How not to invest - Barry Ritholtz - E-Book

How not to invest E-Book

Barry Ritholtz

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Beschreibung

Alle Investoren – ob Anfänger oder Profi – sind auf der Suche nach der perfekten Strategie. Zeitverschwendung, sagt der Finanzblogger und Vermögensverwalter Barry Ritholtz. Es reicht aus, weniger Fehler zu machen als die anderen. Denn auch wenn man Tausend Dinge richtig macht, kann ein einziger Fehler das ganze Portfolio zerstören. Inspiriert von »Not smarter, but less stupid«, der Devise der Investmentlegende Charlie Munger, zeigt Ritholtz die häufigsten Irrwege auf – von der kleinen Panne bis zum epischen Versagen. Kurzweilig und lehrreich schlägt er nicht nur den Bogen von schlechten Ratschlägen selbst ernannter Gurus über falsch interpretierte Zahlen bis hin zu psychologischen Fehlschlüssen, sondern stellt auch wirksame Tools und einfache Modelle vor, um Geld richtig anzulegen und ein Vermögen aufzubauen. Jeder Mensch macht Fehler, aber mit diesem Buch werden sie weniger – und weniger teuer.

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Seitenzahl: 618

Veröffentlichungsjahr: 2025

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HOW NotTOINVEST

BARRYRITHOLTZ

Falsche Strategien, Ratschläge und Denkfehler vermeiden und erfolgreich investieren

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Für Fragen und [email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2026© 2026 by Finanzbuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH Türkenstraße 89 80799 MünchenTel.: 089 651285-0

Die englische Originalausgabe erschien 2025 bei Harriman House, ein Imprint von Pan Macmillan unter dem Titel How not to invest. © 2025 by Barry Ritholtz. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Übersetzung: Martin BayerRedaktion: Anne BüntigUmschlaggestaltung: Pamela Machleidt in Anlehnung an das OriginalSatz: Daniel FörstereBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-849-2ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-626-7

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Dieses Buch ist das Ergebnis eines ganzen Lebens voller Erkenntnisse und Erfahrungen, die aus vielen Quellen geflossen sind, aber keine davon ist wichtiger als die folgenden:

Charley Ellis, der uns gezeigt hat, dass der Weg zum Erfolg beim Investieren darin besteht, die Sache wie ein Tennismatch anzugehen – lassen Sie sich nicht zu Fehlern zwingen, und Sie werden enorm viel besser spielen.

Und Charlie Munger, der uns die richtige Denkweise fürs Investieren beigebracht hat: Versuchen Sie nicht, besser als alle anderen, sondern einfach nicht so dumm wie alle anderen zu sein.

Inhalt

Vorwort von Morgan Housel

Einleitung: Konsequent nicht dumm

Gebrauchsanweisung für dieses Buch

Teil 1: Falsche Vorstellungen

Kapitel 1: Schlechter Rat

Kapitel 2: Medienwahnsinn

Kapitel 3: Sophistik: Das Studium schlechter Ratschläge

Teil 2: Falsche Zahlen

Kapitel 4: Wirtschaftliches ­Analphabetentum

Kapitel 5: Börsenwahnsinn

Kapitel 6: Aktienalarm

Teil 3: Falsches Verhalten

Kapitel 7: Vermeidbare Fehler

Kapitel 8: Emotionale ­Entscheidungen

Kapitel 9: Kognitive ­Fehlleistungen

Teil 4: Guter Rat

Schlusswort

Dank

Anmerkungen

Vorwort von Morgan Housel

Zum ersten Mal habe ich 2010 von Barry Ritholtz gehört. Es war auf einer Investitionskonferenz im kanadischen Vancouver, wo er einen der Keynote-Vorträge hielt.

Waren Sie schon mal auf so einer Konferenz? Die Messlatte für die Redner kann mitunter recht niedrig liegen. Nach 45 Minuten monotoner Selbstbeweihräucherung auf PowerPoint-Folien klatscht das Publikum – nicht aus Begeisterung, sondern weil die Tortur ein Ende hat.

Nicht so bei Barry. Seinen Vortrag werde ich nie vergessen. Er veränderte nicht nur meine Einstellung zum Umgang mit Geld, sondern auch meine Art, darüber zu sprechen.

Man vergisst leicht, dass Finanzberichterstattung früher vor allem aus journalistischen Beiträgen bestand, in denen Experten lediglich zitiert wurden. Selten erhielten sie selbst die Gelegenheit, ungefiltert, ungekürzt und ausführlich vor einem großen Publikum zu sprechen.

Barry war einer der ersten, der es tat. Ich verrate jetzt, wie alt wir beide schon sind, indem ich zugebe, dass er seinen Investmentblog bereits schrieb, als ich auf der Highschool war. Sein Blog TheBig Picture war seiner Zeit um Jahre voraus und stellte die Berichterstattung über den Geldmarkt auf den Kopf. Das hatte zwei Gründe:

Es macht Spaß, ihn zu lesen.

Barry scheut sich nicht, offen seine Meinung zu sagen, auch wenn er damit aneckt. Mehr noch: Er ist ein begnadeter Erzähler. Indem er das Investieren als packendes Beispiel menschlichen Verhaltens präsentiert statt als trostlose Ansammlung steriler Daten, macht er es zu etwas, worauf man sich wirklich freut. Den Kritikern der »Pop«-Geschichtsschreibung hat der Historiker David McCullough einmal entgegengehalten: »Es schadet der Geschichte nicht, wenn man sie so darstellt, dass die Leute sie auch lesen wollen.« Barry gelingt das mit Finanzratschlägen.

Er weiß, wovon er redet.

Als Gründer einer der am schnellsten wachsenden Vermögensverwaltungen in den USA sind Barrys Ansichten keine theoretischen Konstrukte – er kennt das Geschäft aus der Praxis. Er hat hautnah erlebt, wie verrückt und unberechenbar Menschen bei Gier und Angst reagieren. Niemand liegt immer richtig, aber Barry kann man gewiss nicht vorwerfen, aus einem Elfenbeinturm heraus zu dozieren.

Das Ergebnis ist genau das, was sich so viele Leser von Finanzratschlägen wünschen: das Gefühl, mit einem erfahrenen, klugen und ehrlichen Freund bei einem Bier zusammenzusitzen.

Damals in Vancouver sprach Barry darüber, dass man in China mit Investitionen lieber vorsichtig sein sollte. Als er gefragt wurde, warum, antwortete er nicht wie andere Vortragsredner mit einem Wust von Schlagwörtern und Theorien, sondern beugte sich zum Mikrofon vor und flüsterte dem Publikum zu: »Psst, das sind Kommunisten.«

Was ich an Barrys Arbeit besonders schätze, ist seine Sichtweise: Für ihn ist Investieren ein Spiel aus Gefühlen und Verhaltensweisen, nicht etwa ein rein datengetriebenes, intelligenzbasiertes Unterfangen. Und das ist entscheidend, denn erstens entspricht es der Realität und zweitens berücksichtigt es, dass menschliches Verhalten chaotisch, unberechenbar und von Person zu Person verschieden ist und – anders als Daten – keine einfachen Antworten anbietet. Zu verstehen, wie unser Verhalten uns zu falschen Entscheidungen verleitet, kann wertvoller sein als jede Datenanalyse, die vorgibt, uns den richtigen Weg zu zeigen.

Genau darum geht es in diesem Buch, und ich glaube, es wird Ihnen genauso gut gefallen wie mir.

Morgan HouselWinter 2024/25

Einleitung:Konsequent nicht dumm

Dieses Buch soll dabei helfen, Fehler bei der Geldanlage – Ihre Fehler – zu vermeiden. Winzige Fehler, große Katastrophen und alles dazwischen. Ihr Leben kann so viel erfüllter und stressfreier sein, wenn Sie verstehen, wie man die vermeidbaren Fehler umgehen kann, die Anlegern dauernd passieren!

Worum es mir geht? Ich teile, was ich gelernt habe, damit Sie die häufigsten Fehler im Umgang mit Geld überspringen können. Wenn Sie diese vermeidbaren Stolperfallen umgehen, werden Sie mit Ihren Finanzen besser fahren als 90 Prozent Ihrer Bekannten.

Die meisten Investitionsratgeber gehen anders vor. Normalerweise folgen sie der Methode »Wie man es richtig macht«. Sie wollen Ihnen (mindestens in einem Dutzend Kapiteln) alles zeigen, was Sie wissen müssen, um finanziell erfolgreich zu werden. Verfolgen Sie diese 100 Strategien, und der Rubel rollt!

Dieser Ansatz taugt im richtigen Leben nicht. Selbst wenn Sie im Grunde alles richtig machen, genügen schon wenige Fehler, um all Ihre bisherigen Bemühungen zunichtezumachen.

Es klingt zunächst paradox, aber es ist wichtiger, Fehler zu vermeiden, als Erfolge zu erzielen. Diese wunderbare Erkenntnis verdanke ich Charley Ellis, der sie 1975 in seinem Artikel »The Loser’s Game« im Financial Analysts Journal formulierte.1 Geld anlegen, so Ellis, ähnelt einem Tennisspiel: Die meisten Spieler verlieren, weil sie zu viele vermeidbare Fehler machen. Um das »Verliererspiel« zu gewinnen, muss man einfach weniger verlieren – also weniger Fehler machen und darauf warten, dass der Gegner sich selbst schlägt. Zehn Jahre später baute Ellis seine These zu dem klassischen Ratgeber Winning the Loser’s Game aus.2

Das vorliegende Buch macht es genauso: Es zeigt Ihnen, wie man in der modernen Welt der sozialen Netzwerke, Reddit-Memes und algorithmisch verzerrten Nachrichten die vielen Fehler vermeidet, an denen die meisten Anleger scheitern.

Einfacher gesagt: Machen Sie weniger Fehler und stattdessen mehr Geld.

Der unnachahmliche Charlie Munger von Berkshire Hathaway hat es so ausgedrückt: »Es ist bemerkenswert, wie viele langfristige Vorteile Menschen wie wir dadurch erlangt haben, dass wie konsequent versucht haben, nicht dumm zu handeln – statt besonders intelligent zu sein.«

Ich werde die häufigsten Fehler beleuchten, die Anleger machen, und die Mythen entlarven, an die viele felsenfest glauben, zu ihrem eigenen Nachteil. Ich werde Ihnen einige meiner Lieblingsfehler vorstellen, darunter auch ein paar eigene, sowie Lektionen von den reichsten (und zugleich fehleranfälligsten) Investoren der Welt.

Alle Menschen sind fehlbar. Das liegt in der unserer Natur: Wir können eben nicht sehr weit in die Zukunft schauen und auch Gegenwart und Vergangenheit nie völlig verstehen. Wir machen alle Fehler. Dieses Buch hilft Ihnen dabei, weniger Fehler zu machen und die unvermeidlichen so zu gestalten, dass sie weniger kostspielig sind.

Das Ziel ist dasselbe wie bei Munger: »Konsequent weniger dumm.«

Gebrauchsanweisung für dieses Buch

Ich arbeite seit 30 Jahren als Trader, Finanzstratege und Vermögensverwalter und veröffentliche laufend meine Gedanken dazu. Irgendwann wollte ich diese Ideen und Erfahrungen zu einem Buch zusammenfassen, das anderen Anlegern besonders viel Nutzen bringt.

Zuerst musste ich sie allerdings in eine sinnvolle Struktur bringen. Ich habe schließlich fast eintausend Kolumnen übers Geldanlegen in der Washington Post, bei Bloomberg und auf TheStreet.com geschrieben. Wenn Sie noch meine 43.158 Blogposts (Stand 31. Dezember 2024) auf The Big Picture dazunehmen, werden Sie verstehen können, dass es nicht leicht war, ein sinnvolles Konzept zu finden.

Aber nach meinem letzten Urlaub ging ich diese vielen Kolumnen und Blogposts durch und erkannte ein Muster: Praktisch jeder zweite Text räumt mit irgendeinem Investment-Bullshit* auf. Schon seit den 1990ern befasste ich mich hauptsächlich damit, Verhaltensfehler zu analysieren und Finanzmythen aufzudecken. Wenn die Anleger es nur schaffen würden, die Schwarzmaler zu ignorieren, Prognosen zu vergessen, einen Bogen um die Wall Street zu machen, sich von fragwürdigen Informationsquellen zu lösen und nicht mehr auf die Börsentipps ihres Schwagers zu hören – dann wären sie alle viel reicher.

Meine Liste der Investmentfehler wurde immer länger: Vermeiden Sie teure Finanzprodukte!, Lassen Sie die meisten Börsengänge – SPACs wie IPOs – links liegen!, Verstehen Sie Ihr Portfolio (warum genau halten Sie gerade diese Aktie?)!, Trauen Sie keinem aktiven Vermögensverwalter! (Sie können nicht einmal Ihrem eigenen Gehirn trauen – dafür ist es nicht gemacht, und meistens treibt es einen zu Fehlern, die Geld kosten.)

Während ich mich durch diese Liste vermeidbarer Fehler arbeitete, klärte sich allmählich die Struktur des Buchs: Wie man nicht investiert – How not to invest. Es sollte eine einfache Anleitung zur Vermeidung von Denkfehlern, falschen Einschätzungen und Reaktionen sein, die Anlegern dauernd passieren.

Trotz allem, was wir im vergangenen Jahrhundert über die Kapitalmärkte und ihre Risiken, über die menschliche Natur und unser Verhalten gelernt haben, schneiden immer noch viel zu viele Menschen beim Investieren schlecht ab. Das liegt einfach daran, dass sie zu viele Fehler machen.

Die Tatsachen sind eindeutig: Es liegt nicht daran, dass die meisten Investoren prinzipiell unfähig wären, sondern daran, dass ihnen zu viele vermeidbare Fehler passieren. Beim Baseball liegt ein schlechter Punktestand auch nicht an zu wenigen Homeruns, sondern an zu vielen Popups, Groundouts und Strikeouts. Oder, um es wieder mit Charlie Munger zu sagen: Man sollte nicht schlauer, sondern weniger dumm sein.

Das ist das subtile, aber entscheidende Geheimnis für Ihren Erfolg als Anleger. Wenn ich mir anschaue, wie sich mein eigenes Können als Investor im Lauf der Jahrzehnte verbessert hat, vermute ich, dass ich nicht schlauer geworden bin, sondern immer weniger Fehler gemacht habe.

Nicht wenige Leute haben mich gewarnt: »Verwende keine negative Aussage in einem Buchtitel!« Ich hoffe, dass ich diesen Fauxpas wieder wettmachen kann, indem ich das Buch mit vielen guten Ratschlägen fülle, wie man Fehler vermeidet. Zu jeder Liste mit Dingen, die man besser nicht tun sollte, gibt es ebenso viele Vorschläge, was man stattdessen tun sollte. Diese Listen helfen Ihnen bestimmt weiter.

Ich habe das Buch in vier Teile gegliedert: Falsche Vorstellungen, Falsche Zahlen, Falsches Verhalten und Guter Rat. Die drei Teile mit »falsch« im Titel sind jeweils in drei Kapitel unterteilt. Falsche Vorstellungen befasst sich mit verlustbringenden Empfehlungen, den Medien, die sie verbreiten, und der Sophistik, mit der wir hinters Licht geführt werden. In Falsche Zahlen wird erklärt, wie unser Unbehagen beim Umgang mit Zahlen, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten uns daran hindert zu verstehen, wie der Aktienmarkt und die Wirtschaft insgesamt funktionieren. Falsches Verhalten? Hier zeigt sich die Wirkung der falschen Zahlen und Vorstellungen – darin, wie man über Geld denkt und damit umgeht.

In jedem Kapitel sehen wir uns zunächst die Probleme an, dann die Lösungen, zuerst das Negative, dann das Positive. Auf die Fehler hinzuweisen, ist leicht – aber Ihnen als Anleger bringt es natürlich mehr zu erfahren, wie Sie diese kostspieligen Fehler vermeiden können.

Der letzte Teil, Guter Rat, bietet eine Zusammenfassung, die Ihnen helfen soll, diese Fehler nicht mehr zu machen, und dazu konkrete Strategien aufzeigt. Das Ziel ist, das Gelernte in praktische Lösungen umzusetzen. Das wird Ihrem Kontostand und Ihrem Investitionserfolg sehr zugute kommen.

Wenn Sie die Lehren aus allen vier Teilen des Buchs beherzigen, werden Sie mir aus Ihrer neuen finanziellen Komfortzone oder Ihrem sorglosen Ruhestand danken können.

* Ursprünglich wollte ich dieses Buch Debunking Investment Bullshit nennen, aber mein zimperlicher britischer Verleger duldete solche groben amerikanischen Ausdrücke nicht.

Teil 1:Falsche Vorstellungen

Es gibt eine Vielzahl falscher Vorstellungen, wenn es ums Geldanlegen geht. Wir betrachten drei Hauptquellen falscher Vorstellungen: Beratung – wo sie Anleger direkt beeinflussen; Medien – über die sie sich verbreiten; und Sophistik – die uns oft täuscht, obwohl sie logisch erscheint.

Kapitel 1: Schlechter Rat

Wir beginnen unsere Betrachtung mit einem Blick auf die fürchterlichen Ratschläge, die den Anlegern schaden. Am Ende dieses Kapitel werden Sie wissen, wie Sie fragwürdige Empfehlungen jederzeit erkennen und vermeiden können.

Fachleute haben zweifellos ihre Berechtigung, aber auch sie können nicht die Zukunft voraussagen, weder für Kinofilme, Musik oder Technologie noch für Aktien und die Wirtschaft. Es ist naheliegend, sich einzureden, die Profis wüssten schon, wie es weitergeht. Aber wie wir gleich sehen werden: Wenn es um die Zukunft geht, weiß niemand irgendetwas.

Auf wen hören Sie?

Ideen, was Sie mit Ihrem Geld anfangen sollten, hat jeder. Das Problem? Die Qualität dieser Ratschläge ist bestenfalls unsicher und schlimmstenfalls zerstörerisch: Sie sind mitunter widersprüchlich oder für Ihren Fall nicht relevant, und die meisten sind einfach schlecht. Sie alle durchzugehen ist nicht nur zeitraubend, sondern kann Sie auch vom richtigen Kurs abbringen.

In den folgenden Abschnitten werden wir verschiedenen Menschen begegnen: Finanzgurus und Journalisten, Fondsmanagern und Vorhersagern. Ihr Rat klingt oft verführerisch und plausibel. Wenn wir uns anschauen, was sie in der Vergangenheit empfohlen haben, sind wir ihnen gegenüber in einer Hinsicht im Vorteil – wir wissen, was passiert ist und inwieweit ihre Voraussagen eingetroffen sind. Daraus können wir schließen, was ihr Rat taugt. Das wird Ihnen helfen, die Leute im Fernsehen oder in den sozialen Netzwerken oder auch bei einer Dinnerparty einzuschätzen, die Ihnen sagen wollen, was Sie mit Ihrem Geld anfangen sollen.

Um es vorwegzunehmen: Oft taugen diese Ratschläge überhaupt nichts.

Mir geht es hier nicht um Schadenfreude. Ich möchte Ihnen bloß zeigen, wie unermüdlich schlechte Ratschläge verbreitet werden. Die folgenden Beispiele sind keine Ausreißer, sondern ganz alltägliche Medienbeiträge. Die wichtigste Lehre daraus ist, dass Sie diese »kostenlosen« Ratschläge keinesfalls zur Grundlage Ihrer Anlageentscheidungen machen sollten.

Der Strom der Ratschläge in den Medien ist endlos, ein überwältigender Hochdruckstrahl von Mutmaßungen und Meinungen wie aus einem Feuerwehrschlauch. Den größten Teil davon kann man bedenkenlos außer Acht ­lassen.

Wenn ich jemanden sehe, der mit großer Selbstsicherheit erklärt, warum diese oder jene Investition so großartig sei – sei es in den Medien, auf einer Konferenz oder in einem veröffentlichten Kommentar –, bewahre ich mir eine gesunde Skepsis. Ich frage mich immer, wer der Sprecher ist und was sein Rat für mich bedeutet.

Zum Ratschlag:

Welche Risiken nehme ich in Kauf, wenn ich seinem Rat folge?

Ist sein Rat auf mich (und mein Anlagekonzept) zugeschnitten?

Wie viel wird mich sein Rat kosten – in Gebühren, Steuern und entgangenen anderen Gelegenheiten?

Zum Ratgeber:

Was will er verkaufen?

Wie sieht seine Erfolgsbilanz aus?

Welche Interessenkonflikte hat er?

Mit diesen sechs Fragen können Sie eine Menge finanzieller Fehlentscheidungen vermeiden.

Das eigentliche Problem ist dabei nicht der schlechte Rat, sondern dass man das Nachdenken anderen überlässt und es sozusagen auslagert. Nachdenken muss man immer selbst. Ich möchte Sie dazu befähigen, die Kontrolle über Ihre Entscheidungen zu übernehmen – indem ich Ihnen das nötige Vertrauen in Ihre eigenen Fähigkeiten vermittle, damit Sie nicht mehr von dem abhängig sind, was Sie in der Zeitung lesen, im Fernsehen hören und in den sozialen Netzwerken sehen.

Es ist schließlich Ihr Geld! Niemand hat mehr Vorteil davon, wenn es sich vermehrt, als Sie selbst. Übernehmen Sie die Verantwortung dafür.

Selbstsicheren Ratgebern vertrauen wir oft zu sehr, ohne auf ihre Erfolgsbilanz zu achten. Was passiert, wenn Milliardäre sich vor eine Kamera stellen und kühne wirtschaftliche Voraussagen und Marktprognosen abgeben? Schauen wir es uns an.

Der Halo-Effekt

Am 18. Dezember 2015 sagte der Immobilienmogul und Milliardär Sam Zell: »Mit großer Wahrscheinlichkeit steht uns innerhalb der nächsten zwölf Monate eine Rezession bevor.«3 Schuld daran, so erklärte er gegenüber Bloomberg TV, seien der starke Dollar und eine Flaute im Welthandel, einsetzende Entlassungswellen bei internationalen Großkonzernen und eine allgemein schwache Verbrauchernachfrage.

Börsenpessimisten nahmen diese Prognose ebenso auf wie die Mainstream-Medien. Anhand dieses Beispiels lässt sich zeigen, welches Risiko jeder, der solche Vorhersagen macht, für die Anleger ist.

Zell war ein legendärer Immobilieninvestor. Seine Erfolgsbilanz als opportunistischer Aufkäufer »problematischer« Immobilien war außergewöhnlich gut. Kaum jemand wusste besser als er, wann man eine Immobilie kaufen oder verkaufen musste. In den 1970er-Jahren erwarb er sich den Spitznamen »Grabtänzer«, als er in einem Artikel seinen Erfolg der Tatsache zuschrieb, er tanze »auf den Skeletten der Fehler, die andere machen«.4

Aber als Vorhersager war er nicht besser als jeder andere. Seine Warnungen vor einer drohenden Rezession 2015 kamen fünf Jahre zu früh – erst durch die Corona-Krise kam es 2020 zu einer Rezession –, und inzwischen waren sowohl die Börsenkurse als auch die Immobilienpreise beträchtlich gestiegen.

Allerdings werden hier zwei Probleme deutlich: Erstens wagen Menschen, die auf einem bestimmten Gebiet sehr erfolgreich sind, oft auch auf anderen Gebieten umfassende Voraussagen (mehr zu dieser epistemischen Grenzüberschreitung später). Zweitens finden wir als Zuhörer solche Prognosen unwiderstehlich. Beeindruckt vom geschäftlichen Erfolg ihres Urhebers glauben wir ihnen allzu bereitwillig – oft zu unserem finanziellen Nachteil.

Das ist der sogenannte Halo-Effekt – die Neigung, den Erfolg oder die positiven Züge eines Vorhersagers auf andere Gebiete auszudehnen. Geprägt hat den Begriff Edward Thorndike schon in den 1920er-Jahren,5 aber bekannt wurde er erst 2007.6

Die Vorhersage einer Rezession 2015 war nicht Zells erste. »Wir sind auf dem Weg in die Rezession«, hatte er schon drei Jahre zuvor im Oktober 2012 behauptet.7

Nein, waren wir nicht.

Zell unterstützte damals Mitt Romney als republikanischen Präsidentschaftskandidaten, und es war einen Monat vor der Wahl. Vielleicht war er da (unbewusst) politisch ein bisschen voreingenommen.

Wiederum fünf Jahre zuvor, im September 2008, – wenige Wochen nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers und AIG – hatte Zell gewarnt, die amerikanische Wirtschaft könne »nächstes Jahr in die Rezession abrutschen«.8 Dies war schon in dem Augenblick, als er es äußerte, falsch: Die USA befanden sich bereits in der schlimmsten Rezession seit der Weltwirtschaftskrise 1929, und sie hatte bereits fast ein Jahr zuvor, im Dezember 2007, eingesetzt.

2007 hatte Zell vor der Wharton School der University of Pennsylvania gesagt: »Wir sind noch nicht in einer sogenannten ›Kreditklemme‹. Ich glaube, es ist eher eine ›Vertrauensklemme‹.«9

Dabei befanden wir uns in der größten Kreditklemme seit Jahrzehnten, und sie wurde noch viel schlimmer. Im Widerspruch zu dem, was er ein Jahr später (2008) sagen sollte, fügte Zell hinzu: »Auch wenn wir uns mitten in einer Rezession befinden, hat die Bilanz der Immobilienbranche noch nie besser ausgesehen.«

Auch das war falsch. Die Preise für Wohneigentum standen am Anfang eines Absturzes von zuletzt 32 Prozent – und Banken, Bauherren und Real Estate Investment Trusts (REITs) sollten große Probleme mit ihren Bilanzen bekommen.

Zell wurde zum Milliardär, indem er geduldig eine Problemimmobilie nach der anderen zum Notverkaufspreis aufkaufte. Er sammelte ein Portfolio von Immobilien an und hielt sie einfach, manche bis zu 50 Jahre lang! Er war ein genialer Immobilieninvestor, aber mit seinen Rezessionsvorhersagen hätte er keinen roten Heller verdient.

Das Problem bei Zell war nicht, dass er sich irrte – wir alle liegen manchmal falsch, die meisten von uns sogar ziemlich oft. Das eigentliche Problem bestand darin, dass sein Gespür für den Immobilienmarkt und sein finanzieller Erfolg dazu führten, dass seine wirtschaftlichen Aussagen übermäßig viel Gewicht erhielten.

Wir schenken Milliardären und anderen erfolgreichen Geschäftsleuten viel zu viel Aufmerksamkeit, wenn sie ihre Meinung äußern – auch wenn sie noch so wenig Ahnung haben, was die Zukunft bringen wird. Wie steht es mit anderen Experten? Was wissen sie wirklich? Schauen wir uns zunächst einmal Hollywood an.

Niemand weiß irgendetwas

Adventures in the Screen Trade (»Abenteuer im Filmgeschäft«) war das schonungslose Bekenntnisbuch des Roman- und Drehbuchautors William Goldman über die Kinobranche. Sein Bestseller von 1983 ist voller großartiger Zitate, am einprägsamsten vielleicht »Niemand weiß irgendetwas«. Dieser Ausspruch gilt bei Weitem nicht nur im Filmgeschäft.

Goldman war hinter den Kulissen Hollywoods ein scharfer Beobachter: Er gewann zwei Oscars, einen für Zwei Banditen (Bestes Originaldrehbuch 1969) und einen für Die Unbestechlichen (Beste Drehbuchadaption 1976), und schrieb den Roman Der Marathon-Mann, die Vorlage für den packenden Film mit Dustin Hoffman (»Sind sie außer Gefahr?«). Sein Drehbuch zu Stephen Kings Roman Misery wurde mit Kathy Bates und James Caan verfilmt (Kathy Bates erhielt für ihre Rolle den Oscar). Sein vielleicht schönstes Werk ist der Roman Die Brautprinzessin und das Drehbuch zur gleichnamigen wunderbaren Verfilmung unter dem Titel Die Braut des Prinzen mit Rob Reiner als Regisseur, inzwischen ein Kultklassiker.

Goldmans erste Erwähnung von »Niemand weiß irgendetwas« bezog sich auf spätere Blockbuster-Filme, die allesamt von den Studioverantwortlichen abgelehnt worden waren. Sämtliche Hollywoodstudios außer einem (Paramount) lehnten Jäger des verlorenen Schatzes ab, den ersten Indiana-Jones-Film, der eines der höchsten Einspielergebnisse aller Zeiten brachte und für neun Oscars nominiert wurde.

Columbia Pictures verpasste bei noch mehr Gelegenheiten den Zug, was Spielberg-Filme anging – sie lehnten nicht nur Indiana Jones ab, sondern auch E.T. – Der Außerirdische, weil sie gerade einen anderen Film mit diesem Thema drehten (Starman mit Jeff Bridges). Außerdem wollten sie auch Zurück in die Zukunft und Pulp Fiction nicht haben.10

Star Wars wurde vom damals größten Hollywoodstudio Universal abgelehnt. Der Analyst Trung Phan berichtet, dass George Lucas ursprünglich sechs Spielfilme plante. Weil er Hollywood nicht traute und die Kontrolle über seine Filmreihe behalten wollte, bat er Fox Studios nur um eine mäßige Gage von 150.000 Dollar für die Regie – 70 Prozent weniger als die übliche Summe von 500.000 Dollar –, und behielt sich dafür bestimmte Rechte an den Filmen vor.11

Man kann nur schwer nachvollziehen, was sich die Bosse bei 20th Century Fox dabei dachten, die Rechte für Merchandising und Fortsetzungsfilme an Star Wars für weniger als eine halbe Million Dollar wegzugeben: Lucas, der Neuling im Filmgeschäft, erwies sich jedenfalls als schlauerer Fuchs als die Chefs bei Fox. Star Wars spielte über eine Milliarde Dollar ein und wuchs zu einer Franchise mit inzwischen fünf Kinofilmen12 an, die sämtlich zu den 100 größten Kinoerfolgen aller Zeiten gehören.13 Die Walt Disney Co. zahlte für Lucasfilm, die Produzenten von Star Wars, später über 4 Milliarden Dollar, und das Star-Wars-Merchandisinggeschäft hat Disney bisher über 32 Milliarden eingebracht.14

Goldman wollte mit seinem Spruch »Niemand weiß irgendetwas« sagen, dass niemand in der Unterhaltungsbranche trotz allen Fachwissens, aller Erfahrung und aller Zielgruppenbeobachtung im Voraus wissen kann, wie gut ein bestimmter Film an der Kinokasse abschneiden wird. Es ist unmöglich und oft genug ein reines Ratespiel, die Marktlage in fünf Jahren vorauszusagen.

Es fängt mit dem Drehbuch und der Frage an, wie gut sich der Text in ein visuelles Medium umsetzen lässt. Wie mitreißend ist die Vision des Regisseurs? Wie sympathisch sind die dargestellten Rollen? Wie wird die Schauspielkunst bestimmter Darsteller sie aufwerten? Stimmt die Chemie zwischen den Hauptdarstellern? Und am allerschwierigsten ist die Voraussage, was die Kinogänger in etwa fünf Jahren sehen wollen, wenn der Keim des Drehbuchexposés, das heute grünes Licht bekommt, Wirklichkeit wird, wenn es gedreht und produziert ist und in die Kinos und zu den Streamingdiensten kommt.

Es geht dabei nicht nur um die Filme selbst; auch die Art und Weise ihres Vertriebs ist unvorhersehbar geworden. Die Videothekenkette Blockbuster lehnte 2000 ein Angebot ab, für 50 Millionen Dollar Netflix zu kaufen. Blockbuster war damals ein Umsatzriese mit 9000 Videotheken in den ganzen USA, und Netflix war ein Nischenanbieter, der DVDs per Post verlieh. Knapp zehn Jahre danach (2010) musste Blockbuster Konkurs anmelden, und von den 9000 Videotheken, die unter diesem Namen betrieben wurden, ist nur noch eine einzige in Bend, Oregon, übrig. Netflix dagegen hat inzwischen eine beherrschende Stellung als Videostreamingdienst mit 260 Millionen zahlenden Kunden; der Kurs der Aktie ist seit 2002 um mehr als 50.000 Prozent gestiegen, und die Marktkapitalisierung hat über 395 Milliarden Dollar erreicht.15

Filmhits sind mehr als ein guter Plot, attraktive Darsteller und verblüffende Spezialeffekte. Glück und Zufall spielen eine entscheidende Rolle, um aus einem guten Film einen Erfolg an der Kinokasse zu machen. Das gilt für jede komplexe menschliche Unternehmung, deren Erfolg sich erst nach Jahren zeigt – Ehe, Karriere, Wahlen oder Investitionen.

Nur zu oft halten wir zufälliges Glück für eine geschickte Strategie. Wir bilden uns ein, die Zukunft voraussehen zu können, obwohl wir kaum die Gegenwart begreifen. Wir reden uns ein, Herr unseres Schicksals zu sein, während nichts der Wahrheit ferner liegt.

Seine eigene Unwissenheit zu erkennen, ist daher ein geschäftlicher Vorteil. Die meisten Wall-Street-Profis hassen diese Erkenntnis.

Professor Robert H. Frank lehrt an der Johnson Graduate School der Cornell University in Ithaca, New York. Das Lehrbuch der Volkswirtschaft, das er zusammen mit Ben Bernanke, dem ehemaligen Vorsitzenden der Federal Reserve, geschrieben hat, wird an vielen Colleges verwendet. Außerdem hat er das Buch Success and Luck: Good Fortune and the Myth of Meritocracy16 geschrieben, in dem er den Einfluss von Zufällen auf den Erfolg untersucht.

Erfolgreiche Menschen schreiben sich ihr Glück gerne ihren Fähigkeiten, ihrer harten Arbeit und ihrer Intelligenz zu. Aber Fähigkeiten, Fleiß und Intelligenz sind bloß der Einsatz, den man auf den Tisch legen muss, um überhaupt mitspielen zu können, und keine Erfolgsgarantie. Für jeden Gewinner, so Frank, bleiben Dutzende ebenso befähigter, fleißiger und intelligenter Mitbewerber auf der Strecke.17 Ein glücklicher Zufall kann den Unterschied zwischen ungeahntem Erfolg und einem knappen (oder katastrophalen) Scheitern ausmachen.

Wenn es um den Zufallsfaktor im geschäftlichen Erfolg geht, ist Michael J. Mauboussin, Assistenzprofessor für Finanzwissenschaft an der Business School der Columbia University und Head of Consilient Research bei Counterpoint Global (Morgan Stanley), vielleicht der beste Experte. In seinem Buch The Success Equation: Untangling Skill and Luck in Business, Sports, and Investing18 erklärt er, dass schieres Glück zwangsläufig immer wichtiger wird, je mehr talentierte, befähigte Teilnehmer mitspielen. Wenn alle Beteiligten in der Spitzen­gruppe mitlaufen, heben persönliche Qualifikationen wie Fähigkeiten, Fleiß und Intelligenz einander auf, und das Ergebnis des Wettkampfs wird von der Kombination aus Fähigkeit plus Glück bestimmt.

Der Versuch, komplexe Systeme vorherzusagen – durchzogen von zufälligen, miteinander verflochtenen Variablen, externen Einflüssen und dem unberechenbaren Verhalten des Menschen –, gleicht einem aussichtslosen Unterfangen. Es gibt ja keiner gerne zu, aber niemand weiß irgendetwas über die Zukunft, weder Sie und ich noch die sogenannten Experten. Erlauben wir uns den Spaß und sehen uns an, wie wenig sie zum Beispiel über Musik wissen.

»Ladies and Gentlemen, The Beatles«

Gibt es irgendwo eine größere Kluft zwischen Expertenmeinung und dem tatsächlichen Lauf der Dinge als im Fall der Beatles? AllMusic resümiert die Wirkung der Beatles wie folgt: »[…] die populärste und einflussreichste Rockgruppe aller Zeiten, eine Band, die in vieler Hinsicht bahnbrechend für die Zukunft der Populärmusik wurde«.19 Das ist heute offensichtlich, wurde aber zu Anfang ihrer Karriere ganz anders gesehen.

Die amüsanten Einzelheiten erzählt Bob Seawright in The Better Letter, in dem er alle zwei Wochen seine Ansichten über die Welt kundtut. Niemand stellt die kognitiven Fehlleistungen der Menschheit besser bloß als Seawright. Genüsslich zitiert er die frühen Rezensionen der Beatles bei ihren ersten Auftritten in den USA.20 Die Band hatte damals fünf Singles in den britischen Top 20, von denen drei bis auf Nummer 1 vorstießen, alle im selben Jahr 1963. Ihr Debütalbum Please Please Me stand 30 Wochen an der Spitze der britischen Albumcharts und wurde erst von ihrer nächsten LP With the Beatles verdrängt.

Obwohl sie in Großbritannien eine derartige Sensation waren, konnte die Plattenfirma EMI ihren US-Partner Capitol Records nicht dazu überreden, eine der Singles in den USA herauszubringen. Leiter der internationalen Künstlerakquise (A&R) bei Capitol war damals Dave Dexter. Bei jemandem in seiner Position würde man ja ein Gespür für den Publikumsgeschmack voraussetzen, aber er lehnte die Singles der Beatles wiederholt ab, weil er sie »insgesamt amateurhaft und unattraktiv« fand. Eine nach der anderen wies Dexter diese Singles zurück, die in Großbritannien, angefangen mit »Please Please Me« und »She Loves You«, die Hitparaden stürmten.

Auch Showmaster Ed Sullivan hatte das Angebot, die Beatles in seine Sendung einzuladen, ausgeschlagen, und zwar zwei Mal. Erst als er am Londoner Flughafen (dem heutigen Heathrow Airport) zufällig Zeuge der »Beatlemania« wurde, dachte er um. Die Band kam damals von einer Schwedentournee zurück und wurde von einer kreischenden Menge jugendlicher Fans begeistert empfangen. Das überzeugte Sullivan, sie als Gäste für seine Show zu buchen.

Die Ed Sullivan Show war damals eine wichtige Plattform für neue Bands und Sänger, und wenige Wochen vor dem Auftritt der Beatles brachte Capitol Records dann auch die Single »I Want to Hold Your Hand« in den USA heraus. Diese Entscheidung beruhte nicht auf einer plötzlichen Wertschätzung ihrer Musik und war auch keine Korrektur der vorherigen Ablehnung durch Dave Dexter Jr. Vielmehr handelte es sich um einen kalkulierten Schachzug, um von der erwarteten Nachfrage zu profitieren, die durch eine der einflussreichsten Fernsehsendungen des Landes entstehen könnte. Es war kein musikalischer Sinneswandel – sondern schlicht clevere unternehmerische Opportunität.

Wie verlief der Auftritt in der Ed Sullivan Show?

Zuerst einmal »gingen bei der Ed Sullivan Show 50.000 Anfragen nach Eintrittskarten für das Studio 50 (das heutige Ed Sullivan Theater) mit seinen 728 Sitzen ein, in dem die Band auftreten sollte«. Das übertraf den bisherigen Rekord von 7000 Anfragen für Elvis Presleys Debüt in der Show 1957 bei Weitem.21 Vielleicht wollte das Publikum ja damit den Fachleuten etwas sagen?

Die Beatles spielten insgesamt fünf Songs in zwei Segmenten und schlossen mit »I Want To Hold Your Hand«. Ray Bloch, musikalischer Leiter der Show, war nicht sehr beeindruckt: »Außer den Haaren haben sie nichts Besonderes an sich, soweit ich sehe. Ich gebe ihnen ein Jahr.«

Er war nicht allein mit seinem Verriss des Auftritts. Seawright hat eine Reihe von Schlagzeilen und Rezensionen zusammengestellt, die den Test der Zeit nicht besonders gut bestanden haben:

The New York Herald Tribune: »BEATLES IM FERNSEHEN EIN FLOP«.

The Boston Globe: »Kümmern Sie sich einfach nicht um die Beatles. Wenn Sie nicht an sie denken, verschwinden sie von selbst, und in ein paar Jahren bekommen sie sowieso bestimmt eine Glatze.«

The New York Times: »Der Gesang der Gruppe lässt sich als heiser und unzusammenhängend charakterisieren. Man versteht gerade so eben die klischeehaften Texte.«

The Los Angeles Times: »Nicht einmal ihre Mütter würden behaupten, dass sie singen können.«

The New York Herald Tribune: »75 Prozent Reklame, 20 Prozent Frisur und 5 Prozent jammerndes Geträller.«

Eben. »Niemand weiß irgendetwas.«22

Es geht nicht nur darum, wie sehr die Kritiker danebenlagen. Auffällig ist auch, wie viel Vorurteil und persönliche Abneigung in den Rezensionen mitschwingt. Das wird auch in unserem nächsten Kapitel Medienwahnsinn deutlich (später befassen wir uns noch damit, wie es dazu kommt).

Nehmen wir zum Beispiel Newsweek:

»Optisch sind sie ein Alptraum, Dandys in engen, edwardianisch inspirierten Beatnik-Anzügen mit umgestülpten Puddingschüsseln statt einer Frisur auf dem Kopf. Musikalisch sind sie nahezu eine Katastrophe mit einem von Gitarren und Schlagzeug unisono herausgehämmerten Beat, der ohne Sekundärrhythmen, Harmonien und Melodie auskommt[Hervorhebung Ritholtz].«

Ob man die Songs der Beatles mag oder nicht – darüber, wie schön und musikalisch ausgefeilt ihre Harmonien und Melodien sind, lässt sich einfach nicht streiten.

Dann war da noch die Washington Post, die den Auftritt ganz aus der außenpolitischen Perspektive beurteilte:

»Sie gehören anscheinend zu einem ziemlich bösartigen bilateralen Handelsabkommen in der Unterhaltungsbranche. Die Briten müssen sich Dutzende grässlicher amerikanischer Fernsehshows antun und schicken uns im Gegenzug die Beatles. Wir werden dabei wie immer übervorteilt. Nichts, was wir in den letzten Jahren exportiert haben, rechtfertigt diese importierten Hinterwäldler, die wie Hirtenhunde aussehen und wie streunende Katzen im Todeskampf klingen.«

Wie sagte man wohl in den 1960ern statt »Ok, Boomer«?

Sie wissen bestimmt, wie es weiterging: »I Want To Hold Your Hand«23 stieg in den US-Hitparaden auf die Nummer 1 und verkaufte sich rasch über eine Million Mal. Der Geschmack der Amerikaner war letztlich doch nicht so verschieden von dem der Briten, und die Beatlemania hielt auch in den USA Einzug.24

Ausgerechnet den »Musikexperten« entging also, dass hier die größte kulturelle Umwälzung seit Generationen stattfand, obwohl sie sich direkt vor ihren Augen und Ohren abspielte. Wieso erkannten sie das nicht? Derek Thompsons erklärt in seinem Buch Hit Makers: The Science of Popularity in an Age of Distraction25 das sogenannte MAYA-Konzept von Raymond Loewy. Gemeint sind neue Produkte, die »most advanced yet acceptable« (»so neuartig wie möglich, aber noch annehmbar«) sind.

Loewy »glaubte, dass die Verbraucher zwischen zwei gegensätzlichen Impulsen hin- und hergerissen werden: der Neophilie, der Neugier auf Neues, und der Neophobie, dem instinktiven Zurückschrecken vor allem, was zu neu ist. Im Ergebnis bevorzugen sie Produkte, die etwas Neues bringen, aber unmittelbar verständlich bleiben«. Jede Neuerung, die dem Trend zu sehr vorauseilt, wird von einem Großteil der Öffentlichkeit abgelehnt.

In der Musik ändert sich die MAYA-Schwelle wohl mit fortschreitendem Alter. Ein Kritiker, der 30, 40 oder 50 Jahre alt ist, wird weniger empfänglich für neue Musik als ein Jugendlicher. Letzterer ist noch im formativen Alter (und lehnt das meiste von dem ab, was seine Eltern mögen), das bei ersterem schon Jahrzehnte zurückliegt. Wenn sich der musikalische Geschmack einmal verfestigt hat, kann man die neuesten Musiktrends nicht mehr so gut würdigen.

Das erklärt vielleicht die schlechten Kritiken für die Beatles während ihrer gesamten Karriere. Viele ihrer Alben, darunter einige, die zur besten je aufgenommenen Musik gehören, wurden von den Profis zuerst verrissen. Der Musikwissenschaftler und Historiker Ted Gioia schrieb, dass die Kritiker »buchstäblich die besten Platten ihrer Ära zu hören bekamen und sie niedermachten. Jeder einzelne Klassiker auf diesen Alben ist nicht nur angegriffen, sondern tatsächlich verspottet worden«.26

Das MAYA-Konzept erklärt, warum das so war.

Gaia merkt an, die Beatles seien dafür »bestraft worden, wie schnell sie die Rockmusik vorantrieben […] die Kritiker schätzten die Jungs aus Liverpool aus dem schlechtesten denkbaren Grund so falsch ein – nämlich, weil sie ständig dazulernten, ehrgeiziger wurden und jederzeit bereit waren, Risiken einzugehen«.

Oder, wie es der britische Rockmusiker Elvis Costello ausdrückte: »Jede Platte [der Beatles] war ein Schock«.27

Der Auftritt bei Ed Sullivan war nur eine Episode in einer explosiven Karriere. Die gesamten 1960er-Jahre hindurch sollten die Kritiker von den unüberlegten Verrissen heimgesucht werden, mit denen sie Beatles-Alben wie Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, The White Album und Abbey Road bedacht hatten.

»Niemand weiß irgendetwas« trifft in der Musikbranche auf jeden Fall zu, aber wenden wir uns jetzt wieder Hollywood zu und schauen uns weitere milliardenschwere Fehler an.

Hong Kong Gun Fu

Der Roman- und Drehbuchautor William Goldman hatte seine Erkenntnis »Niemand weiß irgendetwas« auf das Hollywood der 1960er- und 1970er-Jahre bezogen. Heute sind wir natürlich viel besser gerüstet, um den Publikumsgeschmack vorauszusagen, schließlich gibt es jetzt Big Data und Künstliche Intelligenz (KI). Fehler wie bei Die Braut des Prinzen würden uns nie unterlaufen. Oder doch?

Ich möchte Ihnen gerne John Wick vorstellen, einen Film von 2014 mit Keanu Reeves. Er war der erste aus der John-Wick-Serie und wurde als Independent-Produktion gedreht, weil kein einziges der großen Studios daran interessiert war, ihn zu finanzieren. Er wäre fast nicht zustandegekommen.

Trotz Keanu Reeves als Hauptdarsteller, der mit den Speed- und Matrix-Filmen riesige Erfolge eingefahren hatte, fand John Wick keine Gegenliebe bei den Studios. Auch die Stuntmen und Kampfchoreografen aus Matrix als Regisseure und Drehbuchautoren halfen nicht. Trotz des unstillbaren Bedarfs an Actionfilmen wollte niemand diesen Ballerfilm haben. Niemand.

Danny Boyd, der Macher des YouTube-Kanals Cinemastix28, schildert die Probleme, mit denen John Wick konfrontiert war. Er zitiert Chad Stahelski und David Leitch, die beiden Regisseure des Films: »Buchstäblich jedes einzelne Studio, bei dem wir anfragten, lehnte ab. Es geht um Keanu Reeves als Auftragskiller, der Dutzende Leute wegen eines Welpen umlegt, und das Ganze wird nicht nur von einem, sondern gleich von zwei verrückten Typen inszeniert, die auch hinter [Matrix] stecken.« Boyd weiter: »Auch als der Film abgedreht war, blieben die Probleme. John Wick war immer noch ein paar verzückte Studioboss-Mienen davon entfernt, [in die Kinos zu kommen und] nicht auf Bluray verbannt zu werden. Kein Entscheidungsträger verstand ihn, kein Verleiher wollte auf ihn anspringen, und kein Kritiker verstand, wenn er eine der ersten Vorstellungen besuchte, warum er noch nie davon gehört hatte.«

Um das Projekt überhaupt fertigstellen zu können, schoss Reeves schließlich selbst Geld zu. Das erwies sich als eine gewinnträchtige Investition. Er bekam für die ersten drei John-Wick-Filme zwar nur jeweils 1 bis 2 Millionen Dollar Gage, hat aber, wie man hört, eine prozentuale Beteiligung an den Einspielergebnissen ausgehandelt.

Der erste John-Wick-Film (2014) erzielte bei einem mageren Budget von nur 20 Millionen Dollar Einnahmen von 86 Millionen an der Kinokasse.29 Es folgte John Wick: Kapitel 2 (2017), der 175 Millionen einspielte,30 dann John Wick: Kapitel 3 (2019), der um die 238 Millionen einbrachte,31 und beim letzten, John Wick: Kapitel 4, der im Sommer 2023 herauskam, waren es 440 Millionen.32

Das Gesamteinspielergebnis für den ersten Film und die drei Fortsetzungen liegt also bei über einer Milliarde Dollar, und dabei sind die Einnahmen aus Videospielen, Comics, Fernsehserien und Spin-off-Filmen noch nicht eingerechnet. John Wick 5 soll 2026 in die Kinos kommen, und ich vermute, er wird ebenfalls jede Menge Kohle einbringen.

Insgesamt wird die John-Wick-Franchise bestimmt mehr als 2 Milliarden Dollar machen. Dabei hätte es sie fast nicht gegeben, weil keiner der Studiobosse das kommerzielle Potenzial eines der gewinnträchtigsten Actionstars der Filmgeschichte erkannte, der es zwei Stunden lang den bösen Jungs zeigt und sie reihenweise umbringt.

Wir wissen es heute in der Rückschau natürlich besser und fragen uns: Wie hätte John Wick mit seinem Stil des Hong Kong Gun Fu kein Hit werden können? Wie brachten es die Studios fertig, sein Potenzial nicht zu erkennen? Das ist abermals eine Mahnung daran, wie wenig wir alle über die Zukunft wissen.

Also können selbst die Fachleute nicht sagen, wie sich das Musikgeschäft oder die Filmbranche entwickeln werden. Wie steht es mit dem Fernsehen? Die Streamingdienste haben es ja anscheinend geschafft, den Publikumsgeschmack zu erkennen, oder? Wie gut können also sie die Zukunft voraussagen?

Squid Games

Squid Gamewarder Überraschungserfolg unter den Fernsehserien in der Corona-Krise. Die von Hwang Dong-hyuk geschriebene und gedrehte Serie lief ab September 2021 auf Netflix. Trotz niedrigem Budget, Gewaltdarstellung und Untertiteln wurde sie schnell zum Pflichttermin während der Lockdowns. Variety berichtete über die Serie, sie habe als weltweites Phänomen in den ersten vier Wochen nach ihrem Start insgesamt 1,65 Milliarden Stunden Streaming verbucht.33 Sie wurde mit über 2,2 Milliarden Stunden bald zur meistgesehenen Netflix-Serie. Stranger Things und Wednesday auf Platz 2 und 3 liegen um die 500 Millionen Stunden zurück.

Squid Game muss also ein unglaublicher, offensichtlicher Erfolg von Anfang an gewesen sein. Die Studios haben sich bestimmt um ein so geniales, gewinnträchtiges Konzept gerissen, oder?

Von wegen. Mehr als zehn Jahre lang wurde das Überlebensdrama aus Südkorea von der Branche immer wieder als grotesk und unrealistisch abgelehnt. Einige Wochen nach dem Sendestart berichtete das Wall Street Journal über die Vorgeschichte der Serie, die inzwischen zum weltweiten Phänomen geworden war:

»Hwang Dong-hyuk, Schöpfer der Serie, hatte die Idee dazu bereits vor über zehn Jahren, als er noch bei seiner Mutter und Großmutter wohnte. Zwischendurch musste er die Arbeit am Drehbuch unterbrechen: Er hatte, weil er dringend Geld brauchte, seinen 675 Dollar teuren Laptop verkaufen müssen. Potenzielle Finanziers und Schauspieler sträubten sich damals gegen die brutalen Tötungsszenen und das unplausible Szenario einer Gameshow, in der die Kandidaten bis zum Tod gegeneinander kämpfen.«34

Es ist erstaunlich, wie viele erfahrene, sachkundige und kapitalkräftige Entscheidungsträger die Finanzierung der später weltweit beliebtesten Fernsehserie der 2020er ablehnten.

Bevor Sie jetzt Netflix zugutehalten, das Potenzial der Serie erkannt zu haben: Das stimmt nicht. Im Wall Street Journal heißt es, Netflix habe vielmehr nach dem Gießkannenprinzip für 700 Millionen Dollar einen Haufen südkoreanischer Kino- und Fernsehfilme von 2015 bis 2020 angekauft; der US-Streamingriese habe allein 2021 eine weitere halbe Milliarde für koreanische Filme ausgegeben. Die Verantwortlichen erkannten also nicht, wie sehr dem Publikum eine Serie über eine Gameshow gefallen würde, bei der die ausscheidenden Kandidaten erschossen werden, sondern hatten einfach Glück.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, steht bereits die zweite Staffel von Squid Game zum Streamen bereit.

All diese Beispiele sollen Sie nur daran erinnern, wie wenig wir die Zukunft voraussagen können, und wie oft reiner Zufall den Ausgang der Dinge bestimmt.

Die Fachleute für Unterhaltungsmusik, Kino und Fernsehen wissen also nicht, wie es in diesen Branchen weitergeht. Wie steht es mit Wirtschaft und Politik? Gewiss hat man dort wenigstens ein bisschen Ahnung, wie es weitergeht? Oder doch nicht?

Bankrotte Boomer?!

Jahrzehntelang bekamen wir erzählt, dass die Babyboom-Generation – die in den USA etwa neun Monate nach der Heimkehr der GIs aus dem Zweiten Weltkrieg begann – einer unüberwindlichen Krise gegenüberstehen würde, wenn sie einmal in Rente ginge. Experten sagten voraus, die »Boomer« würden ihr Alter in Armut verbringen.

Steven Falanga, Senior Fellow der konservativen Denkfabrik Manhattan Institute, über die damaligen Voraussagen:

»Viele Boomer sollten eigentlich in ihrem Ruhestand jeden Cent zweimal umdrehen müssen oder sogar am Hungertuch nagen. Jahrzehntelang warnten die Medien und die Fachleute, auf die sie sich beriefen, dass die Boomer nicht genug für einen sorglosen Ruhestand zurücklegten. Tausende Artikel beklagten die Unzulänglichkeit privater Rentenversicherungen und ihrer gesetzlichen Regelung. Die düstere Zukunft vieler Boomer, so hieß es damals in einer Schlagzeile, sei ›Arbeiten, arbeiten, arbeiten und sterben‹«.35

Wie zutreffend waren diese Expertenprognosen?

Die Boomer, die heute in Rente gehen, sind die wohlhabendste Generation aller Zeiten. Zusammen besitzen sie über 87 Billionen Dollar Kapital. Die Zeitschrift Fortune wies darauf hin, dass die Boomer als Gruppe während der Covid-Quarantäne um 14 Billionen Dollar reicher wurden.36 Mein Kollege Ben Carlson nannte sie »die Generation, die das meiste Glück hat«.37 Bankrotte Boomer sind nichts als eine weitere Vorhersage, die nicht nur falsch, sondern komplett falsch war.

Die Vorhersagen einer Rentenkrise, die dann nicht stattfand, wurden allerdings Jahrzehnte im Voraus gemacht, was auch unter den besten Umständen schwierig ist. Wie ergeht es den Profis bei kürzeren Prognosefristen, also bloß Monate oder Jahre?

Lassen Sie mich Ihnen, um diese Frage zu beantworten, Lawrence Summers vorstellen. Er gilt allgemein als genialer Wirtschaftswissenschaftler, war Präsident der Harvard University, Direktor des National Economic Council unter US-Präsident Barack Obama und 71. Finanzminister der USA. In den 2010er-Jahren war er als Kandidat für den Vorsitz der Federal Reserve im Gespräch. Dass er nicht für dieses Amt ernannt wurde, war ein echter Glücksfall.

Der CARES Act war ein Gesetzespaket, mit dem die US-Regierung auf die Corona-Krise reagierte. Mit einem Umfang von 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) handelte es sich um die größte Konjunkturmaßnahme seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese riesige Finanzspritze ließ in Kombination mit unterbrochenen Lieferketten und der Umorientierung der Verbraucher von Dienstleistungen auf Waren die Inflation bis auf 9 Prozent hochschnellen. (Komplexe Systeme wie die Volkswirtschaft eines Landes hängen selten von nur einem oder zwei Faktoren ab. Ich führte damals 15 Faktoren für die steigende Inflation auf – und selbst diese lange Liste war wohl noch unvollständig.38) Man sollte doch meinen, wenn jemand wusste, wie man die Preissteigerung wieder in den Griff bekommen würde, dann Summers.

Das ist ein Irrtum.

Hören wir den damaligen Finanzminister im Juni 2022:

»Wir brauchen fünf Jahre mit mindestens 5 Prozent Arbeitslosigkeit, um die Inflation einzudämmen – anders ausgedrückt, zwei Jahre mit 7,5 Prozent oder fünf Jahre mit 6 Prozent oder ein Jahr mit 10 Prozent Arbeitslosenquote [um die Inflation zu drücken].«39

Fast jedes Nachrichtenmedium im ganzen Land übernahm diese kühne Ankündigung. Schließlich kam sie von einem ausgewiesenen Fachmann.

Oder doch nicht?

Als Summers erklärte, warum sich die Arbeitslosenquote mindestens verdreifachen müsse, um die Preissteigerung in den Griff zu bekommen, hatte die Inflation ihren Höhepunkt bereits überschritten. Von dem Augenblick an, als er »10 Prozent Arbeitslosigkeit« sagte, nahm die Steigerung des Verbraucherpreisindex ununterbrochen ab: Von 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ging sie in den folgenden 24 Monaten auf 3 Prozent zurück. Gleichzeitig trat das genaue Gegenteil dessen ein, was Summers gefordert hatte, um eine Senkung zu erreichen: Die Arbeitslosenquote ging bis auf 3,5 Prozent zurück, den niedrigsten Stand seit 60 Jahren, und blieb die ganzen zwei Jahre des Inflationsrückgangs unter 4 Prozent. Bei Redaktionsschluss dieses Buchs liegt sie bei nur noch 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat – so niedrig war sie zuletzt in den 1960er-Jahren.

Buchstäblich nichts davon, was Summers für notwendig erklärt hatte, um die Inflation zu zähmen, erwies sich als zutreffend. Die »Larry Summers Inflation Experience« lehrt uns zweierlei: Erstens kam sie zu einem emotional sehr aufgeladenen Zeitpunkt. Die Inflation war auf dem Höhepunkt, und eine extreme Behauptung – »Wir brauchen 10 Prozent Arbeitslose« – wurde von den Medien begierig aufgenommen. Das ist immer so. Immer, wenn die Wirtschaftslage oder der Aktienmarkt einen Extrempunkt erreichen, werden auch die Bewertungen besonders aufgeregt. Gurus, denen es um Aufmerksamkeit geht, geben in solchen Zeiten besonders radikale Prognosen von sich, um über dem Lärm der Kommentatoren noch gehört zu werden. Die Medien spielen dabei nur zu gerne mit.

Noch erhellender ist, was diese Behauptungen uns über die Fachleute selbst sagen. Der bekannte IT-Investor Paul Graham formuliert die Erkenntnis so: »Wenn die Experten falsch liegen, dann oft, weil sie Experten für eine veraltete Version der Welt sind.«40

Larry Summers wurde in den 1970er-Jahren zum Wirtschaftswissenschaftler ausgebildet; er schloss sein Studium am MIT 1975 ab. Die Inflation der 1970er war einer Strukturkrise geschuldet und nicht nur durch vorübergehende äußere Umstände verursacht worden: Ölembargos und Lohnspiralen fielen damals mitten in eine lange Baisse (1966 bis 1982) und verschärften sie. Das Konjunkturklima war schlecht, die USA steckten nach Watergate und dem verlorenen Vietnamkrieg in einer allgemeinen Vertrauenskrise.

Die Situation in den 2020ern hat mit der in den 1970ern kaum etwas gemeinsam. Man sollte sie eher mit der Nachkriegszeit bis Ende der 1940er-Jahre vergleichen. Die Parallelen zwischen der Corona-Krise und dem Zweiten Weltkrieg sind offensichtlich, von den enormen staatlichen Konjunkturspritzen bis hin zur aufgestauten Konsumnachfrage, die sich entlädt, wenn die Krise vorbei ist. Beide Male kam es zu einer kurzen Phase hoher Inflation, und beide Male war sie nur »vorübergehend«. Auch die Arbeitslosigkeit ging jeweils zurück.

Das erinnert uns daran, dass auch Fachleute nur Menschen sind, mit Vorurteilen und Erinnerungen wie wir alle. Anleger und politische Entscheidungsträger sollten daher gerade in Krisenzeiten bei ihren Prognosen Vorsicht walten lassen.

Wenn niemand irgendetwas über die zukünftige Entwicklung der Wirtschaftslage sagen kann, wie gut sind die Experten dann darin, die Entwicklung am Aktienmarkt vorauszusagen?

Dreimal dürfen Sie raten.

Dow 36.000

Manchmal sind die Experten mit ihren Vorhersagen zu sehr auf eine Baisse eingestimmt – das heißt, sie erwarten, dass die Kurse fallen, ohne dass dann aber ein tatsächlicher Kursverfall folgt. Manchmal rechnen sie zu sehr mit einer Hausse, also einem allgemeinen Kursanstieg, der dann ausbleibt.

Und dann gibt es noch James K. Glassman und Kevin Hassett. Die beiden brachten im September 1999 das Buch Dow 36,000: The New Strategy for Profiting from the Coming Rise in the Stock Market heraus.41 Der Dow-Jones-Index (Dow Jones Industrial Average, DJIA) pendelte damals um 10.000 Punkte. Ihre These war, dass er sich in drei bis fünf Jahren auf 36.000 Punkte mehr als verdreifachen werde.

Stattdessen erreichte er vier Monate später, im Januar 2000, einen Höchstwert von 11.722 Punkten und fiel bald danach um 37,8 Prozent. Was die Voraussage im Buchtitel angeht: Der Dow-Jones-Index erreichte tatsächlich 36.000 Punkte – 22 Jahre später.

Dow Jones 36.000: Warum die Aktien weiter steigen ist als der »absolut falscheste Anlageratgeber aller Zeiten« bezeichnet worden.42 Das nicht nur, weil die Voraussagen darin so unzutreffend und die zugrundegelegten Voraussetzungen so lachhaft falsch waren (beides war der Fall), sondern weil die Autoren der Wahnvorstellung von einer ewigen Hausse auf den Leim gegangen waren. Aktien sind nämlich nicht »weniger riskant als Anleihen« und Anleger nicht »übervorsichtig, wenn sie eine Risikoprämie [für den Kauf von Unternehmensanteilen] fordern«. Auch die Behauptung, Aktien seien seit Jahrzehnten unterbewertet, war erwiesenermaßen Unsinn.

Glassman und Hassett behaupteten in ihrer Einleitung:

»Dieses Buch wird Sie vom Allerwichtigsten überzeugen, das Sie zur Jahrtausendwende über Aktien wissen müssen: Sie sind billig zu haben […] Falls Sie besorgt sind, den großen Aufschwung am Markt zu verpassen, werden Sie sehen, dass es noch nicht zu spät ist.«

Erzählerstimme: Es war bereits viel zu spät.

Wenn Sie dem Rat des Buchs gefolgt sind und im Herbst 1999 ein Portfolio mit den im Dow-Jones-Index gelisteten Aktien angelegt haben, mussten Sie bis 2012 warten, um die Verluste aus den diversen Kursstürzen, die folgten (2000–2003, 2008/2009, 2011), wieder wettzumachen. 13 Jahre, nur um Ihren Einsatz wiederzubekommen, ohne Gewinn.

Das Buch enthält noch weitere Behauptungen, die schon damals fragwürdig waren und heute lächerlich klingen. Sein größter Fehler ist vielleicht die unsinnige Fortschreibung der Kurse auf dem Höhepunkt eines Booms und die These, sie werden sich alle sieben Jahre verdreifachen. Diese Erwartung stützte sich einfach auf die vorhergehenden sieben Jahre, die einen nie dagewesenen Anstieg gesehen hatten – das Crescendo einer 18 Jahre dauernden Hausse, die 1982 eingesetzt hatte –, und die Annahme, das werde immer so weitergehen.

Aber genug der Schadenfreude. Hier sind zehn wertvolle Lehren, die ich aus der Lektüre dieses katastrophalen Machwerks namens Dow 36.000 gezogen habe:

Auf jede

Hausse

folgt eine

Baisse

.

Kaufen und Halten

ist in einer langen Hausse einfach, während einer langen Baisse hingegen viel schwieriger.

Dividenden hängen vom

Risiko

ab: Je mehr Rendite Sie wollen, desto mehr Risiken müssen als Anleger eingehen.

Die

Bewertung

einer Aktie ist sehr wichtig.

»Risiko« heißt, dass Sie manchmal

weniger Rendite als erwartet

bekommen.

Es gibt

Konjunkturzyklen

, und es kommt regelmäßig zu

Rezessionen

.

Die Märkte sind anfällig für

Extreme

. Schließlich bestehen sie bloß aus einem Haufen Menschen, deren Gefühle manchmal die Oberhand über die Logik gewinnen.

Das

eigene Verhalten

als Anleger spielt eine große Rolle bei den Renditen Ihres Portfolios. Unvermeidliche kurzfristige Kursrückgänge werden erst dann zu endgültigen Verlusten, wenn Sie sich dabei falsch verhalten.

Es ist leichtsinnig, den gegenwärtigen Trend einfach bis ins Unendliche oder bis zum Nullpunkt

fortzuschreiben

.

Politik und Investitionen

vertragen sich nicht miteinander.

Das waren natürlich nicht die Lehren, die die Autoren den Lesern vermitteln wollten, aber sie ergeben sich aus dem Debakel, das auf den absolut falschesten Börsenratgeber aller Zeiten folgte.

Jede Marktsituation gibt uns die Gelegenheit, etwas dazuzulernen. Diese Lehren kommen Sie sehr viel weniger teuer zu stehen, wenn Sie aus den Fehlern anderer Anleger lernen anstatt aus Ihren eigenen.

Man möchte natürlich nicht den Ratschlägen derjenigen folgen, die mit ihren Voraussagen völlig falsch liegen, aber was ist mit denen, deren Prognosen sich als richtig erwiesen haben? Kann man sich auf den Typen verlassen, der den großen Krach richtig vorausgeahnt hat? Schauen wir es uns an.

The Big Short

Michael Burry ist erwiesenermaßen ein fähiger Fondsmanager. Er hat ein großes Talent, die Marktlage abweichend vom jeweiligen Konsens an der Wall Street zu beurteilen und diese Beurteilung dann in eine Position am Markt umzusetzen. Scion Capital, Burrys Hedgefonds, wettete in den Jahren unmittelbar vor Ausbruch der Weltfinanzkrise mit sogenannten Collateralized Debt Obligations (CDOs) gegen den Trend am Immobilienmarkt.

Wie Michael Lewis’ Buch The Big Short* erzählt,43 hatte Burry den Mut, auch gegen den Widerstand seiner Kunden und anderer Marktteilnehmer an seinen Ansichten festzuhalten. Das Ergebnis waren unglaubliche Renditen auf dem Höhepunkt der Krise. Die Immobilienpreise brachen US-weit um 32 Prozent ein, der S&P-500-Index stürzte um 57 Prozent ab, aber Burrys Fonds machte über 725 Millionen Dollar Gewinn; er selbst heimste mehr als 100 Millionen Dollar ein.44

Eine Wette einzugehen und sie durchzuziehen, ist nämlich etwas ganz anderes, als eine Voraussage abzugeben. Was ein Kapitalmanager bei einem Interview (oder in einem Tweet) während des Börsentags von sich gibt, ist normalerweise das, was er halt immer sagt, oder er will ein bisschen kostenlose Werbung für sich herausholen. Es kostet ihn nichts und wird schnell wieder vergessen. Außer wenn Leute wie Adam Khoo mitschreiben, was man öffentlich gesagt hat.45 Seitdem Burry der große Coup gelungen ist, indem er den Zusammenbruch des Subprime-Hypothekenmarktes richtig vorhersagte, wartet er auf eine Wiederholung dieses Szenarios und sagt regelmäßig einen bevorstehenden Börsenkrach voraus.

Khoo hat Burrys Voraussagen im Blick behalten, und die Ergebnisse zeigen, dass Michael Lewis wohl nicht so schnell noch ein Buch über ihn schreiben wird:

Burry sagte im Dezember 2015 einen Zusammenbruch des Aktienmarktes innerhalb der nächsten Monate vorher. In den folgenden zwölf Monaten steigt der S&P-500-Index um 11 Prozent.

Er prognostizierte im Mai 2017 einen weltweiten Zusammenbruch der Finanzmärkte. S&P-500-Kursanstieg in den folgenden zwölf Monaten: 11 Prozent.

Er sagte im September 2019 einen Börsenkrach durch das Platzen einer Blase bei indexgelisteten ETFs voraus. S&P-500-Kursanstieg in den folgenden zwölf Monaten: 15 Prozent.

Er erklärte im März 2020, massiv auf eine bevorstehende Baisse zu setzen. S&P-500-Kursanstieg in den folgenden zwölf Monaten: 72 Prozent.

Er sagte im Februar 2021 einen Börsenkrach durch Platzen einer Spekulationsblase vorher sowie Leerverkäufe von Tesla-Aktien. S&P-500-Kursanstieg in den folgenden zwölf Monaten: 16 Prozent, Tesla legt 13 Prozent zu.

Er warnte im September 2021 vor weiteren Pleiten und behauptete, die Talsohle sei noch nicht erreicht. S&P-500-Kursanstieg in den folgenden zwölf Monaten: 14 Prozent.

Er prognostizierte im Januar 2023 eine Rezession und erneute Inflationsphase und riet dazu zu verkaufen. S&P-500-Kursanstieg in den folgenden zwölf Monaten: 25 Prozent.

46

Die Dow-36.000-Anhänger haben sich vielleicht selbst etwas vorgemacht, aber Burry ist trotzdem ein fantastisch erfolgreicher Investor. Sein Vermögen beträgt inzwischen über eine Milliarde Dollar, und erreicht hat er das als einmalig geschickter Verwalter von Risikokapital. Er ist bereit, gegen den Strom zu schwimmen, was, wie wir in späteren Kapiteln sehen werden, schrecklich unangenehm sein kann. Er geht nicht nur Risiken ein, sondern kann auch böse, schmerzhafte Rückschläge wegstecken, die weniger zähe Trader zum Aufgeben brächten.

Trotz seines Gespürs als Investor waren seine Voraussagen aber immer verlustträchtig. Ich möchte Ihnen mit diesem Beispiel nur zeigen, dass Sie sich auf niemandes Voraussagen verlassen sollten, nicht einmal auf die eines genialen Investors wie Michael Burry.

Aber man kann daraus noch mehr lernen, und zwar: Wer mit einer spektakulären Ausreißervorhersage einmal ins Schwarze getroffen hat, macht immer wieder solche Ausreißervorhersagen. Schlimmer noch, die Beobachter neigen dazu, die seltenen Treffer bei Vorhersagen, die der allgemeinen Ansicht widersprechen, überzubewerten, und dem Betreffenden noch mehr zu vertrauen.

Das ist das Paradoxon bei Voraussagen, so Joe Keohane vom Boston Globe:

»Wie kann jemand, der ein bedeutsames Ereignis einmal richtig vorausgesagt hat, bei so vielen anderen Entwicklungen Unrecht haben? Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie ist das ganz einfach: Diejenigen, die extreme Ereignisse richtig voraussagen und daraufhin großen Applaus, hohe Verkaufszahlen für ihre Bücher und lukrative Engagements als Redner ernten, haben nicht etwa ein besonders scharfes Urteilsvermögen, sondern sogar ein besonders schlechtes […]«47

Mit anderen Worten: Sie warnen immer wieder vor dem bevorstehenden Weltuntergang. Anstatt ihre richtige Voraussage als einmaligen, unwiederholbaren Treffer zu sehen, machen sie sie zu ihrem Standardmodus. Keohane schrieb über Nouriel Roubini, aber es gilt ebenso für Burry oder jeden anderen, der einmal mit einer Ausreißervorhersage Recht behalten hat.

Ich habe in meiner Karriere auch ein paar tolle Treffer mit Vorhersagen gelandet, besonders beim Gipfel und der Talsohle der Weltfinanzkrise. Und am Ende des ersten Quartals beschwor ich die Anleger, nicht davon auszugehen, dass die Corona-Krise das Ende der Hausse bedeute.48 Aber ich weiß genug von Voraussagen, um ehrlich zuzugeben, dass ich selbst nicht sagen kann, ob ich den Erfolg meinem Fachwissen verdanke oder einfach Glück hatte. Ich würde jedenfalls die 5 Milliarden Dollar meiner Anleger nicht meinem Bauchgefühl anvertrauen.

Die Lehre für Anleger ist dieselbe: Wenn Sie Kapital riskieren, sollten Sie wissen, warum Sie das Risiko eingehen. Machen Sie sich klar, was Sie von den Märkten erwarten.

Und denken Sie immer selbst nach.

Als Nächstes begegnen wir dem meistverkauften Finanzratgeberautor aller Zeiten. Was er zu sagen hat, ist genau das, was wir hören möchten, und meistens hat er recht damit, oder?

Oder?

Oh je!

* Bei einem Leerverkauf (Short) setzt man auf den Kursverfall einer Aktie. (Anm. d. Übers.)

Reicher Autor, armer Leser

Robert Kiyosaki ist der Autor von Rich Dad, Poor Dad: Was die Reichen ihren Kindern über Geld beibringen.49 Das ist mit einer Auflage von 32 Millionen Exemplaren einer der meistverkauften Finanzratgeber überhaupt. Man sollte meinen, jemand wie er wisse Bescheid, wie man Geld anlegt. Aber trotz all seiner persönlichen Erfolge hat Kiyosaki sich inzwischen in einen panischen Doomer verwandelt.50

Ich wusste das gar nicht, bis mich mein Kollege Ben Carlson darauf aufmerksam machte.51 Er wollte wissen, was Kiyosaki vorhatte, und stieß auf folgenden Tweet des Rich-Dad-Autors vom Dezember 2023:

»Achtung, Bankkredite im Ausverkauf wie 2008. Holen Sie sich Ihr Geld von den Banken zurück, Sie werden Bares brauchen. Vielleicht der größte Crash aller Zeiten. Hoffe, ich liege falsch, aber spielen Sie nicht Russisches Roulette um Ihr Leben.«52

Bevor Sie jetzt alle Ihre Anlagen zu Geld machen und nach Neuseeland flüchten, schauen Sie sich an, wie es weiterging. Drei Monate nach Kiyosakis Post legten die Märkte weiterhin zu; ein Jahr später, im Dezember 2024, stand der S&P-500-Index 30 Prozent höher als bei dieser düsteren Warnung.

»Moment mal, ich glaube, das habe ich schon mal gehört«, meinte Carlson. Bereits am 26. September 2021 hatte Kiyosaki vor einem Zusammenbruch gewarnt:

»Riesiger Börsenkrach im Oktober abzusehen. Warum? Das US-Finanzministerium und Federal Reserve verfügen über zu wenige Staatsanleihen. Auch Gold, Silber und Bitcoin brechen vielleicht ein. Bargeld ist derzeit die beste Option, um nach dem Crash günstige Gelegenheiten zu nutzen. Ich verkaufe noch kein Gold, Silber, Bitcoin – halte jedoch ausreichend Bargeld bereit für die Zeit nach dem Börsencrash. Aktien sind gefährlich. Vorsicht.«53

Das Jahr 2022 lief zwar nicht gerade großartig für Aktien und Anleihen, die beide zweistellig verloren. Aber der Kursverfall um 15 Prozent nach diesem Tweet bis zum Tiefpunkt im Oktober 2022 war auch kein katastrophaler Zusammenbruch der Märkte. Vom Autor von Rich Dad war das lediglich eine von vielen Warnungen. Schon im Oktober 2020 meinte er:

»Der ALLES-CRASH kommt. Die Welt befindet sich seit 1987 in einer ALLES-BLASE. Jetzt bricht alles ein. Gold, Silber und Bitcoin stürzen auch ab. Der US-Dollar wird steigen. Es heißt, geduldig sein. Ein massiver Bargeldnachschub wird den Dollar zerstören. Bald ist es an der Zeit, mehr Gold, Silber und Bitcoin zu kaufen.«54

Und ein paar Tage davor:

»DER CRASH FÄNGT ERST AN. Buffett sagt: ›Wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer NACKT schwimmt‹. Es gibt Milliarden Nacktschwimmer. TRAURIG. Pleiten und Gewinne kommen ans Licht. TRAURIG. Aber es ist eine gute Gelegenheit, um reich zu werden. DIE NÄCHSTE KRISE BETRIFFT DIE ALTERSRENTEN. Jetzt in Rente gehen. Diese Krise nicht verpassen. Schwimmen Sie sich frei.«55

Die Märkte schossen in den folgenden 14 Monaten nach oben; sie liegen heute, im Dezember 2024, um 85 Prozent höher.

Am 10. Mai 2018 hatte Kiyosaki geschrieben:

»Ein weiteres Anzeichen dafür, dass der US-Immobilienmarkt sich dem Höhepunkt nähert – kurz bevor der nächste Crash kommt.«56

Das war eine absolut falsche, katastrophale, ruinöse Voraussage. Der US-Immobilienmarkt brach nicht nur nicht zusammen, sondern bot 2018 eine der besten Gelegenheiten, um Wohneigentum in den USA zu erwerben.

Am 1. September 2015 tweetete Kiyosaki dieses Juwel:

»Ich sage seit ’02 voraus, dass wir ’16 einen Börsenkrach erleben werden. #richdad.«57

Im Kalenderjahr 2016 verzeichnete der S&P-500-Index einen Zuwachs von 9,5 Prozent, was etwas über seinem historischen Durchschnitt liegt. Der stärkste Kursrückgang des Jahres betrug 10,5 Prozent, was statistisch alle zwei oder drei Jahre eintritt. Und in den folgenden fünf Jahren stiegen die Kurse wieder beträchtlich.

Einige Monate zuvor, am 23. Mai 2015, hörten wir dieselbe Leier in einem anderen Medium:

»Neue Folge der Rich-Dad-Radioshow: Machen Sie Cash mit dem Crash.«58

Am 7. April 2011 kam diese Weisheit:

»Für jeden, der Bescheid weiß, ist ein Zusammenbruch der Wirtschaft die beste Gelegenheit, reich zu werden. Raten Sie mal […] Der Absturz ist noch nicht vorbei.«59

Raten Sie mal … Er war vorbei! Oder, wie Carlson anmerkt: »Dieser Typ sagt seit Jahren immer wieder das Ende des Finanzsystems voraus.«