Systemische Ethik - Ramita G. Blume - E-Book

Systemische Ethik E-Book

Ramita G. Blume

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Beschreibung

Ethik ist ein immer präsentes aktuelles und gesellschaftlich hochrelevantes und brisantes Thema, dem sich niemand entziehen kann.Was im Kontext unserer globalisierten Welt mehr denn je gefragt ist, ist ein auf der Höhe des State of the Art argumentierendes Konzept der Ethik, das die Antagonie zwischen der individualethischen und der sozialethischen Perspektive aufzulösen vermag und sowohl der beruflichen Beratungs- und Kommunikationspraxis als auch dem persönlichen Leben Orientierung und richtungsweisende Impulse geben kann.Dies gelingt mit der von Ramita G. Blume vorgestellten impliziten systemischen Ethik. Sie schließt an die Tradition Heinz von Foersters an und bringt diese mit der Systemtheorie Luhmann'scher Prägung, dem Konstruktivismus Ernst von Glasersfelds sowie George Spencer-Browns Laws of Form in Verbindung. Systemisch-konstruktivistische Denkansätze bieten nicht nur eine exzellente Theorie, mit der sich komplexe Zusammenhänge adäquat beschreiben lassen, sondern offenbaren bei näherer Betrachtung ein implizites ethisches Potential, das den Ansprüchen an ein zeitgemäßes Konzept der Ethik gerecht wird. Um dieses ethische Potenzial erfahrbar zu machen, lädt Ramita G. Blume den Leser ein, einen Erkenntnisprozess mit- und nachzuvollziehen, der sukzessive in eine systemisch ethische Haltung führt, und den sie mit der Praxis in Verbindung bringt.Die Möglichkeiten und Grenzen einer gesellschaftlichen Implementierung der systemischen Ethik in den Blick nehmend, regt die Lektüre zum Weiterdenken an und appelliert an den Leser, sich am »Spiel mit der Welt« zu beteiligen. Denn die Zukunft, die wir wollen, so Joseph Beuys, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.

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Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ramita G. Blume

Systemische Ethik

Orientierung in derglobalen Selbstorganisation

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 14 Abbildungen und 5 Tabellen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99805-3

Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de

Umschlagabbildung: © Brigitte Grawe: http://compusitionen.de/portfolio/abstrakt-2012-2013

© 2016, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Inhalt

Vorwort

Welche Ethik brauchen wir?

Implizite Ethik

Einheit von Theorie und Praxis der systemischen Ethik

Die systemische Sicht

Die ethische Gretchenfrage

Entdecken des Erfindens und Erfinden des Entdeckens

Locus observandi

Die konstruktivistische Position

Errechnen der Welt

Beobachter beobachten, ein Kalkül

Triff eine Unterscheidung!

Re-entry

Realität und Wirklichkeit: eine Differenz, die Sinn macht

Ethik des Sowohl-als-auch

Einheit

Inside the box

Getrennt und verbunden

Einheit und Anderheit

Einheit/Anderheit und Einheit/Vielheit

Das differenzlose Wir

Knoten im Netz gemeinsamer Steigerung

Absicht des Gemeinsamen

Gemeinsame Absicht

Ethische Sicht und Einsicht

Sehen des Sehens

Re-entry der Gretchenfrage

Ethische Haltung

Haltung der Haltung: 2nd-Order-Haltung

Freiheit als Entscheidung

Willens- und Handlungsfreiheit

Die Foerster’sche Formel

Freiheit – Macht – Verantwortung

Individuelle Selbststeuerung

Ethische Kunst

2nd-Order-Kompetenz als neue Lebenskunst

2nd-Order-Reflexion

Nicht-Tun der Gewohnheiten

Feedback

Vertrauen als Entscheidung

Kooperation als Eigenfunktion

Ethische Differenz

Empowerment/Trivialisierung

Re-entry der Differenz

Systemische Beratung als Ort der Ethik

Das Ethische des Systemischen

Alte und neue Tänze

Systemische Kommunikationswerkzeuge

Was wäre, wenn …?

Unterschiede, die Unterschiede machen

Zusammenfassung: Teilnahme als Haltung und Gestaltung

Implementierung der systemischen Ethik

Text, Kontext und Werkzeug

Teilnahme und Teilhabe

Erfinden der Zukunft

Chronologische Liste der Shortcuts

Chronologische Liste der Reflexionen

Literatur

Quellennachweise der Mottos

Vorwort

Wie halten Sie es mit Ihrer Haltung?

Haltung meint das spezifische Verhältnis, das man sich selbst, anderen und der Welt gegenüber einnimmt – mehr oder minder explizit, mehr oder minder reflektiert, mehr oder minder bewusst. Wie man es mit sich selbst, anderen und der Welt hält, bestimmt das Verhalten. Aus Haltung folgt Handlung.

Die Aufforderung, Haltung zu zeigen und zu bewahren, mag heute in unseren Ohren antiquiert klingen. Denn ihr Zeigen und Bewahren setzt doch zunächst den Besitz einer Haltung voraus. Europäer lernen gerade, dass andere Kulturen sehr wohl noch versuchen, ihre Haltungen zu bewahren, auch wenn die Vorstellungen und Überzeugungen, auf welchen sie beruhen, für aufgeklärte moderne Geister inakzeptabel erscheinen. Die Kollision divergierender Haltungen – wie beispielsweise islamischer und westlicher oder konservativ-religiöser und wissenschaftlicher – stellt zweifellos eine zentrale ethische Herausforderung in der Selbstorganisation der globalen Gesellschaft dar.

Europa mag sich zwar größtenteils von den Wertegespenstern der eigenen Vergangenheit befreit haben, aber es ist noch nicht gelungen, auf der Grundlage neuzeitlicher Einsichten eine belastbare und praktikable neue – moral- und ideologiefreie – ethische Haltung im Umgang mit eigenen und anderen Haltungen zu konstituieren – oder eine solche gar allgemein zu implementieren. Die historische Herausforderung, in jedem menschlichen Individuum eine solche 2nd-Order-Haltung und eine entsprechende Kompetenz im Umgang mit der eigenen und mit anderen/fremden Haltungen zu entwickeln und zu kultivieren, ist unabweisbare Voraussetzung für die Lösung aller globalen Problemlagen. Für den Weg dahin will dieser Text einen Beitrag leisten.

Systemische Ethik ist die dem systemischen Denken implizite Ethik. In der Absicht, das implizit ethische Potenzial dieses Denkens auch erfahrbar zu machen, lade ich den Leser als Beobachter ein, ein logisches Rätsel zu lösen und einen Erkenntnisprozess mit- und nachzuvollziehen, der mit einer unbeantwortbaren Frage beginnt: der ethischen Gretchenfrage. Wer sich darauf einlässt, stößt bald an die Grenzen der klassischen Logik, denn die Frage stellt sich als paradoxes Problem dar. Um einer Antwort näher zu kommen, werde ich im Anschluss an die Tradition Heinz von Foersters vier Theoriestränge des systemischen Denkens verbinden: die Kybernetik zweiter Ordnung, den Konstruktivismus, die Systemtheorie Luhmann’scher Prägung und George Spencer-Browns Kalkül: die Laws of Form. Ich werde zeigen, wie diese Zugänge unweigerlich zu einer ethischen Sicht und Einsicht (in die Sicht) führen, die als 2nd-Order-Haltung tragend werden. Handlung wird in der Dynamik dieser Haltung zur ethischen Kunst, die verstanden hat, dass der einzig mögliche Sinn des Lebens nur darin bestehen kann, diesem Leben einen Sinn zu geben.

Das zentrale Argument ihrer Entfaltung – so die These in diesem Buch – findet die systemische Ethik in der Erkenntnis, dass sich psychische (oder Bewusstseinssysteme) und soziale Systeme (oder Kommunikationssysteme) in ihrer Entwicklung nur gemeinsam steigern können. Durch die positive Kopplung der beiden Systemtypen löst sich der alte Antagonismus zwischen der individualethischen und der sozialethischen Perspektive auf. Der gegenwärtige Ort, an dem sich die systemische Ethik bereits praktisch bewährt, an dem ihre Qualität wirksam zum Ausdruck kommen und ihr Leistungsvermögen ermessen werden kann, ist die systemische Therapie und Beratung. Ihr ist daher bezüglich einer allgemeinen Umsetzung Pionierstatus zuzuschreiben und sie kann als Musterbeispiel für die Praxis dienen. Hinsichtlich einer gesellschaftlichen Implementierung der systemischen Ethik werde ich im letzten Abschnitt des Buchs Möglichkeiten und Grenzen beleuchten und skizzieren, was vor allem zum Weiterdenken anregen soll.

Theoretischer Protagonist der systemischen Ethik ist der Beobachter. Ethik ist immer die Ethik eines Beobachters. Der Begriff des Beobachters geht hier bei Weitem über sein Alltagsverständnis hinaus: Er stellt die Zentralfigur der Kybernetik zweiter Ordnung und des Konstruktivismus dar und wird als Terminus technicus gebraucht.

Der Beobachter übersteigt und transzendiert auf dieser Ebene natürlich auch die Genderebene. Wenn daher vom Individuum die Rede ist, ist damit ein beobachtender Mensch gemeint. In diesem Begriff sind sowohl männliche als auch weibliche Wesen wie auch alle Mischformen mit eingeschlossen. In diesem Sinne wird nachfolgend auf eine genderspezifische Differenzierung verzichtet und die männliche Formulierung gewählt – was nicht zuletzt der besseren Lesbarkeit dienlich sei.

Ergänzt werden meine Ausführungen durch Shortcuts der wesentlichen theoretischen Begriffe, Kernaussagen oder Grundkonzepte, auf welchen die Argumentation der systemischen Ethik aufbaut und auf die sie sich bezieht. Diese Shortcuts stellen Kondensate komplexer Ideen dar und erfüllen die Funktion einer Einführung in die Begriffswelt der systemischen Ethik.

Um nicht nur einen Einblick in die Begriffs-, sondern auch in die Erfahrungswelt der systemischen Ethik zu vermitteln, werden entsprechend gekennzeichnete Reflexionen, Übungen, Experimente und Kontemplationen angeboten.

Die Lektüre möchte – gegen den Alarmismus gegenwärtiger Krisendiskurse – an die Möglichkeit einer positiven Zukunft erinnern und an den Leser appellieren, sich am »Spiel mit der Welt« bewusst zu beteiligen.

Welche Ethik brauchen wir?

Von allen Posen ist die moralische die unanständigste.Oscar Wilde

Obwohl ethisches Verhalten in der Umgangssprache oft synonym mit moralischem oder sittlichem Verhalten verwendet wird, ist Ethik nicht Moral. In klassischem Sinn versteht sich Ethik als die Reflexionstheorie der Moral, die nach Kriterien sucht, die eine Handlung als moralisch (oder nicht) auszeichnen und bewerten (vgl. Shortcut 1, S. 15). Ihre Aufgabe ist es, normative moralische Forderungen kritisch zu hinterfragen, zu begründen und zu legitimieren oder aber zu disqualifizieren. Moral hingegen definiert ein bestimmtes Sollen auf Grundlage konventionell vereinbarter und traditionell überlieferter Gebote und Werturteile, die zu einem bestimmten Handeln auffordern. Ihr Sinn besteht in der Organisation und Verhaltenskoordination in menschlichen Gemeinschaften. Als Ordnungs- und Regelsystem funktioniert Moral durch wechselseitige Anerkennungsprozesse. Nach Luhmann (Luhmann, 1984, S. 319 u. 1998a, S. 397) unterscheidet Moral daher mit der Differenz Achtung/Missachtung. Achtung und Missachtung stellen in sozialen Systemen Regulative der Inklusion beziehungsweise der Exklusion der einzelnen Individuen dar. Verstöße gegen moralische Normen werden durch Verachtung und Ausgrenzung aus der Gemeinschaft sanktioniert.

Moralen variieren aufgrund ihrer Entwicklung in verschiedenen historischen und regionalen Kontexten von Gruppe zu Gruppe, von Kultur zu Kultur, von Gesellschaft zu Gesellschaft. Was anerkannt und was nicht anerkannt wird, ist abhängig von jeweils etablierten (kulturellen, politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen etc.) Standards, die sich im Lauf der Geschichte verändern. Moralische Regeln gelten nicht für immer und ewig, sondern nur so lange, wie sie auch anerkannt und befolgt – also bestätigt – werden.

Während in den noch relativ geschlossenen Gesellschaften der vortechnischen Welt der jeweiligen Moral eine integrative Funktion zugeschrieben werden konnte, verliert sie diese Möglichkeit für eine Weltgesellschaft, in der sich unterschiedliche, einander widersprechende und miteinander in Konflikt geratende Moralen (zum Beispiel westliches und islamisches Frauenbild) direkt begegnen. So bietet die Moral keinerlei Lösungen für Konflikte. Im Gegenteil: Durch die implizite Sanktionsdrohung der Exklusion durch Nichtachtung fordert sie vielmehr Konflikte erst heraus, weshalb Luhmann auch vor der Gefährlichkeit der Moral warnt (Luhmann, 2008, 261 ff., 1990). »Empirisch gesehen ist moralische Kommunikation nahe am Streit und damit in der Nähe der Gewalt angesiedelt« (Luhmann, 2008, S. 166).

Moral – besonders religiös konnotierte Moral – war immer schon der Nährboden für gesellschaftliche und kulturelle Kontroversen, Fanatismen und Intoleranz, für Kriege bis hin zu den gegenwärtigen politischen Terrorszenarien. Da sich dieser negative Beigeschmack der Moral durch die gesamte Geschichte der Menschheit zieht, meint Luhmann (1993), dass eine gesellschaftliche Integration durch Moral immer schon eine Utopie war und im Rahmen einer globalen Gesellschaft endgültig dysfunktional wird.

Diese Überlegungen legen den Schluss nahe, dass im Kontext unserer modernen Weltgesellschaft nur derjenige »moralisch« handelt, der sich der Moral gegenüber abstinent verhält. Mit Luhmann die Integrations- und Ordnungsfunktion der Moral dekonstruierend, kann man sich konsequenterweise nur noch jeglicher moralischer Aussagen enthalten. Damit verliert die Ethik aber auch ihre Begründungsfunktion, deren Sinn es war, eine gesellschaftliche Moral und deren normative Forderungen zu legitimieren.

»Jede Begründung findet sich, durch ihren puren Vollzug, dem Vergleich mit anderen Möglichkeiten und damit dem Selbstzweifel ausgesetzt. Sie sabotiert sich laufend selbst, indem sie den Zugang zu anderen Möglichkeiten eröffnet, wo sie ihn verschließen möchte. Wenn wir dies beobachten, führt uns das zu der Konsequenz, Begründung sei ein paradoxes Unternehmen, das sich, wie immer, mit irgendeiner Art von Unehrlichkeit auf den Weg bringen muss. Aus der Perspektive einer solchen Beobachtung liegt es nahe, der Ethik vorzuschlagen, auf eine Begründung der Moral zu verzichten« (Luhmann, 1993, S. 360).

Was aber ist nach diesem »Funktionsverlust« dann noch der Sinn der Ethik? Jeder Verlust birgt immer auch die Möglichkeit für eine neue Positionierung, die einen neuen Sinn macht. Im Kontext der globalen Weltgesellschaft besteht der Sinn der Ethik – einfach ausgedrückt – darin, das, was getrennt ist (durch unterschiedliche Moralen, die miteinander konfligieren), auf einer neuen Ebene zu verbinden und das sich bisher gegenseitig Ausschließende in ein globales Ganzes einzuschließen (vgl. das Kapitel »Das differenzlose Wir«, S. 66). Der Blick auf die Herausforderungen der Globalität und die damit korrespondierenden Problemlagen (wie beispielsweise die Flüchtlingsthematik) zeigt unbestreitbar einen deutlich steigenden »Bedarf« an einer solchen Ethik: »Diese komplexe Gesellschaft braucht mehr Ethik, als sie zu produzieren in der Lage ist«, so Thomas Bauer (Bauer, T., 2008, S. 33). Heute stellt sich der Anspruch an die Ethik, eine globale, kulturunabhängige beziehungsweise transkulturelle Perspektive zu entwickeln, zugänglich zu machen und gesellschaftlich zu implementieren, anstatt eine bestimmte Moral zu begründen und zu legitimieren. Die Ethik soll eine Perspektive bieten, von der aus es möglich ist, völlig moral- und ideologiefrei zu argumentieren und zu operieren.

»In jedem meiner Gespräche über, sagen wir, die Wissenschaft, Philosophie, Epistemologie, Therapie usw., bin ich bemüht, meinen Sprachgebrauch so im Griff zu haben, dass Ethik impliziert ist. Was will ich damit sagen? Ich möchte Sprache und Handeln auf einem unterirdischen Fluss der Ethik schwimmen lassen und darauf achten, dass keines der beiden untergeht, so dass Ethik nicht explizit zu Wort kommt und Sprache nicht zur Moralpredigt degeneriert« (von Foerster, 1993a, S. 68 f.).

Reflexionsgegenstand dieser Ethik ist daher auch nicht irgendeine Moral, sondern Sinn. Sinn wird im Folgenden als Zentralreferenz der Selbstbestimmung und Selbstorganisation von Individuum und Gesellschaft und als Medium der Wirklichkeit beschrieben (vgl. das Kapitel »Realität und Wirklichkeit: eine Differenz, die Sinn macht«, S. 48). Der Sinn, der aus der Dekonstruktion der Moral »frei« wird, bedarf einer neuen Bestimmung. Die Funktion der Ethik besteht jedoch nicht in der Bestimmung dieses Sinns, sondern darin, die Kompetenz zur Bestimmung von Sinn anzuleiten und die Freiheit und Verantwortung darin zu erkennen.

Shortcut 1: Ethik

Als philosophische Disziplin wurde Ethik von Aristoteles eingeführt, der – wie bereits Sokrates – Ethik zum zentralen Thema philosophischer Betrachtungen machte. Ethik, auch als Moralphilosophie bezeichnet, leitet sich vom griechischen Begriff ēthikē epistēmē, »das sittliche Verständnis«, ab (von ēthos, »Charakter, Sinnesart«). Der Begriff bezieht sich sowohl auf das Sittliche selbst als auch auf die Wissenschaft vom Sittlichen.

Bei Aristoteles ist die Ethik psychologisch begründet und praktisch ausgelegt: Sie besteht in der Tätigkeit (en tô ergô), im tugendhaften Leben (kat‘ aretên teleian), das in seiner Vollkommenheit Glückseligkeit bedeutet. Tugenden (aret) beschreiben »jene feste Grundhaltung, von der aus [der Handelnde] tüchtig wird und die ihm eigentümliche Leistung in vollkommener Weise zustande bringt« (Aristoteles, ca. 4. Jh. v.Chr./1983, S. 6). Die Tugenden sind im Menschen zwar angelegt, bedürfen aber der Erziehung, der Belehrung und der Gewöhnung, um zur Entfaltung ihres Telos (Ziels) zu kommen.

Bei den Stoikern stehen die Selbstliebe und Selbstsorge im Zentrum. Das Verhältnis zu sich selbst und zur Mitwelt orientiert sich an jenem Ganzen – dem Kosmos als Welt-Ordnung –, das den Weltkreis als Einheit von Erde, Himmel und Mensch umschließt. Ziel der Ethik ist Leben im Einklang mit der Natur, das zur Eudaimonie, dem glücklichen Leben, führt. Die Vernunft ist die zentrale Instanz, die der Steuerung und Ordnung divergierender Antriebsmomente dient. Mit Denkvermögen ausgestattet, besitzt der Mensch alle Voraussetzungen, um am göttlichen Logos, jener universellen Kraft, die den Lauf der Welt bestimmt, regelt und ordnet, teilzuhaben. Voraussetzung dafür ist Selbsterkenntnis, das delphische Erkenne dich selbst, als ein Selbstvervollkommnungsprozess (oikeiosis).

Die Deontologische Ethik oder Deontologie (griech. deon, »das Erforderliche, das Gesollte, die Pflicht«, daher auch Pflichtethik genannt), deren wichtigster Vertreter Kant ist, stellt die Motivation des Handelns ins Zentrum. Das entscheidende ethische Moment sind nicht die Handlungsresultate, sondern die Selbstverpflichtung, sein Handeln an einer allgemein verbindlichen Maxime (Wertmaßstab, Regel, Prinzip) auszurichten und zu beurteilen.

Im 19. Jahrhundert wird die Idee der Pflichterfüllung von der Idee der Nützlichkeit abgelöst (Jeremy Bentham, John Stuart Mill). Im Utilitarismus (lat. utilitas, »Nutzen, Vorteil«) als einer wertenden (normativen) Form der teleologischen Ethik geht es um den Zweck, der sowohl dem Einzelnen als auch der Allgemeinheit dient – der größtmögliche Nutzen für die größtmögliche Zahl. Das Sittliche wird hier mit dem Nützlichen gleichgesetzt. Die Richtigkeit einer Handlung ermisst sich aus ihren Folgen, die für das Wohlergehen aller von der Handlung Betroffenen optimal sein sollen.

Im 20. Jahrhundert etablieren sich Theorien, die sich gegen den Utilitarismus stellen. In der Wertethik, die darauf abzielt, zu einer »von aller positiven psychologischen und geschichtlichen Erfahrung unabhängigen Lehre von den sittlichen Werten« (Scheler, 2014, S. 26) zu gelangen, wird das Gute als Wert phänomenologisch erkannt und bestimmt (bei Max Scheler das Angenehme/Unangenehme, das Edle/Gemeine, das Schöne/Hässliche, das Rechte/Unrechte, das Heilige/Unheilige). Im Zentrum von John Rawls Ethik stehen Gerechtigkeit – vor allem soziale Gerechtigkeit –, bürgerliche Freiheiten und demokratische Gleichheit. Werte dienen als Maßstab zur Beurteilung moralischer Aussagen, sie bieten Orientierung, leiten ideale Denk- und Verhaltensweisen an und ermöglichen sozialen Zusammenhalt und soziale Kontrolle. Aus menschlichen Grundwerten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität leiten sich die Grundrechte (wie beispielsweise das Recht auf Leben, Gleichheit, Mitbestimmung oder Teilhabe) ab, die als universell, unveräußerlich und unteilbar gelten und die dem Menschen – und damit allen Menschen – aufgrund des Menschseins und der Menschenwürde zugesprochen werden müssen. Die Grundrechte sind in den Menschenrechten verankert.

Die Diskursethik, die vor allem von Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel Anfang der 1970er Jahre entwickelt wurde, erweitert Kants Ansatz durch Erkenntnisse der Sprachphilosophie und stellt die Kommunikation, den Austausch von vernünftigen Argumenten, ins Zentrum der Ethik. Die eigenen Handlungsmaximen müssen sich im Diskurs begründen und rechtfertigen lassen. Im Mittelpunkt steht die Idee der Transformation der realen Kommunikationsgemeinschaft in eine ideale. Apel definiert die Diskursethik als eine »Ethik der solidarischen Verantwortung derer, die argumentieren können, für alle diskursfähigen Probleme der Lebenswelt« (1988, S.116).

Im 20. Jahrhundert entwickeln sich außerdem angewandte Ethiken (Bereichsethiken) für bereichsspezifische Fragestellungen innerhalb der Subsysteme der Gesellschaft – beispielsweise eine politische Ethik, eine Rechtsethik, Wirtschaftsethik, Wissenschaftsethik, Technikethik, Medizinethik, Medienethik etc.

Methoden der Ethik:

Je nachdem, auf welche Weise sich die Ethik auf ihren Reflexionsgegenstand (Moral) bezieht, unterscheidet man

–normative Ethik: eine wertende Form, die Prinzipien und Kriterien der Moral und Maßstäbe moralisch richtigen Handelns untersucht;

–deskriptive Ethik: eine beschreibende Form, die befolgte Handlungspräferenzen aufgrund empirischer Normen- und Wertesysteme untersucht und die Wertvorstellungen und Normen in einer bestimmten Gemeinschaft beschreibt;

–Metaethik: eine analysierende Form, die Methoden moralischer Argumentationen, Sprache und Logik moralischer Diskurse und die Leistungskraft ethischer Theorien untersucht;

–angewandte Ethik (funktionalistische Ethik, Bereichsethik): eine wertende Form, die gültige Normen und Werte untersucht und Handlungsempfehlungen des jeweiligen Bereichs (je nach Ansatz apriorisch oder empirisch) gibt.

Fokus der Ethik:

Ethik fokussiert klassisch entweder auf die Perspektive individueller persönlicher Lebensführung (Individualethik) oder auf das Soziale, die Gemeinschaft (Sozialethik). Während sich die Individualethik mit der Frage: »Wie soll ich handeln?« beschäftigt, geht es der Sozialethik um die positive Bewältigung und Organisation des gemeinschaftlichen Zusammenlebens, indem sie vom Einzelnen ein bestimmtes Sollen einfordert.

Implizite Ethik

Mein Versuch ist es, zu zeigen, dass Ethik implizit strömen kann, ohne explizit zu werden.Heinz von Foerster

Je nach Schule fokussiert die Ethik traditionell entweder auf das Motiv oder das Ergebnis des Handelns. Aber egal, ob auf das Motiv oder das Resultat Bezug genommen wird – die Begründung beider geschieht im Rahmen des Denkmodells, das der Beurteilende seinem Handeln motivierend zugrunde legt und innerhalb dessen er auch seine Handlungsresultate bewertet. Jeder Haltung, die handlungsleitend wirkt, ist daher – ob man das möchte oder nicht – eine Ethik (die durchaus auch »unethisch« sein kann) implizit. So zeigt Schopenhauer in seiner Schrift Über das Fundament der Moral (1840/2014), dass moralisches (oder nichtmoralisches) Handeln immer aus einer bestimmten Haltung sich selbst und der Welt gegenüber entsteht und davon geleitet wird. Aus Haltung folgt Handlung. Jede Haltung wirkt mit ihrer impliziten Ethik handlungsleitend.

Wie sich diese implizite Ethik im Alltag zeigt, macht Brodbeck anhand eines Beispiels deutlich:

»Ich möchte die Faktizität der impliziten Ethik an einem einfachen Beispiel demonstrieren: Wir hören und lesen von einer erneuten Hungerkatastrophe in Asien oder in Afrika. Von den Bildern bewegt, folgen wir vielleicht der Einladung zu einem feierlichen Abendessen für eine Wohltätigkeitsveranstaltung – gekrönt durch die schöne Geste des Einsammelns von Spenden und gesponsert von namhaften Firmen. Während dieses Abendessens werden Fleisch, Fisch und exotische Früchte serviert. Niemand denkt beim Kauf und Verzehr dieser Produkte daran, daß die Fischoder Krabbenzucht in Asien ganze Küstenregionen verwüstet, daß die exotischen Früchte in anderen Ländern zu Monokulturen führen, die eine fortgesetzte Bodenerosion fördern, daß der ›Rohstoff‹ für Steaks, die weltweit 1,3 Milliarden Rinder (mit einem Lebendgewicht von mehr als dem Zehnfachen aller lebenden Menschen), zum großen Teil auf Grasflächen weidend, die durch abgebrannte Wälder (mit gewaltigen Mengen Kohlendioxid bei der Brandrodung) gewonnen wurden, Rinder, aus deren Mägen Methangas in der zwanzigfachen Menge des Kohlendioxids in die Atmosphäre entweicht und das Weltklima aus dem Gleichgewicht bringt. Niemand denkt beim Kauf in der Frischfleischabteilung des Supermarkts an das faktische ›Ja!‹ zu dieser globalen Konsequenz – und gerade darin erweist sich das alltägliche Handeln durch eine implizite Ethik geleitet« (Brodbeck, 1999, S. 3).

Im Sinne einer »Qualitätssicherung« der impliziten Ethik formuliert Kant daher auch eine Maxime, die die Haltung auszeichnet und bestimmt und damit sicherstellen soll, dass die aus der Haltung hervorgehenden Handlungen auch ethischen Kriterien genügen. Mit seiner Regel, dem kategorischen Imperativ, expliziert er zugleich auch das implizit Ethische der Haltung.

Die Ethik des systemischen Denkens hingegen bleibt implizit und kommt in der konsequenten Anwendung und Entwicklung jener Kompetenz, die im Folgenden als 2nd-Order-Kompetenz bezeichnet wird (vgl. das Kapitel »2nd-Order-Kompetenz als neue Lebenskunst«, S. 103), zum Ausdruck. Sie ist die notwendige Voraussetzung für eine bewusste Sinnbestimmung.

Das systemische Denken impliziert eine operative Ethik der gemeinsamen Sinnkonstruktion. Es stellt von Fragen nach dem Was (Moral) und dessen Warum (Ethik als Begründungstheorie) auf solche nach dem Wie (Ethik als Konstruktionstheorie) eines Was um: Aufgabe der systemischen Ethik ist es nicht, zu zeigen, was getan werden soll, sondern wie – durch welche Operationen (lat. operatio, »die Verrichtung«, steht allgemein für jede Aktion) – zu einem aktuellen, situativen und »viablen« (Glasersfeld), also passenden Was gefunden werden kann. Die jeweilige Situation in ihrer Aktualität, Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit stellt den Rahmen dar. Ein passendes Was kann nur – und das ist ein zentrales Argument der systemischen Ethik – in der Verbindung oder Kopplung von Bewusstsein und Kommunikation ge- oder erfunden werden.

Versuche in dieser Richtung findet man auch in der Diskursethik, in der Diskurse als Mittel zur Begründung einer allgemeinen Ethik dienen, aber auch dazu, konkrete ethische Fragen zu beantworten und Probleme zu lösen. Eine Handlung gilt dann als (moralisch) richtig, wenn ihr alle am argumentativen Diskurs Beteiligten zustimmen. Kurz: Wenn Konsens hergestellt ist.

Die Kritik an Habermas’ Konsenstheorie (1973) trifft vor allem seine Äquivalenzsetzung von Konsens mit Richtigkeit und Wahrheit. Apel, der wie Kant nicht auf eine Norm, sondern auf eine Maxime abstellt, fordert (im Gegensatz zu Kant) den Blick auf mögliche Handlungsresultate und den Konsens im Diskurs. Dabei sucht er (im Unterschied zu Habermas) nach einer Letztbegründung jener ethischen Prinzipien, die er in jeder sinnvollen Handlung und Argumentation bereits implizit vorausgesetzt sieht:

»Handle nur aufgrund einer Maxime, von der du, aufgrund realer Verständigung mit den Betroffenen bzw. ihren Anwälten oder – ersatzweise – aufgrund eines entsprechenden Gedankenexperiments, unterstellen kannst, daß die Folgen und Nebenwirkungen, die sich aus ihrer allgemeinen Befolgung für die Befriedigung der Interessen eines jeden einzelnen Betroffenen voraussichtlich ergeben, in einem realen Diskurs von allen Betroffenen zwanglos akzeptiert werden können« (Apel, 1988, S. 123).

Im Unterschied zu Apels Diskursethik geht es der systemischen Ethik nicht um die Letztbegründung (impliziter) ethischer Prinzipien im Diskurs, sondern um eine Theorie der Haltung als Voraussetzung für das Gelingen von Diskursen. In dieser Haltung liegt der Schlüssel, wie Konsens darüber hergestellt werden kann, dass es um Konsens geht. Aufgabe der systemischen Ethik ist daher das Initiieren einer bestimmten Form der Kommunikation über die Kommunikation und des Nachdenkens über das Denken als Bedingung der Möglichkeit, dass ethisch vertretbare Lösungen für konkrete Fragen und Anliegen gemeinsam von allen Beteiligten diskursiv geoder erfunden werden können. Die Kritik an der Moral darf daher nicht als Plädoyer für eine Antimoral gelesen werden. Wie statt was bedeutet, dass das jeweils konkrete Was als situative »Moral«, treffender jedoch als »Spielregel«, »Vereinbarung« oder »Abmachung« zu betrachten ist, die keinerlei Anspruch hegt, allgemeine Gültigkeit zu erlangen.

Systemische Ethik ist eben keine »Supermoral«, sondern sie reflektiert das Verhältnis von Theorie und Praxis als das Verhältnis von Haltung und Handlung. In diesem Sinne wird im systemischen Ansatz aus dem alten Verhältnis von Ethik und Moral die Relation von Haltung (Theorie) und Handlung (Praxis).

Einheit von Theorie und Praxis der systemischen Ethik

Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.Immanuel Kant

Jede Theorie (griech. theorein, »beobachten, betrachten, [an]schauen«; theoría, »Anschauung, Überlegung, Einsicht, wissenschaftliche Betrachtung«) meint ursprünglich eine Betrachtung der Welt durch reines Denken, was natürlich allein dem Menschen vorbehalten ist. Eine Theorie stellt ein System kohärenter Beschreibungen der Realität und Wirklichkeit zur Verfügung, die einer bestimmten Grammatik folgen. Sie nutzt Abstraktionen als Methode, das Denken zu ordnen und logisch zu strukturieren. Praxis (griech. prâxis, »Handlung, Verrichtung«, auch »Vollendung«) steht für die Anwendung von Erkenntnis, Ideen oder Gedanken und bedeutet Ausübung, Tätigsein, Erfahrung. Wenn eine Theorie des Menschen den Menschen selbst zum Inhalt macht, verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen Theorie und Praxis. Haltung und Handlung kommen nur gemeinsam vor.

Eine gute Theorie ist für die Praxis von außerordentlichem Nutzen, denn sie hilft, die Komplexität der Welt und Wirklichkeit zu reduzieren und zu bewältigen und eröffnet damit die Möglichkeit für wirkungsvolles Handeln in der Welt. Die mancherorts zu beobachtende Theoriefeindlichkeit von Praktikern ist also keinesfalls angebracht und empfehlenswert. Ohne Theorie gibt es keine Möglichkeit, das eigene Denken und Handeln einordnen und bestimmen sowie entsprechende Kompetenzen entwickeln zu können. Eine gute Theorie zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie abstrakt genug ist, um sich für unterschiedliche Praxisfelder spezifizieren und anwenden zu lassen. Dies gilt auch für eine Theorie der systemischen Ethik.

Epistemologisch wird diese Theorie unter Verwendung konstruktivistischer und systemtheoretischer Konzepte und Denkwerkzeuge gewonnen. Denn systemisch-konstruktivistische Denkansätze bieten nicht nur eine exzellente Theorie, mit der sich komplexe Zusammenhänge adäquat beschreiben lassen, sondern offenbaren bei näherer Betrachtung auch ein implizites ethisches Potenzial, das sich in der Praxis moderner (komplexer) Problemlagen bewährt – dies soll am Beispiel der systemischen Beratung gezeigt werden (vgl. das Kapitel »Systemische Beratung als Ort der Ethik«, S. 130).

Durch die operative Verbindung von Theorie und Praxis verliert die von Aristoteles eingeführte Abgrenzung der theoretischen von der praktischen Philosophie ihre Konturen. Während das Ziel der theoretischen Philosophie Erkenntnis und das Verstehen der Welt ist, geht es der praktischen Philosophie um die Frage, wie wir in der Welt handeln sollen. Dass diese Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Philosophie gerade innerhalb eines interdisziplinären operativen Ansatzes, wie ihn der systemische zweifellos darstellt, obsolet werden muss, liegt auf der Hand.

Ohne Haltung ist jedes Handeln blind. Und ohne Handeln ist die Haltung leer. Die systemische Haltung schenkt der Praxis Augen, die das Sehen sehen können (vgl. das Kapitel »Sehen des Sehens«, S. 77) – womit die Praxis zu einer Frage bewusster Gestaltung wird. Und die Praxis ermöglicht der Theorie einen konkreten Ausdruck, gibt ihr eine Form. Die Ethik selbst ist sowohl in der Theorie (Erkenntnis, Haltung) als auch in der Praxis (Ästhetik, Gestaltung) implizit.

Die systemische Sicht

Das systemische Paradigma hat sich aus dem interdisziplinären Diskurs verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen entwickelt. Namhafte Wissenschaftler um Heinz von Foerster haben in den 1960er Jahren im Biological Computer Laboratory (BCL) auf unterschiedlichen Gebieten an seiner Entstehung mitgewirkt, Pionierarbeit geleistet und bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen. Forschungsergebnisse aus Bereichen wie der Mathematik (von Benoit B. Mandelbrot oder Manfred Eigen), der Physik und Chemie (Hermann Haken oder Ilya Prigogine), der Biologie (Humberto Maturana, Francisco Varela), der Logik (Gotthard Günther, George Spencer-Brown), der Sprachwissenschaften, der Kommunikationstheorie, der Lerntheorie, der Philosophie (Ernst von Glasersfeld, Gregory Bateson, Paul Watzlawick) u. a. flossen in dieses neue Denken ein.

Wenn es um die wesentlichen Bausteine des systemischen Denkens geht, ist natürlich vor allem Niklas Luhmann zu nennen. Kein systemisches Denken kommt heute ohne seine Systemtheorie aus, die nicht umsonst den Anspruch einer Universaltheorie stellt. Sie bildet ein umfassendes und kohärentes Theoriedesign, das Luhmann auf alle Formen des Sozialen bezieht (von der Paarbeziehung und der Familie über die Organisation bis zu den Funktionssystemen und der Gesellschaft). Luhmann hat den Prozess der Kommunikationen dieser Erde als operationale Grundlage eines zur Eigenständigkeit emergierenden (lat. emergere, »auftauchen, herauskommen, emporsteigen«) Sozialsystems erklärt: der globalen Gesellschaft als ein »umfassendes soziales System, das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt« (1998a, S. 78). Seine Systemtheorie integriert sowohl die Kybernetik zweiter Ordnung als auch die konstruktivistische Perspektive.

Die konstruktivistische Sicht der Welt mit ihren kreiskausalen Denkfiguren hat dem systemischen Denken in den letzten Jahrzehnten einen wesentlichen Entwicklungsschub vermittelt. Dadurch ist es heute möglich, die Komplexität psychischer und sozialer Systeme (zum Systembegriff vgl. Shortcut 2, S. 26) in ihrer Koevolution (Evolution unter wechselseitiger Beeinflussung) so darzustellen, dass die Möglichkeiten, Mechanismen und prinzipiellen Grenzen bewusster Einflussnahme – sei es in sozialer, pädagogischer, beraterischer, wissenschaftlicher, kultureller oder auch politischer und anderer Intention – klar erkennbar werden. Dies ergibt einen neuen Erkenntnisrahmen für kommunikatives Handeln, der auch in der prinzipiellen Unberechenbarkeit aller Reaktionen des Menschen und seiner Systeme eine Handlungssicherheit initiiert, die aus der Kenntnis eben jener Gegebenheiten fließt, die diese Unberechenbarkeiten erst ermöglichen.

Heinz von Foerster, der philosophische Mentor des systemischen Denkens, den man nicht zu Unrecht den »Sokrates der Kybernetik« (Pörksen, 2011, S. 319) oder den »Cybersokrates« (Sloterdijk, 2004, S. 736) nannte, ist nicht nur einer der tiefschürfendsten Denker der Kybernetik und des Konstruktivismus, sondern zugleich auch deren Gewissen: Er stellt eine Ethik vor, in der aus der Erkenntnis, dass wir uns und unsere Wirklichkeit tatsächlich gemeinsam erfinden, auch die Verantwortung für den Zustand unserer Welt fließt. Evolution wird nicht von Konkurrenz, sondern von Kooperation in Richtung zunehmender Komplexität getragen: Statt in psychologischen und sozialen Fragen die eine Wahrheit gegen eine andere Konkurrenzwahrheit zu verteidigen, geht es um die Integration verschiedener Wahrheiten zu einem Ganzen, mit Gewinn an Komplexität und Tiefenschärfe für beide Seiten. Sich gemeinsam eine Wirklichkeit zu erfinden, könnte vielleicht ein Paradies begründen, gegeneinander Wirklichkeiten zu behaupten, schafft immer eine Hölle.

Reflexion 1: Der Unterschied zwischen Himmel und Hölle, eine Metapher