Eine schicksalhafte Begegnung - Connie Herzog - E-Book

Eine schicksalhafte Begegnung E-Book

Connie Herzog

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Beschreibung

Teil 1: Der introvertierte Schriftsteller Frank ist nach einer Panne mit seinem Wagen verletzt und froh, dass ihn die junge Tamara mit in ihr Haus in den Bergen nimmt, in dem sie mit ihrem Bruder lebt. Eine Entscheidung, die das Leben der beiden Männer für immer verändern wird. Teil 2: Stephan und Frank sind mittlerweile ein Paar und leben, lieben und streiten zusammen. Nachdem sie eines Tages zwei Hunde zu sich nehmen, die in einem Einkaufswagen ausgesetzt wurden, bringt das die Männer auf eine geniale Idee. Aber das ist nicht die einzige Begegnung, die ihr Schicksal verändern wird. Teil 3: Tamara, Stephan, Frank und Ben widmen sich voll und ganz ihrer Tätigkeit als Tierpfleger und lernen neue Freunde kennen. Als jedoch plötzlich Bens Pflegevater gegenüber der Familie aggressiv wird, kommt es zu dramatischen Ereignissen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Bonusgeschichte

Bücher von Connie Herzog

Impressum

Teil 1

Missmutig schaute Stephan auf die Uhr. Über eine halbe Stunde war seine Schwester jetzt schon überfällig. Draußen herrschte dichtes Schneetreiben, und er schwankte zwischen Wut und Besorgnis. Vorsichtig stand er auf und humpelte zum Fenster. Stephan hatte sich vor ein paar Wochen beim Schneeschippen verletzt. Er war ausgerutscht und unglücklich mit dem Knie aufgekommen. Dabei hatte er sich eine starke Zerrung zugezogen. Nun konnte er kaum laufen, und seine Schwester musste sich allein um die Feriengäste kümmern. Stephan hatte vor ein paar Jahren in Kanada mehrere heruntergekommene Hütten gekauft und sie liebevoll zu Ferienwohnungen umfunktioniert.

Vor einem Jahr war dann seine um einiges jüngere Schwester bei ihm aufgetaucht, nachdem sie sich mit ihrem Freund gestritten hatte. Aus der einen Woche, die sie bleiben wollte, wurden zwei, drei, und nach über einem Monat hatte Tammy beschlossen, gleich zu bleiben. Sie liebte das Land und half ihm fortan bei der Betreuung der Gäste. Dass sie hervorragend mit Zahlen umgehen konnte, war perfekt. Stephan überließ ihr mit Freuden die Buchhaltung, und es dauerte gar nicht lange, da hatte sie Ordnung in das Chaos gebracht.

Wieder schaute er auf die Uhr. Eine Stunde! Nun fing er doch an, sich Sorgen zu machen. Zum wiederholten Mal versuchte er, sie auf dem Handy zu erreichen. Mailbox! Am liebsten hätte er das Telefon an die Wand geworfen, aber das würde ja auch nichts bringen. Also beschränkte er sich darauf, mit zusammengekniffenen Augen aus dem Fenster zu starren. Nicht, dass er hätte etwas sehen können, außer den Schneeflocken, die vor dem Fenster auf und ab tanzten. Stephan holte tief Luft und wollte sich gerade wieder setzten, weil sein Knie höllisch wehtat, als er glaubte, Lichter zu sehen. Er kniff die Augen noch mehr zusammen - und tatsächlich kam da ein Wagen die Auffahrt herauf.

So schnell er konnte, humpelte er zur Tür und riss sie auf.

„Verdammt nochmal, wo bleibst du denn …“

Der heftige Wind verschluckte die Hälfte seiner Worte, und Tamara beachtete ihn gar nicht. Sie parkte genau vor dem Haus und hetzte um den Wagen herum zur Beifahrerseite. Erst jetzt bemerkte Stephan, dass sie nicht allein im Wagen saß. Vorsichtig half sie einem jungen Mann aus dem Wagen und schob ihn in Richtung Haus. Sie musste ihn stützen. Wortlos machte Stephan Platz.

„Hey Stephan, das ist Frank“,

erklärte sie im Vorbeigehen.

„Ich habe ihn auf dem Weg hierher aufgelesen. Sein Wagen hat einen Platten, und bei dem Versuch, den Reifen zu wechseln, ist er ausgerutscht und hat sich verletzt.“

Stephan fragte nicht lange. Er half seiner Schwester so gut es ging, den jungen Mann ins Wohnzimmer zu bringen, und gemeinsam setzten sie ihn in einen Sessel genau vor dem Kamin. Frank war vom Schnee nass bis auf die Haut und wagte kaum, sich zu bewegen. Sein ganzer Rücken war ein einziger Schmerz, trotz der Kälte, die durch seinen ganzen Körper kroch. Tamara hatte schon eine Decke geholt und warf sie Stephan zu.

„Ich hole nur schnell die Einkäufe aus dem Wagen und fahre ihn in den Schuppen“,

rief sie ihrem Bruder zu.

Stephan und der unerwartete Gast waren allein. So gut er es eben konnte, schob Stephan den Sessel noch dichter an den Kamin und wickelte dann die Decke um den jungen Mann.

„Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen so viel Umstände mache …“,

fing Frank an, aber Stephan unterbrach ihn sofort.

„Darüber machen Sie sich mal keine Gedanken. Hier draußen hilft man sich gegenseitig. Ich bin leider nicht so gut zu Fuß im Augenblick, aber Tamara wird Ihnen gleich ein heißes Bad einlassen … danach fühlen Sie sich sicher schon besser.“

Frank schluckte heftig. Ein heißes Bad wäre schon schön, aber wie sollte er in die Wanne kommen? Er konnte ja kaum laufen!

„Machen Sie sich keine Gedanken, ich helfe Ihnen. Ist kein Problem“, versicherte Stephan, als hätte er Franks Gedanken gelesen.

Frank wurde knallrot. Er lebte sehr zurückgezogen und wäre vor Verlegenheit am liebsten im Erdboden versunken.

„Das … das ist mir alles so unangenehm“,

brachte er mit zusammengebissenen Zähnen heraus.

„Muss es nicht“,

gab Stephan unbekümmert zurück.

„Wir brauchen doch alle irgendwann einmal Hilfe, oder?“

Frank schaute hoch und blickte genau in Stephans dunkelbraune Augen, die ihn voller Wärme ansahen. Augenblicklich hatte er das Gefühl, unter Strom zu stehen. Der Blick traf ihn wie ein Blitz und ihm wurde richtig heiß.

Stephan lächelte ihn mit schief gelegtem Kopf an. In seinem Gegenüber arbeitete es, das sah er ganz deutlich.

„Alles in Ordnung?“

erkundigte er sich und legte dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter.

Frank zuckte merklich zusammen und sofort zog Stephan seine Hand zurück.

„Habe ich ihnen wehgetan?“

fragte er besorgt, und hastig schüttelte Frank den Kopf.

„Nein, nein … gar nicht. Ich … es …“

Er brach ab.

Wie hätte er auch erklären sollen, was er gerade gefühlt hatte. Als hätte der Blitz eingeschlagen! Verlegen senkte er den Blick. Stephan bekam von dem Gefühlskonflikt seines Gastes nicht viel mit. Er legte Holz im Kamin nach, und unauffällig schielte Frank auf seinen Rücken. Unter dem Hemd zeichneten sich die Rückenmuskeln ab, und wieder wurde ihm heiß. Frank schluckte hart. Am liebsten hätte er die Hand ausgestreckt und ihn berührt. Kaum wurde ihm der Gedanke bewusst, ballte er die Hände zu Fäusten. Das fehlte gerade noch! Was war denn nur in ihn gefahren? Sicher, er wusste schon seit einiger Zeit, dass er sich mehr zu Männern hingezogen fühlte, aber so wie bei diesem Stephan hatte er sich noch nie gefühlt.

Als Stephan sich ihm jetzt wieder zuwandte, wurde Frank prompt wieder rot. Stephan registrierte es mit einem kleinen Lächeln. Er hätte seinen Gast auf der Stelle fressen können, obwohl der wie ein Häufchen Elend in dem Sessel saß. Seine Finger zuckten bei dem Wunsch, ihm die vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen und schnell verbarg er seine Hand hinter seinem Rücken. Unfähig, den Blick von sich zu lassen, verloren sich ihre Augen ineinander, und als Tammy plötzlich

„Bin wieder da“,

rief, zuckten sie beide zusammen.

Stephan wandte seine Aufmerksamkeit seiner Schwester zu.

„Das wird auch Zeit. Kannst du Frank ein Bad einlassen? Danach fühlt er sich sicher besser.“

„Ja klar, ich mache es gleich. Hilfst du ihm?“

Stephan nickte langsam und lächelte dann seinem Gast zu, als Tammy in Richtung Bad verschwunden war.

„Ich suche dir was zum Anziehen von mir raus. Deine Sachen sind doch sicher im Wagen, oder?“

Unbewusst ging Stephan zum vertrauten DU über.

Frank nickte.

„Ja, und vielleicht können wir eine Werkstatt anrufen, dass sie den Wagen abholen?“

„Klar, aber das wird heute nichts mehr. Und solange es so schneit, kommen die eh nicht. Keine Chance. Mach dir um den Wagen mal keine Gedanken. Wichtiger ist jetzt, dass dir wieder warm wird“,

meinte er warm - und bei dem Lächeln, mit dem er Frank ansah, wurde der prompt wieder rot.

Tammy tauchte wieder auf und unterbrach den Blickkontakt der beiden. Sie stellte sich neben den Sessel und schob ihren Arm unter seine Achsel. Stephan tat es ihr auf der anderen Seite gleich, und gemeinsam hoben sie Frank aus dem Sessel und gingen mit ihm zum Badezimmer. Vor der Tür ließ Tammy ihn vorsichtig los.

„Ab jetzt schafft ihr das sicher allein. Ich mache mal was zu essen heiß. Ich hoffe, Sie mögen Eintopf?“

Mit den Augen ihres Bruders lächelte sie Frank an, und der lächelte zurück.

Stephan starrte Frank an. Wenn er lächelte, veränderte sich sein ganzes Gesicht - und nun war es an ihm, hart zu schlucken.

Seine Hände zitterten leicht, als er die Tür öffnete und Frank hindurch schob. Frank stützte sich schwer auf Stephan, und der griff automatisch fester zu. Sachte half er ihm, sich auf den Badewannenrand zu setzen und ging vor ihm in die Knie. Vorsichtig zog er ihm die Schuhe aus, und wieder wäre Frank vor Verlegenheit am liebsten im Erdboden versunken. Stephan bemerkte es sofort.

„Das muss dir nicht unangenehm sein“,

versicherte er.

„Ich kenne das Gefühl, wenn man sich nicht bewegen kann nur zu gut. Ich bin Physiotherapeut, kann meinen Beruf aber nach einem Unfall nicht mehr ausüben. Deshalb habe ich mir hier ein paar Hütten gekauft, mit Hilfe von Freunden renoviert, und nun vermiete ich sie.“

Während er munter drauf los plauderte, hatte er ihm Schuhe und Socken ausgezogen und zog sich nun am Waschbecken wieder hoch. Frank hatte sich inzwischen das Hemd abgestreift und Stephans Blick wurde fast magisch von dem leicht beharrten Oberkörper angezogen.

„Kannst … äh … kannst du aufstehen? Ich helfe dir, die Jeans aus…“ Auszuziehen hatte er sagen wollen, aber nach einem Blick in Franks Gesicht blieb ihm das Wort buchstäblich im Hals stecken. Er schaute ihn mit fast schwarzen Augen an, in denen so viel Schmerz stand, dass Stephan ihn am liebsten fest in die Arme genommen hätte.

„Ich denke, das schaffe ich schon, vielen Dank“,

kam es ganz leise über Franks Lippen, und Stephan nickte.

Er legte den Rückwärtsgang ein und wäre fast über die Waage gestolpert. Ein stechender Schmerz durchschoss sein Knie, aber Stephan war so von Frank gefangen, dass er es kaum bemerkte. Hastig humpelte er zur Tür und zog sie hinter sich ins Schloss. Aufatmend lehnte er sich dagegen und versuchte, seinen Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen.

So fand ihn Tamara, die in der Zwischenzeit im Kleiderschrank ihres Bruders gewühlt hatte.

„Hey, ich habe hier ein paar Klamotten für …“

Sie unterbrach sich und schaute ihrem Bruder fragend ins Gesicht.

„Was ist denn mit dir passiert? Hast du einen Geist gesehen?“

Langsam schüttelte Stephan den Kopf.

„Stephan??“

Stephan lächelte seine Schwester an.

„Alles in Ordnung, Kleine.“

„Oh oh, das Lächeln kenne ich“,

seufzte Tamara.

„Du verliebst dich gerade.“

„Unsinn“,

wehrte Stephan barsch ab, konnte aber nicht verhindern, dass ihm die Röte ins Gesicht stieg.

„Und schrei nicht so, er kann dich doch hören!“

„Ja sicher, durch eine schalldichte, geschlossene Tür“,

meinte Tamara sarkastisch.

„Glaubst du, er ist sowas wie Superman“,

fügte sie spitzbübisch lächelnd hinzu.

Stephan maß seine Schwester mit einem vernichtend langen Blick, riss ihr die Sachen fast aus der Hand und ging, nachdem er einmal geklopft hatte, wieder ins Bad. Frank lag mit geschlossenen Augen in der Wanne. Das heiße Wasser ließ seine Lebensgeister langsam wieder erwachen; er fühlte sich von Minute zu Minute besser. Tief in Gedanken versunken hatte er nicht einmal mitbekommen, dass Stephan wieder da war. Als der jetzt leise seinen Namen sagte, riss er erschrocken die Augen auf, verlor den Halt und rutschte unter Wasser. Sekunden später tauchte er nach Luft schnappend wieder auf, das Gesicht und die Haare voller Schaum.

Stephan musste lachen. Seine Hand machte sich selbstständig und wischte Frank vorsichtig eine kleine Schaumkrone von der Nase.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Wie fühlst du dich?“

Frank wischte sich einmal über das Gesicht.

„Vielen Dank, viel besser“,

prustete er.

„Tamara hat dir ein paar Sachen von mir herausgesucht. Sie hat ein gutes Auge, also passen sie sicher. Und hier ist auch ein Handtuch. Glaubst du, du schaffst es allein aus der Wanne? Ich helfe dir auch gern“,

bot er an.

Frank schüttelte so hastig mit dem Kopf, dass er fast wieder untergegangen wäre.

„Das wird nicht nötig sein … echt nicht … ich fühl mich schon viel besser“,

versicherte er hastig.

Stephan warf ihm einen langen Blick zu, und Frank hatte das Gefühl, er könne ihm bis in seine Seele schauen.

„Nun stell dich nicht so an“,

meinte er burschikoser, als ihm zumute war, und streckte ihm eine Hand entgegen.

Frank ergriff sie nur zögernd. Kaum stand er, war der Schmerz wieder da. Nun war er froh über Stephans Hilfe, der ihn sofort in ein kuschelig, weiches Badetuch hüllte. Er roch den herben Duft seines Aftershaves und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Sein Herz schlug Purzelbäume, und als er die Augen wieder öffnete, schaute er genau in die von Stephan.

„Ich denke, ich komme jetzt allein zurecht …“

Plötzlich war Frank ganz Abwehr. Stephan spürte es sofort und trat einen Schritt zurück. So hastig, dass Frank, der sich noch immer auf ihn stützte, fast vornüber gekippt wäre. Er hielt sich am Waschbecken fest und wagte es nicht, Stephan anzusehen.

„Ich warte vor der Tür. Tamara hat sicher inzwischen das Essen fertig“,

sagte Stephan in die Stille hinein und ging hinaus.

Vor der Tür holte er tief Luft. Was war denn das jetzt gewesen? Die Stirn in Falten gezogen, wartete er, bis Frank aus dem Bad kam. Wortlos schlang er den Arm um die Taille des jungen Mannes, und langsam gingen sie zurück ins Wohnzimmer. Tamara brauchte nur einen Blick in das Gesicht ihres Bruders zu werfen, um zu sehen, dass etwas nicht stimmte. Freundlich lächelte sie Frank entgegen.

„Fühlst du dich besser?“

Frank erwiderte das Lächeln zögernd.

„Ja danke, viel besser.“

Er setzte sich vorsichtig auf den Stuhl, und Tamara stellte einen dampfenden Teller vor ihn.

„Dann lass es dir schmecken“,

forderte sie ihn auf.

„Das ist wirklich sehr nett von euch. Gleich morgen rufe ich eine Werkstatt an, damit sie sich um den Wagen kümmern und …“

„Das kannst du vergessen. Der Schneesturm ist noch schlimmer geworden und soll auch noch ein paar Tage anhalten. Ich fürchte, du sitzt hier fest“,

meinte sie unbekümmert.

„Ja aber … das geht doch nicht …“,

stotterte Frank, und sofort richteten sich zwei Augenpaare auf ihn.

„Warum soll das nicht gehen?“

fragte Tamara.

„Außerdem, was willst du dagegen machen? In die nächste Stadt laufen kannst du ja wohl schlecht, und fahren können wir dich nicht. Man kann nicht mal einen Meter weit sehen draußen. Wir würden schneller im Graben landen, als du bis drei zählen kannst“,

setzte sie hinzu.

„Keine Angst, wir tun dir schon nichts“,

versprach Stephan.

Frank spürte, dass ihm schon wieder die Röte ins Gesicht stieg.

„Ich möchte euch nicht zur Last fallen“,

sagte er so leise, dass die beiden ihn kaum verstanden.

Stephan lächelte ihm voller Wärme zu.

„Nun hör doch mal auf damit. Du fällst uns nicht zur Last. Mach dir darüber also keine Gedanken.“

Er schaute seinem Gegenüber fest in die Augen, und Frank hatte plötzlich die berühmten Schmetterlinge im Bauch. Alles in ihm schien zu kribbeln, und nur zögernd erwiderte er Stephans Lächeln.

„Na, dann haben wir das ja geklärt“,

meinte Tamara fröhlich.

„Lasst uns jetzt endlich essen.“

Gleichzeitig tauchten die beiden Männer ihre Löffel in die Suppenschalen. Das sah so urkomisch aus, dass Tamara lachen musste. Sie verschluckte sich, und Stephan schlug ihr kräftig auf den Rücken, bis seine Schwester abwehrend die Hände hob.

„Bist du irre? Zwei Halbinvaliden reichen doch wohl, oder nicht?“

Stephan zuckte mit den Schultern.

„Ich wollte dir ja nur helfen“,

brummte er beleidigt.

Frank sah staunend von einem zum anderen. Die lockere, unbekümmerte Art der beiden faszinierte ihn.

„Erzähl doch mal ein bisschen was von dir, Frank. Was machst du so?“,

riss Tamara den jungen Mann aus seinen Gedanken.

„Ich bin Schriftsteller“,

gab er zurück.

„Das ist ja spannend. Ich wollte schon immer mal einen Schriftsteller kennenlernen“,

strahlte Tamara.

„Mensch, vielleicht hat Stephan sogar Bücher von dir. Er liest nämlich unentwegt. Erst recht, nachdem er sich so schlecht bewegen kann.“

„Was … was liest du denn so?“

Da war es wieder. Dieses schüchterne Lächeln, das Stephans Herz Purzelbäume schlagen ließ.

„Eigentlich alles. Am liebsten Fantasy-Romane. Da kann man so richtig abtauchen in eine andere Welt, das mag ich.“

„Dazu sind Bücher ja auch da, finde ich. Um für einige Zeit die Realität zu vergessen und sich an andere Orte zu träumen“,

meinte Frank leise.

Stephan schluckte. Er spürte instinktiv, dass hinter Franks Worten mehr stand, als nur der Wunsch als Schriftsteller, seinen Lesern möge es so gehen. Er hatte viel mehr das Gefühl, das er selber gerne in eine andere Welt abgetaucht wäre.

„Und was hat dich in diese abgelegene Gegend verschlagen?“,

fragte Tamara weiter.

„Sei nicht so neugierig“,

wies Stephan seine Schwester zurecht, doch Frank winkte ab.

„Schon in Ordnung. In meiner Wohnung hat es einen Wasserschaden gegeben. Sie muss komplett renoviert werden, und ich musste raus. In ein Hotel wollte ich aber nicht. Da sind mir zu viele Menschen. Ich brauche Ruhe zum Schreiben, und da hat mir mein Verlag hier eine Unterkunft besorgt.“

Tamara horchte auf.

„Dein Verlag? Etwa der Tellmore Verlag?“,

hakte sie nach und als Frank nickte, lachte sie.

„Na dann bist du bei uns wirklich richtig. Sie haben für dich eine unserer Hütten gemietet. Also brauchst du jetzt kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, dass du bei uns bist. Ich werde dir unser Gästezimmer herrichten. Solange du angeschlagen bist, kannst du eh nicht allein bleiben. Wenn du schreiben möchtest, kann ich dir meinen Laptop anbieten. Für den Übergang wird es schon reichen. Und sobald sich das Wetter bessert, schaue ich nach deinem Wagen. Genau so machen wir es.“

Sie nickte bekräftigend zu ihren Worten, und Frank blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. Stephan lachte leise.

„Versuche gar nicht erst, ihr zu widersprechen. Hat keinen Sinn. Wenn meine kleine Schwester sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann macht sie es auch. Außerdem hat sie recht. In diesen Hütten musst du körperlich topfit sein. Anders geht es gar nicht. Das Gästezimmer liegt hinten raus. Da hast du zum Schreiben deine Ruhe, und wenn du Gesellschaft möchtest, ist immer jemand da.“

Frank senkte den Blick. Er konnte nicht fassen, wie freundlich die beiden zu ihm waren. Seine eigene Familie hatte sich komplett von ihm abgewendet. Der eine Teil hielt ihn für verrückt, der andere stempelte ihn als Sonderling ab. Weil er kaum das Haus verließ, weil er sein Geld mit dem Schreiben von Romanen verdiente, weil er keine Freundin hatte usw. Es gab noch tausend andere Gründe, weswegen seine Familie nichts mit ihm zu tun haben wollte. Und diese beiden hier nahmen ihn einfach auf, kümmerten sich um ihn und fanden das auch noch total normal. Frank schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. Er traute sich nicht, Stephan oder seine Schwester anzuschauen. Während Tamara in Gedanken schon wieder ganz woanders war, ließ Stephan seinen Gast nicht aus den Augen. In Franks Gesicht arbeitete es, und unwillkürlich fragte er sich, was der junge Mann wohl schon so alles durchmachen musste. Er wirkte völlig verkrampft, wie er da auf dem Stuhl saß, und vorsichtig gab Stephan seiner Schwester einen Wink.

Tamara reagierte sofort. Die Geschwister verstanden sich ohne viele Worte, und sie richtete ihre volle Aufmerksamkeit auf Frank. Der hatte seine Suppenschüssel inzwischen geleert.

„Hat es dir geschmeckt? Möchtest du noch etwas? Oder seid ihr bereit für den Nachtisch“,

fragte Tamara fröhlich.

„Es war sehr lecker, aber ich möchte nichts mehr, danke“,

kam es von Frank, und auch Stephan winkte ab.

„Na dann räume ich mal ab. Bruderherz, du hilfst unserem Gast auf die Couch. Er sieht aus, als könne er eine bequemere Sitzgelegenheit vertragen.“

Tamara stand auf, während Stephan um den Tisch herumging und Franks Stuhl zurück zog. Dann stellte er sich neben ihn und umfasste sacht seine Taille. Frank zog sich am Tisch hoch und zog scharf die Luft ein. Ein stechender Schmerz durchschoss seinen Rücken, sobald er versuchte, sich aufrecht hinzustellen.

„Du hast dir sicher einen Nerv eingeklemmt“,

meinte Stephan mitfühlend.

Er trug Frank mehr, als er ging, zum Sofa und ließ ihn vorsichtig hinein gleiten. Dann hob er seine Beine auf die Couch und stopfte vorsichtig noch ein Kissen in seinen Rücken.

„Ist es so bequem?“,

erkundigte er sich leise und Frank nickte heftig.

„Ja, vielen Dank, es ist sehr gut so“,

versicherte er hastig.

Die Nähe Stephans hatte seinen Puls in ungeahnte Höhen getrieben. So stark wie auf ihn hatte er noch nie zuvor auf einen Mann reagiert. Dabei hatte er sich vorgenommen, sich nie wieder zu verlieben. Er war einfach schon zu oft verletzt und enttäuscht worden. Zum Glück tauchte in dem Moment Tamara wieder auf. Sie stellte ein großes Tablett auf dem Tisch ab.

„Nachtisch ist fertig. Vanilleeis mit heißen Kirschen und Sahne. Ich hoffe, du magst Eis?“

Sie reichte Frank ein Schälchen, und auch Stephan bekam eine. Dann kuschelte sie sich in den Sessel und nahm sich auch eine Schale.

„Ich habe eben den Wetterbericht abgehört. Der Schneesturm verschlimmert sich noch. Wie gut, dass ich noch mal Vorräte gekauft habe. Wir können locker ein paar Wochen eingeschneit bleiben, bis wir verhungern“,

teilte sie den beiden Männern mit.

Frank riss die Augen auf und verschluckte sich an seinem Eis. So schnell er es mit seinem verletzten Knie konnte, stand Stephan auf und eilte zu ihm. Er nahm Frank das Eisschälchen ab und zog ihn dann vorsichtig hoch. Dabei warf er seiner Schwester einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Verdammt noch mal, Tamara!“

„Das habe ich doch nicht so gemeint“,

verteidigte sich seine Schwester. Sie war auch aufgestanden und stützte Frank, der sich langsam wieder beruhigte.

„Entschuldige Frank, das war echt nur ein Witz. Wir sind hier bestens versorgt, ehrlich“,

beteuerte sie und zog irritiert die Augenbrauen hoch, als ihr Gast zu lachen begann.

„Ihr zwei seid wirklich einmalig. Ich habe keine Angst, dass wir hier verhungern. Außerdem verspreche ich, dass ich ganz wenig esse“,

versicherte er und brachte damit die beiden zum Lachen.

„Na dann bin ich ja beruhigt.“

Tamara strich ihm über die Schulter und zwinkerte ihrem Bruder zu. Frank taute von Minute zu Minute mehr auf, und auch seine Schmerzen im Rücken ließen ein wenig nach. Tamara stand irgendwann auf und richtete das Gästezimmer für ihn her. Sie holte aus Stephans Kleiderschrank einen warmen Schlafanzug und ging schließlich zurück zu den beiden Männern.

„Ich gehe schlafen. Im Gästezimmer ist alles bereit. Meinen Laptop habe ich dir auch hingestellt. Schlaft gut. Und dir, Frank, wünsche ich angenehme Träume.“

„Mir nicht …?“,

fragte Stephan empört.

„Nein, Bruderherz, ich weiß genau, wovon du träumst“,

schmunzelte Tamara.

Stephan warf ein Kissen nach ihr, und lachend verschwand sie in ihrem Schlafzimmer.

Stephan schüttelte den Kopf, dann schaute er Frank an.

„Du siehst auch müde aus. Ich bringe dich ins Gästezimmer.“

Frank ließ sich bereitwillig in die Höhe ziehen. Sein Rücken tat immer noch sehr weh, und er war dankbar, dass er sich auf Stephan stützen konnte.

„Wie geht es eigentlich deinem Knie?“,

fragte er leise.

„Ach, der Schmerz kommt und geht. Solange ich aufpasse, geht es eigentlich. Aber du hast immer noch starke Schmerzen, oder? Weißt du was? Ich schaue mir das gleich mal an.“

Sie hatten das Gästezimmer erreicht, und aufatmend setzte sich Frank aufs Bett.

„Tamara hat dir einen Schlafanzug von mir rausgelegt. Aber leg dich bitte erst mal auf den Bauch, damit ich mir deinen Rücken anschauen kann.“

Frank kam der Bitte schweigend nach. Stephan hockte sich auf die Bettkante und schob vorsichtig das Sweatshirt hoch. Franks Herz schlug ihm bis zum Hals, als er Stephans sanfte Hände auf seinem Rücken fühlte.

---ENDE DER LESEPROBE---