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Schattenarbeit: Vergessene und verdrängte Teile unserer Seele heilen Eigentlich ist alles in Ordnung, dennoch fühlen wir uns getrieben, suchend, als ob etwas fehlen würde. Je härter wir daran arbeiten, desto weiter entfernt scheint das Glück zu sein. Stefanie Körber hat dieses Phänomen in ihrer Arbeit als Psychotherapeutin wieder und wieder beobachtet und sich auf die Suche nach dem Grund gemacht. Von Kindheit an neigen wir dazu, ungeliebte Teile unserer Persönlichkeit ins Unterbewusstsein zu verbannen. Wir schaffen eine Schattenpersönlichkeit, die aber ans Licht drängt. Erst wenn wir sie annehmen, finden wir Zufriedenheit und Versöhnung mit uns selbst. - Der Weg zur Selbstliebe führt über die Schattenarbeit: Wie wir lernen, uns ganz zu akzeptieren - Das Ratgeber-Buch, um die »dunklen« Seiten unserer Persönlichkeit kennen- und lieben zu lernen - Ins Unterbewusstsein verbannt und doch stets dabei: Wie die Schattenpersönlichkeit Gefühle und Emotionen beeinflusst - Schattenmädchen und Schattenjungen: Selbsthilfebuch mit Erfahrungen und Hilfestellungen aus der Praxis Sich selbst annehmen – in allen Aspekten: Der Schlüssel zur inneren Versöhnung und Selbstliebe Wenn wir unsere Persönlichkeit in erwünschte und unerwünschte Anteile »aufspalten«, kommt es zur Schattenbildung: Wir verbergen unsere ungeliebten Merkmale vor uns selbst. Diese verschwinden aber nicht, sondern beeinflussen weiterhin unser Fühlen und Tun – mit allen negativen Konsequenzen. Stefanie Körber zeigt Wege auf, wie wir uns als Ganzes annehmen und Selbstliebe leben können. Das Schattenkind in uns möchte ans Licht – mit diesem Ratgeber zeigen wir ihm und uns den Weg!
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2025
Stefanie Körber
Stefanie Körber
Der Weg zu Selbstliebe und Freiheit
Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren beziehungsweise Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.
1. Auflage
© 2025 ecoWing Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – Wien, eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
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Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15
5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT
Gesetzt aus der Palatino, Mont, Juana
Lektorat: Stefanie Jaksch
Autorenillustration: © Claudia Meitert / carolineseidler.com
Umschlaggestaltung: Bettina Stickel / ki 36 Editorial Design, München
ISBN 978-3-7110-0354-6
eISBN 978-3-7110-5368-8
Vorwort
Einleitung
Teil 1
Kapitel 1
In Selbstliebe leben
Leben ist Entwicklung
Die Welt der Gefühle
Gefühle sind eine Herzensangelegenheit
In herzlicher Balance
Kapitel 2
Die kindliche Anpassung
Die Anpassung in Herzoffenheit
Die Anpassung durch Selbstkritik
Kapitel 3
Die Entstehung der Schattenpersönlichkeit
Fixierungen und Allergien
Was wir in den Schatten stellen
Die gefühlte Wertlosigkeit
Fassungslose oder enttäuschte Weltsicht
Die Anpassung der Nehmer- und Geberherzen
Zusammenfassung
Teil 2
Kapitel 4
Wie Schattenbildung auf unser Leben wirkt
Unsere Seele
Unser Körper
Unser Geist
Unser Ablenkomat
Kapitel 5
Unsere individuelle Schattengeschichte
Von der Selbstliebe zur Selbstkritik
Kapitel 6
Der Plan unseres idealisierten Selbst
Die kindlichen Erklärungen verhüllen den echten Schmerz
Unsere Schattenkonzepte
Zusammenfassung
Teil 3
Kapitel 7
Die Welt der Dramen
Das Kinderdrama
Das Familiendrama
Das Freundschaftsdrama
Das Drama unserer persönlichen Interessen
Das Existenzdrama
Das Gesundheitsdrama
Das Beziehungsdrama
Kapitel 8
Ursache und Auslöser unserer Dramen
Die Player unserer Dramen
Unsere Dramen im Alltag
Kapitel 9
Immer wiederkehrende Themen
Unsere Dramen im Verlauf
Zusammenfassung
Teil 4
Kapitel 10
Hol dein Schattenkind ins Licht!
Was uns im Schutzprogramm festhält
Unser Streben nach dem wahren Selbst
Unsere unbewussten Helfer: Projektionen
Der Integrationsprozess unseres Schattenselbst
Kapitel 11
Auflösung der Schattenkonzepte im Alltag
Unsere immer wiederkehrenden Themen (IWT) auflösen
Zusammenfassung
Meine Ode an die innere Freiheit
Über die Autorin
Warum gelingt unser Leben nicht so, wie wir es uns wünschen? Wie kann es sein, dass wir so viel wissen, es aber nicht in ein erfülltes Leben verwandeln können? Es fühlt sich an, als hätten wir auf wesentliche Teile von uns keinen Zugriff, als gäbe es eine innere Zäsur, die verhindert, dass Glück und seelischer Wohlstand auf Dauer bei uns einziehen können.
Wir kommen auf die Welt. Wir wachsen. Wir lernen. Wir entwickeln uns immer weiter. Und solange es gut läuft, tun wir das alles in Eigenliebe. Aber in Zeiten von großen emotionalen Überforderungen in der Kindheit beginnen wir, uns zu hinterfragen und Teile von uns als nicht zu den Lebensumständen und Personen passend zu bewerten. Als Antwort auf eine innere Not unterdrücken und verleugnen wir Persönlichkeitsmerkmale von uns. Wir stellen sie buchstäblich in den Schatten unseres Bewusstseins. An einen Ort, auf den wir keinen Zugriff mehr haben. Dort, in der uns verborgenen, unbewussten Welt der Schatten, existieren diese Persönlichkeitsanteile weiter, bleiben jedoch in der Welt des Lichts nur noch eine dunkle Ahnung. Das macht uns unrund. Es lässt uns spüren, dass da etwas war, ein Teil von uns, eine unbeschwerte Lust am Dasein, die keiner Rechtfertigung bedarf, eine Selbstverständlichkeit der Existenz, eine natürliche Liebenswürdigkeit, die genügen soll, um uns ein gutes Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen.
Durch diese Teilung unseres Selbst in der Kindheit empfinden wir in der Folge immer ein Gefühl von Verlust und haben als Erwachsene eine unstillbare Sehnsucht nach etwas, das wir nicht wirklich benennen können.
Unsere unbewusste Suche lässt uns immer wieder in Probleme geraten, die wir uns nicht zu erklären wissen. Trotz vielen Bemühens entsteht wiederkehrend eine innere Leere, die auch mit allen äußerlichen Erfolgen nicht aufgelöst werden kann. Wir haben eine unbewusste Sehnsucht nach den von uns verbannten Teilen unseres Wesens. Nur wenn wir unser »Schattenselbst« wieder in unser Bewusstsein integrieren, führt das zu innerem Wachstum und Versöhnung mit der Kindheit. Dazu müssen wir mit unserem Schatten wieder in Kontakt kommen. Ihn wieder in unser Leben holen, um »ganz wir selbst« zu werden.
Die Psychologie des letzten Jahrhunderts hat uns damit vertraut gemacht, dass wir Teile unserer Psyche abspalten und ins Unbewusste verdrängen können. Die Schattenarbeit hat sich zur Aufgabe gemacht, uns auf der Reise zu unserem wahren Selbst, also der Suche nach »Wer bin ich wirklich?« und »Wer will ich sein?«, zu helfen. Die Bewusstwerdung und Integration unserer Schatten bezeichne ich immer als »den nächsten Schritt in der Psychologie«.
In diesem Buch erzähle ich Ihnen alles, was ich über diesen faszinierenden Prozess weiß. Die beschriebene Methodik gibt Ihnen eine gedankliche Struktur, an der Sie sich immer orientieren können. Es ist wichtig, die Prozesse der Schattenbildung und ihre Auswirkungen in unserem Leben genau zu verstehen, um unseren Schatten angstfrei und neugierig zu begegnen und sie wieder in unser Leben integrieren zu können.
Schatten sind nicht unsere Gegner, wir brauchen sie bei uns, wenn wir ein erfülltes Leben haben wollen. Nicht mit ihnen zu leben ist, als benutzte man nur einen Arm. Man braucht aber beide, um nach dem Leben zu greifen. Benutzen Sie beide, und leben Sie das Leben, von dem Sie schon immer geträumt haben. Holen Sie Ihr Schattenkind ins Licht!
Wir Menschen bestehen aus der Triade Körper – Geist – Seele. Wollen wir ein glückliches und erfülltes Leben, müssen diese drei im Einklang sein. Wir werden diese Entitäten niemals in Einklang bringen können, wenn es eine geistige Abspaltung, nämlich unseren Schatten, als unbekanntes Viertes gibt. Um unser wahres Selbst leben zu können, müssen wir diese geistige Abspaltung wieder rückgängig machen. Und genau dies ist die Aufgabe der Schattenarbeit: die Reintegration unserer Schattenpersönlichkeit.
Zur besseren Veranschaulichung nenne ich dieses unbewusste Selbst, das einst Teil von uns war, in der Schattenarbeit unseren »Schattenjungen« und unser »Schattenmädchen«. Und schon dieser Bezeichnung können Sie entnehmen, dass wir unsere Schattenpersönlichkeit in unserer Kindheit ausgebildet haben. Doch was genau ist unser Schatten eigentlich? Es klingt ein bisschen wie ein Schimpfwort: »Du hast ja einen Schatten!« In jedem Fall klingt es, als wäre ein Schatten etwas Negatives. Was gleich ein gewisses Unbehagen oder eine unbestimmte Angst aufsteigen lässt.
Reden wir in der Psychologie von einem Schatten, so bedeutet dies »Unbewusstheit«. Es gibt Teile unseres wahren Selbst, die sich unserem Bewusstsein entzogen haben. Unser Schattenjunge beziehungsweise unser Schattenmädchen ist ein Teil unserer Persönlichkeit, den wir nicht bewusst leben können. Und ja, Sie vermuten richtig, mit dem wir auch nichts zu tun haben wollen – aus Gründen, die ich nachstehend ausführlich erklären werde.
Ich muss sowohl aus eigener Erfahrung, aber vor allem aufbauend auf das, was ich seit Jahren in meiner Praxis erlebe, sagen, dass wir uns im erwachsenen Leben nicht ohne Krisen existenzieller oder gesundheitlicher Art auf die Suche nach unseren Schatten machen. Das schmerzhafte Scheitern von Liebesbeziehungen ist dafür ein gutes Beispiel. Sie sind oft der Anlass, die dafür verantwortlichen Ursachen verstehen zu wollen. Mithilfe der Schattenarbeit finden wir alle Persönlichkeitsanteile, die wir für eine gelingende Partnerschaft brauchen. Denn wenn Sie Ihren Schatten nicht am Leben teilhaben lassen können, werden Sie auch in einer Beziehung immer in dem Gefühl »Mir fehlt etwas« und »Ich bin nicht gut genug« leben.
Mit das Beste an der Schattenarbeit ist, dass sie Energie freisetzt, die wir unbewusst an unsere innere Weigerung, die Schatten nicht in unser Leben zu lassen, verlieren. Denn Schatten können zwar aus unserem Bewusstsein verschwinden, aber sie sind deswegen keineswegs weg. Sie waren und sind ein Teil von uns und werden sich immer wieder in unser Leben hineinreklamieren. Um das zu verhindern, verbrauchen wir unbewusst einen großen Teil unserer Energie.
Genau diese Energie aber, die wir zur Unterdrückung unserer Schatten verwenden, bräuchten wir für unser persönliches Wachstum. Wenn wir wachsen wollen, ist es daher nötig, dass wir die Schatten ins Licht unseres Bewusstseins holen, um mit der freiwerdenden Kraft und den verbannten Persönlichkeitsanteilen neue Lebenserfahrungen machen zu können – sei es in unseren Beziehungen, in der Arbeit oder als Teil einer Familie.
Die Psychologie ist eine sehr junge Wissenschaft. Man muss sich vorstellen, dass wir bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht gewusst haben, dass wir so etwas wie ein »Unterbewusstsein« haben. Dass wir in uns unbewusst wirksame Persönlichkeitsanteile haben, die mitbestimmen, wie wir denken, handeln und uns fühlen. Ich habe Psychologie studiert und war erstaunt und beunruhigt, wie viel wir, unsere Psyche betreffend, noch nicht verstehen. Während der anschließenden Ausbildung zur Psychotherapeutin wurden meine Fragen immer mehr und die Antworten eher unbefriedigend. Es kann nicht sein, dass wir ewig über unsere Kindheit sprechen müssen, um im erwachsenen Leben besser klarzukommen, dachte ich. Das erschien mir unproduktiv, wenig zielführend und auch auf Dauer nicht leistbar. Wie kommt man am schnellsten an sein »Unterbewusstsein«, wie können wir wirkungsvoll »selbstbewusster« werden? Was bedeutet es, ein »selbstbewusster Mensch« zu sein? Ich assoziierte das immer mit Kraft und Erfolg, mit Menschen, die wissen, was sie wollen, und Mittel und Wege haben, dies umzusetzen und zu leben. Es war lange Zeit ein Lieblingswort von mir und als Kompliment gemeint, wenn ich behauptete, jemand sei ein »selbstbewusster« Mensch.
Kurz nach dem Ende meiner Ausbildung zur Psychotherapeutin kam ich mit dem Begriff »Schatten« als vierte Entität in unserem Leben in Kontakt. Ich las bei Ken Wilber, einem fantastischen Psychologen und Philosophen, dass wir aus Körper, Geist, Seele und Schatten bestehen. Das verstand ich sofort, da konnte ich endlich Erklärungen finden, wieso wir alle »einen Schatten haben«, den wir verdrängen – und dass wir ihn unbedingt zurück in unser Bewusstsein holen müssen, wenn wir ein erfülltes, ein wahrhaft selbstbewusstes Leben führen wollen. Ich war fasziniert und fand endlich Begrifflichkeiten und Verständnis für alles, was ich fühlte, aber noch nicht verstand. Ich wollte diesen Schatten, diese unbewussten Anteile meiner Persönlichkeit verstehen und ins Licht holen.
Als praktizierende Psychotherapeutin stieß ich bei meinen Klienten und Klientinnen anfangs auf wenig Interesse an dem Schatten. Die Klienten fühlten sich offensichtlich bedroht von ihren »dunklen« Seiten. Angst in Neugierde zu verwandeln, das fand ich anfangs besonders wichtig. Ich begann, die Entstehung unserer Schattenbildung genau zu analysieren und so gut zu erklären, dass jeder neugierig wurde.
Essenziell dabei ist das Konzept der Selbstliebe. Es kann nicht sein, dass wir manche unserer Wesensmerkmale im wahrsten Sinne des Wortes »im Schatten« verkümmern lassen und als nicht liebenswert empfinden, denn dann kann es auch mit der Selbstliebe nicht wirklich funktionieren. Wie sollen wir uns lieben oder uns als liebenswert empfinden, wenn wir Teile von uns nicht leben und vor uns und der Welt verbergen?
Ich darf Sie nun mitnehmen in das erste Kapitel zu meiner Schattenarbeit, in dem ich mich damit beschäftige, wie es überhaupt zum Verlust unserer Eigenliebe und damit auch zur Bildung unserer Schattenpersönlichkeit kommt. Glauben Sie mir, nichts an Ihrem Schatten ist schrecklich. Er ist Ihnen nur unbekannt, neu, vielleicht aufregend, und mit der Suche nach Ihrem Schattenjungen oder Schattenmädchen begeben Sie sich auf eine Reise zu sich selbst.
Wir werden in Selbstliebe geboren, und Schatten jeglicher Art sind noch weit von uns entfernt. Selbstliebe bedeutet, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben, zweifelsfrei zu glauben, selbstwirksam das eigene Leben gestalten und die gesteckten Ziele auch erreichen zu können. In Eigenliebe ist es uns möglich, eine gute Beziehung zu anderen Menschen und der Welt aufzubauen, einen wertschätzenden Umgang mit anderen Menschen und dem Leben als Ganzes zu pflegen. Der Zauber dieses natürlichen Zustands ist es, dass Menschen, die in Selbstliebe leben, weder sich noch anderen Schaden zufügen wollen. Selbstliebe ist ein Seinszustand und so natürlicher Zustand, dass wir als Kind gar kein Bedürfnis haben, ihn mit Worten auszudrücken. Es ist eine Empfindung, ein Grundton unseres Lebens, begleitet von innerer Ruhe und Frieden mit dem, was ist. Das Leben und alle daraus entstehenden Gefühle sind willkommen. Es braucht keine Erklärungen, man fühlt sich wie der Fisch im Wasser, der sich nie Gedanken um das Wasser macht. Wir kommen in dem Selbstverständnis auf die Welt, dass wir geliebt werden und dass wir fähig sind, mit Menschen eine liebevolle Beziehung einzugehen. Wir fühlen uns als Kind liebenswert und finden auch die Menschen gut so, wie sie sind, und das Leben um uns herum gut, wie es ist. Selbst- und Fremdliebe ist nicht statisch, sondern entwickelt sich mit uns weiter.
Wir haben als Mensch viele Entwicklungsaufgaben, die wir meistern müssen, aber auch Entwicklungsmöglichkeiten, die auf uns warten.
Es gibt mehrere Entwicklungslinien, die wir vom Kleinkind zum Erwachsenen hin durchlaufen müssen. Zu den Entwicklungsaufgaben zählen alle motorischen, sensitiven und kognitiven Leistungen, die uns helfen, langsam in ein selbstständiges Leben hineinzuwachsen. Wir lernen zu sprechen und uns so zu bewegen, dass wir uns von einem krabbelnden Wesen hin zu einem aufrecht stehenden, laufenden und Fahrrad fahrenden Kind entwickeln. Wir müssen unterscheiden lernen, was heiß und kalt ist, was uns schmeckt und was gut riecht, was für ein Wohlgefühl oder Ekel sorgt.
Wir müssen den Umgang mit Gefühlen lernen und Empathiefähigkeit erwerben. Eine moralische Entwicklung von einem »Nur ich zähle…« hin zu »Was soll ich tun, wenn es für alle Beteiligten gut sein soll?« durchzumachen, ist für ein glückliches Leben absolut notwendig. Genauso wie eine psychosexuelle Entwicklung, vom reinen Trieb hin zu einem liebenden Miteinander. Es gibt die spirituelle Linie, auf der wir die Frage »Was ist mein höchstes Anliegen?« finden können. Die Entwicklung unseres Wertesystems müssen wir ganz persönlich für uns zu beantworten lernen. Die Antwort auf die Frage »Was ist für mich wichtig?« kann jeder nur für sich selbst herausfinden.
Unsere Entwicklung auf diesen unterschiedlichen Linien läuft fast unabhängig voneinander ab. Wer sich moralisch gut entwickelt, kann unter Umständen große kognitive Probleme zu bewältigen haben. Kinder, die ein gutes Gefühlsmanagement haben, müssen nicht unbedingt die sportlichsten sein. Auf dem Weg, den Sinn des eigenen Lebens zu erforschen, kann es sehr einsam werden, wenn wir uns auf der Beziehungsebene schwertun.
Wir haben als Kind aber nicht nur Entwicklungsaufgaben, sondern wunderbarerweise auch Entwicklungsmöglichkeiten. Es gibt unterschiedliche Felder – wie Sprache, Sport, Musik, Intellekt, Humor, Ästhetik, Emotionalität, um nur einige zu nennen –, in denen wir große Fähigkeiten entwickeln können, auch wenn wir nicht in allen Bereichen Meisterschaft erreichen. Jedes Kind kommt mit besonderen Gaben und Talenten auf die Welt und wird diese ans Licht bringen wollen. Und es wird lernen, mit allem, was es nicht so gut kann, im Frieden zu sein.
Allerdings entwickeln wir unsere Talente nicht unabhängig von äußeren Einflüssen. Sie brauchen Förderung, Unterstützung und Entwicklungshilfe durch die Menschen um uns herum. Wir wissen aber, dass gewisse Eigenschaften in den Familien, in denen wir aufwachsen, als besonders wichtig erachtet werden, während andere nicht gefördert oder sogar denunziert werden.
Wird im Elternhaus auf kognitive Leistungen besonders viel Wert gelegt, werden diese gefordert und gefördert, wird es leicht sein, kognitiv unser Bestes zu geben und die Grenzen des für uns Erreichbaren auszuloten. Ist aber das Gegenteil der Fall, wird Lesen und Bildung als nicht notwendig erlebt, werden Spiele und Ablenkungen jeder Art als normal definiert, muss man später in der Eigenverantwortung selbst entscheiden, wie viel kognitive Leistungsfähigkeit tatsächlich zu einem passt.
Das gilt auch für sportliche Leistungen. Werden wir entspannt, aber fördernd an sportliche Aktivitäten herangeführt, ist es in der Familie selbstverständlich, dass man wandern, Rad fahren, schwimmen geht, und ist ein Fußballverein in Reichweite, so wird sich das Kind sehr leichttun, seine sportlichen Möglichkeiten auszuleben. Wird aber sportliche Herausforderung zu hoch angesetzt, hat das Kind das Gefühl, den gestellten Anforderungen nicht gewachsen zu sein, kann das die Entwicklung empfindlich stören.
Das gilt im selben Maße für musikalische, kreative, künstlerische oder spirituelle Entwicklungsmöglichkeiten. Wird diesen in unserer Kindheit kein Platz eingeräumt, mussten wir unsere kreativen Persönlichkeitsanteile sogar in den Schatten stellen, dann müssen wir sie später im Erwachsenenleben nachentwickeln.
Wie aber können wir wissen, wo unsere natürliche Entwicklung unterbrochen wurde, in welchen Lebensbereichen wir nicht unser ganzes Potenzial ausschöpfen konnten? Wie wissen wir als Kinder, was tatsächlich in uns an Talenten angelegt ist, was uns wirklich am Herzen liegt und uns immer wieder Lebensfreude schenken wird? Sind wir tatsächlich sportlich und/oder musikalisch? Wäre nicht ein kreativer Beruf viel sinnvoller für uns, und wollen wir nicht endlich auch den Sinn hinter allem verstehen? All diese Antworten können wir nur in der Welt unserer Gefühle finden. Denn diese sind die Boten der wahren Sehnsüchte und Herzenswünsche – und Informanten über den Sinn unseres Lebens.
Es ist am Beginn der Schattenarbeit sehr wichtig, die Worte für die eigene Gefühlswelt zur Verfügung zu haben. Denn Ihre Gefühlswelt besteht aus weit mehr als aus »Ich fühle mich gut« beziehungsweise »Ich fühle mich nicht gut«, glauben Sie mir. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, den vielen Facetten Ihres Gefühlslebens Ausdruck zu verleihen. Auf den folgenden Seiten wird es also darum gehen, was das Ureigenste unserer Gefühle ist und wie sie auf uns wirken.
Parallel zu unseren motorischen, sensitiven und kognitiven Entwicklungsschritten gibt es also unsere ureigene Welt der Gefühle. Jegliches Sein und Tun ist begleitet von den dabei aufkommenden Gefühlen in uns. Und das ist wunderbar. Denn diese sind Ausdruck unserer Seele, unserer Einzigartigkeit, unseres völlig individuellen Erlebens dessen, was gerade passiert. Sie informieren uns darüber, was wir mögen und was uns Freude macht, aber auch darüber, was wir verabscheuen und meiden sollten. Unsere Gefühle sind die feinsten und wichtigsten Richtungsgeber für unsere menschliche Entwicklung. Mit ihrer Hilfe können wir lernen, unser Leben so zu gestalten, wie es uns wirklich entspricht, und zu dem Menschen werden, der wir sein wollen. Erfahrungen können wir nicht ohne die dabei empfundenen Gefühle beurteilen und abspeichern. Und genau diese Gefühle werden uns davon abhalten, Dinge zu wiederholen, die sich als negativ erwiesen haben. Umgekehrt werden wir Erfahrungen immer wieder machen wollen, die uns Freude, Überraschung und andere positive Erlebnisse beschert haben.
Gefühle sind Informationen der Seele, und als solche sind sie größer als wir. Sie haben die Fähigkeit, uns in alle Höhen und in alle Tiefen unseres Seins zu führen. Es sind unsere Gefühle, die uns an Lebenspunkte bringen, an denen wir über uns nachdenken und über die Ausrichtung und Gestaltung unseres Lebens, unserer Persönlichkeit entscheiden. Sie sind daher unsere Lebensgestalter.
Gefühle lassen uns spüren, welche Interessen wir haben, was wir weiterentwickeln sollen, aber auch, was einfach nicht zu uns passt und in unserem Leben keine Relevanz haben wird. Die Fähigkeit zu fühlen ist uns allen angeboren; wir fühlen, bevor wir denken, sprechen oder irgendetwas tun können – Gefühle sind immer die Erstgeborenen. Dieses Vermögen zu fühlen ist also nichts, was wir uns aneignen müssten. Wir gewinnen es nicht, aber wir können es verlieren. Wenn alles gut läuft, wächst diese Fähigkeit mit uns, das heißt, wir fühlen normalerweise im Laufe der Jahre immer mehr und immer differenzierter.
Gefühle können als unsere Seelenboten, ganz anders als das Tun und das Denken, nicht von uns gesteuert werden – sie unterliegen nicht unserem Willen und nicht unserer Kontrolle. Wir können sie nicht herbeiwünschen, wir können sie nicht verlängern, wir können sie nur in dem Moment, in dem sie auftauchen, erleben. Gefühle sind »Seelentexte«, und als solche sind sie nicht an Ort und Zeit gebunden, sie tauchen in unserem Leben scheinbar willkürlich auf, wann und wo immer sie wollen. Wir sind ihnen also auf eine gewisse Art ausgeliefert, der Zuneigung und dem Mitgefühl, der Freude, Dankbarkeit, Geborgenheit, aber auch der Angst, Trauer, Schuld, Scham und Einsamkeit – ja, die Macht der Gefühle ist beeindruckend.
Der Charakter von Gefühlen als Seelenboten zeigt sich auch in der Kürze ihrer Dauer – Gefühle kommen und gehen. Sie bleiben nicht Tage, Wochen oder Monate, sie schieben sich eher wie Wolken über unseren Himmel, sind da, geben die Information ab, wie es uns gerade geht, und wie vom Wind mitgenommen gleiten sie dann auch wieder dahin.
Es gibt positive und negative Gefühle beziehungsweise von uns als positiv empfundene und von uns als negativ empfundene Gefühle. Das ist nicht das Gleiche. Ich bin der festen Überzeugung, dass es so etwas wie negative Gefühle gar nicht gibt – unsere Gefühle sind einfach nur unsere Gefühle. Sie alle haben ihre Bedeutung über ein Leben hinweg. Nehmen wir beispielsweise die Angst: Sie warnt uns, sie hält auch Menschen von uns fern, die uns nicht guttun – was ist daran negativ? Oder die Traurigkeit: Sie macht uns weich und einfühlsam, sie hat auch die besondere Eigenschaft, uns zu verlangsamen und uns zurückzuziehen vom Trubel der Welt, was wiederum heilsam und gesund für uns ist.
Wenn wir unseren Gefühlen Raum geben, wenn sie frei fließen können, dann ergibt sich eine friedliche Neutralität, ein innerer Zustand, in dem wir nicht überfordert oder getrieben sind. Manchmal kommen positive Gefühle, manchmal kommen negative Gefühle, sie bleiben kurz, informieren uns und gehen dann wieder. In der Zeit der Neutralität fühlt man sich gut. Dann können wir in Ruhe arbeiten, nichts tun, die Welt um uns herum wahrnehmen.
Gemessen an ihrer Bedeutung und ihrem Einfluss sind Gefühle wahrscheinlich der Lebensbereich, mit dem wir am schlechtesten umgehen. Wir lernen zu gehen, wir üben das Rechnen, wir studieren die Wissenschaften und die ausgefallensten Sprachen, aber emotionales Wissen, die dazugehörigen Begriffe und so etwas wie die »Grammatik der Gefühle« – das lernen wir eher nicht. Und wenn, dann kommen wir dabei oft kaum über die Volksschule hinaus. Als Ergebnis gehen ziemlich viele von uns dann als emotionale Lehrlinge durch die Welt. Meisterschaft in dieser für unser Leben doch so wichtigen Disziplin gilt nicht als Ziel des Erwachsenwerdens, und es gibt kein Schulfach, keinen Kurs und kein Kolleg, das darin unterrichtet.
Der Ort, an dem die Meister der Gefühle zu finden sein müssten und wo das größte Wissen darüber gehütet und weitergegeben werden müsste, ist meiner Meinung nach das Elternhaus, das eine gute Schule der Gefühle sein sollte. Drei Dinge sind dabei notwendig:
Gefühle müssen wahrgenommen werden.
Gefühle müssen besprochen werden.
Gefühle müssen ausgehalten werden.
Eine Schule der Gefühle beginnt deshalb erst einmal damit, dass wir uns überhaupt bewusst werden, welche Gefühle es gibt beziehungsweise über welch reichhaltige Gefühlslandschaft wir verfügen.
Ich ermutige Sie daher, sich die Zeit zu nehmen, über folgende Fragen zu reflektieren. Sich der eigenen Gefühlswelt bewusst zu stellen, kann eine überraschende Bereicherung sein.
Fragen an Sie
Fühlen Sie sich gerade leichtfüßig?Haben Sie Angst oder sind Sie furchtsam?Machen Überraschungen Sie unruhig?Spüren Sie Ihre Empfindlichkeiten?Können Sie still in sich hineinlächeln?Ist Ihre Freude für andere ansteckend?Zieht in Ihnen ein Unbehagen auf?Verändert der Gedanke an jemanden Ihr Lächeln, Ihren Blick, Ihr Gefühl in der Brust oder im Magen?Können Sie beschreiben, was dieser Mensch in Ihnen auslöst?Begegnungen mit oder auch nur Gedanken an Menschen lösen in der Regel ein Gefühl in uns aus, das wir bewusst wahrnehmen sollen. Denn genau diese aufkommenden Gefühle informieren uns darüber, wie wir zu dieser Person stehen. Achten Sie immer wieder darauf, dass Ihre Gedanken nicht zu schnell Ihre Gefühlswelten überdecken.
So wie wir für unsere geistigen Aufgaben unseren Verstand benötigen, ist unser Herz für unsere emotionale Lebensgestaltung verantwortlich. Es ist zwar anatomisch nicht ganz richtig, aber zur besseren Veranschaulichung unserer Gefühlswelten unterscheide ich zwischen einem Nehmerherz und einem Geberherz. Nehmer- und Geberherz verwalten unsere Fähigkeit zur herzlichen Kommunikation mit unseren Mitmenschen und auch mit der Natur. Das Verhältnis von Nehmerherz und Geberherz ist von Bedeutung für unsere Beziehungen und unsere Selbstliebe.
Nehmer- und Geberherz
Mit herzlichem Nehmen meine ich, dass ich davon ausgehen darf, dass Interesse an mir selbstverständlich ist. Dass sowohl meine Eltern als auch alle mich umgebenden Menschen auf meine Bedürfnisse reagieren und mich altersgerecht befürsorgen. Unser Nehmerherz nimmt mit Freuden entgegen, was ihm freundlich, liebevoll an Zuwendung, Aufmerksamkeit, Verstehen und Liebe entgegengebracht wird. Es liebt offenherziges und beherztes Miteinander und nährt sich von allem, was es bekommt. Das Nehmerherz reagiert bei guter Versorgung auf alles, was es bekommt, mit Dankbarkeit und Freude. Allerdings ist das Nehmerherz abhängig von einem offenen Geberherz eines anderen Menschen.
Unter herzlichem Geben verstehe ich unser Interesse an den Menschen, die uns umgeben – Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde. Wir lernen zu fühlen, wie es unseren Eltern, Geschwistern, Großeltern geht, und nehmen Anteil an ihrem Leben. Mit unserem Geberherz wollen wir anderen Freude bereiten, herausfinden, was die Menschen um uns herum brauchen, sich wünschen und was sie glücklich macht. Wir merken uns, was andere zum Lachen bringt, ihnen hilft und was die Menschen herzlich berührt. Das Lachen und die Freude der anderen nährt das Geberherz. Was das Geberherz braucht, um all das erleben zu dürfen, ist ein offenes Nehmerherz der anderen Personen.
Ob wir in Selbstliebe leben, wird in dieser Balance von Geben und Nehmen entschieden. Sind wir herzlich in einer guten Balance und in einem guten Austausch mit Menschen und deren offenen Herzen, fühlen wir uns liebenswert. Wir freuen uns, da zu sein und zu spüren, dass es den anderen auch so geht. Es gibt Interesse an uns, man möchte mit uns sein – und auch wir wollen mit unseren Lieben sein und mit ihnen die Welt erleben. Getragen von Mitgefühl und Lebensfreude teilen wir unser Leben. Mitgefühl, gegenseitiges Interesse und Freude aneinander sind die Säulen des herzlichen Austausches und bedingen, dass wir unsere Selbstliebe erhalten und weiterentwickeln können. Das erfordert bei allen Beteiligten ein offenes Herz. Kommt es in einem der beiden Herzen zu Störungen, kann sich das auf unsere Selbstliebe auswirken.
Sind die uns umgebenden Personen aus persönlichen Gründen nicht in der Lage, uns ausreichend Mitgefühl und Interesse entgegenzubringen, wird die Balance von herzlichem Geben und Nehmen empfindlich gestört. Die Grundvoraussetzung für den Erhalt und die Weiterentwicklung unserer Selbstliebe ist dann nicht mehr vollumfänglich gegeben. Herzlicher Austausch muss ein kontinuierlicher Faktor in unserem Leben sein. Denn unser Nehmer- und Geberherz sind kommunizierende Gefäße, und wenn eines davon leerläuft und nichts mehr nachkommt, werden wir das als sehr schmerzlich empfinden. Diese beiden Herzen müssen immer wieder versuchen, eine Balance herzustellen.
Fragen an Sie
Wie steht es um Ihr Nehmer- und Geberherz? Welche herzlichen Erfahrungen haben Sie in Ihrer Kindheit gemacht? Lassen Sie Bilder Ihrer Kindheit in sich aufsteigen. Gehen Sie folgenden Fragen auf den Grund:Interesse: Wurde mir als Kind Interesse entgegengebracht? Wer hat sich für mich interessiert?Mitgefühl: Haben die Menschen, die mich als Kind betreut haben, gespürt, wie ich mich fühle, und Anteil daran genommen? Wurde ich gut befürsorgt?Freude: Haben sich meine Eltern, Großeltern, Geschwister über mein Sein und mein Wesen gefreut?Haben Sie ausreichend oder nur wenig herzliche Versorgung erfahren?Wer waren die wichtigsten Personen in Ihrer Kindheit?Wie viel Interesse, Mitgefühl und Freude hat jede dieser Personen Ihnen entgegengebracht?Eine gute Wahrnehmung dafür, wie Sie in Ihrer Kindheit herzlich versorgt wurden, ist eine wichtige Ausgangsbasis für die kommenden Seiten. Versuchen Sie bitte, sich diesen Fragen so ehrlich wie möglich zu nähern. Lassen Sie sich damit Zeit, und vielleicht schauen Sie zu einem späteren Zeitpunkt Ihre Aufzeichnungen noch einmal an und beobachten dabei Ihre emotionalen Reaktionen darauf. Diese Übung soll Ihr Mitgefühl mit sich selbst schulen. Denn Mitgefühl mit sich selbst zu fühlen, ist eine große Ressource beim Wiederaufbau unserer Selbstliebe.
