumente reichen und ein SS-Mann bediente die Narkose. Wie mir der Bruder berichtete, konnte der SS-Arzt, nachdem er alles aufgeschnitten hatte, mich nicht wieder zusammenflicken, denn, wie es sich herausstellte, war dieses seine erste Operation. Darauf musste der SS-Mann in das nebenan liegende jüdische Internierten-Lager gehen und einen erfahrenen jüdischen Arzt holen (was normal nicht gestattet war). Nachdem einer gefunden war und endlich kam, weigerte sich der Jude die Operation zu vollenden, denn es wäre ihm von Staats wegen verboten, einen Arier zu behandeln. Aber auf seine Ratschläge und Anordnungen hin flickte mich dann der SS-Arzt so gut er konnte, wieder zusammen. 3 Stunden Blutverlust und Narkose wirkten sich natürlich aus, denn ich kam erst spät abends durch das liebevolle Bemühen vieler Leidensgefährten (durch Klatschen und Rütteln) […] wieder zu mir und freute mich meines Lebens. 8-10 Wochen lag ich daran nieder und die Wunden eiterten immer noch, weil wohl nicht alles steril genug war, bei der primitiven Operation.

Nun musste ich aber trotzdem wieder in die SS-Küche. An diesem ersten Morgen (nach 3 Uhr), der natürlich wie üblich luftschutzdunkel war, holte uns der mich hassende Küchenscharführer ab und schlug einen Weg ein, den ich ja noch nicht kannte. So fiel ich also gleich in einen tiefen ausgeworfenen Graben und in Folge dessen riss rechtsseitig die Wunde wieder auf. Einen kräftigen Anschnauzer musste ich noch zusätzlich einstecken.

Im Juden-Internierten Lager waren ca. 6-8.000 Personen. Pro Forma hatten die Juden in der SS-Kantine „Einkauf“, bekamen auch mal Butter und einige Male musste ich auch Rührei in Mengen für sie machen. — Mir kam das so vor, als wäre das ihre Henkersmahlzeit. Nur nachts, im tiefsten Dunkeln, kamen und gingen die Transporte der Juden. — Keiner wusste woher und wohin.

Eine Zeit später dann gab es in den Magazinen des Lagers Koffer in allen Größen, sogar Zivilkleidung gab es für die KZ-Häftlinge (aber ihre Nr. und Abzeichen mussten angenäht werden). Die SS-Offiziere hatten plötzlich Pelzdecken, die besten Kamelhaardecken als Fenstervorhänge u.a.m. Ein SS-Sonderkommando soll nach Berlin zur SS-Hauptführung mit vielen Kostbarkeiten gesandt worden sein und einige SS-Männer davon hatten nachher verdächtig dicke Brieftaschen.

Zu erwähnen wäre noch ein nicht zu bändigender Freiheitsdrang von Russen und Polen, die es fertig brachten, in wochenlanger Kleinarbeit einen unterirdischen Stollen von ihrer Baracke aus, bis zum Drahtzaun des Lagers vorzutreiben, weil gleich dahinter in wenigen Metern Entfernung der Wald begann39. Als sie aber ein Stück unter dem Zaune hinaus waren, fiel der gebaute Stollen ein und nur 3 Ausländern, unter der Führung eines russischen Marineoffiziers, der fließend deutsch sprach, gelang die Flucht; denn er rief sofort den Wachtposten vom Turm an: "Posten, nicht schießen!!" — Dieser verblüfft, was dort am Abend hinter dem Zaune geschah, schoss erst, als alle 3 Ausreißer dem Wald zustrebten und verschwanden. — Nun waren die Dämonen losgelassen und wir hatten Tage keine Ruhe! — Die Flüchtlinge kehrten nie wieder zurück, was sonst mit einer großen "Feier seitens der SS“ begangen wurde. Denn die sie wieder einfingen, mussten eine große Pauke (umgehängt) schlagen, durchs ganze Lager gehen und: laut ausrufen: "Ich bin wieder da!" — Und anschließend gingen sie über den "Bock" und erhielten unzählige Schläge. (Die Meisten starben.)

1944 kamen wir alle zurück nach Sachsenhausen, weil wir als Häftlinge vielleicht zu viel sahen.“

Die Diamantbearbeiter

Danach sind für die nächsten drei Monate keine Zeugen Jehovas in Bergen-Belsen bekannt. Dann wurde Rachel Sacksioni-Levée aus den Niederlanden im Judenlager interniert. Ihr Transport nach Bergen-Belsen war kein Zufall: sie war — wie ihr Vater — Diamantbearbeiterin40. Deshalb wurde sie jener Teilgruppe jüdischer Häftlinge zugeordnet, die in Bergen-Belsen mit dem Ziel konzentriert wurden, hier eine Art Diamantindustrie aufzubauen, um Devisen für das nationalsozialistische Deutschland zu erwirtschaften.41

In Bergen-Belsen wurden die Diamantschleifer in einer speziellen Baracke des so genannten Sternlagers untergebracht. Damit die Hände für die Feinarbeit weiter tauglich blieben, wurden diese Häftlinge zu keiner anderen Arbeit herangezogen.

Nach Dr. Rahe ist der Erinnerungsbericht von Rachel Sacksioni-Levée „die ausführlichste Quelle zur Lebenssituation in Bergen-Belsen aus der Sicht einer Zeugin Jehovas, der zugleich auch ihre prekäre Sonderrolle als geborene Jüdin und gläubige Zeugin Jehovas widerspiegelt.“ 42

„Ich bin sieben Monate in Bergen-Belsen geblieben, wo ich zwar Zeugnis gegeben habe, aber kein Gehör fand. Ihrer Meinung nach war ich eine abtrünnige Jüdin, die sie mit Mißachtung betrachteten“, heißt es dazu in ihrem Bericht.

Ihre Angaben zeigen, wie wichtig Zeugen Jehovas sogar unter widrigsten Umständen das Bibelstudium war: „Da ich keine Bibel bei mir hatte“, so schreibt sie im Rückblick, „habe ich mich überall informiert um herauszufinden, ob jemand eine Bibel besaß. Schließlich stieß ich auf einen Doktor, der eine bei sich führte und sie mir für zwei Stückchen Brot und drei Rationen Butter verkaufen wollte.“

Von besonderem Interesse ist schließlich der Teil ihrer Erinnerungen, in dem sie von einem religiösen Streitgespräch mit Oberrabbiner Aaron Davids im „Sternlager“ Bergen-Belsens berichtet, liegen doch — wie Dr. Rahe betont — auch zur Geschichte anderer Konzentrationslager kaum solche Berichte vor:

„Unter den Gefangenen befand sich auch ein Oberrabbiner der samstags Zusammenkünfte in unserer Baracke abhielt. Selbstsicher stellte ich mich neben ihn und fragte, ob ich ihm Fragen stellten dürfte und andere fragten auch danach. Er antwortete, daß wir die Fragen auf Papier bringen sollten und er sie in der nächsten Woche beantworten werde. Ich stellte ihm die Frage aus Jesaja 7:14, Micha 5:1, Psalm 110 und, ob er mir erklären könne, wer der Herr sei, zu wem er gesprochen habe und ich schrieb noch mehrere Texte aus den hebräischen Schriften auf. Ich ließ ihn wissen, daß ich die griechischen Schriften gelesen hatte und wie das so gut mit den hebräischen Schriften übereinstimmte usw.

Oh, wie sehnte ich mich nach der nächsten Woche. Und dann kam er schließlich. Er antwortete jemandem der gefragt hatte, ob die Welt in sechs tatsächlichen oder geistlichen Tagen geschaffen worden sei. Er saß da und sprach eine Stunde darüber bis er mit der Feststellung endete, daß es viele gebe, die behaupten, es seien sechs tatsächliche Tage gewesen und andere die behaupten, es seien geistliche Tage gewesen … aber definitiv wüßten wir es nicht. Die zweite Frage war: Seit wann bestand das Volk Israels. Er antwortete, daß als die Juden nach Ägypten zogen, es siebzig gewesen seien. Diese begannen sich zu vermehren und das war der Beginn Israels.