His Royal Winter Kiss - Maya Pinsel - E-Book

His Royal Winter Kiss E-Book

Maya Pinsel

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Beschreibung

Ein ungeouteter Kronprinz.
Ein pikanter Skandal.
Eine Liebe, die alles zerstören könnte.

Prinz Leonard ist gefangen zwischen den Erwartungen seiner Familie, der Neugier der Öffentlichkeit und dem tiefen Wunsch, endlich er selbst zu sein. Als nach einer Partynacht skandalöse Fotos an die Presse gelangen, scheint eine arrangierte Ehe unausweichlich. Um sein Image zu retten, wird ihm der PR-Stratege Aavo Laanemets an die Seite gestellt. Doch Aavo erkennt schnell, dass er vor der größten Herausforderung seiner Karriere steht.
Inmitten höfischer Pflichten, Presseterminen und heimlicher Treffen entflammt ein unstillbares, gefährliches Verlangen zwischen ihnen.

His Royal Winter Kiss ist eine royale Forbidden Love MM Romance voller Gefühl, Spannung und bittersüßer Leidenschaft – für alle, die verbotene Liebe, königliche Geheimnisse und Slow-Burn-Knistern lieben.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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His Royal Winter Kiss

LEONARD & AAVO

ELA BLOOM

MAYA PINSEL

Inhalt

Vorwort

Content Notes/ Triggerwarnung

Widmung

1. Im Schloss

2. Im Geheimen

3. Im Studio

4. Im Zwiespalt

5. Im Zimmer

6. Im Umbruch

7. Im Moment

8. Im Gespräch

9. Im Bett

10. Im Stall

11. Im Vertrauen

12. Im Pavillon

13. Im Stress

14. Im Jagdhaus

15. Im Freizeitraum

16. Im Herzen

17. Im Ballsaal

Epilog – Im Urlaub

Weiterlesen?

Danksagung

Glossar

Ela Bloom

Maya Pinsel

Weitere Bücher

Newsletter

Verlag:

Zeilenfluss

Werinherstr. 3

81541 München

Deutschland

_____________________________

Texte: Ela Bloom & Maya Pinsel

Korrektorat: SW Korrekturen

Satz: Zeilenfluss Verlag, Ela Bloom & Maya Pinsel

Illustration: Alin Kaya

_____________________________

2. Auflage

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

_____________________________

ISBN: 978-3-96714-748-3

Vorwort

Tere und herzlich willkommen im estnischen Königshaus Raudvere!

Ja, Estland, du hast richtig gelesen. Das Land, das in der Realität eine Republik ist, beherbergt in unserem Roman eine fiktive Dynastie, verborgen zwischen alten Traditionen und dem drängenden Wunsch nach Moderne.

HAST DU GEWUSST …

Lange Sommernächte dominieren die warme Jahreszeit Estlands. Am 24. Juni, mitten in den weißen Nächten, zelebriert das Land den Johannistag, an dem die Sonne nicht untergeht. Unsere Geschichte aber spielt im Winter – Frost, Dunkelheit und Schnee herrschen über das Land.

HAST DU GEWUSST …

Die estnische Sprache entspringt dem Finnougrischen und hat kaum Ähnlichkeiten mit Deutsch. Zum Beispiel heißt Vanaema wortwörtlich übersetzt »alte Mutter« und bedeutet eigentlich Großmutter. Auf den letzten Seiten haben wir ein Glossar aller Namen und Rollen eingefügt, falls du diese nachlesen möchtest.

Und jetzt schnapp dir ein Kohuke (Quarkcreme mit Schokolade ummantelt) und begib dich mit uns auf die Reise in das nördlichste der drei Länder des Baltikums.

Tsauki,

Ela & Maya

Content Notes/ Triggerwarnung

Falls dich gewisse Szenarien triggern, lies dir bitte die in diesem Buch thematisierten Content Notes (alphabetische Reihenfolge) durch.

Alkoholkonsum

Armut

Arrangierte Ehe

Drogensucht (angesprochen)

Dunkelheit

Einsamkeit

Erpressung

Fremdbestimmung

Gesellschaftskonflikt

Homophobie

Kälte

Outing

Pferde bzw. Reiten

schwierige Familienverhältnisse

Sex (explizit, ungeschützt)

Tod (angesprochen)

Traumatische Kindheitserinnerungen

Vaterkonflikt

Verstecken der eigenen Sexualität

Winter

Dir fehlt etwas in der Liste? Wenn wir etwas übersehen haben, dann teile es uns gern mit: [email protected]

Für alle, die den Mut finden, sie selbst zu sein –

auch wenn es alles kosten könnte.

Kapitel1

Im Schloss

Leonard

»Ein einziges Wochenende. Nur ein einziges!« Die Zeitung knallt auf den Frühstückstisch. Direkt in die Marmeladenschale, sogar das Milchkännchen kippt um. Bevor mein Vater es verlangt, beseitigt Sirja das Malheur. Mich trifft der nächste Todesblick von der anderen Seite der langen Tafel. Durch seine Augen feuert mein Vater eine Salve subtiler Beschimpfungen auf mich ab, die er vor Angestellten niemals laut äußern würde – außer der Leibgarde. Ich kenne jeden Affront davon, habe sie viel zu oft und dennoch nicht oft genug gehört.

Party-Prinz!

Würdest du doch der Krone so viel Aufmerksamkeit widmen wie Kronkorken!

Wir werden die Steuer auf Alkohol anheben müssen, um deinen Konsum damit zu finanzieren.

Die Liste ist lang. Vollständig allerdings nicht. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich auch gar nicht herausfinden, welche Flüche meinem Vater einfallen würden, wüsste er, dass sein geschwisterloser Sohn, sein Nachfolger und Thronerbe schwul ist.

»Ein einziges Wochenende, was?«, provoziere ich ihn und weiß nicht, warum ich es tue. Vielleicht, um ihm andere Emotionen außer Enttäuschung zu entlocken, die er mir gegenüber verbal nie an den Tag legt. Seines Ansehens wegen, ein König regiert mit Verstand und Vernunft, mit Liebe zu seinem Volk, nicht durch Kosenamen und Schulterklopfen mit dem Sohn. Darüber nachzudenken, befeuert die Kopfschmerzen, denn der Hangover tranchiert mein Hirn wie die Köchin den Schweinebraten an Weihnachten.

Vater möchte wohl antworten, doch ein Husten überkommt ihn.

»Leonard«, übernimmt daher meine Mutter. »Wir haben Gäste.«

Familie hochwohlgeboren von Felsheim, deren Tochter Kaja mir seit unserer ersten Begegnung schöne Augen macht. Himmelblau strahlen sie mir selbst an einem Sonntagmorgen nach einer langen Partynacht noch entgegen. Dabei hat sie keine Ahnung, wie sehr mich die Farbe reizt und wie tief ich in das nahezu identische Paar ihres Zwillingsbruders Klemens geschaut habe. Sein Geschmack liegt mir als Erinnerung noch immer auf der Zunge und gestaltet die Nachwirkungen des Wochenendes etwas angenehmer. Er aber sieht mich nicht an, versteckt sich bei Tag genauso wie ich, um die Krone und Adelsfamilie bloß nicht in Verruf zu bringen. Immerhin wäre seine Schwester die perfekte Partie für mich. Kronprinz Leonard Tanel Raudvere und Kaja von Felsheim – Powercouple und Dreamteam. In einem Paralleluniversum.

»Ist es meine Schuld, wenn Papa vor unseren Gästen damit anfängt, dass die Presse meine Freizeitaktivitäten festgehalten hat?«, murre ich.

»Hat?«, fragt Vater mit belegter Stimme. »Ist es zu viel verlangt, dich mit Mitte zwanzig auf die Krone zu konzentrieren?«

Das peinlich berührte Räuspern der von Felsheims ignoriere ich, stattdessen blicke ich meinen Vater kalt an.

Seit wie vielen Jahren spielen wir dieses Spiel nun schon? Meine Eltern sollten wissen, dass ich stets über die Stränge schlage, wenn sie potenzielle Ehefrauen für mich einladen. Ich kann es nicht verhindern, doch die Flucht in Nachtclubs, an eine nackte Männerbrust und in eine Flasche ohne Boden wirken wie eine Einladung, um den Ernst meines Lebens dabei zu vergessen. Im Gegensatz zu Kajas Augenaufschlag, der die Katerstimmung verstärkt.

»Welches Foto haben sie denn für den Kulturteil ausgewählt?«, frage ich und tue so, als würde ich auf die durchweichte Zeitung blicken. Es fällt mir schwer, nicht zu Klemens zu schauen, der hoffentlich auf keinem der Bilder zu erkennen ist. Und sollte er abgelichtet worden sein, dann in möglichst adäquatem Abstand zu mir. Immerhin berichtet die Presse nur von Partys, keine Spekulationen über meine Sexualität.

»Eines, um das sich unsere Anwälte kümmern werden«, knurrt Vater.

»Und Anwältinnen«, füge ich hinzu.

Bedacht hebt mein Vater die Serviette an, räuspert sich noch einmal. Genauso langsam verfärbt sich sein ohnehin schon zornrotes Gesicht dunkler. Bis es irgendwann im selben Purpur leuchtet wie unser Familienwappen.

Unbewusst fasse ich an meinen Ringfinger, an dem ich üblicherweise den royalen Siegelring trage. Ich habe ihn vor der Partynacht abgenommen. Mir bedeutet das Erbstück nichts, dennoch möchte ich es nicht verlieren. Sein Wert liegt im sechsstelligen Bereich. Würde ich das Schmuckstück verlieren, möchte ich nicht wissen, was geschieht. Vermutlich würde mir Vater den Anspruch auf den Thron entziehen. An manchen Tagen erscheint diese Option wie ein Segen. Doch ich habe nicht mein Leben lang dafür gelernt, gearbeitet und gelitten, um nach einem Viertel-Jahrhundert zurückzutreten.

Dennoch habe ich gelegentlich darüber nachgedacht, das Erbstück zu verscherbeln und mit dem Geld ein neues Leben aufzubauen. Fernab des Hofs, der Verpflichtungen und der Öffentlichkeit. Wo ich dieses Exil jedoch finden würde, weiß ich selbst nicht. Denn jedes Land auf dieser Welt scheint weit weg und doch nicht fern genug zu sein. Was sollte ich dort auch tun? Handwerklich begabt bin ich nicht, ich habe Spanisch, Politik und Wirtschaft studiert, kann reiten. Davon baue ich mir allerdings keine Existenz auf einem anderen Kontinent auf. Höchstens Urlaub in Argentinien oder Kolumbien wäre denkbar. Die Exit-Strategie funktioniert für mich demnach nicht.

»Ich kündige!« Pjotr stampft ins kleine Esszimmer herein, das wir immer dann nutzen, wenn Freunde der Familie zu Besuch sind. Mutter will sich bescheiden zeigen, obwohl sie damit verdeutlicht, dass der Palast mehr als ein verdammtes Esszimmer bietet.

»Herr Tamm, kommen Sie mit in mein Büro«, verlangt meine Mutter und steht auf. Sorgfältig platziert sie die Stoffserviette auf der Sitzfläche ihres Stuhls und fixiert mich mit einem Ausdruck der Ernüchterung.

»Verzeiht, Eure Majestät, ich entscheide selbst darüber, ehe Ihr mir kündigt. Mir reicht es! Ich kann nicht für die Sicherheit des Kronprinzen garantieren, wenn er mitten in der Nacht aus seinen Gemächern abhaut …«

Pjotrs Blick bohrt sich in mich. Ich fokussiere mich auf das Familienwappen an der Wand hinter Vaters Sitzplatz, um ihm und meiner Mutter auszuweichen. Und nicht loszulachen. Hätte Pjotr doch begriffen, dass ich die Geheimgänge nutze, die er wegignoriert hat. Mein Leben wollte ich ihm von Anfang an nicht anvertrauen.

Dr. von Felsheim räuspert sich mehrfach, bevor sie die Kraft aufbringt, ebenfalls aufzustehen und ihre Familie aus dem Zimmer zu scheuchen. In der Tür wirft mir Klemens einen Blick über die Schulter zu. Er wirkt amüsiert und schockiert zugleich. Vielleicht fasst er irgendwann den Mut, seine eigene Rebellion zu starten.

»Herr Tamm«, sagt Mutter beschwichtigend und tritt auf meinen Leibwächter zu. Er behauptet, mein Assistent zu sein, denn er ist mehr als ein Bodyguard. Mein Mädchen für alles und nervig ohne Ende. Ich darf während seiner Schichten nicht einmal die Fernbedienung dorthin legen, wo ich möchte. Pjotr räumt sie garantiert wieder zurück. Drei Monate habe ich ihn nun ertragen. Damit ist endgültig Schluss. Am liebsten habe ich Rait an meiner Seite, obwohl er mir wirklich nur als Schatten folgt. Leider steht er selten für mich zur Verfügung.

»Bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit Kündigungsfrist«, murrt Pjotr. »Ich ertrage es hier nicht länger.«

»Doppeltes Gehalt?«, fragt meine Mutter.

Überrascht hebe ich die Augenbrauen an. Das hat sie bislang niemandem angeboten. Anscheinend steht es schlecht um fähiges Personal, meinen Eltern liegt wohl einiges daran, ihn in unserem Dienst zu halten.

»Nicht einmal bei halber Arbeitszeit«, erwidert Pjotr. »Wenn Sie mir diesen Monat nicht mehr auszahlen wollen, soll es mir auch recht sein.« Er klatscht das Diensthandy auf den Tisch, zieht den Schlüsselbund aus der Hosentasche und entledigt sich der Kabel, die sein Funkgerät mit dem In-ear verbinden. Dieses landet neben den anderen Gegenständen. Dann seufzt er. »In einer halben Stunde habe ich meine Koffer gepackt und bin weg. Rait springt für die Schicht ein.«

Heute scheine ich ja doch noch etwas Glück abzubekommen.

»Viel Erfolg auf Ihrem weiteren Lebensweg«, sagt Mutter und macht auf dem Absatz kehrt, um in ihre Räumlichkeiten zu verschwinden.

Ich betrachte Pjotr für einen langen Moment. Bestimmt hat er keine Ahnung, welche Konsequenz in der Aussage meiner Mutter steckt: Er wird im nächsten Jahr keine Anstellung finden. Ein Wort der Königin und der Ruf ist ruiniert. Das tut mir leid für ihn. Schließlich kann er nichts dafür, an mich geraten zu sein. An der Seite meines Vaters hätte er ein ruhigeres Leben geführt.

»Alles Gute«, wünsche ich ihm. Es fällt mir schwer, das Mitleid zu unterdrücken und meine Worte fest bis distanziert klingen zu lassen.

Pjotr setzt dazu an, etwas zu sagen, seufzt und schließt den Mund. Nur ein Tschüss quetscht er noch heraus, als sich Vater mit einem Nicken von ihm verabschiedet. Dann begleitet Sirja ihn nach draußen.

»Leonard.« In Vaters Stimme schwingt neben der Enttäuschung eine gewisse Bitterkeit mit, die ich nicht kenne. »Ich habe mir dein Fehlverhalten nun lange genug angesehen. Du kommst nicht zur Vernunft. Mir bleibt nichts anderes übrig, als dich wie das Kind zu behandeln, das du uns jeden Tag zeigst.«

»Du meinst, das Kind, das ihr gern gehabt hättet und das ich in euren Augen niemals war?«, fahre ich ihn an.

Erst als ich meine Worte höre, stechen sie mir ins Herz. Der Schmerz darin ist echt. Ich schleppe ihn viel zu lange mit mir herum. Und ganz gleich, was ich auch tue, um ihn zu verdrängen, er treibt immer öfter an die Oberfläche. Irgendwann wird er nicht mehr untertauchen und mich vollständig einnehmen. Was dann mit mir passiert, will ich nicht wissen. Ein herzloser König könnte Estland niemals so regieren wie mein Vater. Auf seinem Thron ist er mein Vorbild.

* * *

Aavo

»Nein!«

»Nein? Dieser Auftrag wird besser bezahlt, als du bisher verdient hast.«

»Nein!«

»Aavo, was ist dein Problem?«

»Das fragst du mich ernsthaft?«

»Ja! Erklär es mir.«

»Ich soll Kronprinz Leonard Raudvere in die Spur bringen und für seine öffentliche Reputation sorgen? Mihkel, ich bin nur ein Mensch und keine Gottheit. Ich kenne meine Grenzen.«

Er lacht und wagt es, mir zuzuzwinkern. Frechheit. Für mich ist diese Unterhaltung alles andere als ein Witz.

»Hast du den Auftrag zugesagt?«, frage ich mit bissiger, leiser Stimme, weil die Vorahnung als Kälteschauer über meine Haut kriecht.

»Ja.«

Ein Beben geht durch meinen Körper, das mich von den Zehen bis in die Haarspitzen erschüttert. Wie kann er es wagen! Keine weitere Sekunde werde ich in sein verlogenes Gesicht schauen. Besonders, weil er sich erdreistet, dabei zu grinsen. Unmöglich!

Auf den Hacken drehe ich mich herum, bis ich diesen Mann aus meinem Sichtfeld verbannt habe. Wutentbrannt stürme ich los, haste in mein Büro und knalle die Tür zu. Als mein Schreibtisch als schützende Barriere in meinem verengten Sichtfeld auftaucht, presse ich die Hände auf das alte Massivholz und atme tief durch, um die lodernde Wut in mir zu bändigen.

Prinz Leonard. Der verzogenste Bengel Estlands.

Womit habe ich das verdient? Dieser sogenannte Prinz ist Mitte zwanzig und verhält sich seines Alters unangemessen. Wie ein Teenager, der gepanzert werden muss. Aber mein Stahl ist nicht stark genug und Tarnflecken besitze ich ebenfalls nicht. Er fabriziert monatliche Eskapaden, die einem Querulanten gleichkommen, nicht einem Prinzen. Skandale über Skandale. Da kann der Auftrag noch so hervorragend bezahlt sein, dafür muss ich auch dementsprechend Leistung bringen, die über meine Ressourcen hinausgeht.

»Verdammt!«, brülle ich, während meine Finger die Kante des Schreibtischs noch fester umklammern. Dieser Auftrag wird entweder meine Karriere in den goldenen Bereich katapultieren oder mich für immer vom Markt fegen, weil mich das Sünden-Prinzchen vor ganz Estland zum Kasper gemacht hat. Tendenziell befürchte ich die zweite Option.

Das leise Klopfen an der Tür befördert mich ins Hier und Jetzt.

»Nein!«

»Aavo, nun hab dich nicht so«, murmelt Mihkel, nachdem er die Tür aufgerissen hat. »Ein Nein will ich heute auch nicht mehr hören.«

Es reicht! »Wie wäre es, wenn du vorab mit mir sprichst, bevor du mir Kunden zuweist?«

»Bitte? Er ist ein junger Prinz, den man erziehen kann! Was stimmt mit dir nicht? Wenn ich nicht zugesagt hätte, hätte sein Team bei der nächsten Agentur angeklopft. Es ist ein Wunder, dass sie bei uns angerufen haben. Immerhin sind wir nicht führend auf dem Markt.«

»Sag mal, bist du so naiv oder tust du nur so?«

»Hä?«

»Nix hä! Wir waren anscheinend die einzige Agentur, die so vernebelt ist, zuzustimmen. Verstehst du es denn nicht?«

»Aavo, jetzt beruhig dich doch. So schlimm ist unser Kronprinz nun auch nicht.«

»Ach ja? Dann erledige du doch den Job«, kontere ich.

Mihkels Augen blitzen auf und er geht rückwärts aus meinem Büro, bis die Tür zurück ins Schloss fällt. Seine Reaktion ist Antwort genug. Er weiß das alles selbst, stellt sich jedoch vor mir unwissend.

Abfällig schnaubend richte ich mich auf und strecke den Rücken durch. Meine Schultern lasse ich abwechselnd kreisen, damit sich die gewünschte Entspannung einstellt. Als ich wieder klar denken kann, setze ich mich an den Schreibtisch. Wie von selbst gleitet meine Mouse über das Pad. Wenige Klicks später habe ich die neusten Klatsch-News auf dem Bildschirm. Dieses Grinsen ist geschwängert von teuflischem Humor. Er schaut rotzfrech in die Kamera, selbst in dieser herabwürdigenden Lage. Dabei weiß er ganz genau, was er getan hat. Unfassbar! In seinen grünen Augen funkelt ein Schimmern, das nicht von dieser Welt scheint. Obwohl er nackt ist, sieht er dabei nicht peinlich berührt aus. Selbstsicher hält er die Hand vor seine Mitte, als würde er mit dieser Geste die Kronjuwelen Estlands schützen. Mein Mundwinkel zuckt, ich zwinge ihn zurück in Position, während mein Blick über seine Nacktheit schweift. Leonards trainierter Körper gleicht dem eines Models. Er sieht mit jeder Faser aus wie ein Prinz, auch wenn er sich nicht so verhält. Obwohl er ein wahrhaftiger Schönling ist, verachtet ihn das Volk für seine Eskapaden. Dieser junge Mann hat alles in die Wiege gelegt bekommen und zerstört sein Erbe in rasender Geschwindigkeit.

Ja, er weist eine engelsgleiche, heiße Optik, Intelligenz und Reichtum vor, verspielt diese Attribute jedoch mit seinem Sturmgemüt. Da hilft nicht einmal seine Optik darüber hinweg.

Wir sind Esten und halten an unseren Traditionen fest, ein höfliches, distanziertes Völkchen. Niemand will einen undankbaren Prinzen in den Medien sehen, der immerzu über die Stränge schlägt. Ich kann verstehen, dass sie die Nase voll haben von seinem Verhalten.

Erneut starre ich ihn auf dem Bildschirm an, gehe jedes Detail durch. Sein Haar glänzt, einzelne Strähnen haben sich gelöst, die ihm in die Stirn fallen. Dabei sieht er trotz allem perfekt aus. Als hätte er ein Styling gehabt, bevor dieses Bild geschossen wurde.

Buchstabe für Buchstabe formt sich der reißerische Titel vor meinen Augen.

Prinz Leo zeigt wieder einmal, wie ein Löwe die Sonnenseiten des Lebens feiert – selbst im Winter …

Erst nach dem Lesen der Überschrift wage ich einen Blick auf seine Brustwarzen. Tief atme ich durch und starre die kleinen zusammengezogenen Nippel an, die sich auf seiner festen Brust abheben.

»Verdammt!«, fluche ich, während ich abrupt den Bildschirm schwarz färbe. Ich will ihn nicht ansehen. Noch weniger will ich für ihn arbeiten, um aus ihm einen vorzeigbaren Königssohn zu kreieren, der sich auch tagsüber wieder bei seinem Volk blicken lassen kann. Das ist ein Fall des Unmöglichen. In diesem Moment weiß ich, dass ich eine Mischung aus Bodyguard, Berater und Butler einnehmen müsste, um diesen Rüpel nur halbwegs auf eine annehmbare Bahn zu lenken. Der Job mag vielleicht gehörig Geld in unsere Firmenkasse spülen, doch er wird mich zerstören. Emotional und körperlich.

Darüber hinaus werde ich für eine lange Zeit kein Privatleben haben. Und ich kenne mich: Wenn ich nicht genug Sport und Sex bekomme, werde ich ungemütlich. Meine perfektionierte Fassade bröckelt, sobald mir der Ausgleich fehlt.

Eine weitere Erkenntnis trifft mich bis tief ins Mark. Das Prinzchen ist komplett mein Typ. Leider! Zuckersüß, trainiert und frech, während in ihm ein Teufel wohnt, der gezähmt werden muss. Ja, er ist so gefährlich wie ein Luchs in den estnischen Wäldern. Wenn man ihn in der freien Wildbahn sieht, hält man lieber Abstand. Genau das werde ich tun.

Dieser Bengel wird mir keinen Meter zu nahekommen. Ich bin professionell, kühl und weiß, was ich will. Vor allem werde ich mich nicht von ihm in die Irre führen lassen, wie er es laut unzähliger Medienberichte mit all seinen Angestellten macht. Falls sie es überhaupt ein paar Monate bei ihm aushalten, landen sie anschließend in einer Rehabilitationsmaßnahme oder verschwinden von der Bildfläche. Nein, zu diesem Personenkreis werde ich nicht zählen.

Nicht. Mit. Mir!

Ich werde ihm zeigen, was es heißt, ein erwachsener, gut erzogener Mann zu sein.

* * *

Leonard

Entrüstung auf Schloss Saaremaa: Haus Raudvere bedauert die unziemliche Abbildung Prinz Leonards. Für ihn endete ein entspannter Saunagang mit Freunden am vergangenen Wochenende im Blitzlichtgewitter der Paparazzi. »Wenn es das Ziel der Medien ist, selbst private und intime Momente der königlichen Familie ans Licht zu kehren, stellt sich die Frage, wer die Schuld daran trägt«, verkündet die Pressesprecherin Reine Viil.

Schnaubend schiebe ich das Tablet von mir. »Glaubt diesen Bullshit überhaupt noch irgendjemand?«

»Was, meinst du, sollten wir sonst tun?« Vaters Berater betrachtet mich abschätzig. Dass er mich nicht ausstehen kann, macht er mit jedem Blick klar. Seit er vor zwanzig Jahren die Stelle angenommen hat. Als wäre es schon immer meine Schuld gewesen, Schande über die Familie zu bringen.

»Mit der Zeit gehen und mal locker werden«, motze ich ihn an. »Zu den schwarzen Schafen stehen. Oma verbringt das ganze Jahr auf Reisen, damit sie sich den Zuständen bei Hof entzieh…«

»Es geht nicht um die König-Mutter!«, fährt mich Tiit an. »Du bist das Problem. Eines, das wir …«

»Ihr«, unterbreche ich ihn ebenfalls und richte mich kerzengerade auf. Mich seit meiner Kindheit zu demütigen, soll mir recht sein. Doch etwas Würde behalte ich mir. Obwohl er mir den Großteil davon genommen hat, indem er mir niemals Respekt erwiesen hat.

»Ja, wir.«

»Sie sprechen mich ab sofort wieder mit Eure Hoheit an, oder ich liefere dem Hof einen Skandal, der noch in keinem Geschichtsbuch Estlands zu finden ist.«

»Leo!« Die Drohung in Tiits Stimme nehme ich gerade nicht ernst.

»Prinz Leo!«

»Solange du dich nicht wie ein Prinz verhältst, nenne ich dich bei deinem Vornamen«, erwidert Tiit jetzt wieder gefasst und ohne Regung. »Außerdem verzichte ich darauf, deinen Arsch weiterhin aus der Scheiße zu ziehen.«

So salopp spricht er sonst nie, es muss ihm ernst sein. Er sperrt das Display des Tablets, legt sein Handy obendrauf und steht auf. Mit beiden Armen stemmt er sich gegen den Tisch im Besprechungszimmer und lehnt sich näher.

»Ich habe dich mehrfach gewarnt, Leo. Aber deine kleinen Eskapaden sind in diesem Jahr exponentiell angestiegen. Wie viele Angestellte haben deinetwegen gekündigt? Drei?«

»Vier.« Erst in diesem Moment bemerke ich, wie sehr ich zittere. Verachtenswert und unwürdig bin ich.

»Wir ergreifen Maßnahmen, sei dir dessen sicher.«

Mein Blick zuckt zur Sicherheitskamera im oberen Eck. Für den Bruchteil einer Sekunde überlege ich, um Hilfe zu rufen. Andererseits genießt Tiit Narrenfreiheit bei Hof. Selbst wenn er eine Waffe auf mich richten würde, käme niemand hereingestürmt, um mich zu retten. Ohne es aufhalten zu können, sacke ich in mir zusammen.

»Egal, welche Grafentochter ihr mir vorsetzt, ich werde sie nicht heiraten!«

»Darum kümmert sich das Büro deiner Mutter, sei unbesorgt. Bevor das Jahr zu Ende ist, wirst du verlobt sein. Bis zum Winterball, um die Romantik ins Königshaus zu bringen und das Volk besinnlich zu stimmen.« Tiits Augen sind zu Schlitzen verengt, ein fieses Grinsen umspielt seine Lippen. »Und bis dahin wirst du ein vorzeigbarer Prinz sein.«

»Innerhalb eines Monats? Dass ich nicht lache.« Nach Lachen ist mir nicht zumute, ich schlucke schwer bei seiner Drohung. Tiit fällt es bestimmt auf. Ich hasse es, dass er mich an den Eiern packen kann, ohne etwas zu tun. Bloß durch seine Anwesenheit schafft er das.

»Sei unbesorgt, dein Vater hat die richtige Entscheidung getroffen und holt sich Hilfe von außerhalb. Da du den gut gemeinten Rat deines Umfeldes anscheinend nicht zu beherzigen weißt.«

Von außerhalb? Das klingt nach Bootcamp. Dafür bin ich allerdings ein paar Jahre zu alt.

»Keine Reaktion?«, blafft Tiit und sein Grinsen wird eine Spur ekelhafter. »Wir werden deinen kleinen royalen Hintern zum vorzeigbarsten von ganz Europa machen. Und kein Mann wird ihn jemals wieder anfassen, haben wir uns verstanden?«

Mein Mund klappt auf. Nichts verlässt mich, nicht einmal ein schockiertes Schnaufen oder jämmerliches Japsen. Er weiß es? Wie lange schon und von wem?

»Keine Sorge, kleiner Prinz, deine Eltern sind ahnungslos und das bleiben sie besser. Wir wollen ihnen doch nicht noch mehr Sorgen bereiten«, flüstert er, doch es hallt als drohendes Zischen in meinen Ohren nach.

Wie automatisch schüttle ich den Kopf.

»Gut. Ich glaube, wir haben uns verstanden.« Damit richtet er sich auf, packt Tablet und Handy, tritt einen Schritt vom Tisch zurück. Dann schaut er zur Kamera hoch. Ich glaube, ihn schwach nicken zu sehen. »Danke für dieses Gespräch auf Augenhöhe, Prinz Leo.«

Jegliche Etikette ignorierend, kehrt er mir den Rücken zu, um den Raum zu verlassen. Kaum ist die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, sacke ich auf die Tischplatte. Kälte bohrt sich in meine Stirn, die glüht. Vor Wut und Entwürdigung. Die eben gehörten Informationen wirbeln mir im Kopf herum, keine kann ich richtig fassen und überdenken. Zu viel, zu brutal. Meine ohnehin schon eingeschränkte Freiheit wird endgültig kastriert. Ich gehe als Prinz Leo der Eierlose in die Geschichte ein.

* * *

Aavo

Meine Wut verzieht sich nicht. Sie köchelt durch meine Adern wie eine bitterböse Erkenntnis. Nach dem Wochenende stehe ich der königlichen Familie zur Seite. Zwei Tage Zeit bleiben, um mich auf den skandalösen Prinzen vorzubereiten, der als beratungsresistent und grenzenlos gilt. Womit habe ich das verdient? Mihkel ist mir etwas schuldig, bis an sein Lebensende.

»Aavo? Mach mal langsam.« Erschrocken drehe ich mich um und puste die Luft heraus. Vielleicht hat Sander recht, die Kilos, die ich stemme, sind nicht von dieser Welt. »Lass mich helfen«, bittet er, doch er wartet nicht auf meine Antwort. Er nimmt die Langhantel, um sie in die Vorrichtung einzuhaken.

Schnaufend richte ich mich auf, während der Schweiß über mein Gesicht läuft. Er hat recht, ich habe es übertrieben, weil ich komplett neben mir stehe.

»Danke«, keuche ich, wische über meine Stirn und versuche, zu Atem zu kommen.

»Trinken wir etwas an der Bar?«, fragt er und zwinkert mir flirtend zu.

Es ist nicht das erste Mal, dass er versucht, bei mir zu landen. Heute bin ich jedoch dermaßen erschöpft, dass ich seine Einladung nur abnicke.

Verdutzt schaut er mich an. Anscheinend glaubt er es selbst nicht, doch ich bin durstig. Als die Erkenntnis seinen Verstand flutet, grinst er siegessicher. Nur weiß er noch nicht, dass es niemals mehr als einen Drink zwischen uns geben wird. Protzig drückt er seinen Rücken durch und präsentiert mir dabei sein breites Kreuz. Er ist muskulöser als ich, älter. Und das Wichtigste: Er ist nicht mein Typ.

»Was trinkst du?«

»Einen Kokos-Shake, falls der heute vorrätig ist.« Angeekelt verzieht er das Gesicht, was mir ein Lächeln entlockt. »Was?«

»Schreckliche Vorstellung. Willst du nicht lieber Lakritz versuchen?«

»Noch schrecklichere Idee«, kontere ich.

Selbst im Protein-Shake-Universum passen wir nicht zusammen.

Mein Shirt klebt unangenehm am Rücken, als ich mich auf den Barhocker setze und dabei zusehe, wie Sander unsere Shakes bestellt. Samstagvormittags sind immer die gleichen Gesichter im Studio. Besonders die schwulen Männer scheinen einen geheimen Kodex zu haben, zu dieser Zeit zu trainieren. Mir soll es recht sein, immerhin habe ich mir an diesem Ort den einen oder anderen Kerl fürs Bett geangelt. Allerdings sollte ich nicht zu oft im sportlichen Selbstbedienungsladen zugreifen, sonst zerstöre ich noch meinen tadellosen Ruf. Mich nicht mehr blicken zu lassen, ist keine Option. Ich liebe es, mich auszupowern. Und ich liebe den Ort an sich, besonders die Sauberkeit, die hier herrscht.

»Na los, ich lade dich ein.« Wenig später stellt Sander mir einen Shake vor die Nase.

»Danke. Das nächste Mal zahle ich.«

»Gehst du am Freitag mit mir aus?«, fragt er. »Dann kannst du dich revanchieren.«

Wow, heute kommt er schnell zur Sache. Sonst flötet er seine Anmache erst nach vier bis fünf Sätzen in meine Richtung. »Danke, Sander. Aber du kennst meine Antwort.«

»Deine blauen Augen, dein blondes Haar«, flüstert er, stöhnt nach seinen Worten leise in meine Richtung, als wäre ich der Traum seiner schlaflosen Nächte.

Das wird mir zu viel. »Sander, nimm es mir nicht übel, aber mehr als eine lockere Gym-Freundschaft wird es zwischen uns nicht geben.«

»Matratzen-Gymnastik?«, fragt er weiter und wackelt mit den Augenbrauen.

Während ich trinke, verdrehe ich die Augen. »Nein.«

Dieses Wort bestimmt meine Woche. Gegen ein aussagestarkes Nein aus meinem Mund wehrt sich sonst niemand, meine Dominanz siegt. Bis auf Mihkel, der sich konsequent widersetzt.

»Wenn du so mit mir sprichst, könnte ich fast zum Bottom werden«, murmelt er.

Sein Spaß entlockt mir ein Grinsen. »Wir sind beide Tops. Daran würde ein ernsthaftes Matratzen-Date ebenfalls scheitern. Wir sind uns zu ähnlich.«

»Bis auf die Shakes.« Frustriert seufzt er, was mich nur noch mehr zum Grinsen bringt. Immerhin lenkt er mich mit seinen kleinen Flirtversuchen von jedem Gedanken an den Prinzen ab. »Willst du nicht doch darüber nachdenken, ob ein bisschen Bottomsein für dich infrage kommt?«

Jetzt lache ich laut. Meine tiefe Stimme hallt durch das Studio. »Träum weiter, Sander.«

Hastig trinke ich den letzten Schluck meines Kokos-Shakes, stehe vom Barhocker auf und zwinkere Anu zu.

»Mach’s gut, Süßer«, säuselt sie.

»Bis nächste Woche, Süße«, antworte ich und lege die Hand auf Sanders Schulter. »Bis Samstag, Kumpel.«

Sehnsüchtig schaut er mich an, nickt, aber schweigt endlich. Gut, vielleicht hat er dieses Mal gelernt, dass eine Abfuhr von mir nicht umzukehren ist.

Ob ich allerdings in den nächsten Wochen hier noch Sport treiben werde, ist fraglich. Niemand weiß, als was ich arbeite, und ich werde einen Teufel tun, davon zu erzählen. Gerade in der aktuellen Situation ist es gefährlich für mich. Solange ich inkognito agieren kann, werde ich es tun. Professionalität ist meine Stärke, selbst dann, wenn ich für den Skandal-Prinzen fungiere. Ich bin Aavo Laanemets, der Mann im Hintergrund.

In der Umkleidekabine ziehe ich mein Handy aus der Sporttasche und öffne Meltwater. Direkt ploppt die aktuelle Pressemitteilung auf.

Entrüstung auf Schloss Saaremaa: Haus Raudvere bedauert die unziemliche Abbildung Prinz Leonards. Für ihn endete ein entspannter Saunagang mit Freunden am vergangenen Wochenende im Blitzlichtgewitter der Paparazzi. »Wenn es das Ziel der Medien ist, selbst private und intime Momente der königlichen Familie ans Licht zu kehren, stellt sich die Frage, wer die Schuld daran trägt«, verkündet die Pressesprecherin Reine Viil.

Schnaubend entweicht mir die Luft, ich habe Mühe, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Glauben sie ernsthaft, dass das estnische Volk auf diese Schmierenkomödie alias Pressemitteilung hereinfällt?

Das Handy schiebe ich belustigt zurück in die Sporttasche und schlendere auf den Ausgang zu.

Dieser verwöhnte Prinz. Er hat alles, absolut alles, in die Wiege gelegt bekommen und tritt seine Basis jeden Tag mit Füßen. Genau wie sein Land.

Er ist das komplette Gegenteil von mir. Wenn ich darüber nachdenke, dass meine Großeltern die königliche Familie verehrten, wird mir ganz anders. Meine Vanaema würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie die Schlagzeilen über diesen Rüpel lesen würde. Der Gedanke an sie entlockt mir das erste tiefe Seufzen an diesem Tag. Ohne sie zu sein, ist eine Bürde, die ich notgedrungen trage. Genau wie das Vermissen von geliebten Menschen.

Das Prinzchen wird hofiert und ich bin mein Leben lang damit beschäftigt, Aneinanderreihungen von verluststarken Ereignissen zu verarbeiten.

Es ist ungerecht.

Ich trage die Konsequenzen meiner gesamten Familie. Er trägt keine Kleidung und ist auch noch so unvernünftig, sich dabei ablichten zu lassen.

Doch nun bin ich am Zug, um diesen verantwortungslosen Scheißer wieder ins Rampenlicht zu rücken. Ins Sonnenlicht, nicht ins Zwielicht.

Ja, ich habe schon Schlimmeres durchgestanden als das. Vielleicht bin ich deshalb so gut in meinem Job. Nach diesem Auftrag werde ich der Beste sein.

Kapitel2

Im Geheimen

Leonard

Kaja von Felsheim: »Leo ist

megasympathisch!«

Wann lösche ich alle Apps von meinem Handy und sperre die Push-Benachrichtigungen der News-Dienste?

Niemals!

Weil ich süchtig nach der Angst vor weiteren Horrormeldungen bin. Ebenso neugierig, weshalb ich auf das Interview klicke. Jede Zeile liest sich wie aus der Feder unserer Presseabteilung. Reine hat ganze Arbeit geleistet und ein hübsches Foto von Kaja und mir hinzugefügt. Bloß, dass dieses Foto niemals so entstanden ist, es wurde zusammengestückelt.

Tere, Kaja! Danke für deine Zustimmung, das Interview rauszugeben.

Ich hänge den Link an und sende die Nachricht an sie ab. Wenig später markiert sie die Message mit einem ausgestreckten Daumen. Mehr nicht. Sie hätte auch ein Kotz-Emoji schicken können.

Entnervt schäle ich mich aus dem Bett. Novembergrau liegt Tallinn vor mir, nachdem ich den Vorhang beiseitegezogen habe. Der Anblick spiegelt die Tristesse in meiner Seele wider – die Eintönigkeit der Gefangenschaft. Manche beneiden mein Leben, den Reichtum, die Reisen, die royalen Empfänge. Doch alles davon ist so fake wie Kajas Interview über mich. Die Menschen sehen nur das Gold, nicht aber, dass daraus ein Käfig um mich herum gegossen wurde.

Mein Handy kündigt einen neuen Termin an. Für Sekunden bin ich versucht, ihn zu ignorieren. Bestimmt handelt es sich um eine weitere Weihnachtsfeier, zu der ich aus Anstand eingeladen bin. In Wahrheit wünscht sich niemand meine Teilnahme an den halb formellen Festlichkeiten, sofern sie keine Tochter im heiratsfähigen Alter haben und diese den Willen besitzt, den Rest ihres Lebens an meiner Seite zu verbringen.

Wenn ich es recht bedenke und alles andere nicht berücksichtige, scheint Kaja gar keine so schlechte Wahl zu sein. Immerhin interessiert mich ihr Bruder – und er sich für mich.

Ich stöhne, als mein Handy klingelt. Dem Ton nach handelt es sich um Eure Majestät oder dessen Gemahlin, in einem anderen Universum auch als Eltern bekannt. Mutter ruft an.

»Du bist munter, sehr gut«, grüßt sie, nachdem ich mit einem knappen Was abgehoben habe. »Wieso hast du den Termin nicht bestätigt?«

»Weil ich zu sehr mit dem Ertrinken in Selbstmitleid beschäftigt war«, murre ich nach einem letzten Blick auf die kalte Stadt, dann gehe ich ins Badezimmer.

Sie lacht. »Den Humor hast du von deinem Vater.«

»Und die Ehrlichkeit von …?«

»Leo, der Termin findet in einer Stunde statt. Wir erwarten dich vorzeigbar im Besprechungsraum.«

Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Jegliche Termine und Sitzungen dort erinnern mich an beschissene Diskussionen oder Abstimmungen zu politischen Fragen. »Kommt der Ministerpräsident?«

»Du solltest die Nachrichten besser verfolgen«, schimpft Mutter. »Er befindet sich auf Staatsbesuch im Balkan.«

Würde ich an seiner Stelle auch: den dunklen Klauen des Nordens entfliehen, um in der Sonne Sarajevos zu chillen. »Aha.«

»Leo.« Sie seufzt. »Wärst du nur ein kleines bisschen engagierter, könntest du den Präsidenten begleiten.«

Könnte ich natürlich. Um mich dann den ganzen Tag lang über Golf zu unterhalten und abends den besten Vodka des jeweiligen Landes zu verkosten. »Aha.«

»Liegt es an der Uhrzeit, dass du dermaßen unausstehlich bist, oder hast du Besuch?«

Die Frage schmerzt mich. Nicht, weil sie mich abwertet, sondern weil sie keine Ahnung davon hat, was in meinem Leben vor sich geht. Dass ich selten Gäste empfange, um keinen Anstoß zu erregen, sollte sie wissen. Wenn, verbringe ich die Nächte im Radisson. Ich bin gespannt, wann dort einmal ein Leak platzt und die Presse von meinen nächtlichen Ausflügen in männlicher Begleitung überflutet wird.

»Am Zeitmangel«, quetsche ich heraus. »Eine Stunde ist knapp bemessen.«

»Olev steht auf Abruf bereit, um dir beim Ankleiden zu helfen. Sei pünktlich!«

Telefonat beendet. Meine Stimmung hat den Nullpunkt erreicht, jetzt kann es tatsächlich nur noch schlimmer werden.

Mit einem genervten Stöhnen öffne ich den Termin. Außer der Uhrzeit und dem Ort steht lediglich ein Name dort: Aavo Laanemets. Ich kenne ihn nicht und vermute, dass es sich um meinen neuen Angestellten handelt. Laut der Stellenausschreibung wird ein Bodyguard und Butler gesucht, ich nenne den Beruf Babysitter. Weil niemand den Job so gut erledigt, dass keine Schlupflöcher entstehen. Jedes einzelne davon nutze ich für drei Sekunden Freiheit. Und eine Woche Schlagzeilen.

Ich weiche meinem Spiegelbild aus, steige direkt unter die Dusche. Das Zähneputzen erledige ich darunter, immerhin bleibt mir heute keine Zeit für ein ausgedehntes Aufwachen. Lieber wäre ich in den Fitnessraum gegangen, mein Training vernachlässige ich eigentlich nie. Schließlich sollen die Paparazzibilder was hermachen. Der Gedanke amüsiert mich, doch ich kann deswegen nicht einmal grinsen.

Selbst zwanzig Minuten später bringe ich kein Lächeln zustande, als ich das Tablett auf dem Tisch im Wohnzimmer erblicke. Vor der Tür zum Kleiderschrank wartet Olev auf mich. Seine aufrechte Haltung und der bedächtige Blick erinnern mich jedes Mal an einen Elch. Nach außen hin wirkt er höflich, doch in ihm schlummert eine Kampfmaschine. Nicht umsonst befindet er sich seit zehn Jahren im Dienst meines Vaters.

»Guten Morgen, Prinz Leo«, sagt er und ich nicke.

In wenigen Schritten stehe ich an der Couch, wo ich ungeniert das Handtuch von meinen Hüften fallen lasse. Olev zuckt nicht einmal mit den Wimpern, sondern wartet darauf, dass ich mich setze, um mit dem Frühstück zu starten. Erst dann tritt er heran und hebt das nasse Handtuch auf. Er faltet es zweimal, ehe er es ins Badezimmer bringt. Wie kann er so gelassen bleiben? Weil er genug Geld dafür erhält, uns hinterher zu putzen. Alle machen sie es der Kohle wegen, niemand arbeitet wirklich gern hier. Ausgenommen Tiit, der vermutlich sogar ohne Bezahlung auf mir herumhacken würde. Aus Spaß an der Freude.

»Was haltet Ihr von einem blauen Anzug mit schwarzen Applikationen?«, fragt Olev, nachdem er zurückgekehrt ist und seinen Platz eingenommen hat. »Dazu ein weißes Hemd.«

»Wer ist dieser Laanemets, dass meine Eltern die Staatsfarben verlangen?«

»Ich habe keine Informationen zu dem Gast erhalten, Prinz Leo.«