Holy Shit - Meine Weltenreise von der Querschnittlähmung zum aufrechten Gang - Edith Gloor - E-Book

Holy Shit - Meine Weltenreise von der Querschnittlähmung zum aufrechten Gang E-Book

Edith Gloor

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Beschreibung

Eine Verneigung vor der Schulmedizin und eine Ode an das Heilende in der Kunst Aus heiterem Himmel fällt Edith Gloor morgens nach dem Toilettengang in sich zusammen - Diagnose "querschnittgelähmt". Man gibt ihr eine Heilungschance von knapp 5 Prozent. Nur ein Jahr später steht sie dennoch wieder selbstständig auf ihren Füßen. Die Autorin nimmt uns mit auf ihre einjährige Reise zur körperlichen wie seelischen Genesung. In eindringlichen, kurzen Texten erfahren wir, welche schöpferischen und transformatorischen Möglichkeiten unser Gehirn uns schenken und wie das Zusammenspiel aus Hightech-Medizin, körperlicher Disziplin und mentaler Disposition ein medizinisches Wunder bewirken kann. Ein Buch voll sprachlicher Leichtigkeit und voller Tiefe, das nicht nur an "Betroffene", sondern auch an jene gerichtet ist, die fern alles Konfessionellen auf der Suche sind nach seelischer Genesung und dem "Aufrechten Gang".

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EDITH GLOOR

HOLY SHIT

MEINE

WELTENREISE

VON DER

QUERSCHNITTLÄHMUNG

ZUM

AUFRECHTEN

GANG

1. eBook-Ausgabe 2015

© 2015 Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, München

Umschlaggestaltung: Sabine Fuchs, Oberhaching/München

Umschlagmotiv: Francesco del Cossa, Verkundigung (Detail).

bpk / Staatliche Kunstsammlungen Dresden / Hans-Peter Kult

Satz: BuchHaus Robert Gigler, Munchen

ePub: 978-3-95803-012-1

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.scorpio-verlag.de

INHALT

Erwachen

Star Wars

Sommerferien

Tango

Fallen

H15

Die Skizze

Der Fisch

Das Taftkleid

Der Traum

Die Entscheidung

Die Reinigung

Neue Ordnung im Kopf

Evolution

Es geht!

Die Zweimillimeterschwelle

Gelato und Sauerkraut

Ödipus auf Kolonos

Ein-Bild-ung

Das entscheidende Organ

Die Umgebung

Das große Tor

Forellenquintett

Tanzen

Kräutergarten

Qasida al-Burda

Dornenkrone

Der Komponist und der Seefahrer

Das Strickjäckchen

Der siebte Tag der Schöpfung

Schwellfuß

Ora et labora

Welttheater

Schönheit und Spirale

Am Morgen vierfüßig

Jakobsleiter

Die Füße im Feuer

Üsümülüntülümüs

Rosenhügel

I didn’t kick it like Beckham

Der Zaun

Das Vaterunser

Kopffüßler

Papageienfedern

Kutschenfahrt

Die Kreuzung

Wunde und Wunder

Zu Hause

Rolltreppen und Kläffer

Heringssalat und Hüftgelenke

Welcome to all the pleasures

Feinschliff am aufrechten Gang

Das Heilende in der Kunst

Holy Shit

Fuschlsee

Oiw, gib mir, dass ich schön werde in der Seele, versöhnt mit dir und der Welt.

Keltisches Gebet

ERWACHEN

Von sehr weit weg dringen an- und abschwellende Geräusche zu mir. Klopfen, Piepsen, Stöhnen, Saugen, Menschenstimmen, Sirenengeheul, Plätschern. Rote Lichterkugeln, vielleicht auch weiße, leuchten kurz auf, für Sekunden schwebt ein spiralförmiges Etwas an mir vorbei. Dann verschwindet alles wieder im Nebel, und ich sinke erneut in Stille und Nichts. Ich versuche die Signale, die wie aus einer fernen Welt gesendet werden, festzuhalten. Die Augenlider gehorchen mir nicht. Wohlig schweben Licht und Dunkel und die nicht zu identifizierenden Geräuschfetzen an mir vorbei. NASA-Zentrum, denke ich. Ich denke? Kaum. Es handelt sich bloß um eine Empfindung, die mich leicht streift. Die Spirale taucht ein zweites Mal auf, jetzt für mehr als nur einen Augenblick. Sie berührt meine Nase. Dann ist sie jäh wieder weit weg, so weit weg, als würde ich mit einem Fernrohr in den Himmel blicken und dort die Geburt einer Galaxie entdecken.

Die Stimmen sind nun dicht an meinem Ohr. Irgendetwas zupft an meinem Mund, schiebt da drin ein Riesending zurecht. Eine Hand streicht mir sorgfältig die Haare aus dem Gesicht. Menschen sind da. Ein junger Mann beugt sich über mich, strafft das Bettlaken und schlägt es auf der anderen Seite unter die Matratze. Ich sehe das nicht, ich kann meinen Kopf nicht bewegen, aber ich spüre es. Angenehm kühl wird es unter meinem Oberkörper und am Kopf. Schlaf überkommt mich.

Viele Stunden später muss es sein, denn es ist dunkel im Zimmer. Nur das wilde Flackern auf Monitoren, das hastig zitternde Auf- und Abtanzen der Diagramme, die über Leben und Tod berichten, erhellt in unterschiedlicher Intensität die Düsternis. Jetzt kommt mir die Geräuschkulisse viel lauter vor. Wie halten das die anderen aus? Ich merke, dass es außer mir noch andere gibt, da stehen noch weitere Betten. Die in den Betten liegen, sind verdrahtet mit Schläuchen und Elektrokabeln, mit Sauerstoffmasken, Urinflaschen, Nährlösungen, Kissen, kleineren oder größeren Computern und Hightech-Messgeräten.

Die angenehme Kühle ist weg. Ich schwitze und stinke. Immer wieder tupft mir jemand Schweiß vom Gesicht und wechselt das durchnässte Nachthemd; mit der Zeit wird ein frisches nur mehr über mich gelegt, damit man mich nicht immer stören muss. Aber ich bin wach. Seltsame Welt.

Gleich neben mir ruft eine Stimme immer wieder: »Wenn nur das mit dem Fritz endlich ein Ende nähme!«

Ich muss nichts unternehmen, ich bin hier nur Zuschauer. Meine ich. Zu diesem Zeitpunkt.

Plötzlich signalisiert einer der Monitoren Höchstalarm, heult wie die Feuerwehr. Ein halbes Dutzend Weißbekleideter strömt ins Zimmer, jemand reißt mir die Sauerstoffmaske vom Gesicht und stülpt sie meiner Nachbarin über. Grelle Lampen stechen weißgelbe Bannstrahlen über die Szenerie, die mir vorkommt wie eine Episode aus »Grey’s Anatomy«.

Ich versuche mir die Ereignisse zu erklären. Das ist höchst anstrengend. Ich kann mich nicht entscheiden, falle zurück ins Außerhalb-der-Dinge-Sein. Von Zeit zu Zeit tauche ich auf, realisiere, dass man mir eine Mauer aus Kissen aufgebaut hat. Damit ich nichts sehen kann? Nein, auf der anderen Seite sind auch Kissen. Wie in einer Bobbahn. Aber das ist gut, so werde ich nicht aus der Kurve getragen. Und die Kissen sind weich. Das weiß ich nur im Kopf.

Vor dem Fenster wird es bereits dunkel. Die neben mir schuften noch immer. Ich höre ihr Fluchen, Diskutieren; die Ärzte wechseln einander ab beim Betätigen des Defibrillators, was einen regelmäßig auftanzenden Schatten auf die Wand gegenüber projiziert. Anweisungen flitzen hin und her, neue Geräte werden geholt, andere ausgewechselt. Die geballte Konzentration von sechs Menschen, die eine Sterbende zurückholen müssen, erfasst nicht nur das Zimmer bis in den letzten Winkel. Sie breitet sich auch in mir aus als eine vollkommen angstfreie Energie.

Ich bin Lichtjahre entfernt von irgendwelcher Aufregung und dennoch nicht gleichgültig. Ich bin nicht Zentrum des Geschehens, aber damit verbunden in einer demutsvollen Ruhe und Gewissheit, dass alles so verläuft, wie es verlaufen muss. Die Stimmen werden leiser, langsam beruhigt sich die Szenerie, die Lampen werden gelöscht.

Eine Männerstimme sagt: »Jetzt habe ich Lust auf ein Stück Kuchen.«

Das war, wie ich später erfahre, der Oberarzt. Das Wort »Kuchen« holt mich in die Realität zurück. Ich nehme zur Kenntnis, was um mich herum geschieht, kann mich aber nicht selbst wahrnehmen, sondern nur einfach zuschauen, wie Ärzte und Pfleger-Crew nach nebenan ins hell erleuchtete Stationszimmer verschwinden.

Jemand bleibt zurück und erklärt mir, dass ich die Sauerstoffzufuhr wahrscheinlich nicht mehr benötigen würde, und zur eigenen Beruhigung könne ich auf dem Monitor meinen eigenen Atem verfolgen. Der Bildschirm wird in meinen Blickwinkel geholt, und ich stelle tatsächlich fest, dass sich kurzes oder tiefes Atmen sofort im Diagramm niederschlägt. Das gefällt mir. Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat, aber es gibt mir die Illusion von »eigenem Tun«. Entspanntes Geplauder dringt aus dem Stationszimmer zu uns herüber. Das Leben ist in meine Nähe gerückt. Allmählich ahne ich, wo ich mich befinde, aber ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin und weshalb ich hier bin. Ich kann nur feststellen, dass ich platt auf dem Rücken liege wie ein von einem Auto überfahrener Feldhase. Tot bin ich nicht. Ich ringe darum, Bilder, Geräusche und Gerüche zu ordnen und zu orten.

Am schlimmsten ist mein eigener Gestank. Er wird immer ätzender, unausstehlicher und beherrscht mein reduziertes Denken. Es ist der säuerlich-süßliche Geruch der Verwesung –jenes Stinken, das man in der Todesangst ausdünstet. Ich kenne das. Angestrengt versuche ich in meinen Erinnerungen zu suchen, woher ich diesen Geruch kenne. Ich erinnere mich an nichts und döse weiter.

Helllichter Tag erfasst mich und meine Umgebung. Immer noch dieser Lärm der Monitoren, angewachsen scheint dieser Kabelwirrwarr zu sein. Ich sehe unzählige Menschen mit und ohne weiße Mäntel, die ein und aus gehen, sich um Betten und Maschinen versammeln. Keinerlei Neugierde treibt mich an, ich will immer noch nicht wissen, weshalb ich mich gerade hier befinde. Ich bin fast froh um diesen kreatürlichen Zustand. Noch habe ich keine Schmerzen. Auch ist nirgends Blut oder sonst etwas Dramatisches zu sehen. Wenn da nur nicht dieser fürchterliche Gestank wäre, der jeder einzelnen meiner Poren zu entströmen scheint und sich mit dem nicht nachlassenden Schwitzen vermischt und meine Nachthemden durchtränkt. Ich verbinde den Geruch mit Giftgrün, der typischen Teufelsfarbe.

Im Bett links von mir sitzt in anmutiger Haltung eine Frau, zart, schön, mit nussbraunem, glattem Teint, so um die sechzig. Ist es die von gestern Nacht …? Ihr Blick, Befremden ausdrückend, streift zuerst mich, dann die Gegenstände um uns herum. Sie ist nicht einverstanden mit dem, was sie sieht. Sie will entschieden weg von hier. Als ob sie sich gezogen fühlte von einem anderen Ort, hebt sie ihre Arme, zieht irgendwie ihre schönen Beine unter der Bettdecke hervor und versucht aufzustehen. Ich rufe laut um Hilfe. Zwei Sekunden später sind die Pfleger da, sprechen beruhigend auf sie ein, drücken sie sanft auf die Matratze und binden ganz unauffällig ein zusammengerolltes Bettlaken über ihre Brust und fixieren es an den Bettpfosten. Die Frau schweigt zu allem. Sie schweigt auch, als man ihr mitteilt, dass ihr Mann sie besuchen will.

Ein gepflegt gekleideter Pensionist geht eiligen Schrittes auf sie zu und schiebt eine Zeitung in ihre kleine Hand, die offen auf der Bettdecke ruht. »Hallo«, sagt er, dann kontrolliert er Ventil und Zulauf der Flasche mit der Nährlösung, fragt, ob sie gegessen habe, was sie gegessen habe, ob der Arzt schon hier gewesen sei, ob sie die Tabletten eingenommen habe, was der Arzt gesagt habe, warum sie nicht gegessen habe und ob die Laborberichte schon da seien. Die Frau schweigt. Dann geht er ums Bett herum und studiert die Tafel, auf der Blutdruck, Puls und dergleichen mehr aufgeschrieben sind. Er kontrolliert die eingezeichneten Daten, redet zu seiner Frau über die Werte, ohne zu merken, dass sie nicht antwortet. Dann versucht er mit dem Fußhebel das Kopfteil anzuheben, rüttelt an den Seitengittern, flucht leise. Irgendetwas scheint für ihn nicht in Ordnung zu sein. Die Frau schaut mit ihren großen Augen schweigend dem betriebsamen Geschehen zu.

Plötzlich bin ich hellwach. Endlich – endlich aufgewacht. Ich winke den Mann zu mir, flüstere ihm zu und merke, dass ich zum ersten Mal spreche.

»Stellen Sie keine Kontrollfragen mehr! Setzen Sie sich auf das Bett Ihrer Frau, nehmen Sie ihre Hand in die Ihre, und schauen Sie sie einfach liebevoll an.«

Der Mann schnappt nach Luft, entlässt einen tiefen Seufzer, und in einer ruckartigen Bewegung entlädt sich die Überspannung aus Gesicht, Pupillen und Körper.

Er nimmt meine Hand und sagt: »Ich danke Ihnen!«

Ein Pfleger beugt sich über mich, bauscht das Kopfkissen unter meinem Nacken zurecht. Ich atme den Duft von Duschgel tief in mich hinein, und im selben Moment entdecke ich auf seinem kräftigen Oberarm eine Tätowierung: die Spirale. Ich deute mit meinem Zeigefinger darauf. Der Tonus seines durchtrainierten Oberarmes ist elastisch und voller Leben.

Er sagt: »Ich bin Beni, Sie sind hier auf der Beobachtungsstation der Neurochirurgie, wir werden Sie nun waschen.«

Er krempelt die Hemdärmel hoch, so kann ich die Tätowierung noch besser sehen. Dann drehen mich vier Arme um neunzig Grad, von Scheitel bis zur Zehenspitze in einem Ruck. Man schärft mir ein, meinen Oberkörper nie verdreht zum Unterkörper auf die Seite zu wenden. Wie soll ich auch, bin ja eh wie in einem Sarg. Sie arbeiten behände vor sich hin: volle Windeln entfernen, Po reinigen, frische Windeln anpassen, man fragt, ob ich es gerne straff oder locker gebunden möchte, »straff« sage ich, Haare kämmen, frisches, trockenes Nachthemd über mich legen, Ohren säubern. Was für eine Wohltat, dieser feuchte Lappen.

»Haben Sie Hunger?«

Ich schüttle den Kopf.

»Aber Sie müssen essen, wenigstens ein Butterbrot«, erklärt mir eine junge Pflegerin.

Sie zeigt mir eine wunderbare Brotscheibe aus dunklem Mehl mit einem Butteraufstrich, der höher ist als die Schnitte selbst. Genau das, was ich liebe, nämlich Buttermengen, die beim Abbeißen lupenreine Abdrücke von meinen Zähnen hinterlassen. Die Pflegerin hält mir ein kleines Stück zwischen den Gitterstäben hindurch direkt vor den Mund. Ich öffne ihn, lasse mir den Bissen hineinschieben, kaue, kaue einfältig wie eine Kuh, wahrscheinlich eine halbe Stunde lang. Ich höre erst auf mit dem Kauen, als es heißt: »Arztvisite.«

Eine Männerstimme, die ich nicht kenne, erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden, erklärt mir, dass die Operation gut verlaufen sei und dass ich nun, wenn es keine Komplikationen geben würde, weitere fünf Tage hier unten bleiben müsse. Ich bitte die sprechende Person, in mein Blickfeld zu treten. Dann sagt das Gesicht, das mir sehr weit weg zu sein scheint, dass die Schmerzen, die sie mir leider nur zum Teil lindern können, nach sechs Tagen vollkommen verschwinden. Schmerzen? Richtig! Ich spüre so etwas wie ein Ziehen am Rücken, handbreit oberhalb der Taille. Aber für mehr Details interessiere ich mich nicht, dafür bin ich zu müde.

Stunden später. Hochsommerliche Nachmittagssonne heizt das Zimmer auf, was mich und meine derzeitige Chemie zum Gären bringt. Ich frage mich, ob sich der Arzt heute morgen nicht näher zu mir gewagt hat, weil ich nach Fäulnis stinke? Dabei gibt es gar nichts an mir, was am Abfaulen wäre, alles ist noch da. Ich werde in kurzen Abständen immer wieder gewaschen, ohne dass ich darum bitte. Und manchmal reibt man mir sogar den ganzen Körper mit einer wohlriechenden Creme ein. Aber der Gestank bleibt. Ich schäme mich.

STAR WARS

Jetzt sind sie da, die Schmerzen. Ich bitte um ein Schmerzmittel. Es wird mir sofort verabreicht. Aber die Zeit, bis es seine Wirkung tut, treibt mich in Höchststress. Atmen und Entspannen und alle Tricks, die ich im Alltag gegen kleine bis mittlere Wehwehchen mental anwende, bringen mir keine Linderung. Ich weiß allerdings sehr wohl, dass man, wenn man verzweifelt ist, eigentlich schon mittendrin im Teufelskreis hockt und einen aus diesem Schlund weder eine Spritze noch das Atmen in den Schmerz hinein retten kann.

Hilfe in Form von Ablenkung kommt ganz unerwartet von außen. Plötzlich ist Betrieb im Stationszimmer. Lärm, wie auf einer Straßenkreuzung zur Stoßzeit. Es blinkt, hupt, knallt, bis ich mich plötzlich mitten in »Star Wars« befinde und Darth Vaders unheimlichem, penetrant langsamem, elektronisch verstärktem Rein- und Rausschieben böser Energie ausgeliefert bin. Ich gehe in Deckung, lege mir das nasse Hemd übers Gesicht.

Irgendwann meldet sich meine Neugier wieder – und ein Stück Leben ist zurückerobert. Ein Bett und ein riesiger Transportwagen mit einer hochkomplizierten Maschinerie werden hereingeschoben.

»Eine Patientin mit einer schweren Hirnblutung«, erklärt man mir.

Ich sehe nur, dass das Geschöpf, das fast erdrückt wird von den aus dem Kopf ragenden Schläuchen, lange, schöne schwarze Haare hat. Das Darth-Vader-Geräusch reguliert ihren Atem und ist offensichtlich gekoppelt an Vorgänge im Gehirn.

Hinter der Belegschaft huschen zwei Männer herein, der eine mit einem langen Pferdeschwanz, der andere mit einem Wollkäppi, wie ich es bei den Paschtunen auf dem Khyberpass gesehen habe. Der mit dem Pferdeschwanz holt aus einem riesigen Korb große Messing-Klangschalen und verteilt sie rund um das Bett der Patientin. Als er mit einem Klöppel eine Schale berührt, verbreitet sich ein Hauch von Frieden im Zimmer. Ein zweiter Klang kommt dazu, dann ein dritter, ein vierter … Und wie mit Zauberhand verwandelt sich dieser lärmende Maschinen-Raum in einen heiligen Ort. Alles schwingt, alles geschieht mit ruhigen Bewegungen, selbst Pfleger und Pflegerinnen scheinen auf Zehenspitzen zu gehen. Der Mann mit dem Wollkäppi setzt sich auf einen Stuhl neben das Bett der Verschlauchten und Verdrahteten und liest aus einem Buch mit halblauter Stimme Mantras vor.

Ich verstehe nichts. Aber der monotone Gesang der fremden Wörter vermischt sich mit dem ruhigen Klang der Messingschalen und bemächtigt sich meines Gemüts. Das magische Ritual ist wie die Vertreibung von bösen Geistern, um den guten Raum zu geben. Und die Maschine, an der das Gehirn der Frau hängt, scheint zu »antworten«. Deren Geräusche verändern sich, werden mal schneller, dann wieder langsamer, ich meine die Gefühle der Frau und ihre Freude zu hören.

Mit einem Mal bin ich in einer wundersam versöhnlichen Art und Weise ergriffen: Ich bin nicht allein. Menschen, die zu der Frau kommen, beschenken auch mich, beziehen auch mich in die Verbundenheit mit ihr ein.

In der Nacht wird das Bett zu meiner Linken hinausgeschoben. »Das mit dem Fritz« hat nun endlich sein Ende genommen.

Über dem Bett der Frau mit den Rehaugen baumelt die Sauerstoffmaske samt Schlauch am Handgriff. Sie liegt jetzt ganz ruhig da. Sie ist dort, wohin sie sich gesehnt hatte. Kleiner kommt sie mir nun vor. Ich bin froh, dass sie nicht mit einem Tuch zugedeckt wurde. Noch hat sie ihre Identität. Oder hat sie diese erst jetzt?

Am nächsten Tag kommen Sohn und Schwiegertochter der Patientin mit der Hirnblutung. Der Sohn fischt mit lässigem Griff das Radio aus der hoch über dem Bett fixierten Halterung und findet kundig seinen Hard-Rock-Sender. Oberste Lautstärke verwandelt das Stationszimmer in eine verrauchte Rockhalle. Mit zuckenden Hüftbewegungen und schnalzenden Fingern gibt sich der junge Mann dem Gedröhne hin. Strahlend schaut er seine Mutter an, deren unheilvoll schnarrender Maschinenatem von dem Lärm aus dem Radio übertönt wird. Er will ihr offensichtlich Lebendigkeit und normales Leben zukommen lassen.

Lange passiert nichts, bis die Patientin endlich ein mattes Zeichen gibt.

»Sie will mir etwas sagen! Gib mir schnell Papier und Bleistift«, kreischt der Sohn zur Schwiegertochter.

Diese kramt aufgeregt in ihrer Handtasche, und die Mutter, den Stift nur mit größtem Kraftaufwand führend, kritzelt etwas auf den von einer Sandwich-Verpackung abgetrennten Fetzen Papier. Der Sohn entreißt ihr die Notiz, schaut lange darauf. Erwartungsvoll fragt seine Frau nach der Botschaft.

Mit tonloser Stimme sagt der Sohn: »Da steht: Arschloch.«

Plötzlich habe ich Sehnsucht nach meinen beiden Kindern, die in einem anderen Land leben und noch von nichts wissen. Ich bitte um mein iPhone. Beni holt es aus meiner Tasche, entdeckt sofort das Leck im Kabel, schneidet ein paar Zentimeter Pflaster zurecht und repariert blitzschnell das Aufladegerät, steckt es ans Netz und legt mir das iPhone in die Hände.

So liege ich lange da mit dem Ding auf meinem Bauch, das plötzlich von Bedeutung ist: eine Verbindung zur Außenwelt. Nach einer Weile hole ich mir die Bilder von Alban und Meret. Jetzt sind sie ganz nah. Ganz vertraut. Ich schaue auf diese schönen Geschöpfe und gleichzeitig auf all ihre Lebensphasen. Hemmungslos übergebe ich mich dem animalischen Eins-Sein mit meinen Jungen.

Unendliche Traurigkeit schleicht sich ein. Nicht der Kinder wegen, die ziemlich aufrecht im Leben stehen. Aber werde ich ihnen wieder wie in den vorangegangenen vierzig Jahren begegnen können? Vermutlich werde ich ihnen zur Last fallen. Ein unerträglicher Gedanke. Es will weinen in mir. Aber es kommen keine Tränen, sondern Körpertränen dringen in einem erneuten, heftigen Schweißschwall aus meinen Poren. Immer noch dieser grässliche Gestank, immer noch wie Gase von Verwesung. Und dann ist sie da, die Erinnerung.

SOMMERFERIEN

Ich liege im Badeanzug auf einem Tuch unter einer alten Esche am Ufer des Rheins, genau an jener Stelle, wo der Strom breit und ruhig in einer großen Kurve am Gastbetrieb »Paradies« vorbei Richtung Schaffhausen fließt. Mein Paddelboot liegt umgekippt neben mir. Leicht betäubt von der flirrenden Hitze sauge ich den speziellen Zauber des ersten Ferientags in mich hinein. Ich will nichts, muss nichts, niemand will etwas von mir. Ich bin allein. Keineswegs einsam, weil vollkommen und arglos eingebettet in die Natur.

Dieses Stück Strand auf der Höhe des deutschen Dörfchens Büsingen mit dem viel zu kurzen und deshalb so liebenswürdigen Kirchturm hat den Flurnamen »Scharen« und ist gesäumt von der lieblichsten Uferlandschaft voller Schilf, Wasservögel und sich tief ins Wasser neigenden Ästen. Von den Kanufahrern, Fischern, einheimischen Schwimmern und Bootsbesitzern wird diese Rhein-Kurve wegen ihrer Untiefen und zahlreichen tückischen Wirbeln gefürchtet; und manch einer zieht an dieser Stelle sein Boot mit einem Strick vom sicheren Ufer aus stromaufwärts.

Die Mittagshitze brütet mit gleißendem, zitterndem Licht. Auch die wenigen Menschen irgendwo im Gebüsch geben sich ganz der bleiernen Schwere des höchsten Sonnenstandes hin. Alles, was lebt, verharrt im Bann von absoluter Stille und Bewegungslosigkeit.

Plötzlich durchschneidet ein gellender Ruf die heiße Luft. Sofort springe ich auf. Der Hilferuf kommt von der Wasserseite. Ich versuche die Stimme zu orten. Ohne Erfolg. Oder ist das dort in der Mitte der Rheinkurve ein Kopf, sind es Arme? Ich renne stromaufwärts, wo ein zweiter Hilferuf zu hören ist. Da rennt eine junge Frau brüllend am Ufer auf und ab. Beim Näherkommen erkenne ich eine Mitschülerin von mir. Ich bin ausgebildete Rettungsschwimmerin, aber ich müsste viel weiter oben ins Wasser, um zu der gesichteten Person zu kommen. Es ist grauenhaft, nichts tun zu können. Meine Schulkollegin brüllt weiter, und ich stehe unnütz da, bis ich zwei Männer vom gegenüberliegenden Ufer mit einem motorisierten Boot in die Flussmitte kurven sehe.

»Er kann nicht schwimmen«, presst das am ganzen Körper zitternde Mädchen hervor.

Ich kann nichts tun, nur ihre Hand nehmen und zuschauen und warten und zuschauen und warten. Und zuschauen, wie die Männer mit langen Holzstangen im Wasser herumstochern. Endlich fischen sie eine schneeweiße, schlaffe Gestalt heraus, betten sie sorgfältig auf den Boden des Bootes und fahren zu uns herüber. Der eine steuert, der andere versucht den Ertrunkenen wieder zu beatmen, hört kurz danach wieder auf, schüttelt den Kopf und hört nicht mehr auf, den Kopf zu schütteln.

Die noch immer Brüllende reißt sich von mir los und stürzt sich ins Wasser dem Boot entgegen, von dem kein Geräusch zu uns dringt. Dann wird auch sie ganz still. Das ist fast noch weniger zu ertragen als ihr verzweifelter Lärm. Endlich fährt der Kahn knirschend auf dem Kies auf. Vollkommen friedlich liegt der junge, schmächtig gebaute Mann da. Nichts an seinem Äußeren deutet auf einen vorangegangenen Todeskampf, aber da ist dieser ekelhafte Geruch, der sich in der Mittagshitze bis zur Unerträglichkeit intensiviert.

Das ist ein brachialer Einbruch in mein Leben, der erste tote Mensch.

Erst seit dreißig Minuten ist er nicht mehr auf dieser Welt, und schon entströmt seinem Körper dieser säuerlich-süßliche Geruch. Fünfzig Jahre später dampft genau derselbe Gestank aus mir heraus. Auch meine Haare stinken. Was für eine Zumutung für jene, die in meine Nähe kommen! Ist es nicht genug, dass ich Windeln vollscheiße und über einen Katheter in einen Plastiksack uriniere? Wie lange wird dieses Ausdünsten ganz alter Angst und ganz alter Erfahrung dauern?

Ich fühle mich wie ein Einzeller, der das, was man oben in ihn hineinstopft, verwandelt unten wieder herauslässt. Essen ist eine Qual. Oft gelangt nur die Hälfte dessen, was ich als Mahlzeit bekomme, in meinen Mund. In der Horizontalen eine Nudelsuppe zu essen, ist zum Beispiel ein Kunststück. Als ich den Suppenlöffel ganz behutsam zum Mund zu führen versuche, kommt mir eine Pflegerin zu Hilfe.

»Trinken Sie die Suppe. Ich setze Ihnen das Schüsselchen unters Kinn, und Sie kippen es langsam.«

Ich kippe vorsichtig, nichts passiert, die Nudelmasse hält alles zurück, also kippe ich ein bisschen mehr, und schon schwappt alles über Hals und Brust und tief in meine Achselhöhlen. Ich muss an Chaplins »Modern Times« denken, wo es bei einer Szene trocken heißt: »It’s no good, it isn’t practical.« Und muss lachen. Und höre nicht mehr auf damit, bis die Pflegerin die letzte Nudel aus Haaren und Körperhöhlen herausgeklaubt hat.

Und es folgt eine Entdeckung: Das Lachen hat die Versteinerung meiner Nackenmuskulatur gelöst, und ich kann nun plötzlich den Kopf ein paar Zentimeter drehen. Vorsichtig wende ich ihn Richtung Tür, weil ich meine, mir bekannte Stimmen zu hören. Eine Pflegerin kommt auf mich zu und hält mir einen Strauß frischer Pfefferminze unter die Nase. Ich schließe kurz die Augen, atme tief ein.

Die Pflegerin beugt sich über mich und sagt: »Freundinnen wollen Ihnen etwas bringen, geht das für Sie? Und wenn Sie mögen, bereite ich Ihnen aus der Minze, die die beiden mitgebracht haben, einen Tee.«

Ich fasse es kaum: Auf einer Abteilung, in der permanent ums Überleben der Patienten gekämpft wird, nimmt sich jemand vom Personal Zeit, einen besonderen Tee zuzubereiten. Als die beiden Freundinnen Antje und Dorothea in ihren bunten Röckchen erst einmal unter der Tür stehen bleiben und winken, spüre ich den Sommer.

Mit ihnen ist meine erste Verbindung zum Draußen da, was mich tief freut! Und die beiden bringen in diesen so funktionellen Maschinenraum die ersten unnützen Gegenstände. Eine entzückend bemalte, altmodische Porzellandose mit aufklappbarem Deckel und eine Box voll CDs mit Musik von Johann Sebastian Bach, darunter viele Kantaten. Sofort beginnt es in mir zu singen. Bachs Musik ist wie eine Ahnung, dass sich auch bei mir irgendwann etwas von der gegenwärtigen Erniedrigung zu etwas Höherem bewegen könnte.

Lange noch, als die beiden längst gegangen sind, wirkt diese Empfindung nach. Ich halte die Porzellandose auf dem Bauch. Das Formvollendete beruhigt mich. Und die Box mit zwei Dutzend CDs liegt zwischen meinen Beinen, die wegen der Sommerhitze immer leicht gespreizt auf der Matratze platziert werden. Die Box berührt mein Windelpaket, stelle ich fest, während ich mit den Händen streichelnd darüberfahre. Zum ersten Mal überkommt mich ein Dankbarkeitsgefühl. Der Ort hier unten auf der Beobachtungsstation der Neurochirurgie ist zu einem Ort geworden, an dem man mir gut will.

TANGO

Zum zweiten Mal werde ich um neunzig Grad in die Seitenlage gedreht. Ein Viertel der Welt ist also erobert. Mein Blickwinkel fokussiert das mir rechtsseitig schräg gegenüberstehende Bett. Bis dahin habe ich fälschlicherweise angenommen, es handle sich bei dem Bettbewohner um einen Mann, weil ich nur die Stimme hören konnte. Es war eine Frau, die lautstark das Bett verlassen wollte, was sie offensichtlich nicht tun sollte, denn die Pflegschaft sprang des Öfteren ins Zimmer, um sie wieder zurückzubefördern.

Heute hat sie Besuch von ihrer Zwillingsschwester, wie man mir sagt. Geredet wird zwischen den beiden Schwestern nicht. Aber plötzlich scheinen die schrankartigen Frauen in undefinierbarem Alter zwischen achtzig und hundert ein Tänzchen hinzulegen, was sicher nicht als Tänzchen gedacht ist.

Ich schaue einer seltsamen Choreografie zu. Sie schieben und ziehen und steuern einander in Zeitlupe hin und her, vor und zurück. Manchmal legt sich die im Nachthemd richtig ins Zeug und lehnt sich rückwärts über irgendeines der Bettgestelle, während sich die andere leise fluchend über sie neigt. Dann plumpsen beide, sich immer fester aneinander klammernd, auf mein Bett. Ich spüre ihr geschätztes Gesamtgewicht von zweihundertfünfzig Kilo nicht. Sie stemmen sich wieder hoch und nehmen in einer energischen Diagonale Kurs Richtung Rückwand, sich um einige Grad im Kreis drehend, um dann, immer noch im eigenen verlangsamten Tempo, in die Wand hineinzuwachsen. Die Wand bewegt sich ebenfalls mit eigenartiger Langsamkeit nach hinten und, als wäre dahinter ein Schlund, wird das Damenpaar geschluckt. Rumpeln, Knacken, Krachen. Dann Stille. Die Wand, die in Wahrheit ein Vorhang ist, fällt über die am Boden Liegenden. Drei kräftige Pfleger sind sofort zur Stelle und versuchen das Wirrwarr von Damen-, Stuhl- und Tischbeinen, heruntergerissenem Vorhang zu entflechten.

Eine verzagte Stimme sagt: »Ich hab doch nur versucht, sie davon abzuhalten aufzustehen. Aber sie war stärker als ich.« Dann in empörtem Ton: »Sie gehorcht mir einfach nicht mehr.«

Hier unten wird offensichtlich einiges neu geordnet. Das findet die Patientin mit der Hirnblutung vermutlich auch. Von ihrem Beatmungsgerät hört man ein verstärktes Rasseln und Schnauben, als hätte sie verstanden. Ich winke ihr zu. Zaghaft erhebt sie ihre zarte Hand und bewegt diese einen Zentimeter auf und ab. Immer wieder. Wir sind alle beide Kind, jetzt. Das verbindet.

In der dritten Nacht wird ein neuer Patient hereingeschoben. Ich verfolge das Geschehen, so gut ich kann. Ich sehe im Verdunkelten eine Gestalt, aus der wieder dicke und dünne Schläuche herausquellen. Hinterher ein Techniker, der darauf achtet, dass die Verkabelungen nicht aus dem Computer rutschen.

Eine Schwester ruft empört: »Aber hier sind nur Frauen, da können wir doch nicht einen Mann dazwischenschieben, das geht gegen die Hausordnung.«

Ein Arzt mit OP-Duschhäubchen stürzt dazu und schreit zurück: »Mich interessiert die Hausordnung nicht! Ich hab den da jetzt sieben Stunden lang operiert, und ich will ihn am Leben erhalten, Herrschaft noch mal! Und hier unten ist der einzige freie Platz.«

Dabei streift er seine Gummihandschuhe ab und wirft sie der Schwester an den Kopf. Sie kämpft gegen Tränen und bückt sich unauffällig, um die Gummihandschuhe aufzulesen und sie dann mit einem leisen Fluch im Abfalleimer verschwinden zu lassen.

Alle sprechen immer von »da unten«, ganz so, als ob wir im finsteren Danteschen Vorgelände des Fegefeuers wären. Ist das so? Jetzt will ich es wissen. Zum ersten Mal wage ich es, mich um hundertachtzig Grad zu drehen, nämlich so, wie es mir die Physiotherapeutin neulich erklärt hat: Ich muss mit meinem einen Arm das Gitter von der gegenüberliegenden Seite fest fassen und meinen ganzen Körper mit der Kraft aus diesem Arm in einem Schwung auf die andere Seite ziehen. Eine Nachtschwester assistiert. Es klappt. Mein Blick fällt nun genau auf den Neuankömmling.

»Ich bin ein Adeliger«, ruft es aus dem Bett.

Also doch Dante, siebenter und achter Gesang, zweites Buch. Alle außer mir nehmen es gelassen hin. »Ich bin ein Adeliger!«, krächzt er ein zweites Mal in höherer Tonlage.

Als Schweizerin bin ich sofort hellwach. Ich will herausfinden, ob ich irgendwo ein Emblem seiner Blaublütigkeit entdecken kann. Schwierig in einem Krankenbett. Enttäuscht will ich mich abwenden. Aber das geht nicht. Zurückdrehen kann ich mich nicht mehr. Und wegen so einer Kleinigkeit will ich nicht den Alarmknopf drücken. So muss ich warten, bis die Nachtwache, die alle zwanzig Minuten kommt, auftaucht und meine unkomfortable Stellung realisiert. Als eine Gestalt mit Taschenlampe kurz von Bett zu Bett huscht, versuche ich magische Blicke auszusenden, um auf mich aufmerksam zu machen.

Die Nacht entwickelt sich fürchterlich. Die Schmerzen steigern sich ins Unerträgliche. Viele Wochen später erst erkenne ich, dass zwischen der Konzentration »auf Hilfe von außen« und der Potenzierung des Schmerzempfindens ein Zusammenhang besteht. Am Morgen, von den nicht nachlassenden Schmerzen in einen duseligen Erschöpfungszustand gerutscht, beobachte ich, wie der Adelige im Bett hinaustransportiert wird. Für zwei Sekunden bleibt mein Blick an seinem Oberarm haften. Zum zweiten Mal entdecke ich »hier unten« eine Tätowierung. Nichts Heraldisches. Auch keine Spirale. Bloß eine nackte Frau.

Am vierten Tag kommen zwei Physiotherapeutinnen an mein Bett.

»So, Frau Gloor, jetzt machen wir Querbett-Sitzen«, sagt die junge Frau in adrettem Ton.

Das Wort »quer« stellt bei mir alles auf Alarm. Myriaden von Angst-Schweiß-Tropfen dringen aus mir heraus. Die Wirkung der wunderbaren Heil-Waschung, die mir eine Pflegerin kurz zuvor mit warmem Öl und paradiesischer Waschmassage hat zukommen lassen, ist futsch. Die Physiotherapeutin erklärt mir, wie ich mich zuerst auf die Seite drehen, dann möglichst dicht an die Bettkante rutschen (wie soll ich rutschen?), dann mit dem unteren Ellbogen aufstützen, mit der freien Hand auf der Matratze abstoßen und mich in eine aufrechte Position bringen soll.

Ich schufte und schwitze. Ich habe nicht, ich bin Angst. Und lasse diese sofort in Form von Aggression an der einen Physiotherapeutin aus, indem ich meine kräftigen Fingernägel in ihren Oberarm verkralle.

»Sie müssen keine Angst haben, es kann nichts passieren. Sie können nicht tiefer fallen als auf den Boden.«

Verstört schaue ich sie an. Das Wort »fallen« hallt in meinem Kopf, durchfährt in endlosen Echos meinen Körper. Ich falle und falle. Ein Abgrund tut sich unter mir auf, dann ein neuer, noch tieferer, und noch einer und dann noch einer, bis ich im Bodenlosen hoffnungslos versinke. Ich bin abgeschnitten von meinem Selbst. Soeben hat mich ein Dämon überfallen.

FALLEN

Zu Hause, sieben Tage vorher: 30. Juli. Der Wecker klingelt. Beim Aufstehen spüre ich mit Genugtuung, dass ich, nun endlich nach mehr als einer Woche Verstopfung meinen Darm entleeren kann. Die Wanderung um den Fuschlsee vom Vortag hat also etwas in mir in Bewegung gebracht. Ein guter Tagesbeginn. Ich liebe mein winziges WC-Kabäuschen, besonders wegen der ägäisblauen Kacheln am Boden, die mich in Gedanken an die Gestade des Fuschlsees versetzen Der Fuschlsee ist ein kleines Naturwunder in der Nähe von Salzburg. Und wenn es ein bisschen länger dauert in meinem Kabäuschen, setze ich mich in meiner Fantasie an einen der Tische bei der Schloss-Fischerei, meine sogar den Duft von auf Buchenholz geräucherten Saiblingen einzuatmen und über den ruhig daliegenden Wasserspiegel hinüber ans andere Ufer zu schauen. In der Regel sind das ideale Bedingungen für das Entladen »dunkler Materie«, wie die Darmausscheidungen von Florian Schneider in seinem höchst spannenden Buch mit demselben Titel beschrieben werden.

So locker und geschmeidig, wie ich es mir vorgestellt habe, geht das Geschäft nun aber doch nicht. Also beuge ich mich noch weiter nach vorne, lege die Nasenspitze auf die Oberschenkel und drücke. Nichts tut sich. Also drücke ich noch mehr und halte den Atem an. Zusätzlich presse ich meine Fäuste in die Leiste, um, gemäß Tipp eines Arztes, keinen Leistenbruch zu provozieren. Vier verschiedene Vektoren auf einen Punkt multipliziert: Atem, Druck in die Leiste, Auspressen des Mastdarms und Zusammenklappen der Wirbelsäule. Alles ist jetzt Konzentration, gepaart mit Pressen und dem Vorsatz: Ich will.

Das wirkt. Zufrieden wasche ich mir die Hände. Lächelnd nicke ich mir im Spiegel einen munteren Morgengruß zu, unterlegt mit einem Anflug von Triumphgefühl. Während ich das Wasser über die Hände laufen lasse, verwandelt sich das Spiegelbild: Mein Kopf gleitet in Zeitlupe an den unteren Rand und verschwindet. In einer linksgerichteten Spirale gleite ich am Waschbecken vorbei auf den Boden. Ich pralle weder an Mobiliar noch reiße ich irgendwelche Gegenstände mit. Was mir da widerfährt, ist ein sanftes, unspektakuläres, stilles und vollkommen schmerzfreies Hineinsinken in mich selbst.

Da habe ich mir wohl einen ordentlichen Muskelkrampf eingehandelt. Wohl etwas zu sehr gedrückt und gewollt. Ein, zwei Minuten liegen bleiben, und es wird schon wieder, damit tröste ich mich.

Nachdem sich nichts tut, versuche ich mich am Waschbecken hochzuziehen. Meine Beine gehorchen nicht. Sie stehen nicht, sondern sacken zusammen, als wären sie aus weichem Gummi. Meine Füße liegen verdreht und überhaupt nicht koordiniert mit den Knien herum. Große Frage: Soll ich ganz ruhig bleiben, bis sich mein überanstrengter Körper erholt hat, oder soll ich Übungen machen, um die Beine wieder zu aktivieren? Ich liege hilflos auf dem Rücken, wie der zum Käfer mutierte Gregor Samsa in Kafkas Erzählung »Die Verwandlung«. Die Zeit vergeht. Da erinnere ich mich, dass es eine Ärztenotfall-Telefonnummer gibt. Aber, wie komme ich zum Telefon, das auf dem Schreibtisch liegt?

Ich versuche zu robben. Das erfordert große Kraft in den Armen, als müsse ich eine Tonne Gewicht bewegen. Ich erreiche den Schreibtisch, fische das Telefon zu mir auf den Boden, wähle die Nummer. Ich erkläre meinen »Fall« und bitte um einen Verhaltenstipp.

Die Stimme am anderen Ende sagt: »Ich gebe Ihnen keinen Tipp, Sie müssen so rasch wie möglich ins Krankenhaus, die Sanitäter werden in zehn Minuten bei Ihnen sein.«

»Nein! Das braucht es nicht! Danke für die Auskunft und Adieu«, rufe ich ins Telefon. »Fehlte gerade noch, ich, jetzt, ins Krankenhaus!«, sage ich halblaut zu mir.