My Cabin under the Light Sky - Jules & Ivorian - Maya Pinsel - E-Book

My Cabin under the Light Sky - Jules & Ivorian E-Book

Maya Pinsel

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Beschreibung

Weil ihre Liebe im Rampenlicht steht …
Ivorian
Was habe ich mir dabei gedacht, eine Rolle in einer queeren romantischen Komödie anzunehmen? Klar, ich bin ein geouteter Actionheld, aber die Betonung liegt auf Action und nicht auf meinem privaten Liebesleben. Wird mich auf dem Markt noch jemand ernst nehmen, wenn ich mich vor der Kamera mit einen anderen Mann vergnüge, anstatt Eisen mit den bloßen Händen zu verbiegen? Wie gern würde ich meinen Zwillingsbruder um Rat bitten, doch er ist verschwunden. Mein Agent ist felsenfest davon überzeugt, dass mir die Horizonterweiterung einen künstlerischen Aufschwung verschafft. Doch mir bringen lediglich die verstohlenen Blick in die wunderschönen Augen meines Co-Stars Hochgefühle, die ich nicht spüre darf. Wie soll ich es verstecken, dass ich ihn viel lieber hinter als vor der Kamera leidenschaftlich küssen will?
Jules
Ein gefeierter Star am Himmel der Liebesfilme zu sein, ist das, was ich immer wollte. Doch als mein Agent mir vorschlägt, die Hauptrolle in einer Gay Komödie anzunehmen, bekomme ich Panik. Die Vorstellung, einen Mann vor der Kamera zu küssen, treibt mir regelrecht  Schweißperlen auf die Stirn. Mein Leben lang habe ich mir jeden kleinsten Gedanken an Intimität mit Männern verboten. Doch dann steht einer der begehrtesten deutschen Actionstars vor mir, der mir mit seinen grauen Augen bis tief in meine Seele blickt und damit mein ganzes Weltbild erneut erschüttert.

"My Cabin under the Light Sky" ist eine humorvolle & prickelnde MM RomCom. In jedem Band der Cabin Love Reihe findet ein anderes Paar sein Glück. Alle Bände der Cabin Love Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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MY CABIN UNDER THE LIGHT SKY

JULES & IVORIAN

CABIN-LOVE-REIHE

BUCH SECHS

ELA BLOOM

MAYA PINSEL

INHALT

Impressum

Widmung

Content Notes

Vorwort

Playlist

1. Roman-Liebe

2. Dorfwirt-Dilemma

3. Kaff-Annäherung

4. Cabin-Chaos

5. Film-Verkehr

6. Kuss-Gedanken

7. Sicherheits-Gefühl

8. Kater-Wärme

9. Spice-Spiel

10. Hütten-Knistern

11. Fake-Kuss

12. Mund-Beherrschung

13. Bergbach-Zwiespalt

14. Gefühls-Kampf

15. Drama-Sucht

16. Doppel-Rausch

17. Liebes-Leben

18. Dreh-Werk

Epilog

Weiterlesen

Fabians Frühstücksfreuden

Danksagung

Über Maya Pinsel

Über Ela Bloom

Newsletter

Verlag:

Zeilenfluss

Werinherstr. 3

81541 München

Deutschland

_____________________________

Texte: Ela Bloom & Maya Pinsel

Korrektorat: Dr. Andreas Fischer

Satz: Zeilenfluss Verlag

Illustration: Alin Kaya

_____________________________

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. _____________________________

ISBN: 978-3-96714-675-2

Für alle, die daran glauben,

dass Liebe kein Skript braucht.

CONTENT NOTES

Falls dich gewisse Szenarien triggern, lies dir bitte die in diesem Buch thematisierten Content Notes durch.

AlkoholkonsumComing-outDoppelgänger und VerwirrspielErpressungEssen/Ernährungextreme Wetterbedingungen (Kälte, Schnee)GeheimnisseHomophobieIntimität vor der KameraLeben in der Öffentlichkeit/CelebritysNikotinkonsumSchauspielereiSchimpfwörter/vulgäre AusdrucksweiseSchwierige Kindheit bzw. FamilienkonstellationSelbstzweifelSex (explizit)Streit unter Kolleg*innen und GeschwisternÜbergriffigkeitVersagensängste

Dir fehlt etwas in der Liste? Wenn wir etwas übersehen

haben, dann teile es uns gern mit: [email protected]

VORWORT

Willkommen zurück in Bergbach!

Oder begrüßen wir dich zum ersten Mal in unserem fiktiven Dorf, in dem sich Männer ineinander verlieben?

Wenn du die vorigen Bände schon gelesen hast, dann weißt du, dass wir riesigen Spaß daran haben, Dinge zu verbinden – aber keine Sorge, du kannst dieses Buch auch ganz ohne Vorwissen genießen. Unsere Reihe besteht aus in sich abgeschlossenen Bänden und du kannst sie einzeln lesen. Dennoch greifen die Geschichten an manchen Stellen ineinander und ergeben am Ende ein großes Ganzes.

In »My Cabin under the Light Sky« erwarten dich sowohl bereits bekannte als auch neue Protagonisten und Charaktere, Humor, Spice und leidenschaftliche Gefühle.

Mach es dir gern gemütlich, stell dir deinen Lieblingssnack und eine Tasse Tee bereit und tauche in eine neue, cozy Cabin-Love-Geschichte ein. Sie wird, wie Band 1 bis 5, auf ihre ganz eigene Art und Weise dein Herz erobern.

Falls du zwischendurch lachst oder den Atem anhältst, wissen wir, was du gerade fühlst. Wir sind die ganze Zeit mit dabei.

Viel Spaß beim Lesen!

Ela & Maya

PLAYLIST

I'll Be Waiting – Lenny Kravitz

Bitter Sweet Symphony - Live At Maida Vale – London Grammar

Beige – Yoke Lore

Something - Remastered – The Beatles

Dream A Little Dream Of Me – Ella Fitzgerald, Louis Armstrong

Sweet Creature – Harry Styles

50 Ways to Leave Your Lover – Paul Simon

Fine Line – Harry Styles

Colorblind – Counting Crows

Shallow – Lady Gaga, Bradley Cooper

Cosmic Love – FLorence + The Machine

Sleep On The Floor – The Lumineers

Direkt auf Spotify hören!

1

ROMAN-LIEBE

Jules

»Verfickte Scheiße!« Die nächste Ohrfeige fällt unbarmherzig hart aus. Neben meiner Wange brennt nun auch meine Handfläche. Doch es wirkt nicht. Selbst beim fünften Schlag nicht. Immer noch rinnen mir die Tränen über das Gesicht, und ich finde keinen Weg, sie aufzuhalten. »Julius, reiß dich zusammen!«

›Echte Männer weinen nicht!‹, höre ich meinen Vater in meinen Gedanken schreien. ›Du bist ein Mann, benimm dich wie einer.‹

Ich bin kein echter Mann. Denn ich heule seit zehn Minuten auf der Toilette meiner Agentur. Ununterbrochen. Noch nie habe ich so viele Tränen vergossen, und ich schwöre mir, nie wieder welche zu vergießen. Zumindest nicht aus Wut oder anderen Emotionen, die sich in mir falsch anfühlen. Sollte ich dafür bezahlt werden, weine ich so viel, wie die Produktionsfirma von mir verlangt.

Doch als Schauspieler zu weinen, ist nichts im Vergleich zu diesem persönlichen Meltdown. Gefühlsausbruch, mir schaudert. Ich wage das Wort nicht einmal richtig zu denken.

Überforderung und Zorn, in Kombination mit meiner Hilflosigkeit. Diese Emotionen sollte ich nur vor der Kamera abrufen. Nicht nach einem Meeting mit meinem Agenten. Der mich vor der Besprechung so breit angegrinst hat, dass ich für Sekunden die Hoffnung gehegt habe, Hollywood hätte endlich angerufen. Leider weit gefehlt. Nicht einmal ins Ausland darf ich fliegen, sondern muss in Deutschland bleiben. Dem Anfang und garantiert dem Ende meiner Karriere. Ganz besonders nach diesem Auftrag. Eine Verfilmung von Ty Wilders und Leon Peers’ gemeinsamem Bestseller. Zwei schwule Autoren, die über schwule Protagonisten in einem schwulen Bergdorf schreiben.

»Verfickte Scheiße!«

Wie soll ich als Hetero einen homosexuellen Mann spielen, der einen anderen Mann anziehend findet? Der die Liebe seines Lebens trifft? Das Schlimmste daran ist nicht, dass mich der Gedanke vollkommen abstößt, sondern die innere Unruhe, die ich dabei verspüre. Als wäre da ein Funke Vorfreude in mir. Dieses Kribbeln, das mich packt, wenn ich zu viel getrunken habe und mir Pornos mit zwei Männern anschaue. Wie sich eine behaarte Männerbrust hinter einem zarten Körper erhebt …

Was denke ich da?

Meine Faust knallt gegen das Waschbecken und pocht vor Schmerz. Schlimmer als meine Wange. Allerdings nicht wilder als mein Herz. Es überschlägt sich beinahe – vor Widerwillen und Aufregung. Je heftiger der Puls das Blut durch meinen Körper jagt, desto mehr Tränen fließen. Als wäre ich ein Damm, dessen Wände auseinanderbröckeln und all das aufgestaute Wasser unaufhaltsam aus mir herausschwemmen. Bis eine leere Hülle übrig ist, die vor der Kamera lächelt und Gefühle vorgaukelt. Denn ganz egal, zu welchen Fantasien mein Kopf neigt, sie bleiben dort. Auf dem Grund des Stausees, der hoffentlich für immer genügend Wasser tragen wird, um niemals ans Tageslicht zu kehren, was ich verstecke. Was ich nicht bin. Was ich nicht sein will. Der Protagonist in einer romantischen Komödie mit männlichem Gegenstück.

Ivorian

»Baby, du musst dich weiterentwickeln«, säuselt Damian und lächelt mich spitzbübisch an. Das kann er sich sparen, ich durchschaue ihn.

»Wir haben es mehrfach besprochen. Keine Romance«, antworte ich meinem Agenten kühl.

»Ivo, nun bleib locker. Es ist eine Gay-Romance, und du bist offen schwul.«

Meine Augenbrauen ziehen sich zusammen, ich starre ihn an, und sein Lächeln wird noch schelmischer. »Meine Sexualität hat nichts mit meiner Arbeit zu tun, Dam. Und das weißt du. Auch das haben wir hinreichend ausdiskutiert.«

»In der Geschichte von Ty und Leon gibt es knisternde bis niederbrennende sexuelle Spannung samt hotter Männer. Baby, du bist nun mal einer der heißeren Actionhelden des Landes. Sie wollen dich.«

»Du sagst es. Action und nicht sexy Romance. Wer engagiert mich, nachdem ich in einer Gay-Schmonzette gespielt habe?«

»Schau über den Teich! Dort spielen sie auch Romance und Action. Vergleich dich mit Channing Tatum, nurin schwul. Er schafft diesen Spagat zwischen den Genres.«

»Ich bin aber nicht Channing, sondern Ivo von Arnsberg.«

»Der deutscheChanning Tatum?«

»Dam, ich sehe nicht mal so aus wie er!«, blaffe ich.

»Nein. Du bist so viel jünger und so viel heißer als er. Deine besten Jahre stehen dir noch bevor.«

Genervt verdrehe ich die Augen und lasse mich in meinen Sitz fallen. »Jules Pêcheur? Weiß er davon?«

»Natürlich! Er freut sich riesig auf die Zusammenarbeit mit dir.«

Damians Lüge stinkt bis in den Himmel. Jules ist aufstrebend, sexy, ein Mann, der nach Hollywood gehört. Genau wie ich. Doch wir beide sollen stattdessen nach Bergbach reisen, um dort einen Bestseller mit unseren Fähigkeiten zum Leben zu erwecken. Ein schwuler Mann, der bis dato jede Rolle dieser Art abgelehnt hat, und eine Hete der Extraklasse. »Das ist alles keine gute Idee, Dam.«

»Doch, es ist sogar die beste Idee, Ivorian. Vertrau mir. Du wirst glänzen und dich mit dieser Rolle massiv in deinem künstlerischen Schaffen entwickeln. Alle werden nach dir schreien und deine Vielseitigkeit beklatschen.«

Tief atme ich durch, schaue in Damians Augen, die voller Überzeugung aufblitzen. Unschlüssig drehe ich meine Breitling am Handgelenk und sehe, dass erst zehn Minuten mit ihm im Meeting vergangen sind. Noch zwei Stunden, dann kann ich endlich meinen Frust mit Sina ablassen, die mich durch das Studio quält, bis alle Muskeln brennen. Bei ihr wäre ich jetzt gern. Ein freier Kopf, ein schmerzender Körper und keine Entscheidungen, die ich mit Damian fällen muss. Trotzdem bleibt mir nichts anderes übrig, er benötigt eine Entscheidung von mir. »Jules hat wirklich Ja gesagt?«

Damian schnauft. »Alle freuen sich auf dich und die Zusammenarbeit, also ja. Es ist eine Chance!«

»Ich reiße dir den Kopf ab, wenn du mich mit dieser Rolle in die Scheiße reitest.«

»Ich reite dich nach Hollywood, Baby.«

»Das klang sehr versaut«, antworte ich und lache zum ersten Mal in diesem Gespräch.

Damian steigt die Röte ins Gesicht, während seine Lippen von einem Schmunzeln umspielt werden. »Perfekt. Dann hast du ja bereits deinen Flow für die Rolle verinnerlicht.«

Jules

Wills Augen brennen sich in meine. Etwas bewegt ihn, doch er spricht nicht darüber. Meine Hand in seinem Nacken kann es nicht sein, er hat sich nicht entfernt. Nur durch den Ausdruck in seinem Gesicht. Als hätte ich einen Fehler begangen. Bevor es wirklich dazu kommt, ziehe ich ihn an mich und küsse ihn. So wild, dass er in jeder Atempause gegen meine Lippen stöhnt. Geschmeidig schmiegt er sich an mich. Ich spüre seinen Schwanz, wie er immer härter wird. Alles ist zu perfekt, und ich werde nicht leugnen, dass dieser tiefe Zungenkuss zum richtigen Zeitpunkt kommt, während sich seine Mitte rhythmisch an meiner reibt. Wenn er die Intensität hält, komme ich in meine Hose. Hoffentlich überrollt unser Orgasmus uns erst, wenn ich ihn hart und laut halb ohnmächtig vögle.

Entsetzt schlage ich das Handy in meinen Schritt, sperre das Display und beiße mir auf die Unterlippe. Im Drehbuch klang es so harmlos. Unschuldig und spielbar. Das Buch nun auf dem Flug von Hamburg nach München zu lesen, stellt mich vor eine neue Herausforderung. Eine unlösbare. Wie soll ich diese Rolle verkörpern? Das Verlangen zwischen Owen und Will glaubhaft darstellen?

Wie kann mir mein Agent das antun? Wie können mir Ty und Leon das antun? Wie kann ich es mir selbst antun?

»Möchten Sie vielleicht noch ein Gläschen Wein, Herr Petschör?«

Ich reiße den Kopf zum Flugbegleiter hoch. »Pêcheur! Und nein.«

Das Danke spare ich mir.

»Falls Sie etwas benötigen, klingeln Sie ganz einfach nach mir, ja? Ich erfülle Ihnen jeden Wunsch auf diesem Flug.«

Wieso zwinkert er mir zu? Ich bin nicht der einzige Gast in der Businessclass. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein Mann, dem das Zwinkern bestimmt gefallen würde. Mir nicht. Genauso wenig wie die gepflegten Finger, mit denen er vorhin den Rotwein abgestellt hat. Lang und beweglich. Und mit French-Maniküre wie viele meiner Schauspielkolleginnen sie privat tragen. Wieso merke ich mir so etwas überhaupt?

Meine Zähne rammen zu fest in meine Unterlippe, es schmerzt. Ich lecke die Zunge darüber und schmecke Blut. Scheiße! Die Flugzeugluft trocknet meine Haut aus. Nicht aber meinen Schwanz, der es kaum erwarten kann, dass ich weiterlese. Unter keinen Umständen werde ich dieses Buch beenden. Mir genügen die Regieanweisungen und Ivo von Arnsberg als zweiter männlicher Lead. Sollte er mich auch nur einmal privat anfassen, hetze ich ihm meinen Anwalt an den Hals. Das werde ich von Anfang an klarstellen. Professionalität vor der Kamera. Abseits dessen gehen wir getrennte Wege.

Ivorian

Was geht denn bitte in diesem Buch ab? Romantische Komödie? Dass ich nicht lache. Ich höre einen Softporno, ohne Frage! Hastig drehe ich die Heizung runter, da es mittlerweile viel zu heiß im Wagen ist und ich den gesprochenen Worten von Lorenz O’River mit angeturntem Nackenschweiß entgegentropfe. Was ich höre, ist nicht das, was ich in der Leseprobe zu Gesicht bekommen habe. Das Stöhnen von Owen schießt mir über die Wirbelsäule. Imitierend stöhne ich wie O’Rivers und finde seine und meine Stimmfarbe recht kompatibel. Zum Glück beobachtet mich niemand bei dieser Übung. Bilder des Hörbuchsprechers fliegen mir in den Kopf, samt der Erinnerungen an den Preis für seine Fick-alle-zentral-ins-Ohr-Stimme, den ich ihm überreicht habe. Heißer Kerl, heiße Stimme. Wenn er es schafft, diesen Gay-Smut zu lesen, werde ich es schaffen, ihn zu performen, oder?

Aber es mit Jules zu spielen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Diese Szene wird mich killen und mir emotional alles abverlangen. Ty Wilder und Leon Peers sind intensiv, schreiben feurig und überzeugen als Autorenpaar mit einer mitreißenden Dynamik, die meinen Fuß auf das Gaspedal drückt, obwohl die Straßenverhältnisse dafür zu winterlich sind. Ich gehe vom Gas, atme durch und höre die letzten gestöhnten Fick-mich-Töne. Hoffentlich ist diese Szene gleich vorbei, ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren.

Ich lache so laut, dass ich erneut aufs Gas trete. Verkehr! O Hilfe. Ich werde nackt auf Jules Pêcheur liegen und so tun, als würde ich meinen Penis in seinem Hintern versenken. Hoffentlich bekommen wir Abblenden und eine gute Intimitätskoordination am Set, die auf die Sinnlichkeit achten und uns nicht wie zwei Hengste in einem Porno darstellen.

»Bitte lass es geschehen«, bete ich vor mich hin, höre Owen zu, wie er kleine Süßigkeiten in Wills Ohr raunt, bis es kaum noch auszuhalten ist. »Meine Güte, fickt euch doch gleich noch mal. Ist ja erst drei Minuten her!« Ich brülle über das Lenkrad gegen die Windschutzscheibe und atme stockend aus.

Bis zum Epilog bin ich in Bergbach, besorge mir irgendwo etwas zu essen und gehe ins Hotel, wo ich mir einen runterholen werde, damit ich von diesem Hörbuchtrip runterkomme. Mein Blick fliegt auf den Beifahrersitz meines SUVs. Mütze und Brille liegen parat, meine Lederjacke mit Fellfütterung ebenfalls. Ich bin vorbereitet, um undercover unter Menschen zu gehen, wie es mein Spielpartner sicherlich in den nächsten Tagen üben wird. Er hat die etwas komplexere Rolle des Undercover-Polizisten erhalten. Ich darf den dominanten Hotelbesitzer spielen. Immerhin ist das die glücklichere Fügung für mich als Actionheld der Nation.

Jules

Zwei Gläser Wein später suche ich die Toilette auf. Wir gehen gleich in den Sinkflug, während Owen und Will ineinander versinken. Die Nummer des Flugbegleiters, die er mir mit einem weiteren und so offensichtlichen Zwinkern zum zweiten Glas Wein serviert hat, stopfe ich in den Mülleimer. Dann erleichtere ich mich und wünschte, keinen Alkohol getrunken zu haben. Das Buch macht mich fertig, das Lächeln des Flugbegleiters macht mich fertig. Meine Gedanken beim Händewaschen machen mich fertig. Wieso stelle ich mir vor, dass er die Tür aufreißt und zu mir in die enge Kabine tritt? Er geht vor mir in die Hocke, während er mich mit seinen langen Fingern auf die Toilette schiebt. Dann öffnet er meine Hose, leckt sich über die schimmernden Lippen. Sie glänzen und scheinen nur für einen Zweck geformt worden zu sein: einen Penis zwischen sich zu saugen, um ihn zu liebkosen, zu blasen, zum Orgasmus zu bringen.

»Verfickte Scheiße!«

Nein!

Ich darf es nicht als Einladung sehen oder meine Fantasie dadurch zum Explodieren bringen, sondern muss es als Chance nutzen. Vielleicht kann mir Mr. Zwinkizwonki ja dabei helfen, mich in Wills Rolle einzufinden. Erbärmlich wie ich bin, ziehe ich die Serviette mit den Ziffern wieder aus dem Müll und stecke sie einmal gefaltet in die Hosentasche.

Als ich die Toilette verlasse, steht er an der Tür.

»Bitte nehmen Sie Ihren Platz wieder ein, wir starten gleich mit dem Landeanflug«, erklärt er und fasst an meine Schulter. »Vergessen Sie nicht, den Gurt anzulegen, wir wollen doch nicht, dass Ihnen etwas zustößt.« Wieder dieses Zwinkern, ich befeuchte meine Lippen. Die Flugzeugluft ist viel zu trocken! »Soll ich dabei helfen?«

Du fasst mir unter keinen Umständen in den Schritt!

Meine Ohren glühen, vom Wein und der unangenehmen Situation. Ich ertrage es nicht. Die Berührung, das dezente Parfüm, das Zwinkern, das Zucken in meiner Hose.

»Mir kann niemand helfen«, murmle ich und schüttle seine Hand ab. »Danke für den unvergesslichen Service.«

»Einfach läuten, wenn Sie mich brauchen, ja? Jederzeit.« Er spreizt Daumen und kleinen Finger von der Hand ab und deutet einen Telefonhörer an, den er ans Ohr führt.

Ob ich dafür belangt werden kann, wenn ich ihm seine Nummer in den Mund stopfe?

»Bei Bedarf komme ich darauf zurück«, sage ich so fest wie möglich und bewege mich zu meinem Platz. Warum habe ich das geäußert? Sollte ich ihm jemals schreiben, dann, um in meine Rolle zu finden. Der schwule Undercover-Polizist im winterlichen Bergdorf, dessen einzige Aufgabe es sein sollte, einen Hotelbesitzer zu observieren und dessen zwielichtige Machenschaften ans Tageslicht zu bringen. Stattdessen beschränkt er sich auf alle anderen Schäfte, die ihm entgegenspringen. Seiner Sexualität erlegen und dem Boss des Hotels obendrein. Unprofessionell! Das werde ich nicht sein. Ich werde es durchziehen, mich auf die Gage konzentrieren, wenn wir Nacktszenen drehen. Immerhin ist alles gestellt. Solange sich bei mir nichts aufstellt, was zunehmend zu einem Problem wird.

2

DORFWIRT-DILEMMA

Ivorian

Bergbach ist erreicht, und das Gefühl fickt meinen Kopf. Es ist wie in diesem Hörbuch. Die Autoren scheinen sich auszukennen. Ich sehe jede Szene vor mir, spüre den Wald, die Berge, die Häuser und Hütten auf meiner Haut wie eine frische Erinnerung. Sicherlich waren auch sie für ihre Recherche hier, es ist zu gut beschrieben, um es nicht mit eigenen Augen gesehen zu haben. In einer passenden Nische parke ich meinen SUV, öffne die Tür und ziehe sie direkt wieder zu. »Fuck, das ist kalt.«

Meine Belstaff sitzt, und ich schließe die Jacke noch im Wagen, setze die Mütze auf und lasse die Sonnenbrille auf meine Nase gleiten. Wenige Minuten Privatsphäre, dann muss ich schleunigst auf die Toilette. Das kleine Restaurant sieht ansprechend aus, modern und sauber. Es könnte auch in einer Großstadt stehen. Mein Hunger treibt mich an, und ich eile durch die bittere Kälte ins Warme.

Kaiser-Stix, lecker. Gegrilltes geht immer. Konzentriert studiere ich die Karte, lasse die Gerichte auf mich wirken. Das Restaurant ist gut besucht, aber niemand interessiert sich für mich, bis auf den Koch, der mich mustert und grinst.

Mit dem Finger lockt er mich näher an die Theke, und ich folge. Er ist verdammt scharf. »Herr von Arnsberg«, flüstert er. »Das Essen geht auf mich. Suchen Sie sich aus, worauf Sie Lust haben, und setzen Sie sich danach mit dem Gesicht zu mir direkt an den Tisch nahe der Theke. Dort wird Sie niemand sehen.«

Mein Herz klopft, die Situation überfordert mich. »Bin ich so leicht zu erkennen?«

»Nein, aber für mich schon. Mein Mann hat wochenlang jedes verdammte Bild von Ihnen recherchiert, und ich habe geholfen. Es war so schlimm, dass ich schon von Ihnen geträumt habe.«

Was zur Hölle!

»Ich bin nicht der Schauspieler der Serie You«, erkläre ich mit lockerem Ton, schiebe mir aber unsicher die Brille kurz nach unten und schaue ihn entsetzt an. Genau das bin ich! Absolut entsetzt. Jedes erdenkliche Stalker-Szenario sticht mit einem Messer in mein Gehirn.

»Scheiße. Kein Stalking. Sorry«, murmelt er. »Ich bin der Lebensgefährte von Ty Wilder. Er wollte den perfekten Kerl recherchieren, und es waren dann immer und immer wieder Sie.«

Mein Unwohlsein schlägt sofort in Belustigung um. »Dann ist es okay, wenn du von mir geträumt hast«, entgegne ich und zwinkere ihm zu. »Ich bin Ivo. Und du?«

»Fabian. Willkommen in Bergbach. Ich werde dich mit Essen versorgen. Deinen Ernährungsplan habe ich von der Produktionsfirma erhalten.«

»Dann freue ich mich auf die Kostprobe«, antworte ich freundlich und lächle. Er ist heiß, und Ty Wilder hat einen vorzüglichen Geschmack. Kein Wunder, immerhin hat er mich ausgesucht.

Und ihn. Diesen hübschen Heteromann mit braunen Haaren und stechend grünen Augen als meinen Co-Buddy.

Jules

Spar dir die Blicke in den Rückspiegel, ja, ich bin es. Leibhaftig. Jules Pêcheur, in deinem Wagen.

Augenrollend wende ich mich ab und schaue aus dem Fenster. Die Fahrerin hat drei Minuten benötigt, um herauszufinden, wer ich bin. Seither schweigt sie und starrt. Das kann ich nicht leiden. Sie ist süß, unter anderen Umständen hätte ich sie gefragt, ob sie mich an meinem freien Tag aus Bergbach entführt und mit mir München unsicher machen möchte. Doch Fans date ich nicht. Bestenfalls Kolleginnen, die mich anhimmeln. Mit ihnen machen die Drehs besonders viel Spaß.

»Bekomme ich nachher ein Autogramm?«, fragt sie schüchtern und steigt wieder in der Attraktivitätsskala. Unsicherheit ist eine Erklärung für die vielen Blicke. Zudem sind sie mir lieber als die lüsternen.

»Mit Foto?« Und meiner Nummer obendrauf? Ich lächle mein schönstes Lächeln, und sie läuft rot an wie der Teppich, auf dem ich mich am liebsten präsentiere.

Für den Rest der Fahrt schweigt sie, betrachtet mich kaum noch über den Rückspiegel, ich sie gar nicht mehr. Mein Blick haftet an der Umgebung vor dem Fenster. Unter dem Schnee wölben sich die Bäume, dahinter heben sich die Berge am Winterhimmel ab. Angezuckerte Rundungen, wie ein hübscher Hintern. Nein, wohlgeformte Brüste! Unter einem angenehmen Stoff, fest und weich zwischen meinen Fingern, mit harten Nippeln, glatt rasiert oder getrimmt. Was zur …? Frauen, ich denke an Frauen und nichts anderes. Wie es schon immer war und wie es immer sein wird. Vor allem stelle ich mir Ivo von Arnsberg nicht dabei vor, wie er sich in den intimen Szenen halb nackt vor mir präsentiert.

Nein! Aus!

Meinen Oberkörper wird Ivo nicht anfassen. Auch nichts anderes von mir, das sich oberhalb meiner Schultern befindet. Das stelle ich ihm gegenüber am Set klar. So laut und deutlich, dass es die gesamte Crew hört. Auch zweimal, wenn es sein muss. Seine Hände dürfen meine Arme und Schultern berühren, aber mehr nicht. Andernfalls können sie die Sexszenen direkt streichen. Mit meinem Anwalt habe ich bereits bei der Vertragsunterzeichnung darüber gesprochen. Er ist jederzeit bereit, einzuschreiten. Hoffentlich hat er die entsprechenden Schreiben inzwischen aufgesetzt – eines für Ivo und eines für die Produktionsfirma.

»Da wären wir.« Sanft bremst der Wagen im Hof des Hotels. Unterkunft. Herberge. Absteige. Loch.

›Dorfwirt‹ prangt in gelber Schreibschrift aus den Achtzigern über dem Hintereingang. ›Herzlich Willkommen.‹ Dass das W eigentlich kleingeschrieben wird, scheint der Ignoranz der Menschen geschuldet – überall steht es falsch. Und jedes Mal könnte ich mich darüber aufregen. Immerhin wurde mir eine Sauna zugesagt. Mehr Spa gibt es in Bergbach wohl nicht.

Ich danke der Fahrerin, kritzle meinen Namen auf ein Stück Papier und grinse für ein Selfie in ihre Handykamera. Während sie mein Gepäck auslädt, betrete ich das Gästehaus.

›Ausflugsziele rund um Bergbach‹ leuchtet mir von einem Folder entgegen. Warum nicht in Bergbach? Weil es hier nichts zu entdecken gibt. Bis auf eine halb verrostete Klingel auf dem Tresen der Rezeption, die zugleich die Bar des Restaurants darstellt. Dunkles Holz, großzügige Bänke an den Wänden, grüne Sitzkissen darauf, die so plattgesessen sind, dass sie keinen Komfort mehr bieten können. So muss es hier schon vor vierzig Jahren ausgesehen haben, und es hat sich offensichtlich nichts geändert. Auch das Frittieröl stinkt aus der Küche, als wäre es seit der Eröffnung nicht einmal gewechselt worden. Immerhin bieten sie hier Salate an.

Ich klingle, wünsche mir Desinfektionsmittel zur Hand und warte.

»Komme!«, dröhnt eine dunkle Stimme, die Schwingtür hinter der Bar fliegt auf, und ein großer Typ tritt heraus. »Tschuls Petschör, richtig? Tut mir leid, ich hab den Abfluss durchpumpen müssen, das Rohr war komplett verstopft.«

Seine Hand streckt sich in meine Richtung aus, und ich kotze innerlich bei der Vorstellung, sie schütteln zu müssen, nachdem er damit im Klo herumgefummelt hat. Stattdessen ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche, obwohl ich nicht weiß, was ich damit tun soll.

»Schüüül Peschööör«, sage ich und unterstreiche die weiche französische Betonung mit einer langsamen Handbewegung.

»Dominik.« Er wischt die Hände in das T-Shirt, und ich hoffe, dass er damit nicht mehr in der Küche arbeitet. »Du hast das größte Zimmer oben. Dritter Stock. Ohne Lift, Tschuldigung.« Von einem Haken im Regal neben den Spirituosen nimmt er einen Schlüssel. Der Anhänger ist groß und schwer, die Nummer darauf so abgegriffen wie die Etiketten auf den Flaschen und kaum als Zwölf zu entziffern.

»In fünfzehn Minuten sperrt die Küche auf. Was willst du essen?«

»Einen Salat«, quetsche ich hervor.

»Mit Hühnchen? Gebacken?«

»Nein. Nur Salat.«

»Grün ohne nichts?« Sein Blick zuckt über meinen Körper, bevor er sich wieder der Schwingtür zuwendet. »Ich koche dir was Anständiges.«

»Nicht nötig.« Seufzend nehme ich den Schlüssel zur Hand.

»Ach so!«, ruft er aus der Küche heraus. »Die Sauna ist kaputt. Wir reparieren sie Anfang nächster Woche.«

Ich hasse es hier!

»Kann man nichts machen«, antworte ich zähneknirschend. »Mein Gepäck wartet im Hof.«

»Dann wird es hoffentlich nicht nass, es schneit gleich wieder.«

Meint er das ernst? »Ich esse gern später.«

»Bis du dein Gepäck oben hast, ist es fertig. Kein Problem.«

Er meint es ernst. Ich soll Koffer und Taschen für einen gesamten Monat in den dritten Stock schleppen? Das darf er machen. Oder irgendjemand sonst. Ich trage garantiert nichts irgendwohin.

Ivorian

Das Essen war köstlich. Da ich nicht weiß, wie die Herberge aufgestellt ist, habe ich mir Sticks einpacken lassen, die auch kalt perfekt schmecken werden. Morgen beginnt meine Versorgung durch Fabian, bis dahin brauche ich Nahrung.

Vor dem Hotel, das wie eine Jugendherberge aussieht, parke ich den Wagen, steige aus und nehme mein Gepäck aus dem Kofferraum. Mein geliebter Seesack bietet immer den besten Stauraum für lange Reisen.

Die Luft ist klar, und der Himmel hat diese besondere Färbung. Bestimmt schneit es in den nächsten Stunden. Es ist lange her, dass ich Schnee gesehen habe. Vorfreude kribbelt durch meinen Bauch. Hoffentlich haben wir genug Pausen, damit ich mit dem Board ein paar Runden den Berg hinabfahren kann. Darauf hätte ich höllisch Bock!

Im Inneren des Hotels riecht es wie in einer Kiezkneipe. Abgestandenes Fett trifft auf Schweißgeruch. Hart schlucke ich meinen Ekel hinunter, der mir fast im Hals stecken bleibt. Hier sollen wir wohnen? Ich bin echt nicht versnobt, aber vier Wochen an diesem Ort zu sein, jagt mir ein unangenehmes Schaudern über den Rücken.

Die kleine Glocke auf dem Tisch erinnert mich an die Umbrella Academy. Ob gleich ein Monster-Wächter erscheint, wenn ich sie betätige?

»Guten Tag«, begrüßt mich der große Mann mit einem Lächeln. »Dominik. Willkommen im Dorfwirt.«

»Hi, Ivo von Arnsberg. Auf mich wurde ein Zimmer gebucht.«

»Genau. Die elf. Haben Sie Hunger?«

»Nein, aber danke. Ich bin versorgt und würde gern aufs Zimmer.«

Er nickt, reicht mir den Schlüssel, und ich fasse zu.

»Angenehmen Aufenthalt«, murmelt er, und ich bedanke mich.

Zum Glück habe ich gegessen. Hier würde ich keinen Bissen runterbekommen. Es riecht so abturnend nach altem Fett, dass ich hoffe, die Schwaden ziehen nicht bis in mein Zimmer. Wenn es richtig schlecht läuft, bekomme ich Herpes vor Ekel, und das wäre am Set mein Untergang. Um mich von dem Gedanken an keimige Fritteusen abzulenken, fokussiere ich mich auf das Treppenhaus, schultere den Seesack auf meine Lederjacke und steige die ersten Stufen hinauf.

Auf halbem Weg sehe ich ihn zum ersten Mal live vor mir. Jules, mit einem Gesichtsausdruck, der mir alles verrät. Er ist angepisst. Nicht nur ein bisschen, sondern massiv. Sein Blick bohrt sich durch mich hindurch, sein Grün funkelt, als würde er mir direkt an die Gurgel gehen, wenn ich nur ein falsches Wort zu ihm sage. Der Anblick des Terriers lässt mich viel zu breit lächeln, und ich kann absolut nichts gegen diese körperliche Reaktion tun, weshalb ich mich kurz räuspere und ihn weiter anstarre. Als ich endlich jedes Detail seines hübschen Gesichts in mir aufgenommen habe, fällt mir auf, dass ich noch immer starre. Es wird Zeit, Hallo zu sagen, bevor es merkwürdig zwischen uns wird. »Guten Tag, der Herr! Alles fit?«

Jules

»Hi«, zische ich und kann es nicht leiden, dass der Kollege die Treppen mit seinem Sack versperrt. Ich muss nur noch einmal runter, um die letzten Koffer zu holen, ich war im Flow, den er durchbricht. »Hoffentlich hast du ein Bügeleisen dabei, Weihnachtsmann.«

Mit diesem hat er zwar keinerlei Ähnlichkeit, doch im fahlen Licht des Flurs sehen seine blonden Haare nahezu weiß aus. Der Bauch fehlt, der Rauschebart ebenso. Und Gemütlichkeit strahlt er genauso wenig aus. Auf seinen Schoß setze ich mich nicht, um ihm einen Wunsch ins Ohr zu flüstern.

Was zum Fick?

»Du solltest was essen«, meint er gelassen. »Unten riecht es schon nach Schnitzel und Pommes.«

Das habe ich bereits wahrgenommen. Alles stinkt danach, ich wahrscheinlich auch schon. Bestimmt kann ich nicht einmal ein Fenster öffnen, um den muffigen Geruch aus dem Zimmer zu vertreiben. Durch Frittieröl will ich ihn nicht ersetzen, das ätzt mir am Ende noch die Nasenschleimhäute weg.

»Hier bringe ich keinen Bissen hinunter! Du musst auf meine Gesellschaft verzichten.«

»Ich weiß, wo es was Leckeres und Frisches gibt«, meint er, schiebt sich an mir vorbei und trabt die Stufen hinauf.

»Und wo?«, rufe ich hinterher.

»Du musst auf meine Gesellschaft verzichten!«, brüllt er herunter. »Ich habe bereits etwas gegessen.«

Fein. Dann hungere ich eben! Denn ich schließe aus, dass es in diesem Kaff auch nur einen Lieferservice gibt. Sobald alle Taschen oben sind, rufe ich meinen Anwalt, meinen Agenten und meine Produktionsfirma an. In dieser Reihenfolge, um sicherzustellen, die richtigen Formulierungen zu treffen und keinen Vertragsbruch vor Drehbeginn zu begehen. Vielleicht erfüllt der Weihnachtsmann ja Wunder und schließt sich meiner Beschwerde an.

Zum Frittieröl mischt sich auch noch der Geruch von Bier, als ich unten ankomme. Aus dem Gastraum dringen Stimmen. Kommen die Einheimischen wirklich hierher, um zu essen? Ich bin nicht an den Rand der Zivilisation zurückkatapultiert worden, sondern ins Off. Aus dem nicht einmal mehr meine Stimme dringt, weil ich dermaßen weit weg von jedem Mikrofon stehe, dass ich nicht länger gehört werde.

Ich höre meinen Agenten mich bereits ermahnen, Geduld zu zeigen. Immerhin soll es eine Riesenproduktion werden. Im winzigsten Dorf der Welt.

Was haben sich Ty Wilder und Leon Peers dabei gedacht?

Glück findet hier keiner, geschweige denn die Liebe. Diese geht bekanntlich durch den Magen, und eine anständige Mahlzeit findet man hier gleich noch viel weniger!

Ivorian

Das Zimmer ist sauber und stinkt nicht, das kommt unerwartet. Aber es ist kalt. Ich schmeiße den Seesack in die Ecke und gehe zum Heizkörper, um ihn aufzudrehen. Mein Atem ist wie eine Wolke sichtbar, und die Scheiben sind beschlagen.

Was soll die Scheiße?

Wenn wir krank werden, weil wir im Winter in einem Gefrierfach schlafen, zieht das einen riesigen Rattenschwanz nach sich. Da helfen auch keine Supplements, Sauna und Sport, wenn das hier die Voraussetzung für ein Zuhause auf Zeit ist. Der Schlüssel steckt noch in der Tür, und ich eile zurück auf den Flur.

»Jules!«, brülle ich, so laut ich kann, und gehe ihm entgegen, weil er nicht sofort antwortet.

Hastig trete ich auf die alten Holzstufen, die viel zu laut knarren. Das ist eine Bruchbude, und sicherlich geht die Sauna hier ebenfalls nicht, die uns versprochen wurde.

»Jules!«, rufe ich erneut und sehe, wie er die nächsten zwei Koffer von draußen in den Vorraum schleppt. Ich haste ihm entgegen und reiße einen Koffer aus seiner Hand.

»Was soll das? Gib mir mein Zeug zurück«, blafft er mich an.

»Ich helfe. Dann sind wir schneller wieder oben zur Krisensitzung.«

Ohne ihn weiter anzusehen, nehme ich zwei Stufen, bis wir unsere Etage erreichen. Er folgt, nicht so schnell wie ich, aber trotzdem zügig.

»Was ist dein fucking Problem?«, knurrt er.

Er hat ein freches Mundwerk. Ich bleibe abrupt auf dem Flur stehen, drehe mich zu ihm herum und trete näher an ihn heran. »Sprich vernünftig mit mir, kapiert?«

Sekunden vergehen, in denen wir uns anstarren. Zwinkern wäre jetzt wichtig, um meine Augen in dieser Kälte zu befeuchten, doch ich schaffe nicht mal das. Außerdem herrscht hier ein Kampf um Respekt, den ich nicht verlieren werde.

»Sprich!«

»Die Heizung funktioniert nicht. Das ist eine Gefriertruhe, und wenn wir hier schlafen, kannst du das Drehen im Außenbereich vergessen. Dann gibt es keine Erholung, außer wir zelten neben der Stinke-Fritteuse im Untergeschoss.«

»Keine Option«, sinniert er und wirkt tatsächlich nicht mehr wütend, sondern resigniert. »Sorry, ich wollte dich nicht anfahren. Dieser Ort hier stresst mich massiv, und ich habe Hunger.«

»Komm«, murmle ich und gehe voraus. In meinem Zimmer greife ich die Box aus dem Seesack, die ich obendrauf platziert habe, und reiche sie Jules. »Ist aus dem Restaurant hinten an der Straße. Ich habe vorhin dort gegessen und lebe noch. Dort war es sauber und echt lecker. Bitte. Gern geschehen.«

Jules öffnet die kleine Box, schaut hinein und nimmt sich einen Spieß mit Hühnchen, schiebt ihn sich in den Mund und stöhnt. Seine Lippen legen sich um das Essen, und ich schlucke, drehe mich von ihm weg und stampfe zum Fenster.

»Hier können wir nicht bleiben«, murmle ich, während die wunderschöne Landschaft meine Seele flutet. Der Ausblick ist großartig, doch er hilft nicht darüber hinweg, dass wir an diesem Ort krank werden.