Hopelessly in Love - Emma Winter - E-Book
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Hopelessly in Love E-Book

Emma Winter

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Beschreibung

Sie hat ihm vertraut, doch er spielt nicht nach ihren Regeln ... Sasha ist am Boden zerstört. Ben hat sie betrogen. Alles, was bisher war, scheint eine große Lüge. Oder soll sie ihm glauben, wenn er sie beschwört, dass alles nur ein dummer Zufall war?  Während Sasha noch mit ihren Gefühlen kämpft, ist in Bens Leben von einem auf den anderen Tag nichts mehr, wie es war. Seine Schwester hat einen schweren Unfall, gleichzeitig kommt ein Geheimnis ans Licht, das den Ruf seiner Familie zerstören kann. Und gerade, als Sasha hofft, doch eine Zukunft mit Ben zu haben, taucht eine Person aus seiner Vergangenheit auf, die alles, woran Sasha bisher geglaubt hat, in Frage zu stellen droht.

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Hopelessly in Love

Die Autorin

Emma Winter, geboren 1984, wuchs in der Nähe von Köln auf und studierte Germanistik und Englische Literatur, bevor sie in einer PR- und Werbe-Agentur arbeitete. Mittlerweile lebt sie in Berlin und schreibt für ihr Leben gern.

Das Buch

SIE HAT IHM VERTRAUT, DOCH ER SPIELT NICHT NACH IHREN REGELN ...

Sasha ist am Boden zerstört. Ben hat sie betrogen.Alles, was bisher war, scheint eine große Lüge. Oder soll sie ihm glauben, wenn er sie beschwört, ihm zu vertrauen, weil alles nur ein dummer Zufall war? Noch nie ist Sasha vor eine so schwere Entscheidung gestellt worden.Sie weiß, wenn sie sich in Ben täuscht, wird ihr Herz zerreißen, und gleichzeitig spürt sie, dass sie ohne ihn nicht leben kann. Während Sasha noch mit ihren Gefühlen kämpft, ist in Bens Leben von einem auf den anderen Tag nichts mehr, wie es war. Seine Schwester hat einen schweren Unfall, gleichzeitig kommt ein Geheimnis ans Licht, das den Ruf seiner Familie zerstören kann. Und gerade, als Sasha hofft, doch eine Zukunft mit Ben zu haben, taucht eine Person aus seiner Vergangenheit auf, die alles, woran Sasha bisher geglaubt hat, in Frage zu stellen droht.

Emma Winter

Hopelessly in Love

Roman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Originalausgabe bei ForeverForever ist ein Verlagder Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinJuni 2020

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®E-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-538-8

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Playlist

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Danksagung

Leseprobe: Wrong Number, Right Guy

Empfehlungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Playlist

Widmung

NEVER STOP DREAMING.

Playlist

Five Colours In Her Hair – McFlySoft Shock – Yeah Yeah YeahsBeacon Hill – Damien JuradoDrop the World – Lil WayneFuck You – Lily AllenBombastic – Bonnie Mc KeenEverything I Wanted – Billie EilishCircus – Nerina PallotLove on the Brain – RihannaLife on Mars – AuroraShe’s So High – Tal BachmanComplicated – Avril LavigneI Know What I Am – Band Of SkullsGrizzly Bear – Angus & Julia StoneHow We Breathe – PinbackBelieve – The BraveryFool For Love – Lord HuronYou Are Not Alone – Mavis Staples

Kapitel 1

Sasha

Es ist eiskalt. Bens warmer Atem an meinem Ohr, sein Körper, der sich an meinen drückt, sind das Einzige, was mich wärmt. Er hat seine Arme um mich geschlungen und hält mich ganz fest. Eine warme, schützende Decke inmitten einer Schneewüste. So fühlt es sich zumindest an. Doch das stimmt nicht, es ist alles eine einzige Lüge. Er hat mich betrogen, er hat mir mein Herz rausgerissen.

Wieder sehe ich die Szene von eben vor mir, sie hat sich in mein Gehirn eingebrannt: dieses fremde Mädchen, das mir nackt, nur mit einem Hemd von Ben bekleidet, aus seinem Zimmer entgegenkommt.

Ihr verschlagenes Lächeln, ihre Worte, die sich schrill in mein Gehirn bohren: »Ben schläft noch.« Ich sehe mich selbst, wie ich sie anstarre und dann renne, durch das Wohnzimmer des Gästehauses nach draußen in den Schnee. Wieder höre ich Ben, der hinter mir herkommt, nach mir ruft. Seine eindringliche Stimme, als er sagt: »Du musst mir vertrauen, zwischen uns ist nichts gelaufen. Ich liebe dich über alles.«

Mich jetzt fallen zu lassen wäre der größte Fehler meines Lebens. Es kostet mich unendliche Kraft, aber ich weiß, es ist meine einzige Chance. Ich reiße mich los, schubse ihn weg, doch sofort hält er mich wieder umfangen. Erst jetzt merke ich, dass Tränen über mein Gesicht laufen und ich am ganzen Körper zittere.

»Sasha, ich liebe dich. Vertrau mir«, flüstert er mir ins Ohr. »Ich könnte dich niemals betrügen, in keinem Zustand der Welt.«

Ich schüttele heftig den Kopf, will seine Stimme loswerden, denn wie gerne würde ich seinen Worten trauen und mich fallen lassen. Kopf aus, Herz an. Aber alles in mir schreit Nein. Er hat mit einer anderen Frau geschlafen. Er hat mich betrogen, mein Vertrauen missbraucht. Mein Herz zerrissen. Noch nie hat etwas so wehgetan. Ich schluchze auf und hasse mich im nächsten Moment dafür, er ist es nicht wert. Nicht wert, dass ich leide, nicht wert, dass ich ihn liebe. Nicht wert, dass er meinen Schmerz sieht.

Ben hält mich noch fester, klammert sich an mich, ich kann seinen Herzschlag spüren. Dann, plötzlich, gehen kleine Erschütterungen durch seinen Körper. Was ist das? Weint er? Ohne dass ich etwas dagegen tun kann, wird mein Köper von einer warmen Welle überflutet, die meine Wut und Trauer und Verletztheit durcheinanderwirbelt, überspült und mit sich zerren will. Wie ferngesteuert drehe ich mich zu ihm um, er drückt seinen Kopf an meinen, sein Gesicht in meine Haare, seine Tränen laufen mir über die Wangen und vermischen sich mit meinen. Noch nie habe ich mich meinen Gefühlen so ausgeliefert gefühlt.

Alles in mir schreit: Ich liebe dich, ich liebe dich auch. Unendlich. Und ich möchte dir so gerne glaube.

»Bitte, du musst mir vertrauen, spring, ich fange dich auf«, presst er hervor. »Bitte lass mich dir alles erklären! Weißt du noch, wie glücklich wir an dem Tag am Strand waren? Unserem Tag? Weißt du noch, wie wir zusammen durch das Weltall gereist sind? Mach es für diese Momente, damit diese Erinnerungen nicht für immer kaputt sind, gib mir noch eine Chance und glaube mir.«

Und wenn ich ihm zuhöre? Muss ich ihm nicht die Chance geben, sich zu erklären? Muss ich nicht unserer Liebe diese Chance geben? Seit Dad gestorben ist, habe ich mein Herz in Watte gepackt. Aber bin ich ihm das nicht schuldig? Tut es nicht noch mehr weh, wenn ich unsere Beziehung jetzt einfach beende, Ben einfach so aus meinem Leben streiche?

»Sasha, bitte …«

Seine Stimme klingt so verzweifelt, dass etwas in mir zerspringt und dieser große Angstbrocken anfängt, zu bröckeln. Wenn ich ihm nichts bedeuten würde, stünde er dann so vor mir, in Boxershorts und T-Shirt, im Schnee, und würde mich anflehen, ihm zu glauben?

Ich blicke in seine Augen, die vor Verzweiflung ganz grau sind. Es liegt ein Flehen in seinem Blick. Und Schmerz. Echter Schmerz. Und dann macht mein Herz einen großen, mutigen Sprung. Plötzlich weiß ich, dass es noch nicht vorbei ist. Es tut rasend weh, es ist das Unvernünftigste, was ich jemals getan habe, es könnte mich für immer zerstören, aber ich kann jetzt nicht gehen. Ich muss ihm wenigstens zuhören. Weil ich ihn liebe und weil ich ihn in meinem Leben brauche.

Also nehme ich all meinen Mut zusammen, meinen Kopf und mein Herz in die Hand, und wir springen der Liebe entgegen. Denn ich weiß, ich bin nicht allein, ich habe June und Lucy und Mom, und zur Not kann ich mich selbst auffangen.

Unser Kuss ist lang und zart und durstig.

Als ich mich von ihm löse, sehe ich, dass seine Augen vor Glück strahlen, das Grau ist wie weggewischt und das Meergrün funkelt.

»Ich liebe dich, Sasha. Du darfst mich nicht verlassen. Bitte lass mich nicht fallen.«

Ich streiche ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ich lasse dich nicht fallen. Ich muss nur mein Herz beschützen.«

»Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Besser als alles, besser als Schreiben, besser als all meine Freunde, besser als die Milchstraße!«

Ich muss lachen. »Dann lass mich nicht erfrieren.«

Irritiert schaut er mich an, dann begreift er. »Dir ist kalt! Lass uns ins Haupthaus gehen. Meine Tante ist nicht da, wir können uns vor den Kamin setzen, wir müssen dringend wieder warm werden und essen und vor allem reden …«

Ich nicke stumm und folge ihm durch den knirschenden Schnee in das große, efeubewachsene Gebäude.

Das Wohnzimmer ist unglaublich gemütlich, bodentiefe Sprossenfenster gehen auf den verschneiten Garten raus, der glitzernd in der Sonne liegt. Die Wände sind in einem warmen Weiß gestrichen und vollgehängt mit kunterbunten Bildern. Von Stillleben über Kohlezeichnungen zu abstrakter Kunst und Collagen, eine wilde Mischung, und doch passt alles perfekt zusammen. Aber am schönsten sind die Sofas vor dem Kamin: riesig und superkuschelig, aus hellem Leinenstoff mit tausend Kissen und Decken.

Ben macht ein Feuer, ich kuschele mich auf die Couch.

Es klopft, und die Haushälterin bringt ein Tablett mit Frühstück rein. Pancakes, Joghurt, Früchte, ein Smoothie und ein großer Kaffee – ich bin im Himmel. Dann sehe ich wieder dieses Mädchen vor mir, nackt in Bens Hemd, und zucke zusammen.

Ben ist in zwei Schritten bei mir und nimmt mich in den Arm. Es fühlt sich so gut an, von ihm festgehalten zu werden. So schön, so warm, vertraut und tröstend. Und trotzdem laufen mir die Tränen über die Wangen, ich kann sie nicht aufhalten. Ich bin einfach total verwirrt.

»Es hat mir das Herz zerrissen, diese Frau bei dir zu sehen, Ben. Mach das nie wieder, mach mein Herz nicht kaputt!«

Er setzt sich auf, nimmt meine Hände in seine und schaut mich lange an. Ich kann spüren, wie hilflos er ist, dass er einfach nicht weiß, ja, was? Wie er seine Gefühle ausdrücken soll? »Oder wie man lügt?«, zischt eine Stimme in mir. Doch, ich glaube, das weiß er, nur nicht, wie man liebt. »Und dem willst du dein Herz anvertrauen?«, fragt die Stimme mit boshaftem Lachen.

»Ich bin ein Vollidiot«, murmelt Ben, und die Stimme verstummt. »Und emotional echt zurückgeblieben, ich hab schon viel Blödsinn gemacht und viele Leute verletzt. Aber das Letzte, was ich will auf der Welt, ist dich zu verletzen. Mir hat noch nie ein Mensch so viel bedeutet wie du. Und gestern ist die Situation völlig aus dem Ruder gelaufen. Carolin ist meine Ex, und …«

Ich zucke zusammen. Allein jetzt einen Namen zu ihr zu haben versetzt mir tausend Stiche. Heftig schüttele ich den Kopf. »Bitte nicht, ich weiß nicht, ob ich das jetzt kann.«

Ben zieht mich noch näher an sich heran. Ich kann seinen vertrauten Duft riechen und die Wärme seines Körpers spüren. »Ich verstehe, wie schrecklich das jetzt für dich ist, aber ich muss dir das erklären. Absolute Ehrlichkeit, weißt du noch? Die Wahrheit, auch wenn sie wehtut.« Beschwörend schaut er mich an. »Ich habe nicht mit ihr geschlafen, ich hab sie nicht einmal geküsst. Einen Moment lang habe ich darüber nachgedacht, ja, um mich an dir zu rächen. Um diesem verdammten Schmerz etwas entgegenzusetzen, weißt du eigentlich, wie weh es tat, dich und David zu sehen? Wie ihr euch geküsst habt. Aber ich konnte nicht. Ich konnte dich nicht betrügen.«

»Ich habe David nicht geküsst. Er hat mich geküsst.«

»Ich weiß …«

»Woher weißt du das?«

»Weil Nate es mir heute Nacht gesagt hat. Er … er hat David abgefangen und, äh, zur Rede gestellt. Aber da war es schon zu spät. Da bin ich schon mit Carolin abgezogen.«

Ich richte mich auf und gucke ihn entsetzt an.

»Nicht das, was du denkst. Wir haben uns in die MonkeyBar fahren lassen, und ich hab mich betrunken. Dann rief Nate an und sagte, er müsse mit mir reden und sei schon bei mir zu Hause. Also bin ich in ein Taxi gesprungen, Carolin ließ sich einfach nicht abschütteln, deswegen habe ich sie mitgenommen. Nate hat einen Riesenaufstand gemacht, weil ich sie mitgebracht habe. Er hasst sie. Zu Recht, wie ich jetzt weiß.« Ben blickt auf, sieht mich zärtlich an.

»Nate hat mir alles erzählt, dass David dich toll findet, aber zwischen euch nichts war. Ich war mittlerweile so betrunken, dass ich dich auf keinen Fall anrufen wollte. Also habe ich dir die Nachricht geschickt.«

»Welche Nachricht? Ich habe keine Nachricht bekommen.«

Ich ziehe mein Handy raus, dann stutze ich. Zwischen all den Wo bist du-Nachrichten, die ich ihm geschickt habe, versteckt sich ein pulsierendes rotes Herz. Um 03:34 Uhr. Zur selben Zeit, als ich Du Vollidiot geschrieben habe.

»Oh. Die Nachrichten müssen sich überschnitten haben …«

Ben lacht auf. »Schon gut, ich habe es nicht anders verdient. Aber Finger weg von anderen Männern!«

Ich lächle ihn an. »Vertrau mir, lass dich fallen. Ich bin da und fange dich auf.«

Ich versuche mit aller Kraft meine Zweifel wegzulächeln. Wenn wir noch eine Chance haben wollen, dann muss ich ihm vertrauen. Ihm glauben, dass er mich nicht belügt. Mutig sein. Liebe wird aus Mut gemacht. Und ich liebe ihn. Sehr. So sehr, dass ich es wage. Denn das bin ich uns schuldig, meinem Herzen und mir.

In Zeitlupe beuge ich mich zu ihm, mein Herz klopft wie wild, schon bevor unsere Lippen sich berühren, verschmelzen zu einem innigen Kuss. Ich nehme seine Wärme wahr und den Schlag seines Herzens, das ebenso aufgeregt ist wie meins. Und dann lasse ich mich wirklich fallen. Es fühlt sich richtig an.

Als wir uns nach einer gefühlten Ewigkeit voneinander lösen, bin ich mir sicher: Wir gehören zusammen. Ich lasse meinen Blick über ihn gleiten, seine verstrubbelten Haare, sein Grübchen, sein glückliches Lächeln.

»Ben, versprich mir, dass wir ab jetzt immer ehrlich zueinander sind. Keine Heimlichkeiten, ich möchte dich kennenlernen, alles von dir erfahren, deine Vergangenheit genauso wie deine Gegenwart und Zukunft.«

»Ja, meine Sternenfrau. Keine Heimlichkeiten, nicht über das Gestern oder das Heute oder das Morgen. Wir halten immer zusammen, wenn es sein muss gegen das ganze Universum.«

Kapitel 2

Ben

Ich drücke Sasha fester an mich, trotz meines Megakaters kann ich ihr nicht widerstehen. Wie von selbst wird aus Kuscheln und aus Streicheln etwas, was Sasha irgendwann atemlos und halb nackt mit »Stopp, wir müssen ins Gästehaus umziehen« kommentiert.

Wir kommen gerade bis in den Flur. Glücklicherweise sind Nate und Carolin mittlerweile weg, ich weiß nicht, wie er das geschafft hat, aber ich bin ihm superdankbar, denn sonst hätte ich womöglich den besten Versöhnungssex, den man sich vorstellen kann, verpasst.

Danach liegen wir Hand in Hand nebeneinander. Ich drehe mich zu Sasha um und grinse sie an. »Weißt du, das, was du eben mit deiner Zunge gemacht hast, war das die Christmasedition oder kriege ich das das ganze Jahr?«

Ein Kissen segelt auf mich zu und verpasst mich um Längen. Werfen ist definitiv nicht ihre Stärke.

Ich hebe es auf und stelle mich vors Bett. »Hier, probier’s noch mal.« Doch statt mich mit dem Kissen zu bewerfen, zieht sie mich zu sich ran und küsst mich auf den Bauch, dann wandert ihre Zunge weiter. Ich erschaudere.

Über dem Leberfleck an meiner Leiste hält sie inne. »Meine Lieblingsstelle an deinem Körper. Wusstest du das?«

»Mhm.« Ich spüre, wie die Leidenschaft wieder in mir erwacht, und frage: »Soll ich dir mal meine Lieblingsstelle zeigen?«

Sasha kniet sich vor mich aufs Bett. »Zeig!«

Zärtlich küsse ich die Stelle am Hals, genau unterhalb ihres Ohrläppchens. Hier spüre ich ihren Herzschlag und kann ihren Duft riechen.

Als ich innehalte, flüstert sie mir ins Ohr: »Das war’s?«

»Enttäuscht?«

»Ein bisschen, aber ich weiß, wie du es wiedergutmachen kannst.«

Wir müssen Arm in Arm ganz eng aneinandergedrängt eingeschlafen sein, denn irgendwann werde ich vom Klingeln meines Handys geweckt. Mist, ich müsste längst zu Hause sein. Meine Mutter hat mich in den letzten Wochen immer wieder bekniet, für Weihnachten nach Hause zu kommen. Hanna sei schließlich auch da! Sie wusste, das ist das einzige Argument, das für mich zählt. Und so packe ich jetzt seufzend ein paar Sachen zusammen, während Sasha sich im Bett rekelt und mir zuschaut. Wie soll ich mich jetzt bloß wieder von ihr trennen? Die letzten Stunden waren der absolute Horror, ich weiß, dass ich kurz davor war, Sasha zu verlieren. Und das hat sich katastrophal angefühlt, als wäre ich eine leere Hülle, achtlos in die Ecke geworfen. Aber Sasha hat mich aufgehoben, sie ist bei mir geblieben. Sie hat mir vertraut, obwohl alle Anzeichen dagegen gesprochen haben. Noch nie hat mir jemand so vertraut.

Als wir eine halbe Stunde später bei Sasha ankommen, können wir uns kaum voneinander losreißen. Ich habe ein paar Meter von Sashas Haus entfernt geparkt. Als sie die Tür öffnet, halte ich sie an der Hand zurück. »Hier, ich hab noch etwas für dich.«

Sasha nimmt das kleine, in rotes Geschenkpapier eingeschlagene Paket und strahlt. »Ein Weihnachtsgeschenk? Danke! Ich habe auch etwas für dich, aber …«, sie deutet Richtung Haus. »Nach Weihnachten, wenn wir uns wiedersehen.« Ich nicke. »Ich denk an dich.«

Sie lächelt mich an. »Ich auch an dich. Halte durch, und denk dran, ich bin einen Anruf entfernt.« Dann steigt sie aus und geht mit schnellen Schritten auf das Haus zu. Am liebsten würde ich sie begleiten. Ist für sie bestimmt auch kein leichtes Weihnachten, ohne ihre Eltern.

Seufzend fahre ich los. Immerhin freue ich mich auf meine Schwester. Obwohl sie drei Jahre älter ist als ich, haben wir ein wirklich gutes Verhältnis. Wenn unsere Eltern sich gestritten haben, was quasi täglich vorkam, oder unser Vater, beinah ebenso häufig, ungerecht zu uns war, haben wir uns immer gegenseitig Halt gegeben. Hanna weiß fast alles über mich und ich über sie. Ich habe sie bei ihrem ersten Liebeskummer getröstet, dann später die Typen verprügelt, die scheiße zu ihr waren. Ich hab für sie gelogen, wenn sie bei ihrem Highschool-Freund übernachtet hat, ich habe ihr bei Strandpartys auf Cape Cod die Haare nach hinten gehalten, wenn sie sich mal wieder übergeben musste, und ich habe unsere Eltern von ihr ferngehalten, als sie das erste und einzige Mal in ihrem Leben Hasch-Cookies gegessen und auf einen fürchterlichen Trip gekommen ist.

Ich freu mich schon darauf, ihr heute Abend bei einem Drink am Kamin, wenn unsere Eltern längst in ihren Schlafzimmern sind, von Sasha zu erzählen.

Ich schaue auf die Uhr. Ich muss bestimmt noch zwanzig Minuten fahren, wir wohnen etwas außerhalb von Weston. Noch eine kurze Gnadenfrist. Ob mein Vater überhaupt bemerkt hat, dass ich die letzten drei Wochen nicht zu Hause war? Anfang Dezember war er für zwei Wochen auf einer Tagungs- und Vortragsreise in Europa, es kann gut sein, dass es ihm gar nicht aufgefallen ist.

Na ja, vielleicht ist es auch gut, ihn gnädig zu stimmen, schließlich haben Sasha und ich gerade besprochen, dass ich meinen Eltern von uns erzählen werde. Auf jeden Fall wird es helfen, wenn Hanna dabei ist. Ich muss grinsen, komm schon Ben, du kannst dich nicht ewig hinter deiner großen Schwester verstecken.

Als ich zu Hause ankomme, ist Hanna noch nicht da, und von meinen Eltern keine Spur. Ich öffne die Tür zum Salon, und meine Mutter blickt von ihrer Zeitschrift auf, bestimmt wieder irgendein Wohnmagazin, ein Glas Martini in der Hand.

Hat sich hier eigentlich schon wieder was verändert? Ständig renoviert sie oder dekoriert neu. Sich bloß nicht festlegen, bloß nicht ankommen oder Stillstand – dann hätte man ja Zeit zum Nachdenken.

»Hi, Mom. Wo ist Dad?«, frage ich und lasse mich auf das Sofa ihr gegenüber fallen.

»Das ist deine Begrüßung nach drei Wochen?«

»Du tust ja gerade so, als sei ich in der Arktis gewesen.« Dennoch stehe ich pflichtschuldig auf. Denk an deinen Plan, Ben. Konfliktvermeidung und milde stimmen. Zögerlich gebe ich ihr einen Kuss auf die Wange. Das scheint Wunder zu wirken.

»Nimm dir einen Drink, Benjamin, und mach mir noch einen Martini. Dein Vater hat noch ein wichtiges Telefonat zu führen.«

Was auch sonst? Ich wette, er weiß wirklich nicht, dass ich weg war.

»Und wo ist …«

» … hier bin ich!« Meine Schwester betritt strahlend das Zimmer und ich atme auf. Es wird schon nicht so schlimm werden. Wir machen es wie immer: Wir beide gegen den Rest der Welt. Plötzlich macht mein Herz einen Sprung. Nicht ganz gegen den Rest der Welt. Denn jetzt habe ich ja Sasha.

Kapitel 3

Sasha

Schon als ich die Haustür aufschließe, vermisse ich ihn.

Andererseits muss ich dringend das Chaos in meinem Kopf sortieren – ob da eine einfache Tidy-up-Liste reichen wird?

Meine Tante kommt mir lächelnd entgegen. »Hi, Sasha, ich habe dich gar nicht so früh erwartet! Wolltest du nicht noch mit June zum Chestnut Hill?«

Mist, ich habe June völlig vergessen. Wir hatten verabredet, dass wir uns nachmittags in der Mall treffen, für letzte Geschenke. Ich schaue auf die Uhr. Erst drei. Wenn ich mir vorstelle, was in den letzten vierundzwanzig Stunden alles passiert ist. Krass. »Ich bin ziemlich müde von gestern und wollte mich erst mal umziehen. Vielleicht bleibe ich auch ganz hier.«

»Ich würde mich freuen, ich backe gleich Lebkuchen, hast du Lust?«

»Superidee, vielleicht kann ich ein bisschen von dem Teig haben und Christmas-Cupcakes machen? Ich rufe June mal an und kläre das mit ihr.«

»Natürlich. Und wenn du doch noch in die Mall willst, sag Bescheid, dann backen wir später. Ich freue mich ja, dass du Anschluss gefunden hast.«

Ich gehe in mein Zimmer und texte June. Sie ist sofort einverstanden, unser Treffen zu verschieben.

Dann lasse ich mich aufs Bett fallen. Gegenüber auf dem Schreibtisch aufgestapelt stehen die Geschenke von Mom. Ihr riesiges Paket ist schon vorgestern angekommen. Ich weiß, dass sie nicht kommen kann, so kurz vor der Eröffnung der Galerie, aber ich habe so Sehnsucht nach ihr. Nachdem wir Thanksgiving nicht zusammen verbracht haben, skypen wir fast jeden zweiten Tag, auch wenn es nur ein paar Minuten sind. Sie erzählt mir, was gerade bei ihr passiert und wie die Ausstellungsvorbereitungen laufen, und ich erzähle ihr von der Schule, von June und natürlich von Ben. Was ich an meiner Mom liebe, ist, dass sie an jeder Situation, mag sie noch so scheiße sein, und in jedem Menschen, egal wie er sich gerade verhält, noch etwas Positives sieht. »Ich weiß, wie hilflos man sich fühlt, wenn der andere schweigt«, hat sie gesagt, als ich ihr nach Thanksgiving jeden Tag erzählt habe, dass Ben sich immer noch nicht gemeldet hat. »Als würde das Leben, wie eine große Welle über einem zusammenbrechen. Aber lass dich von ihr nicht umwerfen, lass dich von ihr in die Zukunft tragen.«

Und das habe ich. Genau wie gestern. Ich habe mich nicht umwerfen lassen, sondern mich tragen lassen. Weil ich hoffe, dass Ben für mich da ist und mich über Wasser hält, und weil ich weiß, dass ich im Zweifel schwimmen kann.

Schnell schreibe ich Mom eine Nachricht: Du hast recht mit den Wellen.

Sie wird schon wissen, was gemeint ist.

Eine Stunde später sitzen wir alle in der Küche. Eigentlich kenne ich diesen Raum immer nur leer. Blanke Edelstahl- und Marmorflächen, die noch steriler wirken, weil nirgends etwas rumsteht. Nicht so wie bei uns zu Hause, wo man sich erst mal die Arbeitsfläche freikämpfen muss. Aber jetzt wirkt es hier sogar richtig gemütlich. Auf der riesigen Arbeitsplatte in der Mitte haben wir alle Zutaten ausgebreitet, es riecht nach den Gewürzen, die wir im Möser zerkleinert haben, für den Lebkuchenteig. Ich habe mir überlegt, dass ein Vanille-Zimt-Topping super passen würde, und weiche gerade die Vanilleschoten ein. Dabei muss ich immer wieder aufpassen, dass Jonas mir nicht zu viel vom Teig wegnascht. Er ist vor einer halben Stunde nach Hause gekommen und erzählt von der Weihnachtsfeier seines Wohnhauses, die gestern wohl ziemlich ausgeufert ist. Charlotte sitzt im Pyjama neben Matt auf dem Küchensofa, auf den Knien eine Zeitschrift, in der Hand einen riesigen Kaffeebecher, und scheint gerade erst wach zu werden. Draußen hat es wieder angefangen zu schneien, und wenn jetzt noch meine Mom bei mir wäre, wäre die Welt perfekt – so perfekt, wie die beste Wunschliste nicht sein kann.

Ben. Mein Herz hüpft, als ich an ihn denke. Nach und nach lasse ich den Puderzucker in die Frischkäsemasse rieseln. Sofort muss ich an meinen ersten Schnee denken, vor zwei Wochen in Winthrop. Und an das erste Mal, als ich mit Ben geschlafen habe. Und an heute Morgen, ich kann seine Hände immer noch auf meinem Körper spüren, überall.

»Na, du musst die Vanillecreme ja lieben, so zärtlich, wie du sie umrührst.« Ich zucke zusammen, Jonas steht neben mir, mit einem Löffel bewaffnet und grinst mich an.

»Finger weg von meinem Frosting! Das muss man langsam rühren, sonst gerinnt es.«

Puh, gerade noch einmal gut gegangen. Sie werden schon früh genug erfahren, dass ich mit Ben zusammen bin. Wie Charlotte wohl reagieren wird? Ich kann mich noch verdammt gut daran erinnern, was sie auf der Charitygala im Museum zu mir gesagt hat: »Den Ferguson wünsche ich keinem. Gefühle sind dem echt egal.«

Eigentlich seltsam, dass sie damals so heftig reagiert hat. Plötzlich halte ich mitten in der Bewegung inne, beinah wäre mir die Butter aus der Hand gefallen. Ob sie etwa selbst mal in Ben verliebt war? Jetzt macht alles Sinn. Shit. Shit, shit, shit. Das wäre eine Katastrophe. Gerade jetzt, wo wir halbwegs miteinander auskommen. Ich schiele unauffällig zu ihr rüber. Das muss ich unbedingt rausfinden.

Plötzlich hören wir im Flur Schritte, im nächsten Moment steht Onkel James in der Küche. Quietschend läuft Matt auf ihn zu. Mein Onkel hebt ihn hoch und wirbelt ihn herum. Matt jubelt.

Mittlerweile habe ich mich eigentlich schon daran gewöhnt, dass er mich ignoriert. Aber aus irgendeinem Grund macht es mich heute wütend. Vielleicht, weil eben noch alles so friedlich und harmonisch war, jetzt hat sich die Stimmung im Raum verändert. Charlotte freut sich auch, ihren Vater zu sehen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Tante Laura und Jonas weniger locker sind, ob sie das auch ohne mich wären? Vielleicht muss ich meinem Onkel einfach noch mehr Zeit geben. Immerhin hat sich das Verhältnis zu Granny ja auch gebessert.

Ich beobachte ihn genau, er hat sich an den großen Küchentisch gesetzt, Tante Laura bringt ihm einen Wein, Matt ist auf seinen Schoß gekrabbelt, wird aber von ihm ignoriert. Stattdessen zeigt er Jonas etwas in der Zeitung, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat. Irgendetwas mit neuen Diagnoseverfahren und Bilderkennung. Charlotte beugt sich vor, angeblich interessiert, aber ich könnte wetten, dass es ihr egal ist. Vorsichtig mische ich die geschmolzene Butter unter den Frischkäse. Jetzt muss man tatsächlich aufpassen, dass es nicht stockt. Ich grinse, Jonas hat einfach keine Ahnung. Ich rühre weiter und schaue dabei wieder zum Tisch. Alles tanzt um Onkel James herum. Aber mindestens zwei fühlen sich nicht wohl dabei. Das ist doch völlig bekloppt. Wenn Ben in diesen Tagen mit seinen Eltern reden kann, dann werde ich es wohl auch schaffen, mit Onkel James zu sprechen. Vielleicht gibt es für alles eine Erklärung. Ich werde gleich nach dem Dinner eine Liste schreiben: So wird Onkel James mein größter Fan.

Während die Vanille-Zimt-Creme für das Frosting abkühlt, hole ich mein Handy raus und schreibe an Ben.

Über Weihnachten werde ich meinen Onkel knacken. Angriffsliste schon in Vorbereitung! Und eine Überraschung auch … Tausend Küsse, S.

Denn bei der Gelegenheit kann ich meinen Verwandten auch gleich von Ben erzählen. Schließlich haben wir uns versprochen, dass es zwischen uns keine Heimlichkeiten mehr geben soll. Das ist mein Weihnachtsgeschenk an ihn. Außerdem hat er es sich so lange gewünscht.

Kapitel 4

Ben

Nachdem unsere Eltern zu der Charityveranstaltung ihrer besten Freunde, die jedes Jahr am 26. Dezember stattfindet, aufgebrochen sind, machen Hanna und ich es uns auf den Sofas vor dem Kamin bequem. Ich habe es überstanden. Natürlich war Weihnachten wie immer ziemlich angespannt, und ich hatte kaum Zeit, mit Hanna zu sprechen. Heute Morgen zum Beispiel war sie schon aus dem Haus, um sich mit ihrer besten Freundin zu treffen, als ich aufgestanden bin.

»Dafür gehöre ich heute Abend ganz dir!«, hatte sie mir versprochen. Im Moment sieht das aber ganz anders aus, ihr iPhone ist im Dauereinsatz. Ich stehe auf und gehe zur Bar. Endlich kann ich unbeobachtet Whiskey Sour trinken. Auch wenn mein Vater nie etwas sagt, würde er bei der nächsten Gelegenheit einen Kommentar machen.

»Hey, Sis, willst du auch einen Drink?«

Hanna schüttelt den Kopf »Nee, hab die Tage ein bisschen übertrieben«, nuschelt sie.

Ich muss grinsen. Bestimmt hat sie sich bei der Harvard-Weihnachtsfeier wieder übergeben. Sie verträgt einfach nichts, das wird sich nie ändern. Komisch, und das bei unserer Familie.

Als ich mich wieder neben sie auf die Couch fallen lasse, wirft sie mir einen fragenden Blick zu. »So schlimm?«

»Eigentlich nicht. Eigentlich ziemlich gut.«

»Wirklich? Alles wieder klar zwischen dir und Dad? Worum ging es überhaupt bei eurem Streit?«

Steilvorlage. Ich nehme Anlauf und – »Er hat mich total gedemütigt, und er hat die Frau beleidigt, mit der ich jetzt zusammen bin.« – springe.

»Was? Ben, nicht dein Ernst, damit rückst du erst jetzt raus?« Hanna schaut mich so überrascht an, dass es schon fast beleidigend ist.

»Mhm.«

»Wer, wie, was?« Ihre Augen blitzen, ihr Handy scheint komplett vergessen, obwohl es schon zweimal vibriert hat.

»Hä?«

»Wer ist sie, wie habt ihr euch kennengelernt, und was ist es, eine Affäre, eine Beziehung, was Ernstes?«

Ich nehme einen Schluck von meinem Whiskey Sour dann erzähle ich.

»Eins verstehe ich nicht«, sagt sie, nachdem sie mir um den Hals gefallen ist und mir verdeutlicht hat, wie sehr sie sich freut.

»Was ist mit deiner neuen Keine Dates an der Weston High Regel? Fandest du sie in den paar Minuten im Coffeeshop so toll, dass du die über den Haufen geworfen hast? Das passt gar nicht zu dir.«

»Nee, nicht direkt. Ich fand sie schon sehr gut, aber vor allem hat sie mich bei etwas gesehen, was keiner wissen soll. Also habe ich mich mit ihr verabredet, um zu verhindern, dass sie quatscht«, gebe ich zerknirscht zu und nehme noch einen Schluck.

»Ah, das klingt schon eher nach meinem kleinen Bruder, aber wobei hat sie dich zur Hölle erwischt? In einem Café? Findest du das nicht übertrieben?«

»Nicht, was du denkst. Ich hab seit September einen Nebenjob. Bei einer Zeitschrift, Eco Punks. Ich will Journalismus studieren, ich bin gerade dabei, mich in Yale zu bewerben.«

Hanna starrt mich an. »Krass. Du traust dich was. Du weißt, dass Dad dich umbringen wird, wenn nicht noch schlimmer?«

»Yep.«

»Weiß er es schon?«

»Nein … ich will ihnen erst mal von Sasha erzählen. Und hier kommst du ins Spiel.«

»No way! Keine Chance, du musst dir schon selbst den Kopf abreißen lassen.« Hanna sieht mich entgeistert an. Dabei weiß sie noch nicht einmal, was Dad alles über Sasha gesagt hat. Leicht wird das nicht, alles andere als das.

»Ich will es ihm schon selber sagen, du musst halt einfach nur dabei sein. Beruhigend auf ihn einwirken. Bitte!«

»Oh Mann, Ben. Du bist wahnsinnig. Wann hast du denn vor, es ihm zu sagen?«

»Ich dachte, morgen Abend? Vielleicht hat sich dann bis Silvester schon alles wieder beruhigt. Außerdem sind Mom und Dad übermorgen für zwei Nächte in New York. Bei der Gala des New Museum.«

»Also morgen oder?«

Ich nicke. Hanna scheint kurz zu überlegen. Dann strubbelt sie mir durch das Haar. »Eigentlich hatte ich morgen Abend andere Pläne, aber ich kann dich ja nicht allein lassen.«

Und dann ist morgen da. Den ganzen Tag über bin ich schon wahnsinnig nervös. Ich habe drei Mal mit Sasha telefoniert und mich sogar dazu breitschlagen lassen, eine Liste zu schreiben: 101 – wie sage ich meinem Dad, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Auch wenn ich es eigentlich albern finde, es hilft. Gegen sieben gehe ich hinunter in den Salon. Dasselbe Bild wie jeden Abend: Meine Mom sitzt auf der Couch und hält ein Martiniglas in der Hand. Hanna ist noch nicht da, hoffentlich verspätet sie sich nicht, mein Vater besteht darauf, pünktlich um 19:30 zu essen, sonst hat er schlechte Laune.

Plötzlich klingelt es an der Tür. Im nächsten Moment klopft es, und Dora, unser Hausmädchen, betritt den Salon, sie ist leichenblass.

»Mrs Ferguson, da ist, da sind … also Sie sollten dringend zur Tür …«

»Nun, ich dachte, dafür hätten wir Sie eingestellt«, unterbricht meine Mutter harsch ihr Stottern.

Hilfe suchend blickt Dora mich an.

»Keine Sorge, ich geh schon.«

Als ich die Eingangshalle betrete, stutze ich. Zwei Polizisten stehen an der Tür, neben ihnen Christopher Benson, der Teilhaber in der Firma meines Vaters.

Als er mich sieht, scheint er für den Bruchteil einer Sekunde erleichtert.

»Ben, gut, dass du da bist. Es … es hat einen Unfall gegeben.« Dann weiß er nicht weiter.

»Aber Dad ist doch hier, in seinem Arbeitszimmer?«, frage ich verwirrt.

Plötzlich treten Christopher Tränen in die Augen. »Es ist nicht dein Vater, es ist … Hanna.«

Ich fühle mich, als hätte man mir mit der Faust ins Gesicht geschlagen. »Wieso Hanna, ich versteh nicht … was ist mit ihr?«

»Sie … man hat sie ins Newton Hospital gebracht. Wir hatten einen Autounfall.«

Das Blut rauscht in meinen Ohren, ich bringe kein Wort heraus und starre Christopher einfach an, einfach nur an. Hanna – meine Schwester, meine Verbündete – hatte einen Unfall.

»Mr Ferguson«, einer der Polizisten tritt auf mich zu, »es hat einen schweren Unfall gegeben. Ein Auto ist mit hoher Geschwindigkeit in den SUV von Mr Christopher Benson gerast. Es ist ein Wunder, dass ihm nichts passiert ist, aber Ihre Schwester, die mit im Auto saß, hatte leider weniger Glück. Der andere Fahrer hat die Beifahrerseite voll erwischt. Sie sollten Ihre Eltern informieren und dann ins Krankenhaus fahren. Ihre Schwester wird gerade operiert, einer von Ihnen sollte vor Ort sein, wenn …«

Ich nicke mechanisch, dann blicke ich Christopher an. »Mein Mutter ist im Salon, gehen Sie zu ihr, ich werde meinen Vater benachrichtigen.« Christopher wird blass.

»Ben, es tut mir schrecklich leid, ich konnte es nicht verhindern, ich … ich liebe sie doch.«

»Wen liebst du?« Ohne dass wir ihn haben kommen hören, steht mein Vater vor uns.

Christopher zuckt zusammen, er bringt kein Wort heraus. Ich überlasse ihn meinem Vater und gehe in den Salon, um Mom zu holen. Es ist, als wäre ich ferngesteuert.

In knappen Worten erzähle ich ihr, was passiert ist. Und kann es selbst nicht glauben. Hanna hatte zusammen mit Christopher einen Unfall. Wieso saßen sie überhaupt zusammen im Auto?

Bevor meine Mom reagieren kann, hören wir aus dem Flur meinen Vater brüllen. Mom guckt mich entsetzt an, selbst für meinen Vater ist diese Reaktion heftig. In drei Schritten sind wir bei ihm. Doch wir trauen uns beide nicht, dazwischenzugehen.

»Geh mir aus den Augen, Christopher. Wie kannst du es wagen, mit meiner Tochter …«

»Wir lieben uns, ich werde …«

»Nichts wirst du. Du bist für mich gestorben. Ihr beide seid für mich gestorben.«

Schnaubend dreht er sich zu uns um. »Da siehst du, was du mit deiner laxen Erziehung angerichtet hast, Jane. Wie kann sie es wagen, sich mit Christopher einzulassen?«

»Wir müssen ins Krankenhaus, Benjamin. Bitte komm jetzt«, fleht meine Mutter ihn an. Sie ist blass und zittert am ganzen Körper.

»Gar nichts muss ich. Ich werde nicht ins Krankenhaus fahren. Ich bin durch mit ihr. Wie kann sie mich so hintergehen?«

Alles in mir friert ein. Wie kann er nur so herzlos sein?

Wie kann er Hanna jetzt im Stich lassen? Ich verliere die Geduld. »Los, Mom, wir fahren allein.« Damit drehe ich mich um und gehe zur Tür. Meine Mutter zögert einen Augenblick, dann folgt sie mir.

Kapitel 4

Sasha

Ich liege auf dem Bett, schaue New Girl, esse die restlichen Lebkuchen und würde am liebsten nichts anderes machen. Leider habe ich noch eine ellenlange Leseliste für die Schule, die ich abarbeiten muss. Die Bücher liegen auf meinem Nachttisch und schauen mich mahnend an. Gerade, als ich mir überlege, mit welcher Ausrede ich noch eine Folge schauen kann, um erst dann anzufangen, fiept mein Handy. Bens Klingelton. Mein Bauch fängt an zu kribbeln. Ob er schon mit seinen Eltern gesprochen hat? Eigentlich viel zu früh. Vielleicht braucht er ja auch noch mal Zuspruch. Ich öffne die Nachricht und erstarre:

Hanna hatte einen Autounfall. Wird gerade operiert. Im Newton Hospital. Bitte komm.

Plötzlich prasseln all die Bilder wieder auf mich ein. Die zwei Polizisten an der Tür. Moms Schrei, als sie ihr vom Unfall meines Dads erzählen. Dann die lange Stille.

Wie ferngesteuert greife ich nach meiner Tasche, rase die Treppe herunter und checke, wo das nächste Uber ist. Ein Glück, ganz in der Nähe. Ich bestelle den Wagen, rufe: »Ganz vergessen, bin mit June verabredet!« in die Küche und stehe im nächsten Moment schon vor der Tür.

Auf der Fahrt texte ich Ben: Bin auf dem Weg. Ich liebe dich. Dann rufe ich June an, die ich tatsächlich heute Abend zum Kino treffen wollte.

»Ich komme zum Krankenhaus, bleibe aber im Wagen sitzen. Nur, falls ihr mich braucht!«, verspricht sie mir.

Eine Sekunde lang bin ich erleichtert, dann hat mich die Angst vor dem, was mich erwartet, wieder fest im Griff.

Als das Uber hält, atme ich tief durch. Alle meine Gedanken sind auf Ben gerichtet. Ich kann mir vorstellen, wie er sich gerade fühlt. Ich kenne die Verzweiflung, spüre sofort wieder die Angst und die Hilflosigkeit. Aber für meine Erinnerungen ist jetzt kein Platz. Ben braucht mich. Vielleicht mehr, als er überhaupt ahnt.

Mit schnellen Schritten gehe ich Richtung Notaufnahme und versuche, so gut wie möglich das Drumherum zu ignorieren, doch es prasselt alles auf mich ein: das grelle Licht der Neonröhren, der Hall meiner Schritte in den gekachelten Gängen, der Geruch nach Desinfektionsmittel. Es ist die Hölle. Für jemanden, der so dringend Medizin studieren will wie ich, ist meine Abneigung gegen Krankenhäuser besorgniserregend groß.

Ich sehe Ben schon von Weitem. Mein Herz macht einen riesigen Sprung, und ein Schauer läuft durch meinen Körper. Ich kann nichts daran ändern, egal wie beschissen die Umstände sind. Ich habe Sehnsucht nach ihm.

Dann fällt mein Blick auf die Frau, die neben ihm sitzt. Das muss seine Mutter sein. Sie ist das genaue Gegenteil von meiner Mom. Unterschiedliche Welten, hämmert es in meinem Kopf. Wir kommen aus unterschiedlichen Welten.

Mittelbraune Haare, perfekt frisiert, ein ebenso perfekt sitzendes Kostüm in Blassgrün, dezenter Schmuck. Eine Kelly Bag auf dem Schoß, helle Wildleder-Louboutins an den Füßen. Perfekt, perfekt, perfekt. Zu perfekt für den Wartebereich einer Notaufnahme und viel zu perfekt für mich.

Unschlüssig bleibe ich stehen. Ich kann mich doch nicht einfach dazusetzen? Ben scheint meinen Blick gespürt zu haben, denn er dreht sich um. Unwillkürlich zucke ich zusammen; er sieht furchtbar aus. Blass, gerötete Augen, wirre Haare. Ohne nachzudenken, renne ich auf ihn zu. Er steht auf und nimmt mich in den Arm. Wieder fängt mein Körper an zu kribbeln. In Gedanken entschuldige ich mich bei seiner Schwester.

»Danke, dass du da bist.«

Ich nicke nur, Tränen steigen mir in die Augen, aber ich will auf keinen Fall weinen. Als ich mich halbwegs wieder im Griff habe, frage ich: »Wie geht es ihr?«

»Sie wacht wohl gerade aus der Narkose auf. Sie hat Glück gehabt, sie …«, Ben stockt, hat Schwierigkeiten weiterzusprechen, »Sie wird es überleben.«

Erleichterung durchflutet mich, nur in der hintersten Ecke meines Gehirns ruft eine Stimme: »Warum hat mein Dad nicht überlebt?«

Ben stellt mich seiner Mutter vor, die abwesend nickt und dann weiter auf ihre Tasche starrt. Bevor es unangenehm werden kann, kommt ein Ärzteteam auf uns zu. »Mrs Ferguson? Ihre Tochter ist jetzt ansprechbar.«

Ben und seine Mutter erheben sich gleichzeitig und gehen durch die Milchglasschiebetür, während ich im Wartebereich sitzen bleibe. Wo wohl Bens Vater ist? Einerseits bin ich froh, ihm nicht begegnen zu müssen, andererseits wundert mich seine Abwesenheit. Schließlich muss er doch zu Hause gewesen sein.

Eine Viertelstunde später tauchen Ben und seine Mutter wieder auf. Er hat rote Flecken im Gesicht und sieht noch mitgenommener aus als zuvor. Sie könnte auch gerade von einem Business­lunch kommen. Wahnsinn.

»Meine Schwester wird jetzt verlegt, Mom und ich müssen in die Verwaltung, alles Formale klären. Das kann ziemlich dauern. Wenn … wenn du lieber wieder nach Hause willst? Ich kann unsrem Chauffeur Bescheid geben?«

»Nein, auf keinen Fall, ich warte.«

Dankbar lächelt er mich an.

Im Wartebereich rufe ich meine Nachrichten auf und schreibe June. Plötzlich höre ich ein lautes Schluchzen und schaue auf. Ein Bett mit einer jungen Frau wird über den Gang in eines der Zimmer geschoben. Das muss Hanna sein. Wie schrecklich einsam muss sie sich jetzt fühlen. Sie hat bestimmt furchtbare Schmerzen. Sie ist Bens Schwester!

Ich springe auf und laufe hinter dem Bett her.

»Hanna?«

Wie ertappt hält sie beim Weinen inne und schaut auf.

»Ich bin Sasha, Bens …«

»Freundin«, ergänzt sie. Der Anflug eines Lächelns huscht über ihr Gesicht. »Danke, dass du da bist, dass du für ihn da bist.«

»Natürlich.«

Zögernd trete ich einen Schritt näher. »Soll ich kurz bei dir bleiben? Bis Ben und deine Mutter wiederkommen? Sie sind in der Verwaltung.«

Dankbar nickt sie, und ich setze mich an ihr Bett.

»Aber nur kurz, junge Dame, die Patientin ist noch sehr schwach«, sagt die Krankenschwester, die sie reingefahren hat. Dann steht sie auf und verlässt das Zimmer.

Wieder laufen Hanna Tränen über die Wangen.

»Hast du große Schmerzen?«, frage ich hilflos.

Jetzt fängt Hanna richtig an zu weinen. Ohne nachzudenken, nehme ich sie in den Arm und wiege sie sanft hin und her.

Wie ein kleines Kind, das schlecht geträumt hat. Am liebsten würde ich nach Hause rennen und Cupcakes für sie backen. Schokolade mit Zimt. Einfach nur, um diese endlosen Tränen zu stoppen.

»Alles wird wieder gut«, versuche ich sie zu trösten. »Die Ärzte haben gesagt …«

Heftig schüttelt Hanna den Kopf. »Nein. Nichts … nichts wird wieder gut!«

»Aber …«

Aus tränenverschmierten Augen sieht Hanna mich an.

»Du musst versprechen, es nicht Ben oder Mom zu erzählen. Niemandem!«

Ich nicke. »Ja, natürlich. Fest versprochen.«

»Ich bin, ich war schwanger. Aber durch den Unfall … ich habe mein Baby verloren.«

Kapitel 5

Ben

Als jemand die Tür aufreißt, schrecke ich hoch. Für einen Moment weiß ich nicht, wo ich bin, dann sickert die Erinnerung in mein Bewusstsein. Hanna hatte gestern einen Unfall, sie ist im Krankenhaus, ich bin die ganze Nacht bei ihr gewesen.

»Guten Morgen, Sir, darf ich bitten?« Eine resolute Krankenschwester schiebt mich zur Seite. Aluna steht auf ihrem Namensschild. »Ich würde Ihre Schwester jetzt gerne waschen.« Ich nicke und gehe nach draußen auf den Gang. Die Nacht war furchtbar. Hanna war wie weggetreten, sie hat die ganze Zeit vor sich hin gestarrt, ab und zu sind ihr stumme Tränen über die Wangen gelaufen. Ich habe mich so hilflos gefühlt.

Mom ist irgendwann gegangen. »Ich muss mich um euren Vater kümmern«, hat sie gemurmelt. »Er ist außer sich.« Ich glaube, in diesem Moment habe ich sie so sehr verachtet wie noch nie in meinem Leben. Wie kann sie sich auf seine Seite stellen? Wie kann sie ihre Tochter in einer solchen Situation im Stich lassen? Ich habe mich so unglaublich vor Sasha geschämt. Sie hat sich nichts anmerken lassen, aber bei allem, was sie von ihrer Mom erzählt, muss sie sich total über meine Eltern wundern. Ich ziehe mein Handy raus, 06:24 Uhr. Ob ich sie schon anrufen kann? Ich würde so gerne ihre Stimme hören und die Wärme spüren, die sie in mir auslöst. Was würde ich bloß ohne sie machen? Ich weiß nicht, wie ich die letzten vierundzwanzig Stunden ohne sie überlebt hätte. Mein Finger schwebt über ihrem Namen, aber im letzten Moment entscheide ich mich dagegen. Es war eine lange Nacht – auch für sie.

Schnell hole ich mir einen Automatenkaffee und einen Muffin aus der Cafeteria und schiele dann vorsichtig in Hannas Zimmer. Aluna ist weg, und meine Schwester starrt wieder an die Decke. Diesmal mit einem Frühstückstablett vor der Nase.

»Hey, wie … wie hast du geschlafen?«

Sie dreht ihren Kopf langsam zu mir und bringt ein Lächeln zustande. »Danke, dass du da bist. Und deine Freundin – sie ist perfekt!«

»Alles richtig gemacht?« Ich grinse sie an.

»Alles richtig gemacht«, nickt sie.

»Hanna … was ist passiert, was ist das mit dir und Christopher?« In ihrem Blick wechseln sich Liebe, Hoffnungslosigkeit und Trauer ab. Dann schließt sie die Augen.

Ich warte. Meine Gedanken rasen. Die Frage stelle ich mir schon die ganze Nacht. Meine Schwester ist einundzwanzig, Christopher ist zwar deutlich jünger als mein Vater, aber sicher auch schon über vierzig. Vorletztes Jahr hat er sein zweites Kind bekommen. Ich kenne ihn, seit mein Vater sich vor zehn Jahren mit der Klinik selbstständig gemacht hat, ihn zunächst als Chefarzt eingestellt und dann zu seinem Teilhaber gemacht hat.

Seit ich regelmäßig bei den Boardmeetings dabei bin, haben wir intensiver miteinander zu tun. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass zwischen meinem Vater und ihm irgendwie Spannungen herrschen. Ob das an Hanna lag? Aber mein Vater kann unmöglich schon vorher davon gewusst haben.

»Wir haben uns verliebt«, murmelt Hanna plötzlich.

»Willst du es mir erzählen?«

»Im Frühjahr, bei der Gala der Medical Society. Seine … Frau war mit den Kindern schon auf Cape Cod, wir haben uns unterhalten, gelacht, getanzt. Da war so viel Wärme. Er hat mir zugehört, sich für meine Pläne und Gedanken interessiert. Und er war erwachsen, nicht wie die Typen am College, die nur den nächsten Drink oder den nächsten Fick im Kopf haben. Ich habe mich bei ihm geborgen gefühlt, verstehst du?« Ich nicke, so wie ich mich bei Sasha fühle. So wie wir uns zu Hause nie gefühlt haben.

»Wir haben uns einmal getroffen, heimlich, in New York. Und seitdem konnten wir nicht aufhören, uns zu sehen. Er gibt Lehrveranstaltungen in Yale, dadurch war das immer mal wieder möglich. Na ja, und gestern rief er an, eigentlich sind Treffen hier in Boston immer ein Tabu gewesen, aber es hatte Streit gegeben, und er klang so verzweifelt, da haben wir beschlossen, einfach nur eine kurze Spazierfahrt zu machen. Nur, um zu reden. Und dann …«

Sie zuckt zusammen und ein Weinkrampf schüttelt sie. Ich halte sie ganz fest. Irgendwann hat sie sich wieder gefangen. »Dann kam da dieses Auto angerast«, flüstert sie. »Ich werde nie diese Geräusche vergessen, als es uns in die Seite gekracht ist. Christopher hat meinen Namen geschrien, Glas splitterte, und da war das Kreischen von Metall auf Metall. Danach war alles schwarz.«

Ich halte sie einfach nur im Arm und warte, bis sich ihr Atem wieder beruhigt hat. »Aber seine Frau?«, frage ich dann. Ich weiß, dass es Hanna wehtun muss, dass ich danach frage. Aber es lässt mich einfach nicht los. Meine Schwester ist niemand, der leichtfertig andere Menschen verletzt. Vor allem nicht, wenn kleine Kinder im Spiel sind.

»Seine Ehe ist schwierig. Er vermisst in ihr genau das: Wärme. Samantha ist, na ja, du kennst sie ja. Oberflächlich. Nicht besonders herzlich, nicht echt.«

Ich nicke, sehe sie vor mir, alte Bostoner Familie, High Society, Ivy-League-College, dann Heirat, dann zwei Berufsjahre, dann das erste Kind und schnell das zweite. Vorhersehbar, langweilig und alles, was ich verachte. Klar, dass er sich in meine große Schwester verliebt hat, denn sie ist all das nicht. Aber was findet sie an ihm? Mir fällt es immer noch schwer, mir Hanna neben Christopher vorzustellen. Er ist einfach alt. Er ist der Geschäftspartner meines Vaters. Er ist … eigentlich kenn ich ihn gar nicht privat. Ich habe mich nie für ihn interessiert. Weil er so eng mit meinem Vater zusammenarbeitet, stand er für mich immer auf der falschen Seite.

»Liebst du ihn?«

Hanna guckt mich erstaunt an. »Mein kleiner Bruder spricht über Liebe? Was ist mit dir passiert?«

»Ich bin nur besorgt.«

»Sicher, dass nicht noch was anderes dahintersteckt? Jemand anderes?« Ihr Blick durchbohrt mich.

»Mhm.«

»Ich mag sie wirklich. Man fasst sofort Vertrauen zu ihr.«

»Du lenkst ab.«

»Ach, Ben, gib’s doch zu: Du hast dich verliebt!«

»Ja. Ich hab mich verliebt. Aber es macht mir Angst. Was, wenn ich das auch wieder an die Wand fahre? Vor nicht mal einer Woche hätte ich es beinah versaut und sie verloren.«

»Quatsch, das tust du nicht. Ich pass schon auf, dass du nicht wegrennst.«

»Wie denn? Harvard ist nicht gerade um die Ecke. Zumindest nicht nah genug, um deinen gefühlsamputierten Bruder vor unüberlegten Dummheiten zu beschützen.«

Ein Schatten legt sich über Hannas Gesicht.

»Ich – werde wohl nicht so schnell wieder nach Harvard zurückkönnen.«

Ich beiße mir auf die Zunge. Shit, wieso habe ich daran nicht gedacht, ich Trottel? Plötzlich wird mir das ganze Ausmaß bewusst. Was, wenn Hanna nicht wieder richtig gesund wird? Die Ärzte sagen, dass sie Glück im Unglück hatte, bei der Geschwindigkeit, mit der der Wagen in sie reingerast ist, hätte sie auch tot sein können. Ich stöhne auf. Sashas Dad! Und ich Vollidiot bitte sie, ins Krankenhaus zu kommen. Wie konnte ich ihr das antun?

»Was ist los? Ist die Vorstellung, dass ich wieder zu Hause einziehe, so schlimm für dich?«

Meine Gedanken rasen. Ich muss mich unbedingt bei Sasha entschuldigen. Aber vor allem muss ich Hanna irgendwie schonend beibringen, dass Dad nichts mehr von ihr wissen will.

Kapitel 6

Sasha

Fassungslos schaue ich ihn an. »Aber wo soll sie denn hin?«

Ben zuckt mit den Schultern. »Auch zu Tanten Mia? Ich weiß es nicht. Sie wirkt so zerbrechlich gerade, ich trau mich gar nicht, es anzusprechen.«

Wieder dröhnen diese zerstörerischen Worte in mir: Ich hab mein Baby verloren. Wenn Ben wüsste, dass seine Schwester schwanger war. Ist es richtig, es ihm nicht zu erzählen? Oder wäre es letztendlich nicht besser für Hanna, wenn sie die Trauer mit ihm teilen könnten? Wenigstens mit ihm, wenn schon nicht mit ihrer Mutter oder Christopher. Außerdem haben wir uns doch versprochen, keine Geheimnisse mehr voreinander zu haben und immer offen miteinander zu sein. Wie kann ich das so schnell schon wieder infrage stellen. Vor allem bei einer so krassen Sache. Wäre Ben nicht zu Recht sauer? Verletzt? Schlimmeres?

Andererseits habe ich ihr mein Wort gegeben, nichts zu sagen. Ich kann ihr Vertrauen nicht missbrauchen, aber vielleicht kann ich sie dazu bringen, sich ihrem Bruder zu öffnen. Vielleicht nicht heute, aber in den nächsten Tagen, wenn es ihr besser geht. Alles andere wäre Verrat. An Ben oder seiner Schwester.