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Grace kann den Tod ihrer besten Freundin Holly nicht verwinden und vergräbt sich tief in sich selbst. Bis eines Tages eine junge Frau vor ihrer Tür steht, durch die sie wieder an Lebensfreude gewinnt. Ist es Zufall, dass die junge Frau den gleichen Vornamen wie ihre verstorbene Freundin hat und ihr ansonsten auch sehr ähnlich scheint?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Holly
Bücher von Connie Herzog
Impressum
Grace Sanborn stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Im schwachen Licht der Straßenlaterne sah sie, wie sich die Bäume unter dem immer heftiger werdenden Sturm bogen. Dieses Jahr hielt der Herbst wirklich sehr früh Einzug. Ihr Blick verlor sich in den Schattenbildern, welche die Äste der Bäume auf die Straße warfen.
Grace ließ ihre Gedanken wandern und zuckte zusammen, als ihr Teekessel durchdringend pfiff und verlangte, vom Herd genommen zu werden. Sie goss das kochende Wasser in die Kanne und stellte es zusammen mit einer Tasse und ein bisschen Gebäck auf ein Tablett. Noch ein letzter Blick nach draußen, dann schloss sie die Rollläden und ging in ihr Wohnzimmer. Hier hatte sie die Rollläden schon längst geschlossen und doch hörte sie, wie der Sturm um das Haus pfiff.
Grace goss sich einen Tee ein und schaltete den Fernseher an. In eine Wolldecke eingekuschelt blieb sie an einer Kochshow hängen, und unwillkürlich fiel ihr Blick auf ein Bild, das neben dem Fernseher hing. Es zeigte sie und ihre Freundin Holly beim Gemüse schnibbeln. Graces Blick tauchte in die Augen ihrer Freundin, die ihr vom Foto aus entgegen lachten, und prompt stiegen Tränen in ihre Augen. Das Foto war bei Hollys letztem Besuch entstanden. Grace erinnerte sich daran, wie unendlich viel Spaß sie gehabt hatten - je stärker sie daran dachte, desto schwerer wurde ihr Herz.
Sie hatten Weihnachten zusammen gefeiert, und Holly hatte Appetit auf eine Hühnersuppe nach dem ganzen guten Essen zu den Feiertagen. Ein leises Lächeln stahl sich auf Graces Gesicht. Hühnersuppe! Hollys Heilmittel für alles. Egal ob Liebeskummer oder Stress im Job. Eine gute Hühnersuppe half einfach immer. Ein paar Tage nach Silvester musste Holly wieder nach Hause. Grace erinnerte sich noch an das Lied, das im Radio lief, als ihre Freundin ihr aus dem Auto noch einmal fröhlich zuwinkte.
Es war das letzte Mal, dass sie Holly sah. Ihre beste Freundin, ihre engste Vertraute, kam bei einem Autounfall ums Leben. Ein Geisterfahrer krachte auf der Autobahn mit ihr zusammen, als sie auf dem Weg zu Grace war, um mit ihr auch das Osterfest zu verbringen. Holly war auf der Stelle tot. Und mit ihr starb auch ein Teil von Grace. Das war jetzt fünf Jahre her, und doch sah Grace noch heute die ernsten Gesichter der beiden Beamten der Polizei, die ihr die Nachricht überbrachten. Holly trug in ihren Papieren einen Zettel mit der Adresse von Grace und der Bitte, sie im Falle eines Unfalls zu benachrichtigen.
Als es damals an der Tür klingelte, dachte sie, es wäre Holly. Aber es waren die Beamten, die ihr so schonend wie möglich die Nachricht beibrachten, dass Holly gestorben war. Grace schluckte hart. Tränen verschleierten ihren Blick und als sie das Bild ansah, glaubte sie fast, ihre Freundin zu hören, die ihr „nicht traurig sein“ zuflüsterte.
Grace wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und trank einen kleinen Schluck Tee. Immer wenn sich die Weihnachtszeit näherte, war es besonders schlimm. Nach Hollys Beerdigung hatte sie sich komplett von allen zurückgezogen. Niemand kam an sie heran. Grace schottete sich völlig ab und kehrte erst nach Monaten ein wenig ins Leben zurück. Sie hatte sich schon vor Jahren als Malerin einen Namen gemacht und war finanziell relativ unabhängig. Schon früher war sie am liebsten in ihrem Häuschen - nach Hollys Tod wurde es noch schlimmer. Sie verließ es praktisch nur noch, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ.
Die einzige, die noch regelmäßigen Kontakt zu ihr hatte, war ihre Galeristin.
Bei allen anderen machte Grace total dicht. Sie gab sich Mitschuld am Tod ihrer Freundin, weil es geschah, als Holly auf dem Weg zu ihr war. Die regelmäßigen Gespräche mit ihrer Galeristin Christin Thomas halfen ihr ein wenig, aber so ganz wollte das Schuldgefühl einfach nicht verblassen. Grace kuschelte sich in die Wolldecke und rollte sich wie ein Kätzchen auf dem Sofa zusammen. Mit geschlossenen Augen dachte sie an Holly, und wie so oft schossen tausende von kleinen Erinnerungen durch ihren Kopf. Die Erinnerungen begleiteten sie in ihre Träume und hüllten sie ein, wie eine warme, weiche Decke.
Aus der Kerze, die auf dem Tisch stand, stieg plötzlich feiner, fast weißer Rauch hervor und umwaberte Grace sacht.
