Hoffnungslos durch die Nacht? - Michael Mainka - E-Book

Hoffnungslos durch die Nacht? E-Book

Michael Mainka

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Beschreibung

"Die Welt ist aus den Fugen geraten" (Frank-Walter Steinmeier). Aktuell haben wir es gleichzeitig mit mehreren globalen Krisen zu tun, die sich zudem gegenseitig verstärken. Selbst die größten Optimisten kommen ins Grübeln. Auch die ersten Leser der Offenbarung des Johannes befanden sich in keiner rosigen Lage. Das letzte Buch der Bibel räumt ein, dass sich die Konflikte weiter zuspitzen. Gleichzeitig aber spricht es von Hoffnung – und zwar in Form eines Dramas, das sich auf Erden und im Himmel abspielt. Dabei wird deutlich, dass es uns auch 2000 Jahre nach seiner Niederschrift noch anspricht.

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EPUB
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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Michael Mainka

Hoffnungslos durch die Nacht?

Ein Streifzug durch die Offenbarung des Johannes

© 2022 Michael Mainka

Umschlag, Illustration: Vorlage tredition

Lektorat, Korrektorat: Birthe Hertwig, Reinhild Mainka

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Softcover

978-3-347-77958-7

Hardcover

978-3-347-77959-4

e-Book

978-3-347-77960-0

Großschrift

978-3-347-77961-7

Die Bibelzitate sind – falls nicht anders vermerkt – der Lutherbibel 2017 entnommen.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Hinführung

1 Der Auftakt (1,1–20)

2 Sieben Briefe für sieben Gemeinden (2,1– 3,22)

3 Der Blick in den Thronsaal Gottes (4,1– 5,14)

4 Vier apokalyptische Reiter und zwei weitere Siegel (6,1–17)

5 Zwischenspiel: Und was wird aus uns? (7,1-17)

6 Die Posaunen – Gottes Gericht beginnt (8,1–9,21)

7 Zwischenspiel: Die Propheten – ihr Wirken und ihr Schicksal (10,1–11,14)

8 Das Geheimnis wird vollendet (11,15 –19)

9 Die unheilige Dreieinigkeit und das Volk Gottes (12,1 –14,5)

10 Engel verkündigen und vollziehen das Gericht Gottes (14,6–20)

11 Die letzten Plagen – der vollendete Zorn Gottes (15,1–16,21)

12 Babylon – eine Stadt wird gerichtet (17,1– 19,10)

13 Die letzten Dinge (19,11-20,15)

14 Alles neu! Alles gut! (21,1–22,5)

15 Ein Nachwort (22,6-21)

Die Offenbarung des Johannes: Traum und/oder Wirklichkeit?

Literatur- und Abkürzungsverzeichnis

Hinführung

Im Frühjahr 2022 – der Krieg in der Ukraine ist erst wenige Wochen alt – erscheint in der Wochenzeitung DIE ZEIT ein Artikel mit der Überschrift „Das große Trotzdem“.1 In der Unterüberschrift heißt es: „Es gibt wenig Anlass zum Optimismus. Aber ohne Hoffnung leben? Das geht nicht.“

Autor Peter Neumann beginnt seinen Artikel mit dem Mythos von der „Büchse der Pandora“: „Zur Strafe, weil sie heimlich in den Besitz des Feuers gelangt waren, schickten die Götter den Menschen eine wunderschöne Frau namens Pandora, die eine Büchse, voll mit Übeln, bei sich trug. Licht hatte die Welt werden sollen, hell und aufgeklärt. Doch plötzlich wurde sie dunkel und trostlos. Denn als Pandora den Deckel von der Büchse nahm, entwichen aus deren Innerem Mühsal und Leid, Krankheit und Laster. Einzig die Hoffnung, die tief unter all dem Bösen verborgen lag, schaffte es nicht mehr nach draußen und blieb in jener Büchse der Pandora zurück.“

Dann springt er in die Gegenwart: „Auch heute, über zweieinhalb Jahrtausende nach Hesiod … ist die Welt noch immer ein Ort voller Übel, Gefahren und schrecklicher Plagen und die Hoffnung ein scheuer und seltener Gast. Längst nicht abgeklungen sind die Corona-Stürme der vergangenen beiden Jahre, die uns Machtlosigkeit, Angst und Trauer bescherten, jetzt hält ein Krieg auf europäischem Boden die Welt in Atem und zwingt Millionen Menschen, ihre Wohnungen und Häuser, ihre zerstörten Dörfer und Städte zu verlassen. Schon steht eine Hungersnot am Horizont, während andernorts der Klimawandel ungebrochen anhält. Man muss die Krisen, die sich rund um den Erdball aufstauen, gar nicht erst alle aufzählen, um zu erkennen: Es gibt nichts zu beschönigen – wir leben in finsteren Zeiten. Und dennoch will es so scheinen, als halte sich die Hoffnung noch immer tapfer am Leben, und sei es am Grund eines dunklen Gefäßes.“

Nach dem Hinweis, dass Hoffnung unverzichtbar ist, und einigen Erinnerungen an die Geschichte des „Prinzips Hoffnung“, stellt Hoffmann schließlich die entscheidende Frage, „was uns eigentlich dazu berechtigt, uns an die hehren Worte der Hoffnung zu klammern, wenn ein Land in Europa von einem grausamen Krieg heimgesucht wird, der mit einer unmenschlichen Brutalität Abertausende von Opfern fordert, Städte dem Erdboden gleichmacht und einen ganzen Kontinent mit Furcht und Schrecken überzieht. Wenn uns die Sprache für all das fehlt. Für das Plündern und Morden und Brandschatzen. Wenn jeder Fetzen Optimismus an der blutigen Wirklichkeit russischer Panzer und Bomben zuschanden wird. Ist es nicht wohlfeil, über Hoffnung diesund jenseits unserer eigenen Moralvorstellungen zu räsonieren, wenn das Undenkbare, die Katastrophe, bereits stattfindet? Und wenn geschehen ist, was, wie Hannah Arendt einmal sagte, ‚nie hätte geschehen dürfen‘? In Butscha. In Mariupol. Und anderswo. Eine Barbarei, jetzt wieder. Hier, direkt vor unseren Augen.“

Peter Hoffmann empfiehlt die Haltung der Crow. Dieses nordamerikanische indigene Volk hat Ende des 19. Jahrhunderts alles verloren. Nicht nur ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet, sondern alles, was ihr Leben bisher ausgemacht hatte. Ihre Geschichte war beendet. Aber: Ihre Hoffnung lebte weiter – obwohl bzw. gerade weil es menschlich gesehen nichts zu hoffen gab. Wie das? „Nach ihrer Auffassung hieß hoffen, anzuerkennen, dass es Möglichkeiten gab, die über alles Vorstellbare hinausgingen und zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht existierten.“

Und genau darum geht es auch in der Offenbarung des Johannes. Ihre Schilderungen gehen über „alles Vorstellbare“ hinaus und öffnen den Blick für eine ganz andere Welt. Vordergründig betrachtet sieht es gar nicht gut aus. Verzweifelte Appelle, nur ja die Hoffnung nicht aufzugeben, und Kalendersprüche wie „Auch aus dem letzten Rest deiner Hoffnung, kann etwas Neues entstehen“, helfen da nicht weiter. All dem ist mit Nico Semsrott entgegenzuhalten: „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber: Sie stirbt.“ Die Offenbarung des Johannes ist kein Aufruf, den letzten Funken Hoffnung zu bewahren; sie spricht von einer Hoffnung angesichts dessen, dass es menschlich betrachtet nichts zu hoffen gibt.

Sie tut das nicht mit logischen Argumenten oder einer systematischen Unterweisung, sondern in Form eines Dramas. Es „spielt“ auf zwei Ebenen – auf Erden und im Himmel. Dabei ist die zweite Ebene – die himmlische Ebene – entscheidend. Sie wirft ein anderes Licht auf das, was hier auf Erden geschieht. Und auch die Lösung für all das, was unser Leben zerstört und bedroht, ist nicht das Ergebnis von gutem Willen und menschlicher Anstrengung, sondern kommt „von oben“.

Dieses Drama möchte ich nacherzählen. Damit dabei die Spannung erhalten bleibt, konzentriere ich mich dabei auf den „Handlungsstrang“.1

Beim Lesen werden immer wieder Fragen aufkommen, die vom Text selbst nicht beantwortet werden können. Manche Bibelausleger haben diese „Lücke“ mit Hilfe eigener Überlegungen (bzw. Spekulationen) zu schließen versucht. Ich habe mich bemüht, diesen Fehler zu vermeiden – auch deshalb, weil die Offenbarung kein „Handbuch für Endzeitereignisse“ ist, sondern eher einer Collage gleicht, in der viele Katastrophen- und Hoffnungsbilder des Alten und Neuen Testaments (und des Frühjudentums!) aufgegriffen und konzentriert wiedergegeben werden.

Bevor der Vorhang aufgeht und das Drama beginnt, einige grundlegende Informationen zu diesem Buch der Bibel:

• Das Buch selbst nennt Johannes als Verfasser und die Insel Patmos als den Ort der Abfassung (1,1.4.9; 22,8).2

• Die meisten Bibelausleger gehen davon aus, dass die Offenbarung des Johannes während der Regierungszeit Domitians (81-96 n. Chr.) geschrieben wurde. Das wird durch einen Hinweis von Irenäus unterstützt3.

• Die Situation der Christen unter Kaiser Domitian kann durch folgende Eckpunkte skizziert werden:

 Kaiser Domitian ließ sich wie kein Kaiser vor ihm als Gott verehren.

 Kleinasien war ein Zentrum des Kaiserkults. Es wurden Tempel errichtet, in denen der Kaiser angebetet wurde.

 Die Juden waren von der Teilnahme am Kaiserkult befreit. Solange die Christen als „jüdische Sekte“ angesehen wurden, konnten auch sie von dieser Regelung profitieren. Als sie jedoch mehr und mehr als eigenständige Religion in Erscheinung traten, entfiel dieser Schutz. Daraufhin gerieten alle Christen, die nicht am Kaiserkult teilnahmen, in Schwierigkeiten.

Und nun lade ich alle Leser ein, sich auf dieses Drama einzulassen. Je intensiver wir das tun, desto mehr Assoziationen wird es auslösen, so dass wir uns noch 2000 Jahre nach seiner Niederschrift angesprochen fühlen.

Michael Mainka

Erzhausen, November 2022

1 Neumann, Peter: Das große Trotzdem, in: Die Zeit Nr. 16 (13.04.2022), S. 49-50.

1 Für zusätzliche Hinweise zum Verständnis bzw. zur Deutung des Textes habe ich Fußnoten genutzt. Sie können gern überlesen werden, sollen aber all denen helfen, die an Details interessiert sind und sich vielleicht an mancher Stelle meiner Ausführungen fragen, was für oder gegen eine bestimmte Auslegung spricht.Um das Wesentliche hervorzugeben, finden sich an vielen Stellen kurze Zusammenfassungen. Sie sind durch Fettschrift hervorgehoben.

2 Das entspricht dem altkirchlichen Zeugnis. Als erster hat Justin der Märtyrer (gest. 165 in Rom) in seinem „Dialog mit dem Juden Tryphon“ den Apostel Johannes als Verfasser der Offenbarung identifiziert (Kap. 81). Allerdings verweist Eusebius (260/64-339/40) in seiner Kirchengeschichte auf eine alte Quelle, die nicht den Apostel Johannes, sondern einen Presbyter gleichen Namens als Verfasser nennt (Kirchengeschichte, III, 39, 2ff.). Die moderne Bibelwissenschaft betont, dass wir „über die Herkunft und Geschichte unseres Verfassers … im Unklaren sind“ und er „mit einem sonst im Neuen Testament Genannten … kaum zu identifizieren“ ist (Holtz, 7).

3 Irenäus (gest. um 200), schrieb in seiner Schrift „Gegen die Häresien“ (V, 30, 3): „Doch wollen wir uns nicht in Gefahr begeben und den Anschein erwecken, als ob wir über den Namen des Antichrists etwas Bestimmtes wüssten. Läge nämlich für die Verkündigung desselben im gegenwärtigen Zeitpunkt eine Notwendigkeit vor, dann wäre er gewiss durch den gemeldet worden, der die Apokalypse geschaut hat. Das ist aber vor gar nicht langer Zeit geschehen, sondern soeben erst am Ende der Regierung des Domitian.“

1 Der Auftakt (1,1–20)

Auch die Offenbarung des Johannes hat ein Vorwort. Es beschreibt, was es mit diesem Brief auf sich hat.

1 Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll; und er hat sie gedeutet und gesandt durch seinen Engel zu seinem Knecht Johannes, 2 der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat. 3 Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.

Was ist das – eine „Offenbarung“? Es geht um eine Enthüllung. Etwas Verborgenes wird aufgedeckt. Im Zusammenhang mit Wikileaks oder ähnlichen Initiativen sprechen wir auch heute von „Enthüllungen“ bzw. „Enthüllungsplattformen“. Ihr Ziel ist es, den Medien vertrauliche, geheime oder zensierte Dokumente zur Verfügung zu stellen oder sie im Internet für jedermann zugänglich zu machen.

Was soll durch die „Offenbarung“ enthüllt werden? Kein Skandal, sondern Ereignisse, die „in Kürze geschehen“ werden.1 Wer deckt hier etwas auf? Bei Wikileaks war Julian Assange die treibende Kraft. Hier ist es Jesus Christus. Und wer ist seine „Quelle“? Gott selbst. „Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat …“ Und wem wird dieses Material „zugespielt“? Den „Knechten“, also den Propheten – zuallererst Johannes. Ein Engel war auch noch beteiligt. Jesus Christus „hat sie – die Offenbarung – gedeutet und gesandt durch seinen Engel zu seinem Knecht Johannes“.

Johannes schwört, dass dieses „Material“ echt ist. Er hat alles „bezeugt“ – „das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat“.1

Und warum soll man sich mit dieser „Offenbarung“ beschäftigen? „Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist …“2 Warum ist der „selig“ zu preisen, der diese Worte liest, hört und behält? Weil die „Zeit … nahe“ ist. Weil die Botschaft aktuell ist. Und weil „die Hörer in den auf sie zukommenden Bedrängnissen der Endzeit nur bestehen können, wenn sie im Denken und Handeln auf der festen Basis der Botschaft bleiben“3, die sie hier erhalten.

Nach diesem Vorwort kann es losgehen. Es folgt der Briefeingang.

4 Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asia: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, 5 und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Fürst der Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut 6 und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater, dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. 7 Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Stämme der Erde. Ja, Amen. 8 Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.

Absender, Empfänger und Grußwort. Letzteres hat es in sich: Von „Gnade“ und „Friede“ war in vielen Grußworten die Rede. Entscheidend aber ist, woher beides kommt:

• Es kommt erstens „von dem, der da ist und der da war und der da kommt“ – also von Gott (1,8), denn der ist in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft für sein Volk da.

• Es kommt zweitens „von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind“ (vgl. 3,1; 4,5; 5,6).

• Und es kommt drittens „von Jesus Christus“. Jesus Christus ist „der treue Zeuge“, wörtlich: der treue „Märtyrer“. Er hat, „wie sein ‚treuer Zeuge‘ Antipas in Pergamon, 2,13, seine (gute) Botschaft mit dem Blut besiegelt“.1 Er ist aber auch „der Erstgeborene von den Toten“. Er ist auferstanden. Und er ist der „Fürst der Könige auf Erden“. Gott hat ihn „von den Toten auferweckt … und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan …“ (Eph 1,20-22).

Jesus Christus ist hoch zu loben – weil er „uns liebt“, weil er „uns erlöst hat von unseren Sünden“ – und weil er „uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater“. Hier wird Ex 19,6 aufgegriffen: „Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern sein …“ (vgl. 1 Pt 2,5.9). Ganz ähnlich heißt es in Off 5,10: „… und hast sie unserem Gott zu einem Königtum und zu Priestern gemacht“. Dort wird hinzugefügt: „… und sie werden herrschen auf Erden“. Das heißt: Die Nachfolger Jesu werden in der Zukunft als Könige und Priester „herrschen“ (vgl. 20,6; 22,5), haben aber durch Jesus Christus schon jetzt königliche und priesterliche Würde – unsichtbar, aber nicht unwirklich.

Weil Jesus Christus das alles für uns getan hat, bleibt uns nichts anderes übrig, als ihm unser Lob zu bringen: Ihm „sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Dann folgt die entscheidende Aussage, die wichtigste „Enthüllung“. Ein Wort des Johannes, ein „Prophetenspruch“. Er wird mit einem „Siehe“ eingeleitet – damit auch wir merken, dass hier Entscheidendes gesagt wird: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Stämme der Erde.“ Jesus kommt – mit den Wolken. Ein Ereignis mit kosmischen Ausmaßen. Ein Ereignis, das niemand ignorieren kann. Alle werden ihn sehen. Für die Gläubigen ist das die Erfüllung ihrer Sehnsucht. Aber auch die Feinde Jesu Christi werden ihn sehen. Für sie ist das der Albtraum. Die Verhältnisse werden auf den Kopf gestellt: Der, den sie gekreuzigt haben, ist der Sieger.1

Und dann ergreift Gott selbst das Wort: „Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.“ Gott ist der Anfang und das Ende. Er war immer schon da, ist auch jetzt da und wird immer da sein – und alles zum Ziel führen. Er ist der „Allmächtige“ – der „Pantokrator“, der Allherrscher. Nicht der Kaiser in Rom ist der Pantokrator – auch wenn er sich tausendmal so nennen lässt und wenn es so aussieht, als habe er die ganze Welt unterworfen. Jesus Christus ist es, der gekreuzigt wurde, der auferweckt wurde und im Himmel zur Rechten Gottes sitzt und regiert.

Und damit ist klar: Dieser Briefeingang ist anders – weil das Thema dieses Briefes bzw. Buches ein ganz besonderes ist. Die Offenbarung des Johannes zeigt: Gott ist der „Allmächtige“. Er „regiert in seinem himmlischen Heiligtum, umgeben von heiligen Geistern. Christus, durch seine Erhöhung Herrscher über alle Herrscher, bezeugt das und teilt es den Seinen mit. Sie werden zu Gottes Königsherrschaft und Priestern, die ihm auf Erden unverbrüchlich nahe und kraftvoll dienen“2 und sollen wissen, dass Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit erscheinen und seine Herrschaft durchsetzen wird.

Nach dem Briefeingang folgt der Bericht über die erste Vision des Johannes – die Vision seiner Berufung:

9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. 10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nachEphesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. 12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13 und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15 und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. 19 Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach. 20 Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und der sieben goldenen Leuchter ist dies: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.

Bevor er auf die Umstände seiner Berufung eingeht, sagt Johannes erst mal etwas zu seiner Person. Er stellt sich als „Bruder und Mitgenosse“ der „sieben Gemeinden“ vor.

Inwiefern ist er „Mitgenosse“?

• Er ist „Mitgenosse an der Bedrängnis“. Er hat den gleichen Druck erlebt, der von außen auf die Christen Kleinasiens ausgeübt wird – bis hin zur blutigen Verfolgung.

• Er ist aber zugleich „Mitgenosse … am Reich“, an der Königsherrschaft Gottes und seines Sohnes Jesus Christus, die jetzt noch verborgen ist, aber einmal unübersehbar sein wird.

• Und er ist „Mitgenosse … an der Geduld in Jesus“ – ist also gefordert, den Verfolgungen standzuhalten und den Glauben festzuhalten (vgl. 13,10; 14,12).

Als ihr „Mitgenosse“ befindet Johannes sich „auf der Insel, die Patmos heißt“. Nicht, um dort Urlaub zu machen, sondern „um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen“. Das kann heißen: Er ist dort, weil er wegen der Verkündigung des Wortes Gottes und des Zeugnisses von Jesus dorthin verbannt wurde.1 Oder aber es ist gemeint: Er ist auf Patmos, um dort das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu zu empfangen – nämlich die Offenbarung des Johannes.

Nachdem er den Ort genannt hat, erklärt Johannes, auf welche Weise und wann seine Berufung geschah: „Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn …“2

Und was geschah „am Tag des Herrn“? Er „hörte“ hinter sich „eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.“

Weil Johannes „hinter“ sich „eine große Stimme wie von einer Posaune“ hörte, drehte er sich um und sah „sieben goldene Leuchter“3 und „einen, der war einem Menschensohn gleich“. Der Begriff „Menschensohn“ ist nicht einfach ein anderes Wort für „Mensch“, sondern ein Hoheitstitel und bezeichnet eine „übermenschlichhimmlische Gestalt, der nach dem letzten Gericht von Gott die Weltherrschaft übertragen werden soll“4. Jesus hat wiederholt von sich selbst als dem „Menschensohn“ gesprochen (z.B. Mt 8,20; 9,6; 16,13; 20,28).

Der „Menschensohn“ ist eine imposante Erscheinung: Er „war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.“ Eine ganz ähnliche Gestalt wird auch im zehnten Kapitel des Buches Daniel geschildert. Dort geht es um eine Gestalt, die Offenbarungen von Gott gibt (Dan 10,11) und die hinter den Kulissen die Geschicke dieser Welt lenkt (Dan 10,13.20f.). Hinzu kommen weitere Parallelen zu Texten des Alten Testaments. 1 Sie alle zeigen: Jesus Christus, „der Menschensohn“, ist ein königlicher Hohepriester und Richter.

Johannes berichtet, dass er angesichts dieser Erscheinung tief erschrocken war: „Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot …“ Aber der Menschsohn „legte seine rechte Hand“ auf ihn und sprach zu ihm: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Jesus Christus ist „der Erste und der Letzte“ (vgl. Jes 44,6; 48,12). An ihm kommt niemand vorbei; er hält alles in seiner Hand. Und Jesus ist „der Lebendige“. Er „war tot“, ist aber „lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Als der Auferstandene hat er „die Schlüssel des Todes und der Hölle“1. Er entscheidet über Leben und Tod. Weil Jesus alles in seinen Händen hält und über alles entscheidet, gilt: „Fürchte dich nicht!“

Im Anschluss an diese Vision erhält Johannes einen erneuten „Schreibbefehl“: „Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach.“2

Abschließend werden zwei Elemente der Vision erklärt: „die sieben Sterne“ und die „sieben goldenen Leuchter“. Dazu heißt es: „Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden“. Wer aber sind die „Engel der sieben Gemeinden“? Gemeint sind entweder Repräsentanten der Gemeinde im Himmel1 oder die Leiter der Gemeinden2. An sie werden in den Kapitel 2 und 3 Briefe gerichtet („Dem Engel der Gemeinde in … schreibe …“) – was natürlich eher für die zweite Deutung spricht. Eindeutig ist die Erklärung zu den sieben goldenen Leuchtern: „… die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.“

In einer Vision, die seiner Beauftragung dient, sieht Johannes den Menschensohn als königlichen Hohepriester und Richter mitten unter den Gemeinden. Es ist Jesus Christus. „Johannes selbst sinkt bei dieser Erscheinung zunächst ohnmächtig zu Boden … Er muss erst von Jesus hören: Fürchte dich nicht! Und er sagt ihm als Erstes: Ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt … Und es ist, als ob wir in einem Kerker säßen, und jemand kommt und ruft uns zu: hier! Ich habe den Schlüssel! Es gibt einen Ausgang! Ihr seid frei! … Wir hören von einem Jesus, der die Grundfesten der Welt erschüttert, dessen Macht einen Menschen überwältigen kann, und der ihn trotzdem freundlich und sanft anrührt und sagt: keine Angst! Steh auf, ich bin es, du kennst mich doch!“3

Nach diesem Auftakt ist klar: In der Offenbarung des Johannes geht es nicht um Kleinigkeiten und rein spirituelle Angebote. Es geht um mehr – um Alles. Nicht um Alles oder Nichts, sondern darum, dass Jesus Christus alles im Griff hat und alles zum Ziel führt. Das ist nicht mit Händen zu greifen. Hier aber wird es „enthüllt“.

Und deshalb können wir schon heute alles in einem neuen Licht sehen. Wir sehen nicht nur auf das, was wir sehen und auf keinen Fall auf irgendwelche anderen „Enthüllungen“, die uns erklären wollen, wer auf welche Weise im großen Stil hinter den Kulissen die Fäden zieht und welche finsteren Absichten damit verbunden sind. Wir sehen auf Jesus Christus. Wir dürfen die Welt neu sehen – und zwar von dem her, „der da ist und der da war und der da kommt“. Glücklicherweise!

„Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist …“

1 Der griechische Begriff (τάχος, tachos) kann mit „schnell“, „schleunigst“, „unverzüglich“, „bald“, „in Kürze“ übersetzt werden. Ist gemeint, dass die Ereignisse der Endzeit in schneller Folge stattfinden – unabhängig davon, wann sie eintreten? Oder wird gesagt, dass sie in naher Zukunft geschehen? An einigen Stellen geht es um Geschwindigkeit (z.B. Apg 22,18; Jak 1,19), an anderen jedoch darum, dass es nicht mehr lange hin ist, bis ein Ereignis eintritt (Röm 16,20). Wenn es sich bei dem Ereignis um die Wiederkunft Jesu handelt, soll gesagt werden, dass es nicht mehr lange dauert (Off 22,7.12.20). Hinzu kommt, dass in der Offenbarung des Johannes ausdrücklich gesagt wird, dass die Zeit „nahe“ ist (1,3; 22,10).

1 Wörtlich übersetzt ist vom „Zeugnis Jesu Christi““ die Rede. Diese Konstruktion kann in zweifacher Weise verstanden werden:

• Als ein Zeugnis, dass von Jesus Christus ausgeht.

• Als ein Zeugnis, dass etwas über Jesus Christus aussagt.

Vers 1 zeigt: Es handelt sich um etwas, das von Jesus Christus ausgeht. Auch die parallele Wendung „Wort Gottes“ spricht dafür, weil es sich um ein Wort handelt, das von Gott kommt.

2 In der Offenbarung finden sich sieben Seligpreisungen (1,3; 14,13; 16,15; 19,9; 20,6; 22,7.14). Die erste Seligpreisung richtet sich an die Leser und Hörer der Offenbarung. Vermutlich wurde dieses Schreiben im Gottesdienst verlesen.

3 Roloff, 30.

1 Holtz, 22. Oft wird diese Aussage aber auch so verstanden, dass Jesus hier einfach allgemein als vertrauensvoller Zeuge der göttlichen Wahrheit bezeichnet wird (U. Müller, 73; Satake, 130).

1 Die Aussage entspricht weitgehend dem Jesuswort aus Mt 24,30: „… Und dann werden wehklagen alle Stämme der Erde und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken …“. Neu ist aber der Hinweis, dass auch alle, „die ihn durchbohrt haben“, ihn sehen werden. Er knüpft an Sach 12,10 an.

2 Karrer, 222.

1 Das entspricht einer Aussage des Eusebius: „Er [Domitian] war … der zweite, welcher eine Verfolgung gegen uns angeordnet hatte … Damals soll der Apostel und Evangelist Johannes noch am Leben gewesen und wegen seines Eintretens für das göttliche Wort auf die Insel Patmos verbannt worden sein …“ (Eusebius: Kirchengeschichte III, 17f.).

2 Johannes war „im Geist am Tag des Herrn“ (Schl2000). Wenn Johannes davon spricht, dass er „im Geist“ war, kann dies auch heißen, dass er sich „im Geist“ an einem anderen Ort befand bzw. in eine andere Zeit versetzt wurde (4,2; 21,10). Was aber ist der „Tag des Herrn“? Unter Bibelauslegern werden dazu folgende Auffassungen vertreten (vgl. Karrer, 254):

• Der „Tag des Herrn“ ist der Sabbat.

• Der „Tag des Herrn“ ist der Sonntag (in nachapostolischer Zeit ist „Tag des Herrn“ ein feststehender Begriff für den Sonntag). Das ist die vorherrschende Deutung.

• Der „Tag des Herrn“ ist der Ostersonntag.

• Der „Tag des Herrn“ ist der zukünftige Gerichtstag (vgl. Jes 13,6; Hes 13,5; 30,3; Joel 1,15; 2,1.11; 3,4; 4,14; Am 5,18; Zeph 1,7.14; Mal 3,23).

3 Die Leuchter erinnern an die sieben Leuchter des Heiligtums (Ex 25,31ff.; Sach 4,2) und sind möglicherweise ein Hinweis darauf, dass diese Szene im himmlischen Heiligtum spielt. In 1,20 werden die sieben goldenen Leuchter auf die sieben Gemeinden gedeutet.

4 Lutherbibel 1984, Sach- und Worterklärungen.

1 Die Gestalt, die Johannes erblickt, ähnelt der aus Dan 10,5-6.

Off 1,13-15

Dan 10,5-6

… angetan mit einem langen Gewand …

… in Leinen gekleidet …

… gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel …

… und seine Hüften waren umgürtet mit Gold von Ufas …

… sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee,…

… Und sein Leib war wie ein Türkis und sein Gesicht wie das Aussehen eines Blitzes …

… und seine Augen wie eine Feuerflamme …

… seine Augen waren wie Feuerfackeln …

… und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet …

… seine Arme und seine Füße wie der Anblick von glatter Bronze …

… und seine Stimme wie ein großes Wasserrauschen …

… und der Klang seiner Worte war wie der Klang einer Volksmenge …

Woran erinnern die einzelnen Elemente dieser Beschreibung? In welchem Bedeutungszusammenhang stehen sie?

• Das lange Gewand erinnert an das Oberkleid des Hohepriesters (Ex 28,4). Es wurde am großen Versöhnungstag vor und nach seinem Eintritt ins Allerheiligste getragen (Lev 16,4.23f.). Hes 9,1-11 schildert einen Mann, der den Auftrag erhält, die treuen Gläubigen, die den Götzendienst in Jerusalem ablehnen, mit einem Zeichen an ihrer Stirn zu kennzeichnen. Hes 9,3 beschreibt ihn als einen „der das leinene Gewand anhatte“. In der Septuaginta (LXX), der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, wird dieser Begriff mit einem Wort übersetzt, das ein fußlanges Gewand beschreibt (LXX-D: „Robe“).

• Der goldene Gürtel entspricht dem Gürtel des Hohepriesters (Ex 28,4). Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus berichtet dazu: „Er [der Rock des Hohepriesters] wird von einem Gürtel umgeben, der dieselben Farben wie das oben erwähnte Band zeigt, aber noch dazu mit Gold bestickt ist.“ (Josephus: Jüdische Altertümer, III, 159).

• Das weiße Haupt und die weiße Wolle erinnert an die Beschreibung dessen, „der uralt war“, die in Dan 7,9 gegeben wird: „… Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt wie reine Wolle …“

• Von „Augen wie eine Feuerflamme“ ist auch in 19,12 die Rede. Dort wird Jesus als Richter geschildert.

• Die „Füße gleich Golderz“ erinnern an die Füße der vier Gestalten aus dem Buch Hesekiel (Hes 1,7).

• Die „Stimme wie ein großes Wasserrauschen“ kann mit den Beschreibungen der vier Gestalten (Hes 1,24: „Und ich hörte ihrer Flügel rauschen wie große Wasser …“) und des Einzugs der Herrlichkeit Gottes in den Tempel (Hes 43,2: „Und siehe, die Herrlichkeit des Gottes Israels kam von Osten und brauste, wie ein großes Wasser braust …“) verglichen werden.

• Bei den sieben Sternen handelt es sich um die „Engel der sieben Gemeinden“ (1,20). Möglicherweise wird dabei zugleich auf den Kaiserkult angespielt, da „das römische Kaiserbild auf den Münzen zuweilen von sieben Sternen als Symbol seiner kosmischen Herrschaft umgeben“ wird (Tóth: Kult, 193).

• Der Mund, aus dem ein „scharfes, zweischneidiges Schwert“ hervorgeht, ist im AT ein Bild für die durchdringende Kraft des Wortes Gottes (Jes 49,2). In der Offenbarung des Johannes steht es im Zusammenhang mit dem Gericht (19,15.21).

• Das leuchtende Angesicht, das „wie die Sonne scheint in ihrer Macht“, erinnert an Dan 12,3: „Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz …“). Dort sind Menschen gemeint, die von den Toten auferstanden sind. Wenn dieses Motiv auch in 1,16 mitschwingt, wird Jesus hier als der gekennzeichnet, der auferstanden ist und sich in der Herrlichkeit Gottes befindet.

1 Der Begriff „Hades“ findet sich in der Offenbarung des Johannes noch in 6,8 und 20,13f. Er bezeichnet entweder einen Ort (Mt 16,18; Lk 10,15) oder eine Macht (Off 6,8; 20,13f.). In 1,18 ist vermutlich der Hades als Ort (der Toten) gemeint, weil Jesus einen „Schlüssel“ dazu hat. Dieser Schlüssel entscheidet über Heil oder Unheil (3,7; vgl. Jes 22,22).

2 Das ist möglicherweise ein Hinweis auf eine Dreiteilung der Offenbarung:

„… was du gesehen hast …“

Berufungsvision (1,12-18)

„… was ist …“

Sendschreiben an Gemeinden der Gegenwart (2,1-3,22)

„… was geschehen soll danach …“

Enthüllung des Endgeschehens (4,1-22,5)

Das entspricht der Aussage von 4,1, wonach die Stimme, die mit Johannes geredet hat, ihm im Anschluss an die sieben Sendschreiben zeigen will „was nach diesem geschehen soll“.

1 So U. Müller, 87ff.; Holtz, 33; Roloff, 45f.; Satake, 147f.; Wengst, 54f.; Lichtenberger, 79ff. Diese Deutung knüpft an die Engelfürsten aus Dan 10,13.20 an, bei denen es sich um Repräsentanten bestimmter Königreiche in der himmlischen Welt handelt.

2 So Stefanovic, 97; Maier I, 130f.; E. Müller, 90. Die Befürworter dieser Deutung weisen z.B. darauf hin, dass nach Dan 12,3 die Lehrer des Volkes Gottes „leuchten wie des Himmels Glanz“ bzw. „wie Sterne“.

3 Faerber, 32.

2 Sieben Briefe für sieben Gemeinden (2,1– 3,22)

Jesus Christus ist „der Erste und der Letzte“ und hat „die Schlüssel des Todes und der Hölle“ (1,18). Deshalb hat er die Kontrolle über das „was ist und was geschehen soll danach“ (1,19) und offenbart es „seinem Knecht Johannes“ (1,1). Dabei läuft alles auf den Punkt zu, an dem es heißt: „Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserm Herrn und seinem Christus, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (11,15).

Aber auch wenn Jesus Christus alles im Griff hat und alles zum Ziel führt – noch ist es nicht so weit. Die Kirche kann ein Lied davon singen. Manches läuft gut, anderes ist ziemlich herausfordernd. Deshalb hat Johannes zunächst für jede der „sieben Gemeinden in der Provinz Asia“ (1,4) eine Botschaft von Jesus Christus. Er „bittet zum Diktat“. Was Johannes daraufhin zu Papier bringt, sind keine Kalendersprüche, die für alle und jeden passen, sondern kurze Briefe, in denen es um ihre konkrete Situation geht.1

Diese Briefe sind ganz ähnlich aufgebaut. Am Anfang heißt es immer wieder: „Dem Engel der Gemeinde in … schreibe“ (vgl. zu 1,20). Und: „Das sagt, der …“ – wobei dann jeweils eine Beschreibung Jesu aus dem ersten Kapitel der Offenbarung folgt. Am Ende heißt es: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ Und: „Wer überwindet, dem …“ Im Mittelteil stehen Lob, Tadel, Aufforderungen, Warnungen und Verheißungen.

Der Brief an die Gemeinde in Ephesus (2,1-7)

1 Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: 2 Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind's nicht, und hast sie als Lügner befunden 3 und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden. 4 Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. 5 Denke nun daran, aus welcher Höhe du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust. 6 Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaïten hassest, die auch ich hasse. 7 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.

Ephesus war das Zentrum der Provinz Asien und schon früh eine Hochburg des Kaiserkults. Dort befand sich ein Tempel für Kaiser Domitian mit einer riesigen Statue.

Der Gemeinde wird gesagt, dass die Botschaft für sie von dem kommt, „der … die sieben Sterne in seiner Rechten“ hält und „mitten unter den sieben goldenen Leuchtern“ wandelt – also die Leiter bzw. die himmlischen Repräsentanten der Gemeinden in seiner Hand hält und bei den Gemeinden ist (vgl. 1,20).

Was ist los in Ephesus? Jesus weiß, was die Gemeinde auf die Beine stellt, wie viel Anstrengung damit verbunden ist und wie viel Durchhaltevermögen. Und er weiß, dass sie den „Bösen“, den Irrlehrern, keinen Raum gegeben hat und sie als falsche Apostel entlarvt hat.1 Für den Lebenswandel der Nikolaïten und ihre mangelnde Abgrenzung gegenüber dem Götzendienst 2 hat sie genauso wenig übrig, wie Jesus selbst. Auch Anfeindungen von außen hat sie geduldig ertragen und ist dabei „nicht müde geworden“.

Aber die Gemeinde hat die „erste Liebe verlassen“. Von der ursprünglichen Begeisterung im Glauben oder der anfänglichen Liebe untereinander und zu den Mitmenschen ist nicht mehr viel übrig.

Was ist zu tun? Die Gemeinde soll mal darüber nachdenken, dass sie sich unter ihrem ursprünglichen Niveau befindet – und dann umkehren und wieder „die ersten Werke“ tun. Und wehe, wenn nicht. Dann wird Jesus ihren „Leuchter wegstoßen von seiner Stätte“, sie also aus seiner Gegenwart ausschließen. Also: Ohren auf! Die Lage ist aber nicht hoffnungslos. Im Gegenteil: „Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.“ (vgl. 22,14).

Die Gemeinde Ephesus hat in schwierigen inneren und äußeren Anfechtungen Kurs gehalten. Aber Jesus macht sie darauf aufmerksam, was sie bei diesem notwendigen Abwehrkampf verloren hat – die „erste Liebe“. „Wenn man dauernd darauf achten muss, nicht … auf falsche Fährten gelockt zu werden, dann traut man irgendwann keinem mehr. Die selbstverständliche Solidarität, die die Stärke so einer jungen Bewegung ist, die schrumpft nach und nach … Und deswegen ist die Botschaft Jesu nach Ephesus: Finde wieder zurück zur ersten Liebe, zu dem selbstverständlichen Zusammenhalt, der die junge christliche Bewegung damals so attraktiv gemacht hat.“1

Der Brief an die Gemeinde in Smyrna (2,8-11)

8 Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: 9 Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die Versammlung des Satans. 10 Fürchte dich nicht vordem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. 11 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

Smyrna war ein Zentrum des Kaiserkults. 26 n. Chr. erhielt die Stadt – nach einem heftigen Wettkampf mit zehn anderen asiatischen Städten – die Erlaubnis, einen Tempel für den Kaiser, Livia1 und den Senat zu errichten. Smyrna war auch eine Stadt mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil.

Der „Absender“, Jesus Christus, wird der Gemeinde vorgestellt als „der Erste und der Letzte“, als der, „der tot war und … lebendig geworden“ ist – was gut zur Situation der Gemeinde passt, für die es um Leben oder Tod geht.

Was ist los in Smyrna? Die Gemeinde wird von außen bedrängt und ist verarmt. Geistlich betrachtet ist sie „reich“, im materiellen Sinn jedoch arm. Außerdem wird sie verlästert – und zwar „von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die Versammlung des Satans“. Wird hier den Juden ihr Judesein abgesprochen?2 Oder geht es tatsächlich um Nicht-Juden, die sich als Juden ausgeben, weil sie sich davon Vorteile versprechen (z.B. bestimmte Schutzrechte)?3

Was ist zu tun? Die Gemeinde soll sich nicht vor dem Leid fürchten, das über sie kommen wird – dass der „Teufel“ dafür sorgt, dass einige von ihnen „ins Gefängnis“ kommen und sie „zehn Tage“ lang4„in Bedrängnis“ sein werden. Sie soll treu bleiben – bis zum Tod, zum Martyrium.

Wenn sie das tun, winkt der Gemeinde „die Krone des Lebens“, wörtlich: der „Siegeskranz des Lebens“. Gemeint ist natürlich das ewige Leben. Oder in den Worten des „Überwinderspruchs“: „Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.“ Der „zweite Tod“, das ist der „Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt“ (21,8). Gemeindeglieder mögen das Martyrium erleiden – aber den endgültigen Tod in der Hölle werden sie nicht erleiden, sondern in das ewige Leben eingehen.

Die Gemeinde Smyrna wird verfolgt. In dieser Situation ist ihre Treue zum Glauben gefragt – eine Treue bis in den Tod. Die Kraft dazu gibt ihnen die Aussicht auf das ewige Leben.

Der Brief an die Gemeinde Pergamon (2,12-17)

12 Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe: Das sagt, der da hat das scharfe, zweischneidige Schwert: 13 Ich weiß, wo du wohnst: da, wo der Thron des Satans ist; und du hältst an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, als Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, da, wo der Satan wohnt. 14