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Weil ihr Glaube an die Liebe Berge versetzt …
Alexander
Er steht einfach vor mir. Der Mann, der mir vor Jahren mit einem Blick den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Damals bin ich nach einer einzigen Nacht gegangen, ohne meine Nummer zu hinterlassen, wie ich es immer tue. Jetzt braucht er nach einem Unwetter eine Bleibe, und meine Cabin mitten im Wald ist seine einzige Chance. Ich wollte nie wieder so fühlen. Nie wieder zulassen, dass mir jemand so gefährlich nah kommt. Aber Jonas ist mehr als eine Nacht. Er ist ein Sturm, der alles durcheinanderbringt. Ich weiß nicht, wie lange ich noch dieser unbändigen Anziehung standhalten kann. Denn wenn ich diesmal verschwinde, bleibt nichts mehr von mir übrig.
Jonas
Meine erste Pfarrstelle sollte ein gelungener Berufsstart sein. Stattdessen lande ich in einem Pfarrhaus mit riesigem Loch in der Wand – und danach notgedrungen mit Alexander in einer Waldhütte. Er hat mich damals einfach stehen lassen. Jetzt sitzen wir in dieser Hütte fest, und alles, was ich für ihn gefühlt habe, ist sofort wieder da. Nur diesmal werde ich ihn nicht gehen lassen. Ich bin nicht mehr der junge Student von damals. Ich will ihn. Mit allem, was dazugehört. Aber die eigentliche Frage ist: Ist Alexander bereit, mir dieses Mal sein Herz zu schenken?
"My Cabin under the Sight Sky" ist eine humorvolle & prickelnde MM RomCom. In jedem Band der Cabin Love Reihe findet ein anderes Paar sein Glück. Alle Bände der Cabin Love Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
CABIN-LOVE-REIHE
BUCH VIER
Verlag:
Zeilenfluss
Werinherstr. 3
81541 München
Deutschland
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Texte: Ela Bloom & Maya Pinsel
Buchsatz: Ela Bloom & Maya Pinsel
Lektorat & Korrektorat: Lillith Korn
Illustration: Alin Kaya
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Alle Rechte vorbehalten.
Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© 2025 Zeilenfluss Verlag, Auflage 2
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ISBN: 978-3-96714-682-0
Playlist
Vorwort
Content Notes
1. Bergbach-Liebe
2. Kirchen-Dilemma
3. Wald-Annäherung
4. Hütten-Chaos
5. Ohr-Verkehr
6. Sturm-Gedanken
7. Musik-Gefühl
8. Stall-Wärme
9. Morgen-Sport
10. Dorf-Knistern
11. Wunsch-Kuss
12. Schwanz-Beherrschung
13. Emotions-Zwiespalt
14. Vergangenheits-Kampf
15. Berührungs-Sucht
16. Beständigkeits-Rausch
17. Freiheits-Leben
18. Gottes-Werk
Epilog
Weiterlesen?
Ela Bloom
Maya Pinsel
Danksagung
Über den Verlag
Jonas‘ Ofenkartoffeln
Don’t Stop Me Now – Queen
Up Where We Belong – Joe Cocker, Jennifer Warnes
Der Mann Mit Dem Koks – Falco
Tekkno Train – Electric Callboy
New Slang – The Shins
I Still Haven’t Found What I’m Looking For – U2
Dancing In the Dark – Bruce Springsteen
Got My Mind Set on You – George Harrison
Rhythm Of Love – Yes
5 Meter Mauern – Fritz Speck
Love – John Lennon
Sky and Sand – Paul Kalkbrenner, Fritz Kalkbrenner
Die Playlist ist gekürzt. In voller Länge auf Spotify hören.
Willkommen zurück in Bergbach!
Oder begrüßen wir dich zum ersten Mal in unserem fiktiven Dorf, in dem sich Männer ineinander verlieben?
Wenn du die vorigen Bände schon gelesen hast, dann weißt du, dass wir riesigen Spaß daran haben, Dinge zu verbinden – aber keine Sorge, du kannst dieses Buch auch ganz ohne Vorwissen genießen. Unsere Reihe besteht aus in sich abgeschlossenen Bänden und du kannst sie einzeln lesen. Dennoch greifen die Geschichten an manchen Stellen ineinander und ergeben am Ende ein großes Ganzes.
In »My Cabin under the Sight Sky« erwarten dich sowohl bereits bekannte als auch neue Protagonisten und Charaktere, Humor, Spice und ein Sturm an Gefühlen.
Mach es dir gern gemütlich, stell dir deinen Lieblingssnack und eine Tasse Tee bereit und tauche in eine neue, cozy Cabin-Love-Geschichte ein. Sie wird, wie Band 1 bis 3, auf ihre ganz eigene Art und Weise dein Herz erobern.
Falls du zwischendurch lachst oder den Atem anhältst, wissen wir, was du gerade fühlst. Wir sind die ganze Zeit mit dabei.
Viel Spaß beim Lesen!
Ela & Maya
Falls dich gewisse Szenarien triggern, lies dir bitte die in diesem Buch thematisierten Content Notes (alphabetische Reihenfolge) durch.
Dir fehlt etwas in der Liste? Wenn wir etwas übersehen
haben, dann teile es uns sehr gern mit:
Für alle, die darauf vertrauen,
dass der Glaube an die Liebe Berge versetzt.
Jonas
Spätestens in zwei Jahren fällt mein Auto auseinander wie ein alter Papierflieger, der in einem Sturm zerfetzt wurde. Sobald ich etwas Geld gespart habe, kaufe ich mir einen neuen Volvo. Erschöpft schlage ich die rostige Tür zu und atme tief durch. Dieses Bergbach ist grüner, als ich erwartet habe. Und es ist kleiner. Hoffentlich bekomme ich die Ruhe, die ich dringend brauche. Ein Fenster des Pfarrhauses wird aufgerissen und eine Frau steckt ihren Kopf heraus. Sie muss wohl meine neue Mitbewohnerin sein.
»Herr Bendl?«
»Genau der! Frau Hüttinger?«, frage ich und lächle sanft. Meinen Groll auf den Wagen werde ich nicht an ihr auslassen. Allgemein sollte mein Ankommen positiv besetzt sein, da ich einen guten ersten Eindruck hinterlassen will.
»Genau die. Hereinspaziert in die gute Stube – oder wohl eher Mehrgenerationen-WG. Sind Sie Raucher?«
Die Frage ist forsch und entlockt mir ein Schmunzeln. Ich schüttle den Kopf, greife meine braune Umhängetasche, ziehe sie fest an meinen Körper und gehe zum Kofferraum, um die ersten Sachen mit ins Haus zu nehmen. Laufen werde ich in diesem verschlafenen Ort noch genug, aber zuerst sage ich ihr vernünftig guten Tag.
Die Klinke lässt sich schwer drücken und die Holztür knarzt. Wahrscheinlich wird es im Inneren ähnlich sein. Altes und abgenutztes Mobiliar, modrige Gerüche und Bibeln, bis das Auge Amen blinzelt.
Ein Schaben, ein tiefer Atemzug und ich trete ein.
»Wir haben keine Zeit mehr. Das Ankommen in unserer WG müssen wir verschieben. Die Toilette ist hinten rechts am Ende des Flures. Ich habe sie gerade geputzt, falls Sie sie nach der langen Fahrt benutzen möchten. Danach müssen wir zum Fest. Unser geliebter Pfarrer wird verabschiedet und die Bergbacher wollen Sie kennenlernen und begrüßen. Erste Amtshandlung: Bergbacher Moped-Treffen.«
Überfordert verarbeite ich alles Gesagte. Ich hatte keine Ahnung, was heute noch auf mich zukommen wird. Meine erste Ordination und der Start findet auf einem Dorffest mit Mopeds samt Bier statt?
»Alles klar!«, flüstere ich und nicke ihr verhalten zu.
»Aufgeregt?«
»Ja!«, antworte ich ehrlich.
»Ich bin Rita.«
»Hallo, Rita, Jonas.«
Sie reicht mir die Hand, ich greife zu. Es ist sympathisch, dass sie mir als Ältere von uns das Du anbietet. Immerhin werden wir einige Momente miteinander verbringen. »Auf ein gutes Zusammenwohnen!«
»Auf eine gute Zeit«, antwortet sie und schaut mich lächelnd und mit wachen, ehrlichen Augen an. Augenblicklich entspanne ich mich.
»Los jetzt, Jonas! Wir sind fünf Minuten zu spät«, ruft sie so laut, dass ich zusammenfahre. Die Dame hat Temperament, das steht außer Frage.
»Ich brauche zwei Minuten.« Ein Blick auf die große Holztreppe genügt, um den Flair dieses Hauses zu verstehen. Hastig gehe ich den Flur entlang und öffne die Tür zum Bad. Grüne Kacheln zeigen längst vergangene Zeiten und ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht, während ich das Wasser in meine Hände laufen lasse, um es mir ins Gesicht zu spritzen.
»Auf in ein neues Leben«, flüstere ich mir im Spiegel zu.
»Minus zehn!«, ruft Rita neckend, während ich zu neuem Leben erwache.
Und los!
Alexander
Die menschliche Gefühlswelt gleicht einem Mischpult. Sobald ich einen Regler verschiebe, verändert sich alles. Plötzlich wird der Bass zu heftig, der Beat zu hell oder die Tonlage zu hoch. Dann bedarf es Fingerspitzengefühl und eines guten Gehörs, um alles auszugleichen. Dadurch kann das Publikum aber die Lust verlieren. Als hätte man die falschen Worte verwendet, die Betonung verkackt oder die Stimmlage verändert. Musik ist Emotion und so drücke ich meine aus. Am Mischpult spiele ich mit den Gefühlen der Tanzenden, bringe ihre Herzen zum Beben, ihre Gesichter zum Strahlen. Bis auf eines. Ein entzückendes, das ich gern lächeln sehen würde. Oder verschwitzt unter mir. Ich grinse ihn an, aber er ignoriert mich, zeigt keine Regung, nicht einmal ein Fuß tappt im Takt mit. Dabei spiele ich gerade Don’t Stop Me Now von Queen, das Gute-Laune-mitwipp-Lied überhaupt. Nicht nur für ihn, sondern für das versammelte Dorf, um Stimmung auf den Platz zu bekommen. Schon schwingt Sibylle ihre Hüften auf dem Weg zum Kiosk, wo sie Getränkenachschub für die Mädels holt.
Na, dann versuchen wir es eben auf die Schnulzen-Tour: Ich weiß genau, wann ich welchen Takt vermische, die Beats treffen auf neue, verschmelzen kurzfristig zu ein und demselben Lied und gleiten dann sanft zu Joe Cocker und Jennifer Warnes mit Up Where We Belong hinüber.
Er sieht kurz auf.
Hab ich dich!
Mein Puls schlägt zum Bass, beschleunigt sich mit jedem Takt, den ich länger in seine Augen blicke. Das dunkle Braun erinnert mich an jemanden. Und an Papas Orgel, deren Klänge meine Kindheit geprägt haben.
Bevor ich mich in der Erinnerung an Diskussionen über Himmel und Erde verliere, nehme ich einen Kopfhörer ab und lausche dem Publikum. Je intensiver die Gespräche sind, desto weniger achten sie auf die Musik. Einer unter ihnen achtet auf gar nichts – kopflos hält er auf mich zu, nimmt nicht einmal die Grüße aus allen Richtungen wahr.
»Kilian!«, rufe ich, bevor er das DJ-Pult umreißt. Da dreht er ab und rennt zu seiner Nichte. Soll mir recht sein, wann auch immer er bereit dafür ist, den Antrag zu machen. Derweil konzentriere ich mich auf Mr. Braunauge.
Komm her, heißer Typ, ich will dir ins Ohr flüstern, was wir heute noch in meiner Cabin anstellen könnten.
Er befeuchtet die Lippen, nippt an seinem Glas und setzt einen Fuß nach vorn. In mir kribbelt es, ich stelle den nächsten Song hinten an, wähle einen eindringlicheren. Wenn er bereit ist, lässt er sich in meine Auswahl fallen wie in meine Arme. Dann verführe ich ihn mit Melodien und liebkose ihn mit Lyrics.
Doch er macht das mit mir, was ich der Songauswahl angetan habe: Er stellt mich hinten an. Seine Aufmerksamkeit gilt nicht länger mir, sondern unserem Bürgermeister an einem der hinteren Biertische. Schon sitzt er bei ihm, mit dem Rücken zu mir.
Legt er es darauf an? Provoziert er mich, bis ich den Abstand verringere?
Was machst du hier in Bergbach? Und stehst du überhaupt noch auf Männer oder willst du mal wieder ausprobieren, wie es sich mit mir anfühlt?
Jonas
Bürgermeister Franz ist freundlich, lächelt immer wieder in mein Gesicht, als würde er sich wirklich freuen, dass ich ab heute für die kleine Gemeinde zuständig bin. Verhalten lächle ich zurück, lausche seinen Worten und nehme im Hintergrund den durchdachten Mix wahr, der von dem blauhaarigen DJ gespielt wird. Richtig angesehen habe ich mir die vielen Menschen nicht, doch die bunten Haare sind mir ins Auge gestochen. Anstarren wollte ich ihn keinesfalls, weshalb mein Blick an allen Anwesenden nur ein paar Sekunden haftet.
»Jonas, da bist du ja!« Rita schwingt sich mit zwei duftenden Waffeln zu uns und schiebt mir den Pappteller entgegen.
»Danke. Ich liebe Waffeln.«
»Und wo ist meine?«, fragt Bürgermeister Franz, doch Rita zuckt mit den Schultern.
»Du bist hier das Oberhaupt. Hol dir selbst eine.«
»Und er ist mein geistliches Gegenstück«, antwortet er ihr kess und grinst mich an.
»Jonas ist neu und steht unter meinem Schutz.«
Ich mag diese Frau, es wird sicher ein Leichtes sein, mit ihr zusammenzuwohnen.
Genüsslich beiße ich in die Waffeln, der Staub des Puderzuckers kitzelt in meiner Nase und ich niese. Meine Blase drückt von dem eiskalten Wasser und dem Kaffee, den Rita mir vorhin gebracht hat. »Bin gleich zurück«, murmle ich. Eilig stehe ich auf und steuere den Toilettenwagen an.
In der Kabine durchflutet mich Erleichterung. Sicherlich ist die Aufregung daran schuld. Ich spüle, trete zurück hinaus in den Wagen und bleibe vor dem kleinen Waschbecken mit Minispiegel stehen.
»Großartig!«, flüstere ich meinem Spiegelbild zu und höre, dass sich die Toilettentür öffnet. Der blauhaarige DJ stellt sich neben mich und ich wasche mir zügig die Hände, rubble über meine Nase und verschmiere den Puderzucker nur noch mehr.
»Heftige Uhrzeit für Koks«, meint er und lacht. »Ich sollte Falco auflegen.«
Um Himmels willen, das glaubt er doch nicht wirklich, oder? »Puderzucker von der Waffel.«
»Hey, ich mache dir keine Vorwürfe, aber selbst rühre ich das Zeug nicht an. Verwischt nur die Musik.«
Er glaubt es wirklich! »Ich bin der neue Pfarrer des Ortes.« Vielleicht bringt mir dieser Satz Reputation.
Er wendet sich mir zu und ich schaue in seine grün-grauen Augen. Blitze aus vergangen Zeiten schlagen in meine Gedanken ein und ich erinnere mich.
O mein Gott, o mein Gott, o mein Gott.
Diese Augen, dieses Lächeln. Längst vergessene Emotionen ringen sich in mir empor, die mich schwindelig machen. Das habe ich lange nicht mehr gespürt. Nicht mehr seit ihm und nicht mehr seit David. Übermannt greife ich den Rand des Waschbeckens, um mich daran festzuhalten, da mein Bauch flattert und mein Herz viel zu fest schlägt.
Erkennt er mich auch? Sieht er uns gerade in der Erinnerung nackt in einem Studentenbett liegen?
»Alex?«, hauche ich seinen Namen und hoffe, ich klinge nicht zu sehr, wie ich mich fühle. Verloren und völlig überfordert.
»DJ Love Shack, ich bin im Dienst!«, raunt er und grinst so breit, dass mir sein Gesichtsausdruck tief in den Bauch fährt. Am liebsten möchte ich an Ort und Stelle ohnmächtig werden.
Alexander
Entweder kokst er wirklich oder er ist vollkommen lost. Wie ich beim Blick in seine Augen. Ich habe gehofft, dass er mich nicht mehr kennt, uns vergessen hat. Von Weitem sah er wie ein süßer Flirt aus und ich war mir nicht sicher, doch jetzt rauscht das Braun seiner Augen durch mich hindurch. Auf keinen Fall gleicht es einer Orgel, die schweigsam in der Kirche verharrt, bis die richtigen Tasten gedrückt werden, um sie zum Schwingen zu bringen. Scheiße, er ist wie eine Orgel! Weil sein Augenpaar eines der wenigen ist, in das ich tiefer geschaut habe. Vielleicht war es nur eine Nacht, aber dafür eine, die nicht wie die anderen war. Er blieb mir im Gedächtnis. Und jetzt steht Jonas vor mir und erklärt mir, als Bergbachs neuer Pfarrer – was zur Hölle? –, er hätte kein Drogenproblem. Zumindest würde es seinen bleichen Gesichtsausdruck erklären.
Nicht aber das Grinsen auf meinen Lippen. Er zieht vielleicht Lines, dafür gleiche ich einem bekifften Twen. Ich räuspere mich, zupfe ein Papierhandtuch aus dem Spender und trockne auf dem Weg nach draußen meine Finger damit.
»Arbeit ruft«, entschuldige ich mich über die Schulter, ohne ihn noch einmal anzusehen. Er war ein One-Night-Stand während des Studiums. Ich fand es geil, einen Theologen abzuschleppen, weil ich der Meinung gewesen war, sie wären langweilig im Bett. Jonas hingegen pfiff wie die Orgel in allen Tönen.
Tief durchatmend versenke ich das Papier in einem der Mülleimer und eile zum Pult zurück. Franz winkt mir von seinem Tisch aus zu. Das Zeichen ist eindeutig, er wird gleich den neuen Pfarrer vorstellen. Ob ich unserem Bürgermeister einen Hinweis geben sollte, dass Jonas zum Einstand eine Selbsthilfegruppe gründen könnte?
Er war ein One-Night-Stand, vergiss es!
Warum denke ich dann über ihn nach, während ich die Datenbank nach Falco durchsuche? Irgendwo habe ich einmal einen abartig geilen Remix von dem Song gefunden, doch dieser würde die Stimmung der Partygesellschaft sprengen. Lieber das Original. Schon schallt Mutter, der Mann mit dem Koks ist da über die Festwiese.
Als Jonas aus dem Toilettenwagen tritt, wirft er mir einen Blick zu, der aussagt, worauf ich mich konzentrieren sollte: »Die Nacht damals war einmalig.«
Gut so! Somit laufe ich nicht Gefahr, mich in Erinnerungen zu verstricken. Immerhin habe ich genug Erfahrungen gesammelt. Richtig gute Erfahrungen, einzigartige. Wie das eine Mal mit Jonas.
»Alex?«
Auffordernd hält mir Franz seine Hand hin. Zuerst blicke ich darauf, dann in das Gesicht des Bürgermeisters hoch und schlage mir innerlich auf die Stirn.
Er benötigt das Mikrofon.
Neben ihm warten Pfarrer Szabó und Flo. In Flos Hand erkenne ich die Ehrenmedaille, die Franz anlässlich der Emeritierung des Altpfarrers gesponsert hat. Das bringt mich zum Lächeln. Szabó hat mich getauft, konfirmiert und ich bin immer der Meinung gewesen, er würde mich irgendwann beerdigen.
Jonas
Wann tut sich das Loch auf, in dem ich versinken kann? Obwohl! Was erwartet mich dann dort unten? Nein, lieber doch nicht. Ich muss mich dieser Peinlichkeit stellen. Diesem Lied! Warum macht er das? Will er mich demütigen?
Mit einem Tomaten-Gesichts-Gefühl sehe ich den Bürgermeister bei Alex und verschwinde in die Unsichtbarkeit der Menge.
»Unser Pfarrer Szabó, der beste auf dem Planeten«, ruft ein Junge ins Mikrofon und die Menge applaudiert. »Wir danken Ihnen für alles, was Sie für unseren Ort getan haben, für unsere Gemeinde. Ohne Ihre offene Art, ihr Verständnis für uns alle, wäre Bergbach nicht, was es ist. Ein guter Ort, um aufzuwachsen, und ein guter Ort, um dort zu leben und zu sterben.«
»Danke, mein Sohn«, antwortet er und ich schaue ihn mir genauer an. Zum Reden sind wir live noch gar nicht gekommen, aber er strahlt eine Ruhe und Erfahrung aus, die mich lächeln lässt. Es ist schön, zu hören, dass junge Menschen so herzwarme Worte für einen Pfarrer übrig haben. Hoffentlich empfangen sie mich ähnlich, auch wenn ich weiß, dass der Prozess des Vertrauens ein wirklich herausfordernder und manchmal ein langwieriger Weg ist. Immerhin sind wir alle Menschen mit Emotionen und Schicksalen. Meine Gedanken wirbeln und ich spüre, dass die Konzentration nachlässt. Die Augen unter einem blau gefärbten Schopf sehen immer wieder zu mir, was mich völlig aus der Fassung bringt. Ob er mich wirklich nicht mehr kennt?
Mit halbem Ohr folge ich der Rede, sehe, wie die Medaille im Licht funkelt, und bekomme gleich Ohrenschmerzen vom Applaus, der wie ein Sturm über den Platz fegt. Wenn diese Veranstaltung vorbei ist, gönne ich mir einen Roman und lege die Füße hoch.
»Wir hoffen, unser neuer Pfarrer fühlt sich bald in unserer Mitte wohl. Herzlich willkommen, Pfarrer Jonas Bendl!« Wer? Ich? Meint er mich? »Pfarrer Bendl?«
Mein Mund ist voller Spucke, der Puls rast und mir wird die zweite Aufgabe auf den Tisch gepackt, statt einer wohlverdienten Pause. Meine Füße fühlen sich bleischwer an.
»Das sind alles liebe Schäfchen«, flüstere ich mir so leise es geht zu und nehme die mentale Motivation mit in die Richtung, aus der mich Franz zu sich gerufen hat. Wenn sich einer wie ein Schäfchen fühlt, dann ich. Doch alles, was ich sehe, ist das plüschig-blaue Wollschaf, das mir auf meinen Gedankenwolken herumtanzt, damit alle logischen Assoziationen zu meinem Job und meiner Rolle als Pfarrer wie ein Emotionsregen aus meinem Kopf gespült werden. Ich bin gerade nur der Mann, der gleich seinem One-Night-Stand gegenübersteht. Hoffentlich spielt er nicht wieder ein Lied, das mich weiter mental regnen lässt, bis nur noch eine Pfütze von mir übrig ist.
Alexander
Jetzt tut er mir fast leid. Fast. Sobald die Drogen wirken …
Alex!, mahne ich mich selbst. Der arme Mann ist neu im Ort und übernimmt eine Position, die Verantwortung mit sich bringt. Natürlich ist er nervös. Ich wäre es nicht. Unbekannte Gefilde zu beschreiten, gehört zu meinem Job und zu meinem Hobby.
Als Jonas hinter Franz und Pfarrer Szabó auf die Bühne steigt, würde ich gern einen Motivationssong auflegen. Aber mein Pult schweigt, ich werde Jonas nachher mit Fanfaren von der Bühne schicken. Kilian tänzelt ebenfalls in meiner Nähe herum, der darf als Nächster hinauf. Somit verlängert sich meine Pause, in der ich eine rauchen kann. Dem Job geschuldet, zünde ich mir gelegentlich eine an. Sie hält meinen Fokus, wenn Energydrinks nicht mehr wirken. Und in letzter Zeit vertrage ich davon nur noch einen, bevor ich Herzrasen bekomme. Mama meint, ich werde alt und sollte langsam an meine Gesundheit denken.
Achtunddreißig ist doch kein Alter, oder?
Mir bleiben mindestens zehn Jahre, bis ich wirklich zum alten Eisen zähle. Das rede ich mir schon seit Längerem ein, denn die Morgen werden zäher. Wahrscheinlich bin ich eingerostet, ich trainiere zu wenig und hatte noch weniger Sex.
Darum bin ich so fixiert auf Jonas!
Pfarrer Sexy, Sie haben mich soeben erleuchtet.
Im Gegensatz zu meiner Epiphanie wirkt Jonas’ Rede wie vor dem Spiegel geprobt. Nicht erzwungen, allerdings auch nicht frei gesprochen. Das Dorf heißt ihn trotzdem herzlich willkommen, doch der erste Eindruck zählt und der wirkt um so vieles steifer als Alt-Pfarrer Szabós. Ich hoffe für ihn, dass er zum Gottesdienst lockerer wird.
Entspannung täte auch Kilian gut, der ein nervliches Wrack ist, als er das Mikrofon übernimmt. Ich drehe die Lautstärke höher, weil man ihn kaum versteht. Im Vorfeld hat er mir gebeichtet, dass Ansprachen nicht sein Ding sind, er den Moment allerdings nutzen will. Für seinen Mattis.
Die beiden geben ein richtig heißes Paar ab. Wären Mattis und ich nicht befreundet, hätte ich mich zu einem Dreier mit ihnen eingeladen.
Mit diesem Gedanken im Kopf und dem letzten Zug von der Zigarette lasse ich meinen Blick über die Anwesenden schweifen. Wenn das Dorf Kilians Schwäche in die Arme schließt, werden sie Jonas ebenso Zeit einräumen. Sie sind offen, sie sind liebenswert, jeder Mensch wird bei uns willkommen geheißen. Selbst der DJ mit dem blaugefärbten Haar, der mit achtunddreißig Jahren zum ersten Mal in ein eigenes Heim zieht.
Jonas
Ich weiß es, sie werden ihren Pfarrer vermissen. Und es wird schwer, mich zu beweisen. Beim Blick in die Augen der Menschen sehe ich es so klar, dass es ein bisschen schmerzt. Sie brauchen ihre Zeit, um Abschied zu nehmen. Auch wenn er nicht gestorben ist, stirbt trotzdem etwas in der Gemeinde und wird durch mich wiedergeboren. Meine Gedanken machen mir etwas Druck, weshalb ich akzeptiere, dass ich erschöpft und emotional verloren bin. Nähe und Distanz sind wichtige Grundlagen meiner Arbeit, die ich sofort umsetzen werde – ich flüchte. Nicht vor den Menschen Bergbachs, sondern von dem Blau, was sich wie eine starke Farbe auf mein Gemüt legt und alte Erinnerungen zur Musik tanzen lässt. Eine Traube Menschen steht vor Pfarrer Szabó, die perfekte Gelegenheit, mich zu verkrümeln, um in Ruhe anzukommen. Aus der Menge ziehe ich Rita behutsam hervor, beuge mich zu ihr und flüstere: »Ich gehe zum Haus. Auspacken.«
Verständnisvoll nickt sie mir zu, klopft mir einmal auf die Schulter und ich weiß umso mehr, dass sie eine empathische Frau ist. Schnell eile ich los, werde von den Menschen gemustert, die meinen Weg kreuzen. Freundlich lächle ich jedem einzelnen zu. Angesprochen werde ich nicht, was mich gerade wirklich erleichtert.
Mit Abstand zum Fest werde ich langsamer, schlendere durch die Straßen, sehe mich um und verstehe, dass ich mich verlaufen habe. Der Weg wird schmaler, ich gehe ihn trotzdem weiter, weil ich wissen möchte, was sich am Ende befindet und warum ich hierhergeführt wurde. Schritt für Schritt stapfe ich durch den Wald, genieße die Schönheit des Ortes, komme immer mehr zur Ruhe. Das könnte ein Fleckchen werden, an dem ich entspannen werde. Und da ist er, ein Waldsee, in einer Schönheit, die ich lange nicht gesehen habe.
Am Horizont erstrecken sich die Berge, vor meinen Füßen glänzt das Wasser in der Nachmittagssonne. Hier könnte ich mich nach einem Arbeitstag ans Ufer setzen, meine Boote falten und sie zu Wasser lassen, während meine Gedanken mit ihnen über die Oberfläche gleiten. Hier könnte ich ein erstes Gefühl von Zuhause in mich fließen lassen. Hier habe ich auch den ersten Gedanken an blaugefärbte Haare und Alex, der oberkörperfrei im Wasser steht und mich anlächelt. Hier ermahne ich meinen Geist zur Ruhe und Ordnung.
Was ist nur mit mir los? Alles ist durcheinander und ich muss mich schleunigst mit meiner Rolle und meiner Vergangenheit auseinandersetzen. Angestrengt sinke ich auf die Knie, lege meine Tasche ab und hole ein Blatt Origami-Papier aus der Hülle. Meine Finger wissen, was sie zu tun haben, ich falte die ersten Linien, streiche über die Brüche und ziehe mit den Fingerspitzen die Kanten nach. Es ist ein perfektes Schiffchen und ich setze es behutsam auf die Wasseroberfläche.
»In jeder Schiffsreise steckt der Zauber des Abenteuers«, flüstere ich und warte, dass sich das Gefühl des unbefleckten Neuanfangs in mir einstellt, doch dann sehe ich, dass ich ein blaues Papier gewählt habe. Grinsend schaue ich dem Boot hinterher.
»Neuanfang mit Blaupause«, murmle ich und lache so laut, dass ein paar Frösche erschrocken ins Wasser springen.
Alexander
Mein Schädel brummt, ich kann die Augen kaum offen halten, jeder Ton ist zu laut, jedes Lächeln verlangt mir alles ab. Trotzdem wanke ich auf die Kirche zu wie an jenen Sonntagen, die ich in Bergbach verbringe. Egal, wie lange ich gestern in München aufgelegt habe – eigentlich bis heute Morgen um fünf. Danach bin ich heimgefahren. Ich. Nach Hause. An einem Sonntagmorgen. Anstatt den Tag mit einem Quickie in der Hauptstadt zu beginnen.
Geduscht habe ich mich, ein Frühstück hinuntergewürgt, frische Klamotten angezogen. Trotzdem vermute ich, zu stinken, und möchte nicht so viele Hände zur Begrüßung schütteln. Schon gar nicht Jonas’, der an der Pforte Smalltalk führt, seine Schäfchen begrüßt und lächelt.
»Hey«, nuschle ich und will an ihm vorbeitreten, ohne Augenkontakt herzustellen. Da knallt eine Hand auf meine Schulter und ich zucke zusammen.
Erwischt!
»Wer feiert, kann auch anständig grüßen«, meint Franz.
Ich blicke kurz in das Gesicht unseres Bürgermeisters. Stefanie, Flo und die Zwillingsmädchen hat er mit im Gepäck. Dem Gesichtsausdruck des Teenagers nach wäre er lieber im Bett geblieben. Doch als Sohn des Oberhaupts muss er sich manchen Verpflichtungen stellen. Vielleicht erzähle ich ihm später, dass ich meine Kindheit in dieser Kirche verbracht habe, um dem Orgelspiel meines Vaters zu lauschen. Alles, was er mir dadurch beigebracht hat, ist musikalisches Verständnis. Zu Gott hat es mich nie hingezogen. Die Gemeinschaft aber feiere ich bis heute. Vielleicht bildet sie meinen Glauben: Zusammenhalt unter einem Dach, unabhängig davon, ob man den Erlöser oder das Universum als höchste Macht ansieht.
Flos Gesicht nach zu urteilen, glaubt er ausschließlich an die Kraft des Schlafs. Das bringt mich zum Schmunzeln. Außerdem erinnern mich die Kids daran, ein Vorbild zu sein.
»Wunderschönen Sonntagmorgen«, sage ich so blasiert zu Jonas, dass ich mir selbst nicht glaube und Flo hinter mir gluckst. »Ich freue mich ausgesprochen auf deinen ersten Gottesdienst und wünsche dir alles Gute dafür.«
Er schaut mich an, als wäre ich wie ein Dämon direkt vor ihm aus der Hölle gestiegen, um ihn zu Luzifer zu entführen.
Pass nur auf, Pfarrer Sexy, ich bereite dir das Fegefeuer deines Lebens, wenn du danach verlangst.
Jonas
Darf ich mir als Pfarrer wünschen, dass er nach Hause geht? Verschwindet? Oder sich wenigstens in die hinteren Reihen setzt, damit ich ihn nicht sehe?
