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Was 2010 mit Humans of New York als fotografische Bestandsaufnahme des Lebens in der amerikanischen Metropole begann, hat sich zu einem globalen Phänomen des Geschichtenerzählens entwickelt, das Millionen von Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Nun legt Brandon Stanton den lang erwarteten Nachfolgeband vor: für Humans bereiste er mehr als 40 Länder und führte Interviews über alle Kontinente, Grenzen und Sprachbarrieren hinweg. Mit ungestellten Fotos und radikal ehrlichen Geschichten zeichnet der Band ein bewegendes Porträt unserer heutigen Welt und ihrer Bewohner. Geschichten, die uns Mut machen, nachdenklich stimmen, zum Weinen bringen oder ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2020
BRANDON STANTON
HUMANS
Auch von Brandon Stanton
Humans of New York
Humans of New York: Die besten Storys
Little Humans
BRANDON STANTON
AUTOR VON HUMANS OF NEW YORK
HUMANS
Bewegende Geschichten von Menschen aus der ganzen Welt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
1. Auflage 2020
© 2020 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2020 bei St. Martin‘s Press, ein Imprint der St. Martin’s Publishing Group unter dem Titel Humans. © 2020 by Brandon Stanton. All rights reserved.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Elisabeth Liebl
Redaktion: Silke Panten
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer, Alan Ayers
Umschlagabbildung: Brandon Stanton
Satz: Helmut Schaffer, Hofheim a. Ts.
Druck: Firmengruppe APPL, aprinta Druck, Wemding
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-1633-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1330-7
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1331-4
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
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Für Savannah
humans
EINFÜHRUNG
DIE ANNÄHERUNG
DIE GRAMMATIK DES ZUFALLS
KÄMPFE
SO ETWAS KANNST DU HIER NICHT MACHEN!
ES IST NUN FAST FÜNF JAHRE HER, seit Humans of New York – die besten Storys erschienen ist. Ich weiß immer noch nicht, wie ich es genau nennen soll. »Foto-Projekt« scheint mir ein bisschen platt. „»Blog« klingt mir zu digital. Ein Jahrzehnt ist nun vergangen, seit ich an »Humans« zu arbeiten begonnen habe, und das Werk sträubt sich immer noch gegen alle Etiketten, die ich in der Vergangenheit verwendet habe. Selbst der Titel scheint mittlerweile überholt. Da ich nunmehr Geschichten aus mehr als vierzig Ländern gesammelt habe, kann man »Menschen aus New York« auch nicht mehr wörtlich nehmen. Meine Hoffnung ist, dass der jetzt gewählte Name auf eine bestimmte Art des Erzählens verweist.
Als ich 2010 begann, an diesem Projekt zu arbeiten, war das Konzept einfach: Ich wollte auf den Straßen New Yorks 10 000 Menschen fotografieren. Und ich wollte all diese Bilder auf eine Landkarte drucken. Anfangs schien das ziemlich verrückt, weil ich ja keinerlei Erfahrung als Fotograf hatte. Dieses Vorhaben war also kaum umzusetzen, brachte aber einen Vorteil mit sich: Ich ging hinaus auf die Straße. Tag für Tag. Nicht nur, um fotografieren zu lernen. Ich lernte auch, Fremde anzusprechen, ihnen ein positives Gefühl zu vermitteln und sie in ein Gespräch einzubeziehen. Im Laufe der Zeit wurden diese Fähigkeiten für Humans of New York wichtiger als die Fotografie selbst.
Auf diese Weise entstanden Tausende von Porträts und ich kam mit einigen meiner »Motive« ins Gespräch. Ich fing an, Zitate aus diesen Gesprächen als Bildunterschrift zu benutzen. Einige waren witzig, andere tiefsinnig, wieder andere brachen einem schlicht das Herz. Alle jedoch eröffneten mir einen kurzen Blick auf das Innenleben eines x-beliebigen Menschen, dem ich auf der Straße begegnet war. Lange Zeit blieben die Zitate recht oberflächlich. Ich fühlte mich immer noch unbehaglich in Gegenwart fremder Menschen: Ich hatte Angst, ihnen zu nahe zu treten. Schließlich wollte ich sie nicht verletzen und wusste nicht genau, wie weit ich gehen durfte. Ich verbrachte recht wenig Zeit mit den einzelnen Personen. Ein paar einfache Fragen, dann schrieb ich das Erste auf, was den Leuten in den Sinn kam.
Aber mit der Zeit wurden die Gespräche länger und länger, meine Fragen weniger beiläufig, sondern intimer und forschender. Ich wurde mutiger, als ich merkte, dass die meisten Menschen Freude an dieser Art von Zwiesprache hatten. Sie freuten sich über die Gelegenheit, etwas über ihr Leben zu erzählen, selbst einem völlig Fremden. Viele fühlten sich sogar geehrt, dass jemand ihnen zuhören wollte. Oft brachte ich Stunden mit einem Menschen zu, den ich auf den geschäftigen Straßen eben erst kennengelernt hatte. Wir sprachen über die Ereignisse seines Lebens, und ich versuchte zu verstehen, aus welchen Verhältnissen dieser Mensch kommt. Manchmal erzählten mir die Leute Geheimnisse, die sie noch nie jemandem anvertraut hatten. Humans of New York schlug gerade deshalb so ein: wegen der Aufrichtigkeit und Intimität der Geschichten.
Als Millionen von Menschen begannen, Humans of New York in den sozialen Medien zu folgen, wurde mir bewusst, dass es letztlich gar nicht um die Stadt als solche ging. Es war nicht New York, das da so viel Aufmerksamkeit erregte. Es waren die Menschen. Es war die Macht persönlicher Geschichten. Diese Erkenntnis veränderte meine Arbeit. Ich nahm die Arbeitsweise, die ich auf den Straßen New Yorks entwickelt hatte, mit und reiste in andere Länder. Ich fotografierte an vielen verschiedenen Orten. Mit der Hilfe talentierter Übersetzer interviewte ich Hunderte von Menschen in aller Welt. Die Gespräche fühlten sich erfrischend vertraut an. Die Arbeit war letztlich die gleiche. Und das Publikum ließ sich ein auf diese Reise, die mich tatsächlich ständig auf Achse hielt. Das hier vorliegende Buch ist das Ergebnis dieser Reise.
Bevor wir aber zu den Geschichten kommen, eine kurze Anmerkung dazu, was dieses Buch nicht ist:
Der Titel »Humans«, also Menschen, scheint zu signalisieren, dass dieses Buch ein Panorama der gesamten menschlichen Erfahrung präsentieren möchte. Tatsächlich empfand ich diesen Druck. Ich war lange Zeit weit weg von zu Hause. Ich verschob den Abgabetermin um zwei Jahre nach hinten, um so viel als irgend möglich von der Welt zeigen zu können. Aber wie sehr ich mich auch um Vollständigkeit bemühte, Humans war nie als anthropologische Studie gedacht. Daher war es auch nicht mein Bestreben, jedem Land, jedem Volk, jeder Religion, jeder Stimme etwa gleich viel Gewicht zu geben. Das ging einfach nicht. Am Ende ist das Buch das geworden, was es immer schon werden sollte: die gesammelten Gespräche eines einzelnen Fotografen – der so viele Orte bereist und mit so vielen Menschen geredet hat, wie es ihm nur möglich war.
Ich möchte all jenen danken, die sich auf dieses Gespräch mit mir eingelassen haben. Ich bin manchmal so versessen auf meine Arbeit, dass ich es schlichtweg vergesse zu sagen: Ihr seid die Besten überhaupt im Internet. Ihr habt diese magische kleine Ecke im Web geschaffen, in der die Menschen sich sicher genug fühlen, um ihre Geschichten zu erzählen – ohne verspottet, verurteilt oder schikaniert zu werden. Diese Geschichten werden so offen erzählt, weil sie auf warmes Interesse stoßen. Danke für die Ermutigung, die ihr all den Menschen gebt, die ich interviewt habe. Und danke für die Ermutigung, die ihr mir gegeben habt.
Ich hoffe, ihr genießt die Lektüre dieses Buches genauso, wie ich es genossen habe, es zu machen.
»Ich habe meine Kindheit mit Arbeit zugebracht. Ich hatte gar nicht die Möglichkeit, in die Schule zu gehen. Ich habe stets die Jungen beneidet, die eine Schuluniform hatten. Dies ist ihr erster Schulmonat. Sie kommt nach Hause und erzählt mir genau, was passiert ist. Jeden einzelnen Tag. Ich genieße das. Wenn ich ein paar Tage lang nicht zu Hause bin, hebt sie sich alle Geschichten auf und erzählt bei meiner Rückkehr alle auf einmal.«
LAHORE, PAKISTAN
»Ich habe mehr als tausend Kinder durch die Grundschule begleitet. Ich würde immer noch unterrichten, aber leider wurden meine Augen schlechter. Das ist so eine wichtige Zeit im Leben eines Kindes. Es ist die Zeit, in der sie das korrekte Sprechen lernen, Grammatik und überhaupt das Aufpassen. Da bekommt der Baum seine Wurzeln. Wenn man in der Grundschule falsch unterrichtet wird, dann muss man sein Leben lang versuchen, das aufzuholen.«
ST. PETERSBURG, RUSSLAND
»Ich wünschte mir, dass sie Minister werden oder Geschäftsleute. Doch mein Sohn sollte dieses Jahr mit der Schule anfangen, und ich habe kein Geld, um ihn dorthin zu schicken.«
KASANGULU, DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO
»Als ich achtzehn war, kam per Jugendaustausch eine große Gruppe von Studenten aus Großbritannien nach Ghana. Es kostete viel Geld, daran teilzunehmen. Tausende von britischen Pfund. Ich aber durfte umsonst mitfahren, weil sie ein paar Ghanaer brauchten, um wenigstens so zu tun, als hätten sie an kulturelle Vielfalt gedacht. Das Programm war eine Mischung aus Sozialdiensten und Adventure-Ausflügen. Wir fuhren zum Beispiel mit dem Kanu über diesen See. Und ich musste die ganze Zeit daran denken, wie viel Geld mit unseren Naturschönheiten verdient wurde. Und dass der Großteil dieses Geldes nicht in Ghana blieb. Und dann beschloss ich, dass Ghana selbst daran verdienen sollte. Nachdem ich das College abgeschlossen hatte, gründete ich ein Weltklasse-Adventure-Unternehmen. Das ist jetzt fünf Jahre her. Wir haben zwölf Vollzeit-Arbeitskräfte und 25 Adventure-Locations. Und das Beste ist: Wir haben in Ghana eine Adventure-Kultur etabliert. Anfangs bestand unsere Kundschaft zu 70 Prozent aus Ausländern. Mittlerweile sind es zu 80 Prozent Leute aus Ghana. Hinter mir liegt Survival Island. Das ist mein neuestes Projekt, für das ich finanziell ein enormes Risiko eingegangen bin. Wir haben einen perfekten Hochseilgarten eingerichtet, und eines Tages möchte ich hier die längste Seilrutsche der Welt anlegen. Das würde Ghana wirklich auf die Adventure-Landkarte katapultieren.«
ACCRA, GHANA
»Ich glaube, sechzig ist ein gutes Alter, um aus dem Leben abzutreten. Dann hätten die Jungen mehr Raum. Nach sechzig wird ohnehin alles nur immer schlimmer. Danach sind wir einfach alte Pflänzchen, die man nur noch mit viel Dünger aufrechterhalten kann. Die Schmerzen werden jeden Tag schlimmer. Das ist doch nicht natürlich. Denken Sie nur mal an die vielen Leute, die heutzutage in Altersheimen sitzen. Nichts zu tun haben. Keine Zukunft, auf die sie sich freuen können. Das ist doch keine Art zu leben. Jeder bräuchte eine Pille. Das wäre super. Genieß dein Leben, solange du kannst, aber wenn die Schmerzen zu schlimm werden, dann hast du es selbst in der Hand, damit ein für alle Mal Schluss zu machen.«
AMSTERDAM, NIEDERLANDE
»Ich habe meiner Tochter befohlen, das Geschirr zu waschen, da hat sie mich als Alkoholiker beschimpft. Das hat wehgetan. Ich weiß, dass ich dem Alkohol verfallen bin, seit ich ein Teenager war, aber das war das erste Mal, dass jemand mich Alkoholiker genannt hat.«
NEW YORK, USA
»Ich dachte, dass immer alles im Gleichgewicht sein würde. Dass ich mich immer damit wohlfühlen würde. Dass das Elterndasein zwar immer anstrengend sein würde, aber gleichzeitig auch fantastisch. Dabei ist es so oft entweder das eine oder das andere. Es gibt Augenblicke, da gibt es nichts außer Ärger, Frustration und Ohnmacht. Wenn wir zu spät zu einem Termin kommen, zum Beispiel. Oder ich zur Arbeit muss. Sie aber will einfach nicht aus dem Haus gehen. Sie wirft sich auf den Boden und schreit wie am Spieß, aber das Haus verlässt sie nicht. Dann versucht man, ihr das zu erklären, aber sie hört einfach nicht zu. In solchen Augenblicken fühlt man sich dann nur noch müde. Die ganze Geduld, die ganze Liebe, plötzlich weg. Du fragst dich nur noch: ›Warum habe ich mich nur darauf eingelassen?‹ Und dann, am gleichen Tag, manchmal noch in der gleichen Stunde wird alles anders. Sie kommt mit meiner Frau vom Einkaufen zurück, springt aus dem Auto, läuft auf mich zu und drückt mich ungeheuer fest. Und ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, dass ich mal wütend auf sie war. Kann nur noch denken: ›Was habe ich nur getan, um diesen kleinen Schlingel zu verdienen?‹«
AMSTERDAM, NIEDERLANDE
»Ich habe viel Tod gesehen.«
FLÜCHTLINGSLAGER TONGPING, DSCHUBA, SÜDSUDAN
»Es ist nicht schwer, vier zu sein.«
NEW YORK, USA
»Ich durfte mir diesen Morgen meine Enkelin ausleihen, um mit ihr im Park spazieren zu gehen. Das ist unsere ganz persönliche Zeit zu zweit. Sie schaut so gerne den Hunden und Vögeln zu. Heute haben wir ein paar Amseln gesehen. Das war echt aufregend.«
SANTIAGO, CHILE
»Eigentlich hätte heute Oma babysitten sollen, aber sie hat sich nicht wohlgefühlt. Also hat sie mich um 6 Uhr früh angestupst.«
NEW YORK, USA
»Er ist mein einziger Enkel. Immer wenn er etwas anstellt, finde ich das ganz toll. Neulich hat er den Fernseher runtergeworfen. Aber das war mir egal.«
KARACHI, PAKISTAN
»Wir essen Kekse vor dem Mittagessen, denn bei Opa gibt es keine festen Regeln.«
PARIS, FRANKREICH
»Früher habe ich mich immer wie ein Mann angezogen, wenn ich aus dem Haus ging. Irgendwann aber habe ich die Kleidung gewechselt. Meine Mutter sagte zu mir, dass der Teufel in mir stecke. Mein Vater meinte, ich wäre vollkommen nutzlos. Sie haben mich sogar zum Arzt geschleift, um herauszufinden, was mit mir los ist. Mein Großvater aber hat mich immer unterstützt. Er hatte einfach einen offeneren Geist als meine Eltern. Vermutlich weil er in einem 24-Stunden-Restaurant gearbeitet und dabei die ganzen Nachtschwärmer kennengelernt hat. Selbst als ich noch ein Kind war, sah er, wie ich mich anzog, und meinte: ›Wenn du ein Mädchen wärst, wärst du wirklich sehr hübsch.‹ Als ich ihm schließlich erzählte, wie ich mich fühlte, sagte er: ›Du bist ein wunderbarer Mensch. Ich werde nie Angst davor haben, was in dir alles vorgeht.‹«
BUENOS AIRES, ARGENTINIEN
»Als meine Großmutter starb, hatte ich plötzlich das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein. Ihr Lieblingsspruch war: ›Ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst.‹ Ohne Fragen zu stellen. Ohne zu urteilen. Meine Eltern waren da anders. Sie wollten bestimmte Dinge von mir. Sie wollten, dass ich ein guter Mensch bin, meinen Abschluss an der Uni mache, einen guten Job bekomme und gut verdiene. Aber ich bin halt immer auf die Nase gefallen. Ich habe alles infrage gestellt. Ich war schlecht in der Schule. Ich hielt mich nicht an die Regeln. Ich färbte mir das Haar lila. Hatte einen Nasenring. Und um das Ganze noch schlimmer zu machen, hatte ich da diese perfekte, hübsche kleine Schwester, die immer alles richtig machte. Aber wenn ich mal wieder was in den Sand gesetzt hatte, konnte ich immer zu Oma gehen. Und sie sagte mir: ›Mach dir nicht so viele Sorgen. Diese Dinge sind nicht wichtig.‹ Und: ›Ich liebe dich, Kleines.‹ Oder: ›Du bist doch kein schlechter Mensch deswegen.‹ Und: ›Du wirst schon noch Wege finden, um glücklich zu werden.‹ Erwachsen zu werden war wirklich schwer. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Welt alles Mögliche von mir wollte. Meine Großmutter war anders. Sie hat mich einfach nur geliebt.«
BERLIN, DEUTSCHLAND
»Ich bin in einem sehr strengen Haushalt aufgewachsen. Ich musste mich immer schlicht kleiden. Durfte nichts trinken. Durfte nicht abends länger ausbleiben. Und meine Familie wollte natürlich nicht, dass ich einen Nicht-Muslim heirate. Schon gar keinen Weißen. Man kann mit einem Nicht-Muslim nicht mal eine islamische Ehe eingehen. Doch er hat unmissverständlich gesagt, dass er nicht konvertieren will. Und ich verstehe das. Wir haben uns erst gestern über die Zukunft unterhalten. Ich weiß, dass diese Situation ihn stört. Er möchte, dass ich mich an ihn binde. Dass ich klarmache, dass das alles in meinen Augen nicht zählt. Dass ich bereit bin, alles aufs Spiel zu setzen, um mit ihm zusammen zu sein. Aber so einfach ist das nicht. Meine Onkel würden sich von mir abwenden. Meine Tanten würden mit mir nichts mehr zu tun haben wollen. Ich habe bei entfernteren Verwandten gesehen, wie das ist. Ich denke manchmal, meine Mama würde immer auf meiner Seite stehen – aber andererseits tut sie immer alles, was die anderen von ihr wollen. Also kann ich nicht einmal da sicher sein. Mein Vater hat sich von ihr scheiden lassen. Und diese Scham trägt sie ihr Leben lang mit sich herum. Ich weiß nicht, ob sie noch mehr davon ertragen kann. Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich zwei Leben führe. Ich bin zum Fastenbrechen nach Ramadan nach Hause gefahren, aber auch das hat sich angefühlt wie eine Lüge. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Ich weiß, dass er glaubt, ich stellte die Beziehung infrage. Aber so ist das nicht. Ich hätte nicht so viel Zeit investiert, wenn ich nicht mit ihm zusammen sein wollte. Und ich bin ja auch dazu bereit. Ich bin bereit, es der ganzen Welt zu sagen, auch meiner Familie, selbst wenn sie nie wieder mit mir reden. Aber dann frage ich mich immer so im Hinterkopf: ›Warum konvertiert er nicht einfach? Nur für eine Minute. Er muss das ja nicht durchziehen. Aber dann könnte ich allen sagen, dass wir Muslime sind. Warum bin ich diejenige, die das Opfer bringen muss?‹«
AMSTERDAM, NIEDERLANDE
»Wir müssen unsere Beziehung geheim halten. Unsere Eltern wären nicht damit einverstanden, und wir sind nicht mutig genug, es ihnen zu sagen. Also treffen wir uns heimlich, drei oder vier Mal pro Monat. Seit dem Beginn unserer Beziehung führen wir gemeinsam ein Tagebuch. Wir übernehmen die Einträge abwechselnd. Der, der es gerade hat, schreibt darin unsere Erinnerungen auf. Oder was er sich vom anderen wünscht. Oder wie er sich missverstanden fühlt. Und wenn wir uns treffen – tauschen wir es aus.«
KALKUTTA, INDIEN
DIE ARBEIT AN HUMANS OF NEW YORK hat sich immer schon angefühlt wie eine Mischung aus Kunst und Tür-zu-Tür-Verkauf. Das Gespräch aber ist der Teil, der am meisten Spaß macht. Die Unterhaltungen sind immer interessant, und die Menschen scheinen sie förmlich zu genießen, sobald sie erst einmal in Gang gekommen sind. Da jeder Mensch seine Kämpfe und Triumphe hat, hört man von den Teilnehmern tatsächlich immer spannende Geschichten. Die eigentliche Schwierigkeit ist, jemanden zu finden, der Lust hat mitzumachen. Der schwierigste Teil meiner Aufgabe ist, die Menschen zum Innehalten zu bewegen. Mir eine Chance zu geben. Denn die meisten Leute mögen es nicht, wenn man sie auf der Straße anspricht – vor allem in großen Städten, wo man üblicherweise nur angesprochen wird, wenn jemand einem was verkaufen will.
Ganz egal, wie freundlich ich die Menschen anspreche und mit welchen Worten, ein Großteil von ihnen sagt Nein. Es gibt Tage, an denen sich nicht eine einzige Person von mir ablichten und interviewen lässt. Es braucht also eine gewisse Ausdauer. Und Geduld. Und Verständnis. Manchmal geht es nur um das richtige Timing. Die Leute lehnen meinen Vorschlag ab, beispielsweise weil sie einen miesen Tag hatten oder es eilig haben. Wenn ich denselben Menschen später wiedersehe, wenn er sich entspannt hat, dann ist er vielleicht offen für eine neue Erfahrung. Ich mache viele meiner Porträts in Parks, aber nicht, weil ich die Natur so liebe. Die Leute sind nur einfach zugänglicher, wenn sie unter einem Baum sitzen, als wenn sie durch die geschäftigen Straßen eilen.
Vor allem in großen Städten entwickelt jeder Mensch eine Art Schutzschild gegen missliebige Begegnungen. Er vermeidet Augenkontakt. Er geht einfach weiter. Irgendwie scheinen immer alle »zu spät zu einem Meeting« zu kommen. Viele Menschen lehnen ab, noch bevor sie sich angehört haben, was ich von ihnen möchte. Das wirkt manchmal unhöflich, ist es aber nicht. Es ist nur eine natürliche Verteidigungsstrategie, die sich in den Jahren urbanen Lebens herausgebildet hat. Unhöflichkeit ist fast immer eine Reaktion auf Stress. Ein Schutzmechanismus. Ein Schild. An diesem Schutzschild vorbeizukommen ist stets meine größte Herausforderung.
So fiel es mir in den Anfangstagen von Humans of New York schwer, mich nicht für einen Sonderling zu halten. Und mir den Glauben an die Bedeutung und den Wert meiner Arbeit zu bewahren. Wenn ich mehrere Abfuhren hintereinander kassiert hatte, hätte ich am liebsten aufgehört und wäre nach Hause gegangen. Aber wann immer es mir gelang, diesen Schutzschild zu überwinden und mit dem Menschen dahinter in Kontakt zu kommen, fühlte ich mich in meinem Vorhaben bestärkt. In dem Augenblick, in dem jemand bereit ist zu einem Gespräch, wird plötzlich alles anders. Es ist erstaunlich, wie sehr Menschen sich verändern, sobald sie merken, dass der andere keine Bedrohung für sie darstellt. Man wird für sie zu jemandem, der besser einzuschätzen ist. Vertrauter. Selbstverständlicher. Große Städte riechen auch deshalb nach Isolation, weil wir so selten hinter den Schutzschild der Menschen gucken. Jeder versteckt sich. Jeder ist immer auf der Hut. Zumindest bis zum Ende des Tages, wenn die Menschen in ihre vier Wände zurückkehren, zu den Menschen, die sie lieben und denen sie vertrauen. Wo sie dann wieder ganz sie selbst sein können.
Aus all diesen Gründen ist dieses Näherkommen der wichtigste Teil meiner Arbeit. Der Prozess, in dessen Verlauf man zu dem wahren Menschen findet. Zu dem, was hinter dem Schild steckt. Und dies dann anderen Menschen vorstellen kann. Wenn unsere Schutzschilde das sind, was uns trennt, dann führt uns das, was dahintersteht, zueinander: die Kämpfe, die Sorgen, der Schmerz, die Schwächen. All unsere wunden Punkte. Das, was wir schützen wollen. Das sind die Dinge, die uns für andere besser verständlich werden lassen. Die Dinge, die uns verbinden – wenn wir sie nur ans Tageslicht kommen lassen.
»Ich sitze hier seit vier Stunden und überlege, was ich tun soll. Ich möchte nicht nach Hause. Ich hab’s wieder mal versaut. Ich war mein Leben lang drogenabhängig. Nun war ich drei Monate lang clean. Ich habe einen Job in einem Callcenter bekommen. Es lief alles gut. Aber kaum hatte ich meinen Gehaltsscheck in der Hand, bin ich mit Kollegen etwas trinken gegangen. Das hätte eigentlich ein ganz normaler Umtrunk werden sollen, aber dann habe ich ein wenig Koks probiert. Und es lief, wie es immer läuft. Ich habe mich total dem Rausch überlassen und meinen Job verloren. Und jetzt will ich nicht nach Hause. Ich lebe bei meiner Mutter. Sie hat nie den Glauben an mich verloren. Mein Bruder war Soldat und wurde getötet, ich bin also jetzt ihr einziges Kind. Sie hat das nicht verdient. Sie war so überglücklich, dass ich einen Job hatte. Total überzeugt, dass jetzt alles gut werden würde. Und trotzdem, ich muss nach Hause gehen und ihr sagen, was passiert ist. Aber ich will das nicht. Sie wird vermutlich nicht mal sauer auf mich sein. Aber tief verletzt. Und dann wird sie mich fragen, ob ich schon etwas gegessen habe.«
BOGOTÁ, KOLUMBIEN
»Meine Mutter arbeitet in Restaurants und macht Häuser sauber. Ihr ganzes Geld gibt sie für meine Schulausbildung aus. Sie sagt mir immer, ich solle mich auf die Schule konzentrieren. Letztes Semester hatten wir wirklich wenig Geld, da sagte sie zu mir: ›Mach dir keine Sorgen. Ich treibe schon Geld auf. Geh einfach nur weiter in die Schule.‹ So war sie schon immer. Sie möchte nicht, dass ich Stress bekomme. Mein Vater starb, als ich noch ein kleines Kind war. Wir hatten immer zu kämpfen. Als ich noch kleiner war, hatten wir manchmal nur Geld für eine Mahlzeit. Und meine Mutter sagte immer, sie sei nicht hungrig. Erst als ich älter war, merkte ich, dass sie nur so tat.«
LIMA, PERU
»Als ich zwölf Jahre alt war, wünschte ich mir von Herzen ein Fahrrad. Also kaufte er mir eines. Bald darauf merkte ich, dass er seinen Lieblingsring nicht mehr trug. Er sagte mir, er hätte ihn zur Reparatur gegeben. Als ich erwachsen war, fragte ich ihn: ›Papa, wo ist eigentlich dein Ring? Ich möchte mir einen machen lassen, der genauso aussieht.‹ Erst da sagte er mir: ›Ich habe den Ring verkauft, um dir das Fahrrad zu kaufen.‹«
JAIPUR, INDIEN
»Eines Nachts marschierte ich mit meinem Fußball hier herauf und geriet dabei in eine Schießerei zwischen Polizisten und Drogendealern. Ich sprang sofort hinter eine Mauer und rannte dann den ganzen Weg bis nach Hause. Ich erzählte meiner Mama, was passiert war, und sie war total wütend auf mich. Ich sagte ihr, ich hätte nur Fußball spielen wollen und nichts falsch gemacht. Dann fing sie an zu weinen. Und ich auch. Schließlich gingen wir zusammen in die Kirche und beteten eine lange Zeit.«
RIO DE JANEIRO, BRASILIEN
»Vor zwei Jahren legten wir die Aufnahmeprüfung für die Universität ab. Die Schule gab unsere Ergebnisse in der Aula bekannt. Wer bestanden hatte, dessen Nummer wurde aufgerufen. Schön der Reihe nach. Als meine Nummer nicht genannt wurde, konnte ich kaum noch atmen. Ich wollte, dass es ein Traum ist, eine Lüge, ein schlechter Scherz. Mein Leben lang hatte ich Ingenieur werden wollen, aber ich war nicht mal klug genug, um zum Studium zugelassen zu werden. Wenn mir alles hoffnungslos vorkommt, gehe ich spazieren. An jenem Abend ging ich 20 Kilometer. Ich fühlte mich absolut verloren. Als gäbe es für mich keinen Weg. Die ganze folgende Woche verbrachte ich im Bett. Aber man kann sich ja nicht immer in seinem Zimmer verkriechen. Also brachte ich endlich den Mut auf, mit den Menschen um mich herum zu reden. Meine Lieblingslehrerin schlug vor, ich solle mich doch für eine Beamtenlaufbahn bewerben. Sie erinnerte mich daran, dass ich ein intensives Gerechtigkeitsgefühl habe. Also lernte ich ein Jahr lang für diese Prüfung. Die Ergebnisse kamen gestern. Ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen, um den Umschlag zu öffnen. Darin hieß es nur: ›Zugelassen.‹ Ich habe so lange zurückgeblickt und mich für mich geschämt. Das ist jetzt vorbei. Jetzt bin ich wegen einer Jobmesse in Tokio. Alle Ministerien werden dort ausstellen. Ganz egal, auf welche Position man mich beruft, ich werde mein Bestes geben. Ich würde mich über alles freuen. Ich bin nur so aufgeregt, weil ich die Gelegenheit bekomme, mein Leben der Unterstützung anderer Menschen zu widmen.«
TOKIO, JAPAN
»Ich muss einen Weg finden, mehr Aufrufe für meinen YouTube-Kanal zu bekommen.«
TOKIO, JAPAN
»Wir sind die ersten weiblichen Athleten aus Saudi-Arabien. Wir fühlen uns echt wow! Dies ist einer der schönsten Augenblicke in unserem Leben. Ich muss glücklich und positiv sein, denn ich bin Kapitänin unseres Basketballteams. Wann immer wir einen Korb werfen, klatsche ich. Ich klatsche aber auch, wenn der Ball danebengeht. Und ich klatsche, wenn das andere Team einen Korb wirft. Wenn jemand traurig ist, sage ich dieser Person: ›Mein Liebes, reg dich doch nicht auf.‹ Und dann knuddle ich ihre Schulter. Das ist meine Teamkollegin Dahwi – ich bin ihre Freundin und sie ist meine Freundin. Ich liebe sie sehr. Sie liebt gutes Essen und wir tanzen zusammen. Während des Spiels werfen wir uns Küsschen zu. Gestern haben wir gewonnen. Aber es ist auch egal, wenn wir verlieren, denn am Ende tanzen wir immer.«
SPECIAL OLYMPICS WORLD GAMES IN ABU DHABI, VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
»Ich habe mich immer gefragt, ob ich ein schlechter Mensch bin. Viele Menschen finden mich kalt. Ich fühle mich nicht kalt, wenn ich allein bin. Oder wenn ich mit meinen engsten Freunden zusammen bin. Aber es fällt mir nicht leicht, auf Menschen zuzugehen. Ich glaube, ich bin nur einfach auf der Hut. Ich rede auch nicht gern über meine Gefühle. Je mehr ich darüber rede, desto häufiger fühle ich mich missverstanden. Ich mag es auch nicht, ganz nah mit jemandem zusammenzusitzen. Ich bin keine, die Leute umarmt. Ich mag es nicht mal, wenn Leute, die mich nicht kennen, mich berühren. Ich habe so lange gebraucht, um mich selbst kennenzulernen. Ich möchte nicht, dass die Menschen sofort denken, sie würden mich kennen.«
WARSCHAU, POLEN
»Wir haben keine Hobbys. Aber wir versuchen, uns mehrmals im Monat zu treffen, und dann beklagen wir uns über alles Mögliche und ziehen über die Leute her.«
NEW YORK, USA
»Meine Frau wollte sich die Haare waschen und Abendessen machen, aber das Baby fing zu weinen an. Also brachte ich ihn hier heraus, weil ich dachte, das könnte helfen. Und jetzt schreit er schon seit einer halben Stunde nicht mehr. Wir sind aus Mosambik. Ursprünglich bin ich hierhergekommen, um Arbeit als Deckenmonteur zu finden. Als sich herausstellte, dass meine Frau schwanger war, nahm ich sie hierher mit. Die Gesundheitsversorgung ist hier viel besser. Und sie können noch nicht nach Hause zurück, weil das Baby zu früh auf die Welt kam. Ich werde mich sicherer fühlen, wenn sie fort sind. Für die beiden ist es hier zu gefährlich. Südafrika ist gut zum Arbeiten, aber die Leute wollen uns nicht hier haben. Meist sind es andere Schwarze, die gegen uns sind. Sie beschimpfen uns. Sie sagen, wir sollen nach Hause gehen. Sie greifen uns an, weil sie glauben, wir nähmen ihnen die Arbeit weg. Aber ich mache doch einfach nur, was ich gut kann. Sie begreifen einfach nicht, wie es in meinem Land aussieht. Du kannst in Mosambik nicht überleben, wenn du Kinder hast. Ich habe also die einzige Möglichkeit ergriffen, die ich hatte.«
JOHANNESBURG, SÜDAFRIKA
»Ich würde meine Seele hergeben, wenn ich damit ihr Gehirn in Ordnung bringen könnte.«
DOHUK, IRAK
»Meine Tochter hatte ein Loch im Herzen. Ich habe ständig gebetet, denn ich wusste ja nicht, in welchem Augenblick Gott mir sein Ohr schenken würde. Der Arzt hat uns Medikamente gegeben, und dann hat Gott sie geheilt.«
LAHORE, PAKISTAN
»Ich verkaufe Getreide, damit die Menschen Tauben und Kühe damit füttern können. Auf diese Weise schaffe ich gutes Karma. Meine Familie macht das schon seit 80 Jahren. Zuerst mein Großvater, dann mein Vater und jetzt ich. Ich habe ungefähr 250 bis 300 Kunden, die ich jeden Tag sehe. Die Dinge liefen sehr gut. Wir hatten zwei Häuser, ein Auto und viel Gold. Aber vor einigen Jahren bekam mein Schwager eine Nierenkrankheit. Unsere Familie gab jeden Cent her, um ihn zu retten. Wir sind durch ganz Indien gereist. Die Leute sagten immer: ›Geht dahin.‹ Oder: ›Geht dorthin.‹ Und wir haben das gemacht. Und wir bezahlten jeden Preis, den man von uns verlangte. Meine Mutter spendete ihm sogar eine Niere. Aber nichts hat funktioniert. Vor sieben Monaten ist er gestorben. Meine Eltern starben kurz darauf. Der Stress war zu viel für sie. Jetzt bin ich ganz allein. Mir gehört nichts mehr außer einem Roller. Ich glaube immer noch an Karma. Sonst bleibt mir ja nichts mehr. Nur Gott weiß, was ich getan habe, um das zu verdienen. Hätte ich es gewusst, hätte ich es nicht getan.«
JAIPUR, INDIEN
»Ich nahm ihn mit ins Kino, in den Film Brokeback Mountain. Da kam es heraus. Ich dachte, er würde sich anders entscheiden. Aber am Ende des Films wandte er sich mir zu und sagte: ›Das bin ich.‹ Da waren wir seit dreißig Jahren verheiratet. Unsere Kinder waren noch klein. Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte. Sollte ich gehen? Sollte ich bleiben? Wir lebten damals in einem anderen Land und waren ganz auf uns gestellt. Ich hatte niemanden, mit dem ich hätte reden können. Wir gingen zu einer Therapeutin, um herauszufinden, ob wir zusammenbleiben konnten. Sie meinte: ›Das kann durchaus funktionieren. Aber nur, wenn einer der Partner sehr diskret ist. Und der andere sehr tolerant.‹ Also stimmte ich dem Versuch zu. Das ist nun zehn Jahre her. Und es hat mich auf vielerlei Art enorm viel Kraft gekostet. Ich habe anfangs zu viele Fragen gestellt. Damit habe ich mir nur selbst wehgetan. Heute gebe ich ihm einfach viel Raum. Was heißt, dass auch ich viel Raum habe. Ich bin mittlerweile seit zwei Monaten auf Reisen. Ich weiß nicht, was zu Hause passiert, aber ich will es auch nicht wissen. Meine Freunde fragen mich, warum ich nicht einfach weitermache mit meinem Leben. Ich weiß nicht. Vielleicht habe ich einfach Angst, in diesem Alter noch allein zu sein. Und ich habe immer noch das Gefühl, dass er mein Seelengefährte ist. Wir betrachten die Welt aus demselben Blickwinkel. Beide lieben wir Kinder. Wir reisen gerne und schätzen gutes Essen. Er ist wirklich ein guter Mann. Nur dass er eben schwul ist. Und wir hatten so ein schönes Leben zusammen. Ich bin einfach noch nicht bereit aufzuhören, es mit ihm zu teilen.«
NEW YORK, USA
»Als ich es meiner Mutter erstmals sagte, weinte ich mir fast die Augen aus dem Kopf. Es dauerte zehn Minuten, bevor ich überhaupt ein Wort über die Lippen brachte. Als ich endlich in der Lage war, etwas zu sagen, meinte meine Mutter, ich solle mir das doch noch mal überlegen. Vielleicht sei ich mir ja gar nicht so sicher. Danach war es, als hätte es dieses Gespräch nie gegeben. Sie ging mit keinem Wort darauf ein. Ein paar Wochen später versuchte ich, die Sprache noch mal darauf zu bringen. Da sagte sie etwas sehr Schmerzhaftes. Ich weiß nicht, ob sie das tatsächlich so gemeint hat oder nicht. Aber sie sagte mir, es sei okay, Single zu bleiben. Sie nannte mir ein paar Beispiele von Leuten aus unserer Familie, die nicht geheiratet haben. Ich hatte das Gefühl, sie hätte lieber, dass ich allein bleibe, als schwul zu sein. Ich beschloss, nicht darauf herumzureiten. Ich will nicht, dass es in meiner Familie Streit gibt. Oder dass man die Kirche bemüht. Also fing ich an, mir Geschichten auszudenken, warum ich ohnehin nie eine Beziehung haben würde. Ich versuchte, meine Mängel zu vergrößern: Ich bin zu unsicher, zu eifersüchtig, zu besitzergreifend. Niemand würde mich haben wollen. Dadurch ist es weniger schmerzlich, daran zu denken. So, als würde mir ohnehin nichts fehlen. Denn selbst wenn ich gerne mit jemandem zusammen sein würde, würde diese Person mich nicht haben wollen.«
HONGKONG
»Ich liebe meine Mama, weil sie die netteste Mama überhaupt ist und immer so lieb zu mir. Und ich liebe meinen Papa, obwohl er eine neue Freundin hat und nicht mehr bei uns lebt. Aber Mama sagt, dass er mich immer noch liebt und ich ihm am Herzen liege. Aber er hat nun mal so viel zu tun, dass er keine Zeit hat, um mit uns zu reden. Außerdem arbeitet er ganz weit weg und kann uns deshalb nicht sehen. Trotzdem sagt Mama, dass er mich sehr liebt.«
LONDON, ENGLAND
»Ich weiß echt nicht, wieso es einen Vatertag gibt. Scheiß auf den Vatertag. Papas Vagina ist nicht gerissen und seine Nippel haben auch nicht einmal geblutet.«
SINGAPUR
»Ich kann alles machen, was meine Frau tut, nur natürlich das mit der Milch nicht. Aber das versuche ich wettzumachen, indem ich ihr ganz viele Geschichten vorlese und ihr meine Sammlung alter Vinylschallplatten zeige.«
BUENOS AIRES, ARGENTINIEN
»Ich weiß nicht, warum Papa dauernd auf seinem Telefon herumfingert.«
SEOUL, SÜDKOREA
»Ich bin alleinerziehender Vater, seit mein Sohn zwei Jahre alt ist. In vielerlei Hinsicht hat er mein Leben gerettet. Seine Mutter und ich haben eine Menge Drogen genommen, aber als er zur Welt kam, hörte ich schlagartig damit auf. Seine Mutter aber kriegte ihr Leben nicht auf die Reihe. Sie besucht uns hin und wieder, nur um dann wieder monatelang abzutauchen. Ich versuche, die Leerstellen mit so viel Liebe zu füllen wie möglich, aber ich weiß, dass es ihn schmerzt. Er ist noch nicht im richtigen Alter, um seine Gefühle ganz auszudrücken. Ich versuche, ihn vor dem Auf und Ab in meinem Leben zu beschützen. Ich habe gestern mit meiner Freundin Schluss gemacht. Und jetzt sitze ich hier und frage mich, wie ich ihm das beibringen soll. Ich habe ohnehin lange gewartet, bevor ich die beiden einander vorgestellt habe, weil ich nicht wollte, dass sie eine weitere Leerstelle in seinem Leben wird. Aber es hat nun mal nicht geklappt. Und jetzt muss ich mir überlegen, wie ich es ihm sagen soll.«
BOGOTÁ, KOLUMBIEN
»Wir haben Mama versprochen, dass wir alle Grashüpfer auch wieder freilassen werden.«
TOKIO, JAPAN
