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Wer gehörte zum innersten Kreis um Hitler? Welche Funktion erfüllte dieser Hofstaat? Und wie beeinflusste er das Geschichtsbild nach 1945? Auf der Grundlage bisher unbekannter Quellen erforscht Heike Görtemaker Hitlers privates Umfeld und zeigt, wie sein Kreis ihn zu dem machte, der er war. Ihr Buch rückt bis in die nächste Nähe zu Hitler vor und ist zugleich eine brillante Dekonstruktion des Führermythos.
"Wenn Sie abziehen, was Politik an ihm ist, bleibt wenig oder nichts", urteilte Ian Kershaw über Hitler, und Joachim Fest behauptete: "Ein Privatleben hatte er nicht." Für Alan Bullock war der "Führer" ein "Entwurzelter ohne Heim und Familie". Doch damit gingen seine Biographen der Selbstinszenierung Hitlers auf den Leim. Sein innerer Kreis, die Berghof-Gesellschaft, war sein privater Rückzugsraum. Doch der Hofstaat war mehr als das. Er gab Hitler erst den nötigen Rückhalt, um die Rolle des "Führers" überhaupt ausfüllen zu können. Er produzierte Vertrauensleute, die Hitler politisch nutzen konnte. Und er stellte eine verschworene Gemeinschaft dar, deren kleinster gemeinsamer Nenner im Antisemitismus bestand.
Heike Görtemaker leistet in diesem Buch Pionierarbeit: Sie erschließt zahlreiche bisher unbekannte Quellen, stellt neue Fragen an das alte Material und erforscht erstmals auch den "Kreis ohne Führer", die Vernetzung des inneren Zirkels nach 1945.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Heike B. Görtemaker
Hitlers Hofstaat
Der innere Kreis im Dritten Reich und danach
C.H.Beck
«Wenn Sie abziehen, was Politik an ihm ist, bleibt wenig oder nichts», urteilte Ian Kershaw über Hitler, und Joachim Fest behauptete: «Ein Privatleben hatte er nicht.» Für Alan Bullock war der «Führer» ein «Entwurzelter ohne Heim und Familie». Doch damit gingen seine Biographen der Selbstinszenierung Hitlers auf den Leim. Hitler war kein einsamer, unnahbarer Diktator. Seit seinem Aufstieg in der NSDAP scharte er einen loyalen Kreis um sich, der nach der nationalsozialistischen Machtübernahme die Züge eines regelrechten Hofstaats annahm. Sein innerster Kreis, die Berghof-Gesellschaft, war sein privater Rückzugsraum. Doch der Hofstaat war mehr als das. Er gab Hitler erst den nötigen Rückhalt, um die Rolle des «Führers» überhaupt ausfüllen zu können. Er produzierte Vertrauensleute, die Hitler politisch nutzen konnte. Und er stellte eine verschworene Gemeinschaft dar, deren kleinster gemeinsamer Nenner im Antisemitismus bestand. Auf der Grundlage bisher unbekannter Quellen erforscht Heike B. Görtemaker Hitlers privates Umfeld und zeigt, wie sein Kreis ihn zu dem machte, der er war. Ihr Buch rückt bis in die nächste Nähe zu Hitler vor und ist zugleich eine brillante Dekonstruktion des Führermythos. Dabei erforscht Görtemaker erstmals auch den «Kreis ohne Führer», das Weiterleben des inneren Zirkels nach 1945.
Heike B. Görtemaker ist Historikerin und Publizistin. Bei C. H.Beck ist von ihr erschienen: «Ein deutsches Leben. Die Geschichte der Margret Boveri» (2005) sowie der Bestseller «Eva Braun. Leben mit Hitler» (2010).
Einleitung
Erster Teil: Hitlers Kreis
1.: Untergang und Flucht
Im Bunker der Reichskanzlei
Absetzbewegungen und Verrat
Zufluchtsort Berghof
Ende in Berlin
2.: Die Formierung des Kreises
Die Münchner Clique
Ernst Röhm
Hermann Esser und Dietrich Eckart
Alfred Rosenberg
Leibwächter
«Kampfzeit»
Hermann Göring und Wilhelm Brückner
Vorbild Mussolini
Ernst Hanfstaengl
Heinrich Hoffmann
«Stoßtrupp Hitler»
Bayreuth
Putsch
Landsberg
Neuorientierung
Wiedergründung der NSDAP
Joseph Goebbels
3.: Machtübernahme
Aufstieg
Unsicherheit und Beklemmungen
Geli Raubal: Romanze mit dem Onkel
Rekrutierung bewährter Kräfte
Otto Dietrich
Magda Goebbels
Das Superwahljahr 1932
Ernüchterung nach der «Machtergreifung»
Blutsommer 1934
Lüdecke auf der Flucht
Hinrichtungen
Rechtfertigungsversuche
Zweiter Teil: Die Berghof-Gesellschaft
1.: Im «Führersperrgebiet»
Abschottung
Martin und Gerda Bormann
«Menschenleerer Raum»
Das Milieu auf dem «Berg»
Eva Braun, die heimliche Geliebte
Hitler und Hoffmann: Familiäre Verbundenheit
Ein Selbstmordversuch als Liebesbeweis?
Ein besonderes Verhältnis
Albert und Margarete Speer
Der «Architekt des Führers»
Karl und Anni Brandt
Leben auf dem Berghof
Private Beziehungen
2.: Zeugen und Überzeugte
«Geschichtliche Mission»
Im Zentrum der Macht
Mit Hitler in Wien
Kamingespräche
Bei Mussolini
Wiedemann in England
Unity Mitford
Münchner Abkommen und Pogrom 1938
Entlassung Wiedemanns
Warten auf Stalin
3.: Der Kreis im Krieg
Sieg oder Tod
«Völkische Flurbereinigung»
Die Ermordung Behinderter
Anfangssiege
Kriegswenden
«Wolfsschanze»
Letzte Treffen auf dem Berghof
Erste Zweifel am «Endsieg»
Totaler Krieg
Angst um Hitler
Dritter Teil: Kreis ohne «Führer»
1.: Konfrontation mit den Siegern
Im Blick der alliierten Geheimdienste
Die «Akte Hitler»
Auf der Flucht
Chaos auf dem Berghof
Erste Verhöre
Im Lager
Entstehung von Lebenslügen
2.: Strafverfolgung und Integration
Kampf gegen die «Siegerjustiz»
Vor der Spruchkammer
Entlastung im Revisionsverfahren
«Frag doch mal, was sie vom Chef denken»
Neue Existenzen
Erinnerungsliteratur und Geschichtsdeutung
Schlussbemerkungen
Anmerkungen
Einleitung
Erster TeilHitlers Kreis
1.Untergang und Flucht
2.Die Formierung des Kreises
3.Machtübernahme
Zweiter TeilDie Berghof-Gesellschaft
1.Im «Führersperrgebiet»
2.Zeugen und Überzeugte
3.Der Kreis im Krieg
Dritter TeilKreis ohne «Führer»
1.Konfrontation mit den Siegern
2.Strafverfolgung und Integration
Schlussbemerkungen
Quellen- und Literaturverzeichnis
1.Ungedruckte Quellen
2. Gedruckte Quellen
3. Memoiren
I. Ausgewählte Darstellungen
Bildnachweis
Personenregister
Im Frühjahr 2010, kurz nach Erscheinen meiner Biographie über Eva Braun, meldete sich im Münchner Verlag C.H.Beck ein Herr, dessen Name sofort mein Interesse weckte: Claus Dirk von Below, der Sohn des Luftwaffenadjutanten und langjährigen Hitler-Vertrauten Nicolaus von Below, wünschte mich zu sprechen. Nach einem ersten Telefonat vereinbarten wir ein Treffen. Wenige Wochen später saßen wir uns in einem Café in der Münchner Innenstadt gegenüber. Wir sprachen zunächst über das Verhältnis seiner Eltern zu Hitler und Eva Braun und über das Leben der von Belows im privaten Kreis des Diktators auf dem Berghof. Dabei erklärte mein Gegenüber fast beiläufig: «Ich bin in diesem Kreis aufgewachsen.» Keinesfalls, so Claus Dirk von Below, habe sich der «inner circle» um Hitler und Eva Braun nach 1945 aufgelöst. Bis weit in die bundesrepublikanische Zeit hinein seien die Bindungen intakt geblieben. Man habe korrespondiert, sich gegenseitig besucht und zu besonderen Anlässen größere Treffen organisiert. «So reisten wir alle zum Empfang Albert Speers nach Heidelberg», erinnerte sich von Below an die Zeit, als Speer am 30. September 1966 aus dem alliierten Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau entlassen wurde. «Meine Eltern», ließ er mich wissen, «starben als aufrechte Nationalsozialisten.»[1]
Schlagartig wurde mir damit klar, dass der von Speer so genannte «Führerkreis» nach Kriegsende offenbar auch ohne den «Führer» weiter existiert und noch Jahrzehnte nach Hitlers Tod für dessen Nachleben gesorgt hatte. Zwar war die nationalsozialistische Diktatur untergegangen, als Hitler seinem Leben am 30. April 1945 im Bunker der Berliner Reichskanzlei ein Ende setzte. Aber die meisten seiner engsten Mitarbeiter und Vertrauten hatten überlebt. Doch was geschah mit ihnen? Und wer waren eigentlich die Männer und Frauen, die oft über viele Jahre hinweg das engste Umfeld des Diktators gebildet hatten? Auf welche Weise waren sie in das Zentrum der Macht gelangt? Wie operierte dieser «Hofstaat», zu dessen Mitgliedern bis auf wenige Ausnahmen nicht die Mächtigen und Großen des Reiches zählten, sondern jene, die abfällig Hitlers «Chauffeureska» genannt wurden, eine «Umgebung aus biederem Mittelstand und halbkriminellem Rowdytum»,[2] und der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend entzogen blieben?
Im Folgenden soll ein umfassendes Bild dieser nach wie vor geheimnisumwitterten «Berghof-Gesellschaft» und ihrer Vorläufer gezeichnet werden, die sich mit Hitlers Machtübernahme nach 1933 in dessen privatem Refugium auf dem Obersalzberg bewegte und nach 1945, von außen weitgehend unbemerkt, ein Nachleben führte. Der Blick richtet sich auf die Männer und Frauen, deren Nachkriegserinnerungen nach wie vor zitiert werden, um Hitler zu erklären, denen aber selber bisher nur die Rolle von Statisten zugewiesen wird. Hitler, so heißt es, habe sich ganz allein eine beispiellose Machtfülle erarbeitet – ohne Empathie und Privatleben, ja ohne menschliche Bindungen.[3] Gefragt wird, wozu Hitler dann diesen engen, ständig verfügbaren Zirkel brauchte, in dem er sich, anders als Stalin, auch mit überraschend vielen Frauen umgab. Nach welchen Kriterien wählte er ihn aus? Und welche Rolle spielten diese Personen in seinem privaten und politischen Leben? Waren nicht seine sozialen Beziehungen, die bis heute wenig wahrgenommen werden, die Quelle seiner persönlichen Machtstellung?
Sowohl die Funktion als auch das Funktionieren dieses Kreises sind bislang weder dargestellt noch beachtet worden. Bisher herrscht die – hauptsächlich auf die spätere Erinnerungsliteratur gestützte – Ansicht vor, jene Mitarbeiter und politischen Mitstreiter mit dem «unbegrenzt privilegierten Zugang» zum NS-Führer seien dem Menschen Hitler unter seiner «Hülle der Führergestalt» niemals wirklich nahe gekommen. Und er wiederum habe seine loyalen Getreuen ebenso wie alle anderen Menschen nur benutzt und sich ihrer entledigt, «sobald sie ihren Zweck erfüllt hatten».[4] Aber wie lebte es sich tatsächlich mit Hitler? Welchen Nutzen zogen seine Vertrauten aus ihrer engen, auf dem Dogma der Treue fußenden Bindung an den mächtigen Diktator? Und wie sieht es in diesem Zusammenhang mit ihrer individuellen Schuld und Verstrickung aus? Diese Fragen sollen anhand bisher unerschlossenen Quellenmaterials, darunter noch ungesichtete private Nachlässe, beantwortet werden. Dazu gehören auch Bilder, wie sie beispielsweise im Fotoarchiv Hoffmann in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt werden. Sie werden als historische Quellen ernst genommen und sollen ebenso wie die mündlichen und schriftlichen Zeugnisse der Protagonisten über die tatsächliche Vernetzung, die Kommunikationswege dieser Gesellschaft und deren Verflechtung in die verbrecherischen Handlungen des NS-Regimes Aufschluss geben.
Lässt sich beispielsweise rekonstruieren, was in der Pogromnacht vom 9. November 1938 im unmittelbaren Umfeld Hitlers geschah? Was wussten die Angehörigen des persönlichen Stabes und der engste soziale Kreis um Hitler über die Kriegsabsichten und Kriegsziele? Welche Kenntnis besaßen sie von der Terror- und Vernichtungspolitik? Von Albert Speer und Hitlers Begleitarzt Karl Brandt ist bekannt, dass sie als «führerunmittelbare Sonderbeauftragte» spätestens nach Kriegsbeginn an Verbrechen wie der Deportation von Juden in Vernichtungslager (im Falle Speers) oder der Tötung Kranker und Behinderter (im Falle Brandts) beteiligt waren.[5] Doch galt diese kriminelle Verstrickung auch für die anderen Mitglieder der Entourage aus Ärzten, Adjutanten, Sekretärinnen, Fotografen, Dienern und Berghof-Dauergästen, die den Kreis der loyalen Vertrauten, Komplizen und Mitwisser um den NS-Führer bildeten? Schließlich begleiteten sie den Diktator in wechselnden Besetzungen auf Empfänge, Konzerte, Reisen, Reichsparteitage und bei Staatsbesuchen, erlebten sie hautnah die Hysterie des «Führerkults» – geprägt von Hitlers Weltanschauung und seiner Anziehungskraft auf die Massen – und feierten ihren «Führer» als «Weltenbeweger» (Albert Speer) in der Zeit seiner größten außenpolitischen Erfolge.
Die alliierten Geheimdienste interessierten sich schon zu Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht nur für den NS-Führer und die nationalsozialistische Elite, sondern für alle Personen, mit denen Hitler sich in Berlin und auf dem Obersalzberg umgab. So besaß das amerikanische Office of Strategic Services (OSS) bereits vor dem Einmarsch der US-Truppen in Deutschland genaue Kenntnis des «Führerkreises», obwohl dessen Angehörige in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt waren.[6] Die Amerikaner konnten daher im Frühjahr 1945 gezielt Verhaftungen vornehmen und Verhöre veranlassen, um herauszufinden, ob Hitler womöglich noch lebte und sich auf der Flucht befand. Auch der Spionageabwehrdienst der sowjetischen Armee begab sich im eingekesselten Berlin auf die Suche nach Hitlers Getreuen und verbrachte diese, soweit man ihrer habhaft wurde, unter der Bezeichnung «Gruppe Reichskanzlei» zu jahrelangen Verhören nach Moskau. In der deutschen Öffentlichkeit jedoch gerieten die Überlebenden dieses Personenkreises, mit Ausnahme Albert Speers, nach dem katastrophalen Kriegsende, dem Untergang des NS-Regimes und der Besetzung Deutschlands durch die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges weitgehend in Vergessenheit. Nachdem sie Ende April 1945 aus dem Bunker der Reichskanzlei in Berlin geflohen waren oder den Berghof verlassen hatten, folgten für sie automatic arrest, Internierungslager, Befragungen durch alliierte Verhöroffiziere, Strafprozesse sowie Spruchkammer- und Entnazifizierungsverfahren. Dadurch festigte sich allerdings zugleich das zwischen ihnen ohnehin bestehende Netzwerk. Dies mag angesichts des inzwischen entzauberten Mythos von der «Stunde Null» nicht verwundern. Doch lohnt es, einmal nicht nur nach den Beharrungskräften der NS-Eliten in Staat und Partei zu fragen, sondern auch jene bisher kaum beachtete Gruppe ehemaliger Vertrauter des Diktators einzubeziehen, die durch ihren persönlichen Zugang zu Hitler herausgehoben waren. An ihrem Beispiel lässt sich exemplarisch zeigen, wie nach 1945 mit dem Nationalsozialismus umgegangen wurde und wie man «Vergangenheitspolitik» betrieb.
Doch wer gehörte noch zu jenem «Kreis ohne Führer», dessen Zusammensetzung und Funktion sich im Laufe der Zeit verändert hatte? Wie lebten seine Angehörigen nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur weiter? Wie gestalteten sie nun ihr Dasein? Und wie bezogen sie ihre Vergangenheit in die neue Zeit ein? Diese Fragen sind bisher ebenfalls im Einzelnen noch kaum gestellt worden. Was bedeutete für sie die Zäsur 1945? Wie erfuhren und bewältigten sie die Umgestaltung danach: die Besatzungsherrschaft fremder Mächte, die deutsche Teilung, die Demokratisierung im Westen, die Sowjetisierung im Osten? Formierten sich hier die Angehörigen von Hitlers persönlichem Stab, seine Adjutanten, sein sozialer Zirkel sowie Repräsentanten aus Partei und Militär im Rückgriff auf ihre kollektive Erfahrungswelt neu? Oder blieb die ungebrochene Identifikation mit dem «Führer», die unbedingte Treue zu Hitler über dessen Tod hinaus, das Band, das jene zusammenhielt, denen der Diktator einst vertraut hatte? Christa Schroeder beispielsweise, die seit 1933 Hitlers ständige Sekretärin gewesen war, erklärte in ihrer ersten Befragung durch einen Offizier des in Berchtesgaden stationierten amerikanischen Counter Intelligence Corps (CIC) im Mai 1945, sie habe «an dem Leben von Hitler mehr Anteil genommen als ein Familienangehöriger».[7] Tatsächlich wird von Schroeder behauptet, sie sei in der Nachkriegszeit «der Schlüssel» für den Zugang zu den Überlebenden des inneren Kreises gewesen und habe vor allem David Irving, dem britischen Historiker und späteren Holocaust-Leugner, Ende der 1960er Jahre Einlass in die geschlossene Gesellschaft der früheren Hitler-Vertrauten gewährt.[8] Doch mit welchem Blick auf ihre eigene Vergangenheit begegneten die Protagonisten den Historikern und Journalisten, die diesen Zugang für ihre Zwecke zu nutzen suchten?
Immerhin hatte, nach oft jahrelangen Verhören während der Besatzungszeit, die soziale und wirtschaftliche Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten mit Beginn der Ära Adenauer in der Bundesrepublik gerade erst eingesetzt. Zum anderen wurden mit dem Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 und den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt am Main von 1963 bis 1968 die Verbrechen des NS-Regimes vor der Weltöffentlichkeit erneut verhandelt und diskutiert. Was bewirkte nun diese abermalige Konfrontation mit der Vergangenheit beim ehemaligen «Führerkreis»? Kam es zu einem Einstellungswandel, der Aufspaltung der Gruppe in Bewahrer und Dissidenten? Oder traf der «Kreis» Absprachen, vielleicht sogar gemeinsame Sprachregelungen, im Umgang mit Journalisten und Wissenschaftlern? Des Weiteren ist die Karriere Albert Speers sowie dessen Deutungsmacht im Hinblick auf die eigene Geschichte neu zu bewerten. Die Entwicklung der Vergangenheitspolitik in Deutschland kann, so scheint es, nicht zuletzt an der Selbstdarstellung von Hitlers früheren Jüngern nachvollzogen werden. Immerhin profitierten sie von der öffentlichen Fixierung auf Hitler als das personifizierte Böse und wähnten sich, wie die Sekretärin Traudl Junge, deren Erinnerungen noch 2004 in den Kinofilm Der Untergang von Bernd Eichinger eingingen, bis zuletzt im «toten Winkel» der «Unperson» Hitler und seiner Verbrechen.
Doch verfügten Angehörige des von Irving so genannten «magic circle» abseits der vergangenheitspolitischen Bühne auch über politische Einflussmöglichkeiten? Gelang ihnen in der zunächst als fragil geltenden und sich dann doch zunehmend stabilisierenden Demokratie in der Bundesrepublik mittels eines «geduckten Opportunismus»[9] ein «Leben nach dem Ende»? Und wie sah dieses Leben im Alltag aus? Bis in die Kinder- und Enkelgeneration hinein zieht sich das Netz der Bindungen, das die Männer und Frauen des Kreises um Hitler vor und nach 1945 gewoben haben. Auch ihre Legenden zur Tarnung der eigenen Vergangenheit wirken bis in die Gegenwart nach. Indem man ihnen vom «Dritten Reich» bis in die Nachkriegsjahrzehnte folgt, wird ein neuer Blick auf den Umgang mit unserer Vergangenheit möglich.
Erster Teil
Am 29. April 1945 verlässt Luftwaffenadjutant Nicolaus von Below um Mitternacht Hitlers Bunker unter der Reichskanzlei im kriegszerstörten Berlin. Draußen erwartet ihn ein Inferno. Ein Häuserblock steht in hellen Flammen, Granaten schlagen in Hauswände und im Straßenpflaster ein. Von der vordersten russischen Kampflinie, die nur 400 Meter entfernt ist, pfeift Maschinengewehrfeuer die Straße entlang. Über der Stadt liegt eine dichte Rauchwolke. Deutsche Transportflugzeuge kreisen, die Waffen und Munition für die in den Trümmern kämpfenden Soldaten ins Ungewisse abwerfen. Below muss einen Weg finden, der ihn aus der von der sowjetischen Armee umstellten, bis zur Unkenntlichkeit abgebrannten Stadt herausführt. In seiner Tasche steckt eine Giftampulle, um die er Hitler für den Fall gebeten hatte, dass er in russische Gefangenschaft geraten würde. Dokumente hat er nicht dabei, nur mündliche Weisungen. Sein Ziel ist das Hauptquartier von Großadmiral Karl Dönitz in Schleswig-Holstein. Hitlers Auftrag an ihn lautet, Dönitz sowie Wilhelm Keitel, den Oberkommandierenden der Wehrmacht, über die Ereignisse der vergangenen Tage in Berlin und seine letzten Befehle zu unterrichten. Der «Führer» will sterben und hat Dönitz, der für seinen Fanatismus bekannt ist, zu seinem Nachfolger bestimmt. Alle sollen weiterkämpfen bis zum Letzten.
Noch vor zwei Tagen hatte Below mit Hitler in dessen Arbeitszimmer im Bunker zusammengesessen. Wie überrascht war er gewesen, als dieser das Gespräch mit der Mitteilung eröffnete, er werde dem Kampfkommandanten von Berlin, General Helmuth Weidling, den Befehl geben, mit seinen Truppen aus der Hauptstadt abzurücken, und er, Below, solle sich ihnen anschließen. In einer Sofaecke sitzend, frisch und lebhaft wie lange nicht, hatte Hitler ihm gesagt, dass er einsam geworden sei – verlassen sogar von den meisten seiner alten Gefährten. Below könne deshalb wohl verstehen, was es für ihn bedeutet habe, dass Fräulein Braun gegen seinen ausdrücklichen Wunsch in dem Augenblick nach Berlin gekommen sei, als Minister und hohe NS-Führer enteilten, um sich in Sicherheit zu bringen. Und zu Belows Verblüffung hatte Hitler hinzugefügt: «Fräulein Braun wird mich nicht überleben. Sie will freiwillig mit mir aus dem Leben scheiden, und sie wird es als meine Frau tun.»[1] Below selbst hatte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls bereits mit dem Leben abgeschlossen. Ehe er Anfang April in den «Führerbunker» gezogen war, hatte er sich von seiner Frau und seinen Kindern mit den Worten verabschiedet: «Wenn ihr in zwei oder drei Wochen hört, dass Hitler tot ist, dann lebe auch ich nicht mehr.»[2] Jetzt aber, außerhalb der engen, dumpfen Bunkerräume, atmet Below erleichtert auf. Das Leben wird für ihn weitergehen.
1.
Fünf Monate zuvor, am 20. November 1944, war Hitler mit seinem Stab im abgedunkelten, voll besetzten Sonderzug von seinem Hauptquartier Wolfsschanze nahe der ostpreußischen Stadt Rastenburg nach Berlin gereist. Dreieinhalb Jahre hatte er sich mit teils längeren Unterbrechungen dort aufgehalten – in einer Anlage inmitten eines Wald-, Seen- und Sumpfgebietes, die bis zuletzt ausgebaut worden war und Platz für 5000 Offiziere und Mannschaften bot. Eingeteilt in Sperrkreise, geschützt durch Stacheldraht und einen fünfzig Meter breiten Minengürtel, getarnt mit Netzen und falschen Bäumen, gab es hier neben Unterkünften und Luftschutzbunkern auch Besprechungsräume, Büros und Gästehäuser sowie ein Kino, ein Teehaus und einen Friseur. Nicht weit entfernt befanden sich die Feldquartiere von Hermann Göring, Heinrich Himmler und Joachim von Ribbentrop.[1] Der Rassen- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, den das nationalsozialistische Deutschland von hier aus mit dem Ziel der «Eroberung von Lebensraum» geführt hatte, war gescheitert. Jetzt blieb Hitler keine andere Wahl, als mit seinen Getreuen vor der herannahenden Roten Armee in die 700 Kilometer entfernte deutsche Reichshauptstadt zu fliehen.
Nicolaus von Below, um 1940
Als Hitler am Abend des 20. November auf dem Bahnhof Grunewald eintraf und seine Wagenkolonne von dort zur Reichskanzlei in die Wilhelmstraße 78 fuhr, habe sie rechts und links «nur Schuttberge» gesehen, erinnerte sich die damals 24-jährige Sekretärin Gertraud Junge.[2] Dennoch beharrte er darauf, einen Sieg gegen seine Feinde herbeiführen zu wollen. Keine drei Wochen nach Verlassen der Wolfsschanze, am 16. Dezember 1944, unternahm die Wehrmacht deshalb unter Aufbietung aller Reserven einen verzweifelten Vorstoß zur Rückeroberung von Brüssel und Antwerpen, die beim Überfall auf Belgien 1940 von deutschen Truppen besetzt, jetzt aber von den Westmächten eingenommen worden waren. Doch die sogenannte «Ardennenoffensive» musste noch im selben Monat, unter anderem wegen Treibstoffmangel, abgebrochen werden.[3] Ilse Heß und Gerda Bormann, fanatische Nationalsozialistinnen der ersten Stunde, verglichen die ausweglose Lage indessen mit der «Kampfzeit» der NSDAP in den 1920er Jahren. Auch damals hatte es niemand für möglich gehalten, dass Hitler sich eines Tages durchsetzen und Reichskanzler werden würde. Sie richteten sich daher an der Vorstellung auf, wie damals werde derjenige siegen, der nur fest genug daran glaube.[4] Nur gelegentlich, schrieb Ilse Heß in einem Brief an die Fabrikantentochter Emmi Kalla-Heger nach Schmiedeberg in Böhmen, gebe es Nächte, in denen sie daran denke, was ihnen bevorstehe, wenn am Ende alle Anstrengungen des «Führers» zum Scheitern verurteilt sein sollten, und dann stiegen «die Angst und das Grauen» in ihr hoch.[5]
Mit ihrer Furcht vor der Zukunft stand Ilse Heß nicht allein. Auch in der Wehrmacht herrschte angesichts der sich abzeichnenden Besetzung des Landes durch alliierte Truppen die Sorge vor dem «grauenhaften Schicksal» einer «fremden Gewaltherrschaft», wie es im Appell des Generalfeldmarschalls Gerd von Rundstedt vom 11. Februar 1945 an seine Soldaten hieß.[6] Die Niederlage in der Ardennenoffensive, die Rundstedt geleitet hatte und bei der fast 20.000 alliierte und deutsche Soldaten gefallen und über 80.000 verwundet worden waren, führte deshalb nicht zu Friedenssondierungen. Vielmehr gaben höchste deutsche Militärs bis in die letzten Tage des Krieges hinein Angriffsbefehle und beriefen sich dabei nicht selten auf Weisungen des «Führers», die gar nicht existierten. So fielen noch in den letzten zehn Monaten des Krieges mehr Soldaten und kamen mehr Zivilisten ums Leben als in den viereinhalb Jahren zuvor.[7] Hitler selbst kehrte Mitte Januar 1945 aus seinem Feldquartier bei Bad Nauheim wieder in die Berliner Reichskanzlei zurück und dachte zu dieser Zeit, wie Nicolaus von Below berichtet, offenbar bereits an Selbstmord.[8] Eine Kapitulation lehnte er jedoch weiterhin ab und forderte noch in seiner letzten Radioansprache am 30. Januar 1945 unter Berufung auf den «Allmächtigen», «die Waffen zu führen» bis zum Sieg.[9]
Inzwischen hatte die 60. Armee der 1. Ukrainischen Front das Konzentrationslager Auschwitz befreit, und die Großoffensive der sowjetischen Armee in Richtung Berlin hatte begonnen. In der Reichshauptstadt nahmen jetzt auch die Luftangriffe der Alliierten immer mehr zu. Nachdem am 3. Februar von der US Air Force eineinhalb Stunden lang über 1800 Tonnen Sprengbomben auf die Stadt abgeworfen worden waren, sahen sich Hitler und seine Entourage gezwungen, nachts im Bunker unter dem Garten der Neuen Reichskanzlei Schutz zu suchen. Die Stadtmitte, das Zeitungsviertel, Kreuzberg und Wedding waren schwer getroffen. Wie viele Tote es gab, ist bis heute ungewiss; vermutlich starben allein bei diesem Angriff über 2000 Menschen.[10] Im Garten der Reichskanzlei klafften tiefe Trichter, umgefallene Bäume lagen herum. Die «Führerwohnung» im Palais der Alten Reichskanzlei in der Wilhelmstraße 77 hatte schwere Treffer abbekommen; vom Wintergarten und vom Speisesaal existierten nur noch Mauerreste. Es fehlten Licht, Strom und Wasser. Telefonverbindungen waren unterbrochen. Martin Bormann, Hitlers Sekretär und Faktotum mit den Befugnissen eines Reichsministers, saß im Pelzmantel im ungeheizten Büro der «Parteikanzlei».[11] Schließlich zog auch er – ebenso wie Hitlers Diener, seine Leibwächter und Eva Braun, die junge, blonde Münchner Freundin des «Führers», die zwei Wochen zuvor mit ihrer Schwester aus Bayern angereist war – in einen Raum im Bunker, der erst im Oktober 1944 von der Firma Hochtief AG fertiggestellt worden war und über dreizehn Wohnräume und 3,50 m starke Decken verfügte.[12]
Aber am Abend des 5. Februar versammelte Eva Braun, die am folgenden Tag 33 Jahre alt wurde, in ihrem Wohnzimmer im ersten Stock der Alten Reichskanzlei, das den Bombenhagel unversehrt überstanden hatte, obwohl es neben der ausgebrannten «Führerwohnung» lag, noch einmal Gäste um sich, um in den Geburtstag hineinzufeiern, darunter Hitler, Bormann und Rüstungsminister Albert Speer.[13] Sogar Hitlers langjähriger chirurgischer Begleitarzt Karl Brandt erschien mit seiner Frau Anni. Nach einer Auseinandersetzung mit Hitlers Leibarzt Theodor Morell war er zwar am 10. Oktober 1944 aus dem persönlichen Dienst entlassen worden. Aber als «Reichskommissar des Führers» für das Gesundheitswesen zählte er immer noch zu den mächtigsten Persönlichkeiten im NS-Staat.[14] Hier traf also ein letztes Mal der Kern des «Hofstaates» zusammen, wie er seit 1933 bestand: mit Speer, Brandt und Bormann, die alle ihre Karriere allein der persönlichen Nähe zu Hitler und dem besonderen Loyalitätsverhältnis dem «Führer» gegenüber verdankten.
Doch die Stimmung war angespannt und gereizt. Denn Eva Braun habe, berichtete Bormann danach brieflich seiner Frau, verschiedene Leute «in früher nicht gekannter Schärfe» kritisiert.[15] Offenbar verurteilte sie jene, die Berlin bereits verlassen und sich in Sicherheit gebracht hatten, während sie selbst entschlossen war, in Berlin zu bleiben und hier, wenn es sein musste, gemeinsam mit Hitler zu sterben. Diese Treue bis in den Tod verlangte sie nun auch von anderen.[16] Tatsächlich sollte sich in den folgenden Wochen erweisen, dass sie keineswegs mäßigend auf Hitler einwirkte, sondern ihn in seiner lang gehegten Auffassung bestärkte, von «Verrätern» umgeben zu sein.[17] Ebenso kompromisslos wie Eva Braun zeigte sich Gerda Bormann. Vom Obersalzberg aus beschwor sie ihren Ehemann, nicht aufzugeben und weiterzukämpfen, auch wenn nur eines ihrer neun Kinder diesen «Weltenbrand» überleben sollte.[18]
Eingang zum Bunker im Garten der Neuen Reichskanzlei, 1945
Trotz der aussichtslosen Lage fanden jedoch noch immer täglich Lagebesprechungen in Hitlers Arbeitszimmer in der Neuen Reichskanzlei statt. In der Regel trafen dazu Außenminister Joachim von Ribbentrop, Reichsführer SS Heinrich Himmler, der zuletzt den Oberbefehl über verschiedene Heeresgruppen übernommen hatte, der Chef von Gestapo und Sicherheitsdienst Ernst Kaltenbrunner sowie Generäle mit Berichten von der Front ein. Allerdings hätten sie dabei, erinnerte sich Luftwaffenadjutant von Below, nur noch Truppen verschoben, die entweder nicht mehr vorhanden oder kampfunfähig waren.[19] Auch in der Stadt wurde trotz der Luftangriffe der Anschein von Normalität aufrechterhalten: Die S-Bahnen fuhren noch, Zeitungen wurden gedruckt, die Post funktionierte, und etliche Banken und Behörden arbeiteten weiter. Aber wie andere Städte füllte sich Berlin jetzt ebenfalls mit Flüchtlingen, verwundeten Frontsoldaten und «ausgebombten» Obdachlosen, während die Opfer und Gegner der nationalsozialistischen Terrorherrschaft das Ende herbeisehnten.
Hitler indessen saß mit seinen Getreuen auch tagsüber immer öfter im Bunker. Gegen Ende Februar zogen sie ganz unter die Erde – nicht ohne mit dem Äußersten zu drohen: Jedem, der nicht von der Gesinnung erfüllt sei, lieber zu sterben als zu kapitulieren, werde man, erklärte Propagandaminister Joseph Goebbels in einer einstündigen Radioansprache, «kalt und ohne Gnade den Strick um den Hals legen».[20] In dieser Rede, in der er «heiligen Hass» predigte und zum Weiterkämpfen aufrief, kündigte er zugleich seinen eigenen Tod und den seiner Familie an. Falls das Reich den Krieg gegen die Amerikaner verlöre, legte er den Hörern mit ruhiger, fast monotoner Stimme dar, gebe sich die «Göttin der Geschichte» als «Hure des Geldes» zu erkennen, und das Leben in der dann kommenden Welt hielte er nicht mehr für wert, gelebt zu werden – weder für sich, seine Kinder, noch für alle, die er liebe. Ein solches Leben würde er «mit Freuden» von sich werfen.[21]
Doch noch war es nicht so weit, und Goebbels fuhr fort, Durchhalteartikel für die Wochenzeitung Das Reich zu schreiben – so am 4. März unter dem Titel «Unentwegt auf den Steuermann schauen». Wenige Tage darauf trat er in der Stadthalle in Görlitz sogar noch ein letztes Mal öffentlich als Redner auf.[22] Hitler hingegen, der «Steuermann», weigerte sich schon lange, vor Publikum zu sprechen oder sich dem «Volk» zu präsentieren. Der «Führer», der einst unentwegt auf Reisen gewesen war und an einem Tag drei große Auftritte an drei verschiedenen Orten bewältigt hatte, zumeist begleitet von seinem «Leibfotografen» Heinrich Hoffmann, war nur mehr ein Schatten seiner selbst. In gebeugter Haltung, mit unaufhörlich zitterndem linken Arm und schwerfälligen Bewegungen flüchtete er sich – nicht nur am Kartentisch – in Scheinwelten und suchte Trost und Zuversicht bei Figuren der Geschichte, vornehmlich dem preußischen König Friedrich II., den er seit Beginn seiner politischen Karriere zu seinem Vorbild erkoren hatte und dessen berühmtes Porträt von Anton Graff er jetzt aus seiner Wohnung auch mit in den Bunker nahm. Den letztendlichen Triumph Friedrichs im Siebenjährigen Krieg nach Jahren am Rande der Niederlage nahm er als Beispiel dafür, dass es immer noch möglich sei, eine aussichtslose Situation in einen Sieg zu verwandeln.[23] Zugleich vermied er das nächtliche Alleinsein, indem er in den frühen Morgenstunden nach der letzten Lagebesprechung zwischen drei und fünf Uhr morgens oder noch später seine Mitarbeiter zum Teetrinken herbeirief. Die Sekretärinnen Johanna Wolf, Christa Schroeder, Gerda Christian und Gertraud Junge kannten diese Gewohnheit schon aus den Feldhauptquartieren, wo sie sich manchmal erst nach dem Frühstück bis in den Nachmittag hinein hatten ausschlafen können.[24] Jetzt erschienen zu den nächtlichen Teerunden gelegentlich auch Eva Braun und Theodor Morell, Hitlers persönlicher Arzt, der selber schon seit Längerem krank und kaum noch einsatzfähig war.
Eva Braun war, nachdem sie noch einmal vier Wochen in München verbracht hatte, am 7. März nach Berlin zurückgekehrt und zog als Erste aus dem «Hofstaat» mit der Absicht in den Bunker ein, bis zum Ende an Hitlers Seite zu bleiben.[25] Er sei darüber offenkundig sehr glücklich gewesen, berichtete Gertraud Junge ein Vierteljahrhundert später dem britischen Fernsehproduzenten Michael Darlow. Seine Augen seien so voller Freude gewesen, als sie gekommen sei.[26] Zuvor, Anfang Februar, hatten Eva Braun und Hitler gemeinsam mit Albert Speer das in einem Kellerraum der Neuen Reichskanzlei von Hermann Giesler aufgestellte riesige Modell der «Führerstadt» Linz betrachtet, deren Umbau zur europäischen Kunstmetropole bis 1950 geplant war. Linz sollte Hitlers Alterssitz werden, auf den er sich nach dem «Endsieg» mit seiner Freundin zurückziehen würde.[27] Giesler, einer der bevorzugten Architekten des «Führers», hatte auch während des Krieges die Neugestaltung von Linz vorantreiben müssen. «Entrückt», ja «traumverloren» habe Hitler das Modell betrachtet, erinnerte sich Giesler viele Jahre später, und es seinen Gästen gezeigt, als sei es ein «verheißenes Land».[28]
Albert Speer teilte diese Entrückung nicht. Spätestens nach der Besetzung Oberschlesiens durch sowjetische Truppen im Januar 1945, als ihm klar wurde, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, hatte er angefangen, über das Ende der NS-Diktatur hinaus zu denken.[29] Denn im Gegensatz zu Hitler und Goebbels beabsichtigte er nicht, im «Endkampf» zu sterben oder gar seine Familie zu gefährden. Allerdings drohte ihm – als engem Freund des «Führers», Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt und vor allem als Rüstungsminister – nach dem Sieg der Alliierten der Prozess. So hatten der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Diktator Josef Stalin in der zweiten Februarwoche 1945, während Speer mit Hitler, Bormann und Eva Braun über Gieslers Pläne für Linz sinnierte, noch einmal ihre Absicht bekräftigt, deutsche Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen und zu bestrafen, wie es bereits in ihrer Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943 vereinbart worden war.[30] Auch wenn Speer damals vielleicht noch nicht wusste, dass es bald um sein Leben gehen würde, erkannte er doch, dass er handeln musste, um seine Existenz in die neue Zeit hinüberzuretten. Und so konstruierte er schriftlich, parallel zur Forcierung weiterer Kriegsmaßnahmen, im Laufe des Frühjahrs 1945 Argumentationsmuster, die ihn später entlasten sollten: dass er doch nur ein unpolitischer Architekt gewesen sei; dass er die Ausführung von Hitlers «Nero-Befehl» zur Zerstörung aller Industrie- und Versorgungsanlagen im Reich verhindert habe; und dass er zuletzt sogar mit dem «Führer» gebrochen habe. Aber er regelte auch seine persönlichen Angelegenheiten, nicht zuletzt finanziell, und sorgte für seine Familie, indem er sie Anfang April aus ihrem Haus auf dem Obersalzberg holte, das sich nur wenige Hundert Meter von Hitlers Berghof entfernt befand, und sie im schleswig-holsteinischen Kappeln in Sicherheit brachte.[31]
Zugleich war er jedoch vorsichtig genug, selber in Berlin oder mindestens in dessen Nähe zu bleiben, um sich nicht dem Vorwurf des Defätismus auszusetzen. Am 11. April 1945, vier Tage bevor die Rote Armee die Stadtgrenze erreichte, organisierte er hier sogar noch einen letzten Auftritt der Berliner Philharmoniker.[32] Im ungeheizten, spärlich beleuchteten, mahagonigetäfelten Beethovensaal neben den Überresten der Alten Philharmonie in der Bernburger Straße, die durch einen Bombenangriff am 30. Januar 1944 zerstört worden war, begann das Konzert bezeichnenderweise mit dem Finale aus Richard Wagners «Götterdämmerung». Es folgten Ludwig van Beethovens einziges Violinkonzert und die 8. Sinfonie von Anton Bruckner in c-moll, die auch die «Apokalyptische» genannt wurde.[33] Mehr Pathos und Selbstüberhöhung waren kaum möglich. In seinen Erinnerungen bezeichnete Speer die Veranstaltung später zwar abwertend als «melancholische Geste auf das Ende des Reiches».[34] Doch in Wirklichkeit inszenierte er, der Star des «Hofstaates», damit den Abgesang des Nationalsozialismus – ebenso wie er bis 1938 in Nürnberg die Reichsparteitage und die nationalsozialistische Staatsidee von der Einheit des gottähnlichen «Führers» und seiner «Volksgemeinschaft» wirkungsvoll in Szene gesetzt hatte.
Inzwischen lösten sich die Strukturen des Reiches aber immer mehr auf, auch wenn nach wie vor Befehle ergingen, standhaft und fanatisch die «Heimatfront» zu verteidigen, und weiterhin Menschen sinnlos geopfert und an «Verrätern» Todesurteile vollstreckt wurden. Mit Ausnahme des Propagandaministeriums waren bereits alle Reichsministerien nach Süddeutschland verlegt worden, wo sie praktisch ihre Arbeit einstellten. Der Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, der nicht länger im «chaotischen Berlin» bleiben wollte, hatte sich am 27. März mit einem Attest seines Arztes zur Kur nach Berchtesgaden begeben und kehrte nicht mehr zurück.[35] Reichspressechef Otto Dietrich, der auf Drängen von Goebbels Ende März von Hitler «beurlaubt» worden war, zog sich ebenfalls in ein Berchtesgadener Hotel zurück. Karl Brandt entband Anfang April Mitarbeiter und Ärzte, die unter ihm gearbeitet hatten, von ihren Dienstgeschäften.[36] Und Himmler und Ribbentrop versuchten insgeheim, über das neutrale Schweden Kontakt zu den Westmächten aufzunehmen, um für das Reich und sich selbst annehmbare Bedingungen für die Nachkriegszeit auszuhandeln. Andere Größen des Reiches, unter ihnen Hermann Göring und Alfred Rosenberg, saßen auf gepackten Koffern, um wenigstens nicht in russische Hände zu fallen.
In Hitlers Alpenresidenz herrschte derweil die Ruhe vor dem Sturm. Der Berghof war fast leer. Nur die Schwestern Eva Brauns – Margarete Fegelein, die ein Kind erwartete, und Ilse Fucke-Michels, die aus Niederschlesien geflüchtet war – lebten dort noch mit einigen Angestellten. Ilse Fucke-Michels hatte mit ihrem Mann, dem NS-Kulturfunktionär Walther Fucke-Michels, Breslau verlassen dürfen, nachdem die Stadt von dessen direktem Vorgesetzten, Gauleiter Karl Hanke, zur «Festung» erklärt worden war.[37] Gerda Bormann und ihre acht Kinder sowie Emmy Göring, die Ende Januar aus Berlin gekommen war, wohnten in der Nähe. Knapp zehn Kilometer entfernt, in einer Villa in Schönau am Königssee im Berchtesgadener Land, befand sich Hedwig Potthast, die Geliebte Heinrich Himmlers mit den beiden gemeinsamen Kindern, und stattete ihrer Freundin Gerda Bormann gelegentlich einen Besuch ab.[38] Bombenabwürfe hatte es auf dem Obersalzberg bisher nicht gegeben – anders als in Berchtesgaden, wo am 20. Januar ein Angriff stattgefunden hatte, der offenbar vom Panoramafenster in der Großen Halle des Berghofs aus zu sehen gewesen war. Eva Braun habe, während sie die Zerstörungen beobachtete, fast einen Nervenzusammenbruch erlitten, berichtete der Beamte vom Reichssicherheitsdienst, der damals zu ihrer Bewachung abgestellt war, nach dem Krieg seiner Familie.[39] Doch auch Hitlers Anwesen war von der britischen Royal Air Force bereits ins Visier genommen worden. Schon im Januar hatte die RAF entsprechende Aufklärungsflüge unternommen und Luftaufnahmen gemacht.[40] Denn der Obersalzberg und das längst weltbekannte Haus Hitlers, über das in der Vorkriegszeit internationale Magazine in Fotoreportagen berichtet hatten,[41] standen in dem Ruf, eine «Alpenfestung» zu sein, in die Hitler sich zurückziehen und bis zum letzten Atemzug kämpfen werde. Aber daran war vieles nur Legende. Weder existierten Pläne für eine militärische «Festung», noch gab es dort eine Bewaffnung, die eine wirksame Verteidigung ermöglicht hätte.
Der Berghof, 1941
Für seine Bewohner allerdings galt der Obersalzberg allein schon wegen der ausgedehnten unterirdischen Bunkeranlagen, die man tief in den Fels hineingeschlagen hatte, lange Zeit als sicher. Hitlers Architektin Gerhardine «Gerdy» Troost, eine alte Parteigenossin und Vertraute, die seit über einem Jahrzehnt seine Wohnungen einrichtete und sich, wie auch andere Freunde und Bekannte des «Führers» aus München, Illusionen über den Ausgang des Krieges machte, überlegte noch im Februar, Hitlers Abwesenheit zu nutzen, die Halle des Berghofs farblich etwas aufzufrischen.[42] Die Lager waren mit Lebensmitteln gut gefüllt und wurden bis zum Schluss aufgestockt. Die Installation neuester Nachrichtentechnik in den Bunkerräumen sollte sogar die Fortführung des Krieges vom Berg aus erlauben. Und da die NS-Führung plante, den Obersalzberg als letzte Zufluchtsstätte zu nutzen, waren die Behörden angewiesen worden, im gesamten Kreis Berchtesgaden weder Evakuierte noch Flüchtlinge aufzunehmen. Noch am 26. März 1945 bestimmte ein Erlass des Regierungspräsidenten von Oberbayern, dass der Kreis für solche Personen gesperrt sei. Erst Mitte April wurde der Andrang von Schutzsuchenden so groß, dass die Stadt Berchtesgaden Unterkünfte für Flüchtende bereitstellte. Zu dieser Zeit hatten amerikanische Truppen bereits Nordbayern erreicht.[43]
Unterdessen hofften Hitlers Mitarbeiter in Berlin, dass sie sich alle irgendwann mit dem «Führer» auf den Obersalzberg zurückziehen würden.[44] Hitler aber verließ seinen labyrinthartigen, von Eisentüren abgeschlossenen Bunker unter dem Garten der Reichskanzlei nun kaum noch. Während seine Wehrmachts-Adjutanten einen Raum in der Neuen Reichskanzlei bewohnten,[45] schlief er dort unten, bewacht von Kriminalbeamten des Reichssicherheitsdienstes und betreut von seinem Diener Heinz Linge, der Diätköchin Constanze Manziarly, seinen Sekretärinnen und dem persönlichen Arzt Theodor Morell. Eva Braun, die stets an seiner Seite war, schrieb am 19. April 1945 an ihre Freundin Herta Schneider, ihr Leben spiele sich jetzt nur noch dort ab; ein «Durchkommen mit dem Wagen» aus Berlin halte sie kaum noch für möglich.[46]
Am selben Tag setzte sich Joseph Goebbels in der «Zentrale des Großdeutschen Rundfunks» in der Berliner Masurenallee – heute «Haus des Rundfunks» – ein letztes Mal vor das Mikrofon des Reichssenders Berlin, der außer in der Hauptstadt nur noch in Hamburg, München, Bremen und Flensburg gehört werden konnte, da Sprengkommandos der Wehrmacht die meisten Nachrichtenanlagen vor den herannahenden feindlichen Truppen zerstört hatten.[47] Angesichts der Tatsache, dass das deutsche Volk, wie er sagte, noch nie «so sein nacktes Leben» habe verteidigen müssen, zog er mit ruhiger, resigniert klingender Stimme eine Bilanz seiner gemeinsamen Jahre mit Hitler und sprach als jemand, der entschlossen war, seinem Leben bald ein Ende zu setzen und sich auf diese Weise der Verantwortung zu entziehen. Anstatt die eigene Schuld einzugestehen, klagte er das Ausland – die «hass- und neiderfüllte Welt» – an, die im September 1939 Hitlers «aufblühendes Werk» unterbrochen habe, um es zu vernichten, und rief dazu auf, «trotzig» weiterzukämpfen und anstelle der «weißen Fahne der Unterwerfung» das «alte Hakenkreuzbanner» zu hissen. Er schloss seine Ansprache mit den Worten: «Wir werden nicht wanken und nicht weichen.»[48]
Am folgenden Tag, dem 20. April, eilten die mächtigsten Politiker und Militärs des untergehenden «Dritten Reiches» ein letztes Mal zur Berliner Reichskanzlei, um Hitler zu seinem 56. Geburtstag zu gratulieren. Seit fünf Jahren und acht Monaten befand sich das nationalsozialistische Deutschland jetzt in einem Krieg, den es 1939 selbst entfesselt hatte und spätestens seit der Kapitulation der 6. Armee im Januar 1943 in Stalingrad nicht mehr gewinnen konnte. Millionen von Menschen waren dem Krieg und der mörderischen NS-Rassenideologie zum Opfer gefallen, und nicht zuletzt die seit 1942 von Deutschland systematisch betriebene Ermordung der europäischen Juden machte jegliche Aussicht auf Verhandlungen mit Briten und Amerikanern zunichte.[49] Jeder der an diesem Tag anwesenden hochrangigen Geburtstagsgäste ahnte zumindest, dass es auch für ihn persönlich kaum noch einen Ausweg gab. Heinrich Himmler, der aus dem eineinhalb Stunden entfernten Sanatorium Hohenlychen aus der Uckermark in die zerstörte Berliner Innenstadt gefahren war, spielte aus Furcht vor dem eigenen Ende schon längst ein doppeltes Spiel und führte seit Februar 1945 geheime Gespräche, von denen auch Hitler an seinem Geburtstag noch nichts wusste, mit dem Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, mit dem er über die Freilassung von 20.000 Häftlingen aus Konzentrationslagern verhandelte – offenbar in der Hoffnung, damit eine Verhandlungsbasis mit den Westmächten zu gewinnen.[50] Ribbentrop und Göring, der designierte Nachfolger Hitlers als «Führer» und Reichskanzler, erwogen ebenfalls die Möglichkeit einer Teilkapitulation im Westen. Nach den Gratulationen und einer fünfstündigen Lagebesprechung, die bis abends um 19 Uhr andauerte, verabschiedeten sich die meisten hochrangigen Gäste, darunter Göring, Speer und Himmler, und verließen auf den wenigen noch offenen Straßen die von der sowjetischen Armee weitgehend eingeschlossene, brennende Reichshauptstadt.[51]
Erst jetzt, als der Angriff auf das Zentrum unmittelbar bevorstand, sorgte Hitler dafür, dass auch Angehörige seines persönlichen Stabes dem Inferno entgingen. Die Sekretärinnen Christa Schroeder und Johanna Wolf, der Fotograf Walter Frentz, der persönliche Adjutant Albert Bormann, der Marineadjutant Karl-Jesko von Puttkamer,[52] Hitlers Leibarzt Theodor Morell und viele andere, darunter Stenographen und Sicherheitsbeamte, wurden in den folgenden Nächten von Berlin zum Regierungsflughafen Reichenhall-Berchtesgaden bei Ainring oder nach Salzburg geflogen und von dort auf den Obersalzberg gebracht.[53] Wer genau dazugehörte, welche Dokumente eilig verpackt mitgenommen wurden und was sich bis dahin tatsächlich im Bunker um Hitler herum abgespielt hatte, ist nur bruchstückhaft zu rekonstruieren. Die schriftlichen Zeugnisse darüber stammen beinahe ausschließlich aus der Nachkriegszeit, als die Beteiligten zunächst in den Verhören durch alliierte Offiziere so wenig wie möglich von sich selber preisgaben und auch Jahrzehnte später ihre eigenen Gedanken verschwiegen oder selbst Erlebtes und über die Jahre Gehörtes nicht mehr auseinanderhielten. So ist auch unklar, was nach dem 21. April auf dem Obersalzberg geschah, wo die ausgeflogenen Mitarbeiter auf den dort bereits wartenden Clan Eva Brauns trafen: ihre Mutter Franziska Braun, die Schwestern Margarete und Ilse und ihre beste Freundin Herta Schneider. Als ranghöchster NS-Politiker hatte sich aber auch Hermann Göring mit seiner Familie in seinem Landhaus auf dem Obersalzberg verschanzt und sogar seine Kunstsammlung von seinem Landsitz Carinhall bei Berlin in mehreren Sonderzügen nach Berchtesgaden bringen lassen, wo Otto Dietrich und Hans Heinrich Lammers ebenfalls Quartier bezogen.[54]
Alle hofften ständig auf Nachrichten und Anweisungen aus Berlin, von wo auch nach dem 21. April noch immer Kuriermaschinen nach Salzburg flogen. So erreichte am 22. April ein Brief Eva Brauns den Berghof, in dem sie ihrer Freundin Herta bereits ihren eigenen Tod und denjenigen Hitlers ankündigte. Das Ende rücke «näher und näher», schrieb sie, und dies werde wohl «das letzte Lebenszeichen» von ihr sein, denn der «Führer» habe «seinen Glauben verloren». Zugleich bat sie aber darum, die anderen davon nicht zu unterrichten, sondern die offizielle Meldung vom Ende Hitlers abzuwarten.[55] Hintergrund des Schreibens war der totale psychische Zusammenbruch des «Führers» in einer Lagebesprechung am Nachmittag dieses Tages, als er erfuhr, dass ein von ihm befohlener Gegenangriff unter dem Kommando von SS-Obergruppenführer Felix Steiner nicht erfolgt war. Nach einem halbstündigen Wutausbruch war er in seinem Stuhl in sich zusammengesunken und hatte erklärt, der Krieg sei verloren, alle sollten Berlin verlassen, er werde bleiben.[56] Am folgenden Tag nahm Eva Braun ihre Mitteilung über das bevorstehende Ende in einem Brief an ihre Schwester Margarete jedoch wieder zurück und erklärte, dass Hitler wieder «heller als gestern in die Zukunft» sehe und dass es noch Hoffnung gebe, aber dass sie sich «selbstverständlich» auf keinen Fall «lebend fangen lassen» würden.[57]
In seinem Landhaus auf dem Obersalzberg bezweifelte Hermann Göring unterdessen, dass der «Führer» im brennenden Berlin überhaupt noch in der Lage war, die Geschicke des Reiches zu leiten. Zwar kannte er den Brief Eva Brauns nicht. Aber über seinen Stabschef, General Karl Koller, hatte er erfahren, dass Hitler jetzt aufgegeben habe und sich töten wolle. Die Information schien verlässlich, denn sie stammte von seinem Stellvertreter, Generalmajor der Luftwaffe Eckart Christian. Dessen Ehefrau, die Hitler-Sekretärin Gerda Daranowski, hatte den Zusammenbruch des Führers im Bunker persönlich miterlebt.[58] Göring bat daher Hitler in einem Funkspruch, ihm für den Fall, dass dieser seiner «Handlungsfreiheit beraubt» sei, als designiertem «Führer- und Reichskanzler-Nachfolger» die «Gesamtführung des Reiches» zu überlassen. Hitler, der sich inzwischen wieder gefangen hatte, soll daraufhin getobt haben, da er, bestärkt von Bormann, Görings eigenmächtigen Vorstoß als «Verrat» betrachtete. Aus seinem unterirdischen Betonbunker kabelte er, von «Handlungsfreiheitsberaubung» könne bei ihm gar keine Rede sein, und ließ Göring von der SS verhaften.[59]
Nur wenige Stunden später, am Morgen des 25. April, griffen 359 britische Lancaster-Bomber den Obersalzberg an und zwangen seine Bewohner, die Luftschutzkeller aufzusuchen. Allerdings blieb der Berghof selbst von den Bomben weitgehend verschont.[60] Kurz danach erschien Hitlers persönlicher Adjutant Julius Schaub und vernichtete auf Weisung des NS-Führers den Inhalt seines Panzerschranks. Wortlos habe er, erinnerte sich Christa Schroeder, auf der Terrasse Briefe, Akten und Bücher verbrannt.[61] Spätestens jetzt war allen klar, dass Hitler nicht mehr kommen würde. Neben Göring, der von der SS auf seine Burg Mauterndorf, sechzig Kilometer von Salzburg entfernt, gebracht wurde, als sich amerikanische Truppen Berchtesgaden näherten, verließen auch andere nun den Obersalzberg.[62]
Inzwischen hatte die sowjetische Armee am 25. April den Ring um Berlin geschlossen und rückte auf das Stadtzentrum vor. Sie stieß dabei auf Einheiten der Wehrmacht, der SS, des «Volkssturms» und der HJ, von denen sie in einen blutigen, verlustreichen Straßen- und Häuserkampf verwickelt wurde. Es werde «um jeden Fußbreit Boden gerungen», gab das Oberkommando der Wehrmacht, das sich schon nicht mehr in der Stadt befand, über den Rundfunk bekannt. Noch eine Woche sollte die sogenannte «Schlacht um Berlin» dauern, während Hitler und seine letzten Getreuen ihre Jagd auf «Verräter» in den eigenen Reihen fortsetzten.
Hitler zeichnet im Garten der Reichskanzlei Angehörige der HJ für ihren Fronteinsatz aus, 20. März 1945
Am 16. April, eine Woche bevor Göring von der SS in Gewahrsam genommen wurde, war bereits Karl Brandt durch den berüchtigten, für die «Sonderbehandlung» politischer Gegner zuständigen Chef der Gestapo, Heinrich Müller, verhaftet und in einem von Goebbels geleiteten Standgerichtsverfahren zum Tode verurteilt worden; allerdings wurde das Urteil nicht mehr vollstreckt.[63] Auch hier lautete der Vorwurf auf Hochverrat. Denn Brandt hatte in einem Bericht an Hitler unverblümt auf die katastrophale medizinische Versorgungslage hingewiesen und offenbar Anfang April eigenmächtig die Arbeit des Generalkommissariats für das Sanitäts- und Gesundheitswesen mehr oder weniger eingestellt und Mitarbeiter beurlaubt.[64] Außerdem wurde er beschuldigt, seine Frau und seinen Sohn in das seit dem 1. April von US-Truppen besetzte Thüringen geschickt zu haben, damit seine Familie und schließlich auch er selber zu den Amerikanern überlaufen könnten.[65] An das eigene Überleben zu denken und sich in Sicherheit zu bringen, sah Hitler als Treuebruch an und verlangte von seinen politischen Mitstreitern, dass sie der Richtlinie folgten, die er zu Beginn des Krieges ausgegeben hatte: Sieg oder Tod – Kämpfen bis zuletzt. Außerdem hatte Brandt nicht nur einen Eid auf den «Führer» geleistet, sondern war als Mitglied der SS auch noch dem Gelöbnis «Meine Ehre heißt Treue» verpflichtet.[66]
Die Vorstellung Hitlers, von allen verlassen und von Verrätern umgeben zu sein, scheint von Bormann und Goebbels, der am 22. April mit seiner Ehefrau und seinen sechs Kindern zu ihm in den Bunker zog, und nicht zuletzt von Eva Braun – abgeschlossen von der Außenwelt und den eigenen Tod vor Augen – befördert worden zu sein. «(W)arum ist Brandt nicht hier?», habe sie Hitler gefragt, erinnerte sich später Gertraud Junge. Und über Speer: «Er war doch dein Freund.»[67] Nicolaus von Below, der Hitler voller Überzeugung in dessen letztes «Hauptquartier» unter der Erde gefolgt war, teilte ebenfalls die Auffassung von der Preisgabe des «Führers» und ging sogar noch darüber hinaus. Nachdem er mit einem Auftrag Hitlers den Bunker verlassen hatte und während er sich auf der Flucht vor den Alliierten befand, notierte er Monate später handschriftlich, Hitler sei von seinen Generälen – so in der «Generals-Revolte vom 20. Juli» – und von seinen eigenen Leuten aus der Partei, angefangen bei Gregor Strasser, Ernst Röhm und Rudolf Heß bis hin zu Göring und Himmler, verraten worden. Während der «Führer» allen viel zu lange die Treue gehalten habe, ja an seiner Treue zugrunde gegangen sei, hätten die anderen sie oftmals nicht erwidert. Überdies sei er falsch beraten worden, und seine Befehle habe man oft nicht richtig weitergegeben. Auch Speer sei kein zuverlässiger Ratgeber gewesen, sondern habe ihm nur «nach dem Munde» geredet, und Göring, den Below einen «Blender» nannte, habe seine alte Freundschaft zu ihm nur ausgenutzt.[68]
Dennoch stattete selbst der von Below so kritisch gesehene Speer Hitler noch einen letzten Besuch im Bunker ab. Dabei trieb ihn offenbar das schlechte Gewissen, als er sich am 23. April 1945 mit dem Flugzeug aus dem mecklenburgischen Rechlin, der zentralen Versuchsanlage der Luftwaffe, in das unter russischem Artilleriebeschuss liegende Stadtzentrum von Berlin bringen ließ. Zwar streifte er, der einst über die Maßen protegierte und verwöhnte Freund Hitlers, in seinen Erinnerungen die dramatischen Umstände seiner letzten Begegnung mit Hitler nur kurz, indem er lapidar erklärte, er habe den «Führer» noch einmal «sehen» und «von ihm Abschied nehmen» wollen.[69] Aber fünf Jahre später, während der Arbeit an seinen Spandauer Tagebüchern im September 1974, bekannte Speer auf Drängen des Verlegers Wolf Jobst Siedler und seines Lektors Joachim Fest, er habe sich nach Jahren der Freundschaft nicht «einfach aus dem Staub machen» wollen. Und er berichtete, wie er noch einmal auf die Frauen getroffen sei, deren Vertrauter er einst gewesen war und die sich nun zum Sterben entschlossen hatten – Eva Braun und Magda Goebbels –, wie er die Todesangst Bormanns bemerkt habe, der nichts lieber getan hätte, als sich zu seiner Familie auf den Obersalzberg abzusetzen,[70] und wie er dann ein hochemotionales, sich über mehrere Stunden hinziehendes Trennungsgespräch mit Hitler führte, bei dem dieser an den Fingernägeln gekaut und geweint habe und er, Speer, ihm schließlich angeboten habe, zu bleiben.[71] Wie sich die Begebenheit wirklich abspielte und worüber gesprochen wurde, kann jedoch außer Speer niemand wissen, da er der einzige überlebende Zeuge war. Sicher ist nur, dass er nach einem weiteren Gespräch mit Hitler den Bunker unbehelligt verließ, ohne des «Verrats» bezichtigt zu werden, und dass er vom Flugplatz Rechlin nicht sofort in das unzerstörte Hamburger Hotel Atlantic zurückkehrte, in dem er luxuriös residierte, sondern zunächst zu Himmler nach Hohenlychen fuhr und später zu Admiral Dönitz nach Flensburg.[72] Für Speer hatte die Zeit nach Hitler bereits begonnen.
Hermann Fegelein hingegen, der Verbindungsoffizier Himmlers im Führerhauptquartier und Schwager Eva Brauns, der drei Jahre zuvor von Hitler noch mit dem Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war und sich nun auf seine Weise dem Tod im Bunker zu entziehen versuchte, wurde von Beamten des Reichssicherheitsdienstes in seiner Charlottenburger Privatwohnung aufgegriffen, verhaftet und am 28. April auf Befehl Hitlers erschossen. Unmittelbar davor war im Bunker die Meldung des Londoner Rundfunks eingegangen, dass Himmler mit den Westmächten verhandelt und England und den USA die bedingungslose Kapitulation angeboten habe. Hitler war überzeugt, dass Fegelein von diesen Gesprächen wusste und damit zur «Verräter-Clique» um Himmler gehörte.[73] Ob dort am Tag darauf auch noch die Nachricht vom Tod Mussolinis eintraf, der gemeinsam mit seiner Geliebten Clara Petacci am Comer See von kommunistischen Widerstandskämpfern erschossen worden war und deren Leichen man in Mailand – kopfüber aufgehängt am Dachbalken einer Esso-Tankstelle – öffentlich zur Schau gestellt hatte, ist ungewiss.[74] Die Insassen des Bunkers in Berlin rechneten nun jedenfalls, ebenso wie Mussolini in seinen letzten Tagen, ständig mit ihrem Tod. Da sie fürchteten, sowjetische Soldaten könnten in den Bunker eindringen, wurden Giftampullen herumgereicht. Hitler und Eva Braun, die in der Nacht geheiratet hatten, bereiteten ihre Selbsttötung vor, und der «Führer», der weder lebendig noch tot in die Hände seiner Feinde fallen wollte, erteilte Anweisung, ihre Leichen zu verbrennen.[75]
Die Meldung vom Tod Hitlers erreichte den Berghof am Abend des 1. Mai 1945, als der Reichssender Berlin verkündete, der «Führer» sei «in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen».[76] Wilhelm Nettersheim, ein Beamter des Reichssicherheitsdienstes, der noch wenige Tage zuvor für den persönlichen Schutz Hitlers im Bunker gesorgt hatte und um den 23. April nach Salzburg ausgeflogen worden war, hörte davon durch seine Vorgesetzten, die durch die Flure der SS-Kaserne auf dem Obersalzberg riefen: «Der Chef ist tot. Der Eid ist aufgehoben. Jeder für sich.»[77]
Damit hatte die durch den Eid auf den Führer bekräftigte Loyalität zum NS-Regime ihre Bindekraft verloren. Der Führerstaat hatte aufgehört zu bestehen. Und auch der Kreis, der sich seit Beginn der 1920er Jahre um Hitler gebildet hatte, war nunmehr «führerlos». Nahezu zweieinhalb Jahrzehnte lang hatte die Ausrichtung auf die Person Hitlers der nationalsozialistischen Diktatur eine Struktur gegeben – ebenso wie Hitler umgekehrt eines «Hofstaates» bedurfte, um seine Führerrolle spielen zu können.
Doch wie hatte dies alles begonnen? Wie hatte sich jene Gruppe von Personen zusammengefunden, aus der später der «innere Kreis» um Hitler hervorgehen sollte? Und wie veränderte sich die Zusammensetzung dieses Kreises auf dem Weg zur «Berghof-Gesellschaft»?
2.
Am Biertisch nach einer Versammlung im Hofbräuhaus, v. l. n. r.: Karl Fiehler, Gregor Strasser, Christian Weber, Hitler, Franz Xaver Schwarz, Max Amann und Ulrich Graf, 1930
Am Abend des 22. September 1920 ist der Festsaal im Münchner Hofbräuhaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Mehrere Tausend Menschen warten in einer zum Schneiden dicken Luft aus Bier-, Rauch- und Essensdunst auf den Beginn einer Parteiversammlung der NSDAP. Angekündigt ist ein einziger Redner: Adolf Hitler. Er wird zum Thema «Friede der Versöhnung oder Gewalt» sprechen und dabei vor allem den «Schandfriedensvertrag» von Versailles und die «Versklavung» des deutschen Volkes anprangern. Als der Österreicher gegen acht Uhr den Saal betritt, bricht stürmische Begeisterung aus. Doch Hitler kommt nicht allein. Wie zwei Tage zuvor im Kindl-Keller ist er von einer Clique treuer Anhänger umgeben: Christian Weber, Hermann Esser, Ernst Röhm, Dietrich Eckart, Rudolf Heß, Emil Maurice, Alfred Rosenberg und Ulrich Graf. Sie bilden eine Art Entourage um den fähigsten Propagandisten der kleinen Partei, bewachen seine Auftritte und schützen ihn, versorgen ihn mit wichtigen gesellschaftlichen Kontakten und setzen ihn in Szene. Sie machen ihn zum «Führer».[1]
Als Hitler sieben Jahre vorher, im Mai 1913, in Begleitung seines Freundes Rudolf Häusler, eines arbeitslosen Kaufmanns, von Wien nach München zog, kannte er dort noch niemanden. Gemeinsam wohnten sie zur Untermiete in einem Zimmer der Familie des Schneiders Joseph Popp in der Schleißheimer Straße 34. Hitler habe damals, heißt es, abgesehen von seinem österreichischen Gefährten «keine Freunde» gehabt, «Leere und Einsamkeit» seien in seinem Leben vorherrschend gewesen.[2] Über die politischen Entwicklungen jener Zeit habe er sich im Milieu der «Stammtischphilosophen und Weltverbesserer in Eckcafes, der Spinner und halbgebildeten Alleswisser», informiert und in Bierkellern heftig diskutiert.[3] Noch im Alter von 25 Jahren sei er nicht fähig gewesen, «enge und dauerhafte Freundschaften zu schließen».[4]
Allerdings gibt es für diese Aussagen keinen Beleg. Es ist gänzlich unklar, mit wem Hitler sich in der bayerischen Landeshauptstadt umgab, vor allem nachdem Häusler im Sommer 1914 wieder nach Österreich zurückgekehrt war. Häusler, der 1972 in Wien starb, hat sich über die gemeinsame Münchner Zeit nie öffentlich geäußert.[5] Und auch Hitler beschrieb mehr als zehn Jahre später in seinem teilweise autobiographischen politischen Manifest Mein Kampf die Anfänge in München nur ungenau. So erklärte der inzwischen 36-Jährige, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sei «die glücklichste und weitaus zufriedenste» Phase seines Lebens gewesen. Er habe gemalt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und sich daneben dem «Studium der politischen Tagesereignisse» gewidmet. Namen nannte er keine. Lediglich einmal sprach er von «den kleinen Kreisen» seiner Bekannten, allerdings ohne nähere Angaben zu einzelnen Personen zu machen.[6]
Max Amann und Hitler während des Ersten Weltkrieges
Tatsächlich lernte Hitler seine späteren politischen Mitstreiter und engsten Vertrauten zumeist erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kennen. Lediglich Max Amann, im NS-Staat mächtiger Reichsleiter für die Presse, und Fritz Wiedemann, der 1935 Hitlers persönlicher Adjutant werden sollte, kamen bereits während des Krieges mit ihm in Berührung, da sie demselben bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16 angehörten, in dem auch ihr künftiger «Führer» diente. Beide zählten zu den Vorgesetzten Hitlers im Regimentsstab, in den dieser im November 1914 als Meldegänger abkommandiert worden war. Eine engere persönliche Bekanntschaft über das Dienstliche hinaus lässt sich für die Kriegsjahre jedoch nicht nachweisen. Allerdings hatten der Regimentsadjutant Wiedemann und Unteroffizier Amann als sein Regimentsschreiber ständig mit ihrem Meldegänger Hitler zu tun, der als Gefreiter einen der untersten Mannschaftsdienstgrade bekleidete.[7] In seinen Erinnerungen zwanzig Jahre nach dem Untergang des «Dritten Reiches» bemerkte Wiedemann dazu, die Rangfolge «Wiedemann–Amann–Hitler» habe sich «nach 1933 ins Gegenteil» verkehrt. Hitler habe als Reichskanzler nun oben und er, Wiedemann, als dessen Adjutant ganz unten gestanden.[8] Ausgerechnet jener Soldat, der ihm als «ein besonders ruhiger, bescheidener und zuverlässiger Untergebener» ohne besondere «Führereigenschaften» im Gedächtnis geblieben war, hatte eine solche, gänzlich unvorhersehbare Entwicklung genommen.[9] Wiedemann mochte sich in der Rückschau aber nicht daran erinnern, zu welchem Zeitpunkt er Hitler persönlich und politisch nähergekommen war. Sie hätten sich, berichtete er, zu Beginn der zwanziger Jahre ganz unerwartet wiedergesehen.[10]
Auch Max Amann ließ die Umstände seiner frühen Verbindung zu Hitler zunächst im Dunkeln. So heißt es in der Zusammenfassung eines Gesprächs, das er im Dezember 1946 als Zeuge der Anklage für die Nürnberger Nachfolgeprozesse mit dem jungen Amerikaner Philipp Fehl führte, er sei Hitler im Frühjahr 1920, wenige Monate nach seiner Entlassung aus der Reichswehr, zufällig in München begegnet. Er habe ihn in Uniform angetroffen und von ihm erfahren, dass er für die Reichswehr Vorträge über die Gefahren des Bolschewismus halte und beabsichtige, eine eigene Partei zu gründen.[11] Glaubt man dem Besprechungsprotokoll, hatten sich die beiden fast gleichaltrigen Männer zu einem Zeitpunkt in München wiedergetroffen, als dort infolge des verlorenen Krieges chaotische Zustände herrschten. Bürgerkriegsähnliche Verhältnisse bestimmten den politischen Alltag. Viele Menschen lebten in Elendsquartieren und hungerten; vor allem Kinder starben an Tuberkulose und Rachitis. Der Versuch, in Bayern nach dem Ende der Monarchie im November 1918 eine kommunistische Räterepublik nach sowjetischem Vorbild zu errichten, war zwar gescheitert, hatte aber paramilitärische Verbände entstehen lassen, in deren Umfeld antikommunistische, antidemokratische, antisemitische und extrem nationalistische Gegenkräfte gediehen.[12]
Wie viele Kriegsheimkehrer, so hatten auch Amann und Hitler dort Anschluss gesucht. Letzterer war über Spitzeldienste in der Reichswehr, für die er die sich neu entwickelnde Parteienlandschaft in München auskundschaften und Umstürzler in den eigenen Reihen ausfindig machen sollte, zum Mitbegründer und Propagandaredner der strikt antisemitischen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) geworden. Als Amann 1920 Hitler wiederbegegnete, füllte dieser schon ganze Bierhaussäle. Die NSDAP wandte sich in ihrem Programm entschieden gegen Großgrundbesitzer und Kapitalisten, forderte unter anderem die «Einziehung aller Kriegsgewinne» sowie die «Abschaffung mühelosen Einkommens» und erklärte, «Wucherer und Schieber» seien «mit dem Tode zu bestrafen».[13] Damit bestanden enge weltanschauliche Berührungspunkte zu Amann, der eine kaufmännische Ausbildung besaß und damals für die Bayerische Landessiedlung arbeitete, einen staatlich geförderten Verband, dessen Grundstücks- und Hypothekenhandel vor allem Kleinbauern, Landarbeitern und Kriegsinvaliden zugutekommen und Bodenspekulationen verhindern sollte.[14] So ließ sich der Kontakt zwischen Amann und Hitler im Frühjahr 1920 umgehend neu beleben – falls er überhaupt je abgebrochen war. Im Jahr darauf, als Hitler am 29. Juli 1921 die Führung der NSDAP übernahm, ernannte er Amann, den er seit 1914 und damit länger als irgendeinen seiner Parteigenossen kannte, zum Geschäftsführer. Amann erklärte dazu später, er habe damals seine «pensionsberechtigte Stellung als Abteilungsleiter» aufgegeben, um «als Idealist» seinem «Kriegskameraden zu folgen».[15]
Ebenso wie Hitler war auch Amann Antisemit. Er gehörte jedoch nicht, wie oft behauptet wird, zu den Mitgliedern der völkischen Thule-Gesellschaft, in die nur aufgenommen wurde, wer den Nachweis seiner «arischen» Herkunft erbrachte.[16] Vielmehr bestand Amanns einzige Verbindung zu dieser Gesellschaft darin, dass er am 1. April 1922 auf Veranlassung Hitlers die Leitung des Verlages Franz Eher Nachf. übernahm, der einmal zur Thule gehört hatte, aber Ende 1920 von der NSDAP aufgekauft worden war. Somit war Hitler inzwischen de facto Besitzer des Verlages, in dem auch das NS-Wochenblatt Völkischer Beobachter erschien.[17]
Der Einstieg Amanns in die NSDAP verdeutlicht, dass Hitler sich zu Beginn der 1920er Jahre keineswegs mit der Rolle des «Trommlers» begnügte, wie viele Historiker behaupten.[18] Vielmehr besetzte er schon zu diesem frühen Zeitpunkt zielgerichtet Schlüsselpositionen mit Personen seines Vertrauens, um die von ihm in der neuen Bewegung erlangte Stellung abzusichern. Zwar hatte er bereits 1919/20 wiederholt ehemalige Regimentskameraden für «seine» Partei rekrutiert. Doch erst als er die Führung der NSDAP übernahm, wandte er sich an seine einstigen Vorgesetzten im Regimentsstab.[19] Mit dem ebenso loyalen wie brutalen Amann wurden sogar gleich zwei wichtige Machtfelder besetzt: die Lenkung des NS-Presseorgans und die Kontrolle der Finanzen.
Nicht minder wichtig war für Hitler zu dieser Zeit die Begegnung mit Ernst Röhm. Anders als über Amann ist über den Berufsoffizier Röhm und dessen Bedeutung für die Etablierung der NSDAP in der bayerischen Politik viel geforscht und geschrieben worden.[20] Dennoch sind bis heute noch manche Fragen offen, weil die persönlichen Unterlagen Röhms nach dessen Ermordung 1934 weitgehend vernichtet wurden. So bleiben der genaue Zeitpunkt und die näheren Umstände der ersten Begegnung mit Hitler unbekannt. Aus Röhms 1928 erstmals erschienenen Memoiren mit dem herausfordernden Titel Die Geschichte eines Hochverräters ist nur vage herauszulesen, dass er den zwei Jahre jüngeren Gefreiten im Frühjahr 1920 auf einem Treffen der völkischen Offiziersvereinigung «Eiserne Faust» kennenlernte. Da Röhm und Hitler zu dieser Zeit bereits Mitglieder der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) waren, liegt die Vermutung nahe, dass beide sich auch schon in Parteiversammlungen der NSDAP-Vorgängerorganisation begegnet waren.[21] Jedenfalls gehörte Röhm zu jenen Parteigenossen, die sich frühzeitig um Hitler als den mit Abstand besten Redner und «rücksichtslosesten Bekämpfer» der Weimarer Demokratie scharten – also noch bevor dieser zum Parteiführer aufstieg.[22] Beide verband zudem die Überzeugung, dass 1918 das «heldische» Deutschland im «Felde nicht unterlegen» gewesen sei; Illoyalität und Verrat in der Heimat hätten die Novemberrevolution erst ermöglicht und in deren Folge die Kriegsniederlage herbeigeführt. Deshalb war es Röhms erklärtes Ziel, «dem deutschen Frontkämpfer den ihm gebührenden Anteil an der Leitung des Staates zu erkämpfen», nachdem der «Sieg der Drückeberger, Deserteure und Schieber vom November 1918» ihn, wie es in seinen Memoiren heißt, «zwangsläufig auf das Gebiet der Politik» geführt hätte.[23]
Ernst Röhm als Hauptmann der Reichswehr, 1923
Für Hitlers Ambitionen, die NSDAP zu «seiner» Partei zu machen, war der «politische Soldat» Röhm, der nach Kriegsende 1918 nie richtig im zivilen Leben angekommen war, indessen unverzichtbar. Denn Röhm, der als Versorgungsoffizier der bayerischen Reichswehr an den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages vorbei geheime Waffenlager anlegte und deshalb respektvoll «Maschinengewehrkönig von Bayern» genannt wurde, war nicht nur ein glänzender Organisator, sondern auch ein eifriger Vermittler von Kontakten. Kaum einmal versäumte er es, wie er selber sagte, in die Versammlungen der DAP, aus der wenig später die NSDAP hervorging, einen Kameraden mitzubringen.[24] Er besaß beste Beziehungen zur Führungsebene der Reichswehr, zu verschiedenen völkischen Wehrverbänden und sogar zum bayerischen Kronprinzen Rupprecht, einem mit höchsten Orden ausgezeichneten Generalfeldmarschall. Schließlich verfügte Röhm als Adjutant des in Bayern zu einer mythischen Heldengestalt verklärten Oberst Franz Ritter von Epp und später als Verbindungsoffizier des Münchener Polizeipräsidenten Dr. Ernst Pöhner über Einflussmöglichkeiten, die dem Gefreiten Hitler verschlossen waren. Vor allem aber kümmerte er sich um die Militarisierung der politischen Rechten und sorgte für den Aufbau und Zusammenschluss völkischer Wehrverbände, darunter die nationalsozialistische «Sturmabteilung» (S. A.).[25
