Hof, Herolde und Hospitäler - Robert A. Schüler - E-Book

Hof, Herolde und Hospitäler E-Book

Robert A. Schüler

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Beschreibung

Inquisition, Hexenverfolgung, Folter, Feudalherrschaft. Das ist das gängige Bild, das wir vom Mittelalter haben, dabei reden wir hier über eine 1000 Jährige Epoche (500 - 1500) in der so viel mehr passiert ist. Das Mittelalter war eine bunte, mannigfaltige und exotische Epoche voller Aufbrüche, Umwälzungen und Neuerungen. In diesem Buch wird anhand von vier speziellen Themengebieten ein etwas anderer Blick auf diese facettenreiche Ära geworfen werden. Dabei geht es um Fragen wie: Wer war eigentlich der Adel? Was tat er, wer gehörte zu ihm und wie sah er sich selbst in der mittelalterlichen Gesellschaft? Wie funktionierte mittelalterliche Herrschaft? War das Ständesystem wirklich so undurchdringlich, wie oft behauptet wird? Wer waren eigentlich Herolde und was taten sie genau? Wie lief ein mittelalterliches Turnier im Detail ab und was wurde dort eigentlich "gespielt"? Diese und viele weitere Fragen werden in dem Buch behandelt, dabei geht es darum einen nüchternen, aber keinesfalls trockenen Einblick in die mittelalterliche Gesellschaft zu werfen, wie sie funktionierte und beschaffen war. Wer das Mittelalter versteht, der versteht die heutige Zeit, es ist die Wiege unserer Zivilisation, wer sich also mit dieser Epoche beschäftigt, der wird viel über das Hier und Jetzt lernen und Hintergründe erfahren, die einen ganz anderen Blick auf unsere Kultur freigeben.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2016

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In vier wissenschaftlichen Abhandlungen wird ein neuer, ins Detail gehender Blick auf das Mittelalter geworfen werden, der die gängigen Vorstellungen über das „dunkle Zeitalter“ weitestgehend über Bord werfen wird und darüber hinaus zeigen wird, was für eine bunte, vielfältige, spannende und exotische Epoche das Mittelalter war, in der alles was wir heute als selbstverständlich ansehen, entstand.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort, oder: wie dieses Buch zu benutzen ist

Die Bedeutung des Festmahls für den Adel

Das mittelalterliche Turnier

Die Bedeutung der Herolde für den spätmittelalterlichen Adel

Der Papst und die Kreuzritter

1 Vorwort, oder: wie dieses Buch zu benutzen ist!

Dieses Buch dient dazu durch nüchterne Wissenschaft das oft durch Populärmedien verzogene Bild über das Mittelalter ein Stück weit zu korrigieren. In vier wissenschaftlichen Abhandlungen werde ich mich dabei auf je eine spezielle Thematik „stürzen“ und anhand dieses besonderen Themenfeldes den Geist bzw. die Beschaffenheit oder auch Funktionalität des Mittelalters versuchen zu erklären. Freilich kann dies nur einen ersten Einblick in diese exotische Epoche geben, aber Sie werden merken, dass das Mittelalter wesentlich mehr zu bieten hat, als in den üblichen Sendungen im Fernsehen dargestellt wird. Oft wird das Mittelalter entweder glorifiziert oder dämonisiert (Stichwort: „dunkles Mittelalter“), beides ist gleich falsch und hat mit seriöser Wissenschaft nichts zu tun, immerhin sprechen wir hier über eine Epoche die sich über ein Jahrtausend (500 – 1500) erstreckte, daher ist jegliche Kategorisierung bestenfalls unzureichend. Dieses Buch wird weder der einen Extreme noch der anderen Vorschub leisten. Vielmehr soll durch nüchterne, wissenschaftliche, aber keinesfalls trockene Analyse ein möglichst neutraler Blick auf diese Epoche geworfen werden. Ich präsentiere Ihnen Fakten im Kontext einer historischen Analyse, auf dieser Grundlage können Sie sich dann Ihre eigene Meinung über diese Epoche bilden und anders als im Fernsehen, gebe ich Ihnen auch noch jegliche Quellen und verwendete Literatur an, damit sie alles nachprüfen und nachlesen können, was ich Ihnen hier „auftische“. Das macht nämlich Wissenschaft aus: Einheitlichkeit und Nachvollziehbarkeit, schauen Sie sich mal eine Geschichtssendung im Fernsehen an, da werden Ihnen keine Quellen oder ähnliches präsentiert, sondern Sie müssen dem Gesagten dort wohl oder über Glauben schenken, denn selbst nachprüfen können Sie es ja nicht.

Wie funktionierte also das Mittelalter?

Dies möchte ich anhand von vier Themen behandeln:

Die Bedeutung des Festmahls für den Adel im Mittelalter

Das mittelalterliche Turnier

Die Bedeutung der Herolde für den spätmittelalterlichen Adel

Der Papst und die Kreuzritter

In allen vier Themen werden wesentliche, konstituierende Merkmale mittelalterlicher Gesellschaft und Kultur behandelt, wobei besonders die ersten drei Punkte inhaltlich eng zusammengehören, sie behandeln wie Hof und Adel im Mittelalter funktionierten, wie Herrschaft genau ausgestaltet war und funktionierte, welche Legitimation die Herrschenden hatten, was Ehre für den Adel bedeutete und in welchem Verhältnis die verschiedenen Stände zu einander standen. Dabei werden Sie sicher einige für sie neue und überraschende Informationen entdecken.

Damit jedoch das geistliche Element nicht vergessen wird, welches im Mittelalter eine herausragende Rolle spielte, wird in Punkt Nummer Vier noch einmal die Bedeutung der Kirche in Gestalt des Johanniterordens behandelt. Dies offeriere ich Ihnen anhand des Schriftverkehrs von Papst Lucius III. mit dem Orden, Sie erhalten dabei einen Einblick wie päpstliche Korrespondenz aufgebaut war, was dort behandelt wurde und wie das zu interpretieren ist. Damit sind Sie hautnah am Geschehen von vor fast eintausend Jahren dran und können auf Grundlage der ungeschminkten Quellen, die ich zitiere, sich Ihre eigene Meinung bilden.

Alles was wir heute für Selbstverständlich halten, entstand im Mittelalter! Das Mittelalter kennen heißt, die heutige Zeit in der wir leben verstehen! Daher ist es elementar wichtig, sich mit dieser Epoche zu beschäftigen. Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie vieles was tagtäglich um Sie herum passiert, oder Sie sagen und tun besser verstehen!

Die jeweiligen Abschnitte sind nicht zu lang gehalten, sodass man sich einen kurzen, aber dennoch fundierten Überblick über das jeweilige Themengebiet verschaffen kann. Darüber hinaus sind die Themen unabhängig voneinander und in sich vollständig betrachtet, man muss das Buch also nicht von vorn bis hinten lesen, sondern kann sich zunächst den Teil heraussuchen, der einen am meisten interessiert.

Daher wünsche ich Ihnen nun ganz viel Spaß bei der Erkundung einer äußerst exotischen, bunten, spannenden und mitreißenden Epoche!

2 Zwischen Fest und Politik: Die Bedeutung des Festmahls

Einleitung

Im ersten Kapitel des Buches werden wir uns mit dem mittelalterlichen Festmahl beschäftigen. Dies mag zunächst banal erscheinen, doch wir werden feststellen, dass das Festmahl ein konstituierender Akt für mittelalterliche Herrschaft war. Im Festmahl konnte man die ganze Verfasstheit des Hofes, die Bedeutung seiner Mitglieder und des Adels sowie das Selbstverständnis der Führungsschicht des Mittelalters ablesen. Diese Aspekte findet man in nahezu jeder öffentlichen Handlung der Hofmitglieder.

Das Festmahl schien dabei eine herausragende Rolle zu spielen, da hier verschiedene Aspekte hochmittelalterlicher Lebenswelt und normativer Vorstellungen der Höflinge bezüglich der Beschaffenheit des Hofes und den Verpflichtungen des Adels ineinander griffen. Aber auch das gemeinsame Essen als eine politische Handlung ist in diesem Zusammenhang ein sehr interessanter Gesichtspunkt. Daher entschied ich mich, dieses Phänomen des Festmahls, welches in keiner Weise einfach nur die Einnahme von Speisen zu bedeuten schien, näher zu untersuchen und dies im Rahmen einer Seminararbeit zu tun.

Dabei wurde den Festen in der Geschichtsforschung bis in die 1990er Jahre kaum eine Bedeutung zugemessen. Man hat zeremonielle Akte als unwichtigen Prunk oder Verschwendung angesehen. So wurde auch dem Festmahl keine besondere Wichtigkeit für die soziale und politische Konstitution des mittelalterlichen Hofes beigemessen. Diese Sicht hat sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten geändert

Einen guten Allgemeinüberblick über Ablauf und Bedeutung eines Festmahls am hochmittelalterlichen Fürstenhof, findet man bei Joachim Bumkes „Höfische Kultur“ und Werner Paravicinis „Ritterlich-höfische Kultur“.

Angefangen bei der Bedeutung von Essen im Mittelalter generell, über Ablauf, Ort und beteiligte Personen bei einem Mahl bis hin zur politischen Bedeutung und Rangstreitigkeiten unter den Fürsten bei einem solchen Fest.

Während Paravicini eher die Bedeutung des Verhältnisses zwischen „Herrenspeise“ und „Bauernspeise“ analysiert, ist bei Bumkes Ausführungen die Rolle des Truchseß, als zeremonieller Leiter des Festes, besonders interessant.

Diese Thematik wird in Birgit Frankes „Alttestamentliche Tapisserie und Zeremoniell am burgundischen Hof“ vertieft. In ihrer Arbeit steht neben den Aufgaben und der Bekleidung des Truchseß auch die Art der Darreichung der Speisen im Mittelpunkt.

Welche Speisen gereicht wurden, wieviel Gänge bei so einem Festmahl üblich waren und aus welchem Material Tischservice und Möbel bestanden kann man bei Uta Löwensteins „Voraussetzungen und Grundlagen von Tafelzeremoniell und Zeremonientafel“ nachlesen.

Um die Anzahl der gereichten Speisen in ein Verhältnis zur mittelalterlichen Nahrungsversorgungssituation und der im Alltag verfügbaren Lebensmittel setzen zu können, empfiehlt sich das Buch „Essen und Trinken im Mittelalter“ von Ernst Schubert.

Angefangen bei der generellen Bedeutung von Essen für den Menschen, geht er besonders auf die allgemeine Nahrungssituation im Mittelalter ein und leitet aus der von ihm beschriebenen latenten Nahrungsmittelknappheit die besondere soziale und politische Bedeutung eines voluminösen Festmahls ab.

Diese sozialen und politischen Bedeutungen, die Schubert in seinem Buch anklingen ließ, werden bei Thomas Michael Martin, „Auf dem Weg zum Reichstag 1314 – 1410“, vertieft.

In seinem Buch analysiert er die Ereignisse, zu denen ein Festmahl überhaupt veranstaltet wurde.

Speziell beleuchtet er hierbei die Wichtigkeit eines Hofmahls im Rahmen von Reichstagen.

Diese Festlichkeiten dienten insbesondere der Repräsentation des Herrschers und der politischen Konstitution des Adels.

Christina Hofmann-Randall geht in ihrem Buch „Die Herkunft und Tradierung des Burgundischen Hofzeremoniells“ sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass es im Mittelalter gar keine Trennung zwischen Hof und Staat gegeben hat. Das Festmahl sei also ein politischer Akt gewesen.

Diese interessante Annahme wurde auf der Reichenau-Tagung vom 30.03. – 02.04.1993 unter dem Titel „Deutscher Königshof, Hoftag und Reichstag im späteren Mittelalter (12. – 15. Jahrhundert)“ diskutiert. Dieser Diskussion ging der Vortrag von Dr. Werner Rösener „Die Hoftage Friedrich I. Barbarossa im Regnum teutonicum“ voran.

Hierbei wurde insbesondere auf den solidarischen Charakter des Festes und die politische Bedeutung von Festen für ein dezentrales Herrschaftssystem ohne festen Residenzort eingegangen. Müller-Mertens vertrat in dieser Debatte genau wie Hofmann-Randall in ihrem Buch, die Auffassung, dass das Fest an sich ein Herrscherakt darstellte.

Das führte mich zu der Frage, was Zeremonien und Riten im Mittelalter generell für eine Bedeutung besaßen.

Um dies zu beantworten empfiehlt sich das Buch „Riten, Gesten, Zeremonien. Gesellschaftliche Symbolik in Mittelalter und Früher Neuzeit“, welches von Edgar Bierende, Sven Bretfeld und Klaus Oschema im Jahre 2008 herausgegeben wurde.

Hier werden Herkunft, Funktion sowie Bedeutung von Zeremonien für die mittelalterliche Gesellschaft analysiert, erläutert und diskutiert.

In diesem Werk wird die soziale Bedeutung von Zeremonien in den Vordergrund gestellt. Sie seien für einen reibungslosen, zwischenmenschlichen Kontakt unabdinglich. Dabei nehme die Zeremonie die Rolle einer symbolischen Kommunikation zwischen den anwesenden Subjekten ein.

Zeremonien seien auf das jeweilige Herrschafts- und Gesellschaftssystem historisch-traditionell zugeschnitten, sodass sich die genauen Abläufe von Land zu Land (bzw. Hof zu Hof) unterscheiden. Zeremonien hatten also eine existenzielle Funktion für das monarchische Herrschaftssystem, so lautet das Fazit dieses Buches.

In der folgenden Arbeit werde ich die unterschiedlichen Bedeutungsebenen eines Festmahls für den hochmittelalterlichen Fürstenhof herausarbeiten und interpretieren.

Als Grundlage zur Bearbeitung dieses Themas, habe ich als Quelle einen Auszug aus Arnold von Lübecks „Slawenchronik“ ausgewählt.

In Kapitel 9, „Wie Heinrich zum König gekrönt wurde“, wird im Rahmen der Schwertleite des Sohnes von Kaiser Friedrich I. das Festmahl beim Mainzer Hoffest von 1184 aus Sicht Arnolds von Lübeck dargestellt.

Arnold von Lübeck war ein welfischer Chronist und Abt. Mit seiner „Chronica Slavorum“ setzte er die gleichnamige Schrift von Helmold von Bosau (gest. 1177) fort, die Arnold um ca. 1210 vollendete.

Entstanden ist das Werk vermutlich direkt in Lübeck. Die Originalhandschriften fehlen.

Es sind nur noch Nachdrucke des Originals und Quelleneditionen vorhanden.1

1886 erschien eine Abschrift des Originals in Latein, in der Monumenta Germaniae Historica, die 1978 unverändert nachgedruckt wurde.2

In der Quellenedition „Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit“, erschien die Chronik ins Deutsche übersetzt. Diese deutsche Edition soll die Quellengrundlage der vorliegenden Hausarbeit sein.

1 Potthast, August: „Wegweiser durch die Geschichtswerke des europäischen Mittelalters bi 1500.“, Band 1, Berlin, 1896, S. 245

2 http://www.kirchenlexikon.de/a/arnold_v_lue.shtml, 07.08.2010, 14:26 Uhr

Das Grundlegende

Ort und Ablauf der Festivität

Wie bereits erwähnt, war Arnold von Lübeck ein welfischer Chronist und er schrieb insbesondere für Heinrich den Löwen. Aufgrund der Rivalität um die Königskrone zwischen den Welfen und Staufern, war er kein besonders großer Freund Kaiser Friedrichs I.. Dennoch schien ihn das Mainzer Hoffest von 1184, ungeachtet seiner Abneigung gegenüber der herrschenden Dynastie, ungemein beeindruckt zu haben.

So beschrieb er, dass eigens für das Fest ein extra großer Palast aus Holz gebaut wurde.3

Der Chronist legte an dieser Stelle also besonderen Wert darauf, die außerordentliche Örtlichkeit zur Austragung des Festes zu betonen.

Daraus lässt sich schließen, dass für ein höfisches Festmahl, die Beschaffenheit der dafür vorgesehenen Lokalität von spezieller Bedeutung war.

Hoftage, wie die von Mainz 1184, dienten der Repräsentation des Herrschers und wurden daher häufig zu aktuellen, politischen Begebenheiten veranstaltet. In diesem Rahmen findet dann auch oft ein festliches Mahl statt, in dessen prunkvoller Ausgestaltung der Fürst seine Macht auf materieller Basis zur Schau stellt.4

Es ist anzunehmen, dass bei einem Festmahl die üblichen Strapazen eines Reisekönigtums vergessen werden wollten.

Das Fest in einem hergerichteten Saal sollte jedoch auch Stabilität in Zeiten der immerwährenden Mobilität darstellen und zugleich für eine fröhliche Atmosphäre sorgen.5

Wenn die Gäste den Raum betraten, war bereits der erste Gang fertig aufgetischt.

Die Tische waren meistens in einer U-Form angeordnet, an dessen Stirnseite der Fürst saß.

Dabei wurde jedem Tisch eine bestimmte Anzahl an Dienern zugeteilt.6

Nachdem der Truchseß mit seinem Stab den Gästen die für sie vorgesehenen Plätze, nach einem streng-hierarchischen Sitzplan, zugewiesen hatte, sprach der Älteste das Tischgebet, die Speisen wurden gesegnet und man wusch sich die Hände.7

Anhand der Segnung der Nahrung wird deutlich, was für einen hohen Wert Lebensmittel im Mittelalter besaßen.

Jeder neue Gang wurde mit Trompetensignalen und Gesängen angekündigt.

Obgleich der Ablauf eines Festmahls von Hof zu Hof unterschiedlich war, war er im Allgemeinen jedoch sehr ähnlich.

3 Von Lübeck, Arnold: „Chronica Slavorum” in: Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit“, zweite Gesamtausgabe. Dreizehntes Jahrhundert, dritter Band. Die Chronik Arnolds von Lübeck. Drittes Buch, Kapitel 9: „Wie Heinrich zum König gekrönt wurde“, Leipzig, S.102

4 Martin, Thomas Michael: „Auf dem Weg zum Reichstag 1314 – 1410“ in: Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44, Göttingen, 1993, S. 150 - 153

5 Schubert, Ernst: „Essen und Trinken im Mittelalter“, Darmstadt, 2006, S. 242

6 Bumke, Joachim: „Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter.“ 12. Auflage, München, 2008, S.255

7 Schubert Ernst: „Essen“, 2006, S. 242

Die Speisen bei einem Festmahl

In überschwänglichen Formulierungen beschreibt Arnold von Lübeck die Großzügigkeit bei diesem Fest.

Mit Worten wie „Überfluss an Lebensmitteln“ (S. 101) und „ohne Maß“ versucht er den Eindruck eines üppigen und luxuriösen Festmahls zu vermitteln.

Allein die Tatsache, dass der Überfluss an Speisen von dem Chronisten in dieser Form betont wird, lässt darauf schließen, dass es im Mittelalter durchaus nicht üblich war einen reich gedeckten Tisch vor zu finden.

Tatsächlich wurden noch im Spätmittelalter von einem großen Teil der Bevölkerung ca. 80% der Einkünfte für Nahrung ausgegeben.8

Diese Knappheit an Nahrungsmitteln gab es jedoch nicht nur beim gemeinen Volk, auch bei Hofe waren Lebensmittel ein hohes und vor allen Dingen rares Gut. So herrschte selbst am Hof Kaiser Karls des Großen kein Überfluss an Essen.9

Wenn es jedoch viel und reichlich an Nahrung gab, dann bei Hofe. Fürstliches Speisen war ein Vorrecht des Adels, welches man aus dem Festmahl des Assuerus in der Bibel ableitete.10

Bei der Hochzeit Heinrichs von Kärnten mit Adelheid von Braunschweig im Jahre 1315 wurden für das Festmahl 69 Rinder, 252 Schafe, 58 Schweine, 357 Schweineschultern, 242 Lämmer und 55 560 Brote herangeschafft.11

Allein die Tatsache, dass diese Zahlen so genau überliefert sind und sich jemand die Mühe gemacht hatte, die Menge an Lebensmitteln zu verzeichnen, lässt auf die außerordentliche Bedeutung des Festmahls für den Hof schließen.12

Man servierte häufig Tiere, die man bei der Jagd fangen konnte. Wild und Fisch (Pfauen, Kapaune, Rebhuhn, Kranich, Trappe) bildeten daher die Hauptelemente der Herrenspeise.13

Die Jagd war ebenfalls ein Privileg des Adels, dessen man sich ganz bewusst bediente.

An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass das Festmahl nicht als ein geschlossener Repräsentationsakt anzusehen ist, sondern mit verschiedenen Aspekten des höfischen Lebens und der adligen Kultur (wie der Jagd) verknüpft wurde!

Für die hohen Herren gab es drei Gänge, für die gemeinen Rotten oft nur zwei.14

Man liebte es außerdem scharf zu würzen.

Neben (gesüßtem einheimischen oder ausländischen) Wein und gutem Brot bediente man sich auch gern orientalischer Gewürze (wie Nüsse, Mandeln, Feigen, Datteln, Rosinen und Ingwer).15

Ebenso wichtig, wie die ausgewählten Zutaten waren die Tischzuchten.

Essen befriedigte ein überlebenswichtiges Grundbedürfnis. Durch gesittetes Einnehmen von Speisen und der Vermeidung mehr zu essen, als es der Hunger erlaubte, wollte man sich so „vom triebgesteuerten Bauern“ abheben.

Wenn der Adel diese Norm tatsächlich befolgte, so müsste bei einem Festmahl wie es Arnold von Lübeck beschrieb, eine große Menge an Nahrung übrig geblieben sein.

Es war brauch, nach einer solchen Festivität, die Reste dem armen Volk zu spenden. 16

Blieb viel übrig, konnte man den Armen viel geben. Damit bekundete der Herr seine Großzügigkeit und gleichzeitig seine Mildtätigkeit gegenüber seinen Untertanen. Zwei wichtige Eigenschaften für einen guten Christen.

Damit bestärkte der Fürst seine göttliche Legitimation und christliche Reinheit.

8 Schubert, Ernst: „Essen“,2006, S. 13

9 Schubert, Ernst: „Essen“, 2006, S.13

10Franke, Birgit: „Alttestamentliche Tapisserie und Zeremoniell am burgundischen Hof“ in: Berns, Jörg Jochen Und Rahn, Thomas: „Zeremoniell als höfische Ästhetik in Spätmittelalter und Früher Neuzeit.“ Band 25, Tübingen, 1995, S.346 - 347

11 Schubert, Ernst: „Essen“, 2006, S. 277

12 Schubert, Ernst: „Essen“, 2006, S. 277

13 Bumke, Joachim: „Kultur“, 2008, S. 242

14 Löwenstein, Uta: „ Voraussetzungen und Grundlagen von Tafelzeremoniell und Zeremonientafel“ in: Berns, Jörg Jochen und Rahn, Thomas: „Zeremoniell als höfische Ästhetik in Spätmittelalter und Früher Neuzeit.“ Band 25, Tübingen, 1995, S.346 - 347

15 Bumke, Joachim: „Kultur“, 2008, S. 244

16 Löwenstein, Uta: „Voraussetzungen“, 1995, S. 268

Die repräsentative Bedeutung des Festmahls

Der Hauptteil von Arnold von Lübecks Darstellung des Mainzer Hoffestes, handelt vom Streit um den Platz zur Linken des Kaisers beim Festmahl (S. 102 – 104).

Der Abt von Fulda erhebt Anspruch auf diesen Platz, auf dem eigentlich der Kölner Erzbischof sitzt.

Aus diesem Konflikt und der ausführlichen Beschreibung desselben, kann man die verschiedenen Bedeutungsebenen des Festmahls für das hochmittelalterlicher Herrschaftssystem ableiten.

Daher wird in den folgenden Kapiteln drei und vier diese Konfrontation Schritt für Schritt auseinandergenommen und analysiert werden.

Sitzordnung

Wie in Kapitel oben erwähnt, wies der Truchseß mit seinem Stab die Gäste zu ihren Plätzen.

Es wurde dabei nach einem strengen Sitzplan verfahren.

Dabei entschieden Stand und Gunst beim Herrscher, welchen Platz man bekam. Je näher man dem Fürsten saß, desto größer war die Ehre für den Gast. Waren mehrere hochrangige Personen anwesend, war eine sorgfältig ausgearbeitete Sitzordnung von Nöten, um keinen Adligen in seiner Würde herabzusetzen.17

Doch es kam nicht nur darauf an neben wem man saß, sondern auch wie man saß.

Die beliebteste Tischanordnung bei solch einem Fest, war die U-Form. Der Herr saß in der Mitte und konnte die ganze Tafel überblicken. Die Rangfolge nahm dann jeweils links und rechts vom Herrscher ab.18Um Rangunterschiede noch deutlicher sichtbar zu machen, wurden die Stühle des Herren und seiner hochrangigsten Gäste oft höher aufgestellt, als die der anderen. 19

Nun war es mit der Anordnung der Plätze für die jeweiligen Gäste jedoch noch nicht getan.

Der jeweilige Sitzplatz enthielt einen kognitiven Code, welche Rolle und Bedeutung der entsprechende Gast im Gefüge des Hofes einnahm.

So wirkte sich dieser Umstand auch auf Umfang und Qualität der Speisen, die Anzahl der dem Tisch zugewiesenen Diener und die Ausstattung des Mobiliars aus. 20

Die hochrangigen Gäste saßen auf feinen Stühlen an kleinen Tischen aus kostbarem und bequemem Material, während Gäste niederen Standes auf gepolsterten Bänken saßen und sich größere Tische mit einigen anderen Personen teilen mussten.21

In diesem Fall wirkte sich etwas nicht-Materielles wie die Gunst beim Herrn, auf Materielles, wie quantitative/ qualitative Nahrungsverteilung, aus.

Es war eine besondere Ehre für den Gast, wenn die Hausherrin ihm die Speisen schnitt und servierte oder er aus ihrem Kelch trinken durfte.22

Hier entstand also eine Verknüpfung aus höfischem Essen und Minne.

Wie beim Servieren von vom Adel gejagten Tieren verband man hierbei das Festmahl mit anderen höfischen Tugenden.

Die Sitzordnung war also sowohl ein Abbild der ständischen Hierarchie bei Hofe, als auch der Gunstzuweisung durch den Fürsten und seiner Gemahlin.

Beide Aspekte griffen offensichtlich bei der Vergabe von Sitzplätzen in einander.

17 Bumke, Joachim: „Kultur“, 2008, S. 250 - 251

18 Bumke, Joachim: „Kultur“, 2008, S. 265

19 Schubert, Ernst: „Essen“, 2006, S. 281

20 Löwenstein, Uta: „Voraussetzungen“, 1995, S.266 - 275

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