Hochfunktionale Depression. Das übersehene Leiden - Michelle Hildebrandt - E-Book

Hochfunktionale Depression. Das übersehene Leiden E-Book

Michelle Hildebrandt

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Beschreibung

Die maskierte Depression: Wenn sich hinter einem Lächeln Überforderung verbirgt Wer an Depressionen denkt, hat oft ein typisches Bild vor Augen: Menschen, die kaum noch aus dem Bett kommen, in tiefer Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit durch den Tag taumeln und ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Doch neben dieser »klassischen« Depression gibt es eine weitere, eher versteckte Variante. Die so genannte hochfunktionale Depression, bei der Betroffene selbstbewusst und tatkräftig durch den Tag gehen – bis sie, für ihre Umgebung völlig überraschend, zusammenbrechen. Dr. Michelle Hildebrandt ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. In diesem Ratgeber klärt sie über Anzeichen und mögliche Therapieansätze auf. „Aber er/sie ist doch immer gut drauf!": Warum hochfunktionale Depression oft unerkannt bleibt Hochfunktionale Depression: Mit Selbsttest herausfinden, ob ich gefährdet oder bereits betroffen bin Wie hilfreich ist Psychotherapie bei Depressionen? Ressourcen, die helfen: Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) und Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) Plötzlich geht nichts mehr: ein Ratgeber über Depression für Betroffene und Angehörige Raus aus der Opferrolle: Wie ressourcenorientierte Therapie langfristig hilft Steht die Diagnose Depression im Raum, wird in der Psychotherapie häufig nach Ursachen Defiziten gesucht. Dadurch besteht die Gefahr, dass Patientinnen und Patienten in der Opferrolle verharren, sich nicht zutrauen, auch wieder aktiv nach vorne zu blicken. Dr. Michelle Hildebrandt konzentriert sich in diesem Buch auf Ansätze, die die persönlichen Stärken und Ressourcen in den Vordergrund stellen wie Entspannungsverfahren und Achtsamkeitsmeditationen. So erhalten Betroffene wertvolle Anregungen, um aus eigener Kraft und mit effektiven Bewältigungsstrategien ihren Weg aus der Depression zu finden.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Michelle Hildebrandt

Hochfunktionale ­Depression.

Das übersehene Leiden

Ein Aufklärungsbuch

Noch ein Buch über Depressionen

Der Klimawandel, die Corona-Pandemie und zuletzt der Ukrainekrieg haben ihre Spuren hinterlassen. Neben der persönlichen existenziellen Bedrohung bereiten die zunehmende Inflation und die aktuelle Energiekrise den Menschen Sorgen. Daher verwundert es nicht, dass die Diagnose Depression immer häufiger gestellt wird, was sich auch in meiner Tätigkeit als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und sozialmedizinische Gutachterin widerspiegelt. Sogar im privaten Umfeld häufen sich Erschöpfung, Ängste und Sorgen. Doch diese Krisen haben auch gezeigt, dass die betroffenen Menschen unterschiedlich damit umgehen und einige besser durch krisenhafte Zeiten kommen als andere.

Sobald der Begriff Depressionen fällt, denken die meisten an tieftraurige Menschen, die es kaum aus dem Bett schaffen, Freunde, Arbeit und im schlimmsten Fall die Körperpflege vernachlässigen und unablässig grübeln. Doch es gibt eine andere, unterschätzte Gruppe Depressiver, die im Alltag kaum auffällt und auch von Ärzten häufig übersehen wird. Die »hochfunktionalen« Depressiven. Diese Menschen gehen zuverlässig ihrer Arbeit nach, wirken im Kontakt eloquent, lachen an den richtigen Stellen und werden als besonders leistungsfähig wahrgenommen. Wenn sie dann von jetzt auf gleich zusammenbrechen, sind alle überrascht. »Depressionen, der doch nicht, der ist doch immer so gut drauf.«

Also noch eine neue Gruppe im Heer der Depressiven? Gibt es nicht schon genügend Bücher über Depressionen? Mitnichten. Unter den zahlreichen Bestsellern über Depressionen finden sich zunehmend Selbsterfahrungsbücher Betroffener, gerne auch Prominenter, wie aktuell »Du darfst nicht alles glauben, was du denkst: Meine Depression« von Kurt Krömer oder das mittlerweile sogar verfilmte Buch »Mängelexemplar« von Sarah Kuttner. Diese Bücher tragen immerhin dazu bei, der Krankheit Depression ihr Stigma zu nehmen, sie gar salonfähig zu machen. Auf der anderen Seite finden sich zahllose Ratgeber für Betroffene und ihre Angehörigen, die besonders häufig den Titel »Depressionen bewältigen« tragen. Diese Bücher richten sich vor allem an Menschen, die unter einer »klassischen Depression« mit schwerer Niedergestimmtheit, starkem Antriebsmangel, ausgeprägter Erschöpfung und Grübeln leiden. Darin wird seitenweise über die möglichen Ursachen von Depressionen berichtet. Insbesondre der Kindheit wird viel Aufmerksamkeit gewidmet. Und im Zweifelsfall ist die Mutter schuld. Der Ratgeberteil am Schluss ist zumeist eher kurz gehalten und endet nicht selten mit dem Rat, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.

Und da beginnen die Probleme. Denn ob eine Psychotherapie wirklich hilft, ist nicht selten Glücksache. Aufgrund der schlechten Versorgungslage mit ambulanten Psychotherapieplätzen entscheiden vor allem zwei Kriterien, ob eine Therapie stattfindet: Der ­Therapeut hat Zeit und er ist nicht unsympathisch. Leider ist die psychotherapeutische Depressionsbehandlung nach wie vor häufig defizitorientiert. Es werden viele Psychotherapiestunden darauf verwendet, in der Vergangenheit nach Ursachen zu forschen. Nicht selten kommt es dadurch zur Verschlimmerung der Depression. Denn plötzlich wird den Betroffenen klar, dass die Kindheit doch nicht so harmonisch war, wie gedacht. Wer bis dahin einigermaßen gut durch sein Leben gekommen ist, sieht sich nun als Opfer seiner Umstände. Und bevor es dazu kommen kann, sich aus der Opferfalle zu befreien, endet die Psychotherapie. Zum Glück gibt es auch moderne Behandlungsansätze, die sich vor allem auf die Schwierigkeiten im Hier und Jetzt beziehen und den Betroffenen Veränderungsmöglichkeiten aufzeigen. Doch auch hiervon profitieren viele Depressive nur kurzfristig. Denn Veränderung geschieht nicht von allein. Sie bedeutet aktive Mitarbeit, eine hohe Motivation, das Aushalten von Widerständen und Durststrecken. Außerdem die Bereitschaft, seine eigenen Schattenseiten anzuschauen, was naturgemäß nicht besonders angenehm ist. Nicht wenige Betroffene entscheiden sich schließlich – unbewusst –, lieber depressiv zu bleiben, als diese Mühen auf sich zu nehmen. Denn die Depression kann durchaus auch Vorteile bringen. Zuwendung durch Angehörige und Psychotherapeuten, Entlastung von den Zumutungen der Arbeitswelt und von notwendigen, aber unliebsamen Entscheidungen.

Interessanterweise wird in der klassischen Depressionsbehandlung eine hohe Leistungsbereitschaft häufig bekämpft, hat sie die Betroffenen doch vermeintlich in den »Burn-out« getrieben. Dabei wird gerne übersehen, dass eine hohe Leistungsbereitschaft eine der wichtigsten Ressourcen zur erfolgreichen Behandlung der Depression darstellt. Wie so oft kommt es auf das richtige Maß an und auf die zugrunde liegenden Motive.

Hier schließt sich der Kreis. Denn Menschen, die unter einer ­hochfunktionalen Depression leiden, bringen diese Voraussetzungen schon von ihrer Persönlichkeitsstruktur her mit. Sie erkranken daher seltener an einer schweren Depression und kommen schneller wieder aus ihr heraus. Dennoch haben die Betroffenen häufig einen langen Leidensweg hinter sich, da sie in ihrer Not oft übersehen werden. Daher verdient die hochfunktionale Depression eine besondere Aufmerksamkeit. Die Betroffenen werden häufig wegen körperlicher Beschwerden fehldiagnostiziert und in ihrer Leistungsfähigkeit überschätzt. Und wenn sie dann zusammenbrechen und in eine Klinik kommen, werden sie nicht selten falsch behandelt. Ihre wichtigste Ressource, die Leistungsbereitschaft, wird systematisch bekämpft. Der Wunsch nach Problemlösungen und das Unbehagen, zu tief in die Vergangenheit einzutauchen, wird hingegen gerne als »narzisstische« Abwehr fehlinterpretiert. Schlimmstenfalls erfolgt die Entlassung aus der Klinik dann mit der Empfehlung zur Frühberentung.

Die in diesem Buch beschriebene ressourcenorientierte Depressionsbehandlung enthält Elemente aus der modernen kognitiven Verhaltenstherapie, aus der Resilienzforschung und stellt wirksame Entspannungsverfahren vor. Zahlreiche Fallbeispiele, ein Selbsttest und die Vermittlung von Techniken der ressourcenorientierten Therapie zeigen Wege aus der Depression auf. Auch wenn Menschen, die unter einer hochfunktionalen Depression leiden, auf diese Methoden besonders gut ansprechen, richtet sich das Buch explizit auch an Menschen, die unter einer »klassischen« Depression leiden. Und gerade auch, wenn die Depression bereits einen chronischen Verlauf genommen hat, können sie von diesen Behandlungsansätzen profitieren und ihre Depression am Ende in eine hochfunktionale Depression verwandeln.

Hochfunktionale Depression, das übersehene Leiden

Als Johannes zusammenbrach, waren alle überrascht. In der Frühbesprechung hatten sich die Kollegen noch lebhaft über das gute Abschneiden der Klinikstaffel beim Marathon am Wochenende ausgetauscht und Johannes überschwänglich gefeiert, da er als Schlussläufer noch einige Teams überholen und so den zweiten Platz in der Teamwertung sichern konnte. Das hatte ihm den Start in den Montag etwas erleichtert. Denn Johannes lag nicht nur der Lauf in den Knochen, sondern auch der erneute Streit mit seiner Ehefrau, die am Schluss sogar mit Scheidung gedroht hatte. Johannes wusste selbst nicht, was mit ihm los war. In den letzten Monaten hatte sich eine zunehmende Gereiztheit eingestellt. Zuletzt war er bei den kleinsten Anlässen explodiert. Geschützt durch die Windschutzscheibe seines SUV, hatten die Wutausbrüche am Steuer zumindest niemandem geschadet.

Seine Frau Julia war an seine Temperamentsausbrüche gewöhnt und schob sie auf den Stress in der Klinik. Aber als er sogar seine kleine Tochter angeschrien hatte, setzte sie ihm ein Ultimatum. Wenn er sich nicht endlich zusammenreißen würde, würde sie sich trennen. Es war völlig inakzeptabel, seine Wut an den Kindern auszulassen. Julia hatte lange Geduld mit ihm gehabt, da er im Beruf ständig unter Druck stand. Aber sie dulde es nicht länger, dauernd als Fußabtreter herhalten zu müssen. Die halbe Nacht hatte Johannes über den Streit nachgegrübelt. Immer wieder löste der Gedanke an eine Trennung oder gar Scheidung eine Welle von Panikgefühlen aus. Er liebte seine Frau doch, oder? Wo kam bloß diese Wut her? Irgendwie war in den letzten Monaten jegliche Gelassenheit von ihm gewichen.

Es musste etwas passieren. Und das tat es tatsächlich. Allerdings nicht so, wie es sich Johannes gewünscht hätte. Nach der Frühbesprechung hatte er den Dienstfunk übernommen. Wieder einmal außer der Reihe, weil der diensthabende Kollege sich mal wieder kurzfristig krankgemeldet hatte und Johannes einspringen musste. Als er gerade mitten in der Visite war, schrillte sein Pieper. Der Ton ging ihm durch Mark und Bein. So wie ihm Geräusche aller Art zunehmend auf die Nerven gingen und seinen Blutdruck in die Höhe trieben. Auf dem Weg in die Notaufnahme hörte er schon das Geschrei einer Patientin. Als Johannes versuchte, sie mit freundlichen Worten zu beruhigen, ließ sie eine Schimpftirade gegen ihn los. Normalerweise konnte Johannes gut mit solchen Situationen umgehen. Als Chirurg hatte er häufig mit betrunkenen oder verwirrten Patienten zu tun. Üblicherweise konnte er ihnen durch seine ruhige, sachliche Art schnell ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, wodurch sie sich beruhigten. Doch nicht heute. Als die Patientin ihm frech ins Gesicht schrie, war es, als hätte etwas in ihm einen Schalter umgelegt. Von jetzt auf gleich schien jegliche Energie aus seinem Körper zu weichen. Er war unfähig zu sprechen und verließ fluchtartig die Notaufnahme. Im Aufenthaltsraum angekommen, wurde er von einem Weinkrampf geschüttelt. So fand ihn Schwester Karin vor. An das, was danach kam, konnte sich Johannes später nur noch schemenhaft erinnern.

Irgendwann war seine Frau gekommen, hatte ihn untergehakt und zum befreundeten Hausarzt Marc gefahren. Beide kannten sich seit dem Studium, und Marc war erschüttert, als er Johannes so teilnahmslos und einsilbig vor sich sitzen sah. Julia berichtete von der schleichenden Veränderung, die sie an Johannes wahrgenommen hatte, und den zunehmenden Wutausbrüchen. Zuletzt hatte Johannes gemeinsame Unternehmungen immer häufiger abgesagt und seine Arbeit vorgeschoben. Johannes selbst berichtete schließlich, er schlafe schon seit Monaten schlecht, was er auf die häufigen Dienste zurückgeführt hatte. Und im letzten Urlaub hätte er sich nicht erholen können, obwohl sie es ruhig und entspannt gehabt hätten und die meiste Zeit mit Wandern oder am Strand verbracht hatten. Marc schrieb Johannes erst einmal krank. Von der Arbeit entlastet, spürte Johannes zum ersten Mal eine tiefe Erschöpfung. Er fühlte sich wie gelähmt. Gleichzeitig kam er nicht zur Ruhe, hatte immer den Drang, etwas zu tun. Ausgiebige Spaziergänge und Laufrunden brachten etwas Linderung. Ansonsten lenkte er sich mit Serien ab. Zum Lesen fehlte ihm die Konzentration. Nach vier Wochen Krankschreibung war noch keine Besserung eingetreten, sodass Marc ihn schließlich von einer stationären Behandlung in einer psychosomatischen Klinik mit dem Schwerpunkt Depressionen und Stresserkrankungen überzeugen konnte. Durch den Kontakt zu einem Studienfreund, der inzwischen Chefarzt einer psychosomatischen Klinik war, konnte Johannes schnell dort aufgenommen werden. Das war keinesfalls selbstverständlich, denn aufgrund der unzureichenden Versorgungslage gibt es mittlerweile sehr lange Wartezeiten bis zur Aufnahme in eine geeignete Klinik.

In der psychosomatischen Klinik war Johannes zum ersten Mal mit der Diagnose Depression konfrontiert. Obwohl er geahnt hatte, dass etwas mit ihm nicht stimmte, passten seine Symptome nicht zu seiner Vorstellung, die er über Depressionen hatte. Und damit stand er nicht allein da. Auch sein Hausarzt Marc hatte die Symptome zunächst nicht als Zeichen einer zugrundeliegenden Depression erkannt. In den letzten Monaten vor seinem Zusammenbruch hatte Johannes wiederholt über Magenprobleme geklagt. Auch der Blutdruck war trotz einer insgesamt gesunden Lebensweise bedenklich hoch, sodass das Blutdruckmittel mehrfach angepasst werden musste. Stress durch die Nachtdienste und »das Alter« – mit Mitte Vierzig sind die Blutgefäße nicht mehr so elastisch – mussten als Erklärung herhalten. Bei den Vorstellungen in der Hausarztpraxis redeten beide über die guten alten Zeiten, tauschten sich über ihre Familien aus und scherzten über das Gesundheitssystem mit seinen Zumutungen. Johannes berichtete von seinen Läufen und wirkte insgesamt tatkräftig und stabil. Dass sich hinter den körperlichen Symptomen eine Depression verbergen konnte, kam Marc zunächst nicht in den Sinn. Und das ist leider typisch für die hochfunktionale Depression. Sie wird häufig übersehen, weil die offensichtlichen Symptome einer klassischen Depression mit einer ausgeprägten Niedergestimmtheit, Freudlosigkeit und schwerer Antriebsminderung für andere und auch für die Betroffenen selbst nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.

Menschen wie Johannes wirken nach außen selbstbewusst, charismatisch, zupackend, erfolgreich und belastbar. Er arbeitete gewissenhaft und konnte sich schnell auf neue Situationen einstellen. Wann immer es Veränderungen in der Klinik gab, sei es, dass ein neues IT-System etabliert werden musste, eine Zertifizierung anstand oder eine neue Behandlungsmethode im Rahmen einer Studie überprüft werden musste, war Johannes bereit. Anders als viele seiner Kollegen scheute er nicht die zusätzlichen Anstrengungen, die damit einhergingen, sondern freute sich auf die Herausforderungen. Auch wenn er sich manchmal nach mehr Routinetätigkeiten sehnte, wurde es ihm doch schnell langweilig, wenn ruhigere Zeiten anstanden. Die Kollegen schätzten ihn für seine Hilfsbereitschaft. Viel zu oft sprang Johannes ein, wenn mal wieder ein Dienst nicht besetzt war. Auf Johannes war Verlass. Zu Hause lief aus seiner Sicht auch alles rund, und er schaffte es trotz Arbeit und Familie, regelmäßig zu laufen. Andere hatten doch viel mehr Schwierigkeiten oder wichtigere private Verpflichtungen als er, dachte er zumindest.

Seine zunehmende Gereiztheit machte sich zuletzt jedoch auch auf der Arbeit bemerkbar. Wobei Johannes noch in der Lage war, sich vor seinen Patienten zu beherrschen. Seine Wut kanalisierte sich in sarkastischen Bemerkungen gegenüber dem Pflegepersonal und den jungen Assistenten. Da er schon so lange an der Klinik beschäftigt war und ansonsten als zugewandter und angenehmer Kollege geschätzt wurde, der mit seinen Untergebenen auf Augenhöhe kommunizierte, sah man es ihm nach. Außerdem schätzte man seinen Humor. Noch am Tag seines Zusammenbruchs hatte er das gesamte Team in der Frühbesprechung mit einer lustigen Bemerkung zum Lachen gebracht.

In seinem Buch »16 Signs of High Functioning Depression« bezeichnet Dr. Vivek Kumar die hochfunktionale Depression als »smiling depression«[1]. Die Betroffenen verdrängen häufig ihre unterschwelligen negativen Gefühle, die sie selbst gar nicht wahrnehmen. So kommt es manchmal zu grotesken Situationen, indem sie zum Beispiel mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck von einem eigentlich schlimmen Erlebnis erzählen. Eine Patientin erzählte mir einmal eine Begebenheit aus ihrer Kindheit, bei der sie mit einem Teppichklopfer geschlagen wurde. Zu ihrer Erleichterung brach er jedoch nach dem zweiten Schlag entzwei, worüber sie sich noch heute amüsierte. Die Misshandlung tat sie ab, das sei ja nur einmal vorgekommen. Ansonsten habe sie eine gute Kindheit gehabt und sei nur sehr selten geschlagen worden, ohne dabei jemals Verletzungen davongetragen zu haben. Und der Mutter habe es hinterher auch leidgetan.

Auch die zunehmende emotionale Erschöpfung und Überforderungsgefühle nehmen die von einer hochfunktionalen Depression Betroffenen häufig nicht wahr. Wie weiter unten noch ausführlicher beschrieben wird, haben sie meistens einen hohen Selbstanspruch und einen starken Leistungswillen. Probleme und Schwierigkeiten internalisieren sie, das heißt, sie sehen sie eher bei sich selbst, anstatt äußeren Umständen die Schuld zu geben. Und so ist es für sie selbstverständlich, für alles die Verantwortung zu übernehmen und Lösungen zu finden. Nach außen wirken sie dadurch tatkräftig, lösungsorientiert und kritikfähig, was sie bei Kollegen und Vorgesetzten beliebt macht. Sie sind im Zweifel diejenigen, die die Kohlen aus dem Feuer holen, wenn es brennt. Gewohnt, selbstverantwortlich Probleme aller Art zu lösen, gelten sie als geistig flexibel und belastbar. So kommt es nicht selten zu einer Überforderungssituation, da ihnen immer mehr aufgebürdet wird. Die zusätzlichen Belastungen werden jedoch lange bewältigt, denn das Eingeständnis, dass es nun zu viel ist, würden sich die Betroffenen als Schwäche auslegen. Gedanken wie: »Ich kann die anderen nicht hängen lassen« und: »Was macht das für einen Eindruck vor dem Chef?« sind häufig. Es schwingt auch immer die Angst mit, nicht zu genügen und womöglich als Hochstapler entlarvt und deshalb bei der nächsten Beförderung übergangen zu werden. Dass andere denken: »Ach, der ist gar nicht so stark, wie er scheint«, ist eine unterschwellige Befürchtung.

Menschen mit einer hochfunktionalen Depression versuchen lange, das Gefühl der Überforderung und der emotionalen Erschöpfung zu kompensieren. Bei der Arbeit kann das eine ganze Zeit lang funktionieren, indem zum Beispiel Prioritäten anders gesetzt werden und komplexe Aufgaben immer weiter strukturiert werden. Im besten Fall gelingt es ihnen, Arbeiten zu delegieren. Dadurch bleiben sie leistungsfähig und fallen nicht negativ auf. In der freien Zeit am Abend nach der Arbeit und an den Wochenenden fehlt dann die Energie für Unternehmungen. Freizeitaktivitäten und soziale Kontakte werden nach und nach reduziert. Zur Entspannung kommen dann nicht selten so genannte »dysfunktionale« Bewältigungsstrategien zum Einsatz. Statt zu lesen, wofür häufig die notwendige Konzentration fehlt, werden zum Beispiel Medien zwanghaft genutzt. Videoplattformen wie TikTok verleiten zum stundenlangen, passiven Konsum der schnellen bewegten Bilder. Auch Onlinespiele bergen in dieser Situation ein hohes Missbrauchspotenzial. Diese Beschäftigungen kann man auch allein ausüben, wodurch sich der soziale Rückzug verstärkt, denn für Chats in den sozialen Medien fehlt die Energie. Einige greifen auch zu Beruhigungsmitteln und gar nicht so selten zu Drogen oder konsumieren vermehrt Alkohol, um »runterzukommen«. Das hatte auch Johannes im Nachhinein bemerkt. Statt ein bis zwei Gläser Wein vorwiegend am Wochenende zu trinken, hatte er immer häufiger auch unter der Woche am Abend zum Glas gegriffen. Selbst die von Hausärzten gerne gegen Schlafstörungen verordneten Medikamente bergen ein Missbrauchspotenzial, da sie auch am Tag zur Beruhigung eingesetzt werden können.

Auf der anderen Seite wird die unterschwellige Erschöpfung mit übermäßigem Kaffeekonsum, Energiedrinks und im schlimmsten Fall mit Amphetaminen und Kokain bekämpft. Dies wirkt sich wiederum körperlich aus und fördert Magenprobleme und eine Erhöhung des Blutdrucks. Anders als bei der klassischen Depression, die oft mit einem Appetitmangel und einer Gewichtsabnahme einhergeht, berichten hochfunktionale Depressive eher über einen vermehrten Heißhunger vor allem auf Süßes und fettreiche Nahrungsmittel, was eine Gewichtszunahme begünstigt. Die Kombination aus Zucker und Fett fördert im Gehirnstoffwechsel die Ausschüttung von »Glückshormonen« wie Dopamin, sodass durch den Genuss von Süßigkeiten kurzfristig ein Wohlgefühl entsteht. Wissenschaftler haben eine »Naschformel« herausgefunden. Demnach steigert der Konsum von Nahrungsmitteln mit dem Verhältnis von 35 Prozent Fett zu 45 Prozent Kohlenhydraten das Wohlbefinden und regt zum Mehressen an. Und das nicht ohne Grund: Denn dieses Verhältnis findet sich auch in der Muttermilch, ist also evolutionär begründet. Es überrascht daher nicht, dass es vor allem bei Chips und Schokolade besonders häufig zum übermäßigen Konsum kommt, denn hier liegt das optimale Fett-Kohlenhydrat-Verhältnis vor.[2] Bei Chips spielen zusätzlich auch noch das Salz sowie Glutamat eine Rolle, was das Verlangen weiter steigert. Auch Johannes griff in letzter Zeit zunehmend zu Chips und Erdnussflips, was ihn besonders ärgerte, da er als Sportler eigentlich auf eine gesunde Ernährung achtete. Dass er kaum an Gewicht zunahm, lag daran, dass er seine Laufrunden kompensatorisch ausweitete.

Andere Hochfunktionale kommen zu Hause nicht zur Ruhe. Sie können nicht stillsitzen und einfach lesen, was nicht nur durch die innere Unruhe bedingt ist, sondern auch durch eine unterschwellige Selbsterwartung. Alles muss perfekt sein. Wenn sie sich nach der Arbeit aufs Sofa setzen, fällt ihnen in der Wohnung sofort etwas auf, was stört. So ging es auch Sarah, einer Mitpatientin, die Johannes in der Klinik kennengelernt hatte. Auch sie litt unter einer hochfunktionalen Depression, die sie lange nicht wahrgenommen hatte. Als alleinerziehende Mutter zweier Teenager managte sie scheinbar ohne Probleme ihre Hausarztpraxis, versorgte außerdem noch ihre betagte Mutter und zwei Hunde. Doch auch zu Hause kam sie nicht zur Ruhe. Nach einem langen Arbeitstag legte sie sich am Abend auf das Sofa und zappte durch das Fernsehprogramm. Doch so richtig auf eine Sendung konnte sie sich nicht konzentrieren. Stattdessen schweifte ihr Blick umher und fiel schließlich auf die Vorhänge, die dringend mal gewaschen werden mussten. Also sprang sie auf und machte sich direkt ans Werk. An anderen Tagen bemerkte sie Verfärbungen an der Wand, die umgehend überstrichen werden mussten. Im Garten konnte sie auch nicht entspannen, denn auch dort gab es immer etwas zu tun. Unkraut musste entfernt, die Hecke geschnitten, der Rasen gemäht und das Laub gerecht werden. Bei dieser Gelegenheit fiel Sarah dann auf, dass die Außenfassade an der Wetterseite Moos angesetzt hatte. Statt eine Firma zu beauftragen – das Geld hierfür war kein Problem, da sie mit ihrer Praxis ein gutes Einkommen hatte –, fuhr sie sofort in den Baumarkt und besorgte sich kurz vor Ladenschluss die nötigen Materialien. Manchmal arbeitete sie bis in die Nacht hinein. Zur Selbstrechtfertigung sagte sie sich dann, sie habe jetzt wenigstens ihre Ruhe, es sei nicht so heiß und sie könne eh nicht schlafen. Tatsächlich lag sie nachts oft wach und bemerkte dann irgendwelche körperlichen Auffälligkeiten. Sofort stieg Panik in ihr auf und die Befürchtung, sie könnte an einer unheilbaren Krankheit leiden. Um doch noch schlafen zu können, griff sie immer häufiger zu Schlaftabletten, die sie zuletzt auch tagsüber nahm, wenn mal wieder eine stressige Situation anstand.

Ganz anders äußerte sich die Depression bei Gernot, der sich zeitgleich mit Johannes in der Klinik befand. Gernot litt unter einer »klassischen« Depression, und das sah man ihm auch an. Während Johannes gleich nach seiner Ankunft in der Klinik mit den Mitpatienten ins Gespräch kam, war eine Kontaktaufnahme mit Gernot zunächst kaum möglich. Mit gebeugtem Oberkörper schlich er durch die Klinik und war nicht in der Lage, Blickkontakt aufzunehmen. An den Gesprächen beim Essen beteiligte er sich nicht, sondern stocherte ohne Appetit im Essen. Wenn nicht gerade eine Therapie anstand, zog er sich in sein Zimmer zurück, lag auf seinem Bett und grübelte. Auch Gernot hatte schlimme Schlafstörungen, lag gefühlt die halbe Nacht wach und war am Morgen besonders niedergeschlagen. Er litt unter einem Morgentief. Seine Depression hatte sich innerhalb weniger Wochen entwickelt, nachdem er mit einem neuen Vorgesetzten in Konflikt geraten war. Allerdings hatte es keinen handfesten Streit gegeben, und als Gernot einige Wochen später ein Mitarbeitergespräch hatte, war der neue Chef sehr überrascht, dass Gernot ein Problem mit ihm hatte. Letztendlich hatte er einige Umstrukturierungen vorgenommen und Gernot musste nun innerhalb kürzester Zeit andere Abläufe bewältigen, was ihn schlicht überfordert hatte. Das war eigentlich immer schon so gewesen. Er war ein fleißiger und zuverlässiger Mitarbeiter, doch jede Veränderung löste bei ihm Angst und Stress aus.

Gernot war in der Firma beliebt, denn er konnte sich gut anpassen, muckte nie auf, war freundlich und hilfsbereit. Obwohl Gernot seine Überforderung schnell bemerkt hatte, schaffte er es nicht, seinen Chef zu informieren. Das entsprach nicht seinem Naturell. Also sagte er nichts und versuchte, sich zusammenzureißen. Doch die Überforderung blieb, und Gernot kam immer mehr ins Grübeln. Das setzte eine Abwärtsspirale in Gang. Er schlief nachts nicht mehr durch und war tagsüber, vor allem am Morgen, müde. Es fiel ihm immer schwerer, morgens aufzustehen und sich zur Arbeit aufzuraffen. Eine bleierne Schwere senkte sich auf ihn herab. Der Appetit schwand, und innerhalb weniger Wochen nahm er zwölf Kilogramm ab. Immer häufiger sehnte er sich danach, dass alles ein Ende nähme, der Job, die Anforderungen des Lebens und das Leben selbst. Immer häufiger schlich sich der Gedanke ein, seinem Leben ein Ende zu setzen, doch selbst dazu fehlte ihm die Kraft. Daher wünschte er sich einfach nur, morgens nicht mehr aufzuwachen. Seine Frau beklagte seine zunehmende Einsilbigkeit. Als sie ihm eines Tages beim Frühstück vorhielt, er lasse sich hängen und vernachlässige die Familie, kam ihm auf dem Weg zur Arbeit der Impuls, einfach gegen den nächsten Baum zu fahren. Als er gerade Gas geben wollte, kam ein Mädchen auf einem Fahrrad aus dem nahe gelegenen Feldweg. Der Schreck fuhr ihm durch die Glieder, und er machte in letzter Sekunde eine Vollbremsung. Völlig geschockt blieb er einfach im Auto sitzen und ignorierte die hupenden Autofahrer, die ihn überholten. So fand ihn schließlich die Polizei vor, die jemand gerufen haben musste. Und Gernot kam in die Klinik.

Gernot litt unter den Kernsymptomen einer klassischen Depression mit schwerer Niedergestimmtheit, Antriebsminderung, Freudlosigkeit und sozialem Rückzug. Hinzu kamen Grübeln, ausgeprägte Schlafstörungen mit einem Morgentief, eine Appetitminderung und Libidoverlust. Zugrunde lag bei ihm eine Selbstwertstörung und eine eher ängstlich-vermeidende und dependente Persönlichkeitsstruktur. Außerdem gab es eine familiäre Belastung mit Depressionen. Er war in einer Familie aufgewachsen, in der Konflikte nicht offen geklärt wurden. Stattdessen war ihm vermittelt worden, sich anzupassen, nicht aufzubegehren und nicht aufzufallen. Selbstständigkeit wurde nicht gefördert. Seine Mutter hatte ihm, aus Angst, er könne Schaden nehmen, viel abgenommen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Gernot auch nicht der Erste in der Familie war, der unter Depressionen gelitten hat. Sein Großvater hatte sich das Leben genommen, als Gernot noch zur Schule gegangen war. Aber es war in der Familie nie darüber geredet worden. Der Großvater wurde einfach totgeschwiegen.

Johannes hatte mit Gernot die ausgeprägten Schlafstörungen gemeinsam. Auch der zunehmende soziale Rückzug, eine gewisse Antriebsminderung, Libidoverlust und Änderung des Essverhaltens, Konzentrationsstörungen und Energiemangel traten bei ihnen beiden auf, wobei diese Symptome bei Gernot sehr viel ausgeprägter ausfielen. Während Gernot mit seiner klassischen Depression immer mehr in passives Verhalten verfiel, reagierte Johannes mit einer gesteigerten Aktivität auf die aufkommenden depressiven Symptome. Da er sich eigentlich auch überfordert fühlte, was er sich nicht eingestehen konnte, wurde er immer gereizter und wütender. Mit Videospielen, vermehrten Laufeinheiten und zunehmendem Alkoholkonsum versuchte er seine Unruhe zu bekämpfen, bis er schließlich dekompensierte und zusammenbrach. Generell kann man sagen, dass sich die klassische Depression eher in zunehmender Passivität äußert, während die hochfunktionale Depression durch Überaktivität und Gereiztheit gekennzeichnet ist. Ausgelöst werden beide Depressionsformen meistens durch eine anhaltende Überforderungssituation. Doch offenbar scheinen unterschiedliche Persönlichkeitsstile und Bewältigungsstrategien entscheidend dazu beizutragen, wie sich eine Depression äußert und wie sie verläuft. Dies soll im nächsten Kapitel näher erläutert werden.

Tab. 1 Klassische und hochfunktionale Depression im Vergleich

Hochfunktionale ­Depression

Symptome

Klassische Depression

++

Reizbarkeit

(+)

++

Unruhe

(+)

++

Schlafstörungen

++

++

Körperliche Symptome

+

+

Appetitstörungen

+

+

Rückzug

++

+

Energiemangel

++

+

Selbstwertstörung

++

(+)

Niedergestimmtheit

++

(+)

Antriebsminderung

++

(+)

Interessenverlust

++

+

Konzentrationsstörung

++

+

Grübeln

++

(+)

Hoffnungslosigkeit/­Suizidalität

+

Psychomotorische ­Verlangsamung

+

Wer ist hochfunktional?

»Wie war Ihre Kindheit?« Vor dieser Frage fürchtete sich Johannes vor seiner ersten Einzelpsychotherapiestunde am meisten. Wurde diese Frage in Psychotherapien nicht immer gestellt? Johannes hatte bisher noch keine psychotherapeutischen Erfahrungen gemacht. Aber am Ende ging es doch immer um die Kindheit, oder?

Auf der Suche nach den Auslösern einer Depression sind Erfahrungen aus der Kindheit durchaus bedeutsam. Aber es geht in der Psychotherapie nicht darum, die Illusion einer »schönen« Kindheit zu zerstören oder gar das eine, alles erklärende Trauma herauszufinden. Viel wichtiger ist es, die verschiedenen Einflüsse auf den bisherigen Verlauf des Lebens zu verstehen.

Zu Johannes’ Überraschung stellte sein Psychotherapeut eine andere Frage: »Gab es eine Prämisse, die Ihre Eltern Ihnen mitgegeben haben?« Johannes musste nicht lange überlegen. Spontan fiel ihm ein Spruch seines Vaters ein. »Wenn du überleben willst, sieh zu, dass Du immer der Erste bist.« Bisher hatte Johannes nie darüber nachgedacht. Für ihn war es selbstverständlich, überall Höchstleistungen zu bringen und sich dafür anzustrengen. Gute Schulnoten wurden erwartet. Gab es einmal nur »befriedigend«, galten keine Ausflüchte. Die Autorität des Lehrers wurde nie angezweifelt. Nach Ansicht des Vaters lag die Verantwortung allein bei Johannes. »Dann hast du wohl nicht genug gelernt«, war ein typischer Kommentar seines Vaters. Verantwortung zu übernehmen war in Johannes Familie eine hohe Tugend. Auch seine Mutter schlug in die gleiche Kerbe. »Wenn du dich auf andere verlässt, bist du verlassen«, war einer ihrer beliebten Wahlsprüche.

»War das jetzt alles verkehrt?«, fragte sich Johannes. Doch sein Psychotherapeut konnte ihn beruhigen. Es geht in der Psychotherapie nicht darum, die Eltern zu demontieren. Vielmehr geht es darum herauszufinden, welche Denkmuster und welche Bewältigungsstrategien in der Familie vorgeherrscht haben. Denn sie prägen, wie man selbst mit Problemen und Konflikten umgeht. Um das eigene Erleben und die eigenen Denkmuster und Bewältigungsstrategien zu verstehen, ist es hilfreich, sich damit zu beschäftigen, unter welchen Bedingungen die Eltern und Großeltern aufgewachsen sind. Gerade wenn man sich damit auseinandersetzt, kann ein Verständnis für deren Handeln entstehen und im besten Fall einen versöhnlicheren Blick auf die Dinge, die in der Kindheit aus Sicht des inzwischen erwachsenen Kindes nicht so gut gelaufen sind, ermöglichen.

Johannes’ Eltern hatten aus ihrer eigenen Biografie diese Denkmuster entwickelt und gewisse Grundhaltungen übernommen. Beide Elternteile waren in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Deren Eltern wiederum waren durch die Kriegserlebnisse geprägt. Johannes’ Großeltern mussten gegen Ende des Krieges aus Ostpreußen fliehen und wurden schließlich in einer westdeutschen Großstadt ansässig. In Ostpreußen hatten sie einen Handwerksbetrieb, den sie natürlich aufgeben mussten. Dass Johannes’ Großvater Handwerksmeister war, hatte sich nach der Flucht jedoch als Glücksfall erwiesen. Es galt, die Kriegsschäden zu beseitigen und das Land wieder aufzubauen. Und hier waren Handwerker gefragt. Die Großeltern waren durch Fleiß und Durchhaltevermögen zu einem gewissen Wohlstand gelangt. Das ermöglichte Johannes’ Vater, von dem sie erwarteten, dass es ihm einmal besser gehe, das Gymnasium zu besuchen und das Abitur zu machen. Allerdings durfte er nicht studieren, sondern sollte eine Handwerkslehre machen. Sein Vater hielt nichts von akademischen »Fachidioten«. Außerdem war es gesetzt, dass Johannes’ Vater den gut gehenden elterlichen Betrieb übernimmt. Nach seiner Lehre und erfolgreicher Meisterprüfung stieg er im Betrieb ein. Inzwischen hatten sich die Vorzeichen geändert, der Bauboom ging zurück und es herrschte eine wirtschaftliche Flaute. Doch Johannes’ Vater ließ sich nicht unterkriegen. Durch den Besuch einer Abendschule hatte er zusätzlich noch den Betriebswirt des Handwerks absolviert. Und er hielt immer Ausschau nach den neuesten Trends. So entstand die Haltung, der Erste am Markt sein zu müssen, um zu überleben. Johannes Vater bildete sich beständig fort und spezialisierte sich zunächst auf Altbausanierung und schließlich auf umweltgerechtes Bauen. Auch Johannes’ Mutter, die aus einer Lehrerfamilie stammte, war nicht untätig. Sie war zunächst selbst Lehrerin geworden, hatte sich dann aber ebenfalls betriebswirtschaftlich weitergebildet und sich um die finanziellen und personellen Belange der Firma gekümmert. In ihrer Freizeit besuchte sie regelmäßig Kurse, um sich weiterzubilden. Zu Johannes’ Glück hatte er einen älteren Bruder, der sich für das Handwerk interessierte und als Nachfolger für den Vater aufgebaut wurde. Das gab Johannes die Freiheit, Medizin zu studieren. Doch so ganz konnte er von der handwerklichen Familientradition nicht lassen. Und so war keiner überrascht, als er sich für die Chirurgie entschied. Zum Leidwesen seiner Mutter, die eigentlich lieber einen Internisten in der Familie gehabt hätte.

Aus diesem Beispiel wird deutlich, wie bestimmte Denkmuster und Haltungen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Von der Familie seiner Mutter hatte Johannes das Interesse an Musik, Literatur und bildender Kunst übernommen, da sie aus einer traditionellen Akademikerfamilie stammte und Wert auf Bildung und »lebenslanges Lernen« legte. Sie hatte ihm auch mitgegeben, bei Niederlagen und Misserfolgen nicht aufzugeben, sondern »Aufstehen und Weitermachen« propagiert. Wenn Johannes etwas angestellt hatte, wurde er dazu angehalten, dafür geradezustehen. Johannes lernte auch, dass es besser ist, einen Fehler einzugestehen, da die Konsequenzen dann weniger schlimm waren, als wenn er etwas verheimlichte. »Es kommt sowieso raus, also kannst Du es auch gleich erzählen.« Als Johannes im Streit einen Freund geschlagen hatte, war er sich dessen bewusst, dass es Unrecht war – und dass seine Eltern es bestimmt erfahren würden. Also überwand er sich und erzählte seinen Eltern von seiner Tat. Das stellte sich als richtig heraus. Als die Eltern des geschlagenen Jungen aufgebracht anriefen, waren Johannes’ Eltern vorbereitet und konnten angemessen reagieren. Johannes musste sich schließlich bei dem Jungen entschuldigen, der die Entschuldigung zum Glück auch annahm.

Inhalt

Noch ein Buch über Depressionen

Hochfunktionale Depression, das übersehene Leiden

Wer ist hochfunktional?

Psychotherapie: Risiken und Nebenwirkungen

Was hilft: Die Ressourcen nutzen

SORCK Verhaltensanalyse

Entspannungsverfahren

Autogenes Training

Progressive Muskelrelaxation (PMR)

Achtsamkeitsmeditation

Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)

Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT)

Ressourcenorientierte Psychotherapie

Bittere Pillen? Ein Plädoyer für Antidepressiva

Rückfälle erkennen und meistern

Bin ich gefährdet? Selbsttest hochfunktionale Depression

Auswertung

Prävention beginnt in der Kindheit

Anhang

Links und Adressen

Glossar

Anmerkungen