Hitlers Spion, Österreichs Stimme - Erwin A. Schmidl - E-Book

Hitlers Spion, Österreichs Stimme E-Book

Erwin A. Schmidl

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Beschreibung

SPIONAGE, WIDERSTAND, INTERNATIONALE GESCHÄFTE: EINE BIOGRAFIE WIE AUS EINEM AGENTENROMAN Wilhelm Hamburger (1917–2011) war im Zweiten Weltkrieg Agent der deutschen Abwehr, pro-österreichischer Propagandist für die Briten und nach dem Krieg erfolgreich in internationalen Geschäften tätig. Er stammte aus einer einflussreichen Familie: Sein Vater Fritz Hamburger (1865–1952) war erfolgreicher Industrieller und eng mit Thronfolger Franz Ferdinand bekannt, wurde später jedoch wegen seiner Verwicklung in den NS-Putsch vom Juli 1934 zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt (und 1936 begnadigt). Der junge Wilhelm musste deswegen das noble Theresianum verlassen und studierte ab 1936 in Berlin. Mit seiner Dissertation über die Neuordnung des arabischen Raumes (1940) empfahl er sich für einen Einsatz im Geheimdienst in Istanbul. Dort erkannte er früh die negativen Seiten des NS-Regimes. Im Februar 1944 entkam er knapp seiner gewaltsamen Verbringung nach Deutschland und flüchtete zu den Alliierten. In Kairo verfasste und las er im Sommer 1944 Radiosendungen, die sich an Österreicher in der Wehrmacht richteten. Die 45 erhaltenen Texte, die im Anhang dieses Bandes erstmals im Volltext abgedruckt und kommentiert sind, stellen einzigartige Zeitdokumente über die Vorstellungen und Ziele des österreichischen Widerstands dar.

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Seitenzahl: 628

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Erwin A. Schmidl

Hitlers Spion, Österreichs Stimme

 

 

 

Denn nur, wenn wir glauben, an Österreich glauben und durch es an unsere Zukunft in ihm, werden wir die Zukunft erleben können und nach bestem Wissen und Gewissen handeln und aufbauen können.

(Aus der Sendung Dr. Wilhelm Hendricks-Hamburgers Nr. 26 vom 10. September 1944)

Hinweise für die Leserinnen und Leser:

Wörtliche Zitate sind „kursiv“ gesetzt; Einfügungen in Zitaten durch eckige Klammern […] gekennzeichnet. Zitate sind grundsätzlich buchstabengetreu transkribiert; ich habe lediglich im Sinne der leichteren Lesbarkeit offensichtliche Rechtschreibfehler korrigiert und eindeutige Abkürzungen stillschweigend aufgelöst.

Die „ß/ss-Schreibung“ wurde der neuen Rechtschreibung angepasst, was umso leichter möglich war, als viele Originalzitate auf Schreibmaschinen ohne „ß“ getippt wurden und daher die „neue Rechtschreibung“ gewissermaßen vorwegnahmen.

Im Interesse der Lesbarkeit sind fremdsprachliche (meistens englische) Zitate im Text ins Deutsche übersetzt worden. Im Dokumententeil hingegen sind alle Dokumente in der jeweils originalen Sprache enthalten.

Dr. Wilhelm Hamburger erhielt 1944 von den Alliierten den Decknamen William Hendricks; daher nennt ihn diese Arbeit für die Jahre zwischen 1944 und 1946 Hendricks-Hamburger. Er führte diesen Doppelnamen bei seiner Rückkehr nach Österreich, bevor er 1946 offiziell den Namen Hendricks annahm. Ab da scheint er in diesem Buch unter diesem Namen auf.

Inhalt

Einleitung

1. Teil:Dr. Wilhelm Hendricks-Hamburger – der Lebensweg eines außergewöhnlichen Österreichers

Kindheit und Familie

Wege und Irrwege

Im Berliner Exil

Studium und Interesse am Nahen und Mittleren Osten

Von Wien über Crailsheim nach Istanbul

Istanbul als Drehscheibe der Geheimdienste

Leben und Arbeit in Istanbul

Deutsche Abenteuer im Irak und Iran 1941

Kontakte zum deutschen Widerstand und Gespräche mit den Westalliierten

Die schöne Adrienne

Auf dem Weg zum österreichischen Widerstand

Der Übertritt der Ehepaare Vermehren und Kleczkowski

Hamburgers Übertritt zu den Alliierten

Die Folgen des Überlaufens

In Kairo: Die Befragungen durch die Alliierten

Rundfunkpropaganda für Österreich?

Die alliierte Österreichpolitik

Propaganda aus dem Äther

„Nachrichten aus Österreich“ aus Kairo

Partisanen in Österreich

Über Eisenkappel und Klagenfurt nach Berlin?

Die „Österreichische Freiheitsfront“

Von Kairo nach Khartum

Im Verbindungsbüro zu den Alliierten in Wien

„Kaiser Wilhelm of the Switches“

Grandseigneur und Weltbürger

Familie und Persönlichkeit

Keine Wüstenblume

2. Teil:„Meine österreichischen Hörer!“Die Rundfunksendungen von Dr. Wilhelm Hendricks-Hamburger

Radiopropaganda für Österreich: Dr. Wilhelm Hendricks-Hamburgers Denkschrift vom 2. Juni 1944

1. „Gefahr“ [ohne Datum]

2. „Verantwortlichkeit“ – 6 Minuten [ohne Datum]

3. Austrian Transmission, 13.8.44, Hendricks: „Der Krieg erreicht Österreich“

4. Austrian Transmission (Translation), 17.8.44, Hendricks: “The situation in Germany”

5. Austrian Transmission (Translation), 18.8.44, Hendricks

6. Austrian Transmission, 19.8.44, Hendricks

7. Austrian Transmission, 20.8.44, Hendricks

8. Austrian Transmission, 21.8.44, Hendricks: „Warnung an die Kriegsverbrecher“

9. Austrian Transmission, 22.8.44, Hendricks: „Über die Zukunft Österreichs“

10. Austrian Transmission (Translation), 24.8.44, Hendricks

11. Austrian Transmission, 25.8.44, Hendricks

12. Austrian Transmission, 26.8.44, Hendricks

13. Austrian Transmission, 27.8.44, Hendricks

14. Austrian Transmission, 28.8.44, Hendricks

15. Austrian Transmission, 30.8.44, Hendricks

16. Austrian Transmission, 31.8.44, Hendricks

17. Austrian Transmission, 1.9.44, Hendricks: „Zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen“

18. Austrian Transmission, 2.9.44, Hendricks

19. Austrian Transmission, 3.9.44, Hendricks for Mj. MacMurray

20. Austrian Transmission, 4.9.44, Hendricks

21. Austrian Transmission, 5.9.44, Hendricks

22. Austrian Transmission, 6.9.44, Hendricks for Mj. MacMurray

23. Austrian Transmission, 6.9.44, Hendricks

24. Austrian Transmission, [7.]9.44, Hendricks

25. Austrian Transmission, 8.9.44, Hendricks

26. Austrian Transmission, 10.9.44, Hendricks

27. Austrian Transmission, 11.9.44, Hendricks

28. Austrian Transmission, 12.9.44, Hendricks

29. Austrian Transmission, 15.9.44, NACHRICHTEN AUS ÖSTERREICH

30. Austrian Transmission, 16.9.44, Hendricks (zwei Versionen: a und b)

31. [Streikunruhen in den Daimler- und Steyr-Werken, 17.9.44]

32. [NACHRICHTEN AUS] ÖSTERREICH, 17.9.[1944]

33. Austrian Transmission, 19.9.44: NACHRICHTEN AUS ÖSTERREICH

34. Austrian Transmission, 20.9.44, Hendricks

35. Austrian Transmission, 21.9.44: NACHRICHTEN AUS ÖSTERREICH

36. Austrian Transmission, 21.9.44, Hendricks

37. Austrian Transmission, 22.9.44, Hendricks: Die Stunde der Entscheidung

38. Austrian Transmission, 23.9.44, Hendricks

39. Austrian Transmission, 25.9.44: NACHRICHTEN AUS ÖSTERREICH

40. Austrian Transmission, 25.9.44, Hendricks

41. Austrian Transmission, 26.9.44, Hendricks

42. Austrian Transmission, 27.9.44, Hendricks

43. Austrian Transmission, 28.9.44: DIE STIMMUNG IN ÖSTERREICH

44. Austrian Transmission, 28.9.44, Hendricks

45. Austrian Transmission, Cairo

Anhang 1: Lebenslauf von Dr. Wilhelm Hamburger/Hendricks

Anhang 2: Widerstand

Quellen und Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Danksagung

Zum Autor

Einleitung

Dr. Wilhelm „Willy“ Hamburger, später Hendricks (1917–2011), stammt aus einer bedeutenden österreichischen Industriellenfamilie und gehört sicher zu den bemerkenswerten, aber dennoch kaum bekannten Gestalten der österreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Als Historiker hatte er 1940 über die politische Neuordnung des arabischen Raums dissertiert und erschien dadurch qualifiziert, als Offizier der deutschen Abwehr, d. h. des militärischen Geheimdienstes, in Istanbul eingesetzt zu sein. In der neutralen Türkei – wo ihm Informationen von allen Seiten zugänglich waren – distanzierte er sich zunehmend vom nationalsozialistischen Regime, hatte seit 1942/43 Kontakte zuerst zum deutschen und dann zum sich formierenden österreichischen Widerstand und zu Vertretern britischer und amerikanischer Geheimdienste, die in Istanbul ebenfalls aktiv waren. Ein Autor charakterisierte die Stadt am Bosporus, in Anspielung an den bekannten Film mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman von 1942, als das „wahre Casablanca“ („True-Life Casablanca“) dieses Krieges.1 Im Februar 1944 lief Hamburger schließlich zu den Alliierten über, um einer Verhaftung durch den deutschen Sicherheitsdienst zu entgehen. Nach Befragungen durch den britischen Geheimdienst wirkte er beim britischen Hauptquartier in Kairo, wo er Rundfunksendungen verfasste und teilweise selbst sprach, die sich an Österreicher – „Ostmärker“ – in der Wehrmacht richteten und in denen er sie aufrief, zu desertieren und an Österreichs Zukunft zu glauben. Anfang 1946 kehrte er nach Österreich zurück, wo man dem „Verräter“ aber ablehnend gegenüberstand. Schließlich begann Dr. Wilhelm Hendricks, wie er sich fortan unter Benützung seines britischen Decknamens aus der Kriegszeit nannte, eine erfolgreiche Karriere in der Wirtschaft und entwickelte sich zum international anerkannten Experten für Gegengeschäfte – man nannte ihn „Kaiser Wilhelm of the Switches“.

Ich selbst kam erst 2008 – im Zuge von Forschungen zu einem anderen Thema – mit Dr. Hendricks in Kontakt und konnte in den folgenden Jahren, bis zu seinem Tod 2011, mehrere Gespräche mit ihm führen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters war er bis zuletzt geistig klar und verfügte über ein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen. Seine Erinnerungen habe ich durch archivalische Quellen und Angaben in der Literatur zu überprüfen und zu ergänzen gesucht. Dennoch bleiben einige offene Fragen – so ist unklar, wie lange und in welcher Weise er nach 1945 für den US-Geheimdienst gearbeitet hat (es gibt nur die Angabe, dass er 1946 zwei Monate „probeweise“ verwendet wurde). Vor allem aber wissen wir nicht, warum er Ende 1944 von seiner Propagandatätigkeit in Kairo abberufen und fast ein Jahr lang in Khartum interniert wurde. Er selbst hatte dafür keine Erklärung, und auch die Akten konnten diesen Punkt seiner Biografie bisher nicht erhellen.

Als hilfreich für die Arbeit erwies sich, dass er viele Schriftstücke und Unterlagen noch bei sich hatte. Darunter befanden sich die Manuskripte zu den Rundfunksendungen, die er in Kairo für die britische Kriegspropaganda verfasst hatte. Diese erschienen mir als Quelle interessant genug, sie zu edieren – und damit entstand die Idee zu diesem Buch.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile.

Der erste Teil schildert das ereignisreiche Leben dieses Österreichers, der – als studierter Historiker – im Zweiten Weltkrieg zunächst für die deutsche Abwehr und dann für die Alliierten tätig war. Dabei liegt das Schwergewicht naturgemäß auf den Kriegsjahren, doch ist es für die Annäherung an seine Persönlichkeit notwendig, seine Familie und seine Jugend ebenso zu schildern wie – wenigstens kursorisch – sein weiteres Leben nach dem Krieg zu skizzieren.

Die meisten Angehörigen des „österreichischen Exils“ waren Menschen, die 1938 aus rassischen oder politischen Gründen vertrieben wurden oder gerade noch entkommen konnten.2 Dr. Hendricks-Hamburger war hingegen keineswegs von vornherein einer Opposition – weder national-konservativer noch „antifaschistischer“ Observanz – gegen den Nationalsozialismus zuzurechnen. Im Gegenteil: Sein Vater war 1935 wegen Unterstützung der illegalen Nationalsozialisten zu lebenslangem Kerker verurteilt worden. Der Sohn musste daraufhin die Schule verlassen und schloss das Gymnasium schließlich im Exil in Berlin ab. Als Sohn eines „Alten Kämpfers“ wurde er von NS-Institutionen betreut und unterstützt und erwartete wohl nicht grundlos, in der Folge in diesem System Karriere zu machen. Dass er durchaus kritische Distanz zu den herrschenden Verhältnissen bewahrte, war zu dieser Zeit wohl mehr in jugendlicher Aufmüpfigkeit als in einer österreichischen Identität begründet. Gerade das macht seinen Gesinnungswechsel im Laufe der Kriegsjahre so interessant.

In seiner Position als Mitarbeiter des deutschen militärischen Nachrichtendienstes, der „Abwehr“, in Istanbul war er zweifellos besonders privilegiert – einerseits weil er, anders als die meisten seiner Altersgenossen, der direkten Gefahr im Krieg entzogen war, und andererseits durch den Zugang zu Informationen aus aller Welt in der neutralen und faszinierenden Weltstadt am Bosporus. Dies ermöglichte und förderte seine zunehmende kritische Distanz zum Dritten Reich und führte letztlich zum Entschluss, sich zuerst für den Widerstand gegen das NS-Regime zu engagieren und in weiterer Folge für ein künftiges freies Österreich zu begeistern. Die Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943 mit der Ankündigung der Wiederherstellung Österreichs begrüßte er als wichtiges Signal – und schickte aus lauter Freude den Damen der österreichischen Kolonie Blumen.

Dieses Verhalten blieb nicht unbemerkt – insbesondere der deutsche Sicherheitsdienst (SD), der neben und in Konkurrenz mit der militärischen Abwehr in Istanbul tätige politische Geheimdienst des SS-Apparats, forderte seit 1942 seine Rückberufung oder sogar Verhaftung. Angesichts seiner drohenden gewaltsamen Verbringung ins Deutsche Reich entschloss sich Dr. Hamburger schließlich im Februar 1944, zu den Alliierten überzulaufen, wo er den Decknamen „Hendricks“ erhielt (den er ab 1946 auch in Österreich führte). Nach seinen Einvernahmen durch den britischen Geheimdienst in Kairo engagierte er sich für die alliierte Rundfunk-Propaganda. Damit gehörte er zweifellos zu jenen Österreichern, die im letzten Kriegsjahr ihren Anteil zur Befreiung Österreichs geleistet hatten, wie er in der Moskauer Deklaration eingefordert worden war.

Wertfrei betrachtet, war der deutsche Geheimdienst-Offizier Dr. Wilhelm Hendricks-Hamburger natürlich ein Deserteur und Überläufer – sein Handeln ist nur unter Bezug auf das damalige Regime und die damaligen Bedingungen zu verstehen und zu würdigen. Er selbst sah sich als patriotischen Österreicher im Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft, der für die Wiedererrichtung eines freien Österreichs eintrat. Der Widerstand in Österreich hat aber – anders als in anderen Staaten – „keinen Mythos gezeugt“, was der Salzburger Historiker Ernst Hanisch mit der heimischen Tradition der „Untertanentugend“ zu erklären suchte, die „Nonkonformismus und Dissidententum selten akzeptiert“ habe. Sein jüngerer Kollege Peter Pirker meinte, die Tätigkeit für die Alliierten „wurde […] von den Wehrmachtsveteranen als ‚Verrat‘ des Vaterlandes denunziert, von linken Widerstandskämpfern als unpatriotische Packelei mit dem Imperialismus angeprangert, während rechtskonservative Politiker und Meinungsmacher von der amerikanischen Kultur und Politik ohnedies wenig hielten“. Und in den von Christoph Hatschek bearbeiteten Aufzeichnungen Alfred Paliseks über Österreicher in französischen Diensten hieß es, dass sie sich nach ihrer Rückkehr „vielfach nicht nur den Anfeindungen durch die Bevölkerung, sondern auch wiederholt dem Unverständnis der amtlichen österreichischen Behörden ausgesetzt“ sahen.3 Auch für Deutschland konstatierte kein Geringerer als Klemens von Klemperer (1916–2012), dass der Widerstand (bis auf das „jährliche offizielle Gedenkritual“ zum 20. Juli) „nur in relativ geringem Maße in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen“ sei.4

Jedenfalls kann es kaum überraschen, dass Hendricks-Hamburger nach 1945 in seiner Heimat als „Verräter“ nur wenig Freunde fand, obwohl sein Handeln durchaus im Sinne des Selbstverständnisses der Zweiten Republik lag. Alfons Freiherr von Stillfried und Rathenitz (1887–1974), der in Wien im Widerstand aktiv war, meinte später, dass „Widerständler oder Freiheitskämpfer unbequem, unbeliebt und unerwünscht [waren], und zwar bei allen“.5 Dementsprechend wurde Hendricks-Hamburger aus dem Staatsdienst, in den er 1946 eintrat, schnell hinausintrigiert und widmete sich in der Folge einer ebenso schillernden wie erfolgreichen Karriere in der Wirtschaft.

Sein Leben mit vielen Abs und Aufs spiegelt die Geschichte Österreichs nach 1918 und gewinnt so über das persönliche Schicksal hinaus an Bedeutung. Immerhin stellen Biografien einen wesentlichen Zugang zum besseren Verständnis der Geschichte dar, auch wenn diese Gattung gerade im deutschen Sprachraum – anders als in angelsächsischen Ländern – oft vernachlässigt wird.

Mit dem Hinweis auf die Rundfunksendungen, die er im Spätsommer und Herbst 1944 in Kairo verfasste, kommen wir zum zweiten Teil dieses Buches. Ausgangspunkt für seine Sendungen war eine ziemlich offene Analyse, die er im Juni 1944 den alliierten Propagandabüros in Kairo unterbreitete, warum die bisherigen Sendungen der Alliierten ihr Zielpublikum verfehlten. Er wollte es besser machen und erhielt dazu auch die Möglichkeit. Insgesamt sind 45 Manuskripte aus seiner Feder erhalten, die die Monate August und September 1944 abdecken.

In seinen Sendungen versuchte er vor allem, Österreicher anzusprechen, die in der Wehrmacht dienten. Mochte der Erfolg dieser Sendungen auch begrenzt gewesen sein – eine objektive oder gar quantitative Bewertung ist mangels entsprechender Daten nicht möglich –, so zeigen die Texte doch die Betonung der österreichischen Identität in Distanz sowohl von der nationalsozialistischen Bewegung wie vor allem von jener deutschen Selbstsicht, die im Österreich der Zwischenkriegszeit vorgeherrscht hatte. Diese Texte dokumentieren daher nicht nur die Bemühungen der Alliierten um 1944/45, die Moral der deutschen Wehrmacht zu untergraben. In seinen Sendungen verwies Hendricks-Hamburger auf die schlechte Versorgungslage und die Fehler der Nationalsozialisten, nannte (teils echte, teils fiktive) österreichische Widerstandsaktionen und forderte „Ostmärker“ in der Wehrmacht zur Desertion auf. Sie zeigen darüber hinaus auch klar die Vorstellungen und Perspektiven österreichischer Widerstandsgruppen in dieser Kriegsphase. Sie stellen eine besondere Quelle dar und werden hier – kritisch ediert – erstmals veröffentlicht.

Geheimdienste und Propaganda – diese beiden in der Regel eher ambivalent gesehenen Metiers sind das Thema dieses Buches. Wenn man bei Geheimdiensten an Agenten in Trenchcoats und mit Schlapphüten denkt, so passte Wilhelm Hendricks-Hamburger sicher nur zum kleinsten Teil in das Klischee. Mit dem fiktiven „James Bond“ teilte er die Vorliebe für elegante Bars und schöne Frauen, aber versteckte Aktivitäten in düsteren Hinterhöfen waren seine Sache nicht. Wenn er einen Kontaktmann treffen wollte, dann lieber in einem noblen Restaurant als in einer dunklen Ecke eines Friedhofs um Mitternacht.

Die Sendungen, die er in Kairo schrieb, mischten Fakten und Fiktion, hielten sich aber – mit einigen Ausnahmen – weitgehend im Bereich der „weißen“ Propaganda. Hendricks-Hamburger vermied eher die gemeine Lüge und Desinformation, die für die „schwarze“ Propaganda charakteristisch sind, und sah seine Aufgabe vielmehr in der Information, um auf diesem Wege seine Nachricht zu transportieren, das Österreichbewusstsein seiner Hörer zu fördern und so einen Beitrag für ein baldiges Kriegsende und ein neues, freies und besseres Österreich zu leisten.

Freilich: Welche Wirkung hatten all diese geheimdienstlichen, Widerstands- und Propagandaaktionen wirklich? Insgesamt ist wohl dem britischen Historiker Max Hastings zuzustimmen, wenn er lapidar feststellt, dass „in einem engen militärischen Sinn […] Europa nicht einen Tag später von der Tyrannei der Nazis befreit worden wäre, wenn es den Widerstand nie gegeben hätte“.6 Zweifellos – und nicht ganz grundlos – sahen viele Militärs (aller Seiten) nachrichtendienstliche Aktivitäten kaum als sinnvollen Beitrag zu den Kriegsanstrengungen. Auf einer politischen und psychologischen Ebene freilich spielten diese Tätigkeiten sehr wohl eine Rolle. Daher dient eine bessere Kenntnis dieser Vorgänge auch dem besseren Verständnis der Vergangenheit und damit der Gegenwart.

 

_____________________

1 Barry Rubin, Istanbul Intrigues: A True-Life Casablanca (New York etc.: McGraw-Hill, 1989).

2 Vgl. dazu, mit weiteren Literaturverweisen, z. B. die Ausführungen bei Florian Traussnig, Militärischer Widerstand von außen: Österreicher in US-Armee und Kriegsgeheimdienst im Zweiten Weltkrieg (Wien – Köln – Weimar: Böhlau, 2016).

3 Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates: Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (= Österreichische Geschichte 1890–1990, Wien: Ueberreuter, 1994), 389–391; Peter Pirker, Codename Brooklyn – Jüdische Agenten im Feindesland: Die Operation Greenup 1945 (Innsbruck – Wien: Tyrolia, 2019), 19; Alfred Palisek – Christoph Hatschek, Landesverräter oder Patrioten? Das Österreichische Bataillon 1943 bis 1945 (Graz – Wien – Köln: Styria, 2001), 193.

4 Klemens von Klemperer, Der 20. Juli 1944 – 50 Jahre später, in: Klemens von Klemperer – Enrico Syring – Rainer Zitelmann (Hrsg.), „Für Deutschland“: Die Männer des 20. Juli (Frankfurt/M. – Berlin: Ullstein, 1993), 7–25, hier 8.

5 Zitiert nach Siegfried Beer, ÖsterreicherInnen in den westlichen Armeen und Geheimdiensten, in: Stefan Karner – Karl Duffek (Hrsg.), Widerstand in Österreich 1938–1945: Die Beiträge der Parlaments-Enquete 2005 (= Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Sonderband 7, Graz – Wien: Verein zur Förderung der Forschung von Folgen nach Konflikten und Kriegen, 2007), 187–200, hier 187. Zu Alfons Stillfried vgl. Mario Erschen, Still-fried – Ein Name im Wetterleuchten der Geschichte: Eine literarische Annäherung (Wien – Köln – Weimar: Böhlau, 2014), bes. 43–81.

6 Max Hastings, The Secret War: Spies, Codes and Guerrillas 1939–1945 (London: William Collins, 2015), 279.

1. Teil:Dr. Wilhelm Hendricks-Hamburger – der Lebensweg eines außergewöhnlichen Österreichers

Kindheit und Familie

Wilhelm August Artur Hamburger wurde am 15. Dezember 1917 in Matzleinsdorf bei Melk geboren. Er entstammte einer Industriellendynastie: Die Familie – ursprünglich „Homburger“ geschrieben – stammt aus dem damals schwäbischen Hegau, nordwestlich des Bodensees gelegen. Er erhielt den Taufnamen seines Großvaters: Wilhelm Hamburger (1821–1904) aus Blumenfeld (heute ein Teil von Tengen im Landkreis Konstanz am Bodensee) hatte es früh in die weite Welt gezogen. Er war ein geschickter Techniker, hatte am Polytechnikum in München studiert und bewährte sich als Konstrukteur verschiedener Maschinen. Nach Tätigkeiten in mehreren Ländern arbeitete er ab 1849 in der Werdmüller’schen Papierfabrik in Pitten in Niederösterreich und gründete 1853 seine eigene Papierfabrik, die bis heute als W. Hamburger AG im Rahmen der Prinzhorn Holding besteht.7

Die Familie Hamburger um 1900; in der Mitte Therese, geb. Glöckler, und Wilhelm Hamburger. Foto: W. Hamburger AG

Auch drei der vier Söhne des „Gründervaters“ waren in der Papierindustrie tätig; mehrere Töchter heirateten Söhne aus anderen Industriellenfamilien. In gewisser Weise erinnert die „dynastische“ Heiratspolitik der Familie Hamburger fast an jene der Habsburger in früheren Jahrhunderten, mit weitreichenden familiären Verbindungen innerhalb der österreichischen Papierindustrie. Lediglich der vierte und jüngste Sohn des Gründers, Dr. Franz Anton Hamburger (1874–1954), wurde Arzt und Professor für Kinderheilkunde in Graz und später in Wien.

Fritz Hamburger als Reserveoffizier im k. u. k. Dragoner-Regiment Nr. 2. Foto: Winter, Wien, via Mag. Judit Hendricks-Sebesy

Ing. Friedrich „Fritz“ Hamburger (der Vater „unseres“ Wilhelm Hamburger) kam am 8. Mai 1869 als dritter Sohn Wilhelm Hamburgers in Pitten zur Welt. Durchaus standesgemäß für einen Angehörigen des gehobenen Bürgertums rückte er nach der Matura – an der Landes-Fachschule für Maschinenwesen in Wiener Neustadt – am 29. Oktober 1886 als Einjährig-Freiwilliger zum k. u. k. Dragoner-Regiment Nr. 2 ein.8 Dies war eines der vornehmsten Regimenter der k. u. k. Armee und führte sich auf das 1672 aufgestellte Kürassier-Regiment des Grafen Antonio von Caraffa zurück. Inhaber des Regiments zu Hamburgers Dienstzeit war General Eduard Graf Paar (1837–1919), der Generaladjutant des Kaisers. Hamburger wurde Ende 1888 zum Leutnant der Reserve in diesem Regiment ernannt und 1896 – nach Ablauf der zehnjährigen Dienstverpflichtung im k. u. k. Heer – in den nicht-aktiven Stand des k. k. Landwehr-Ulanen-Regiments Nr. 4 versetzt.9 Seine Dienstbeschreibung war ausgezeichnet, die finanziellen Verhältnisse (mit einem jährlichen Einkommen von 4.000,- Gulden 189210) deutlich besser „geordnet“, wie die Formulierung im Personalakt lautete, als wohl bei vielen seiner Altersgenossen. Nach Ablauf der zwölfjährigen Dienstverpflichtung wurde er auf eigenes Ansuchen „gnadenweise“ aus dem Militärverband entlassen – als Reserveoffizier hätte er jeweils seinen Aufenthalt melden müssen, was ihn, wie er später erklärte, „geschäftlich behindert“ hätte.11 Er unternahm zusätzliche technische Studien in Württemberg und Westfalen und führte seit 1891 zusammen mit seinen älteren Brüdern Adolf und Wilhelm die väterlichen industriellen Unternehmungen. 1906 ließ er sich auszahlen, um die Papierfabrik in Neubruck (südlich von Scheibbs im westlichen Niederösterreich) zu erwerben, zu der auch ein kleines Herrenhaus gehörte.12 1912 schied auch Fritz Hamburgers Bruder Wilhelm aus dem Unternehmen aus; es verblieb Adolf Hamburger als einziger Eigentümer. Nach dem Ersten Weltkrieg leiteten dessen Schwiegersöhne Ernst Prinzhorn und Walther Reinthaller die Papierfabrik Hamburger in Pitten, die heute zur Prinzhorn Holding gehört.

Bis zum Ersten Weltkrieg besaß Fritz Hamburger das „Töpperschloss“ in Neubruck, benannt nach dem Industriellen Andreas Töpper. Heute beherbergt es ein nettes Lokal und gilt als „wahres Juwel“ an der niederösterreichischen Eisenstraße. Ansichtskarte, um 1920

1892/93 errichtete Fritz Hamburger, wie er später angab, in den USA „eine Fabrik nach meines Bruders und meinen eigenen Patenten“.13 1899 schien er als Papierfabrikant und Besitzer der Buchdruckerei Köhler & Hamburger auf.14 Er engagierte sich früh in den Bemühungen um die Zusammenarbeit der Arbeitgeber. Damit wollte man die Interessen der Industrie gegenüber Regierung und Verwaltung besser vertreten, aber auch gegen die zunehmende Gewerkschaftsbewegung und die seit 1889 als Partei organisierte Sozialdemokratie. 1917 erörterte er in einem Artikel im Fremden-Blatt die Vor- und Nachteile gewerkschaftlicher Organisation der Arbeitnehmer – wenig überraschend sah er vor allem Nachteile.15 Den Sozialdemokraten freilich galt er als „Führer der Scharfmacher“. Dies mochte auf seine Rolle beim „großen Arbeitskampf in Neunkirchen und Umgebung vom Jahre 1893“ anspielen, bei dem es um die Freigabe des 1. Mai gegangen war.16 1910 erregte sein Versuch, die Berichterstattung der Wiener Neustädter Nachrichten durch finanzielle Zuwendungen zu beeinflussen, Aufsehen.17 Auf den ersten Blick wirkt all dies, als hätte Hamburger dem klassischen Ausbeuter-Stereotyp entsprochen, doch betonte sein Sohn später, der Vater habe ihn früh gelehrt, auch Untergebenen mit Respekt zu begegnen. Fritz Hamburger dürfte am ehesten dem Typ des patriarchalen Unternehmers entsprochen haben, der sich zwar gegen die Einmischung von Regierung oder Gewerkschaft in die innerbetrieblichen Strukturen wehrte, aber durchaus auch das Wohl seiner Mitarbeiter im Auge behielt. Es sei hier übrigens angemerkt, dass es eine reizvolle und lohnende Aufgabe wäre, Fritz Hamburger eine biografische Studie zu widmen.

1897 spielte er eine wesentliche Rolle bei der Gründung des Bundes österreichischer Industrieller, der – anders als der Industrielle Club von 1875 und der 1892 gegründete Zentralverband der Industriellen Österreichs, die eher die Interessen der Großindustrie vertraten – vor allem Klein- und Mittelbetriebe repräsentierte. Ab 1906 fungierte Hamburger als Vizepräsident des Bundes. 1899 war er an der Gründung des Vereins der Buchdruckereibesitzer Niederösterreichs beteiligt und wurde als einer von vier Delegierten in den Reichsverband gewählt.18 Ab 1905 war er Vizepräsident des Vereins der österreichisch-ungarischen Papierfabrikanten.19 Aus dem Bund österreichischer Industrieller, dem Industriellen Club und dem Zentralverband der Industriellen Österreichs konstituierte sich im März 1907 die Hauptstelle der Arbeitgeber-Organisation der österreichischen Industriellen, zu deren Präsident Hamburger gewählt wurde.20

Bereits 1905 – mit 32 Jahren – erhielt Hamburger, inzwischen k. k. Kommerzialrat, das Ritterkreuz des Franz-Josephs-Ordens verliehen.21 In zahlreichen Unternehmungen war er als Verwaltungsrat vertreten, von der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft über den Versicherungsverband österreichischer und ungarischer Industrieller in Wien bis zur Lokalbahn Absdorf-Stockerau. Er gehörte dem Staatseisenbahnrat an und war gesellschaftlich bestens vernetzt. Schon 1897 war er unter den Paaren, die unter den Augen des Kaisers den Industriellenball eröffneten (seine Partnerin war die Architektentochter Clara Schlimp, später Hansel, 1876–1965).22 Er war begeisterter Jäger und großzügiger Gastgeber, liebte schnelle Autos und schöne Frauen und galt als Lebemann – Eigenschaften, die auch anderen Mitgliedern der Familie nicht fremd waren und die ebenso das Leben seines Sohnes kennzeichnen sollten. Das Prager Tagblatt bezeichnete Hamburger 1914 als „eine in der Wiener Gesellschaft sehr bekannte und angesehene Persönlichkeit“.23 Ob als Spender in wohltätigen Gesellschaften,24 im Ehrenkomitee zur Vorbereitung der Kaiser-Jubiläums-Ausstellung 1908,25 in verschiedenen Vereinen oder in den Gästelisten nobler Kurorte der Vorkriegszeit – stets tauchte er in Gesellschaft der vornehmsten Namen der Donaumonarchie auf.

Etwa seit 1904 gehörte Fritz Hamburger zum Personenkreis um den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand (1863–1914), dem er zehn Jahre als Berater diente und für den er auch als Verbindungsmann zu den Wiener Christlich-Sozialen unter dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger (1844–1910) fungierte.26 Auch zu dessen Nachfolger Dr. Richard Weiskirchner (1861–1926) dürfte Hamburger gute Beziehungen unterhalten haben.27 Als man Hamburger um 1907 als möglichen Kandidaten für ein Ministeramt nannte (er galt bereits als „Schattenminister“), soll ihm Franz Ferdinand abgeraten haben: „Verbrauchen Sie sich nicht vor meiner Zeit!“28 Der Thronfolger gehörte ebenso wie andere Mitglieder der „ersten Gesellschaft“ – einschließlich des Kaisers – zu den Jagdgästen Hamburgers in Neubruck und seinen anderen Jagden an verschiedenen Orten der Monarchie, und Hamburger war in den Schlössern Franz Ferdinands in Artstetten und Chlumetz (Chlum u Třeboně) zu Gast. Als Erzherzog Leopold Salvator im Juli 1913 das VIII. niederösterreichische Landesschießen in Scheibbs besuchte, gehörte Hamburger zum Begrüßungskomitee und lud den Erzherzog zum Diner nach Neubruck; anschließend „verabschiedete sich der Erzherzog in liebenswürdigster Weise von dem Schlossherrn Industriellen Fritz Hamburger“.29

Fritz Hamburger in der Uniform des Kaiserlichen Yacht-Clubs.Foto: Victor Angerer, via Mag. Judit Hendricks-Sebesy

Angesichts der Begeisterung des Thronfolgers für die Marine war Fritz Hamburger natürlich Mitglied im Kaiserlichen Yacht-Club. 1913 erreichte Hamburgers Jolle „Tiger I“ bei den Segelregatten in Pola (Pula) zweimal einen zweiten Platz.30 Dem technischen Fortschritt war Fritz Hamburger höchst aufgeschlossen. Schon 1901 unternahm er mehrere Ballonfahrten und trat dem Wiener Aëro-Club bei, dessen Mitgliederliste einem „Who is Who“ der besseren Gesellschaft glich.31 Seine besondere Leidenschaft aber galt dem Automobil. Als begeisterter Automobilist errang er 1910 bei der „Prinz-Heinrich-Fahrt“ in Berlin in seinem Austro-Daimler den dritten Platz (und damit einen vom König von Württemberg gestifteten Preis); sein Begleiter war der aus Scheibbs stammende Heinrich Graf Schönfeldt (1884–1963). Der adelige Auto-Konstrukteur „lobte ganz besonders die glänzende Anpassungsfähigkeit des Wagens, mit dem er […] stundenlang ein Tempo von 25 bis 30 Kilometer gefahren habe“.32 Sieger wurde übrigens kein Geringerer als Ferdinand Porsche (1875–1951); die drei ersten Plätze gingen an österreichische Daimler-Autos. Zwei Jahre später, im Juni 1912, nahm er mit seinem Fiat als „Herrenfahrer“ an der acht Tage dauernden Österreichischen Alpenfahrt teil.33 Seit 1907 war er überdies Verwaltungsrat der neugegründeten Fiat-Werke AG (später Austro-Fiat bzw. Österreichische Automobil-Fabriks AG, ÖAF).34

Ausschnitt eines Gedichts, das auf Fritz Hamburgers Begeisterung für das Autofahren anspielt.Mag. Judit Hendricks-Sebesy

Mitte 1914 erfuhr Hamburgers erfolgreiche Karriere einen massiven Einbruch: Sein bisheriger Mentor, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Frau fielen am 28. Juni dem Anschlag in Sarajevo zum Opfer. Rund zwei Wochen später, am 15. Juli 1914, hatte er – zum Besuch seiner Mutter nach Pitten unterwegs – einen schweren Autounfall, als das Fahrzeug in der Dunkelheit bei Sollenau einen Holzpflock am Straßenrand streifte, sich überschlug und dabei „total zertrümmert wurde“. Der damals 45 Jahre alte Hamburger wurde erheblich verletzt.35 Eine gute Bekannte, Margarethe „Gretl“ Freifrau von Tinti, geborene Gräfin von Wurmbrand-Stuppach (1870–1938), motivierte ihre Tochter, sich des Freundes der Familie anzunehmen. Die junge Gabriele („Ella“, 1892–1934) war damals 22 Jahre alt und seit 1912 mit einem Offizierskameraden Fritz Hamburgers verheiratet: Rittmeister Friedrich Freiherr von Salis-Samaden (1883–1961) diente seit 1904 im Dragoner-Regiment Nr. 2. Die Familien Tinti und Hamburger kannten einander seit längerem – möglicherweise auch wegen der Nähe von Pöchlarn, wo die Familie Tinti wohnte, sowohl zu Erzherzog Franz Ferdinands Schloss in Artstetten wie zu Hamburgers Schlösschen in Neubruck.

Ella Freifrau von Salis-Samaden, geb. Tinti.Mag. Judit Hendricks-Sebesy

Die Dragoner-Oberleutnante Fritz Freiherr von Salis-Samaden (links), Georg Graf von Waldburg-Zell-Lustenau-Hohenems und Rudolf Siegl beim Kartenspiel in Tarnopol, um 1912.Foto: Ulrike von Badewitz

Laut seinen Personalunterlagen diente der als „sehr gut“ und „vorzüglich“, „ruhig, überlegt, sehr intelligent, […] arbeitsfreudig, von hohem Pflichtgefühl“ beschriebene Rittmeister Salis-Samaden 1914 an der Ostfront, 1915 in Serbien und im späteren Kriegsverlauf an der italienischen Front. Zeitweise war er – für einen jungen Berufsoffizier nicht ungewöhnlich – dem Generalstab zugeteilt, bewährte sich als „vorzüglicher Brigade-Generalstabsoffizier“ und galt als „militärisch besonders begabt“. Dekoriert war er mit dem Militär-Verdienstkreuz III. Klasse (zweimal) und der silbernen und bronzenen Militär-Verdienstmedaille, jeweils – da im Kriege erworben – mit Schwertern.36

Nach der Genesung von seinem Autounfall meldete sich auch Fritz Hamburger zum Dienst. Im November 1914 in seinem angestammten Dragoner-Regiment Nr. 2 wieder zum Oberleutnant der Reserve ernannt, erhielt er mit 1. Jänner 1915 eine Einteilung im Feld. Um sich, wie er später angab, ganz dem Kriegsdienst zu widmen, verkaufte er die Papierfabrik in Neubruck an den Industriellen Paul Ritter von Schoeller (1853–1920). Dabei mag mitgespielt haben, dass die Länderbank anscheinend nach dem Tod des Thronfolgers Kredite fällig stellte, die Hamburger für den Kauf der Fabrik zuvor – als Vertrauter Franz Ferdinands – leicht erhalten hatte. In der Armee galt er als „sehr beliebter, sehr gefälliger Kamerad“. Beim IX. Korps war er als Gasschutz-Offizier und Kraftfahr-Referent eingeteilt.37 In dieser Funktion erlebte er Mitte 1917 die Stellungskämpfe bei Zborów (heute in der westlichen Ukraine) während der Kerenski-Offensive, der letzten großen russischen militärischen Kraftanstrengung vor der Oktober-Revolution. Er erhielt zweimal (1915 und 1917) die Militär-Verdienstmedaille („Signum Laudis“) mit Schwertern und mehrere andere Auszeichnungen, darunter 1916 die belobende Anerkennung der 92. Infanterie-Division und überdies das deutsche Eiserne Kreuz.

Angesichts der zunehmenden Versorgungsschwierigkeiten und Streiks im Hinterland berief das k. u. k. Kriegsministerium 1918 sowohl sozialdemokratische Funktionäre (wie den späteren Staatssekretär für Heerwesen, Oberleutnant der Reserve Dr. Julius Deutsch, 1884–1968) als auch im Verhandeln mit Arbeitervertretern erfahrene Industrielle in die Hauptstadt, um die militärische Führung bei der Kalmierung der Lage im Innern der Monarchie zu unterstützen. So kam Fritz Hamburger im April 1918 nach Wien, um, wie er es später ausdrückte, „in Österreich die inzwischen ausgebrochenen Arbeiterschwierigkeiten zu beheben“.38 Er gab später auch an, als wirtschaftlicher Berater des letzten Kaisers fungiert zu haben.39

Im Haus der Industrie am Schwarzenberg-Platz in Wien blieb er, wie er betonte, auch, als während Demonstrationen der streikenden Arbeiter „in die Fenster dieses Hauses hineingeschossen wurde“.40 In seinem Beitrag „Ministerielle Streikschlichtung“ beklagte er im Mai 1918 im Fremden-Blatt die „Einmischungen“ der Regierung in die Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern – nach Streiks in Graz und Umgebung im Umfeld des 1. Mai 1918, bei denen es um die Verbesserung der Ernährungssituation und die schon früher versprochene „Entmilitarisierung“ der Betriebe ging, hatte Ministerpräsident Univ.-Prof. Dr. Ernst Seidler von Feuchtenegg (1862–1931) eine Delegation von zwölf Arbeitervertretern empfangen: „Gerade für solche Momente ist eine strenge Hand dringend von nöten.“41 Den Sozialdemokraten galt Hamburger wenig überraschend als Vertreter der „Hetze gegen die Arbeiter“, zumal er die „sozialpolitischen Experimente“ der Kriegszeit – wie den Schutz erkrankter Arbeiter und die Schaffung der Beschwerdekommissionen in den Betrieben – kritisierte. „[Seine] Behauptung, dass die Arbeiter ‚jeden irgendwie erdenklichen Anlass für gut genug erachten, um beim vollen Lohne nicht zu arbeiten‘, ist eine echte Ausbeuterfrechheit“, hieß es Ende 1917 in der Arbeiter-Zeitung.42

Der Zusammenbruch und der Zerfall des Reiches waren für viele Zeitgenossen, auch für Fritz Hamburger, „unfassbar“, wie er es 1935 rückschauend formulierte.43 Mit der Niederlage verlor er den Großteil seines Vermögens (darunter auch die rund 4,5 Millionen Kronen, die er für den Verkauf der Papierfabrik in Neubruck erhalten hatte44), das er wie viele andere Patrioten zum größten Teil in österreichische Kriegsanleihen investiert hatte.

Aus dem im Februar 1918 – noch während des Krieges – gegründeten Reichsverband der österreichischen Industrie (der ja noch die Industriellen der österreichischen Reichshälfte vertreten hatte) entstand im August 1919, angesichts des Zerfalls des Reiches und der Schaffung der Republik, der Hauptverband der Industrie Deutschösterreichs. In diesem ging auch die Hauptstelle der Arbeitgeber-Organisation der österreichischen Industriellen, die Hamburger seit 1907 geleitet hatte, auf, und er selbst – „ein altbewährter industrieller Führer“, wie es hieß – wurde zum Präsidenten der neuen Organisation gewählt.45

In dieser Funktion war Hamburger im Spätherbst 1919 Vorsitzender der Industriekonferenz, der von Staatskanzler Dr. Karl Renner initiierten Kooperation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern.46 Im September 1920 wurde er als Vertreter der Industrie in die Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie gewählt.47

Der Verlust des Vermögens und die Probleme der Nachkriegszeit dürften Hamburger allerdings veranlasst haben, sein Glück in eher eigenwilligen Projekten zu suchen. 1920 standen er und Ernst Prinzhorn (1878–1940), Generaldirektor der Elbemühl-Papierfabrik und Schwiegersohn seines Bruders, im Mittelpunkt eines Skandals um die Privatisierung des Anfang 1919 zur Abwicklung von Transaktionen mit dem Ausland gegründeten Warenverkehrsbüros.48 Ebenfalls 1920 wurden Hamburger und der ehemalige Chefredakteur der Grazer Tagespost, Dr. Oskar Reichenauer (1875–1935), im Zusammenhang mit der versuchten Umwandlung des staatlichen Mineralwasser-Monopols in eine private Gesellschaft genannt,49 im folgenden Jahr überdies der Korruption rund um Holzverkäufe aus steirischen Wäldern beschuldigt.50 Und 1923 tauchte Hamburger in Zusammenhang mit einem Skandal über Kohlelieferungen an die Bundesbahn auf; er hatte sich, wie wir heute sagen würden, als Lobbyist betätigt (es ging um die Lieferung von Kohle aus dem damals französisch kontrollierten Saarland an die Bundesbahnen).51 Von der sozialdemokratischen Presse wurden diese Affären verständlicherweise genussvoll ausgeschlachtet. 1921 musste er als Präsident des Hauptverbandes der Industrie zurücktreten.

Wie er später angab, zog er sich damals aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurück und lebte „nur für meine Familie“.52 Inzwischen hatte sich nämlich die familiäre Lage Hamburgers geändert. Geradezu romantisch ist die in der Familie erzählte Geschichte, dass Ella von Salis kurz nach Kriegsbeginn, in einer Uniform ihres jüngeren Bruders als Offizier verkleidet, ihrem Mann an die Front nachfuhr. Möglicherweise galt ihre Reise aber schon damals (auch) dem zuvor von ihr liebevoll gesund gepflegten Fritz Hamburger. Irgendwann in diesen Jahren jedenfalls kamen Ella und Fritz Hamburger einander näher, und im Dezember 1917 erblickte ihr Sohn das Licht der Welt. Die Scheidung Ellas und ihre Heirat mit Fritz Hamburger erfolgten noch im Spätsommer 1917.53 Trotz der Scheidung blieb das Verhältnis zwischen beiden Familien bemerkenswert gut, wie die Geschichte der Familie Hamburger überhaupt einen bemerkenswerten Zusammenhalt aller Angehörigen zeigt.

Schloss Hubertendorf bei Amstetten, Wohnsitz der Familie Fritz Hamburgers in den 1920er Jahren.Ansichtskarte von 1892

Der junge Willi oder Willy Hamburger (er verwendete beide Schreibweisen des Vornamens) wuchs in der Folge bei seinen Eltern in Wien und in Hubertendorf bei Amstetten (etwas über hundert Kilometer westlich von Wien) auf. Dort erlebte er – trotz der Probleme der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und der im Vergleich zur Zeit vor 1914 schwierigeren finanziellen Lage Hamburgers – eine recht noble Welt. Zu den Besuchern der Familie zählten etwa ein Sohn König Nikitas I. von Montenegro54 oder Sektionschef Assen (Graf von) Hartenau (1890–1965), der Sohn Alexanders I. von Battenberg, des vormaligen Fürsten von Bulgarien (1857–1893).55 Zurückblickend sagte Hamburger später: „Ich bin aufgewachsen in einer Atmosphäre, die so nicht mehr real war.“56 Dies trug wohl auch dazu bei, dass schon der junge Willi lernte, mit hochgestellten Persönlichkeiten zu verkehren.

Der junge Willi Hamburger mit seinen Schwestern Hanne, Greta und Riecke.Mag. Judit Hendricks-Sebesy

Auch die drei Töchter aus Ellas erster Ehe – von Fritz Hamburger vorbehaltlos als Töchter akzeptiert und von Willi als Schwestern bezeichnet – lebten bei der Familie. Allerdings meinte der Vater eines Tages, dass diese „Weiberwirtschaft“ seinem Sohn nicht gut bekäme, und schickte ihn 1925 kurzentschlossen für mehrere Jahre nach Lüneburg. Dort war seine Tante Minna mit Paul Wachsmuth, dem Superintendenten von Lüneburg, verheiratet. Willi Hamburger schloss daher die Volksschule in Lüneburg ab und besuchte am renommierten Johanneum die erste Gymnasialklasse – eine Erfahrung, die ihn auch sprachlich prägte.57 Später erinnerte er sich, dass das Erlebnis, als Kind in einer fremden Umgebung gewesen zu sein, wohl auch seine österreichische Identität beeinflusst habe. Als er bei der Fahrt nach Norden erstmals schwarz-weiß gefleckte Kühe sah, wäre sein erster Gedanke gewesen, dass die Preußen selbst ihre Kühe in den Landesfarben anmalten …

Willy Hamburger in der Theresianisten-Uniform, vor dem Maria-Theresien-Denkmal in Wien.Mag. Judit Hendricks-Sebesy

1929, elf Jahre alt, kehrte Willi Hamburger nach Wien zurück und besuchte ab September das Theresianum, eines der angesehensten Gymnasien in Wien. Da Dr. Franz Hamburger 1930 als Professor für Kinderheilkunde nach Wien berufen wurde, bat Fritz seinen Bruder, sich um den begabten, aber offenbar auch recht eigenwilligen Jungen zu kümmern.58

Wege und Irrwege

1934 hatte der gerade einmal sechzehnjährige Wilhelm Hamburger gleich zwei Schicksalsschläge zu verkraften: Am 19. Februar 1934 starb seine Mutter im Alter von nur 42 Jahren. Dass sein Vater, dessen Erziehungsstil gleichermaßen liebevoll wie streng war, bei dieser Gelegenheit betonte, dass er als junger Herr Contenance auch unter schwierigen Bedingungen zu bewahren habe, musste er schon wenige Monate später unter Beweis stellen: Ende August 1934 wurde Fritz Hamburger verhaftet und 1935 wegen Hochverrats zu lebenslangem Kerker verurteilt. Die bis dahin trotz aller politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten dieser Zeit heile Welt des jungen Burschen brach plötzlich zusammen.

Fritz Hamburger hatte, wie erwähnt, 1921 die Präsidentschaft des Hauptverbandes der Industrie beendet und sich aus der Politik zurückgezogen („Fortwährende Angriffe der Juden verleideten mir die Sache in steigendem Ausmaße“, wie er 1938 schrieb). Er bekleidete zwar weiter Verwaltungsratspositionen im Konzern der Creditanstalt – so bei der Berndorfer Metallwarenfabrik (Krupp AG), bei Steyr und Schember – sowie bei Leykam, der tschechoslowakischen Zuckerindustrie und bei Austro-Fiat, hatte jedoch durch den Zusammenbruch 1918 und die folgenden Entwicklungen sein Vermögen verloren und sich hoch verschuldet.59 1929 unternahm er, auf Wunsch des damaligen Bundeskanzlers Prälat Dr. Ignaz Seipel (1876–1932), den Versuch, mit der Bürgerlichen Fremdenverkehrs-Kommission eine „Aktion für Festveranstaltungen in Wien“ zu organisieren. Geplant war für 1931 ein vier Monate dauernder Reigen von Festveranstaltungen unter internationaler Beteiligung in Wien.60 Der Versuch, damit „die Fremdenverkehrsfrage zu zentralisieren und dem Einflusse der Gemeinde Wien zu entziehen“, scheiterte jedoch, und Hamburger verlor den Rest seines Vermögens, rund 180.000,- Schilling. Im Prozess hieß es daher 1935, seine Vermögensverhältnisse seien Anfang der 1930er Jahre „vollkommen zerrüttet“ gewesen.61 Ein Zeitungsbericht führte Anfang 1935 aus, er sei nach dem Verlust seines Vermögens „auf Rutschterrain“ gekommen.62

Obwohl Hamburger zu allen politischen Parteien Kontakte unterhielt, begeisterte er sich wohl ab 1930 zunehmend für den – bis 1933 legalen – Nationalsozialismus und hatte zumindest ein Naheverhältnis zur Führung der SA, d. h. der paramilitärisch organisierten „Sturmabteilungen“ der Partei. Dies mag auf den ersten Blick überraschen, hatten die „braunen Bataillone“ der NSDAP doch den Ruf einer eher proletarischen, rabaukenhaften Schlägertruppe, zu der der angesehene Industrielle und einstige Berater Erzherzog Franz Ferdinands wenig zu passen schien. Doch rekrutierte sich die Führerschicht der SA aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Dazu kam in diesem Fall die persönliche Verbindung zu einem österreichischen SA-Führer, Hauptmann a. D. Oskar Türk (1886–1940). Im Krieg hatte Türk Hamburger zweimal das Leben gerettet – einmal, als dieser verschüttet worden war, und ein weiteres Mal, als er ihn davor bewahrte, in russische Kriegsgefangenschaft zu fallen. Die Freundschaft der beiden überdauerte den Krieg; Hamburger stellte ihn für einige Zeit als Sekretär an.

Türk stammte aus Rohrbach in Mähren (Hrušovany u Brna) und war 1904 aus der Infanteriekadettenschule in Brünn (Brno) zum Infanterie-Regiment Nr. 93 ausgemustert worden. 1906 zum Leutnant ernannt, wurde er als „eifrig und fleißig“ sowie (1913, bereits als Oberleutnant) als „strammer und eleganter Offizier“ beschrieben. Mit dem Erlernen der Regimentssprache – Tschechisch – tat er sich allerdings schwer; erst 1908 beherrschte er sie „zum Dienstgebrauch genügend“. Dazu kamen Schulden – möglicherweise deswegen trat er noch vor Kriegsbeginn in den Ruhestand, wurde aber 1914 auf Kriegsdauer aktiviert und 1916 zum Hauptmann ernannt.63 Türk schloss sich bereits 1925 den Nationalsozialisten an und bekleidete eine führende Rolle in der österreichischen SA; später war er Stabschef der „Österreichischen Legion“, der 1933 aus ins Deutsche Reich geflüchteten österreichischen Nationalsozialisten aufgestellten Truppe.64

Nach seinen Angaben aus dem Jahre 1938 trat Fritz Hamburger 1931 der NSDAP bei (obwohl er im Prozess 1935 jede formelle Mitgliedschaft vehement abgestritten hatte).65 Rückblickend bezeichnete er 1938 Dr. Anton Apold (1877–1950), den Generaldirektor der Alpine-Montangesellschaft, und sich als „die einzigen Nationalsozialisten in der ganzen Wirtschaft, und davon [war] ich der Einzige, der seinen Einsatz voll und ganz geleistet hat“.66 (Beide wurden nach dem „Anschluss“ 1938 mit Aufsichtsratsposten in der Steyr-Daimler-Puch AG belohnt; Hamburger wurde auch Aufsichtsrat der Julius Meinl AG.67) Er mokierte sich 1938 über all jene, die – anders als er – mit dem System Dollfuß/Schuschnigg in Verbindung gestanden waren (und davon profitiert hatten), sich nach dem „Anschluss“ aber als übereifrige Nazis gerierten – wie etwa der letzte österreichische Bundeskanzler Dr. Arthur Seyss-Inquart (1892–1946).

Bis 1934 exponierte sich Hamburger in keiner Weise. Wohl aber übernahm er immer wieder größere Geldbeträge und Sendungen für die illegale NSDAP und konnte – durch seine geschäftlichen Verpflichtungen unverdächtig – immer wieder ins Ausland reisen. So dürfte er mehrmals in München mit den dort auf ihre Stunde wartenden österreichischen NS-Führern, an ihrer Spitze dem österreichischen SAFührer Hermann Reschny (1898–1971), konferiert haben.

Im August 1934 wurde Fritz Hamburger im Gefolge des gescheiterten NS-Putsches vom 25. Juli verhaftet. Elemente der Wiener Schutzstaffel (SS), der mit der SA rivalisierenden paramilitärischen Gruppierung der Nationalsozialisten, waren ins Bundeskanzleramt eingedrungen und hatten Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß (1892–1934) erschossen. In der Folge kam es in mehreren Bundesländern zu heftigen Kämpfen.68

Hamburger wurde vorgeworfen, von dem Putsch gewusst und die Vorbereitungen unterstützt zu haben. Offenbar hätte er schon 1933 Steyr-Maschinenpistolen für die SA besorgen sollen, was aber durch die Absage des damaligen Aufstandsplans hinfällig geworden war. Mitte Juli 1934 kontaktierte Hamburger neuerlich Generaldirektor Paul Götzl (1884–1957) von den Steyr-Werken, um 50 Maschinenpistolen und je 1.000 Schuss Munition – vorgeblich für Käufer in Ungarn – zu erwerben.69 Im Prozess wurde dieser Ankauf (den Hamburger am 15. oder 17. Juli eingeleitet und am 25. Juli storniert hatte) mit dem Putschversuch vom 25. Juli in Verbindung gebracht. Hamburger meinte dazu allerdings vor Gericht, es wäre doch kaum vorstellbar, „in drei Tagen Leute, die keinen blauen Dunst von einer militärischen Abrichtung haben, in so einer kurzen Zeit in der Handhabung und dem Gebrauche dieser Maschinenpistolen ausbilden“ zu können.70 Diese Argumentation erscheint plausibel. In Wirklichkeit stützt dieser versuchte Ankauf vielmehr die Annahme, dass die österreichische SA-Führung – damals im Exil in München – einen größeren Aufstandsversuch erst für den Herbst geplant hatte. Für diesen wären die von Hamburger im Juli bestellten Maschinenpistolen gerade recht gekommen.71

Vom Putschversuch der Wiener SS im Juli 1934 hingegen wurde die österreichische SA weitgehend überrascht (was auch das späte Losschlagen in den meisten Bundesländern, am 26. oder 27. Juli, erklärt). Am Nachmittag des 25. Juli nahm Hamburger (der auf die ersten Nachrichten von den Ereignissen in Wien hin in die Hauptstadt gefahren war) an einer Besprechung im Hotel St. James teil, bei der die Wiener SA-Führer den Putschisten die Unterstützung durch die SA zuerst zusicherten, die Alarmierung dann aber widerriefen: Die SA-Führung wollte der rivalisierenden SS sicher keinen Erfolg gönnen. Immerhin waren seit der „Nacht der langen Messer“ im Deutschen Reich, der als „Röhm-Putsch“ bekannten Ermordung zahlreicher höherer SA-Führer am 30. Juni 1934, erst wenige Wochen vergangen; Reschny selbst war damals den Mordkommandos nur knapp entkommen. Türk gab daher die Parole aus: „Der Putsch des 25. Juli ist eine Privataktion der SS-Standarte 89, für den die SA jede Verantwortung ablehnt.“ Dr. Otto (von) Wächter (1901– 1949), der Initiator des Putsches vom 25. Juli, forderte nach dem „Anschluss“ sogar ein Verfahren gegen Hamburger, freilich vergebens.72

Da über den Stand der Dinge in Wien Unklarheit herrschte, schickte die SAFührung in München am Abend des 25. Juli zwei Kuriere mit gleichlautenden Botschaften nach Wien – mit Hamburger als Adressat. Einer der beiden wurde beim Grenzübertritt im Mühlviertel abgefangen; daher sind die bei ihm gefundenen Dokumente (ein Aufstandsplan und eine eilig erstellte Fragenliste73) als „Kollerschlager Dokument“ bekannt. Der zweite Kurier hingegen erreichte Hamburger (und Türk, der bei Hamburger nächtigte) am Morgen des 26. Juli. Daraufhin flog Hamburger am 26. Juli kurz nach München. Dort glaubte man – obwohl Hamburger berichtete: „Ihr seid ja verrückt, die Schlacht ist ja verloren!“ – noch an einen Erfolg. Reschny selbst war bei Hitler in Bayreuth und befahl Hamburger, offenbar auf ausdrückliche Order des „Führers“, telefonisch, einen Aufstand der SA in den Bundesländern trotz des gescheiterten Putschversuchs der SS in Wien auszulösen. Obwohl er selbst am Erfolg der Aktion zweifelte, flog Hamburger sofort zurück und übermittelte den Befehl, über den Türk „außer sich“ gewesen sein soll.74 Die folgende Aktion der SA in den Bundesländern wurde zum Debakel; Polizei, Gendarmerie, Bundesheer und regierungstreue Wehrverbände schlugen den Aufstand binnen weniger Tage nieder.

Hamburger blieb nach diesen aufregenden Tagen noch rund eine Woche in Wien und fuhr dann (anscheinend mit seinem Sohn) zur Stieftochter Greta Montandon (1913–1990) nach Como in Italien.75 Obwohl er von der Anzeige wegen des Waffenkaufs wusste, kehrte er noch im August nach Österreich zurück – offenbar hoffte er, diese Angelegenheit als Missverständnis erklären zu können. Dies gelang jedoch nicht, er wurde Anfang September verhaftet.76 Da er in der Folge seine verschiedenen Verwaltungsratspositionen verlor, wurde im Jänner 1935 über sein Vermögen der Konkurs verhängt.77

Am 12. Februar 1935 (exakt ein Jahr nach dem Beginn des Aufstandsversuchs von Teilen des sozialdemokratischen Republikanischen Schutzbundes) begann vor dem Militärgericht in Wien der, wie die Illustrierte Kronen-Zeitung titelte, „Sensationsprozess“: „Großindustrieller Fritz Hamburger wegen Hochverrats angeklagt.“ Der Zeitungsbericht schilderte Hamburger: „Er ist ein großer, beleibter Mann mit vollem Gesicht, Zwicker, schütterem Haar. Er verantwortet sich wohlüberlegt und kühl.“78 Den Vorsitz führte Major Franz Heckenast (1889–1939), der bereits im Juli 1934 den Prozess gegen die Juli-Putschisten geleitet hatte. (Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde er deswegen verhaftet und 1939 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Heute ist eine Kaserne des Bundesheeres nach ihm und Hauptmann Karl Burian (1896–1944), einem weiteren Opfer der Nationalsozialisten, benannt.)

Fritz Hamburger während des Prozesses im Gerichtssaal mit seinen Anwälten. Illustrierte Kronen-Zeitung, Mittwoch, 13.2.1935, S. 7.

Die Anklage warf Hamburger vor, ohne politische Überzeugung nur aus materiellem Interesse gehandelt und gehofft zu haben, nach einer nationalsozialistischen Machtübernahme wieder, wie in der Vorkriegszeit, zu Vermögen und Einfluss zu gelangen. Der Prozess dauerte nur kurz; am 13. Februar verurteilte das Militärgericht Hamburger wegen Hochverrats zu lebenslangem schwerem Kerker. Bei der Urteilsverkündung soll er den Richter korrigiert haben: „… zu regierungslangem Kerker, Herr Rat!“79

Fritz Hamburger war in Stein inhaftiert.80 Wilhelm Hamburger konnte seinen Vater dort zweimal besuchen. Er erinnerte sich, dass dieser zu diesem Anlass – wohl ein Entgegenkommen des Direktors, um den Sohn zu schonen – nicht Anstaltskleidung, sondern seinen Anzug trug; die Begegnung fand im Zimmer des Direktors statt. Regierungsrat Franz Kodré (1877–1945) empfing den jungen Mann sehr liebenswürdig: „Ich freu mich, Sie zu sehen; ich habe mich immer gefragt, wie kann der Sohn vom Präsidenten sein.“ Als Kodré dem prominenten Häftling eine Zigarre anbot, meinte Fritz Hamburger: „Mein lieber Kodré, nehmen S’ eine von meinen; Ihre sind mir zu schlecht!“ Kodré blieb auch nach dem „Anschluss“ Direktor des Gefängnisses in Stein, wurde aber kurz vor Kriegsende von fanatischen Nationalsozialisten ermordet.81

Fritz Hamburger blieb ein derartiges Schicksal erspart; seine Haft dauerte nicht einmal bis zum Ende des „Ständestaates“: Im Zuge der Amnestie nach dem Juli-Abkommen zwischen dem Deutschen Reich und Österreich vom 11. Juli 1936 wurde er am 22. Juli bedingt begnadigt und aus der Haft entlassen.82

Im Berliner Exil

Zu diesem Zeitpunkt allerdings war Wilhelm Hamburger nicht mehr in Österreich. Das noble Theresianum hatte er schon nach der Verhaftung seines Vaters 1934 verlassen müssen. Er verbrachte einige Zeit bei Greta Montandon, die ihm auch später eine „beste Freundin“ und die „absolute Lieblingsschwester“ war, in Italien und kam dann ins Hyrtl’sche Waisenhaus nach Mödling.83 Dieses völlig andere Umfeld war für ihn ein Schock – später meinte er, dies wäre ein „totaler Zusammenbruch der persönlichen Welt durch Entfernung aus dieser“ gewesen.84 Einmal büxte er sogar (per Schiff) nach Budapest aus, wo er für einige Zeit bei einem Freund seiner Mutter, Elek Bárczy (1888–1947), unterkam. Später ging er in Wilhelmsburg zur Schule.85 Dass seine Leistungen unter diesen Umständen litten, kann kaum überraschen; er musste eine Klasse wiederholen.

Da sich die Unterstützung seitens der Familie in Grenzen hielt – er erzählte, dass eine Schwester des Vaters eine Sammlung organisierte, die gerade einmal 68,- Schilling erbrachte –, schalteten sich ehemalige Kriegskameraden des Vaters ein, neben dem schon genannten SA-Führer Otto Türk vor allem Rittmeister a. D. Leopold Schaller (1881–1939).86 Im April 1936 gelangte Wilhelm Hamburger über Vorarlberg ins Deutsche Reich, wo er in der SA-Sammelstelle München-Aubing registriert wurde.87 Von München fuhr er zu Ostern 1936, kurz vor den Olympischen Spielen, nach Berlin, wo er mehrere Monate lang intensive Kurse absolvierte und im Oktober 1936 das Abitur bestand. Im Deutschen Reich fiel Willy Hamburger (wie er sich jetzt meist unterschrieb) als Sohn eines verhafteten prominenten „Alten Kämpfers“ in die Obhut des NSDAP-Flüchtlingshilfswerks, einer der für die Unterstützung ins Reich geflüchteter österreichischer Nationalsozialisten zuständigen Stellen.88

Natürlich stellt sich an dieser Stelle die Frage nach dem Verhältnis des jungen Willy Hamburger zum Nationalsozialismus. Von der Familie her war er seinen eigenen (späteren) Aussagen nach traditionsbewusst geprägt und bezeichnete sich als geradezu „fanatischen Österreicher“.89 Anlässlich seines 14. Geburtstages schickte ihm Otto von Habsburg (1912–2011) im Dezember 1931 einen persönlichen Brief und ein Bild mit Widmung.90 In der Schule gab es einmal große Aufregung, als er und andere Schüler zu den Klängen der österreichischen Hymne statt des offiziellen Textes („Sei gesegnet ohne Ende“) das „Gott Erhalte!“ sangen. Andererseits verstand sich die Familie angesichts der Herkunft des Großvaters Wilhelm Hamburger aus Schwaben stets als „deutsch“; einige seiner Onkel und Cousins zeigten sich früh vom Nationalsozialismus fasziniert. Wie Hamburger in mehreren Fragebögen für das NS-Flüchtlingshilfswerk angab, war er von 1929 bis 1931 Mitglied der Jugendorganisation des Wiener Heimatschutzes gewesen und habe sich „seit 1931“, also im Alter von dreizehn Jahren, „für die NSDAP“ betätigt und einem „NS-Schülerbund“ im IV. Bezirk angehört, Botengänge sowie „verschiedene Dienstleistungen für höhere Stellen“ ausgeführt und Flugzettel gestreut. 1933 wäre er außerdem (bis zum Verbot im November) dem NS-Kraftfahr-Korps (NSKK), einer der paramilitärischen Gliederungen im Vorfeld der NSDAP, beigetreten. Es lässt sich rückblickend allerdings nicht sagen, wie sehr dies der Wahrheit entsprach oder Behauptungen (oder zumindest Übertreibungen) waren, um sein Ansuchen um Unterstützung zu fördern – Letzteres erscheint wahrscheinlicher. Als Hamburger im April 1936, im Alter von 18 Jahren, nach München und dann nach Berlin kam, musste er natürlich alles versuchen, eine entsprechende Unterstützung zu erhalten, und daher seine einschlägigen Aktivitäten möglichst betonen. Die NSDAP-Reichsleitung bestätigte jedenfalls im Juni 1936 ausdrücklich, dass er nicht Parteimitglied war (was angesichts seines jugendlichen Alters nicht verwundert, in den diversen Fragebögen, die Hamburger ausfüllen musste, dennoch rot vermerkt war).91 Mit 11. Mai erhielt er den Flüchtlingsausweis Nr. 9060.92 Später, nach dem Krieg, protestierte er energisch gegen die Behauptung, er habe Österreich aus politischen Gründen verlassen und der Österreichischen Legion, d. h. der aus ins Reich geflüchteten österreichischen Nationalsozialisten gebildeten paramilitärischen SA-Truppe, angehört.93 Er wurde auch nicht von der Legion (seit 1935 formell „Hilfswerk Nordwest“) unterstützt, sondern vom NSDAP-Flüchtlingshilfswerk. Im Rahmen der obligatorischen sportlichen Übungen war der „Flüchtlings-Student“ der Berliner SA-Standarte 207 „Oberbarnim“ zugeteilt.94

Willy Hamburger um 1938 in Berlin.Mag. Judit Hendricks-Sebesy

Studium und Interesse am Nahen und Mittleren Osten

Ab Herbst 1936 studierte Wilhelm Hamburger an der Berliner Humboldt-Universität Rechts- und Staatswissenschaften. Er erhielt ein bescheidenes Stipendium des Reichs- und Preußischen Kulturministeriums: Seine Personalakten enthalten Belege über die monatliche Zuwendung von 100,- Reichsmark und gelegentliche zusätzliche Gutscheine für Lehrmittel (etwa RM 3,45 im Jänner und RM 9,18 im Februar 1937) oder Schuhe (einmal RM 8,50) usw.95 Dafür hatte er regelmäßige Semester-Berichte und ein detailliertes „Fleißprüfungszeugnis“ vorzulegen. Nebenbei verdiente er etwas Geld als Briefträger.

Den vorhandenen Unterlagen nach war Hamburger – wenig überraschend – ein fleißiger und vielseitig interessierter Student; immerhin schloss er das Doktoratsstudium in knapp vier Jahren ab. Ab dem Sommersemester 1937 besuchte er, „meiner privaten Neigung zur historischen Wissenschaft [folgend], auch nichtjuristische Vorlesungen“96 und wechselte schließlich ganz zur Geschichte. Er gehörte dem NSStudentenbund an und betätigte sich in der Gau-Studentenführung Kurmark „als Grenz- und Auslandsreferent“. Wie er seiner Schwester Greta im April 1937 schrieb, „gehe ich mein Studium mit sehr viel Eifer an und höre nebenbei 17 Vorlesungen mit 34 Wochenstunden, daneben meine Arbeit in der Reichstudentenführung und der Gauleitung. Na, eingedeckt bin ich. Seit Ostern [d. h. während der Woche, bevor er den Brief schrieb] hatte ich überhaupt keinen freien Abend und bin momentan bis Montag schon wieder besetzt. Am Sonnabend spreche ich in der Technischen Hochschule. Ich bin gespannt über meinen Erfolg, umsomehr als [es] meine erste große Rede wird.“97

Hamburgers Verhältnis zu Deutschland und vor allem zu Preußen war – trotz der NS-Aktivitäten des Vaters und seiner eigenen Zugehörigkeit zum NS-Studentenbund und zur SA – durchaus ambivalent. Seine diesbezüglichen Erzählungen aus der Zeit nach dem Krieg könnte man als rückblickende Beschönigung bezweifeln; sie finden aber eine Bestätigung in dem eben erwähnten Brief an seine Schwester Greta, der er brieflich seine Empfindungen und seine Sorgen sehr offen anvertraute. Im März 1937 hatte ihn sein Vater in Berlin besucht. Diese Begegnung weckte beim Sohn durchaus gemischte Gefühle, weil er „Wünsche, also Befehle“ seines Vaters befürchtete, „die meine jetzige Arbeit unmöglich machen könnten. Ich dachte an Arbeitsdienst, [Meldung zur Österreichischen] Legion und so fort. […] Die Befürchtung lag nahe, dass Vater aus seinem absoluten politischen Idealismus mich irgendeine sogenannte patriotische Tat vollbringen ließ[e]. Und davor hatte ich eine wirkliche Angst.“ Zumal er seinen Vater „in jeder Beziehung unermesslich liebe, ja schätze“. (Wenig später zeigte ihm zu seiner großen Erleichterung ein Brief des Vaters, dass dieser ihm keine Vorschriften über sein politisches Verhalten machen wollte.)98 Möglicherweise trug er sich zu diesem Zeitpunkt mit dem Gedanken, der NSDAP beizutreten. Am 16. März 1937 bat er jedenfalls das Flüchtlingshilfswerk „um Übersendung von Aufnahmegesuchen in die NSDAP“. Worauf die Partei am 2. April allerdings mit der Frage antwortete, „zu welchem Zwecke Sie diese Aufnahmegesuche benötigen“.99 Man kann sich gut vorstellen, dass Hamburger die Sache daraufhin mit einem „dann eben nicht“ oder so ähnlich sein ließ. Jedenfalls sind in dieser Angelegenheit keine weiteren Dokumente überliefert.100

Als Österreicher sahen manche Kommilitonen in Willy Hamburger „den österreichischen Schlappschwanz“ – und er nützte die Möglichkeit eines Säbelduells, dieses Vorurteil „ein für allemal auf der Universität zu töten. Und so habe ich eben bei der sich bietenden Gelegenheit gefordert. Mein persönlicher Mut steht jetzt auf der Universität außer Frage. Dabei gehört zu so einem Säbelkampf absolut kein Mut, sondern nur Schneid, und die haben wir Österreicher, während sie den Herren hier gänzlich fehlt. Dieser Kampf gehört auch zu meiner persönlichen Durchsetzungspolitik und werde ich heute auf Grund weiterer Forderungen, die aber abgelehnt wurden von so ein paar Feiglingen, mit Glaceehandschuhen angefasst.“101 Wie er später erzählte, hatte diese Mensur in Berlin für ziemliche Aufregung gesorgt, da die Austragung von Duellen gerade damals Thema heftiger Debatten war – wenig später schränkte eine „Ehrenordnung“ des Studentenbundes den Zweikampf ein. Hamburger selbst wurde bei dieser Mensur am Oberschenkel verletzt (und blutete, wie er sich später erinnerte, „wie ein Schwein“), doch verlor sein Gegner den Säbel und wurde kampfunfähig. Allerdings rutschte sein Säbel an Hamburgers Nase entlang – eine kleine Narbe an der Nasenspitze blieb ihm als Erinnerung an diese Episode.102

Das Leben im Berlin der späten dreißiger Jahre war für den knapp Zwanzigjährigen aufregend und interessant, durch die Lage als Student mit beschränkten Mitteln aber nicht gerade einfach. Wie er seiner Schwester Greta 1937 schrieb: „Naturgemäß wäre ich glücklich, hätte ich die Möglichkeit, schön zu leben und eventuell gar ein Auto zu haben. […] Meine Freunde und Bekannten wissen genau, ob ich Geld oder keines habe, aber deswegen werde ich doch wegen meiner Aufmerksamkeit und Großzügigkeit geschätzt und das ist doch kein schlechtes Zeichen. Ich gehe hier meinen Weg ganz von allein und habe hier nirgends Hilfe gehabt.“103

Lediglich alle paar Wochen, etwa einmal im Monat, „lasse ich mich ja gehen und dann bin ich für ein paar Stunden der glücklichste Mensch. Ich gehe mit einer schönen Frau Abendessen und dann in die Oper und dann noch irgendwohin.“ Zur Sorge seiner Schwester Greta, er „könnte in der weichen Bequemlichkeit eines Salons untergehen“, meinte er, „diese Befürchtung besteht aus meiner Vergangenheit zu Recht, aber heute besteht diese Angst nicht im geringsten Ausmaße.“ Von seinem persönlichen Lebensstil ging Hamburger auf allgemeine Beobachtungen über: „Durch das Aufgehen der besonders reichen Schichten und der sogenannten vornehmen Welt im Nationalsozialismus lernt auch die Neue Schicht, nach alterprobter Weise zu leben und ihr Geld los zu werden. Daher bin ich in den Parteikreisen noch nie wegen meiner Lebensform auch nur im Geringsten aufgefallen.“104 Wobei übrigens die Bemerkung erlaubt sei, dass der Stil dieses Briefes für einen Neunzehnjährigen sehr ausgereift erscheint.

Willy Hamburgers Schwester Greta Montandon 1938.Mag. Judit Hendricks-Sebesy

Hamburgers ambivalentes Verhältnis zur Berliner Glitzerwelt und zum NS-System der dreißiger Jahre sowie seine persönliche Lage als Flüchtling trugen dazu bei, dass er sich in Berlin rasch mit anderen ausländischen, vor allem arabischen Studenten anfreundete und sich in der Folge immer mehr für arabische Geschichte und Kultur interessierte. Zu seinen engeren Freunden in Berlin gehörte Abbas Kashif al-Ghita, der Sohn des irakischen Schiitenführers Muhammad Hussein Kashif al-Ghita (1877–1954).105 Hamburgers große und tiefe Verbundenheit mit dem arabischen Kulturraum zeigte sich wenig später in der Wahl des Themas seiner Doktorarbeit und bestätigte sich in späteren Gesprächen.

Im Februar oder März 1937 wurde Wilhelm Hamburger persönlicher Referent und Adjutant des SA-Standartenführers Werner Trumpf (1910–1971), der als stellvertretender Reichs-Studentenführer in Berlin amtierte.106 Da Trumpf aus dem alten SA-Umfeld kam, war er der von der SS dominierten NS-Führung der späten dreißiger Jahre gegenüber eher kritisch eingestellt und könnte auch den jungen Hamburger in diesem Sinne beeinflusst haben. So verhinderte er, dass sich Hamburger zur SS meldete: „So etwas tut man nicht!“107 Wohl aber wirkte er im Verbindungsamt Berlin der Reichs-Studentenführung und nahm an verschiedenen Tagungen teil, darunter an der großen Reichs-Arbeitstagung in Heidelberg.

Wichtig war ihm schon früh, in jene Vereine aufgenommen zu werden, die Verbindungen ins Ausland ermöglichten. Seiner Schwester gegenüber erwähnte er vor allem die deutsch-asiatische und die deutsch-englische Gesellschaft: „Besonders schwer ist es nicht, in diese Gesellschaften hinein zu kommen, aber leicht ist es auch nicht. Außerdem kämpfe ich wie ein Löwe, dass ich zur Weltausstellung nach Paris kann, [ob] als Tellerwäscher oder sonst was, es ist doch ganz egal. Nur habe ich halt mit diesen Sachen immer die Schwierigkeit, dass ich Ausländer bin.“108 Hamburger gründete in der Folge, finanziell gefördert vom Propaganda- sowie vom Reichs-Außenministerium, eine Reihe bilateraler Studentenclubs, so einen deutsch-arabischen, einen deutsch-siamesischen (= thailändischen), einen deutsch-bulgarischen Club usw. Als „außenpolitischer Experte“ konnte er an Veranstaltungen im Ausland teilnehmen, beispielsweise in Sofia und Bukarest. Im Zusammenhang mit seiner Dissertation (über die Neuordnung des arabischen Raumes) reiste er zweimal, im März 1938 und im Juni 1939, zu Forschungsarbeiten nach London. Daher erlebte er auch den „Anschluss“ Österreichs im März 1938 von England aus und sah die damaligen Vorgänge deutlich weniger euphorisch als so manche Zeitgenossen im Land selbst. Erzählungen der Familie zufolge weigerte er sich bei seiner ersten Ankunft in Wien nach dem März 1938 sogar, in das Auto einzusteigen, das ihm sein Vater – inzwischen als „Alter Kämpfer“ rehabilitiert – zum Bahnhof geschickt hatte, weil ihn der große Stander mit dem Hakenkreuz störte.

Fritz Hamburger wurde am 5. September 1938 zum Standartenführer (= Oberst) im NS-Kraftfahr-Korps befördert und für seine Verdienste mit mehreren Aufsichtsund Verwaltungsratsposten belohnt. Anlässlich seines 70. Geburtstages am 8. Mai 1939 lobte der Völkische Beobachter Fritz Hamburger: Er wäre „ein bewährter Kämpfer für die nationalsozialistische Bewegung, für die er sich seit seinem Eintritt in die Partei im Jahre 1930 ohne Rücksicht auf die eigene Person unermüdlich eingesetzt hat […] einer der Getreuen der Alten Garde, denen der rücksichtslose Einsatz für die Idee des Führers eine Anklage wegen Hochverrats einbrachte.“109 1941 erhielt er den „Blutorden“ verliehen.110

In einer biographischen Skizze nannte Wilhelm Hamburger (Mitte 1944) neben den beiden Reisen nach England 1938 and 1939 – wobei er für 1938 neben den Forschungen in London auch die Teilnahme an einer Tagung in Southampton erwähnte – einen Besuch in Frankreich 1938; überdies nahm er 1939 an einer deutsch-britischen Wirtschaftstagung in Dresden teil.111 Seine – in den amerikanischen National Archives erhaltene – Karteikarte aus der „Himmler-Kartei“ des Sicherheitsdienstes (SD) der SS enthält den Hinweis, er habe „bis Juni 1940“ für die Abwehr, d. h. den deutschen militärischen Nachrichtendienst, gearbeitet, und zwar konkret für die Abteilung I (Luft) in Berlin. Die Abwehr I war für den „geheimen Meldedienst“, also die klassische Spionage, zuständig, während die Abwehr II für Sabotageaktionen und die Abwehr III für die Gegenspionage verantwortlich war. Sofern es sich dabei nicht um eine Mystifikation oder einen Irrtum handelt, wäre eine mögliche Erklärung, dass er der Abwehr 1939 über seine Auslandsreisen während des Studiums berichtet hatte und daher als Informant geführt wurde. Nähere Informationen über diesen Punkt gibt es – derzeit – noch keine.112

Nach dem „Anschluss“ organisierte Hamburger die erste deutsch-siamesische (= thailändische) Tagung am Weißensee in Kärnten (und erzählte später, dass er eigens dafür eine „Uniform“ für die Vertreter des Studentenbundes erfunden habe, die dort mit blauen Hemden und Reichsadler-Abzeichen an der Brust auftraten). Obwohl er im März 1939 aus dem Studentenbund ausgetreten war, betreute er noch 1939 die alle zwei Jahre stattfindenden Studentischen Weltspiele (Vorläufer der heutigen „Universiade“) in Wien – eine Veranstaltung allerdings, die damals bereits von zahlreichen Staaten boykottiert wurde.113 Bei diesen Spielen war erstmals eine arabische Mannschaft vertreten. Die Abschlusskundgebung war Ende August im Belvedere, nur wenige Stunden vor Kriegsbeginn.