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Gefangen im Wachstumswahn vernichtet die Menschheit ihre Lebensgrundlagen und gefährdet damit ihren Fortbestand als Gattung. Gleich einem Suchtkranken scheint Homo sapiens unfähig, seiner Einsicht zu folgen, dass ein Richtungswechsel überlebensnotwendig ist. Und seine Würde, sein aufrechter Gang, droht in dieser Unfähigkeit verloren zu gehen. Die Autoren begeben sich auf die Suche nach den Wurzeln der Würde des Menschen und der Menschheit. Sie zeigen systemische Wege, was der Einzelne für sich, mit anderen und in Gemeinschaften und Organisationen tun kann, um jenseits aller Zukunftsängste eine positive Zukunftsvision wirksam werden zu lassen. Systemische Ethik ermöglicht Orientierung innerhalb des globalen Horizonts der Menschheit. Dies ist auch ein professionelles Anliegen von Beratern, Lehrerinnen und verwandten Berufen. Wer will nicht das Vertrauen in die Menschheit wiederfinden und in diesem Sinne an einer Zukunft mitwirken, die unserer Gegenwart ihre Würde zurückzugeben vermag?
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Ramita G. Blume/Karl Kropfberger
Auf der Suche nach der Würdedes Menschen
Mit einer Abbildung und einer Tabelle
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,
Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: Sukpaiboonwat/Shutterstock.com
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-99983-8
Vorwort
Sinnhorizonte
Systemisch-ethisches Denken
Pandemie der Sucht
Wie funktioniert die Sucht?
Patient Homo sapiens
Was sucht die Suche?
Homo systemicus
Homo sapiens
Der letzte Überlebende
Paradise lost or won?
Only human? Anthropologische Alleinstellungsmerkmale
Sprachhorizonte
Sprachevolution
Mündlichkeit
Schriftlichkeit
Buchdruck
Digitalisierung
Anfang oder Ende?
Sprachlogik und Bewusstsein
Logik des Dritten
Gute Gründe
Wie aus Gründen gute Gründe werden
Warum wollen wir gut sein?
Im Spiegel der Zellen
Empathie und Vertrauen
Empathie und Vertrautheit
Gut und Böse: Das Problem mit der Empathie
Mitgefühl
Mitgefühl im Gehirnscanner
Der Glückshirn-Effekt
Gerechtigkeit – ein guter Grund
Was ist fair und was ist unfair?
Kooperation
Sinn und Sinnessinn
Sinn der Technik
Technikphilosophie
Technikfolgenabschätzung
Intelligenz der Maschine
Singularität
Die nächste Gesellschaft
Erinnerungen
Sinn der Arbeit
Arbeit, was ist das?
Geschichte der Arbeit
Trendwende
Neuzeit
Arbeit 1.0
Arbeit 2.0
Arbeit 3.0
Arbeit 4.0
Zukunft der Arbeit
Grundeinkommen
Faulheit der Massen
Unfinanzierbarkeit
Bedingungen
Bedingungslos
Sinn der Wirtschaft
Geld und Kapital – vom Tauschen und Täuschen
Religion und Kapitalismus
Die kapitalistische Wirtschaftsform
Unsichtbare Hände
Wirtschaftsliberalismus
Das Erfolgsmedium Geld
Geldgeschichten
Die Bank von England
US-Dollar statt Geld
Bargeld
Sinn der Politik
Symbolvertrauen
Die globale Krise der Politik
Demokratie?
Sinn der Erziehung
Bildung als Recht und Pflicht
Fehler im System
Gleichwürdigkeit
Richtungswechsel
Sinn der BeRATung
Sinnspannung
Achtsamkeit
Bewusstseinstechnik
Schlussendlich: Glaube ohne Gott
Bewusste Evolution
Würde statt Bürde
Literatur
Erst der Blick aus dem Weltraum zeigt, wie klein der blaue Planet, unsere Erde, tatsächlich ist. Sein Radius beträgt in etwa 6.350 Kilometer. Von Wien nach Bangkok sind es in direkter Luftlinie knapp 9.000 Kilometer. Auf dem Landweg ins thailändische Urlaubsparadies müsste man mit circa 12.000 Kilometern rechnen – nur 700 weniger als der ganze Durchmesser der Erde beträgt. Ein Flug von Frankfurt nach Washington (USA) verbraucht durchschnittlich neun Tonnen Kerosin. Weltweit verzeichnet man heute etwa 100.000 Flüge – pro Tag. Rechnet man pro Flug mit einem Verbrauch von zwei Tonnen Kerosin, so kommt man auf gewaltige 200.000 Tonnen, die Tag für Tag in luftigen Höhen verbrannt werden. Zudem verseuchen rund 90.000 Containerschiffe, Öltanker, Frachter und immer mehr und beliebter auch Kreuzfahrtschiffe mit dem giftigsten Treibstoff überhaupt, mit billigem Schweröl, jene Ozeane und Meere, die dem Planeten immer noch seine Blaufärbung geben. Trotz der riesigen weißlichen Plastikstrudel auf den Ozeanen, die aus dem Weltraum mit bloßem Auge zu erkennen sind. 370 Millionen Tonnen Treibstoff pro Jahr verbrauchen diese Schiffe. Allein die fünfzehn größten davon produzieren die gleiche Menge an Schadstoffen wie 750 Millionen Autos.1 Die Erde wird immer kleiner neben den gewaltigen, stets steigenden Giftmengen, die Homo sapiens ihr zumutet.
Doch damit ist erst die ökologische Krise – in bloß zwei Facetten – leise angedeutet, jedoch noch nicht die soziale Krise, nicht die Finanzkrise und auch nicht die unmittelbare Gefahr, die aus der Krise der internationalen Politik erwächst. Kein Zweifel, Homo sapiens ist in schwere Bedrängnis geraten. Gewaltige Herausforderungen stehen als globales Krisengeflecht im Erdenraum. Zugleich kündigt sich die Zukunft als technischer Totalumbau der menschlichen Kultur im Horizont einer globalisierten Gesellschaft an. Wer genauer auf auch nur eine dieser globalen Herausforderungen blickt, bekommt unweigerlich zu spüren, dass da Feuer am Dach ist. Feuer am Dach des Hauses von Homo sapiens.
Man wird fassungslos bemerken, dass im Haus zwar diskutiert wird: Wer soll welchen Beitrag zu den Löscharbeiten leisten? Ab wann ist damit zu beginnen? Und wer von jenen Bewohnern, die bisher noch wenig Gelegenheit hatten, auf dem Dachboden zu zündeln, darf jetzt noch schnell nach oben, um ein paar Balken, die bisher noch nicht brennen, anzuzünden? Ansonsten aber geht das rauschende Konsumfest, gerade in den oberen Etagen, ungestört vonstatten.
Experten aus verschiedenen Fachrichtungen streiten heute, ob die irdische Katastrophenuhr gerade Punkt zwölf oder doch schon fünf nach zwölf zeigt. Dass schwere Zeiten kommen, scheint ausgemacht, nur wie schwer sie sein werden – und für wen –, ist noch nicht entschieden. Viele, die – schon oder noch – denken, sind verzweifelt ob der Dummheit und Gewalt, die diese Welt regieren.
Warum – diese Frage brennt unter den Nägeln – erweist sich die menschliche Intelligenz trotz aller Einsicht in ihre akute Selbstgefährdung gegenwärtig als unfähig, den Willen und die Kraft zu einer effektiven globalen Reorganisation allen menschlichen Wirkens auf diesem Planeten aufzubringen? Trotz aller immer schneller ansteigenden Krisenindikatoren und trotz aller in immer kürzeren Abständen erfolgenden Warnungen aus den Wissenschaften – und freitags auch schon aus den Schulen – bleiben alle Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft unbeirrbar auf Kurs. Denn ihr Kurs ist sakrosankt – oder schlimmer: alternativlos! Der Kurs heißt Wachstum, Wirtschaftswachstum, Wachstumssteigerung, ewiges Wachstum.
Wachstum scheint zunächst nur natürlich – die Menschheit selbst ist schließlich prächtig gewachsen. Aber Wachstum wird zum Wahn, wenn der Augenblick des Erwachsenseins versäumt wird. Die Perspektive der Globalität setzt schon seit geraumer Weile jedem quantitativen Wachstum eindeutige Grenzen – auch ganz ohne Krise. Die Erde selbst, ihre Rohstoffe und die Regenwälder, aber auch das Trinkwasser und die Luft zum Atmen sind eindeutig endlich.
Jedermann weiß heute oder ahnt zumindest: Das Dach in Brand gesetzt hat nichts anderes als ebendieser widersinnige Wachstumswahn. Wie schafft es dieser Wahnsinn trotzdem – und so nachhaltig –, jede Frage nach einem zukunftsfähigen Sinn zu unterdrücken und stattdessen weiterhin als höchstes Ziel und unabdingbare Notwendigkeit den Geist der Gegenwart – nicht nur in der Wirtschaft – zu bestimmen? Und trotz aller Einsichten weiterhin die Selbstorganisation der globalen Gesellschaft zu steuern?
Systemisches Denken ist gewohnt, an dieser Stelle eine bestimmte Frage zu stellen: Welchen Gewinn bringt dieses Festhalten am alten Kurs, an diesem zum Wahn entarteten Wachstumsbegehren? Und: Cui bono?
Die Lage von Homo sapiens erinnert fatal an einen Suchtkranken im Krisenstadium seiner Krankengeschichte. Offensichtliche Symptome haben bereits seine Krankheitseinsicht erzwungen und sein Suchtverhalten ist nur noch wider besseres Wissen möglich. Das trübt die Stimmung. Jede Aufhellung verlangt nach einer Steigerung der Dosis. Zugleich steigt auch der Katzenjammer.
Wie steht es um den aufrechten Gang von Homo sapiens, um seine Würde, wenn er sein Haus in Brand setzt? Kann Nero stolz auf sich sein, wenn er Rom anzündet? Eben das scheint heute die prekäre Lage von Homo sapiens zu sein. Welcher Geist kann die Menschheit vom Missbrauch dieser Erde zu ihrem wertschätzenden Gebrauch führen? Jede Antwort auf diese Frage verlangt zunächst nach einem Innehalten und danach, sich Zeit zu nehmen, um nach dem wahren Sinn von Homo sapiens zu forschen. Nach einem Sinnhorizont, der ihn neu begeistern kann. Damit die Sehnsucht wieder wach wird, die Sehnsucht nach dem aufrechten Gang. Solches Sehnen ist die Quelle jener Kraft, die guten Gründen folgen will und kann. Und damit der erste Schritt auf einem Weg, der die Würde des Menschen wieder aufzurichten vermag.
Ramita G. Blume und Karl Kropfberger
1Zugriff am 11.08.2019 unter: https://www.srf.ch/kultur/wissen/schifffahrt-das-schmutzigste-gewerbe-der-welt.
»Es steht uns immer frei, entsprechend jener Zukunft zu handeln, die wir uns schaffen wollen.«
(Heinz von Foerster u. Pörksen, 1999, S. 38)
Systemische Ethik funktioniert auf der Grundlage der sich evolutionär entwickelnden Relation von Individuum und Gemeinschaft. Das Sozialverhalten höherer Lebensformen – zumindest das von Säugetieren – ist ein genetisch vorprogrammierter, angeborener Pakt zur gegenseitigen Förderung zwischen Individuum und Sozietät. Systemische Ethik reflektiert die Form dieses evolutionären Pakts im Kontext der sich wandelnden und zunehmend komplexer werdenden Formen der menschlichen Gesellschaft. Die evolutionäre Sonderstellung des Menschen findet ihren Ausdruck in einer dynamisierten Form dieses Pakts: Nicht mehr nur gegenseitige Förderung von Individuum und Gesellschaft im Sinn der Arterhaltung ist das evolutionäre Programm, sondern gegenseitige Steigerung im Sinne einer Erweiterung der artspezifischen Möglichkeiten.
Auch die nächsten Verwandten von Homo sapiens zeigen kulturelle Eigenarten. Aber sie leben weiterhin in Horden und bleiben in ihren natürlichen Formationen und damit im Horizont der Vertrautheit, in dem die genetischen Programme der Vergemeinschaftung bestens funktionieren. Nur der Mensch wurde sesshaft und bildete Hochkulturen, Staaten, Nationen und schließlich eine globale Gesellschaft.
Die systemische Reflexion des genannten Pakts zwischen Individuum und Gesellschaft fragt nach den Möglichkeiten menschlicher Vergemeinschaftung jenseits der Grenzen einer Verbindung durch unmittelbare Vertrautheit. Eine freie globale Gesellschaft ist nur als Phänomen höherer Ordnung, als Kultur der Kulturen, als Stamm aller Stämme, also als 2nd-Order-Phänomen denkbar, das als solches die menschliche Sonderstellung in der Evolution umfassend markiert. Der Mensch denkt nicht nur, er kann auch über sein Denken nachdenken. Er spricht nicht nur, er kann auch über seine Sprache sprechen. Und die Kommunikation kommuniziert nicht nur, sie kann auch über die Kommunikation kommunizieren. Das zeigt sich auch in der Art der Steuerung der menschlichen Selbstorganisation: Um ihr Handeln zu orientieren, müssen Menschen nach dem Sinn ihres Tuns fragen. Und jede Antwort stellt zugleich die Frage nach dem Sinn dieses Sinns. Ad infinitum. Es sei denn, man setzt einen unhinterfragbaren letzten Sinn. In alten Zeiten war diese Stelle durch Gott bestens besetzt.
Heute dagegen ist die Geschichte von Homo sapiens im Kontext der planetaren Evolution allen Lebens nach einem letzten Sinn zu befragen. Und ja, die Evolution hat sehr wohl ihr Ziel. Es liegt in der Komplexion ihrer Formen bis hin zum voll bewussten Selbstbezug ihrer selbst. Nicht im Murmeltier, sondern im Menschen versucht die Natur immer wieder ihre Augen aufzuschlagen, um sich selbst zu erkennen.
Was hat die Evolution dieses Planeten für den Menschen als Entwicklungsziel bestimmt? Dieses Ziel zu erkennen bildet die Voraussetzung, um in eine unabdingbar notwendige Phase bewusster Evolution eintreten zu können. Oder, um in einem alten Bild zu sprechen, um die freiwillige Rückkehr des verlorenen Sohnes Homo sapiens in das evolutionäre Haus seines Vaters zu ermöglichen. Und diese Rückkehr muss freiwillig erfolgen, denn niemand wird Homo sapiens daran hindern auszusterben. Freiheit scheint, auch noch lange nach Hegel, Einsicht in die Notwendigkeit – heute zur Um- und Rückkehr – bedeuten zu wollen.
Bei alledem geht es keinesfalls um Utopien oder Visionen. Sondern um die Konfrontation aktueller konkreter Sinnsetzungen mit jenem Sinn, der aus der evolutionären Bestimmung von Homo sapiens zu erkennen ist. Zu betonen ist allenfalls, dass Einsicht in die Notwendigkeit durchaus Freude bereiten kann. Für Homo sapiens eröffnet sie einen Raum kreativer Gestaltungsmöglichkeiten. Erst im Einklang mit den ökologischen Bedingungen dieser Erde und mit seiner eigenen evolutionären Bestimmung beginnt für Homo sapiens positive Freiheit. Und nur in dieser findet er zurück zu seiner Würde.
Zwei anthropologische Naturkonstanten, die sich auf eine allgemeine und kulturübergreifende Akzeptanz und Gültigkeit berufen können, und eine aus diesen ableitbare Conclusio bilden die axiomatische Grundlage der nachfolgenden Betrachtungen.
1. Axiom: Hierbei handelt es sich um eine sozial-anthropologische Naturkonstante, nämlich um die zentrale und transkulturelle Idee von der Würde des Menschen. Wir finden sie in verschiedensten Formen im Denken aller Kulturen und zu allen Zeiten. Was nun genau unter dieser Menschenwürde zu verstehen ist, ist schwer in eine Definition zu fassen. Sie gründet letztlich wohl in der evolutionären Sonderstellung des Menschen. Doch das Problem mit der Würde war noch nie definitorischer Natur. Was dem auf- und abgeklärten Weltbürger heute als selbstverständlich scheint, dass eben alle Menschen – unabhängig davon, ob weiß, schwarz, gelb, rot oder bunt – Menschen sind, wurde und wird bekanntlich nicht immer so gesehen.
Hier taucht ganz zentral die Frage nach dem jeweiligen Horizont des Menschseins auf. Wer gehört in den Horizont gleich- und vollwertiger Menschen? Und wer wird nicht dazu gerechnet – etwa Sklaven und Sklavinnen, Leibeigene oder Hartz-IV-Empfänger/-innen? Sogenannte Wilde konnte man seinerzeit im naturkundlichen Museum betrachten – präpariert und ausgestellt gleich neben Fuchs und Auerhahn (beispielsweise war bis 1806 der »Hofmohr« als Stopfpräparat im kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt, 1848 wurde er beim Brand der Wiener Hofburg vernichtet2).
Heute steht allerdings eine notwendige Erweiterung der Menschenrechte auf Tier- und Pflanzenrechte im Raum. Nicht nur, um deren Würde zu schützen, sondern auch um die Würde des Menschen durch die Erkenntnis der Einheit allen Lebens auf diesem Planeten zum Ausdruck zu bringen.
2. Axiom: Hierbei handelt es sich um eine psychologisch-anthropologische Naturkonstante, die nicht mehr besagt als: Jeder geistig gesunde Mensch will gut sein! Dieser Wille zum Gutsein ist ein absolutes Muss (man muss gut sein wollen), weil andernfalls heftige innere Inkonsistenzen auftreten, die so lange anhalten, bis man wieder glauben kann, zu den Guten zu gehören. Dass damit allein noch keine allgemeine Ethik zu begründen ist, zeigt am besten das Beispiel eines Mafiosi, der es fertigbringt, ohne die geringsten Skrupel einen Menschen über den Haufen zu schießen, dem aber die Tränen kommen, wenn sich seine Oma beim Gemüseschnipseln in den Finger schneidet.
Böse sind immer die Anderen und wir sind die Guten, egal welche Verbiegungen und Verdrängungen nötig sind, um das für sich selbst glaubhaft zu machen. Auch hier taucht die zentrale Frage nach dem ethischen Horizont auf, nach dem Horizont, den ein Wir-Denken zu fassen vermag.
Conclusio/Schlussfolgerung: Systemische Ethik meint in ihrem Kern Horizonterweiterung. Das Gutsein-Wollen muss seine Güte heute im globalen Horizont erweisen und die Würde aller Menschen achten. Das 1. Axiom, die sozial-anthropologische Naturkonstante, die von der Würde des Menschen handelt, liefert seit dem Humanismus der Aufklärung die zentrale Idee der allgemeinen Menschenrechte. Aus dem 2. Axiom, der psychologisch-anthropologischen Naturkonstante, die vom Willen zum Gutsein handelt, kann eine neue Form von allgemeinen Menschenpflichten deduziert werden. Menschenpflichten, die unabdingbar scheinen, um die Implementierung der allgemeinen Menschenrechte verwirklichen zu können. Menschenpflichten als Selbstverpflichtung zur lebenslangen Horizonterweiterung.
Doch Homo sapiens, so scheint es, braucht zuvor ganz dringend Therapie.
»Wir leben in einer Zeit der Bewußtseinsflüchtlinge in die materielle Ablenkung.«
(Elmar Kupke, 1992)
Süchte begleiten den Menschen, seit es ihn gibt. Die Sehnsucht, vielleicht die Urform aller Süchte, aber auch Eifersucht und Selbstsucht finden sich zu allen Zeiten und in allen Kulturen.
Sehnsucht ist unabhängig von Substanzen, sie kommt aus den Tiefen unseres emotionalen Seins. Sich nach Liebe, nach Anerkennung, nach Horizonterweiterung und nach Aufstieg zu sehnen, liegt in der Natur des Menschen. Seine oft betonte vertikale Orientierung hat hier ihre Wurzeln und jedes Streben des Menschen hat seine Quelle in diesem Sehnen. Doch wie wird aus dem Sehnen Sehnsucht? Sehnsucht kann zur schweren Krankheit werden. Der Eine stirbt an gebrochenem Herzen, ein Anderer findet keine Ruhe, weil seine Sehnsucht auf ein Selbstbild gerichtet ist, dem er nie entsprechen wird. Aber auch den Alkoholiker treibt die Sehnsucht zur Flasche. Bei ihm ist es oft ein Sehnen nach der Leichtigkeit des Seins in schweren Zeiten, das zur Sucht wird. Da der Alkohol zunächst diese Leichtigkeit vermitteln kann, aber man im Lauf der Zeit immer mehr davon braucht, um die Leichtigkeit noch spüren zu können und eben dadurch die Zeiten zugleich immer schwerer werden, bis schließlich nur noch Schwere bleibt, spricht man von Alkoholsucht und nicht von Sehnsucht.
Zugleich scheint jede Zeit und jede Kultur ihre eigenen speziellen Suchtformen zu entwickeln. Formen, die mit der Kultur, zu der sie gehören, auch wieder verschwinden. Ein Beispiel aus dem europäischen Raum ist die Betsucht, die wir heute nur noch aus alten Berichten vergangener Zeiten kennen.
Gegenwärtig scheinen die Süchte weltweit stark auf dem Vormarsch zu sein. Noch nie zuvor gab es ein derart umfangreiches Angebot an Drogen. In früheren Jahrhunderten hatte jede Kultur ihre speziellen Rauschmittel, die in gesellschaftliche Rituale eingebunden waren. Heute hingegen kann man überall auf der Erde jede Form alter und neuer Drogen bekommen. Gleichgültig, ob legal oder verboten, alles ist erhältlich und nur wenig ist rituell gebunden. Legale Drogen, vor allem Alkohol, gibt es in jeder Preisklasse und jeder Menge im Supermarkt.
Auffällig ist das stete Anwachsen aller Suchtformen, die nicht an Substanzen gebunden sind. Diese sogenannten Verhaltenssüchte werden schon seit Jahrzehnten immer reicher an Varianten und haben heute eine enorme Verbreitung. Ob Arbeitssucht, Sportsucht, Spielsucht oder Konsumsucht – tatsächlich alles kann für Menschen zum Suchtmittel werden. Eine neue Dimension bilden die Suchtverlockungen der digitalen Technik, die mit unglaublicher Energie Menschen weltweit in ihren Bann gezogen haben. An erster Stelle steht dabei die Internet- oder Smartphonesucht, bei den Digital Natives das Hängen im Netz via Bildschirm und Daumen.
»Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.«
(Oscar Wilde, o. J.)3
Niemand, der sich für den erlittenen Alltagsfrust am Samstag beim Shoppen eine Belohnung gönnt, ist deshalb schon suchtkrank. Und doch ist es bereits der Beginn süchtigen Verhaltens, weil dieses Shoppen eine Ersatzhandlung ist, die den während der Woche abgesunkenen Dopaminspiegel wieder auf ein vernünftiges Niveau heben will.
Im Inneren jeder Suchtform arbeiten neuronale Strukturen, die ein sogenanntes Belohnungssystem bilden. Dieses regelt im Wesentlichen den Dopaminhaushalt und bestimmt damit das Grundgefühl des Menschen. Sinkt der Spiegel ab, steigen Unruhe, Angstbereitschaft, Verführbarkeit etc. Ist er hoch, hat man ein Hoch und fühlt sich gut. Diese hormonelle Differenz steuert das Verhalten des Menschen aus den Tiefen seiner emotionalen Natur. Das Belohnungssystem reagiert im Rahmen seiner genetischen Vorgaben auf psychische und soziale Faktoren, die jeweils gleichermaßen in der Lage sind, die hormonelle Differenz zu beeinflussen. Da alles, was wir tun oder lassen, was wir zu uns nehmen und worauf wir verzichten, Reaktionen in diesem Belohnungssystem auslöst, kann auch alles zum Suchtmittel werden. Sobald dieses System, aus welchen Gründen auch immer, eine negative Bilanz aufweist, beginnt die Suche nach Ausgleichsmöglichkeiten. In verschiedensten Varianten und Komplexitätsstufen funktioniert dieses Prinzip als Steuerung aller – zumindest höheren – Formen des Lebens.
Relativ frei von den Anmutungen dieser Steuerung macht den Menschen die Tatsache, dass er ein durch Gründe affizierbares Wesen ist. Ein Suchtkranker etwa kann Krankheitseinsicht haben und damit Gründe finden, seine Sucht zu beenden. In der Umsetzung dieses Vorhabens wird er aber auf den permanenten Sog aus dem plötzlich ungestillten Verlangen seines Dopaminsystems treffen. Wenn es ihm nicht gelingt, sein Belohnungssystem auf alternative Weise zu befriedigen, wird die Sucht auf einen schwachen Moment warten. Schafft man es eine Zeit lang, auch ohne Suchtmittel auszukommen, fühlt man sich sicher und findet, dass man nun eine Belohnung verdient habe. Nur ein Achterl, und dann wieder Abstinenz. Aber schließlich ist die Flasche leer und bald noch eine zweite.
Ist der Mensch sein Wollen oder sein Wille? Oder gar beides? Sucht stellt mit Vehemenz die alte Doppelfrage nach der Freiheit des menschlichen Willens. Der Süchtige kann fraglos ein verfügbares Suchtmittel benutzen. Das ist seine Handlungsfreiheit. Kann er aber, weil eben gute Gründe dafürsprechen, auch wollen, sein Suchtmittel nicht zu nutzen? Wie lange wird er wach genug sein, um mit seinem Willen, der den guten Gründen folgen möchte, sein Wollen, das sich nach Dopaminen sehnt, unter Kontrolle zu halten?
Dass Individuen unterschiedlich gut gerüstet sind, um diversen Suchtverlockungen widerstehen zu können, ist bekannt. Ein Versuch mit Ratten4 demonstriert die eminente Bedeutung der sozialen Komponente der Sucht, die sich hier schon auf der Ebene unreflektierten Verhaltens als zentral erweist. Man setzt etwa eine einzelne Ratte in einen typischen kleinen Laborkäfig und gibt ihr zwei Futterspender, einen mit Drogen und einen ohne. Die Ratte wird die Droge bevorzugen und sich am entsprechenden Spender bedienen, bis sie tot ist. Das funktioniert mit annähernd jeder Ratte. Baut man dagegen ein kleines Rattenparadies mit mehreren Ratten und bietet die gleichen Futteralternativen an, dann wird auch hier die Droge gern genommen, aber nur ab und zu, ansonsten ist man lieber mit seinesgleichen beschäftigt.
Funktionierende soziale Bezüge sind die beste Versicherung gegen die Sucht. Wenn nun das psychosoziale Phänomen der Sucht in all seinen Varianten und Stadien weltweit ansteigt und neue Dimensionen gewinnt, dann können die Gründe dafür nur in einer malignen Wechselwirkung zwischen psychischen und sozialen Faktoren liegen. Individuum und Gesellschaft, Kognition und Kommunikation, also psychische und soziale Systeme, produzieren in ihrer Interaktion schon seit Jahrzehnten zunehmend süchtige Verhaltensmuster mit entsprechenden Abhängigkeiten und einem stets steigenden Verlangen nach immer noch mehr.
Neu in der Geschichte der Süchte ist die sich durchsetzende positive Sicht auf alle Attribute, die das auszeichnen, was man gemeinhin Narzissmus nennt. Narzissmus, die Selbstsucht, hat keinerlei Ähnlichkeiten mit der Selbstliebe, obwohl er bisweilen so bezeichnet wird. Er ist vielmehr eine Persönlichkeitsstörung, die sich durch einen unstillbaren Hunger nach Anerkennung auszeichnet. Ein Erziehungsstil, der Zuwendung ausschließlich für erbrachte Leistungen des Kindes erweist – eine Liebe, die nie das Kind meint, sondern immer nur die Kunststückchen, die es vorzuführen lernt –, ein solcher Erziehungsstil produziert leistungsstarke Egomanen, die bereit sind, alles für die Anerkennung ihrer Großartigkeit und für ihren Aufstieg zu tun.
Zahllose Spitzenpositionen, vor allem in Wirtschaft und Politik, sind heute mit Egomanen dieses Zuschnitts besetzt. Wer ein berühmtes Beispiel studieren möchte, der möge in die Suchmaschine seiner Wahl den Namen Josef Ackermann (ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank AG) eingeben. Er wird reichhaltiges Anschauungsmaterial für die Gefahren finden, die aus dem gegenwärtigen Hype um solche Persönlichkeitstypen – egomanische Macher – für die Gesellschaft entstehen.
Diese Selbstsucht wird heute in allen Erscheinungsformen eines gefeierten Hyperindividualismus honoriert. Und sie ist zugleich der Spaltpilz jeder Gemeinschaft. Amerikanische Langzeitstudien (Twenge u. Campbell, 2010) zeigen eine Steigerung der Selbstsucht durch die Normalisierung narzisstischer Verhaltensweisen im Horizont der allgemeinen Erwartungen und belegen eine Neuorientierung aller Werthaltungen. An die Stelle von Familie und Gemeinschaft sind Selbstverwirklichung und Karriere getreten – und »Geiz ist geil«.
In der Dynamik einer Suchterkrankung ist die Krankheitseinsicht des Patienten ein entscheidender Punkt. Denn diese Einsicht verlangt mit unabweisbaren Gründen nach einem Beenden des süchtigen Verhaltens. Gelingt dies, spricht man von Heilung. Doch in dem Maß, in dem ein Süchtiger mit seinen Versuchen, sein Verhalten zu korrigieren, scheitert, verschlimmert sich auch die Erkrankung, weil mit jedem Scheitern ein Stück seiner Selbstachtung verloren geht. Das Selbstwertgefühl versinkt in der Erfahrung des Kontrollverlustes, was noch tiefer in die Sucht und bisweilen auch zu einem trotzigen Suchtbekenntnis treibt. Allerdings kann das die verlorene Selbstachtung nicht reparieren.
Der Patient Homo sapiens zeigt heute nicht nur alle Anzeichen einer schweren Suchterkrankung, sondern durchaus auch schon Krankheitseinsicht. Er findet aber trotz dieser Einsicht nicht die Kraft, sich aus seiner Suchtfalle zu befreien. Homo sapiens hat schon seit geraumer Zeit verstanden, dass es so nicht weitergehen kann. Was dem Alkoholiker seine Leber in ihrer Verhärtung zu sagen hat, das wird Homo sapiens vom schwer gestörten ökologischen Gleichgewicht dieses Planeten mitgeteilt.
Aber alle Versuche zur Verhaltenskorrektur haben sich als wenig wirksam erwiesen. Trotz aller Klimakonferenzen und Umweltbewegungen, trotz aller Grenzwertbestimmungen und einer Unmenge an Umweltbeauftragten steigen der Verbrauch von Rohstoffen und der Bedarf an Energie ständig an. Auch der Ausstoß an Schadstoffen kann mit deren Steigerungsraten durchaus mithalten. Alle Warnungen der Wissenschaften bilden bloß ein Hintergrundrauschen in den Medien.
Zugleich gewinnt das Verleugnen der Suchteinsicht politisch an Boden. Der US-Präsident Donald Trump und sein Freund, der rechtsextreme Jair Bolsonaro an Brasiliens Spitze, wollen schlicht nicht glauben, was das gegenwärtige Wissen der Menschheit und die Wissenschaften sagen. Sie glauben nur, was ihren wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen dient. Und die neoliberale Weltwirtschaft – samt Konsumenten – glaubt an »business as usual«, nur immer noch schneller.
Hier scheint die Erinnerung an eine systemische Tugend angebracht. Will man eine Problemlage tatsächlich verstehen, muss man darauf verzichten, etwaige Schuldfragen zu stellen, und stattdessen Wege suchen, die Beweggründe der Beteiligten zu begreifen. Systemische Problemlösung funktioniert als Vermittlung solchen Verstehens, um so die Basis für eine gemeinsame Lösungssuche zu schaffen.
Schuldfragen dagegen blenden Beweggründe aus und verhindern damit echte Lösungen. Das gilt vor allem in Suchtfragen, denn eines ist gewiss: Niemand ist gern abhängig! Kein Alkoholiker freut sich darüber, dass er ohne Alkohol nicht mehr sein kann. Auch die Gesellschaft fühlt sich nicht wohl in ihrer Getriebenheit von einem alternativlos ewigen Wachstum ohne Ziel und Sinn.
Versucht man, die gegenwärtige Gesellschaft in ihrem Suchtcharakter zu verstehen, dann gilt es ganz besonders, jede Schuldzuweisung zu vermeiden. Natürlich leben die sogenannten Reichen und Superreichen zurzeit auf der Seite des Suchtgewinnes und immer größere Teile der Armen und weniger Vermögenden spüren bereits die negativen Suchtfolgen. Doch allen Menschen, ob reich oder arm, ist gemeinsam, dass sie an einem bestimmten geografischen und sozialen Ort in dieses schon bestehende System hineingeboren wurden. Jeder Mensch ist gefordert, sich an seinem Platz und in seinem Tun als Mensch zu erweisen. Selbst die sehr überschaubare Gruppe der Superreichen bildet alles andere als eine homogene Gruppe. Da gibt es zum Beispiel Warren Buffett, der an einer langfristigen Finanzierung gesunder Realwirtschaft interessiert zu sein scheint, und es gibt Spekulanten, die auf den Ruin anderer setzen und damit reich werden.
Dass Homo sapiens heute suchtkrank ist, bedeutet nicht automatisch, dass auch alle Individuen gleichermaßen süchtig sein müssen. Es heißt aber, dass jeder Mensch, der sich an Kommunikation beteiligt, damit rechnen muss, dass wesentliche Muster der gegenwärtigen globalen Kommunikation Suchtcharakter aufweisen. Und dass es immer kognitiven Aufwand bedeutet, sich ihrem Sog zu entziehen.
An dieser Stelle drängt sich nun endgültig eine theoretische Fragestellung auf. Denn galt die Suchterkrankung nicht noch bis gestern als ein rein individuelles Phänomen? Kann eine Gesellschaft, kann die globale Gesellschaft tatsächlich süchtig sein?
Hier lässt sich trefflich mit Niklas Luhmann argumentieren, der in seiner Systemtheorie soziale Systeme als genuin eigene Systemart beschrieben hat. Nach Luhmann kann nur die Kommunikation kommunizieren. Menschen, Individuen und Organisationen können sich an Kommunikation beteiligen, aber nur jeweils entweder als Sprecher oder als Hörer. Kommunikation dagegen meint ein Ganzes, bestehend aus der Mitteilung einer Information durch einen Sprecher und dem Verstehen durch einen Hörer, im Horizont von Erwartungen und Erwartungserwartungen.
Versteht man soziale Systeme als Kommunikationszusammenhang, der eigenen Gesetzen folgt, dann lässt sich die Suchterkrankung von Homo sapiens semantisch gut erfassen, indem man nach generellen und gesellschaftsbestimmenden Kommunikationsmustern sucht, die auf einen Suchtcharakter hinweisen.
Wirft man aus einiger Distanz einen ersten Blick auf den Zustand des Patienten Homo sapiens, dann sieht man keinen heruntergekommenen Alkoholiker im Delirium und auch keinen heroinsüchtigen Junkie in süßen Träumen, sondern eher einen hochintelligenten Workaholic, der gerne zu Amphetaminen (Aufputschmitteln) greift, manchmal auch eine Prise Kokain schnupft, zugleich seine Sexsucht zu genießen versucht und an der Börse zockt. Aus seiner Sinnsuche ist schon lange Sinnsucht geworden, ein Verlangen, das sich nur durch den jeweils neuesten Porsche und eine steigende Anzahl an Flugstunden pro Monat beruhigen lässt. Er neigt zu Gewaltausbrüchen und Kunst ist für ihn eine Wertanlage. Den ersten und zweiten Herzinfarkt hat er locker weggesteckt. In seinem Job steht er gerade vor den größten Herausforderungen seiner steilen Karriere. Herausforderungen, die nicht nur Krisenbewältigung meinen, sondern zugleich die Frage von Gebrauch oder Missbrauch der enormen Möglichkeiten der neuen Technologien stellen.
Das ist keine einfache Frage für Homo sapiens, dem, wie jedem Suchtkranken, für sich selbst die Fähigkeit, zwischen Gebrauch und Missbrauch zu unterscheiden, abhandengekommen ist. Homo sapiens braucht Therapie, doch für ihn gibt es keinen Therapeuten. Kein Gott und auch keine Außerirdischen bieten Hilfe an. Er ist mit der Heilung seiner Sucht auf sich selbst, auf seine Selbstorganisation und seine Selbstheilungskräfte verwiesen.
Der Mensch ist auf die Menschen angewiesen, auf jeden Einzelnen.
2Zugriff am 11.12.2018 unter https://www.diepresse.com/696852/wien-museum-hofling-aus-afrika-ausgestopft-verbrannt.
3Zugriff am 11.05.2017 unter https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_oscar_wilde_thema_versuchung_zitat_3098.html.
4Zugriff am 05.04.2019 unter https://www.drugcom.de/?id=topthema&sub=221.
»Am Anfang war die Suche. Und die Suche ist Sucht geworden und hat unter uns gewohnt.«
(Unbekannt)
Der Begriff »Sucht« stammt nicht von der verlockend ähnlich klingenden »Suche« ab, sondern von »Sieche« (Krankheit). Zugleich werden Suchtkundige nicht müde zu betonen, dass eben der Begriff der Suche großes Erklärungspotenzial für das Phänomen der Sucht in sich trägt.
Dass der Mensch ein Suchender sei, lesen wir nicht bloß in den alten Weisheitslehren der verschiedenen Kulturen. Auch die modernen Sozialwissenschaften haben seine Suche thematisiert. Dass Homo sapiens ein Suchender ist, kann zu Recht als eines seiner Wesensmerkmale, als eine anthropologische Konstante bezeichnet werden. Was aber sucht der Mensch?
In allen ihren großen und kleinen Entscheidungen und Handlungen sind Menschen auf Sinn verwiesen. Luhmann stellt daher die Art und Weise einer laufenden Sinnproduktion ins Zentrum seiner Systemtheorie und beschreibt sowohl psychische als auch soziale Systeme als von Sinn gesteuerte Systeme. Zugleich bestimmt er Sinn als das Medium ihrer Verbindung. Sinn bildet die strukturelle Kopplung von Individuum und Gesellschaft. Sinn steuert alles, was Menschen tun, denn jede beliebige Situation ist durch eine Differenz zwischen ihrer Aktualität und ihrer Potenzialität gekennzeichnet. Jede Situation ist, wie sie ist, und weist zugleich Möglichkeiten auf, was aus ihr – abhängig von der Entscheidung für eine bestimmte (Handlungs-) Option – werden kann. Alle Entscheidungen erfolgen gesteuert von jenem Sinn, der sich den erwartbaren Folgen zuschreiben lässt. Diese Art einer laufenden Sinnproduktion bestimmt alles Tun und Lassen eines jeden einzelnen Menschen und ebenso das seiner sozialen Systeme.
Die großen Sinnfragen dagegen drängen zumeist nur in Krisen- und Umbruchsituationen an die Oberfläche, verlangen dann aber umso dringlicher nach einer Antwort. Auch diese großen Fragen sind strukturell ganz analog zur laufenden Sinnproduktion gebaut. Sieht man ein ganzes Menschenleben von der Geburt bis zum Tod als Aktualität, stellt sich unvermittelt die Frage, welches Potenzial in dieser Aktualität zu finden ist. Glaubt man an Wiedergeburt oder an ein Weiterleben nach dem Tod in Himmel oder Hölle, wird man, so man kann, bestrebt sein, Sünden zu vermeiden, um dem Höllenfeuer zu entgehen bzw. um nicht als Krokodil wiedergeboren zu werden.
Glaubt man dagegen an die Endgültigkeit des Todes, so findet man im Leben als solchem kein Potenzial mehr, das über dieses hinausweisen könnte – und damit kein Potenzial, den Sinn allen Sinns, die Orientierung aller Orientierungen zu bestimmen. Doch auch dieses Fehlen von Sinn, die Sinnlosigkeit, macht Sinn. Jedenfalls wenn man Luhmann folgt, der Sinn als eine differenzlose Kategorie, als die Letztkategorie des Menschen bezeichnet. Auch die Sinnlosigkeit hat schließlich eminente Bedeutung. In den großen Fragen wirft sie den Menschen zurück auf seine Endlichkeit und darauf, in ebendieser seinen letzten Sinn zu suchen.
Seit der Mensch gelernt hat zu sprechen, seit er gelernt hat Fragen zu stellen, ist er auf der Suche. Er ist auf der Suche, weil er auf Sinn verwiesen ist, um seinem Tun eine Richtung zu geben, weil er mit seiner Sprache aus dem Paradies bloßen Verhaltens, dem Paradies der unreflektierten Triebsteuerung gefallen war. Er ist das Tier, das im Bewusstsein seiner Sterblichkeit leben muss, gezwungen, nach dem Sinn seiner endlichen Existenz zu fragen.
Doch damit ist Homo sapiens bisher in seiner Geschichte durchaus zurechtgekommen. Was aber heute zunehmend zum Problem wird, ist der Verlust aller großen und im Kern ewig gleichen Fragen des Menschen. Sie verschwinden im Mainstream der herrschenden materialistischen Ideologie der Gegenwart. Die Wissenschaft sagt: Es gibt nur den Körper, nur Materie. Geist und Bewusstsein sind Illusionen, sie sind nichts als rein materielle, vollständig von Naturgesetzen determinierte körperliche Prozesse.
Der Mensch hat sich von vertikal auf horizontal umzustellen, denn auch oben findet er nur noch den Staub, aus dem er gemacht ist, aber keinen Geist, auch nicht den eigenen, der ihn begeistern könnte.
Die Formel »Es gibt ein Leben nach dem Tod« wird zu »Es gibt ein Leben vor dem Tod«. Sucht man den Sinn des Lebens nur noch im Leben, wird man nie zufrieden sein, weil Sinn zuletzt immer die Frage nach der Einheit der Differenz von Leben/Tod stellt. Der Ausweg geht in die Quantität: mehr Leben im Leben, immer schnelleres, besseres Leben.
Der Blickwinkel der Ewigkeit mag erschrecken, wenn er nichts zu zeigen hat. Einen sinnlosen Tod kann man nur noch verdrängen.
