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Sarah ist Journalistin und bewirbt sich bei Rick Harding, einem pressescheuen Schauspieler, der nach dem plötzlichen Tod seiner Frau ein Kindermädchen sucht. Da ihr Rick Harding zu Beginn ihrer Karriere als Journalistin bei einem Interview lauter Lügen erzählte, die sie in ihrer Naivität zum Druck freigab und dadurch in weiterer Folge ihren Job verlor, möchte sie so an eine pikante Exklusivstory über ihn herankommen, um sich an ihm zu rächen. Vorerst läuft alles nach Plan, doch dann passiert Sarah ein folgenschwerer Fehler.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
Bücher von Connie Herzog
Impressum
Sarah Sander schloss aufatmend die Tür zu ihrem Apartment auf. Sie hatte eine lange Reise hinter sich und war froh, wieder zu Hause zu sein. Ihre Koffer ließ sie achtlos neben der Tür stehen und ging in die Küche. Sie brauchte jetzt erst einmal einen Kaffee. Rasch fütterte sie die Kaffeemaschine mit Wasser, Filter und dem Kaffeepulver. Danach ließ sie sich auf einen Stuhl fallen. Ihre Nachbarin hatte während ihrer Abwesenheit ihre Post aus dem Briefkasten geholt und die lag jetzt auf dem Küchentisch. Die Zeitungen der vergangenen drei Monate lagen auch dort.
„Hatte ich die nicht abbestellt?“,
murmelte Sarah vor sich hin.
Das musste sie wohl vergessen haben!
Sie sortierte ihre Post durch. Die diversen Werbungen flogen gleich zum Altpapier und mit den alten Zeitungen machte sie dasselbe. Der Kaffee war inzwischen durch und während sie an dem heißen Gebräu nippte, öffnete sie nach und nach jeden Brief. Vieles davon hatte sich schon erledigt und als sie fertig war, begann sie die Zeitungen der vergangenen vier Wochen zu überfliegen. Sie musste sich informieren, was in der vergangenen Zeit so alles geschehen war. Schon aus beruflichen Gründen. Sarah war freischaffende Journalistin. Die letzten drei Monate hatte sie in Deutschland verbracht. Sie hatte den Schritt, nach dem Tode ihrer Eltern nach Amerika gegangen zu sein, zwar nie bereut, aber ab und zu zog sie es doch in ihre alte Heimat zurück, obwohl sie zu ihrer Familie so gut wie keinen Kontakt mehr hatte. Die hatten es ihr übel genommen, dass sie Deutschland den Rücken gekehrt hatte, um in Amerika über den Tod ihrer Eltern hinwegzukommen. Nur ihre Großmutter und eine ihrer Cousinen hatten Sarah verstanden und unterstützt. Die hatte sie jetzt auch besucht. Ihre Großmutter war Leiterin eines Kinderheims und ihre Cousine arbeitete dort als Sozialpädagogin.
Nach dem Trubel der vergangenen Wochen kam Sarah die Ruhe in ihrem Apartment fast gespenstisch vor. Aber daran würde sie sich sicher schnell wieder gewöhnen. Sie nahm die nächste Zeitung zur Hand und ihr Blick wurde wie magisch von der Schlagzeile angezogen.
„Frau des bekannten Schauspielers Rick Harding bei Geburt des vierten Kindes gestorben!“
Das stand dort in dicken Buchstaben. Die Zeile war rot unterstrichen und direkt darunter war ein Foto Rick Hardings abgebildet. Das durfte doch nicht wahr sein! Betroffen las Sarah den langen Artikel. Vicky Harding hatte plötzlich Blutungen bekommen und war ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dort hatte man dann zwar das Baby, ein Mädchen, durch einen Kaiserschnitt retten können, aber das Leben der Mutter leider nicht. Sie starb, ohne das Bewusstsein noch einmal wiedererlangt zu haben.
Sarah zündete sich eine Zigarette an. Die Ehe der Hardings galt in ganz Hollywood als mustergültig. Keine Affären, keine Skandale, dafür aber drei wohlerzogene Kinder. Sarah griff nach der nächsten Zeitung. Auch hier war ein langer Artikel zu der Tragödie. In der Zeitung von heute stand, dass Rick Harding nach einer Haushälterin suchte. Sie musste allerdings auch bereit sein, sich um die Kinder zu kümmern. Sarah schmunzelte. Dafür jemanden zu finden konnte doch unmöglich so schwer sein. Sicher gab es hunderte, die gerne für den gutaussehenden Schauspieler und seine Kinder sorgen würden.
Die gab es tatsächlich. Aber sie erfüllten wohl alle nicht die hohen Erwartungen, die Rick Harding an diese Person stellte. Sie musste kochen können, die nötigen Referenzen in puncto Kindererziehung vorweisen und sollte möglichst um die vierzig Jahre sein. Sarah konnte sich vorstellen warum und musste lachen. Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie konnte sich ja für den Posten bewerben. Das war eine tolle Möglichkeit, an den pressescheuen Schauspieler und seine Familie hautnah heranzukommen. Sarah suchte schon lange nach einer Gelegenheit dazu. Als sie mit dem Journalismus begann, hatte sie von ihrem damaligen Redakteur den Auftrag, ein Interview mit Rick Harding zu machen.
Er tischte ihr damals lauter Lügen auf, die sie, jung und naiv wie sie war, glaubte und drucken ließ. Es hatte einen Riesenskandal gegeben und sie fast ihre gesamte Karriere gekostet. Sie war entlassen worden und hatte lange Zeit auch keinen Job mehr bekommen. Das war zwar alles schon sechs Jahre her, aber sie hatte es nicht vergessen. Nun schien der Zeitpunkt gekommen zu sein, um es ihm heimzuzahlen. Ihre Müdigkeit war vergessen. Sarah sprang auf und ging unter die Dusche. Die Agentur, die er beauftragt hatte, ein Kindermädchen zu engagieren, kannte sie und sie wollte sich noch heute vorstellen.
Noch im Bademantel schrieb sie sich auf ihrem Computer ein tolles Zeugnis und unterschrieb mit dem Mädchennamen ihrer Großmutter. Dann begann sie, in ihrem Kleiderschrank nach etwas Passendem zu suchen. Das war gar nicht so einfach. Ihre ganze Kleidung war äußerst jugendlich. Schließlich war sie ja erst 25 Jahre alt. In der hintersten Ecke fand sie schließlich eine mausgraue Hose. Das müsste gehen, fand sie und schlüpfte hinein. Passend dazu gab es auch mal eine Bluse. Wo war die nur? Sarah riss wahllos alles aus ihrem Schrank und warf es aufs Bett. Mit Grauen dachte sie daran, dass sie das alles wieder einräumen musste, aber egal. Hier ging es um mehr, als um eine Stunde aufräumen. Sie fand die Bluse und zog sie an. Nun noch die Schuhe. Sie entschied sich für flache Pumps. Sollte sie Make-up auflegen? Nein, lieber nicht, dachte sie. Aber vielleicht sollte sie ihre Haare bändigen. Sie steckte ihre schulterlangen, fast schwarzen Haare zu einem strengen Knoten zusammen und besah sich kritisch im Spiegel. Irgendwie sah sie aus, als wäre sie einem vor zehn Jahren gedrehten Film entstiegen. Nun konnte sie nur noch hoffen, dass der Agentur gefiel, was sie sah.
Sarah nahm ihre Unterlagen und machte sich auf den Weg. Sie hatte sich eine ungünstige Zeit ausgesucht. Auf den Straßen war es ziemlich voll und Sarah wurde nervös. Hoffentlich schaffte sie es noch bis zur Agentur, bevor die schloss. Denn wer wusste, ob sie morgen noch den Mut dazu haben würde. Als sie nach einer knappen Dreiviertelstunde vor der Agentur parkte, atmete sie noch einmal tief durch und ging hinein. Die Dame am Empfang lächelte ihr entgegen und Sarah lächelte zurück.
„Was kann ich für Sie tun?“
„Ich möchte mich als Kindermädchen bewerben. Bei Rick Harding.“
„Warten Sie einen Moment. Dafür ist Mrs. Peterson zuständig.“
Die Dame rief jene Mrs. Peterson an und ein paar Minuten später führte sie Sarah zu einem Büro.
Sarah ging hinein und sah sich einer ca. sechzigjährigen Frau gegenüber. Sie lächelte zwar, aber man sah ihr an, dass sie auch sehr wütend werden konnte. Mit wachen Augen und einem Blick, als könne sie Sarah bis ins Innerste schauen, musterte Mrs. Peterson ihr Gegenüber.
„So, Sie wollen sich also bei Mr. Harding als Kindermädchen bewerben. Sie sind noch reichlich jung. Haben Sie Referenzen?“
„Selbstverständlich …“
Sarah reichte ihr die Mappe mit ihren Zeugnissen. Sie hatte in Deutschland eine Hauswirtschaftsschule besucht und das kam ihr jetzt zugute. Mrs. Peterson schien zu gefallen, was sie las.
„Das liest sich alles sehr gut. Sie sind also in Deutschland geboren und aufgewachsen? Sprechen Sie die Sprache noch?“
„Ja sicher. Schließlich ist es meine Muttersprache“,
antwortete Sarah.
„Nicht schlecht, Sie können kochen und mit Kindern umgehen. Wieso haben Sie in einem Kinderheim gearbeitet?“
„Weil ich Kinder liebe“,
gab Sarah schlicht zurück.
Die Augen der guten Mrs. Peterson schienen sie zu durchbohren und Sarah bemühte sich, so unschuldig und ehrlich wie möglich auszusehen. Offenbar gelang es ihr, denn Mrs. Peterson rief im Beisein von Sarah Rick Harding an. Sie sprach kurz mit ihm und was sie sagte, fand wohl die Zustimmung des Schauspielers. Sie sprach leise, und Sarah musste ihre Ohren spitzen, um sie zu verstehen.
„Ja gut, Mr. Harding. Ich schicke die junge Dame gleich bei ihnen vorbei.“
Mrs. Peterson drehte sich zu Sarah um.
„Mr. Harding möchte Sie heute noch kennenlernen. Ich nehme an, Sie kennen seine Adresse?“
Sarah nickte.
„Vielen Dank, Mrs. Peterson.“
„Keine Ursache, ich wünsche Ihnen Glück!“
Sarah senkte den Blick, um den Triumph in ihren Augen zu verbergen. Sie ging hinaus und stieß einen unterdrückten Jubelruf aus. Dann wollte sie sich mal bei Rick Harding vorstellen. Hoffentlich verlief das Gespräch genauso positiv. Sie brauchte eine ganze Weile, bis sie sein Haus, das direkt am Strand lag, erreicht hatte. Plötzlich wurde sie nervös. Tat sie da auch das Richtige? Konnte sie es wirklich verantworten, den Kummer anderer Leute für eine Story auszunutzen? Nun, im Grunde genommen, tat sie das jedes Mal, wenn sie eine Story schrieb. Nur würde sie dieses Mal eben auf andere Art recherchieren. Ihr fiel wieder ein, was Rick Harding mit ihr gemacht hatte. Auch er hatte sie ohne zu zögern ins offene Messer rennen lassen.
Sarah atmete noch einmal tief durch und stieg aus dem Wagen. Augen zu und durch, dachte sie und klingelte. Es dauerte eine Weile, dann meldete sich eine sympathisch klingende Frauenstimme und fragte nach ihrem Namen und dem Grund ihres Besuches. Sarah sagte ihr beides und mit einem leisen Summton schwang die schwere Tür auf. Langsam ging sie hinein. Hinter dem hohen Zaun war ein sehr schöner, gepflegter Garten, der überwiegend aus Rasen bestand. Der Weg zum Haus war gepflastert. Auf dem Rasen spielte ein kleiner Junge mit einem Auto. Mit großen und traurigen Augen sah er Sarah an. Sie ging neben ihm in die Hocke.
„Hallo, ich heiße Sarah. Wie ist dein Name?“
„Philip … mein Auto ist kaputt.“
„Lass mal sehen, vielleicht kann ich es reparieren.“
Der Kleine gab ihr den Wagen. Sarah hatte den Fehler schnell gefunden. Eines der Räder war aus der Verankerung gerutscht. Sarah drückte es wieder hinein und der Wagen fuhr wieder. Lächelnd gab sie es dem kleinen Jungen zurück.
„Siehst du, nun geht es wieder …“
„Danke sehr“,
sagte der Kleine ernst.
Viel zu ernst für sein Alter. Nachdenklich ging Sarah weiter.
An der Haustür wartete eine Dame. Sie mochte Mitte vierzig sein und lächelte Sarah entgegen.
„Hallo, sie müssen Sarah Sander sein. Kommen Sie doch bitte herein. Mr. Harding erwartet Sie schon.“
Die beiden Frauen gaben sich die Hand.
„Ich bin Anne Burns und normalerweise bin ich Haushälterin im Nachbarhaus. Die letzten Wochen bin ich ständig von einem Haus zum anderen gerannt, aber auf Dauer geht das nicht. Es bleibt einfach zu viel liegen. Hier ist das Arbeitszimmer von Mr. Harding. Einen Moment, ich sage ihm, dass Sie da sind.“
Sarah nickte und sah sich um. Es war ein großes Haus. Außer dem Arbeitszimmer waren da wohl ein großes Wohnzimmer, die Küche und dann noch zwei Zimmer im Untergeschoss.
„Miss Sander, Sie können hineingehen.“
Einladend gab Anne die Tür frei und Sarah ging zögernd hinein. Anne schloss die Tür und Sarah war mit Rick Harding allein. Er saß an einem großen Schreibtisch und Sarah erschrak, als sie ihn sah. Das war nicht mehr der Mann, dem sie einmal Rache geschworen hatte. Er schien um Jahre gealtert zu sein. Die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen und grau im Gesicht, sah er Sarah an.
„Nehmen sie Platz. Sie wollen meinen Kindern und mir also den Haushalt führen? Trauen Sie sich das zu? Sie sind noch sehr jung…“
„Würde ich es mir nicht zutrauen, wäre ich nicht hier“,
gab Sarah zurück.
„Mrs. Peterson ist ganz begeistert von Ihnen und ich vertraue ihr. Wann können Sie also anfangen?“
„Morgen“,
antwortete Sarah wie aus der Pistole geschossen.
„Das ist gut. Es wäre gut, wenn Sie hier einziehen könnten. Ich muss in Kürze mit den Dreharbeiten beginnen und werde zu sehr unregelmäßigen Zeiten nach Hause kommen. Haben Sie ein Problem damit, hier zu wohnen? Außerdem werden Sie in nächster Zeit wenig Privatleben haben. Ist das ein Problem?“
„Nein, Mr. Harding.“
Im Gegenteil, fügte Sarah im Gedanken hinzu.
„Gut, dann ist da noch das Finanzielle …“
Er nannte ihr ein großzügiges Gehalt und gab ihr einen Vertrag, den sie unterschreiben sollte. Sarah las ihn durch und frohlockte innerlich. Es gab keine Klausel, dass sie über ihn oder seine Kinder in der Öffentlichkeit Stillschweigen bewahren sollte. Sarah unterschrieb und Rick Harding stand auf.
„Ich werde Ihnen alles zeigen.“
Er ging voran und Sarah folgte ihm. Hinter den anderen beiden Türen verbargen sich ein kleines Bad und ein Haushaltsraum. Hier stand von der Waschmaschine bis hin zum Bügelbrett alles drin. Das Wohnzimmer war wirklich enorm groß und auch die Küche war sehr geräumig, dabei aber auch sehr praktisch und funktionell eingerichtet. Im Obergeschoss waren sein Schlafzimmer und die Kinderzimmer.
„Das hier ist Ihr Zimmer.“
Sarah schaute hinein. Was sie sah, gefiel ihr. Ein großer Raum, der sogar einen Schreibtisch hatte. Ein Bett, zwei kleine Sessel und ein Kleiderschrank vervollständigten die Einrichtung.
„Wohin führt die Tür dort?“
„Zu Ihrem Badezimmer. Kommen Sie bitte, ich möchte Ihnen jetzt die Kinder vorstellen. Sie sind im Garten.“
Sarah folgte ihm nach unten in den Garten. Die Kinder sahen auf, als ihr Vater mit einer jungen Frau auf sie zukam.
„Kinder, das ist Miss Sander. Sie wird sich ab morgen um euch kümmern. Das hier ist Roberta …“
„Bobbie“,
unterbrach die zwölfjährige ihren Vater sofort.
Liebevoll fuhr er seiner Tochter übers Haar.
„Also Bobbie, das ist Colin und das hier Philip.“
„Wir kennen uns schon, nicht wahr?“
Sarah lächelte ihn an und zu ihrem Erstaunen lächelte der Kleine zurück.
„Sie hat mein Auto heil gemacht“,
erzählte Philip.
„Das ist aber lieb von ihr gewesen.“
Rick Harding strich seinem Sohn übers Haar und wandte sich dann wieder an Sarah.
„Und das hier ist unser Prinzesschen. Unsere Lisa …“
Er nahm seine Jüngste aus dem Kinderwagen und legte sie Sarah in die Arme. Dabei ließ er sie nicht aus den Augen.
Sarah verliebte sich sofort in das kleine Mädchen. Sie nuckelte an ihrer Hand und schaute Sarah mit großen Augen an.
„Hey meine Kleine, du bist ja eine ganz Süße. Aber warum nimmst du denn deine Hand in den Mund? Hast du denn keinen Nuckel?“
Die Frage war gleichermaßen an Lisa und ihren Vater gerichtet.
„Doch, sie hat einen Nuckel … wo ist er bloß wieder?“
Hektisch begann er, in dem Kinderwagen zu suchen.
„Du hast ihn gerade rausgeworfen!“
Bobbie hob ihn auf und wischte ihn an der Jeans ab. Dann wollte sie ihn ihrer Schwester geben, aber ihr Vater nahm ihn ihr aus der Hand.
„Bobbie, der muss erst abgewaschen werden …“
„Tut mir leid, ich wollte doch nur …“
Bobbie brach ab, drehte sich um und ging ins Haus. Sarah sah ihr nachdenklich hinterher. Mr. Harding nahm ihr Lisa wieder ab.
„Alles Weitere wird Anne Ihnen zeigen. Sie hat uns während der letzten Wochen großartig geholfen und ich bin sicher, sie wird Ihnen auch in Zukunft eine große Hilfe sein. Am besten gehen Sie gleich noch mal zu ihr.“
„Das werde ich machen. Vielen Dank, Mr. Harding.“
„Mich müssen Sie nun leider entschuldigen. Ich habe noch einen Termin.“
Er ließ Sarah mit den Kindern allein. Als er weg war, kam auch Bobbie wieder. Sie steckte ihrer Schwester den Nuckel in den Mund und Lisa begann zufrieden zu schmatzen.
„Bringt ihr mich zu Anne? Ich muss noch so einiges mit ihr durchgehen, bevor ich so richtig für euch sorgen kann.“
„Kochst du dann alle unsere Lieblingsgerichte?“
Philip schob vertrauensvoll seine Hand in Sarahs und zog sie in Richtung Haus.
„Das kommt ganz darauf an. Was mögt ihr denn besonders gerne?“
„Hamburger und Pommes … oder Hot Dogs und Pommes … oder einfach nur Pommes“,
zählte Philip auf.
„Na, das kriege ich wohl gerade noch hin“,
meinte Sarah trocken.
„Was Philip gerne mag, das weiß ich jetzt. Und was ist mit euch?“ Sarah wandte sich an Colin und Bobbie.
„Ich esse am liebsten Nudeln, egal womit. Hauptsache Nudeln sind dabei“,
sagte Colin leise.
„Und du, Bobbie?“
„Steak und Salat.“
„Ja, sie ist ein richtiges Kaninchen …“,
lästerte Colin.
„Du bist so blöd“,
fauchte Bobbie und wollte wegrennen, aber Sarah hielt sie auf.
„Wir haben was gemeinsam. Ich esse auch unheimlich gerne Salat“,
flüsterte sie dem Mädchen zu.
„Ja?“
Sarah nickte und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Bobbie lächelte zögernd, so als könne sie es kaum glauben.
Inzwischen hatten sie das Haus wieder erreicht. Bobbie nahm ihre Schwester aus dem Kinderwagen und sie gingen in die Küche, wo Anne mit den Vorbereitungen fürs Abendessen beschäftigt war.
„Da seid ihr ja. Geht euch die Hände waschen. Wir können bald essen“,
sagte sie zu den Geschwistern.
„Und du Bobbie bringst bitte Lisa nach oben.“
„Ja mache ich. Tschau, Sarah.“
Die Kinder verschwanden und Sarah war mit Anne allein.
„Ich soll morgen anfangen. Wann soll ich hier sein?“
„Kommt ganz darauf an, ob Sie das morgendliche Chaos miterleben wollen“,
fragte Anne grinsend.
„Natürlich will ich das mitmachen. Schließlich habe ich es ja bald jeden Morgen.“
„Gut, dann sollten Sie um halb sieben hier sein. Dann können Sie mir auch gleich ein wenig zur Hand gehen.“
„Aber gerne. So langsam wird mir doch ein wenig mulmig, muss ich gestehen. Ich habe bisher noch nie in einem Privathaushalt gearbeitet.“
„Keine Angst, Sie schaffen das schon. Die Kinder sind sehr lieb und von Mr. Harding werden Sie wohl nicht viel zu sehen bekommen. In ein paar Tagen beginnen die Dreharbeiten zu seinem neuen Film. Dann geht er frühmorgens aus dem Haus und kommt sehr spät wieder. Er möchte, dass dann eine Kanne Kaffee und ein paar Sandwiches für ihn bereit stehen. Lassen Sie ihn einfach in Ruhe. Er wird nur sehr schwer mit dem Tod seiner Frau fertig. Wenn er ein Anliegen hat, wird er sich melden.“
„Das klingt alles nicht sehr ermutigend. Was ist, wenn ich ein Anliegen habe oder etwas falsch mache?“
„Keine Angst, er wird Ihnen nicht gleich den Kopf abreißen. Und wenn es ein Problem gibt, kommen Sie zu mir. Ich bin ja gleich im Nachbarhaus.“
„Okay, dann fahre ich jetzt. Ich muss ja noch ein paar Sachen zusammenpacken.“
„Bis morgen“,
rief Anne ihr nach.
Sarah fuhr nicht gleich nach Hause. Erst mal machte sie sich auf den Weg ins nächste Einkaufszentrum, weil sie sich noch mit den passenden Klamotten eindecken musste. Sie konnte ja nicht wochenlang in dieser Hose rumlaufen. Sie brauchte nicht lange, um das Richtige zu finden. Die Verkäuferin musterte Sarah von oben bis unten, sagte aber nichts. Sarah bezahlte rasch und verschwand. Sie wäre unter normalen Umständen auch nicht auf die Idee gekommen, sich so etwas zu kaufen. Aber das waren keine normalen Umstände. Zu Hause angekommen, packte sie alles in ihre Reisetasche. Außerdem noch ihre Toilettenartikel und ein paar persönliche Dinge. Es war schon spät, als sie an diesem Abend ins Bett ging. Mit leichtem Schrecken dachte sie daran, was auf sie zukommen würde. Hoffentlich hatte sie sich damit nicht übernommen. Es würde sicher nicht so einfach sein, mit der Familie zurechtzukommen. Und das alles nur für die Story. War es das wert?
Sarah stand am nächsten Morgen um fünf Uhr auf. Noch reichlich verschlafen kochte sie sich einen Kaffee und ging ins Badezimmer, um sich fertig zu machen. Sie duschte ausgiebig und danach war sie richtig wach. Nach einem Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass sie sogar noch genug Zeit hatte, um in aller Ruhe die Zeitung zu lesen. Sie war ziemlich nervös und rauchte entgegen ihrer Gewohnheit schon zu der frühen Stunde zwei Zigaretten. Sie und ihre Spontanentschlüsse! Wie oft hatte sie ihr Handeln ohne groß über die Folgen nachzudenken schon in Schwierigkeiten gebracht? Aber dafür war es nun zu spät. Anne erwartete sie in knapp einer halben Stunde und sie sollte losfahren, wenn sie nicht zu spät kommen wollte.
Sarah schnappte sich ihre Reisetasche und machte sich auf den Weg zu den Hardings. In ihre Nervosität mischten sich auch eine Portion Neugier und die Vorfreude auf die Story, die sie über ihn und seine Familie schreiben wollte. Sicher würden sich viele Zeitungen dafür interessieren. Pünktlich um halb sieben hielt sie vor dem Haus und klingelte. Es dauerte nicht lange, da hörte sie den Summer und die Tür ging auf. Sarah ging hinein. Wie gestern erwartete Anne sie an der Tür.
„Wie schön, dass Sie schon da sind. Wir haben sogar noch Zeit, um in Ruhe eine Tasse Kaffee zu trinken und etwas zu essen. Die Kinder habe ich gerade geweckt. Sie stehen gerade auf.“
Anne ging mit Sarah in die Küche und schenkte ihr einen Kaffee ein. „Wie wäre es mit einem Toast?“
„Keine schlechte Idee. Ich war zu nervös, um zu frühstücken“,
gestand Sarah.
„Sie brauchen nicht nervös zu sein. Ich bin sicher, Sie werden das hier alles schnell im Griff haben. Bedienen Sie sich. Ich schaue mal nach unserer Prinzessin. Manchmal wird die Kleine wach, wenn die Kinder aufstehen …“
Anne verschwand und kehrte wenig später mit Lisa zurück. Sie gab die Kleine an Sarah weiter.
„Ich mache schnell die Flasche für sie fertig und dann legen wir sie wieder hin. Die Kinder müssten auch gleich auftauchen. Heute Morgen sind sie richtig friedlich. Es hat nicht mal Streit gegeben, wer zuerst ins Bad darf.“
„Wie ist das überhaupt, müssen die Kinder jeden Tag um dieselbe Zeit zur Schule? Und wie kommen sie dahin?“
„Ein Schulbus holt sie ab. Allein aus dieser Straße gehen zehn Kinder in dieselbe Schule. Auch der älteste Sohn meiner Arbeitgeber. Der jüngere geht zusammen mit Philip in den Kindergarten. Jane bringt sie morgens immer hin. Und sie holt sie normalerweise auch ab. Das wird die nächste Zeit auch so bleiben, da Jane ihr drittes Kind erwartet und eine Babypause einlegen will. Sie kennen sie sicher. Jane Thomas …“
Sarah überlegte kurz und schüttelte den Kopf.
„Nein, tut mir leid.“
„Vielleicht sagt Ihnen der Name Jill Patrick mehr?“
„Ja klar. Sie wohnt nebenan?“
„Wenn sie durch den Garten gehen, landen sie in ihrer Küche“,
lachte Anne.
Das Fläschchen für Lisa war fertig und Sarah konzentrierte sich ganz auf das kleine Mädchen. Sie trank die Flasche ganz aus und Sarah nahm sie hoch.
„Können Sie sie wieder raufbringen?“
„Aber natürlich…“
„Alles was Sie zum Wickeln brauchen, finden Sie im Zimmer der Kleinen“,
sagte Anne noch, bevor sie sich wieder der Herstellung des Kakaos widmete.
„Wo ist eigentlich der Hausherr?“
„Mr. Harding ist schon heute Morgen um sechs Uhr aus dem Haus gegangen. Er wollte, glaube ich, die Drehorte besichtigen. Ich weiß nicht, wann er zurückkommt.“
„Na dann wollen wir dir mal eine neue Windel verpassen, meine Süße.“
Sarah ging mit Lisa nach oben. Auf der Treppe begegneten ihr die drei anderen.
„Guten Morgen, Sarah. Du bist schon da?“
„Ja klar, ich muss doch lernen, was ich morgens alles machen muss, damit ihr gut zur Schule kommt. Ich bin schon eine ganze Weile hier.“
„Frühstückst du mit uns?“
„Gerne, ich bringe nur mal schnell die Kleine hier wieder ins Bett, dann komme ich wieder runter“,
versprach Sarah.
„Ich zeige dir alles.“
Bobbie drehte um und folgte Sarah. Sie zeigte ihr, wo die Windeln lagen und schaute zu, ob Sarah auch alles richtig machte. Offensichtlich bestand Sarah die Prüfung. Bobbie legte ihre kleine Schwester in ihr Bettchen zurück und zusammen mit Sarah blieben sie noch einen Moment davor stehen und schauten auf das Baby. Lisa nuckelte zufrieden und Bobbie zog die Spieluhr auf.
„Das hat sie gern“,
flüsterte sie Sarah zu.
„Dann wollen wir jetzt wieder runtergehen, damit sie einschlafen kann. Und du musst was essen, sonst kippst du in der Schule noch um. Und ich kriege dann sicher Ärger mit deinem Vater.“
„Das glaube ich nicht“,
meinte Bobbie traurig, ging aber trotzdem runter.
Sarah folgte ihr langsam. Was glaubte Bobbie nicht? Dass sie in der Schule umkippte, oder dass sie, Sarah, dann Ärger mit ihrem Vater bekam? Sie beschloss, Anne nach dem Verhältnis von Vater und Tochter zu fragen, sobald die Kinder aus dem Haus waren.
In der Küche war das Frühstück in vollem Gang. Sarah setzte sich hin und sah dem Treiben lächelnd zu. Bobbie hatte den Anflug von Traurigkeit überwunden und lachte mit ihren Geschwistern über Sarahs Scherze. Plötzlich klingelte es.
„Das ist Jane. Philip, du musst los. Hier ist deine Tasche. Beeil dich, mein Schatz.“
Anne gab ihm einen Kuss und scheuchte auch die anderen hoch.
„Für euch wird es auch Zeit. Vergesst eure Taschen nicht. Und los gehts“,
meinte sie fröhlich.
Die Kinder stoben aus dem Haus und Anne ließ sich auf einen Stuhl fallen.
„Wir zwei rauchen jetzt eine Zigarette und dann beseitigen wir die Spuren der Frühstücksschlacht. Danach zeige ich Ihnen … ach, wollen wir nicht 'Du' zueinander sagen?“
„Ja gerne, ich heiße Sarah.“
Sarah hielt ihren Kaffeebecher in die Höhe und die beiden stießen an.
„Okay, Sarah. Dieses Chaos gehört ab morgen früh dir.“
„Ich freue mich darauf“,
sagte Sarah und erstaunt stellte sie fest, dass das nicht mal gelogen war.
„Was ist eigentlich zwischen Mr. Harding und Bobbie passiert? Sie hat vorhin so komisch reagiert.“
Sarah erzählte von dem Gespräch.
„Bobbie leidet am meisten unter dem Tod der Mutter. Die beiden hatten ein ausgesprochen gutes Verhältnis. Und für Mr. Harding ist Lisa im Augenblick der absolute Sonnenschein. Ich glaube, Bobbie fühlt sich zurückgesetzt. Vielleicht würde es schon helfen, wenn er mal mit ihr über seine Frau sprechen würde, aber darüber schweigt er sich völlig aus. Er frisst alles in sich hinein.“
„Das ist gar nicht gut.“
„Wem sagst du das, aber selbst guten Freunden gegenüber schweigt er. Jane und Steve haben ein paarmal versucht, mit ihm über Vicky zu reden, aber er blockt sofort ab. Er tut mir leid.“
Anne schwieg und Sarah musste schlucken. Ihr kamen nicht nur Zweifel an ihrem Plan, sie hatte das Gefühl, eine Riesendummheit zu begehen, aber nun konnte sie nicht mehr zurück. Also hieß es, sich mit ihren Recherchen zu beeilen, damit sie schnell wieder verschwinden konnte.
„Dann führ mich doch mal in die Geheimnisse des Haushalts ein“,
bat sie Anne.
„Ich habe dir hier eine Liste gemacht, mit allen Dingen, die du beachten solltest. In erster Linie bist du für die Kinder da. Die restlichen Hausarbeiten, und das sind nicht wenige, musst du dir so einteilen, dass die Kinder nicht drunter leiden. Versuche sie zu erledigen, wenn die Kinder in der Schule sind oder nachmittags spielen. Vermutlich wirst du dir häufig wie in einem Kindergarten vorkommen, da viele Klassenkameraden zum Spielen hierherkommen. Vicky Harding hat es immer genossen, viele Kinder um sich zu haben.“
„Das ist kein Problem.“
Sarah sah sich die Liste an, die Anne ihr gemacht hatte. Darauf stand wirklich alles, was sie erst mal wissen musste.
„Wann kommen die Kinder aus der Schule und Philip aus dem Kindergarten?“
„Sie sind um ein Uhr wieder da und dann wird gegessen. Danach sind die Hausaufgaben dran und dann ist bis um halb sieben Spielen angesagt. Um sieben wird Abendbrot gegessen und um acht müssen Philip und Colin ins Bett. Bobbie darf bis neun Uhr aufbleiben, aber dann ist auch für sie Schicht.“
„Gut und morgens um halb sieben müssen sie geweckt werden?“
„Ja, sie haben zwar alle einen Wecker in ihren Zimmern, aber du weißt ja, wie das ist …“
Sarah lachte.
„Das kenne ich von mir. Wer steht schon gerne auf, wenn der Wecker einen aus den schönsten Träumen reißt.“
„Eben.“
„Was ist mit Mr. Harding? Was isst er gerne? Wie mag er seine Sandwiches? Wie sehen die Wochenenden hier aus?“
„Ich denke, im Augenblick kannst du ihm alles vorsetzen. Er bekommt gar nicht richtig mit, was er isst. Und die Wochenenden unterscheiden sich nicht viel von den anderen Tagen. Nur das Frühstück findet später statt. Wenn jemand nicht aufstehen will, dann ist das in Ordnung.“
„Und jeder macht sich selbst etwas zu essen?“
„Ja, oder du richtest einen Brunch. Das geht auch in Ordnung. Am Wochenende nimmt das hier keiner so genau. Hat Mr. Harding eigentlich mit dir über einen freien Tag gesprochen?“
„Nein, hat er nicht. Wenn ich so darüber nachdenke, hat er überhaupt nicht viel gesagt.“
„Das wundert mich nicht sonderlich. Er ist so in seinem Schmerz gefangen, dass für andere Dinge kaum Zeit bleibt. Du solltest ihn daran erinnern.“
„Ach, ich brauche keinen freien Tag.“
„Sag das nicht so leichtfertig. Auch du musst mal zum Frisör, einkaufen, Freunde besuchen oder einfach etwas machen, wobei die Kinder deines Arbeitgebers stören würden. Glaube mir, ich habe da so meine Erfahrungen“,
grinste Anne.
Sarah lachte.
„Okay, ich glaube dir und ich werde darüber mit Mr. Harding sprechen.“
„Gut, dann überlasse ich dich jetzt deinem Schicksal, welches als erstes wohl die Bügelwäsche der vergangenen Wochen sein dürfte. Ich habe immer nur das Nötigste gemacht. Der Rest wartet auf dich.“
„Vielen Dank“,
meinte Sarah trocken.
„Ich werde dann mal rübergehen. Wenn du irgendetwas brauchst oder unsicher bist, dann komm einfach zu mir. Ich werde dir immer helfen.“
„Das ist sehr lieb von dir. Ich weiß das zu schätzen.“
Sarah brachte Anne zur Hintertür und sah ihr nach, bis sie im Nachbarhaus verschwand. Dann atmete sie tief durch und versuchte, sich daran zu erinnern, wo der Haushaltsraum war. Die erste Tür, die sie öffnete, führte ins Wohnzimmer. Es war geschmackvoll eingerichtet und in der Mitte des Raumes stand ein Stubenwagen für Lisa. Das war ja praktisch. Schließlich würde die Kleine ja nicht ewig schlafen. Sarah ging wieder raus und öffnete die nächste Tür. Diesmal war es der Haushaltsraum und Anne hatte nicht übertrieben, was die Bügelwäsche anging. Sarah machte sich mit Feuereifer an die Arbeit und hörte erst auf, als sie Lisa weinen hörte. Sie sah auf die Uhr und stellte erschrocken fest, dass es schon halb eins war. Die Kinder würden also bald aus der Schule kommen. Dann sollte das Essen auf dem Tisch stehen. Sarah flitzte nach oben und holte Lisa aus ihrem Bettchen. Mit der Kleinen auf dem Arm inspizierte sie den Kühlschrank, der Gott sei Dank gut gefüllt war. Jedenfalls enthielt er alles, was sie für Spagetti brauchen würde und auch für einen Salat dazu reichte es. Aber erst war mal Lisa dran. Rasch wärmte sie ein Fläschchen für die Kleine, fütterte sie und ging wieder mit ihr nach oben, um sie zu wickeln.
„Okay, kleine Maus. Jetzt gehen wir wieder runter, du kommst in den Stubenwagen und ich kümmere mich um das Mittagessen. Ich muss mich beeilen. Deine Geschwister kommen schon bald aus der Schule.“
Während sie in aller Eile die Nudeln aufsetzte und die Sauce plus Salat zubereitete, sprach sie mit der kleinen Maus. Pünktlich um ein Uhr erschienen die Kinder und ein paar Minuten später konnte gegessen werden. Sarah atmete auf. Das hatte ja gerade noch einmal geklappt.
Der Rest des Tages verging wie im Flug. Sarah machte mit Bobby und Colin Hausaufgaben. Während die Geschwister über ihren Schulbüchern brüteten, malte Philip für Sarah ein buntes Bild. Es gefiel ihr so sehr, dass sie es gleich in ihrem Zimmer aufhängte. Philip war begeistert. Bis die beiden anderen ihre Aufgaben fertig hatten, malte er noch zwei Bilder, die Sarah auch sofort aufhängte. Anschließend gingen die Kinder raus in den Garten. Bobbie bekam Besuch von einer Freundin und die beiden Mädchen zogen sich in ihr Zimmer zurück. Colin, Philip und die beiden Söhne von Jane spielten im Garten und zur Kaffeezeit tauchte Anne plötzlich auf, um zu sehen, wie Sarah zurechtkam. Die beiden Frauen unterhielten sich eine Ewigkeit und dann war es auch schon Zeit fürs Abendessen. Der Tag war wirklich ruckzuck vorbei gewesen und Sarah atmete auf, als alle Kinder um neun Uhr im Bett lagen. Sie ging wieder in den Haushaltsraum, um noch zu bügeln, war aber so müde, dass sie nicht mehr viel schaffte. Also richtete sie noch den Kaffee und die Sandwiches für den Hausherrn und ging ins Bett.
Sarah lebte sich schnell in dem Haushalt ein. Sie war zwar abends todmüde und meistens fiel sie wie ein Stein ins Bett, aber es machte auch Spaß. Sie fühlte sich in ihre Jugend zurückversetzt, als sie noch viele Stunden bei ihrer Großmutter im Kinderheim verbracht hatte. Aber sie machte sich auch eifrig Notizen. Schließlich war sie aus einem besonderen Grund hierhergekommen. Die Kinder fassten schnell Vertrauen zu ihr. Philip kam sogar nachts oft zu ihr ins Bett gekrochen, wenn er nicht schlafen konnte. Colin und Bobbie ließen sich gerne von Sarah bei den Hausaufgaben helfen und sie brachten auch wieder öfter Freunde zum Spielen mit nach Hause. Nur über ihre Mutter sprachen sie nicht. Vom Hausherrn bekam Sarah nicht viel zu sehen. Die Dreharbeiten zu seinem neuesten Film hatten begonnen und er ging frühmorgens aus dem Haus und kam meist erst spät nachts nach Hause. Sarah sorgte dafür, dass er immer etwas zu essen und eine Kanne Kaffee vorfand, wenn er heimkam. Eigentlich fühlte sie sich richtig wohl bei den Hardings. Und auch die Familie Thomas war sehr nett. Steve hatte sie bis jetzt zwar nur einmal kurz gesehen, aber mit Jane konnte man sich toll unterhalten.
Fast drei Monate war sie jetzt schon da und wie so oft tranken Anne und sie in der Küche der Hardings Kaffee. Anne hatte Lisa auf dem Schoß, während Sarah zwischen Anrichte und Herd hin und her flitzte. Die Kinder hatten sich ein warmes Abendessen gewünscht, weil es mittags nur Sandwiches gegeben hatte. Nun war sie dabei, eine Nudelpfanne zuzubereiten. Mit viel Gemüse, verschiedenen Sorten Wurst und natürlich Nudeln.
„Wie gefällt es dir denn jetzt hier? Kommst du mit allem zurecht?“
„Ja, es geht schon. Und wenn ich mal was nicht weiß, dann habe ich ja dich“,
grinste Sarah.
„Koste doch mal!“
Sie reichte Anne einen Löffel mit geschmortem Gemüse.
„Schmeckt toll“,
fand sie.
„Wann soll ich die Kinder rüberschicken?“
„Wenn alles nach Plan klappt, um halb sieben.“
„Im Ernst?“
„Meinetwegen. Ich glaube, ich habe viel zu viel gemacht.“
„Gut, wenn die Kinder mögen, sind sie um halb sieben hier.“
„Was ist mit dir? Jane und Steve sind doch nicht da, oder?“
„Nein, aber ich will noch Briefe schreiben und das mache ich dann.“
Sarah warf ihr einen schiefen Blick zu.
„Traust du meinen Kochkünsten nicht?“
„Doch, darum geht es nicht. Aber ich bin so selten allein, da genieße ich es, wenn ich dann mal die Gelegenheit dazu habe. Schick die Kinder doch bitte nach dem Abendessen wieder rüber, ja?“
„Mache ich.“
Sarah hatte die Vorbereitungen abgeschlossen und setzte sich hin. Sie nahm Anne die Kleine ab und griff nach der Flasche. Sofort begann Lisa eifrig zu saugen.
„Wer füttert sie eigentlich, wenn sie nachts aufwacht?“
„Meistens ich, es sei denn, Mr. Harding ordnet etwas anderes an. Aber das kommt selten vor. Kann ich aber auch verstehen, schließlich steht er von früh bis spät vor der Kamera. Und außerdem bin ich ja dazu da, um mich um die Kinder zu kümmern. Ich habe auch schon Babybrei gekauft, weil ich finde, sie ist alt genug, um das zu versuchen. Und dann müsste sie eigentlich auch durchschlafen.“
„Wie kommst du mit dem Hausherrn zurecht?“
„Ganz gut, denke ich.“
Sarah zuckte mit den Schultern.
„Er ist immer so ernst. Manchmal habe ich direkt ein schlechtes Gewissen, wenn ich mit den Kindern lache. Vor ein paar Tagen hat er Colin und Philip aus dem Wohnzimmer geholt. Er war sehr böse, dass sie überhaupt hineingegangen sind. Die beiden waren ziemlich verstört und Mr. Harding hat sich danach in seinem Arbeitszimmer verkrochen und ist den ganzen Abend nicht mehr rausgekommen. Ich wusste gar nicht, was ich den Kindern sagen sollte.“
„Der Tod seiner Frau hat einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Früher war er sehr fröhlich und hat viel mit den Kindern gelacht und gespielt. Nun verbringt er Stunden in seinem Arbeitszimmer und schaut alte Fotoalben durch. Ich hatte gehofft, das gibt sich wieder.“
„Bis jetzt wohl noch nicht. Aber im Moment ist er ja ohnehin so gut wie nie da. Ich werde jetzt mal die kleine Prinzessin hier bettfertig machen. Wenn die Kinder mögen, kannst du sie gleich rüberschicken.“
Anne verschwand und Sarah ging mit Lisa nach oben. Sie verpasste ihr eine frische Windel und zog ihr einen Schlafanzug an. Die Kleine war ziemlich müde und schlief ein, als Sarah noch nicht ganz aus dem Zimmer gegangen war. Sie hatte noch etwas Zeit und brachte schnell ihre Notizen auf den neuesten Stand. Sie war gerade fertig, da hörte sie die Kinder kommen und dem Lärm nach zu urteilen, waren auch Scott und Mike dabei. Sorgfältig versteckte Sarah ihre Notizen wieder und ging hastig nach unten.
„Hey, geht das auch alles ein klein wenig leiser? Schraubt doch mal einen Gang zurück“,
bat sie die Kinder.
„Was gibt es denn zu essen?“
„Habt ihr euch schon die Hände gewaschen? Gut, dann setzt euch hin.“
Sarah stellte den Wok auf den Tisch.
„Guten Appetit“,
wünschte sie den Kindern und die griffen ordentlich zu.
Eine Weile herrschte gefräßiges Schweigen. Bobby schob als erste ihren Teller weg.
„Mann bin ich satt“,
stöhnte sie und lehnte sich zurück.
Ihren Brüdern ging es nicht anders und auch Scott und Mike hielten sich die Bäuche.
„Hat es denn geschmeckt?“,
erkundigte Sarah sich lächelnd.
„Ja.“
„Und ob.“
„Machst du das mal wieder?“
„Dürfen wir dann auch wieder kommen?“
So klangen die Stimmen der Kinder durcheinander und Sarah lachte.
„Ja, ja, ja...“,
antwortete sie auf die Fragen.
„Was wollen wir jetzt machen? Es ist ja noch nicht so spät und wenn ihr mögt, können wir noch was spielen.“
„Au ja, ich hole die Karten!“
Noch bevor jemand reagieren konnte, rannte Colin los und holte aus seinem Zimmer ein Kartenspiel. Sarah hatte inzwischen mit Bobbys Hilfe schnell den Tisch abgeräumt und als Colin zurückkam, konnte das Spiel beginnen. Schon bald war aus der Küche fröhliches Gelächter zu hören. Sarah spielte mit und vergaß darüber völlig die Zeit. Als es an der Hintertür klopfte, schaute sie erstaunt hoch.
„Wer ist da?“,
rief sie laut.
„Ich bin es, Anne.“
Sarah stand auf und ließ Anne hinein.
„Du hast nicht etwa doch noch Hunger bekommen, oder?“
„Hunger? Hast du in letzter Zeit mal auf die Uhr gesehen? Ich will die Kinder holen. Es ist Zeit, schlafen zu gehen“,
meinte Anne.
„Ach Annie bitte, nur noch dieses eine Spiel. Dann kommen wir auch sofort rüber“,
schmeichelte Scott.
„Ja Annie, bitte, bitte“,
schloss sein Bruder sich an.
„Na gut, meinetwegen. Aber danach ist Schluss!“
Die Kinder versprachen es. Sarah stand auf und folgte Anne nach draußen.
„Tut mir echt leid, ich habe gar nicht mehr auf die Uhr gesehen“, bedauerte sie.
„Ist nicht so schlimm. Ich weiß ja, wo die Kinder sind. Und sie brauchen ja auch nur einmal von Hintertür zu Hintertür.“
„Das ist wirklich ungemein praktisch.“
Durch die Küchen der beiden Häuser gelangte man sofort in den Garten. Die Gärten waren zwar durch einen Zaun getrennt, aber den konnte man jederzeit abbauen. Die beiden Frauen standen an der Verbindungstür, rauchten eine Zigarette und unterhielten sich. Sie waren so in das Gespräch vertieft, dass beide fast ein wenig enttäuscht waren, als Scott und Mike ein paar Minuten später auftauchten und berichteten, das Spiel wäre zu Ende.
„Ich habe gewonnen“,
berichtete Scott stolz und Anne strich ihm liebevoll über den Kopf.
„Das ist toll, Schatz. Aber nun ab ins Bad Zähne putzen und dann ins Bett.“
Sie nickte Sarah nochmals zu und verschwand mit den Thomas-Sprösslingen im Haus.
Sarah ging wieder zurück in die Küche. Ihre Sprösslinge spielten noch.
„Macht Schluss Kinder. Es ist wirklich spät und ich möchte keinen Ärger mit eurem Vater bekommen.“
„Der ist doch nicht da.“
„Trotzdem!“
„Ja aber…“
„Colin bitte, ich möchte nicht diskutieren. Ihr könnt das Spiel noch zu Ende spielen und dann ist Schluss“,
bestimmte Sarah.
Die Kinder fügten sich und Sarah stellte den Geschirrspüler an. Für sie war der Tag noch nicht vorbei und sie wollte noch einiges schaffen. Auch das längste Spiel hatte irgendwann ein Ende. Widerwillig packten Colin und Philip die Karten zusammen.
„Gute Nacht, Sarah.“
„Schlaf gut, Sarah.“
„Ich komme gleich nochmal zu euch“,
versprach Sarah.
Bobby blieb am Küchentisch sitzen und sah Sarah nachdenklich zu. „Hast du keinen Freund, Sarah?“
„Nein, habe ich nicht. Warum fragst du?“
„Weil alle doch irgendwie einen Freund haben, wenn sie so alt sind wie du.“
„Vielen Dank“,
meinte Sarah trocken.
„So hab ich das nicht gemeint. Ich dachte nur, du bist doch … also ich meine …“
Sarah lachte und setzte sich zu ihr.
„Bobby, ich habe keinen Freund, weil ich noch nicht den richtigen Mann gefunden habe.“
„Ach so. Wie muss denn der Mann aussehen?“
Sarah überlegte einen Moment.
„Hhmm, das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht.“
„Und woher weißt du dann, wann der Richtige da ist?“
„Das kann ich dir auch nicht sagen, aber wenn es soweit ist, werde ich es wissen.“
Sarah schnitt Bobby eine Grimasse.
„… hoffe ich zumindest“,
fuhr sie lächelnd fort und stand wieder auf.
„Du gehst jetzt auch besser nach oben und machst dich fertig. Und, ach ja, es wäre lieb, wenn du mal kurz nach Lisa schauen würdest.“
„Mach ich.“
Bobby sprang auf und stürmte fröhlich die Treppen rauf. Ein paar Minuten später kam sie wieder runter.
„Lisa schläft ganz fest“,
meldete sie und ging wieder rauf.
Sarah folgte ihr kurz danach. Sie wollte den Jungen noch gute Nacht sagen. Als sie in Philips Zimmer ging, lag der Kleine schon im Bett.
„Na mein Kleiner, schläfst du etwa schon?“
Sarah hockte sich auf die Bettkante und strich ihm zart über den Kopf.
„Nein. Sarah, übernächstes Wochenende ist doch das Baseballspiel. Alle meine Freunde gehen hin.“
„Ja? Tun sie das?“
„Ja, alle.“
„Und nun möchtest du auch hingehen, oder?“
„Ja das möchte ich so gerne. Glaubst du, Daddy erlaubt es?“
„Ich weiß nicht, Schatz. Wie wäre es, wenn du ihn fragst?“
„Er ist doch nie da“,
meinte Philip leise.
„Bis zum Spiel sind es noch zwei Wochen.
