Höhlenangst. Kriminalroman - Christine Lehmann - E-Book

Höhlenangst. Kriminalroman E-Book

Christine Lehmann

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Beschreibung

Die Abgründe Schwabens. Tief und dunkel sind die berühmten Höhlen der Schwäbischen Alb. Doch das kann eine Journalistin vom Kaliber der narbengesichtigen Lisa Nerz nicht schrecken – wenn Gerüchte von Mord und Korruption umgehen, steckt sie ihre Nase auch ins finsterste Fledermausnest. Auf der Suche nach einem Staatsanwalt, einer Leiche, die eben noch da war, und ein bisschen Liebe nimmt Lisa Nerz waghalsige Klettertouren auf sich und entreißt dem unterirdischen Labyrinth die Wahrheit. Die Stuttgarter Journalistin Lisa Nerz ist frisch gefeuert. Mehr Sorge allerdings bereitet ihr das kommentarlose Abtauchen ihres Freundes Richard Weber, seines Zeichens Staatsanwalt für Wirtschaftsstrafsachen. Was hat Richard auf die Schäbische Alb verschlagen? Vielleicht die Mauscheleien bei der Umstellung des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen auf zivile Nutzung? Doch diverse Störfaktoren behindern Lisas Suche: der knackige Hintern ihrer Jugendfreundin Janette, die Tragödie des Höhlenforschers Hark Fauth, dessen Frau unter ungeklärten Umständen im Todsburger Schacht starb, das Verschwinden eines kleinen Jungen ... »Christine Lehmann ist den meisten deutschen Krimischreibern stilistisch haushoch überlegen. Man kann sich diesen Sound nicht antrainieren. Bei Lehmann beruht er auf Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Selbstironie und Belesenheit.« Perlentaucher »Einsam, aufsässig und notorisch respektlos – ein klarer Fall von hard-boiled woman.« Konkret »Christine Lehmann schreibt mit Herz und, eine Rarität im D-Krimi, (Wort-)Witz.« Tobias Gohlis, Die Zeit

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Über das Buch

Die Abgründe Schwabens. Tief und dunkel sind die berühmten Höhlen der Schwäbischen Alb. Doch das kann eine Journalistin vom Kaliber der narbengesichtigen Lisa Nerz nicht schrecken – wenn Gerüchte von Mord und Korruption umgehen, steckt sie ihre Nase auch ins finsterste Fledermausnest. Auf der Suche nach einem Staatsanwalt, einer Leiche, die eben noch da war, und ein bisschen Liebe nimmt Lisa Nerz waghalsige Klettertouren auf sich und entreißt dem unterirdischen Labyrinth die Wahrheit.

Die Stuttgarter Journalistin Lisa Nerz ist frisch gefeuert. Mehr Sorge allerdings bereitet ihr das kommentarlose Abtauchen ihres Freundes Richard Weber, seines Zeichens Staatsanwalt für Wirtschaftsstrafsachen. Was hat Richard auf die Schäbische Alb verschlagen? Vielleicht die Mauscheleien bei der Umstellung des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen auf zivile Nutzung? Doch diverse Störfaktoren behindern Lisas Suche: der knackige Hintern ihrer Jugendfreundin Janette, die Tragödie des Höhlenforschers Hark Fauth, dessen Frau unter ungeklärten Umständen im Todsburger Schacht starb, das Verschwinden eines kleinen Jungen ...

»Christine Lehmann ist den meisten deutschen Krimischreibern stilistisch haushoch überlegen. Man kann sich diesen Sound nicht antrainieren. Bei Lehmann beruht er auf Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Selbstironie und Belesenheit.« Perlentaucher

»Einsam, aufsässig und notorisch respektlos – ein klarer Fall von hard-boiled woman.« Konkret

»Christine Lehmann schreibt mit Herz und, eine Rarität im D-Krimi, (Wort-)Witz.« Tobias Gohlis, Die Zeit

Über die Autorin

Christine Lehmann lebt in Stuttgart und Wangen (Allgäu), ist als Nachrichten- und Aktuellredakteurin beim SWR tätig und schreibt Romane, Kurzkrimis, Kriminalhörspiele (Radio Tatort) und Glossen. Mehr Informationen finden Sie auf ihrer Homepage.

Christine Lehmann

Allesfresser

Der 5. Lisa-Nerz-Krimi

Impressum

eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2016

Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg

Tel. +4940 31108081, [email protected]

www.culturbooks.de

Alle Rechte vorbehalten

Printausgabe: © Argument Verlag 2005

Lektorat: Iris Konopik

Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj

eBook-Herstellung: CulturBooks

Erscheinungsdatum: 17.05.2016

ISBN 978-3-95988-048-0

1

Es fing nicht harmlos an. Ich fuhr die Haarnadelkurven in der Gebirgsfalte des Albtraufs unterhalb der Märchenburg Lichtenstein hinauf. Dabei nahm Brontë fast den Radfahrer auf die Schnauze, der die Kurven hinaufochste. Brontë gehorchte mir immer noch nicht so recht, mein hochzeitsweißer Porsche 356 B 1600 Super 90 mit nuttenroten Ledersitzen und gut vierzig Jahren auf den Zylindern.

Trochtelfingen fachwerkelte im Tal auf der Alb an einem Bach zwischen bewaldeten Schenkeln. Es besaß eine Hauptstraße mit Giebelrathaus und einem gestauchten Wehrturm mit quer liegenden wulstigen Schießscharten. In der pfingstfeiertäglichen Einöde saß Janette an einem der beiden Tische vor dem Café Hanner. Die Sonne herzte ihr dunkeläugiges Gesichtchen mit den wie mit spitzem Bleistift gezeichneten Mundwinkeln, aus denen sich ehrgeizige Lippen aufwarfen. Noch hatte sie das biegsame Figürchen einer Siebzehnjährigen, das sie mit einem wuchtigen Gürtel betonte.

»Schick siehst du aus.« Ich beugte mich zum Küsschen.

Sie wich aus. »Und du hast dich immer noch nicht entschieden, ob du ein Bue bisch oder ein Mädle.«

»Zu meiner Narbe im Gesicht passt Rosa einfach nicht.«

»Ach ja, dein Unfall. Wie lange ist das her? Meine Laura ist jetzt auch schon neun. Wie geht es deiner Mutter?«

»Sie betet, also lebt sie.«

Sechs Jahre lang hatten Janette und ich in der Schule nebeneinander gesessen, in meinem Kaff unterhalb der Schwäbischen Alb. Janette kam eigentlich »von der Alb ra«, wie man so sagte, aus Laichingen. Die Karriere ihres Vaters als Rathausangestellter hatte sie zuerst hinunter nach Vingen in meine Schulbank geführt und sie mir dann, als wir vierzehn waren, nach Reutlingen entführt, nur ein paar Kilometer weiter, aber aus der Welt.

Im Spätsommer vergangenen Jahres hatte ich ihre Stimme wiedergehört, als ich beim Reutlinger Tagblatt anrief, um mir von den Kollegen die Einzelheiten über den Großeinsatz der Höhlenrettung an der Falkensteiner Höhle bei Bad Urach erzählen zu lassen. Fünf Stuttgarter Jugendliche hatten nach einem Regenguss zwei Tage lang in der Reutlinger Halle hinter dem ersten Siphon ausharren müssen, bis Taucher sie holten.

»Ich hätte nie gedacht«, sagte sie, »dass du wirklich kommst.«

Ich bestellte erst einmal Kaffee und Herrentorte, ehe ich sie enttäuschte. »Ich brauche deine Hilfe.«

»Als Kollegin?«

»Nein. Ich bin nicht mehr beim Stuttgarter Anzeiger. Sie haben mich rausgeworfen.«

Janette zog die Bögen gezupfter schwarzer Brauen hoch. »Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Sitzt deinetwegen nicht der Chefredakteur in U-Haft?«

»Kann sein. Aber das ist Schnee von gestern. Jetzt suche ich einen Staatsanwalt aus Stuttgart, der seit einer Woche hier oben auf der Alb verschwunden ist. Offiziell hat er drei Wochen Urlaub genommen.«

Janette blickte mich interessiert, aber verständnislos an.

»Das kann aber nicht sein«, fuhr ich fort, »denn die Pfingstferien sind den Kollegen mit Kindern vorbehalten. Und ich kann ihn auch nicht auf seinem Handy erreichen.«

Janette verdrückte mehr Enttäuschung in ihre Mundwinkel, als ihr zustand. »Was interessiert dich dieser Staatsanwalt?«

»Ich denke, er hat Vorermittlungen aufgenommen. Und da er ein ziemlich hohes Tier ist, muss es um etwas Hochbrisantes gehen.«

»Um den Truppenübungsplatz Münsingen, würde ich sagen«, platzte es aus Janette heraus. »Der wird nämlich dichtgemacht zum Jahresende.«

Herrentorte und Kaffee kamen. Janette steckte sich eine Zigarette an und blickte diätscheu über die Glut hinweg auf meine Gabel, die knackend in den Schokoguss einbrach.

»Und was passiert da?«, fragte ich. »Die Soldaten ziehen ab …«

»Die sind schon weg. Seit anderthalb Jahren. Bis auf ein paar Hanseln.«

Janette versuchte woandershin zu paffen, aber der Wind drehte routiniert auf mich. Die Herrentorte bestand aus unsüßem Schokoplüsch mit Schichten von Kaffeecreme und Träublesgsälz.

»Und nun?«, fragte ich weiter.

»Das Gelände geht ans Finanzministerium, und unser neuer Ministerpräsident will daraus ein Biosphärengebiet machen. Stand aber alles in der Zeitung.«

Ich kaufte mir keine mehr, um meinen früheren Arbeitgeber zu strafen. Ich hatte aber den Verdacht, dass er das gelassen sah.

»Nun tobt natürlich der Kampf zwischen Naturschutz und Wirtschaftsinteressen. Die IHK Reutlingen glaubt, man könne vierzig Millionen Euro Kaufkraftvolumen aus dem Gelände herausholen, wenn man regionale Firmen ansiedelt.«

»Aber liegen da nicht Blindgänger und so?«

»Wovon du ausgehen kannst. Aber das Finanzministerium hat schon abgewinkt. Denen ist das Gutachten zu teuer. Fünf Millionen würde es kosten.«

»Das heißt, man schickt die Schäfer vor und schaut, wo die Schafe in die Luft fliegen.«

Janette verzog keine Miene. »Schafe weiden dort schon immer. Es ist ein einmaliges Biotop. Da hat niemals eine Flurbereinigung stattgefunden. Es gibt seltene Tiere wie Steinschmätzer, Ameisenbläuling – ein Falter, der sich in Ameisennestern verpuppt – und die Kreuzkröte. Der Naturforschende Verein Schwäbische Alb fordert deshalb die Ausweisung eines Naturschutzgebiets, in das man auch gleich die Uracher Spinne einbeziehen könnte.«

»Igitt!«

Wieder blickte Janette mich tadelnd an, aber auch schon ein wenig mütterlich. »Das ist ein Hang- und Schluchtwald im Albtrauf, Lisa, nordwestlich des Truppenübungsplatzes.«

»Also Deckel drauf, Minen drum herum, Wanderer raus und alle Biker abschießen, damit der Ameisenbläuling überlebt.«

»Der Zug ist leider längst abgefahren.« Janette löffelte den erkalteten Cappuccino aus ihrer eigentlich leeren Tasse. Ein Schäumchen blieb auf ihrer Oberlippe. »Der Alte hat nämlich dem Königsmörder noch ein Ei ins Nest gelegt.«

»Der alte Ministerpräsident dem neuen?«

Janette nickte. »Er, also der Alte, hat kurz vor der Stabübergabe an den Jungen noch schnell eine GmbH ins Leben gerufen, die sich um die Erschließung des Truppenübungsplatzes kümmern soll. Zum Geschäftsführer hat er seinen ehemaligen persönlichen Referenten bestimmt. Erich Schorstel.«

Kannte ich nicht.

»Der Königsmörder hatte keine andere Wahl, als ein Biosphärenprojekt zu verkünden: Die Natra, so heißt die GmbH, soll eine Mischung aus Schafbeweidung, mäßigem Tourismus und kleineren Betriebsansiedlungen ausloten und Investoren an Land ziehen.«

Ich spaltete den Rand der Herrentorte. »Und wo ist da der Skandal?«

Janette drückte mit lackierten Fingernägeln ihre lippenstiftgetränkte Kippe aus. »Beispielsweise bekommt Erich Schorstel ein Jahresgehalt von 305.000 Euro.«

»Das ist doch nicht viel! Und krimineller, als Politik üblicherweise ist, auch nicht. Deshalb fährt kein leitender Oberstaatsanwalt der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen beim Landgericht Stuttgart auf die Alb.«

»Mehr kann ich euch Stuttgartern leider nicht bieten«, spitzte Janette.

»Wo sitzt denn die Natra?«, erkundigte ich mich friedlich.

Da düdelte das Handy los, das vor Janette auf dem Tisch lag. Mein unmusikalisches Gehör erkannte Miss Marple. Janette klebte es sich ans Ohr und krauste die Nasenwurzel. »Ja … Mhm … Oh! … So? … Keine Ahnung … Hoffentlich nicht! Danke, Frau Kerner. Ja … Ja.« Janette beendete das Gespräch und tippt sich ins nächste weiter. »Florian, ich bin’s. Du, Laura ist daheim, oder? … Dann schau doch mal bitte … Ja, ich warte.« Janette drehte hektisch die schwarz gefärbte Strähne vor ihrem Ohr zu einer Locke. »Ah, Gott sei Dank! … Nein … Weiß ich nicht.« Sie klappte das Handy zusammen. »Sorry, Lisa, aber aus unserem Wiedersehenskaffeeklatsch wird nun doch nichts. Ich muss weg. Ich habe dir ja gesagt, dass ich Bereitschaft habe.«

»Was ist denn?«

»Scheint’s ist ein Kind in einer Höhle. Julian, ein Klassenkamerad von Laura. Die Klassenlehrerin hat gerade angerufen, Frau Kerner. Der langen Rede kurzer Sinn: Man hat Julian, Laura, Gerrit und Volker zusammen nach Steinhilben radeln sehen. Aber Laura ist zu Hause.«

»Und die anderen?«

»Das kläre ich jetzt. Verdammt, wo bleibt denn die Kellnerin? Ich kann nicht länger warten. Zahlst du für mich?«

Sie stand schon, die Handtasche unter den Arm geklemmt.

Ich kippte den Kaffee, schob einen viel zu großen Schein unter die Kaffeetasse und lief ihr hinterher.

2

Der Polizeiposten Trochtelfingen als Außenstelle des Engstinger Polizeipostens Alb war eine Straße weiter in einem Haus neben dem üppigen Fachwerkgebäude eines Optikergeschäfts untergebracht. Drei Hanseln taten hier nach der Verwaltungsreform des Alten noch Dienst. Einer davon war Polizeihauptmeister Heinz Rehle.

»Hallo, Heinz«, sagte Janette. »Dein Volker ist daheim, ja? Ruf doch mal schnell die Gudrun an. Julian ist nämlich nicht nach Hause gekommen, und es heißt, er sei mit deinem Volker und Gerrit zur Mondscheinhöhle.«

Der PHM griff zum Telefon, strich sich den grauen Schnauzer, wählte und raunte Älplerisches in den Hörer. »Der Volker isch daheim«, beschied er uns dann. »Die Mondscheinhöhle sagsch? Da sollt ma dann wohl nausfahre, eh?«

»Und ich fahre derweil schnell zu Hark Fauth.«

Hark Fauth? Wo hatte ich den Namen schon mal gehört? Mein Gedächtnis alzheimerte. Es hatte zügig zwei Tage nach meiner Entlassung damit angefangen. »Warte, Janette, ich komme mit!«

Ich hatte ja sonst nichts zu tun. Und Janettes Pobacken unter dem schweren Gürtel hatten mich längst betört. Die khakifarbenen Hosen spannten sich über kleinen Bällen, und über der Pospalte warf sich der Stoff zu einer berückenden V-Falte auf. War Janette sich dieser Köstlichkeit bewusst? Achtete sie beim Kleiderkauf darauf, dass ihre Hosen diese Falte warfen?

»Du willst mit?« Janette musterte mich von oben bis unten. »Aber unsere Muttertiersorgen gehen dir doch kilometerweit am Arsch vorbei, Lisa!«

»Ach, das würde ich nicht sagen«, stammelte ich.

Wir eilten zurück in die Fachwerkschlucht. Im Augenwinkel sah ich einen jungen Polizisten mit einem Zahlschein in der Hand um Brontë herumschleichen, die einsam auf einem umfriedeten Parkplatz hinterm Museum stand. Aber jetzt galt es, Prioritäten zu setzen. Ich folgte Janette zu ihrem silbrigen Überlandgolf. »Wer ist Hark Fauth?«

»Gerrits Vater.«

Wir rollten unter der Brücke der Landstraße hindurch östlich aus Trochtelfingen raus. Die Bäume am Straßenrand waren über die Knospen noch nicht hinaus. Im Wald herrschte das Einheitszartgrün des Frühlings, unterbrochen vom dunklen Nadelgrün der Fichten und Tannen. Auf der Alb war es eben immer einen Kittel kälter.

»Und warum fahren wir zu diesem Hark Fauth?«, erkundigte ich mich. »Warum rufen wir ihn nicht an?«

Janette blickte kurz zu mir herüber. »Weil wir ihn gleich mitnehmen zur Höhle. Er ist …«

Mir schuppte es von den Hirnzellen. »Verdammt, Hark Fauth, der Höhlenforscher. Der, der in der Sirgensteinhöhle am Hohlen Fels bei Laichingen den Steinzeitpimmel entdeckt hat – nein, kein versteinerter Schwanz, sondern Steinzeitkunst – und die ältesten Höhlenmalereien der Menschheit. Der Held meiner pubertären Jugendtage. Ich besaß sogar einen Bildband von ihm. Feuchte Höhlenmünder sehen doch alle aus wie Muschis.«

»Ist das immer noch das Einzige, was dich interessiert?«

»Je älter ich werde, desto mehr. Und ich werde vierzig dieses Jahr.«

Janette klemmte kurzsichtig hinter dem Lenker. Wir schlingerten nach Steinhilben hinauf. »Hark kommt eigentlich aus Laichingen. Er ist erst vor zwei Jahren hierher gezogen. Nach dem Unglück mit seiner Frau.«

»Was für ein Unglück?«

»Vor drei Jahren im Todsburger Schacht.«

Ich schwieg ein Fragezeichen in die Luft.

»Da kommst du dran vorbei, wenn du von Stuttgart nach München fährst. Die Höhle liegt am Autobahnalbaufstieg bei Mühlhausen im Täle, in dem Berg, an dem sich die Fahrspuren teilen. Eine Schachthöhle, über siebzig Meter tief. Hark ist zwanzig Meter hinab in die Untere Halle gestürzt. Er lag wochenlang im Koma. Sibylle starb im Seil.«

»Im Seil?«

»Das kommt leider immer wieder vor. Wenn jemand ohnmächtig am Seil im Sitzgurt hängt, dann staut sich das Blut in den Beinen. Nach ungefähr zehn Minuten stirbt er an Blutmangel im Herzen. Und Hark konnte Sibylle nicht mehr aus dem Seil retten.«

»Unschön!«

»Er selbst erinnert sich an absolut nichts mehr, sagt er. Aber es gab eine Untersuchung. Demnach hat Sibylle sich im Seil verletzt, und Hark ist beim Versuch, sie zu retten, abgestürzt. Ein typischer Petzl-Stop-Unfall.«

»Bitte was?«

Janette ratschte durch die Gänge. »Petzl-Stop, so heißt ein Fabrikat von Abseilgeräten, das eine Notfallbremse besitzt. Ursprünglich sind Abseiler ganz einfache Metallösen in Form einer Acht am Sitzgurt.«

»Der Abseilachter!«, sagte ich. »Zur Not tut es auch ein stabiler Flaschenöffner. Das kenne ich noch vom freien Klettern. Ist allerdings schon ein paar Jahre her.«

Janettes Blick rutschte kurz zu mir herüber. »Dann weißt du auch, dass der Achter in Höhlen nicht taugt.«

»Nein, weiß ich nicht«, beruhigte ich meine eifersüchtige Chauffeurin.

»Nun, in Höhlen sind die Abseilstrecken so lang, dass der Achter das Seil zu sehr durchwalken würde. Also benutzt man Abseiler, die das Seil weniger belasten. Da gibt es welche mit einer so genannten Totmannstellung. Das heißt, sie blockieren, sobald der Kletterer im Seil ohnmächtig wird.«

»Wie oft wird eigentlich ein Kletterer im Seil ohnmächtig?«

»Bei Steinschlag zum Beispiel. Der Petzl-Stop ist genial einfach konstruiert. Man führt das Seil über zwei feststehende Metallscheiben, so als würde man von unten nach oben eine halbe Acht schreiben. Unten ist ein Hebel. Solange man den niederdrückt, kann das Seil laufen. Lässt man ihn los, kippt der untere Teil wie eine Schere auf, und eine Metallnase drückt das Seil im Zentrum der Acht und stoppt. Leider gehört es zu den menschlichen Instinkten, sich festzuklammern, wenn die Abfahrt zu rasant wird. Beim Petzl-Stop sollte man aber unbedingt loslassen.«

»Klingt nach einer lebensgefährlichen Konstruktion.«

»Ist aber lebensrettend, wenn irgendetwas den Mann im Seil außer Gefecht setzt.«

»Eben jener Steinschlag.«

Janette ließ sich nicht beirren. »Es gibt zwar auch Abseiler, die sowohl stoppen, wenn man loslässt, als auch, wenn man sich festklammert, aber Hark hat immer den Petzl-Stop benutzt.«

»Ein falscher Reflex? Kann so etwas einem Höhlenkrokodil passieren?«

»Warst du schon mal in einer Schachthöhle?«

»Nein, du?«

»Ich? Der Besuch der Laichinger Tiefenhöhle hat mir schon gereicht, und da ist alles mit Treppen ausgebaut und beleuchtet, und das seit hundert Jahren. Aber Florian veranstaltet Höhlenkletterseminare für Manager. Er bringt ihnen die Single-rope-Technik bei, die Ein-Seil-Technik, und dann geht es ab in einen Schacht. Und Florian sagt, in so einer Höhle bist du nur noch du selbst. Biologie, Tier, Reflex. Aus Teamplayern werden Egoisten und aus Eigenbrötlern Retter des ganzen Teams. Und wenn zweie sich hassen, dann würden sie einander umbringen, wenn andere nicht aufpassen.«

Ich musste lachen.

»Was gibt es da zu lachen?«

»Janette, du glaubst, dass Hark seine Frau umgebracht hat.«

Wir rollten in Steinhilben an einem Schul- und Rathaus vorbei.

»Aber Hark ist doch abgestürzt, nicht sie«, hakte ich nach.

»Nur, dass Sibylle mit einem gebrochenen Bein, einer gebrochenen Schulter und einem gebrochenen Handgelenk im Seil hing.«

»Steinschlag?«, lockte ich.

»Der Untersuchungsbericht sagt: nein. Es lagen keine neuen losen Steine im Schachtfuß, und solche Verletzungen, wie Sibylle sie aufwies, sind typische Pendelverletzungen. Sie ist am Seil an die Wand gekracht.«

»Und nun will Hark sich an gar nichts mehr erinnern können. In der Tat, sehr verdächtig!«

Janette kniff Resignation in die angespitzten Mundwinkel und setzte den Blinker, um nach einer rücksichtslosen Vollbremsung hinter Steinhilben von der Landstraße auf einen geteerten Feldweg abzubiegen, der in ein Tal hineinschwenkte. Über der Wiese im Winkel der Wälder schwebte gelb ein Hauch von Butterblumen.

»Man müsst es ihm halt nur nachweisen«, bot ich ihr an.

Sie spöttelte: »Du?«

Der Wirtschaftsweg ging in einen Albfeldweg aus gelbweißem Kalkstein über, der unter den Reifen knackte. Am Ende des Tals glitzerten am Waldrand im Nachmittagslicht die Fenster eines bäuerlichen Anwesens. Es bestand aus einem kleinen Haus mit Schindeln auf der Wetterseite, einer großen Scheune, die neu gedeckt und mit modernen Fenstern versehen war, einem Vorplatz und einem Schuppen, vor dem Janette ihren Wagen zum Stehen brachte. In der Wiese, die sich zu einem lautlosen Bach senkte, lag an einem Nussbaum ein Kinderfahrrad. Das Refugium eines Aussteigers, der sich den Luxus der Stille leisten konnte. Man hörte nur das Knistern der Sonne auf den Schindeln.

Und das Knirschen der Steine unter unseren Sohlen.

Auch der Angriff kam lautlos. Ein pechschwarzer Vogel schoss auf uns hernieder. Es war ein riesenhafter Rabe mit grünlichem Schimmer im Gefieder. Ich duckte mich und dachte an ausgehackte Augen.

»Das ist Graf Huckebein«, lachte Janette. »Der will nur spielen!«

Der Flugterrier stieg steil in die Höhe, kippte in der Luft und ließ sich wie ein Stuka herabfallen. Ich machte mich bereit, ihn zu packen und ihm den Hals umzudrehen.

»Gerrit und Hark haben ihn aufgezogen«, erklärte Janette. »Es ist ein Kolkrabe.«

Das wäre mir egal gewesen. Der Gedanke, das Biest könnte mit allen Krallen und Federn auf meinem Kopf landen, machte mich wahnsinnig. Aber glücklicherweise schwenkte der Bote des Todes mitten im zweiten Angriff zur Dachrinne um. »Onk!«

Genau darunter war die Haustür aufgegangen und ein ziemlich sackbetonter Mann erschienen. So einer in abgewetzten Jeans, verwaschenem Sweater mit Haaren wie ein Stoppelfeld im Herbst, einem in markante Wangenfalten gefrästen Stoppelbart, die Augen grau wie Regenwolken, einem kräftigen Kinn und einer aufreizenden Ruhe in den lockeren Gliedern.

»Hallo, Hark!«, sagte Janette mit einem Klickern in der Stimme, das hormonellen oder anderen Stress verriet.

Er blieb locker in der Hüfte. »Hallo, Janette.« Seine Stimme war angeraut von einer gewissen Grundaggressivität und auch nicht stresslos.

»Das ist …« Janette musterte mich unschlüssig.

»Der Liebhaber aus Stuttgart«, sprang ich ihr bei.

Dem Höhlenkrokodil fiel die Mimik aus dem Gesicht. Janettes Stimme wurde schrill. »Das ist LISA Nerz! Eine … eine Kolleg-IN aus Stuttgart!«

»Ex«, korrigierte ich.

Hark blickte verständnislos, aber nicht uninteressiert. Leider musste ich den schwarzen Grafen auf der Regenrinne im Auge behalten.

»Hark«, sagte Janette, »wir suchen Julian. Ist er bei euch?«

»Nein.«

»Mirjam Kerner hat mich angerufen, du weißt, die neue Klassenlehrerin. Julian ist nicht nach Hause gekommen. Er wollte scheint’s mit Volker und Gerrit zur Mondscheinhöhle.«

»Ausgeschlossen!«

Der Rabe ordnete raschelnd sein Gefieder, hüpfte klackernd auf der Regenrinne hin und her und beäugte mich erst mit dem einen, dann mit dem anderen Auge. Die Anspannung schoss mir vom Nacken bis in die Kniekehlen.

»Könnte ich trotzdem mal mit Gerrit sprechen?«, fragte Janette.

»Wozu? Außerdem ist für solche Fälle die Höhlenrettung in Göppingen zuständig. Die Nummer kennst du ja.«

Da schob sich ein vielleicht neunjähriger Junge aus dem Flur in die Sonne. Wenn das Harks Sohn war, konnten Vater und Sohn kaum gegensätzlicher sein. Gerrit war ein Hemd – wie man in Schwaben sagt – mager und klein. Seine Augen und sein Haarschopf waren schwarz wie Grillkohle. Vermutlich, dachte ich, hatte Hark seine Frau nach einem Gentest umgebracht. Allerdings hätte er dann wohl kaum den Jungen … Aber darum ging es jetzt wirklich nicht.

»Hallo, Gerrit«, sagte Janette im routinierten Tantenton. »Weißt du, wir suchen Julian. Und wir haben gehört, dass er zur Mondscheinhöhle wollte.«

»Man kann nicht rein in die Höhle«, nuschelte Gerrit gesenkten Blicks. »Man braucht das ganze Schachtgeraffel. Seile und so.«

Hark legte die Hand auf die Schulter seines Sohnes.

»Kann aber schon sein, dass sie hingegangen sind«, druckste Gerrit zu seinem Vater hoch.

»Ist das weit von hier?«, fragte ich.

»Am Lippertshorn«, antwortete der Junge.

»Zu Fuß eine halbe Stunde«, ergänzte Hark und deutete mit einer kurzen Kopfbewegung hinter sich in die Wälder.

»Komm, Janette, was stehen wir hier noch herum?«, sagte ich. »Der Held hat Schiss, er kneift.«

Die Sonne verlosch im Wald. Gerrit verschwand vor Scham im Boden, und im Haus begann ein Telefon zu klingeln. Hark drehte sich um und war weg. Der Rabe ließ sich von der Regenrinne plumpsen und segelte in den dunklen Korridor.

Ich atmete aus.

»Säckel!«, fluchte Janette und kramte nach dem Telefon. »Dann rufen wir halt die Höhlenrettung an.«

Ich ordnete rasch die Örtlichkeiten: Göppingen lag unten, genauso wie Reutlingen. Janettes Blatt war trotzdem für hier oben zuständig und die Höhlenrettung auch.

Janette zog, während sie lauschte, die Brauen hoch, dann klappte sie das Telefon zusammen. »Die wissen es schon. Sie suchen gerade nach jemandem, den sie schicken können, denn der Vorstoßtrupp der Höhlenrettung Bad Urach befindet sich auf Fortbildung im Nordschwarzwald.«

Bad Urach lag zwischen Unten und Oben in den Falten des Albtraufs.

»Und ehe man das volle Programm abfährt, sollte halt jemand nachschauen. Das kostet ja immer ein Heidengeld, und acht von zehn Alarmen sind Fehlalarme.« Janette tauschte das Telefon gegen ihren Autoschlüssel.

»Moment!«, rief es da vom Haus her. »Janette, warte! Ich hole nur schnell die Ausrüstung.« Und schon war Hark Fauth wieder weg.

»Scheint’s hat die Höhlenrettung ihren Mann gefunden«, bemerkte ich. »Warum hat er sich dann so geziert?«

Janette zuckte mit den Schultern. Wir wanderten zum Wagen. Während Janette den Golf wendete, besichtigte ich das Kinderfahrrad in der Wiese. Es hatte einen Platten und zwei verbogene Speichen. Da kam auch schon Hark aus dem Haus gelaufen, über der Schulter eine voluminöse rote Sporttasche mit dem Aufdruck einer kleinen schwarzen Spinne. Weder Kind noch Rabe folgten ihm.

Ich zog mich in die Verantwortungslosigkeit der Rückbank zurück. Janette raste los, und Hark begann an seiner Sporttasche zwischen den Füßen herumzuzippen. Steigklemmen und Schraubkarabiner klirrten, klackend befüllte er eine Helm- und Handlampe mit Batterien, ließ zwei Funkgeräte zischen und wühlte anschließend in Seilen, Leinen, Longen und Gurten.

Wir fuhren nördlich aus Steinhilben hinaus und bogen in den nächsten Feldweg ein, der auf den lang gestreckten Wald zuhielt, in dem sich das Lippertshorn versteckte. Ein Wandersmann trat zur Seite. Er trug Kord, Loden und einen Pfadfinderrucksack aus Stoff mit speckigen Lederriemen. Außerdem Hut und Stock.

Janette ließ das Fenster hinunter und hielt. »Hallo, Bodo!«

Der Alte bückte sich unter seinem Hut weg. »Hallo, Janette, hallo, Hark.« Auch mich traf sein Blick aus ungemein blauen Augen.

»Bodo«, sagte Janette. »Hast du Kinder im Wald gesehen? Wir suchen Julian.«

»Den habe ich nicht gesehen«, erwiderte der Alte.

»Warst du an der Mondscheinhöhle?«

»Nein.«

»Danke. Wir müssen weiter. Schönen Abend noch.« Janette startete. Der Wandersmann schrumpfte im Rückfenster, die gebutterte Wiese rückte an ihn heran, der zart ergrünte Wald verdrängte ihn aus meinem Blickfeld.

»Das war Bodo Schreckle«, warf mir Janette über den Rückspiegel zu, »genannt Bodo der Schreckliche. Alle Trochtelfinger sind bei ihm zur Schule gegangen, auch Florian. Alle hat er sie durch die Ammonitengründe des Jurakalks geschleppt. Florian musste erst dreißig werden, um ihm dafür dankbar zu sein!« Sie lachte. Sie selbst war ja woanders zu Schule gegangen, erst zusammen mit mir, dann zusammen mit einer anderen besten Freundin.

Im Wald dämmerte es schon. Schrundige Kalkfelsen stellten sich uns in den Weg, Gebüsch zerrte an den Türen. Wir rutschten durch einen Hohlweg um eine Ecke, und Janette trat mit aller Kraft in die Eisen, denn vor uns glühten die Rücklichter eines Streifenwagens auf. Seine Scheinwerfer bestrahlten eine Forsthütte.

Zwei mit Taschenlampen bewaffnete Polizisten – einer von ihnen war Polizeihauptmeister Heinz Rehle – in schwarzen Lederjacken waren ausgestiegen und halfen zwei Frauen aus den hinteren Türen. Die eine war jung, blond und blauäugig, mit der aus Unreife gepressten Strenge einer gerade aus der pädagogischen Hochschule entsprungenen Lehrerin auf den Lippen: die Klassenlehrerin, Mirjam Kerner. Die andere war Julians Mutter, eine alkoholisierte Tonne in gestreiftem Zelt mit schiefen Pantoffeln an den geschwollenen Füßen. Beide passten nicht in den Wald, in dem Hark zum Naturburschen mutierte.

Die Hauptsorge der Mutter galt dem Versuch zu erklären, warum sie die Abwesenheit ihres Sohnes bis jetzt nicht bemerkt hatte. »Der Kerle ist doch ständig mit Gerrit unterwegs. Soll ich da jedes Mal Alarm schlagen?«

»Ich sage Julian immer, dass er Sie anrufen soll«, verteidigte sich Hark, »aber Sie gehen ja oft gar nicht ans Telefon.«

»Jetzt schaun wir erst mal«, schlichtete Heinz Rehle.

Vor uns lag ein kurzer, von Wurzeln durchzogener Anstieg auf eine kleine kahle Höhe vor einem hohen graugelben Kalkfelsen, in dessen Schründen Kraut und junge Buchen wucherten. Auf der Lichtung zeugte ein Ring aus Steinen und durchnässte Holzasche von neuzeitlicher Freizeitkultur. Ein umgelegter Baumstamm bot sich als Sitzgelegenheit an. Gegen den Stamm war ein blaues Kinderfahrrad geworfen.

»Das ist Julians!«, keuchte die Mutter. »Na, der kann was erleben!«

Im Schein der Taschenlampen leuchtete weiß ein am Felsen in den Boden betoniertes Schild. Das Kraut war flach getrampelt. Der Polizist ging in die Hocke, wobei er versuchte, sein Knie vor Bodenkontakt zu bewahren, und rief »Hallo!« in ein Loch, das ich nicht sah. »Julian? Bist du da unten? Hallooooo!« Kopfschüttelnd blickte er zu uns hoch.

Hark ließ mit verbissenen Kiefern seine Tasche an dem Baumstamm fallen. Janette holte Block und Digitalkamera aus ihrer Handtasche. Julians Mutter wankte. Mirjam Kerner sprach beruhigende Worte. Ich war überflüssig und schaute mich nach Hark um.

Er hatte einen rotblauen Schlaz, den Plastikoverall der Höhlenfahrer, über den Baumstamm gelegt und holte ein zum Bündel geknüpftes weißes Seil aus der Tasche, löste den Knoten, begann es Meter für Meter der ganzen Länge nach durch die Hand zu ziehen, um mögliche Verdrehungen zu glätten, und ließ es dabei in Schlingen auf den Boden fallen. Etwas stimmte nicht dabei.

»Kann ich helfen?«

Das letzte Tageslicht legte einen schweißigen Glanz auf sein bleiches Gesicht mit dem rötlichen Bart.

»Was ist denn?«, fragte ich.

Er trocknete sich die Hände an den Jeans und fuhr sich bis zum Knie hinab. »Ich hab’s halt am Knie.«

Ich wog ein Kinderleben gegen einen Meniskus auf. Wahrscheinlich runzelte ich die Stirn. »Am Knie?«

»Es hat keinen Wert, wenn ich nicht wieder raufkomme!«, blaffte er mit reichlich Testosteron im Blut, den Blick in meinen geheftet. »Vor drei Jahren habe ich mir bei einem Sturz mehr Knochen gebrochen, als Sie Namen dafür kennen. Ich hätte mich nicht breitschlagen lassen dürfen, hier heraufzukommen. Aber ich habe halt gedacht, es ist ein Fehlalarm.«

»Na gut«, sagte ich, »dann gehe ich eben runter.«

»Sie? Können Sie das denn?« Auf seinen gegerbten Lippen erschien das Lächeln, das auf Männerlippen erscheint, wenn eine Frau beispielsweise behauptet, sie könne im Stehen pinkeln.

»Ich kann mich immerhin kontrolliert abseilen«, sagte ich. »Ich habe mal freies Klettern betrieben.«

»Aber eine Höhle ist was anderes als eine Felswand. Sie müssen am Seil auch wieder hochklettern. Können Sie mit den Bescheißerles umgehen?«

»Äh?«

»Den Steigklemmen.«

»Wenn Sie es mir erklären.«

Er schüttelte den Kopf. »Das hat keinen Wert! Das muss man üben.« Er hustete angestrengt und blickte sich zum Höhlenfelsen um. Da stand Janette mit der Kamera. »Es wird schon gehen, irgendwie.«

»Und wer holt Sie hoch, wenn Sie nicht können?«

Sein Blick irrte ins Gebäum ab.

Ich langte nach dem Schlaz. »Und wie zieht man den an?«

Er antwortete nicht.

»He, hallo! Hören Sie mich, Hark?«

Er fuhr zusammen. »Das … das kann ich nicht verantworten.«

»Müssen Sie auch nicht. Das verantworte ich. Wir sollten nicht noch ein paar Stunden warten, bis jemand aus Göppingen kommt.« Ich stieß mir die Schuhe von den Fersen, warf meine Lederjacke ab, unter der ich ein dunkelgraues Herrenhemd trug, und stieg in den Schlaz. Die Jeans durfte ich wohl anbehalten, meine Allroundsneakers zog ich wieder an. »Und der Helm, muss ich den wirklich aufsetzen?«

Ich musste, denn auf ihn war mit einem Band die LED-Lampe aufgezogen. Als ich in den Sitzgurt stieg und Harks Hände an mir herumschnallten, eilte Janette herbei. »Was wird das denn?«

»Ich gehe runter«, erklärte ich. »Er dirigiert mich von oben.«

»Spinnst du?« Immer geradeheraus, die Leute von der Alb.

»Es hat keinen Wert mit meinem Knie, Janette«, sagte Hark. »Ich wäre Julian keine Hilfe, wenn ich nicht wieder aufsteigen kann. Falls er überhaupt da unten ist.«

»Wo soll er denn sonst sein?«

»Er könnte überall sein. Habt ihr denn ein Seil am Höhlenmund gefunden?«

Janette schüttelte den Kopf. »Der Knoten könnte sich gelöst haben. Sehr wahrscheinlich sogar.«

»Oder Julian hat sich einfach nur im Wald verlaufen.«

Deshalb hatte Hark aufgehört, etwas von Verantwortung zu murren. Er rechnete nicht damit, dass ich Julian in der Höhle fand. Da konnte er sich den Test seines Knies sparen. Während ich mir Knie- und Ellbogenschützer überstreifte, befestigte er das Zweikanal-Funkgerät am Geschirr.

»Ein Langwellengerät«, erklärte er. »Es müsste da unten etwas weiter reichen als Kurzwelle. Außerdem hat es eine Babyphon-Funktion. Sie können also plärren, ohne eine Taste drücken zu müssen.« Ich war in der rauen Männerwelt angekommen.

Zum Schluss fädelte er mir ein Seil durch ein längliches blaues Gerät, das mir vorn am Sitz- und Brustgurt hing: der Abseiler der Marke Petzl-Stop. Loslassen!, ermahnte ich mich.

Nun stapfte auch Polizeihauptmeister Rehle vorgeschobenen Bauchs herbei. »Was wird jetz’ au des?«

»Sein Knie«, erklärte Janette.

Der PHM war alt genug, die Existenz von Knien zu kennen. Aber mich kannte er nicht. »Der da, kann der des überhaupt? Eh?« Er hob das Kinn, als wolle er mich damit vors Brustbein stoßen. »Wo klettern wir denn?«

»Klettersportgruppe Elbsandstein«, sagte ich.

Janette blickte mich verwundert an.

»Elbsandstein? Sachsen, eh?« Der PHM stieß mir erneut sein Kinn vor die Brust.

»Die KSG Elbsandstein präpariert jedes Jahr die Felsenbühne von Rathen für die Karl-May-Festspiele. Karl May, den kennt ihr doch hier auch?«, sagte ich, mich übers ›Ihr‹ zum in der Trachtengruppe notwendigen ›Du‹ vortastend.

Heinz lachte. »Na denn, Winnetou, dann zeigsch halt mal, wie’s geht, eh?«

Mirjam Kerner nagte an ihrer pädagogischen Schmallippe und übertrug ihre Bewunderung vom entmannten Höhlenkrokodil auf mich. In voller Montur mit klirrenden Karabinern und Steigklemmen trat ich an den Felsen. Auf dem Schild im Kraut am Felsfuß stand:

Mondscheinhöhle Fundierte Höhlenkenntnisse erforderlich Andernfalls besteht Lebensgefahr! Der Vorsitzende des Naturforschenden Vereins Schwäbische Alb,H. Fauth

Der Höhlenmund versteckte sich als Schlitz unterm Felsüberhang. Niemand konnte aus Versehen hineinstolpern. Ich musste auf dem Hintern unter den Stein rutschen. Hark hängte das Seilende mit dem Schraubkarabiner in einen Ring, der in den Boden zementiert war. Den ersten Karabiner sicherte er schulmäßig mit einem zweiten.

»Tu langsam!«, sagte er, nun auch ins rauweltliche Du übergehend. »Es dürfen keine Steine vom Höhlenmund fallen. Sie könnten Julian verletzen, falls er da unten ist. Und jetzt umdrehen.«

Janette hob ihren Fotoapparat und blitzte mich ab.

Das Loch war eng. Ich drehte mich, schon halb in der Höhle, mit dem Rücken zum Fels, während Hark mit seiner Hand den Abseiler an meinem Bauch vor dem Schmodder am Höhlenmund schützte.

»Glück tief!«, knurrte er.

3

Hilfe! Ein letzter Blick in die blendenden Lichter der Lampen, dann schlug der Stein über mir zusammen. Loslassen! Rums. Ich baumelte am Seil. Wenn ich es recht überlegte, war ich bisher nur in der Bärenhöhle gewesen. Da ging es ebenerdig hinein, und es gab hübsche Tropfsteine. Aber hier ging es senkrecht in die Tiefe. Kantiger gelblicher Fels leuchtete im Schein meiner Helmlampe. Die Wand rückte von allen Seiten an mich heran. Ich angelte nach dem Seil, das unter mir baumelte, und umfasste erneut den Abseiler.

Hark hatte mir im Schnelldurchlauf den Schacht beschrieben, aber mein Hirn hatte alles rausgesiebt bis auf das Wort »Perlsinter«. Das war wohl das, was einige Meter weiter unten aus der Wand knopfte, glasierte Kügelchen wie Streuselkuchen. Die Herrentorte versinterte in meinem Magen.

»Wo bist du?«, sprotzte das Funkgerät an meinem Brustgurt. Harks Stimme war kaum zu erkennen.

»Am Streuselkuchen.«

»Dann … sprotz … drei Meter bis … knatter … Engstelle.« Unter mir eierte in feuchten Felsringen das Loch der Röhre. Die Wände trieften, der Sinter schillerte. Ich klammerte und ratschte im freien Fall abwärts. Loslassen! Aber die Hand am Abseiler gehörte nicht mehr zu mir. Mich rettete nur die Notwendigkeit, mich mit den Händen abzustützen, um nicht gegen die Wand zu pendeln. Als mein Herzklopfen und Blutrauschen nachließen, hörte ich das Funkgerät brodeln.

»Ich bin am Muttermund«, sagte ich in der Hoffnung, dass mein Babyphon besser funktionierte als mein Empfang.

Gleich unter dem Durchschlupf bekam ich rutschigen Boden unter die Schuhe. Der Knick bildete einen abschüssigen und schmierigen Rastplatz. Ein Stück weiter pulsierte der zweite senkrechte Schlund und hauchte feuchte Finsternis herauf. Der Blick in eine außerdem halbwegs waagerecht abzweigende Röhre verlangte, dass ich auf Knie und Hände ging.

Unter dem Handschuh fühlte ich beim Vorrücken zum Röhrenmund einen Fremdkörper im Schmodder. Eine Uhr! Es müllten auch noch andere Dinge auf dem Absatz im Knick, eine Glasflasche, Stöcke und Steine. Offenbar konnten viele auf dem Grillplatz der Versuchung nicht widerstehen, die Tiefe des Schachts mit Einwürfen auszutesten. Die Uhr mochte jemand bei diesem wenig naturschützerischen Tun verloren haben. Ich zog mir den Handschuh aus, knüpfte sie mir ans Handgelenk und zog den Handschuh wieder an.

Eigentlich hätte Julian hier im Müll landen müssen, wenn er im Schacht hinuntergerutscht war, weil das Seil sich gelöst hatte. »Erst in die horizontale Röhre schauen!«, hatte Hark Fauth mir eingeschärft. »Wenn Julian im Toten Ende steckt, ist eh alles zu spät.« In den für einen erwachsenen Menschen unzugänglichen Spalten des zweiten Schlunds würde ich ihn nicht einmal sehen können.

Ich suchte für mein Seil einen Ring, den Vorgänger am Knick in die Wand gedübelt hatten, und hängte es mit einem Karabiner dort ein.

»Julian!«, rief ich aus beengter Brust. »Wo bist du?«

Täuschte ich mich, oder hörte ich tatsächlich ein Wimmern?

Das Klirren meines Geschirrs störte die Peilung. Die horizontale Röhre schluckte das Licht meiner LED-Lampe in die Endlosigkeit weg. »Julian!«, rief ich hinein. Stille kam zurück. Ich hielt meinen Atem an, bis mir die Lunge zu den Ohren herauskam. Immer noch Stille.

»Ich gehe zum Toten Ende hinunter«, meldete ich über mein Babyphon nach oben, egal, ob es ankam. Hark hatte mir auf seine sprücheklopfende Art versichert, dass er die Hand immer am Seil haben werde. »Das Seil spricht zu mir. Ich spür das, wenn du dich bewegst. Und wenn sich zehn Minuten nichts tut, dann komm ich runter.«

Wie tief es hinunterging, weiß ich nicht. Im Gedärm der Erde relativierte sich die Zeit. Aus Spalten quoll Sinter, Wasser tropfte und rann. Dann bog sich der Schlund unters Geschiebe verkanteter Schichten. Das Licht meiner Helmlampe knallte gegen Flächen und verfing sich in Ritzen und Spalten.

»Julian?« Eigentlich hatte ich rufen wollen, aber meine Stimme kam über ein Flüstern kaum hinaus.

»Hierbinnich!« Ein dünner Schrei aus einem Spalt. Der Schacht hatte sich zu einer Rutsche verbreitert, war aber gerade mal noch einen flachbrüstigen Atemzug hoch.

»Ich komme!«

Am blockierten Abseiler drehte ich mich wie eine Spinne mit dem Kopf nach unten. Da, endlich! Im Geschiebe der Schatten ein weißes Gesichtchen mit weit aufgerissenen Augen, zwei weiße Hände am Stein.

»Nicht bewegen, Julian!« Dass er mir bloß nicht vor der Nase vollends abrutschte in die unzugänglichen Falten des Schlunds! »Warte, bis ich dich habe! Hörst du?«

Ich zog meinen Handschuh aus und stopfte ihn in den Gurt. Denn krebste ich seitwärts an ihn heran, verankerte die Fußspitzen in den Schründen und streckte den Arm. »Rühr dich nicht, Julian! Warte, bis ich dich habe!« Die Hand des Jungen war steif und kalt. »Hab dich!«

Und jetzt? Vierzig Kilo halb gefrorenes Fastfood mit einem Arm hochziehen. Man kann, wenn man muss. Julian klammerte sich wie ein Affe in meine Gurte. Ich ließ mich rückwärts gegen die Rampe fallen und schlang eine Leine um ihn.

»Ich habe ihn!«, teilte ich meinem Babyphon mit. »Ihr könnt mich raufziehen!«

Keine Antwort. Na ja, einen Versuch war es wert gewesen. »Hallo, Julian«, sagte ich. »Ich bin die Lisa. Alles okay?«

Der Junge nickte mit dem Kopf an meiner Brust. Ich ertastete ein Seil, das ihm noch um die Hüfte geschlungen war, ein blaues Plastikseil der Marke Dachbodengerümpel. Wenn Julian unterkühlt war, durfte er sich nicht bewegen. Als Journalistin liest man ja so allerlei, was man nie im Leben braucht, auch über den so genannten Bergungstod.

»Deine Mama wartet oben«, plauderte ich, während ich den Jungen in Leinen schlug und an eine Bruststeigklemme hängte und danach die Handsteigklemmen ins Seil einbaute.

Dabei verlor ich den Handschuh.

»Wenn du in eine Höhle gehst, nimm nichts mit, lass nichts zurück, mach nichts kaputt und schlag nichts tot«, spülte mir mein spätpubertäres Studium von Harks Höhlenbilderbuch ins Gedächtnis.

Ich nestelte die Handlampe vom Gurt. Hätte ich nicht noch einmal ins Geschiebe des Toten Endes geleuchtet, dann hätte wohl niemand jemals erfahren, welche Beute die Mägen des Bergs soeben zu verschlucken und zu verdauen im Begriff standen.

Er pfropfte bis zu den Schultern im Spalt. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, denn der weiße Helm war mit dem erloschenen Auge der Helmlampe gegen die Schachtschräge gesunken. Die Arme lagen über die Schultern geknickt. Der Schlaz, in dem er steckte, leuchtete, wo kein Schlamm ihn verkrustete, orangerot. Auf ihm ringelte sich wie eine satte Mamba nach dem Biss ein schwarzes Seil.

Vermutlich hatte er Julian das Leben gerettet, denn er hatte verhindert, dass der Junge auf Nimmerwiedersehen ins Tote Ende rutschte.

Julian wandte den Kopf, und ich schwenkte das Licht schnell weg von der Leiche. Das Nachbild brannte sich durch die Netzhaut ins Gehirn. Trotzdem hätte ich mir Janettes Kamera gewünscht.

Mein Handschuh war verloren.

Außerdem wurde es Zeit, das Unmögliche zu versuchen und mit den Steigklemmen klarzukommen. Sie bildeten eine Art Kletterverbund. Man schob die Klemme mit der Hand am Seil empor, samt Fuß, der in einer Schlinge steckte, die mit ihr verbunden war. Nach wenigen Metern glühten mir die Knie, und am Knick war ich völlig außer Atem. Mit Julian im Bauchbeutel kroch ich vor zum Einstiegsschlot. Der Muttermund wollte uns schier nicht durchlassen. Am Perlsinter hatte ich wieder Sprechkontakt mit der Oberwelt.

»Mama!«, schrie Julian.

Scheinwerferlicht schrägte über mir in den Schachtmund und warf krautige Schatten an die Wände. Der Sinter blieb zurück, der Stein wurde rauer. Ich ächzte mich bis zur süßen Nachtluft hinauf. Hark streckte seine langen Arme herein, packte Julian – »Hab ihn! Mach ihn los!« – und zog ihn raus.

Dann erlitt ich eine Kurzamnesie. Als ich meine Umwelt wieder wahrnahm, kroch ich unter dem Felsüberhang hervor in eine von Scheinwerfern durchgeisterte Waldnacht. Am Hohlweg stand ein Krankenwagen. Julian lag schon auf der Trage.

Ich fiel Janette und einem weiteren Sanitäter in die Hände.

»Und wo ist Hark?«

4

»Du übernachtest bei uns, keine Widerrede!«, sagte Janette, als wir ins nächtliche Fachwerk von Trochtelfingen einfuhren. »In deinem Zustand fährst du nicht nach Stuttgart!«

»Brontë fährt doch!«

»Wer?«

Ich deutete auf meinen weißen Porsche vor der dunklen Mauer hinterm Museum.

»Sei nicht kindisch, Lisa! Allerdings, dort kannst du sie nicht stehen lassen! Am besten, du fährst mir nach.«

Ich zupfte den Strafzettel unter Brontës Scheibenwischer hervor und legte ihn zu den anderen ins Handschuhfach. Janette hatte Recht. Schon beim Wenden auf dem Parkplatz überforderte Brontës Widerspenstigkeit meine überanstrengten Arme. Die alte Dame besaß keine Servolenkung.

Janettes Rücklichter leiteten mich durch das Kaff, in dem sechstausend Seelen schliefen. Oder sie sahen fern, vermutlich Tatort. Jedenfalls sah man keine. Bis auf eine. Und die hätte ich fast noch überfahren, weil mir Brontë den Lenker aus den Fingern riss, als ich an der Feuerwehr abbiegen sollte. Im Rückspiegel sah ich Hut und Stock enteilen. Es sah aus wie Bodo der Schreckliche. Oder gab es von der Sorte mehrere?

Janette bewohnte mit Mann und Tochter eine Doppelhaushälfte in nordwestlicher Hanglage. Sie schlüsselte uns durch einen Windfang mit Gummistiefeln in eine Diele, die unter der Last der Mäntel, Jacken, Schals und Mützen an der Garderobe erstickte. Im Gang zum Klo die offenen Schuhregale zum Ausstinken und ein Herrensportrad. Wischfeste rote Steingutkacheln.

»Bin wieder da!«, juhute Janette und ließ Harks rote Sporttasche unter der Garderobe fallen. »Hab jemanden mitgebracht!«

Birkenstocksandalen kamen die Treppe herab, in ihnen graue Socken, darüber ausgebeulte Trainingshosen, dann ein schiefes T-Shirt. Florian war ein Kuschelmann mit Halbglatze. Als Leiter von Motivationsseminaren für Manager war er vermutlich ein Crack, aber so wie er mir die Hand hinstreckte, war er absolut unaufregend. »Hallo, Lisa«, sagte er, Pepp in seine Stimme quetschend. »Freut mich, dich einmal kennen zu lernen.«

»Dann kannst du dich auch gleich um sie kümmern, Flori«, ordnete Janette an. »Ich muss noch schnell mit der Redaktion telefonieren. In der Mondscheinhöhle steckt eine Leiche.« Damit wandte sie sich die Treppe hinauf und wäre fast über ein Mädchen im unglücklichen Alter zwischen Babyspeck und Nagellack gefallen, das im gepunkteten Schlafanzug auf den Stufen hinterm Geländergitter saß und sich den Finger durch die Nase ins Hirn bohrte.

»Mein Gott, Laura! Wieso bist du nicht im Bett?«

»Ist sie schon verfault?«, fragte Laura.

»Was, die Leiche? Das kann ich dir nicht sagen, Laura. Da musst du Lisa fragen. Aber in einer halben Stunde liegst du im Bett!« Damit zwitscherte Janette ab.

Das Wohnzimmer verlieh der Doppelhaushälfte mithilfe von gerundeten Massivkiefernholzmöbeln eine biodynamische Note. Dass ich Hunger haben könnte, kam dem Familienvater nach der Abendbrotszeit nicht mehr in den Sinn. Als Getränke standen Wein, Bier, naturtrüber Apfelsaft und Mineralwasser zur Auswahl. Als ich um ein Glas Wasser aus dem Wasserhahn bat, stellte Florian seine haushälterische Inkompetenz durch einen ästhetischen Missgriff unter Beweis und brachte es mir in einem ausgedienten Senfglas.

»Janette hat erzählt, dass du Kletterseminare gibst?«, versuchte ich ihn von dem in meiner Hand zitternden Wasserglas abzulenken, das Laura mit großen Augen verfolgte und mit der Bemerkung quittierte: »Du hast was verschüttet.«

Florian tappte in die Frauenfalle und machte sich daran, mein Hirn mit langatmigen Schilderungen seiner Konzepte einzuschläfern. Erstaunlich, wie viele Männer noch nicht wissen, dass mit der ansteigenden Zahl der Worte, die sie machen, das erotische Thermometer in den Eiskeller fällt. Aber vielleicht kam es Florian ja genau darauf an.

»Die Menschen«, behauptete er, »haben ein wachsendes Bedürfnis nach einer natürlichen Bestimmung ihrer Wertewelt. Das methodische Einbeziehen der Natur in ihrer ursprünglichen Form führt die Seminarteilnehmer zu einfachen und überschaubaren Handlungen, die wiederum die Basis für die natürliche Interaktion in der Gruppe darstellen.«

»Ah«, versuchte ich mich wachzurütteln, »nach dem Prinzip: Treffen sich zwei Jäger … Beide tot.«

»Bitte?«

Laura lachte heftig und erlitt einen Bewegungssturm, der sich darin entlud, dass sie die Schachtel Monopoly anschleppte und auf den Couchtisch knallte.

»Nicht jetzt, Laura«, sagte Florian, hatte aber schon aufgegeben, ehe er das sagte.

»Du hast es versprochen!«, schrie Laura. »Wenn Mama da ist, spielen wir Monopoly. Mama ist jetzt da.«

Konnte es sein, dass sie mich mit ihrer Mutter verwechselte? Oder war es einerlei, wer die Strafe abkriegte für die ständigen Bestechungsversprechen der Erwachsenen? Laura würfelte sich stracks auf die Schlossallee und die Parkstraße, baute Häuser und sahnte ab, während ich umgehend im Gefängnis landete. Danach versuchte ich, durch waghalsiges Geschäftsgebaren so schnell wie möglich Pleite zu gehen, aber so etwas gelingt einem nur im richtigen Leben.

Beim Geldraffen fiel mir eine Uhr an meinem Handgelenk auf. Normalerweise trug ich keine. Richtig, ich hatte sie am Knick in der Höhle gefunden. Während Laura würfelte, wischte ich angetrockneten Schlamm vom Glas. Das Zifferblatt war weiß und trug die Aufschrift: Patek Philippe Genève. Das Gehäuse bestand aus Rotgold, das Armband sah nach Krokoleder aus. Dem Format nach hatte sie am Arm eines Herrn gesessen. Vermutlich hätte ich sie Polizeihauptmeister Rehle zusammen mit der Eröffnung übergeben müssen, dass ich einen Toten gesehen hatte.

Als das Teil kurz vor zehn zeigte, erschien Janette in Hausschlappen mit einem Glas Rotwein. »Julian geht es gut«, teilte sie mit. »Sie behalten ihn zwar noch die Nacht im Krankenhaus, aber er hat sich nicht einmal etwas gebrochen.«

»Kinder sind wie Katzen«, bemerkte Florian würfelnd.

»Und du hast Lisa ja gar kein Glas Wein angeboten, Florian! Was bist du nur für ein Gastgeber!«

Ich winkte ab.

»Du musst mitspielen, Mama!«, rief Laura und drückte ihr ein gelbes Figürchen in die Hand. »Ich schenk dir den Nord- und den Westbahnhof! Und du darfst zweimal würfeln!«

»Weißt du eigentlich, wie spät es ist, Laura?«, mutterte Janette. »Die halbe Stunde ist längst um. Hatten wir nicht abgemacht, dass du dann im Bett liegen solltest?«

»Aber es sind doch Feeerien, und wir sind noch gar nicht fertig!«

»Monopoly ist nie fertig.«

»Noch eine Runde. Bitte, Mama, bitte, bitte!«

»Nur, wenn du zugibst, dass du heute mit Volker, Gerrit und Julian an der Höhle warst.«

Laura knallte das Plastikmännchen aufs Spielfeld, sprang auf und riss dabei das Brett hoch. Häuser und Ereigniskarten hüpften über den Teppich, und Spielgeldscheine flatterten.

»Laura!«, donnerte die Mutter, bückte sich aber schon, um die Scheine einzufangen. »Was soll denn Lisa von dir denken?«

»Das ist mir scheißegal, was diese Scheiß-Lisa für Scheiße von mir denkt!«, kreischte das Mädchen, dass es im Trommelfell klirrte, und rannte hinaus. Florian erhob sich bedächtig und ging dem Kind hinterher. Seufzend ließ Janette sich gegen die Rückenlehne des Sessels fallen.

»Florian hat sicher wieder den ganzen Tag am Computer gesessen und sich Laura vom Hals gehalten, indem er sie zum Eisessen in den Ort geschickt hat. Mich schimpft er immer überbehütend!«

Ich begann, die Karten und Spielgeldscheine in die Schachtel zurückzuordnen.

»Wer der Tote wohl ist?«, fragte sich Janette laut. »Es wird niemand vermisst hier in der Gegend, sagt Heinz.«

»Vielleicht ist Florian beim letzten Teamgeistseminar ein Manager aus Hamburg abhanden gekommen.«

Janette spitzte ihre Mundwinkel an. Kindisch!, lautete die Zensur, die ihr mir Blick erteilte. »Dann schon eher ein Tourist aus Stuttgart, der wieder nirgends Bescheid gesagt hat. Jetzt wird man die Mondscheinhöhle wohl endlich dichtmachen.«

»Wieso hat man das nicht schon längst getan?«

»Wer kennt sie schon? Sie steht in keinem Höhlenführer.« Janette leerte mit einem Schluck fast das halbe Glas Wein.

»Und wie käme ein Ortsfremder in eine Höhle, die keiner kennt? Außer natürlich der Naturforschende Verein Schwäbische Alb mit seinem Vorsitzenden Hark Fauth, Florian und ein halbes Dutzend Schulkinder.«

»Gerrit wird herumgeprahlt haben mit seinen Höhlenkenntnissen. Was hat er denn sonst? Er ist ein Außenseiter.«

Ich ordnete die Häuser und Hotels in die Fächer.

»Na, morgen wissen wir mehr. Da wird die Höhlenrettung ihn bergen.«

Janette stand auf, ihr leeres Glas in der Hand. Ich probierte, ob meine ausgeleierten Sehnen die Knochen noch zusammenhielten. Ungelenk wie ein Kamel folgte ich Janette in die Küche. In der Spüle verkeilten sich jene Teller, Messer und Tassen, die Männer mit der Bemerkung zu hinterlassen pflegen, sie hätten sie noch in die Spülmaschine geräumt, wäre die Frau ihnen nicht wieder mal zuvorgekommen. Auf dem Tisch stand eine Flasche Rotwein.

Janette goss ihr Glas voll, wandte mir ihre Hinterbackenbällchen im atemberaubenden Spiel der Khakifalten zu, öffnete das Fenster, holte einen Aschenbecher vom Fensterbrett herein und zündete sich eine Zigarette an.

An die Kante einer Arbeitsfläche gelehnt, den Unterarm quer über der Hüfte, den Ellbogen des anderen Arms in die Hand gestützt, rauchte sie blicklos. Jeder Zug eine Nebelkerze gegen die Unerträglichkeit des Lebens. Ich zündete mir ebenfalls eine Zigarette an und ließ mich berücken vom Reißverschluss ihrer Hüfthose, der den kurzen Weg von der Gürtelschnalle zum Schambein nahm.

»Komisch, dass Hark so plötzlich verschwunden ist.«

»Ich denke«, antwortete Janette, »er musste nach Hause. Er ist allein erziehender Vater.«

»Aber zu Fuß? Und lässt seine Tasche einfach da? Ein paar Minuten später hätten wir ihn gefahren.«

Janette zuckte mit den Schultern, nahm einen Schluck Wein und füllte das Glas sofort nach. Ein roter Tropfen rann den Kelch entlang und zog sich unter den Fuß.

»Wusstest du, dass er Knieprobleme hat?«, fragte ich weiter.

»Nach dem Unfall dachte man, er würde überhaupt nie wieder laufen können. Die Reha hat Monate gedauert.«

»Warum hat er sich dann nicht von der Liste der Höhlenretter streichen lassen? Spätestens am Dienstag weiß jeder, dass nicht der große Hark Fauth, sondern eine zufällig anwesende Tussi aus der Stadt den kleinen Julian aus der Höhle geholt hat. Dokumentiert in deiner Zeitung mit Text und Foto. Das wird Gerrit in der Schule allerlei Spott eintragen.«

»Soll ich lügen?« Janette spitzte die Glut am Aschenbecherrand. »Wenn sich herumspricht, dass ich Fauth in meinem Bericht unterschlagen habe, dann werde ich unglaubwürdig.«

Das Glaubwürdigkeitsproblem hatte ich nicht mehr. Mich musste auch keine Leiche mehr interessieren. Ich konnte mich auf mein privates Problem mit meinem Staatsanwalt konzentrieren.

»Und sollte Hark etwas mit der Leiche zu tun haben …«, sinnierte Janette.

»Warum das denn?«

»Na, es ist schon komisch, dass Hark nicht selbst in die Höhle gestiegen ist. Das findest du doch auch.«

»Hallo, Miss Marple!«

Janette blies versonnen den Rauch über den Küchentisch zum Fenster, wo er zwischen Kalt- und Warmluft verwirbelte. Ich kannte diese Gier. Einmal selbst eine Geschichte auftun, ehe sie im Polizeibericht stand. Selbst einen Mordfall lösen. Wie fremd mir das plötzlich war. Was hatte ich eigentlich all die Jahre getrieben? Ein Leben wie im Fiebertraum. Währenddessen hatte Janette mit Florian ein Kind bekommen und ein Haus gekauft.

Auf Birkenstocks raschelte er in die Küche und meldete, dass Laura schlafe. Die unendliche Erleichterung der Eltern, wenn sie den nachwachsenden Fremdling losgeworden sind, wurde durch meine gastfremde Gegenwart allerdings geschmälert. Janette und ich stauchten die Kippen in den Aschenbecher. Sie besann sich darauf, auch mir ein Glas Wein einzuschenken. Florian stellte den Aschenbecher aufs Fensterbrett, holte ein Bier aus dem Kühlschrank und ploppte es auf. Sie nahm ihr Glas und kreuzte die Arme.

»Ich habe das Gästebett bezogen«, teilte er mit.

»Hoffentlich hast du nicht wieder den zerrissenen Bettbezug genommen!«

»Warum heben wir den eigentlich auf?«

Ich hätte den Wink verstehen und mich ins Gästezimmer zurückziehen sollen. Stattdessen erinnerte ich mich meiner eigenen Suchrichtung. »Wie hieß noch mal der Geschäftsführer der GmbH, die den Truppenübungsplatz erschließen soll?«

»Ernst Schorstel«, antwortete Janette, »entstammt einer alteingesessenen Laichinger Leinweberfamilie. Seinem Bruder, Alfons Schorstel, gehört die Canfax-Gruppe: Außentextilien und Naturmöblierung, Festzelte, Planen, Fahnen, Parkbänke, Aussichtsplattformen, Fahrradständer und so weiter. Sitzt in Laichingen, genauso wie die Natra GmbH von Ernst Schorstel. Ein Narr, der sich Böses dabei denkt.«

»Wieso?«, fragte ich töricht.

»Du weißt ganz genau, Janette«, nölte Florian in seiner langsamen Art, »dass öffentliche Aufträge über fünf Millionen EU-weit ausgeschrieben werden müssen.«

»Wetten, dass Alfons trotzdem den Auftrag kriegt! Und wenn der Bund das Gelände verkauft, ist der Auftrag ohnehin nicht mehr öffentlich.«

»Was für ein Auftrag?«, fragte ich.

»Na was für einer wohl«, antwortete Janette. »Der Truppenübungsplatz braucht Aussichtsplattformen, Parkbänke, Grillplätze und so weiter. Man will regionale Firmen zum Zuge kommen lassen. Wenn die Litauer oder Polen billigere Angebote machen, dann wird man sich was einfallen lassen müssen. Zum Beispiel die Privatisierung des Geländes. Die Natra hat potente Gesellschafter, die nur darauf warten, es zu kaufen.«

War das Grund genug für Oberstaatsanwalt Dr. Richard Weber, sich die Wanderstiefel anzuziehen?

»Florian wird sich da schon was einfallen lassen. Gell, du und deine IPE.«

»Das ist nicht meine IPE«, sagte Florian. »Ich arbeite nur für die, und zwar auf Honorarbasis.«

»Was ist die IPE?«

»Industrie- und Personalentwicklung«, antwortete Janette. »Kurz, IPE. Sitzt in Haid.«

Ich nickte. Auf dem Weg von Reutlingen nach Trochtelfingen war ich durch Haid gekommen.

»Willst du mir etwa vorwerfen, dass ich Geld verdiene, Janette?«, trauerte Florian. »Wovon sollen wir denn das Haus abbezahlen? Außerdem dürfte Lisa das kaum interessieren.«

Doch, brennend. Aber wir mussten uns nun Janettes schrille Erklärung anhören, dass sie durchaus genug verdiene für Laura und sich selbst. »Und wenn wir in Reutlingen wohnen würden, müsste ich auch nicht so viel fahren! Außerdem sind die Schulen besser!«

»Aber wir waren uns doch einig, dass hier oben die Luft besser ist!«, sagte Florian.

»Du warst dir einig!«, schrie Janette und knallte die Tür.

Florian rülpste. »Seit Sibylles Tod hat sich Janette verändert«, bemerkte er. »Ich glaube, sie macht sich Vorwürfe, dass sie ihrer besten Freundin nicht hat helfen können. Aber mit mir redet sie ja nicht darüber.«

»Moment! Hark Fauths Frau war Janettes Freundin?«

5

Es war zu still zum Schlafen in der Kammer unterm Dach. Da ich auf eine Übernachtung nicht vorbereitet war, fröstelte ich in Schlüpfer und Unterhemd unter der Bettdecke. Mein Kreislauf neigte nach Anstrengungen dazu abzusacken. Oder es lag an den Nachwirkungen meines Schocks am Waschbecken. Ich hatte die Uhr unterm Wasserhahn abgespült. Urplötzlich war der Gedanke über mich gekommen, ich hätte diese Uhr schon mal gesehen, und zwar am Handgelenk von Oberstaatsanwalt Richard Weber, der seit nunmehr acht Tagen für mich unauffindbar war. Wenn er das nun war, den ich tot in der Mondscheinhöhle …

»Unsinn!«, redete ich mir ein. »Das ist absoluter Quatsch. Mach dich nicht verrückt!« Nur weil Richard Uhren trug, deren Zeitlosigkeit ans Altmodische grenzte, musste es nicht diese gewesen sein. Ich nahm im Dunkeln mein Handy und simste zum fünften Mal an Richard. »Leiche in Mondscheinhöhle gefunden. Melde dich. L.«, lautete meine Botschaft diesmal.

Als mir das Bewusstsein gerade schwand, tappte jemand die Treppe hinunter und wieder herauf. Zweiter Versuch. Als um fünf die Amseln anfingen, die Neubausiedlung am Hang zu beschallen, war ich wieder wach. Die aufkeimende Dämmerung modellierte in der Dachkammer Omas Nachkriegsmobiliar, das zum Rauswerfen zu schade und zum Wohnen zu düster war. Schließlich verstummten die Amseln und ich schlief, bis die Sonne um die Dachfensterkante bog. Dann weichte ich meine Muskeln unter der Dusche auf, zog das Bett ab und faltete die Laken.

Janette war schon weg, als ich hinunterkam. Unter eine Schüssel, in der Linsen im Wasser quollen, hatte Janette einen Zettel geklemmt, auf dem sie mir mitteilte, sie sei am Lippertshorn bei der Bergung, und Laura und Florian seien zum Pfingstmarkt nach Laichingen gefahren. »Hab einen schönen Tag, Lisa. Melde dich mal wieder.«

Ich verließ das Haus ohne Abschied.

Brontë interessierte sich nicht für landschaftliche Schönheiten. Die Schwäbische Alb war oben eher platt. Das Wetter hatte dem Wetterbericht getrotzt und zeigte Sonne. Das wiederum hatte Familien bewogen Parkplätze anzusteuern. Schilder warnten allenthalben vor Wanderern, die sich mit Hut, Stock, Rock und fliegenden Haaren quer über die Straße stürzen würden.

Auf der Heeresstraße geriet die Kolonne wegen einer Familie auf Rädern ins Stocken. Vater machte die Vorhut, die Kinder schlenkerten in der Mitte und Mutter sammelte von hinten die Verluste ein. Ich hatte Zeit, mich über die Buchstabenanhäufung »TrÜPl« auf den gelben Straßenschildern zu wundern. Sie pfeilte nach rechts ins sich südlich der Landstraße hinziehende Naturparadies der Wälder und Wacholderheide. Da bog ich dann mal ab. Ein weißes Schild stoppte mich an einer rotweißen Schranke.

Militärischer Sicherheitsbereich. Grenze des Truppenübungsplatzes. Schieß- und Übungsbetrieb Blindgänger! Lebensgefahr! Unbefugtes Betreten des Platzes ist verboten und wird strafrechtlich verfolgt Der Kommandant

Hier also. Hier im Gutsbezirk Münsingen ballerte seit über hundert Jahren das Militär. Zuerst das Grenadierregiment des Königs Karl von Württemberg, dann die Amerikaner, danach die Franzosen und schließlich seit 1992 die Bundeswehr. Und in ein paar Monaten zog der letzte Soldat ab. Zurück blieb hinter dem Sichtschutz einer Reihe junger Bäume ein von sechzehntausend Schafen geschorenes Hügelgelände von fast siebentausend Hektar, in dessen Panzerwellen Einmaliges biotobte.

Gen Laichingen schwenkte die Landstraße vom Trüpl weg. Der Raps blühte. Weiße Kalksteinwege peilten das nächste Wäldchen an. Aus Laichingen quoll mir der Pfingstmarkt entgegen. Ein mir unbekanntes regionales Großereignis. Aus Ulm, Esslingen und Reutlingen war man angereist und ruckelte auf der Suche nach einem Parkplatz durch die Straßen bis drüben wieder hinaus. Im Ortskern reihten sich Verkaufszelte dicht an dicht, auf jedem freien Plätzchen der Stadt wucherten Flohmärkte, Menschen zogen in Kolonnen vom Ortsrand hinein oder, mit Harken, Besen, Vogelkäfigen oder Gartenschläuchen beladen, wieder hinaus. Allerdings zogen mehr hinein.

Ich stellte Brontë am Abzweig zur Tiefenhöhle auf dem Fußweg ab. Andere standen da auch schon.

Das Getümmel verklumpte sich gleich an der ersten Wurstbraterei. Überhaupt waren die Fressstände die einzigen, die wirklich Umsatz machten. Socken, Unterwäsche, Kälberstricke, Handtaschen, Magnetschmuck und Stofftiere versperrten die Sicht auf die Fachwerkhäuser und erlaubten kein Urteil, ob die Stadt hübsch war. Der Marktplatz war es jedenfalls nicht. Nicht nur weil gebaut wurde. Zwischen skulpturell hingeworfenen Quadern erinnerte ein Springbrunnen an die Hüle, die einstige Viehtränke im Vulkantufftümpel des Kraters, in dem das Städtchen im fünften Jahrhundert von dem Alemannenhäuptling Laicho gegründet worden war und dann als Leinenweberstadt Karriere gemacht hatte.

Das habe ich natürlich erst später nachgelesen.

Ich kaufte eine dieser modernen metallisch schimmernden Krawatten – silber-rot gestreift – und knüpfte sie mir zum dunkelgrauen Hemd unter die Lederjacke. Bei der Narbe, die mein Gesicht beharkte, genügte in winziger Tupfer, um keinerlei Verdacht aufkommen zu lassen, unter meinem dunklen Kurzhaar ticke ein weibliches Gehirn. Meine geschundenen Designerjeans waren eh unisex und die asics hätten jedem Triathlonläufer Ehre gemacht. So versachlicht konnte ich in jede Hotelrezeption treten und nach Herrn Dr. Weber fragen, ohne Richards Bedürfnis nach Diskretion ernstlich zu verletzten.

Um allerdings das Hotel Krehl »zur Ratstube« mit dem Rotary-Schild zu entdecken, musste man die Verkaufsbuden schon ein bisschen beiseite schieben. Ein findiger Bauer hatte aus vier Betonpfeilern und schuppig eingesetzten Brettern Kompostbehälter aufgebaut, die er ausgerechnet mir verkaufen wollte. »Sie könnet nadirlich oins bschtelle, aber des isch ja immer viel Gschäft mit dem Transport. Aber wenn Sie heut Abend wiederkommet, na krieget Sie’s glei. Des kloine isch allerdings scho weg.« Hundert Euro hätte das kleine Kompostgehege gekostet, zweihundert kostete das größere, das keineswegs doppelt so groß aussah.