Wirbelsturm ins Happy End - Connie Herzog - E-Book

Wirbelsturm ins Happy End E-Book

Connie Herzog

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Beschreibung

Lea will einem Freund einen Gefallen tun und trifft sich mit Christian Madox in seinem abgelegenen Ferienhaus. Ein Unwetter macht ihre vorzeitige Abreise unmöglich und so ist sie gezwungen, eine Zeit lang mit dem Schauspieler auszukommen, der sich rasch als arroganter Mistkerl herausstellt. Währenddessen wird das Bistro ihrer Freundin Sandy von der Polizei observiert, die in dem Lokal einen Umschlagplatz für Drogen vermutet. So stolpern die beiden Freundinnen von einem Abenteuer ins nächste, wobei auch die Liebe nicht zu kurz kommt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Bücher von Connie Herzog

Impressum

1. Kapitel

Lea starrte angestrengt durch die Windschutzscheibe nach draußen. Es goss wie aus Kübeln und der Sturm machte es auch nicht gerade angenehmer. Die Scheibenwischer kamen kaum gegen die Wassermassen an und Lea kroch förmlich über die Landstraße. Sie hatte keine Ahnung, ob sie überhaupt noch richtig war. Vielleicht hatte sie die Abzweigung längst verpasst. Wieso hatte sie sich auch darauf eingelassen? Vermutlich weil Hajo so überzeugend sein konnte. Was hatte er gesagt? Das wäre ein Kinderspiel. Mit links würde sie das erledigen. Schließlich brauchte sie ihm nur die Fotos vorzulegen und absegnen zu lassen. Ein Kinderspiel? Jetzt fuhr sie auf einer stockfinsteren Landstraße entlang, die scheinbar ins Nichts führte, und sie hatte keine Ahnung, ob sie überhaupt je ankommen würde. Wirklich ein Kinderspiel! Lea atmete tief durch. Jammern half da auch nicht. Sie hatte es Hajo nun mal versprochen. Hajo brachte ein Wrestling Magazin heraus, und in der übernächsten Ausgabe sollte ein Bericht über einen Wrestling Film erscheinen. Hajo hatte es geschafft, nicht nur mit den Wrestlern, die mitspielten ein Interview zu bekommen, sondern auch mit einigen Schauspielern. Er hatte inzwischen so viel Material, dass er ein ganzes Sonderheft herausbringen wollte und versprach sich natürlich einiges davon. Lea war seit vielen Jahren mit ihm befreundet. Als er sie nun bat, ihm zu helfen, sagte sie sofort zu. Einer der Schauspieler war extrem pressescheu und wollte jedes Foto sehen, bevor es gedruckt werden durfte. Lea sollte ihm nun die Fotos vorlegen, damit er welche aussuchen konnte. Dieser Mensch befand sich im Moment in seinem Ferienhaus an der Nordsee. In der wirklich hintersten Ecke, irgendwo direkt am Meer im Niemandsland. So kam es Lea jedenfalls vor. Es führte nur eine Landstraße dorthin, von der dann irgendwo ein kleiner Weg abging, der dann direkt zu dem Haus führte. Zu dem einzigen Haus in der Gegend. Wie sollte es auch anders sein. Der Regen war inzwischen noch eine Spur stärker geworden und auch der Sturm hatte noch mal zugelegt. Lea klebte mit der Nase an der Windschutzscheibe und sah sich vor ihrem geistigen Auge schon in einem Graben liegen. Natürlich würde man sie erst nach Monaten finden, weil … Stopp! Positiv denken, nicht immer gleich das Schlimmste annehmen. War es nicht genau das, was sie selber immer wieder predigte? Kaum gedacht, sah sie im letzten Moment den Weg. Er musste es einfach sein. Lea setzte den Blinker, warum auch immer, schließlich war sie hier Mutterseelenallein, und bog vorsichtig ab. Augenblicklich wurde sie heftig durchgeschüttelt. Oh Gott, ihr armer Wagen. Hajo hätte ihr sagen sollen, dass sie dafür einen Geländewagen brauchte. Durch den anhaltenden Regen der letzten Tage war der Weg mehr Schlamm und Matsch, als alles andere. Gerade als sie schon dachte, sie wäre doch falsch, sah sie das Haus. Durch eines der Fenster drang ganz schwach ein Lichtschein nach draußen. Lea atmete auf. Sie hatte es geschafft. Wenn sie Glück hatte, konnte sie also heute noch zurück fahren.

Lea stoppte genau vor dem Haus, schnappte sich ihre Tasche und stieg aus. Der Sturm riss ihr die Tür aus der Hand und sie beeilte sich, zur Haustür zu kommen. Es war nicht sehr weit und doch war sie klatschnass, als sie die Tür erreichte. Lea klopfte und als nichts geschah, bollerte sie mit der Faust gegen die Tür. Das brachte die gewünschte Wirkung. Die Tür wurde aufgerissen und sie stand einem wutschnaubenden Mann gegenüber.

„Was zum Teufel soll das? Können Sie nicht normal anklopfen? Hat die Agentur Sie geschickt? Wird auch langsam Zeit. Am besten fangen Sie in der Küche an. Und machen Sie was zu essen. Nun kommen Sie endlich rein, bevor es uns wegweht.“

Lea fühlte sich am Arm gepackt und ins Haus gezogen.

„Da vorn ist die Küche.“

Mit dem Kopf deutete er auf eine Tür.

„Ich lege mich wieder hin, melden Sie sich, wenn das Essen fertig ist.“

Sprachs und war im selben Moment hinter einer Tür verschwunden.

Lea ließ er einfach stehen. Sie war völlig sprachlos. Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Was für ein arroganter, unhöflicher Mistkerl. Und von welcher Agentur sollte sie kommen? Lea schwankte zwischen Wut und Angst. Der Kerl sah echt ungemütlich aus und schließlich war sie hier ganz allein mit ihm. Die Wut überwog und entschlossen ging sie ihm nach. Sie klopfte an die Tür hinter der er verschwunden war und ging unmittelbar danach hinein. Christian Madox bedachte sie mit einem Blick, der sie eigentlich auf der Stelle hätte tot umfallen lassen müssen, aber Lea ließ sich nichts anmerken.

„Jetzt hören Sie mir mal zu …“

Weiter kam sie nicht.

„Nein, Sie hören mir zu. Wagen Sie es nicht noch mal, einfach in mein Schlafzimmer zu kommen. Scheren Sie sich in die Küche und machen Sie sich an die Arbeit, ich habe Hunger.“

Er war aufgestanden und schob sie mit einer einzigen Bewegung aus dem Zimmer. Die Tür flog ins Schloss und Lea zuckte zusammen. Sie war so überrascht und schockiert, dass sie nicht einmal reagierte. Na schön. Was jetzt?

Ihr wurde langsam kalt in den nassen Sachen und sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt machen sollte. Aber sie hatte das Bedürfnis nach einem heißen Tee und der Kerl hatte ihr ja quasi befohlen, in die Küche zu gehen. Wo war die noch gleich? Lea drehte sich um und steuerte den Raum an, auf den er gedeutet hatte. Als sie die Tür öffnete, traf sie fast der Schlag. Überall stand Geschirr herum. Teller, Besteck, Gläser und Becher stapelten sich im Spülbecken und auf dem Tisch. In der Kaffeemaschine war ein mittlerweile angetrockneter Rest Kaffee. Großer Gott, hier sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Lea ging hinein und öffnete einen Schrank, dann den nächsten und den übernächsten. Geschirr war nirgendwo zu finden. Was sie auch nicht weiter wunderte. Also gut, wenn sie einen Tee wollte, würde sie wohl Becher abwaschen müssen. Hoffentlich hatte der Kerl wenigstens Tee im Haus. Lea suchte weiter und fand Teebeutel und sogar Zucker. Wenigstens etwas. Der Wasserkocher funktionierte und wenig später saß Lea am Tisch und pustete in das heiße Getränk. Nachdem sie den Tee getrunken hatte, ging es ihr wieder ein wenig besser. Der Regen prasselte ans Fenster und der Sturm pfiff ums Haus. Lea begrub die Hoffnung, heute noch wieder fahren zu können. Aber sie wollte wenigstens noch mal versuchen klarzustellen, wer sie eigentlich war. Also wieder zurück in die Höhle des Löwen.

Vorsichtig klopfte sie an die Schlafzimmertür und als nichts passierte, ging sie langsam hinein. Christian lag im Bett und schlief. Die Nachttischlampe brannte und Lea fiel auf, dass er nicht sehr gut aussah. Seine Gesichtsfarbe war mehr grau als braun und dunkle Ringe unter den Augen zeigten, dass er zu wenig schlief. Lea brachte es nicht übers Herz, ihn zu wecken und schlich wieder aus dem Raum. Leise schloss sie die Tür hinter sich und ging zurück in die Küche. Der Sturm schien an Stärke noch mal zugelegt zu haben und sie gab den Gedanken an ihre baldige Heimfahrt endgültig auf. Hatte er nicht gesagt, er habe Hunger? Nun, den hatte sie auch. Aber bevor sie hier etwas kochen konnte, musste sie erst einmal aufräumen. Lea zog ihren wollweißen Rollkragenpullover aus und hängte ihn über die Heizung. Dann machte sie sich an die Arbeit. Nachdem sie das ganze Geschirr auf dem Küchentisch gestapelt hatte, entdeckte sie auf der freien Arbeitsplatte ein Radio und schaltete es ein. Sie bekam gerade noch mit, dass der Radiosprecher was von Sturmwarnung und Windstärke neun erzählte, bevor Musik erklang. Na wunderbar, das waren ja tolle Aussichten. Lea wühlte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. Vielleicht sollte sie schnell Sandy anrufen, damit ihre Freundin sich keine Sorgen machte, aber ein Blick aufs Display ließ sie resignieren. Kein Empfang! Wie hätte es auch anders sein sollen. Heute war wohl einfach nicht ihr Tag. Lea ließ Wasser ins Spülbecken und nachdem sie die erste Ladung Geschirr abgewaschen hatte, begann sie, den Kühlschrank zu inspizieren. Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch. Wider Erwarten war er gut gefüllt und auch die daneben stehende Kühltruhe war voll bis oben hin. Alles war fein säuberlich beschriftet und Lea wühlte eine Weile herum. Schließlich fand sie eine große Schüssel auf der „Hühnersuppe“ stand. Das war bei dem Wetter doch genau das Richtige. Außerdem war Hühnersuppe für ihre Freundin Sandy das Allheilmittel schlechthin. Warum sollte sie es also nicht mal versuchen. Vielleicht stimmte diesen Christian ja eine heiße Suppe etwas milder und sie konnte ihm endlich erklären, dass sie keineswegs von einer Agentur kam, um ihm den Haushalt zu führen.

Lea suchte nach einem Topf, der groß genug war und kippte den Inhalt hinein. Sie gab ein klein wenig Wasser dazu und ließ das Ganze auf kleiner Flamme auftauen. Währenddessen wusch sie weiter ab und trank zwischendurch noch einen Tee. In der Küche machte sich schon ein unwiderstehlicher Duft breit und Lea merkte erst jetzt, dass sie wirklich großen Hunger hatte. Schnell trocknete sie zwei Teller ab und setzte Kaffee auf. Sicher wollte der Hausherr nach dem Essen einen Kaffee trinken. Lea schmunzelte vor sich hin. Christian Madox war einer von Sandys Lieblingsschauspielern. Was sie wohl sagen würde, wenn sie ihr das erzählen würde.

„Ist das Essen endlich fertig?“

Lea bekam fast einen Herzschlag vor Schreck. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie ihn nicht hatte kommen hören. Sie schnellte herum und stand einem trotz des Schlafes nicht besser gelaunten Christian Madox gegenüber.

„Wird auch langsam Zeit“,

motzte er.

„Brauchen Sie immer so lange, um eine Suppe heiß zu machen?“

Lea verschlug es die Sprache. So viel Unverschämtheit war ihr noch nie untergekommen. Sie vergaß ihren Hunger, die Sturmwarnung und den Regen. Sie wollte nur noch weg.

„Jetzt hören Sie mir mal zu, Sie arroganter Mistkerl. Ich bin nicht von einer Agentur geschickt worden, um Ihren Saustall aufzuräumen. Herr Gerke schickt mich. Ich sollte Ihnen nur die Fotos vorlegen, damit er weiß, welche Ihnen genehm sind.“

Mit vor Wut zitternden Händen holte sie aus ihrer Mappe die Fotos und das Interview und knallte es vor ihm auf den Tisch.

„Hier, lesen Sie sich das durch und schauen Sie sich die Fotos an. Am besten streichen Sie die durch, die Sie nicht wollen und schicken alles an ihn zurück. Es muss in spätestens vier Tagen bei ihm sein.“

Lea riss ihren Pullover von der Heizung, griff nach ihrer Tasche und drängelte sich an ihm vorbei. Der heftige Sturm riss ihr die Haustür aus der Hand. Sie knallte an die Hauswand und da stand Christian auch schon neben ihr und zog sie wieder ins Haus. Er brauchte seine ganze Kraft, um die Haustür wieder zu schließen und als er es geschafft hatte war er kalkweiß im Gesicht. Schwer atmend lehnte er sich gegen die Tür.

„Sind Sie übergeschnappt? Sie kommen hier nicht weg.“

„Das wollen wir doch mal sehen. Ich bleibe ganz sicher nicht hier.“

Lea war wild entschlossen, aber Christian packte sie an den Oberarmen und schüttelte sie sachte.

„Sie sehen doch, was da draußen los ist. Sie würden nicht weit kommen. Also haben Sie keine andere Wahl, als abzuwarten, bis der Sturm vorbei ist. Was hoffentlich bald der Fall sein wird. Ich reiße Ihnen schon nicht den Kopf ab.“

Lea holte tief Luft. Sicher hatte er recht. Sie hatte keine Wahl, als abzuwarten, bis sich der Sturm ein klein wenig gelegt hatte.

„Ich schlage vor, wir essen jetzt und danach zeige ich Ihnen, wo Sie heute Nacht schlafen können.“

Das klang schon nicht mehr ganz so genervt und Lea nickte zögernd.

„Meinetwegen.“

So ganz überzeugt war sie noch immer nicht, aber sie folgte Christian in die Küche. Er hatte inzwischen zwei Teller mit der Suppe gefüllt und auf den Tisch gestellt. Dass die Küche wieder blitzte, fiel ihm offenbar nicht auf und Lea war zu geschockt über die Tatsache, die Nacht hier verbringen zu müssen, dass sie auch nichts sagte. So verlief die Mahlzeit in völligem Schweigen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und Lea war froh, als er aufstand.

„Ich zeige Ihnen, wo Sie schlafen können.“

Da war er wieder, der unverschämte Kerl. Lea folgte ihm und er führte sie in einen kleinen Raum, der überraschend gemütlich aussah. Gestrichen in einem leichten Beige, mit einem kleinen Schrank und einer Kommode, Bett und einem kleinen, runden Tisch. Die Möbel waren alle aus Kiefer und der kleine Sessel, der neben dem Tisch stand, war in einem dunklen Rot, passend zur Bettwäsche.

„Falls Sie andere Sachen brauchen, bedienen Sie sich ruhig aus dem Schrank. Die Klamotten gehören meiner jüngeren Schwester und Sie hat sicher nichts dagegen. Gute Nacht.“

Er machte auf dem Absatz kehrt und war im selben Moment in seinem Schlafzimmer verschwunden. Lea holte erst mal tief Luft. Zögernd öffnete sie den Kleiderschrank und schaute hinein. Ihr Pullover war immer noch nicht ganz trocken. Lea sah sich die Sachen genauer an und fand einen Pullover und einen Sportanzug, der ihr passen könnte. Sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und hatte keine Lust, danach wieder in ihre klammen Sachen zu steigen. Leise, um den Hausherrn nicht wieder auf den Plan zu rufen, öffnete sie die einzigen beiden Türen der Hütte, in denen sie noch nicht gewesen war. Hinter der einen fand sie das Wohnzimmer. Auch dieser Raum war gemütlich eingerichtet. Die Wände in Terrakotta gestrichen, die Polstergarnitur in genau dem Ton, abgerundet mit weinroten Kissen und einer Decke. An den Wänden hingen Bilder. Und der Kamin lud dazu ein, es sich davor gemütlich zu machen. Lea schaute sich um und ging wieder. Sie öffnete die nächste Tür und richtig, da war das Badezimmer. Wie auch die anderen Zimmer hatte die Tür keinen Schlüssel und sie konnte nur hoffen, dass der Hausherr jetzt hier nicht rein wollte. Sie musste sich also beeilen. Blitzschnell stieg sie unter die Dusche und ließ das heiße Wasser auf sich niederprasseln. Was für ein verrückter Tag. Da fiel ihr ein, dass sie sich noch immer nicht bei Sandy gemeldet hatte. Sie hatte aber auch nirgends im Haus ein Telefon gesehen und ihr Handy funktionierte bestimmt noch nicht. Na gut, das konnte sie nicht ändern. Sie versuchte, ihrer Freundin gute Gedanken zu schicken, in der Hoffnung, dass die bei Sandy ankommen würden. Das hatte in so manchen Lebenslagen schon geklappt, warum also heute nicht auch. Lea stellte das Wasser ab, griff nach einem Handtuch und wickelte sich hinein. Wie gut, dass sie immer Ersatzunterwäsche dabei hatte. Nachdem sie ihre schulterlangen, fast schwarzen Haare gekämmt hatte, schlüpfte sie in den Sportanzug und die dicken Socken, die sie in der Kommode gefunden hatte.

Jetzt fühlte sie sich schon viel besser. Außerdem wartete in der Küche ja noch ein heißer Kaffee auf sie. Lea fand sich mit der Situation ab und ging wieder in die Küche. Die Unterlagen, die sie ihm auf den Tisch geknallt hatte, lagen noch unberührt da und sie packte sie wieder in ihre Mappe. Müde war sie nicht. Also beseitigte sie die Spuren des Abendessens und trank dann ganz in Ruhe noch eine Tasse Kaffee. Draußen stürmte es noch immer heftig und der Regen prasselte unverändert an die Scheiben. Lea schaltete die Kaffeemaschine aus und ging in „ihr Zimmer“. Sie würde noch ein wenig lesen und dann schlafen. Was sollte sie auch anderes machen. Hoffentlich war das Wetter morgen wieder besser. Nur mit einem T-Shirt bekleidet, legte sie sich hin und begann, zu lesen. Schon bald nahm die Geschichte sie völlig gefangen und als sie einschlief, träumte sie von Vampiren, Formwandlern und Christian, der immer wieder die Gestalt eines Wolfes annahm.

„Nein verdammt, sie hat sich noch nicht gemeldet. Ja, kleinen Moment, kommt sofort. Wie wäre es denn, wenn du den Typen mal anrufst?“,

blaffte Sandy Hajo durchs Telefon an.

„Wieso kannst du das nicht machen?“

Sandy hörte kurz zu und rollte dann die Augen gen Himmel, was Hajo natürlich nicht sehen konnte.

„Du willst ihm nicht auf die Nerven gehen? Na dann gib mir einfach seine Telefonnummer. Ich habe kein Problem damit“,

fauchte sie durch den Hörer.

„Sandra, nun beruhige dich doch. Ihr ist sicher nichts passiert. Über die Nordsee fegt gerade ein Sturmtief hinweg. Sicher hat ihr Handy nur deshalb keinen Empfang. Du wirst sehen, morgen meldet sie sich sicher.“

Wenn Sandy etwas noch mehr hasste, als diesen Schullehrer-Ton, dann mit ihrem vollen Namen angeredet zu werden.

„Deine Ruhe möchte ich haben.“

„Das wünschte ich mir im Moment auch“,

seufzte Hajo voller Inbrunst.

„Ich bin gleich bei ihnen“,

versprach Sandy.

„Bei mir?“

„Nein, natürlich nicht. Leider kann ich hier nicht weg, weil meine Aushilfe mich hängen gelassen hat. Sonst wäre ich garantiert schon auf dem Weg, um nach Lea zu suchen.“

„Sandy, Lea ist ganz gut in der Lage auf sich selbst aufzupassen. Jetzt mach dir bitte keine Sorgen. Ich bin sicher, das hat alles eine ganz harmlose Erklärung.“

Diesmal klang Hajo sanft und beruhigend. Sandy beeindruckte das wenig.

„Wenn ihr irgendwas passiert ist, bringe ich dich um“,

drohte sie und legte auf.

In dem gemütlichen, kleinen Bistro war die Hölle los und sie konnte einfach nicht weiter telefonieren. Zumal ihr zweimal fast das Telefon ins Spülbecken gefallen wäre. Seufzend schaute sie auf die Uhr. Gleich 23.00 Uhr. Sandy schaute sich um. Es waren ziemlich viele Stammgäste da. Was war denn heute mit denen los? Mussten die denn alle morgen nicht arbeiten? Sandy hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, warum ihre Gäste alle zu Nachteulen mutiert waren, oder warum Lea sich nicht meldete. Sie hatte allein wirklich alle Hände voll zu tun und war froh, als sich gegen halb ein Uhr der Laden langsam leerte. Sie begann mit den üblichen Aufräumungsarbeiten und eine Stunde später ging sie müde und immer noch ziemlich besorgt die Treppen hinauf zu ihrer kleinen Wohnung, die genau über dem Bistro lag.

„Da passiert heute nichts mehr. Der Laden hat jetzt seit über einer Stunde geschlossen. Lass uns Schluss machen für heute.“

Ben gähnte herzhaft und sein Kollege Philip nickte.

„Einverstanden, mein Bett ruft schon seit gut einer Stunde nach mir.“

„Dein Bett oder die kühle Blonde, die drin liegt?“,

scherzte Ben.

Philip runzelte die Stirn.

„Welche kühle Blonde?“,

wollte er wissen.

„Na die mit der du auf dem Geburtstag von Holger warst.“

„Ich war nicht mit ihr auf der Feier, wir haben uns da getroffen. Zufällig. Und das war es dann auch. Die kann mit einem Bullen nichts anfangen. Oder besser gesagt, mit meinem Gehalt nicht. Die will jemanden mit ein paar Scheinchen mehr im Monat.“

Philip startete den Motor und fuhr los. Nicht ahnend, dass Sandy den Wagen vom Fenster aus beobachtete. Wie auch schon die beiden Abende zuvor. Langsam bekam sie Angst. Was wollten die beiden Typen von ihr? Jeden Abend standen sie stundenlang vor dem Bistro und fuhren erst weg, wenn sie geschlossen hatte. Sie beschloss, die Polizei anzurufen, wenn sie morgen Abend wieder auftauchen sollten.

Nach einer Katzenwäsche ging sie ins Bett. Nicht ohne sowohl Festnetz als auch Handy mit ans Bett zu nehmen. Sie hatte noch ein paar Mal versucht, Lea anzurufen, bekam aber immer nur die Auskunft, dass der Teilnehmer zurzeit nicht zu erreichen sei. So langsam begann sie, die Stimme, die ihr das immer wieder mitteilte, zu hassen. Gleich morgen früh würde sie es wieder versuchen. Und wenn sie Lea dann wieder nicht erreichen konnte, würde sie sie suchen fahren. Diesen Entschluss kaum gefasst, schlief sie auch schon.

2. Kapitel

Lea wachte am nächsten Morgen wie gerädert auf. Dieses Kopfkissen war bestenfalls dazu geeignet, jemanden damit zu ersticken, nicht aber um darauf zu schlafen. Sie nahm sich vor, das im Auge zu behalten, falls ihr Gastgeber sein Benehmen nicht ändern würde. Seufzend schwang sie sich aus dem Bett und schlich in Richtung Bad. Vor Christians Schlafzimmer blieb sie horchend stehen. Kein Laut drang nach draußen und vorsichtig lugte sie hinein. Gott sei Dank, er schlief noch. Also schnell ins Bad und unter die Dusche. Sie war gerade fertig und hatte sich in ein Handtuch gewickelt, da stürmte Christian ins Bad. Nur mit Boxershorts bekleidet, stand er urplötzlich vor ihr und Lea traf fast der Schlag. Ihr Blick wurde fast magisch von einem riesigen Bluterguss auf der rechten Seite in Rippennähe angezogen. Er schillerte in wunderschönen blau/lila Tönen. Das musste höllisch wehtun. Und das war nicht der einzige Bluterguss, der seinen Körper zierte. Großer Gott, was war denn mit ihm passiert?

„Was ist?“,

blaffte Christian sie an.

„Noch nie einen Mann in Boxershorts gesehen?“

Dabei musterte er sie von oben bis unten und sein Blick sagte deutlich, dass er sich das gut vorstellen konnte.

„Wie? Doch, schon aber …“,

stotterte Lea und heftete ihren Blick auf sein Gesicht.

Die Haare waren vom Schlaf verwuschelt, der Drei-Tage-Bart gab ihm ein leicht verwegenes Aussehen und seine Augen sprühten Funken vor Wut. Das brachte sie in die Wirklichkeit zurück.

„Dann glotzen Sie mich gefälligst nicht so an.“

„Tut mir leid. Darf ich fragen …“

Weiter kam sie nicht.

„Nein, dürfen Sie nicht“,

unterbrach er sie barsch.

„Und jetzt verschwinden Sie gefälligst aus meinem Badezimmer!“

Lea fühlte sich am Arm gepackt und aus dem Bad befördert. Sprachlos blieb Lea vor der Tür stehen. Sie hörte ihn leise Stöhnen und gleich im Anschluss fluchen. Dann stellte er das Wasser an und sie hörte nichts mehr. Lea begann zu frieren und ging schnell wieder in das Zimmer zurück, um sich anzuziehen. Dann begab sie sich in die Küche und kochte Kaffee. Danach verrührte sie ein paar Eier und briet Rührei. Sie hatte Lust auf ein kräftiges Frühstück und Christian sah auch aus, als könne er eines vertragen. Überhaupt war er schon ziemlich lange im Bad. Ob sie mal - nein bloß nicht. Sicher würde er sie achtkantig rauswerfen. Andererseits sahen seine Verletzungen wirklich schlimm aus. Lea war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch ihm zu helfen, oder ihn genauso zu behandeln wie er sie. Ihr gutes Herz siegte. Vorsichtig klopfte sie an die Tür.

„Christian, ist alles in Ordnung?“

„Verschwinden Sie!“,

brüllte er sie durch die Tür an.

Das hörte sich nicht sehr ermutigend an, aber allein der Klang seiner Stimme ließ Lea nicht nachgeben.

„Kann ich Ihnen helfen? Sie sind schon ziemlich lange da drin.“

„Na und? Ist doch meine Sache, wo ich mich aufhalte, oder? Vielleicht ist das Badezimmer ja mein Lieblingszimmer“,

kam es wütend aus dem Bad.

„Nun stellen Sie sich doch nicht so an. Ich komme jetzt rein“,

drohte sie und öffnete im selben Atemzug die Tür.

„Nein verdammt!“

Christian schoss in die Höhe und begann zu schwanken. Sein Kreislauf machte schlapp. Lea sprang hinzu und legte den Arm um seine Hüfte. Sacht half sie ihm, sich auf den kleinen Hocker zu setzen.

„Hauen Sie ab, ich schaffe das schon allein“,

presste er mit zusammengebissenen Zähnen heraus.

„Ich werde ganz sicher nicht gehen“,

gab Lea zurück.

Sacht massierte sie seinen Nacken, bis sich sein Atem wieder beruhigt hatte.

„Geht’s wieder?“

Christian nickte.

„Ja, danke.“

Man merkte ihm deutlich an, wie unangenehm ihm das alles war. Er, der Coole, Überlegene, als super arrogant verschriene Schauspieler, saß halbnackt einer wildfremden Frau gegenüber und zeigte Schwäche. Er hasste es, Schwäche zu zeigen. Das machte ihn angreifbar und verletzlich. Er war aber schon viel zu oft verletzt worden. Gerade von irgendwelchen Weibern, die sich nur mit ihm schmücken wollten und ihn fallen ließen, als sie bemerkten, dass er keine Lust hatte von Party zu Party zu hetzen. Obwohl er tief in seinem Inneren spürte, dass Lea anders war, verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck wieder. Lea, die ihn nicht aus den Augen gelassen hatte, bemerkte es sofort. Sie seufzte unhörbar auf. Nun waren sie also wieder am Anfang.

„Verschwinden Sie endlich“,

blaffte er sie da auch schon an und Lea stand auf.

„Schon gut, bin schon weg. Aber wenn Sie doch Hilfe brauchen …“

„Ganz sicher nicht. Damit Sie es dann in Ihrem Artikel verwenden können“,

meinte Christian verächtlich, und Lea konnte nur den Kopf schütteln über so viel Dickköpfigkeit.

Sie konnte fast spüren, dass es ihm sauschlecht ging. Sie ging zurück in die Küche und machte die inzwischen kalten Rühreier wieder warm. Dazu richtete sie ein paar Scheiben Weißbrot mit Butter und stellte alles zusammen mit einem Becher Kaffee auf ein Tablett. Christian war wieder ins Schlafzimmer gegangen und vorsichtig klopfte sie an. Ohne auf sein „Verschwinden Sie“ zu achten, ging sie hinein und stellte das Tablett auf dem Nachtschrank ab.

„Sie müssen etwas essen.“

Und noch bevor er wieder etwas entgegnen konnte, war sie auch schon wieder weg. Christian sah ihr nach. Damit hatte er nicht gerechnet. Plötzlich bemerkte er, dass er tatsächlich Hunger hatte und aß mit großem Appetit. Sein Kopf schmerzte höllisch genau wie seine Rippen und mit dem letzten Schluck Kaffee spülte er zwei Schmerztabletten hinunter, die ihm sein Arzt verschrieben hatte. Kurz danach fielen ihm die Augen wieder zu und so bekam er auch nicht mit, dass Lea zurück kam und das Tablett wieder holte. Sie betrachtete ihn einen Augenblick lang. Er sah unglaublich müde und erschöpft aus. Ob er sich die Verletzungen bei den Dreharbeiten geholt hatte? Na ja, vielleicht war er ja ein wenig zugänglicher, wenn er geschlafen hatte. Obwohl sie eigentlich nicht daran glaubte. Lea schaute sich unschlüssig um. Draußen stürmte es noch immer und sie hatte keine Ahnung, was sie machen sollte. Das Frühstücksgeschirr war schnell wieder gesäubert und verstaut. Hatte sie sich nicht vor kurzem noch gewünscht, mal so richtig Urlaub zu machen? Jetzt hatte sie sozusagen Zwangsurlaub. Nur was tat man in einem Urlaub, wenn man das Haus nicht verlassen konnte, ohne Gefahr zu laufen, weggeweht zu werden? Von gestern war noch sehr viel Hühnersuppe übrig, also brauchte sie sich auch nicht ums Mittagessen zu kümmern. Sie schaute leise noch mal bei Christian rein. Er schlief noch immer. Sehr unruhig zwar, aber er schlief. Sollte er. Schlaf war ja bekanntlich die beste Medizin.

Lea versuchte noch mal, Sandy zu erreichen, aber wieder ohne Erfolg. Ihre Freundin würde sich sicher schon Sorgen machen. Sandy machte sich immer Sorgen. Nachdem sie eine Weile unschlüssig in der Küche gesessen hatte, nahm Lea ihren Kaffeebecher und wechselte ins Wohnzimmer. Sollte Christian ruhig meckern. Sie hatte keine Lust, die ganze Zeit auf einem Küchenstuhl zu sitzen. Sie kuschelte sich in den Sessel und schaltete den Fernseher ein. Eine ihrer Lieblingsserien lief vormittags und die wollte sie sich anschauen. Lea drehte den Ton leise, um Christian nicht zu wecken und tauchte in die Serie ab. Der Sender brachte heute zwei Folgen und als sie zu Ende waren, stand sie auf und streckte sich. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen und vom Wohnzimmerfenster aus konnte Lea den Deich sehen. Sie wünschte sich, sie hätte Regenkleidung dabei. Dann hätte sie wenigstens mal raus gehen können. Eigentlich war die Gegend wunderschön. Keine Menschenseele weit und breit. Abgeschiedenheit und Ruhe. War es nicht das, was sie sich immer gewünscht hatte? Lea stellte sich vor, wie es wohl wäre, hier zu leben und fand Gefallen daran, der Stadt den Rücken zu kehren und sich auch so ein kleines Haus zu suchen. Mit geschlossenen Augen bastelte sie sich das Haus und die Einrichtung zusammen. Sie war gerade dabei, sich zu überlegen, welche Haustiere sie sich zuerst anschaffen wollte, als lautes Poltern gefolgt von einem lauten Stöhnen sie hochschrecken ließ.

Lea sprang auf und eilte in die Küche. Dort fand sie Christian, der sich mit einer Hand an der Spüle festhielt. Die andere Hand presste er an den Bluterguss. Er war schweißgebadet und kreidebleich.

„Christian? Was ist passiert?“,

fragte sie alarmiert.

„Hauen Sie ab“,

unterbrach Christian sie sofort.

„Ich will Ihnen doch nur helfen“,

versuchte Lea, ihn zu beschwichtigen.

Aber Christian wollte sich nicht beschwichtigen lassen.

„Verdammt noch mal verschwinden Sie gefälligst“,

brüllte Christian so unvermittelt los, dass Lea zusammenzuckte.

„Ich will Ihnen doch nur helfen. Warum kapieren Sie das nicht endlich?“,

brüllte Lea zurück.

„Ich will Ihre Hilfe nicht und ich brauche Ihre Hilfe auch nicht“,

presste Christian hervor.

Der höllische Schmerz seiner Rippenprellung nahm ihm fast den Atem und vor seinen Augen tanzten bunte Sterne. Sein Kopf schien zu platzen und er merkte, dass seine Knie weich wurden. Verdammt noch mal, nicht jetzt. Nicht vor ihr! Christian biss die Zähne zusammen und versuchte, einen Schritt zu gehen. Sofort wurde ihm schwindlig und er suchte nach einem Halt, aber da war Lea schon neben ihm und legte den Arm um seine Hüfte. „Schön langsam“,

mahnte Lea.

Sie half ihm, sich auf einen Stuhl zu setzten und schenkte ihm ein Glas Leitungswasser ein. Christian trank einen kleinen Schluck und Lea nahm es ihm wieder ab und stellte es auf den Tisch.

„Warum wollen Sie sich nicht von mir helfen lassen?“

„Ich sagte doch schon, ich brauche Ihre Hilfe nicht. Ich komme gut allein zurecht.“

Christian kniff die Lippen zusammen und stand langsam auf. Lea ging einen Schritt zur Seite, bereit jederzeit einzugreifen, aber diesmal schaffte er es, zurück in sein Schlafzimmer zu gehen. Die Tür flog mit lautem Knall ins Schloss und Lea schüttelte den Kopf über so viel Unvernunft. Das hatte ihm sicherlich mehr wehgetan als ihr.

Wieder im Bett zog Christian fröstelnd die Decke über sich. Leider hatte er vergessen, sich eine Flasche Wasser mit ans Bett zu nehmen und so würgte er die nächsten zwei Tabletten trocken herunter und schloss erschöpft die Augen. Er bemerkte nicht, dass die Tür geöffnet wurde und riss erschrocken die Augen auf, als er etwas Nasses, Kaltes auf seiner Stirn fühlte. Lea war ihm gefolgt und legte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn. Christian machte den Mund auf, aber Lea ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

„Wenn Sie jetzt auch nur einen Ton sagen, ersticke ich Sie mit dem Kopfkissen“,

drohte sie leise.

Christian schloss die Augen wieder. Die Kälte nahm den Schmerz ein wenig und die Tabletten taten ein Übriges. Es dauerte nicht lange, da schlief er wieder und Lea schlich aus dem Raum. Was hatte er wohl alles erlebt, dass er so reagierte. Sicher nichts Angenehmes. So abweisend und schroff wurde man nur, wenn man dachte, sich schützen zu müssen. Sie ging wieder ins Wohnzimmer zurück und schaute sich die Bilder genauer an. Es war immer nur eine Frau auf den Fotos zu sehen und das schien seine Schwester zu sein. Jedenfalls sahen die beiden sich ziemlich ähnlich. Lea setzte sich wieder vor den Fernseher. Ihr Handy hatte sie in Reichweite für den Fall, dass Sandy anrief und sie tatsächlich Empfang hatte. Christian verschlief den Rest des Tages komplett. Sie schaute noch ein paar Mal zu ihm herein und erneuerte das kühle Tuch auf seiner Stirn. Sie hatte ein paar Geschirrhandtücher gefunden und in den Kühlschrank gelegt. Es schien zu helfen, denn diesmal schlief er wesentlich ruhiger, als noch am Tag zuvor. Lea hatte sich mittags die Suppe heiß gemacht und abends aß sie noch einen Joghurt. Sie war es nicht gewohnt, den ganzen Tag mehr oder weniger untätig herumzusitzen und hatte nicht viel Hunger. Da sie aber auch nichts machen konnte, außer abzuwarten bis sich das Wetter besserte, machte sie es sich wieder vor dem Fernseher gemütlich und schlief irgendwann auf der Couch ein.

Früh am nächsten Morgen wurde sie wieder wach. Es regnete nicht mehr und sogar der Sturm hatte nachgelassen. Na endlich. Lea atmete auf. Das war ja wenigstens etwas. Sie ging in die Küche und kochte Kaffee. Es war noch nicht einmal sieben Uhr Morgens und vorsichtig öffnete sie das Fenster, um ein wenig frische Luft hereinzulassen. Anschließend klopfte sie vorsichtig an Christians Schlafzimmertür, und als kein „Hauen sie ab“ ertönte, lugte sie hinein. Er schlief noch und Lea rannte fast ins Bad, um schnell zu duschen, bevor er aufwachte. Diesmal schaffte sie es und als sie frisch geduscht und angezogen in der Küche saß, erschien plötzlich Christian in der Tür. Er sah nicht mehr ganz so schlimm aus und Lea hatte schon ein Lächeln auf den Lippen, da sagte er:

„Sie sind ja immer noch da.“

Ihr Lächeln gefror zu Eis.

„Ja, leider. Ich wünschte auch, ich wäre woanders. Das können Sie mir glauben. Es ist nicht unbedingt ein Vergnügen, hier mit Ihnen eingesperrt zu sein“,

versicherte sie ihm.

„Und was wollen Sie dann noch hier? Das Unwetter hat nachgelassen. Ihrer Abreise steht also nichts mehr im Wege.“

„Ich fahre erst, wenn Sie sich die Fotos angesehen haben“,

erklärte Lea und wandte sich wieder ihrem Kaffee zu.

Christian ging zum Schrank und holte sich einen Becher heraus. Lea beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Er wirkte immer noch erschöpft, aber sein Gang war wesentlich sicherer als gestern. Er setzte sich hin und schaute sich in der Küche um. Er schien erst jetzt zu bemerken, dass alles aufgeräumt und sauber war.

„Waren Sie das? Haben Sie hier aufgeräumt?“

„Nein, das waren Heinzelmännchen“,

brummte Lea.

„Natürlich war ich das. Oder glauben Sie, dass ich in einem solchen Saustall etwas zu essen gemacht hätte.“

Ihre gute Laune war wie weggeblasen. Dieser aufgeblasene Affe. Was glaubte er eigentlich, wer er war?

„Danke, aber das hätten Sie nicht machen müssen. Ich bin ganz sicher, dass mir die Agentur jemanden schickt, wenn der Sturm sich gelegt hat. Meine letzte Haushälterin hat das Handtuch geworfen …“

„… das wundert mich nicht“,

warf Lea ein und zu ihrem Erstaunen lächelte Christian.

„Mich auch nicht“,

gab er zu.

Gleich darauf verzog er schmerzhaft sein Gesicht. Lea widerstand der Versuchung, ihm über die tiefen Falten auf seiner Stirn zu streichen.

„Sie sollten sich wieder hinlegen. Ich mache Ihnen was zu essen. Da Sie ja gestern fast den ganzen Tag geschlafen haben, haben Sie sicher Hunger …“,

schlug sie vor.

„Das ist nicht nötig“,

fing Christian an und Lea rollte mit den Augen.

„Meine Güte, nun seien Sie doch nicht so empfindlich. Sie haben Schmerzen, sehen aus wie ausgekotzt und ich bin nun mal hier und das scheint sich auch noch nicht zu ändern. Es regnet zwar nicht mehr, aber es stürmt immer noch. Und laut Wetterbericht hält sich das Wetter auch noch ein paar Tage. Also machen Sie nicht jedes Mal so ein Geschrei, wenn ich Ihnen helfen will. Glauben Sie mir, sobald es möglich ist, bin ich schneller verschwunden, als Sie bis drei zählen können.“

Lea hatte sich in Rage geredet und Christian schwieg überrascht. So eine Frau wie sie hatte er noch nie getroffen.

„Das …“

Er musste sich räuspern.

„Das ist wirklich nett, aber …“

„Ich gebe es auf“,

stöhnte Lea genervt.

„Ich mache jetzt Frühstück. Wenn Sie was mitessen wollen, gut. Wenn nicht, auch gut.“

Ohne ein weiteres Wort machte sie sich an die Arbeit und bald schon schlich der Geruch von Rühreiern mit Speck durch die Küche. Christian bemerkte, dass er wirklich großen Hunger hatte und wie zur Bestätigung begann sein Magen zu knurren. Er legte hastig seine Hand auf seinen Bauch, als hoffe er das Knurren damit stoppen zu können, aber das funktionierte natürlich nicht. Lea konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Ihr Magen ist jedenfalls fürs Essen“,

stellte sie fest und zu ihrem Erstaunen lächelte auch Christian.

„Sieht ganz so aus. Ich gehe nur noch mal schnell vorher ins Bad.“

Langsam stand er auf und doch wurden die Schmerzen in seinem Kopf wieder schlimmer. Diese verdammte Gehirnerschütterung! Das war noch schlimmer, als die Rippenprellung. Christian schlurfte ins Badezimmer. Vorsichtig stieg er unter die Dusche. Das heiße Wasser tat ihm gut und als er wieder in der Küche erschien, sah er im Vergleich zum gestrigen Tag richtig gut aus. Er war zwar immer noch sehr blass, aber die Augenringe waren verschwunden und als Lea ihm einen Teller mit Rühreiern und Speck hinstellte und noch mal Kaffee nachschenkte, bedankte er sich mit einem kleinen Lächeln. Erstaunt stellte Lea fest, wie sich sein Gesicht dadurch veränderte. Er wirkte plötzlich viel weicher. Natürlich hütete sie sich, sich das anmerken zu lassen. Er schien ständig Angst zu haben, dass ihm jemand zu nahe kommen könnte und Lea hätte zu gerne gewusst, was ihn so hart gemacht hatte. Er musste eine ganze Menge schlechter Erfahrungen gemacht haben. Nur hatten sie das nicht alle in einem gewissen Maße? Lea konnte ihn sogar verstehen. Sie war auch sehr vorsichtig, wenn sie jemanden kennen lernte. Und für ihn musste es doppelt schwer sein. Schließlich verfolgte die Presse jeden Schritt, den er in der Öffentlichkeit machte. Allerdings war das noch lange kein Grund, sie für das Unheil verantwortlich zu machen und schließlich hatte sie ihm nur helfen wollen. Lea war hin und hergerissen zwischen mitfühlendem Verständnis und Wut. Christian bekam davon nichts mit. Er aß seinen Teller ratzfatz leer und lehnte sich dann zurück.

„Das hat wirklich gut getan“,

sagte er und riss Lea aus ihren Gedanken.

Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Freut mich. Hat der Herr vielleicht irgendeinen Wunsch, was es zum Abendessen geben soll? Denn heute Mittag steht noch mal Hühnersuppe auf dem Programm.“

„Ich werde mich ums Abendessen kümmern.“

Unmerklich schüttelte Lea den Kopf.

„Nun rasten Sie nicht gleich wieder aus, aber ich denke das sollten Sie lassen. Sie sehen zwar nicht mehr so schlecht aus wie gestern, aber ich sehe auch ganz deutlich, dass es Ihnen noch nicht richtig gut geht. Also warum können Sie meine Hilfe nicht einfach annehmen? Ich kann doch eh nicht weg. Legen Sie sich wieder hin und ruhen Sie sich aus“,

meinte sie leise.

Christian senkte den Blick. Er konnte dem Blick aus ihren meergrünen Augen nicht standhalten. Sie hatte ja recht. Seine Kopfschmerzen wurden von Minute zu Minute stärker und er sehnte sich danach, sich wieder hinzulegen.

„Okay, einverstanden“,

sagte er nach einer ganzen Weile leise.

„Wunderbar. Mit so viel Einsicht hatte ich gar nicht gerechnet. Also noch mal, irgendeinen Wunsch?“

„Nein, kochen Sie was sie möchten bzw. in der Kühltruhe finden. Ich werde mich wirklich wieder hinlegen.“

Er stand auf und schwankte leicht. Sofort stand Lea auch auf, aber eine Handbewegung von ihm, brachte sie dazu, sich nicht vom Fleck zu bewegen.

„Ich schaffe das schon“,

brummte er.

Da war er wieder. Der unnahbare, arrogante Christian Madox. Lea ließ ihn gewähren. Sie hatte einfach keine Lust, ständig mit ihm aneinander zu geraten. Es sah auch nicht so aus, als würde er wirklich Hilfe gebrauchen. Wenn, dann würde er sie nicht davon abhalten, ihm zu helfen. Soviel stand schon mal fest.

3. Kapitel

Sandy wurde am nächsten Morgen vom Telefon geweckt.

„Na endlich.“

Leider war es nicht Lea, sondern Hajo, der ihr mitteilen wollte, dass der Sturm an der Nordsee noch immer anhielt und so ziemlich alle Handynetze keinen Empfang hatten. Es waren auch etliche Telefonverbindungen unterbrochen. Sie sollte sich also keine Sorgen machen.

„Du hast wirklich Humor. Natürlich mache ich mir Sorgen. So gut solltest du mich doch kennen. Ich habe wirklich Angst, dass ihr was passiert ist. Und wenn ich sie innerhalb der nächsten 24 Stunden nicht erreiche, fahre ich los“,

versprach sie ihm und legte auf.

Das bereute sie am meisten an den Mobiltelefonen. Bei den anderen hatte man immer so schön den Hörer auf die Gabel knallen können. Das wirkte bei den Dingern einfach nicht so richtig. Außerdem waren sie nie da, wo man sie vermutete. Sandy quälte sich aus dem Bett, stellte die Kaffeemaschine an und ging ins Bad. Sie war ein absoluter Morgenmuffel und vor ihrem ersten Becher Kaffee nicht zu genießen. Außerdem hatte sie sehr schlecht geschlafen, sie hatte Kopfschmerzen und wenn sie nicht dringend fürs Bistro ein paar Sachen gebraucht hätte, wäre sie sicher wieder ins Bett gegangen. So aber stellte sie sich unter die Dusche und stellte das Wasser erst ab, als sie sich wieder besser fühlte. Ihr war irgendwie übel. Sicher, weil sie gestern so wenig gegessen hatte. Also würgte sie einen Toast hinunter und nach zwei Bechern Kaffee fühlte sie sich besser. Eigentlich hatte sie sich das Rauchen abgewöhnen wollen, aber heute Morgen griff sie fast automatisch zu ihrer Schachtel. Die Angst um Lea ließ sie nicht los und ihr fielen auch die zwei Männer wieder ein, die Abend für Abend vor dem Bistro standen. Bei dem dritten Becher Kaffee ging sie die Einkaufsliste noch mal durch und griff schließlich zu ihrem Autoschlüssel. Auf zum Großmarkt. Heute war Donnerstag, also würde es vermutlich ein wenig voller sein. Immer wieder nahm sie sich vor, am Wochenanfang einkaufen zu fahren, aber irgendwie kam immer was dazwischen. Na, ganz so schlimm würde es schon nicht werden und schließlich hatte sie ja auch noch ein bisschen Luft, bis sie das Bistro aufmachen musste. Hoffentlich war Leni heute wieder da. Der Abend allein gestern hatte sie doch ganz schön geschlaucht. Sandy brauchte für ihren Einkauf dann doch nicht so lange, wie sie befürchtet hatte und als sie wieder vor dem Bistro hielt, wollte Leni gerade die Tür aufschließen.

„Hey, wie schön, dass du wieder da bist“,

rief Sandy erfreut.

„Tut mir echt leid wegen gestern, aber ich konnte nicht. Ich hatte Migräne und habe das nicht in den Griff bekommen“,

meinte Leni entschuldigend.

„Schon gut, ich bin ja froh, dass du heute wieder da bist. Dann kannst du mir auch gleich helfen, die Einkäufe reinzubringen.“

Während sie die Einkäufe in die Küche brachten und verstauten, unterhielten sie sich.

„Gestern war hier wirklich die Hölle los. Der absolute Wahnsinn. Ich habe mich schon gefragt, ob die heute alle nicht arbeiten müssen. Ach ja, wenn Lea anruft, dann holst du mich bitte sofort, ja? Ich werde mich gleich ins Büro verziehen, solange es noch nicht so voll ist. Du kommst doch hier allein klar?“

„Ja sicher, geh’ nur. Ich mache das hier schon“,

meinte Leni.

Sandy verzog sich also in ihr Büro. Aber sie konnte sich einfach nicht auf ihre Arbeit konzentrieren und nachdem sie ihre Autoversicherung fast zweimal online überwiesen hätte, gab sie es auf. Sie machte sich inzwischen ernsthaft Sorgen um Lea und verfluchte Hajo dafür, dass er so ruhig blieb. Als das Telefon klingelte, riss sie den Hörer von der Gabel.

„Ja … ?“

„Hallo, ich bin’s“,

kam eine Stimme flüsternd durch den Hörer.

Sandy, enttäuscht dass es nicht Lea war, fragte ungehalten:

„Wer ist ich?“

Ihr Gegenüber am Telefon lachte.

„Nicht schlecht, Kleine. Dir hört also jemand zu? Ich mache es kurz. Die Lieferung kommt in einer Woche. Sieh’ zu, dass du da bist.“

Es wurde aufgelegt und Sandy starrte noch ein paar Minuten den Hörer an, bis sie auch wieder auflegte. Unter normalen Umständen wäre sie sicherlich misstrauisch geworden, aber im Augenblick war sie so mit ihrer Sorge um Lea beschäftigt, dass sie den Anruf gleich wieder vergaß. Das Telefon klingelte wieder und diesmal war es Hajo. Er wollte wissen, ob sie was von Lea gehört hatte.

„Nein, sonst hätte ich dich schon angerufen. Ich mache mir wirklich Sorgen, Hajo. Kannst du also bitte mal versuchen, den Kerl anzurufen. Ich werde sonst noch wahnsinnig“,

bat sie ihn inständig.

Hajo hörte an ihrer Stimme, wie besorgt sie war und stimmte schließlich zu. Er wollte sich sofort wieder melden, wenn er etwas hörte. Ein klein wenig beruhigter legte Sandy auf und machte sich wieder an ihren Bürokram. Diesmal kam sie ein wenig besser voran und eine Stunde später kam sie nach vorn. Es war noch nicht sehr viel los. Leni spülte Gläser und Sandy nickte ein paar Nachmittagsstammkunden zu.

„Wir haben fast keinen Kuchen mehr. Hast du eigentlich Kekse mitgebracht? Die habe ich bei den Einkäufen auch nicht gesehen.“

„Oh nein, so ein Mist. Die habe ich vergessen. Ich fahre gleich noch schnell zum Supermarkt. Habe ich sonst noch was vergessen? Ist dir was aufgefallen?“

„Nein, sonst ist alles reichlich da. Aber du solltest noch mal überprüfen, ob du auch alles hast für die Party in vierzehn Tagen. Machst du deine berühmte Gulaschsuppe?“

„Ja klar, das hat sich das Paar doch so gewünscht.“

„Jede Menge Arbeit“,

stellte Leni fest.

„Na ja, dafür zahlen sie gut. Die Liste habe ich geschrieben, ich überprüfe sie, wenn ich losfahre, um die Sachen zu holen.“

„Hmm ja, das würde ich auch machen.“

Leni schaute immer wieder auf die Uhr und anschließend aufs Telefon.

„Sag mal, wartest du auf einen wichtigen Anruf“,

fragte Sandy amüsiert, nachdem sie das eine ganze Weile beobachtet hatte.

„Wie? Ach Quatsch, wie kommst du denn darauf.“

Leni drehte sich um und schluckte.

„Hast du denn schon irgendeine Ahnung, was die lieben Trauzeugen so für den Polterabend geplant haben?“,

lenkte sie das Gespräch wieder auf den Polterabend, der in zwei Wochen im „Step In“ stattfinden sollte.

Das junge Paar hatte sich in dem Bistro kennengelernt, er hatte ihr im Bistro den Heiratsantrag gemacht und den Polterabend hier zu feiern, erschien beiden als logische Konsequenz. Sandy hatte so etwas schon einmal gemacht und sich danach geschworen, einmal und nie wieder. Aber die zwei hatten sie so lange bearbeitet, bis sie zugestimmt hatte. Und nun konnte sie nicht mehr zurück.

„Nein, keine Ahnung, aber so schlimm wird es schon nicht werden. Das habe ich von vornherein untersagt“,

meinte Sandy.

„Hoffentlich bleibt es dabei. Manchmal entwickeln die Dinge ja auch ein Eigenleben.“

Leni polierte Gläser und starrte dabei nachdenklich in die Ferne. Sandy musterte sie von der Seite. Was war denn heute nur los mit ihr? Sie wirkte nervös, unkonzentriert und irgendwie merkwürdig.

„Was ist mit dir los? Hast du dich verliebt?“,

wollte sie wissen.

Leni wurde rot und Sandy lachte.

„Hab ich dich erwischt. Kenne ich ihn?“

„Nein, ich denke nicht. Ich habe ihn im Supermarkt kennengelernt.“

„Im Supermarkt? Komisch, mir ist da noch nie was Interessantes über den Weg gelaufen. Wo gehst du denn einkaufen? Vielleicht sollte ich da auch mal einkaufen gehen“,

scherzte Sandy und Leni ging darauf ein.

Die beiden plauderten noch eine ganze Weile, bis sich das Bistro füllte und sie wieder alle Hände voll zu tun hatten. Es war ähnlich voll wie am Tag zuvor und Sandy hatte keine Zeit mehr, sich über das komische Verhalten von Leni zu wundern. Sie schaute ein paar Mal raus auf die Straße und stellte beruhigt fest, dass der Wagen auch nicht zu sehen war. Nun musste nur noch Lea wieder auftauchen. Hoffentlich ging es ihr gut.

4. Kapitel

Lea hatte sich mit der Situation abgefunden. Sie konnte nun mal nicht weg, warum sich also darüber ärgern. Das kostete nur Nerven. Immer das Beste aus einer Situation machen, war einer ihrer Lieblingssprüche. Nachdem Christian sich wieder hingelegt hatte, machte sie es sich im Wohnzimmer bequem. Er hatte eine ganz ansehnliche Büchersammlung und sie suchte sich einen Bildband über Irland heraus. Ein tolles Land, fand Lea. Als sie Hunger bekam, machte sie sich die Suppe heiß und schaute nach Christian, aber der schlief tief und fest. Da Lea keine große Lust auf Diskussionen hatte, ließ sie ihn schlafen und verzog sich wieder in das gemütliche Wohnzimmer. Diesmal holte sie sich einen Vampirroman und kuschelte sich in den Sessel. In einem der Schränke hatte sie ein paar Kekse gefunden und zusammen mit einem Tee und dem Buch versprach es, ein schöner Nachmittag zu werden. Zumindest solange Mr. Arroganz nicht aufwachte! Lea war so in den Roman vertieft, dass sie gar nicht bemerkte wie die Zeit verging. Als Christian plötzlich in der Tür stand, schrak sie zusammen.

„Na Sie lassen es sich hier ja richtig gut gehen“,

brummte er.

„Meine Güte, haben Sie mich erschreckt“,

überhörte sie die Bemerkung.

„Oh tut mir wirklich leid. Hatte ich Ihnen eigentlich erlaubt, an meine Bücher zu gehen?“

Lea runzelte die Stirn.

„Nein ich glaube nicht, aber Sie haben es mir auch nicht verboten“,

gab sie zurück.

„Na wunderbar! Wollten Sie nicht was zu essen machen? Und wieso haben Sie mich heute Mittag nicht geweckt?“

„Weil ich lieber in Ruhe essen wollte“,

brummte Lea und Christian schnappte nach Luft.

„Sie sind unverschämt, schließlich sind Sie in meinem Haus“,

fuhr er sie an.

Lea musterte ihn. Er war ziemlich blass, konnte sich kaum auf den Beinen halten, aber stänkerte unentwegt. Kopfschüttelnd stand sie auf.

„Und Sie sind einfach unglaublich. Vielleicht denken Sie mal daran, dass ich nicht freiwillig hier bin. Lieber würde ich jetzt in meinem Auto in einem Graben liegen, als hier mit Ihnen allein zu sein. Ich gehe jetzt was zu essen machen.“

Lea ging in die Küche und machte sich ans Werk. Sie hatte nach dem Gespräch nicht viel Lust, ihm was schmackhaftes vorzusetzen und so schlug sie ein paar Eier auf und knallte ihm wenig später einen Teller mit Rühreiern und einen weiteren mit belegten Broten auf den Tisch im Wohnzimmer. Dann holte sie noch eine Flasche Wasser und ein Glas, stellte auch das wortlos auf den Tisch und ging wieder. Christian schaute ihr nach. Verdammt, so hatte er das alles gar nicht gemeint. Er mochte es nun mal nicht, wenn jemand ungefragt in seinen Sachen stöberte. Nur, sie hatte ja recht. Was sollte sie hier schon groß anfangen? Und er hatte sie davon abgehalten, wieder zu fahren. Der Appetit war ihm gründlich vergangen, und so würgte er die Eier und ein Brot hinunter, weil er etwas essen musste. Anschließend brachte er alles wieder in die Küche, wo Lea auch gerade mit dem Essen fertig war.

Überrascht schaute sie hoch.

„Der Hausherr bequemt sich selbst? Kaum zu glauben“,

meinte sie bissig.

Christian schluckte eine geplante heftige Bemerkung herunter. Das hatte er wohl verdient. Lea beachtete ihn gar nicht. Sie hatte das Buch mitgenommen und las einfach weiter. Christian stellte das benutzte Geschirr in die Spüle und drehte sich um.

„Es tut mir leid“,

sagte er nach einer ganzen Weile leise.

Lea schaute hoch.

„Ach, sagten Sie was? Ich kann Sie so schlecht verstehen?“

„Ich sagte, dass es mir leid tut“,

presste Christian zwischen zusammengebissenen Lippen heraus.

„Na das ist ja wenigstens schon mal etwas“,

meinte Lea und vertiefte sich wieder in das Buch.

Christian schluckte ein paar Mal und rieb sich über die Stirn. In seinem Kopf hämmerte ein Presslufthammer und ihm wurde schon wieder schwindlig. Krampfhaft hielt er sich an der Spüle fest und atmete tief durch. Schließlich setzte er sich langsam in Bewegung. Lea beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Er sah wirklich sehr schlecht aus. Christian ging wieder in sein Schlafzimmer. Als er wieder im Bett lag, war er schweißgebadet und ihm war sauschlecht. Mit geschlossenen Augen versuchte er, ruhig zu atmen um die Übelkeit in den Griff zu bekommen. Christian tastete nach seinen Tabletten und stellte entsetzt fest, dass sie noch im Wohnzimmer lagen. Verdammter Mist, den Weg würde er sicher nicht noch einmal schaffen. Und nach Lea rufen? Sicher würde sie ihm die Tabletten bringen, aber das hieß, er würde Schwäche zeigen und das wollte er auch nicht. Also versuchte er, den Schmerz so gut wie möglich zu ignorieren und einzuschlafen. Lea hatte es sich inzwischen wieder im Wohnzimmer bequem gemacht. Von Christian war weit und breit nichts zu sehen und das war auch ganz gut so. Er war unbestritten ein toller Schauspieler, aber auch ein absoluter Mistkerl. Als sie nach der Fernsehzeitung griff, bemerkte sie die Tabletten, die auf dem Tisch lagen.

„Na wunderbar“,

murmelte sie vor sich hin.

Jetzt konnte sie ihm auch noch seine Sachen nachtragen. Oder sollte sie es lassen? Einfach so tun, als hätte sie nichts bemerkt? Lea rang mit sich, aber wieder siegte ihr gutes Herz. Sie nahm die Tabletten, ein Glas Wasser und ging leise in sein Schlafzimmer. Christian lag mit geschlossenen Augen im Bett. Die Nachttischlampe brannte noch und Lea legte die Tabletten auf den kleinen Nachtschrank. Sie wollte schon wieder gehen, als Christian sie ansprach.

„Lea?“

„Ich habe Ihnen ihre Tabletten gebracht. Sie waren noch im Wohnzimmer“,

sagte Lea leise.

„Vielen Dank. Würden Sie … würden Sie mir vielleicht auch noch ein kaltes Tuch holen? Das wäre sehr nett“,

flüsterte Christian und Lea zog überrascht die Augen hoch.

Auf seiner Stirn standen feine Schweißperlen und sein Atem ging stoßweise.

„Ich bin gleich zurück.“

Wenig später legte sich etwas Kühles auf seine Stirn und augenblicklich ließ der Schmerz ein wenig nach. Lea goss Wasser in ein Glas und holte zwei Tabletten aus dem Röhrchen. Vorsichtig hob sie seinen Kopf ein wenig an.

„Mund auf.“

Christian tat es und Lea steckte ihm die Tabletten in den Mund. Dann hielt sie das Glas an seine Lippen und Christian schluckte die Tabletten. Sie ließ seinen Kopf wieder in die Kissen sinken und drehte das Tuch um.

„Versuchen Sie, ein wenig zu schlafen. Und wenn Sie was brauchen, dann rufen Sie.“

Christian brummte etwas, das sie nicht verstand und leise ging sie hinaus. Als sie eine halbe Stunde später noch mal nach ihm sah, schlief er. Gut so. Nur ein schlafender Christian war ein guter Christian. Lea erneuerte das Tuch und ging dann auch schlafen. Der Sturm wütete immer noch und es hatte auch wieder zu regnen begonnen. Verdammt, hörte das denn gar nicht mehr auf? Lea hatte so gehofft, morgen von hier verschwinden zu können. Aber das wurde wohl nichts. Sie löschte das Licht und lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen noch eine ganze Weile wach. Der Mond warf durch das Fenster bizarre Schatten an die Wand. Und der Baum vor ihrem Fenster schien ihr mit seinen Ästen zuzuwinken. Lea träumte noch eine Weile mit offenen Augen vor sich hin, bis sie irgendwann einschlief.

Sandy und Leni hatten alle Hände voll zu tun und kamen kaum zum Nachdenken.

Als endlich Feierabend war, schickte Sandy ihre Aushilfe nach Hause und räumte noch ein wenig auf. Als sie das Bistro abschloss, warf sie einen unauffälligen Blick nach draußen und atmete auf. Diesmal war der Wagen nicht da. Beruhigt ging sie in ihre Wohnung und fiel wie ein Stein ins Bett. Um acht Uhr am nächsten Morgen wurde sie durch ihr Handy geweckt.

„Ja …?“,

nuschelte sie in den Hörer, war aber schlagartig hellwach, als sie Leas Stimme hörte.

Hastig setzte sie sich auf.

„Geht’s dir gut? Wo steckst du? Was ist passiert? Warum meldest du dich nicht? Verdammt noch mal, nun sag doch mal was“,

rief sie aufgeregt ins Handy.

„Würde ich ja gern … aber du redest doch ständig.“

Sandy konnte ihre Freundin kaum verstehen. Es rauschte und knackte ganz furchtbar.

„Ich kann dich kaum verstehen“,

schrie sie und Lea zuckte zusammen, denn sie konnte Sandy ausgezeichnet verstehen.

„Es geht mir gut“,

sagte sie langsam und deutlich.

„Ich melde mich wieder, wenn der Empfang besser ist.“

„Lea, warte!“

Aber da hatte ihre Freundin schon aufgelegt.

Nun war Sandy nicht unbedingt schlauer, aber der Satz „Es geht mir gut“, setzte sich in ihrem Kopf fest. Das war doch wenigstens etwas. Sie rief Hajo an und erzählte ihm, dass Lea angerufen hatte.

„Na also, habe ich dir nicht gesagt, dass alles in Ordnung ist“,

kam es gönnerhaft durch den Hörer und Sandy hätte ihn mit Wonne erschlagen können.

Warum musste er eigentlich immer recht behalten? Okay, in dem Fall war es natürlich gut, dass er recht behalten hatte, aber er behielt so oft recht. Und tat natürlich nichts lieber, als Sandy und auch Lea das immer wieder unter die Nase zu reiben. Sie hasste das. Lea sah das alles wesentlich lockerer. Sie kannte Hajo schon so lange, dass ihr die Rechthaberei nicht mehr viel ausmachte. Sie hatte sich daran gewöhnt. Sandy warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch sehr früh, aber schlafen konnte sie eh nicht mehr. Also konnte sie auch aufstehen. Sie kochte sich einen Kaffee und machte sich an die Hausarbeit. Sie war so erleichtert über Leas Anruf, dass ihr die Arbeit leicht voran ging. Ein Blick aus dem Fenster, zerschlug ihre gute Laune augenblicklich. Da war er wieder, der Wagen. Verdammt, was sollte das bloß? Sie erkannte zwei Männer auf den vorderen Sitzen. Der eine las in einer Zeitung und der andere schien zu schlafen. Sandy kniff die Augen zusammen, aber mehr konnte sie nicht erkennen. Sollte sie die Polizei rufen? Das wäre sicher das Beste. Sie holte noch einmal tief Luft und griff zum Telefon. In kurzen Worten schilderte sie, was sie beobachtet hatte und der Beamte am Telefon versprach, einen Streifenwagen vorbeizuschicken, der keine zehn Minuten später tatsächlich eintraf. Ein Beamter stieg aus und ging zu dem Wagen, der kurz danach wegfuhr. Na das war ja einfach gewesen, dachte Sandy. Hoffentlich kamen die nicht wieder.

5. Kapitel

Lea legte das Handy weg und schaute aus dem Fenster. Jetzt konnte man endlich ein bisschen was von der Landschaft erkennen. Wunderschön, war das erste was ihr einfiel. Soweit das Auge reichte nur Felder und Wiesen. Eigentlich genau das Richtige zum Entspannen. Hier wollte sie mal Urlaub machen. Lea stand auf und horchte vorsichtig an Christians Schlafzimmertür.

---ENDE DER LESEPROBE---