Hunde ohne Menschen - Jessica Pierce - E-Book

Hunde ohne Menschen E-Book

Jessica Pierce

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Beschreibung

Was würde wohl mit den Hunden geschehen, wenn wir Menschen einfach verschwinden würden? Könnten sie ohne uns existieren? Hunde ohne Menschen spielt dieses Gedankenexperiment durch, erklärt, wie Hunde nicht nur überleben, sondern vielleicht sogar gut gedeihen würden und zeigt auf, wie diese neue Perspektive unseren jetzigen Umgang mit Hunden verändern kann. Auf den Grundlagen von Biologie, Ökologie und den neuesten Forschungserkenntnissen zu Hunden und ihren wilden Verwandten gehen Jessica Pierce und Mark Bekoff, zwei der innovativsten Vordenker in Sachen Hunde, der Frage nach, wie sich Hunde ohne menschliche Zuchtsteuerung, arrangierte Spieltreffs im Park, regelmäßige Fütterung und tierärztliche Betreuung sehr wahrscheinlich entwickeln würden. Sie zeigen, wie schnell Hunde lernen, wie anpassungsfähig und opportunistisch sie sind und legen uns schlagende Beweise dafür vor, dass Hunde schon jetzt ohne uns überleben – und es auch in einer Welt ganz ohne Menschen könnten. Dieses Buch stellt die Auffassung infrage, dass Hunde ohne ihre menschlichen Partner nicht zurechtkämen und hilft uns so, diese unabhängigen und bemerkenswert intelligenten Lebewesen um ihrer selbst willen besser zu verstehen. "Wir mögen wahrscheinlich die Vorstellung, dass unsere Hunde ohne uns verloren wären – aber die Wahrheit könnte Sie überraschen." (Zibby Owens, The Washington Post)

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 für die deutsche Ausgabe: KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH

Konrad-Zuse-Straße 3 • D-54552 Nerdlen/Daun

Telefon: 06592 957389-0

www.kynos-verlag.de

Aus dem Englischen übersetzt von Christine Schranz

Titel der amerikanischen Originalausgabe: A Dog’s World.

Imagining the Lives of Dogs in a World without Humans.

© 2021 Princeton University Press, Princeton (USA) und Oxford (UK)

eBook-Version der Printausgabe

ISBN-eBook: 978-3-95464-291-5

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-95464-280-9

Bildnachweis: Alle Fotos Marco Adda außer S. 143 Sage Madden;

Cover: Stefan Kirchhoff

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Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

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Inhaltsverzeichnis

Über die Autoren

1.Das Leben der Hunde in einer menschenfreien Zukunft:

Ein Gedankenexperiment

Hunde ohne uns

Ein evolutionäres Gedankenexperiment

Zeitliche Horizonte und das Ausmaß des Verlustes

Lohnt es sich, über eine menschenfreie Zukunft nachzudenken?

2.Der Status quo der Hunde

Der Stammbaum der Hunde

Was macht einen Kaniden aus?

Wie wurde der Hund zum Hund?

Wie viele Hunde gibt es, und wo sind sie?

Lebensumstände: Die ökologischen Nischen von Hund und Mensch

Die Einteilung der Hunde

Ein Blick zurück; ein Blick nach vorne

3.Wie sieht die Zukunft aus?

Wie sehen posthumane Hunde aus?

Kommt es auf die Größe an?

Variationen der Körperform

Der Schädel

Ohren, Rute und Fell

4.Nahrung und Sex

Futter: Die Speisekarte als Eckpfeiler des Überlebens

Wer bzw. was steht auf dem Speiseplan posthumaner Hunde?

Sex: Reproduktion als Schlüssel zur Zukunft

5.Familie, Freund und Feind

Welpensozialisierung

Kommunikation: Verständigung unter posthumanen Hunden

Soziale Organisation und Sozialdynamik

Nachbarschaftliche Beziehungen

6.Das Innenleben posthumaner Hunde

Denken und Wissen

Der Zusammenhang von Kognition und ökologischen Herausforderungen

7.Vorbereitungen auf den Weltuntergang

Das Einmaleins des Überlebens

Superhunde

Schadsoftware entfernen

Hybridisierung

Nullwachstum

Finger weg!

Prophylaktische Tötungen

Was, wenn das Ende der Welt auf sich warten lässt?

8.Wären Hunde ohne uns besser dran?

Variablen einer Kosten-Nutzen-Analyse

Kosten und Nutzen

Dystopie, Utopie oder Huntopie?

9.Die Zukunft der Hunde und die Hunde der Zukunft

Die Macht der Vorstellungskraft

Bereits heute über die Zukunft nachdenken

Hundezukünfte

Danksagung

Bibliographie

Für Christie Henry

Über die Autoren

Jessica Pierce ist freie Dozentin an der Fakultät für Bioethik und Geisteswissenschaften an der Universität von Colorado, Denver. Sie hat bereits mehrere Bücher zu Hunden und zur Philosophie der Mensch-Hund-Beziehung verfasst.

Website: www.jessicapierce.net.

Marc Bekoff ist emeritierter Professor für Ökologie und Evolutionsbiologie an der Universität von Colorado, Boulder und hat daneben mehrere populärwissenschaftliche Bücher über Hunde verfasst, darunter Feldstudien auf der Hundewiese.

Website: www.marcbekoff.com.

1. Das Leben der Hunde in einer menschenfreien Zukunft:

Ein Gedankenexperiment

Ein junger Freigänger sieht sich an, was heute auf dem Menü steht.

Ob auf der Hundewiese, in sozialen Medien oder Gesprächen über unsere vierbeinigen Freunde – regelmäßig amüsieren wir uns darüber, dass es unseren Hunden komplett an „Wildheit” zu mangeln scheint: Rufus jagt ein Eichhörnchen durch den Park; in vollem Tempo und mit dem Gesichtsausdruck eines leidenschaftlichen Jägers erreicht er den Baum … lange nachdem sich das Eichhörnchen in Sicherheit gebraucht hat. Maya jagt einen Hasen, welcher plötzlich einen Haken nach links schlägt, während sie unbeirrt weiter geradeaus läuft, ohne sich des Pfades ihres Opfers auch nur im Geringsten bewusst zu sein. Bella stellt eine bronzene Elchstatue und widmet dieser ein grimmiges Bellkonzert. Poppy schleicht sich an eine Papiertüte heran, die vom Wind den Gehsteig entlanggetragen wird. Dickens weigert sich, zum Pinkeln nach draußen zu gehen, weil es regnet, und der kleine Knut zittert unkontrolliert in seinem kuscheligen Tartanpullover, sobald die Temperaturen unter 15 Grad fallen. Jethro zieht die Rute ein und läuft schnurstracks nach Hause, wenn er ein wildes Tier in den Bergen wittert.

Angesichts derartiger Kapriolen schütteln wir den Kopf. Unsere Vierbeiner können sich glücklich schätzen, dass sie uns haben! „Was”, fragen wir sie liebevoll, „würdet ihr nur ohne uns tun?” Aber Spaß beiseite. Wären Hunde ohne einen Menschen, der den Napf mit Futter füllt, Schutz bei Wind und Wetter bietet und verhängnisvolle Fehler verhindert, tatsächlich dem Untergang geweiht? Nachdem wir beide viele Jahre unseres Lebens mit Hunden teilten, deren Überlebensfähigkeiten mitunter zu wünschen übrig ließen, geht uns diese Frage immer wieder durch den Kopf. Unzählige Male haben wir unseren Vierbeinern bereits erklärt, wie sehr sie uns brauchen! Allerdings hatte sich keiner von uns ernsthaft mit der Frage beschäftigt, bis wir über das futuristische Eco-Fantasybuch Die Welt ohne uns stolperten. Wissenschaftsjournalist Alan Weisman fordert den Leser auf: „Stellen Sie sich vor, morgen verschwänden wir alle plötzlich von der Welt.”1 In seiner Fantasiewelt ist die Menschheit ausgestorben – alles andere und alle anderen bestehen weiter. Was würde aus Ihrem Haus? Aus der Stadt, in der Sie täglich zur Arbeit hetzen; aus dem Supermarkt, dem Fitnesscenter und dem Restaurant an der Ecke? Aus dem Ökosystem rund um die Stadt? Aus dem Planeten, wenn dieser frei vom intensiven Druck menschlicher Besatzung wäre? Und was, dachten wir beide, würde aus den Hunden?

Weismans Buch regte unsere Fantasie an: Wie sähe ein Hundeleben auf einem menschenfreien Planeten aus? Je mehr wir darüber nachdachten, desto mehr fragten wir uns, ob wir unsere eigenen Hunde unterschätzt hatten. War es wirklich so unwahrscheinlich, dass manche oder sogar viele in einer Welt ohne Menschen überlebten und es sogar richtig gut hätten? Wir betrachteten Weismans Gedankenexperiment aus der Hundeperspektive und stellten uns wilde Landschaften vor, in welchen es von Vierbeinern nur so wimmelte.

Hunde spielen in Weismans futuristischem Szenario kaum eine Rolle. Die liegt vielleicht ganz einfach daran, dass er sich auf andere Dinge konzentriert – oder geht er davon aus, dass unser Partner mit der kalten Schnauze keine vielversprechende Zukunft hätte? In einem der wenigen Kommentare zum Haushund stellt er sich vor, dass – zumindest in Manhattan – „wilde Raubtiere den Nachkommen der Familienhunde den Garaus machen”, während „eine durchtriebene Population wilder Hauskatzen” sich durch das Fangen und Fressen von Staren durchschlägt.2 (In der Biologie beschreibt der Begriff „Population” alle Individuen einer Art, die im selben geografischen Gebiet leben und die Möglichkeit haben, sich untereinander fortzupflanzen.) Der springende Punkt scheint zu sein, dass Hunde ohne uns nicht überleben könnten bzw. würden. Aber ist die Geschichte des posthumanen Vierbeiners wirklich so simpel und zugleich so tragisch? Wir sind anderer Meinung.

Hunde ohne uns

Als wir über dieses Buch nachzudenken und zu recherchieren begannen, achteten wir zunehmend auf Gespräche à la „mein Hund wäre ohne mich nicht überlebensfähig” und begannen, uns Notizen zu machen. Wir waren überrascht, wie oft wir Menschen über die Überlebenschancen unserer Haustiere philosophieren. Wir fragten Freunde und Fremde, was ihrer Meinung nach in einer posthumanen Welt aus ihrem eigenen und andererseits aus Hunden im Allgemeinen würde. Allem amüsierten Kopfschütteln angesichts des unverbesserlich un–wilden Verhaltens ihres eigenen Hausgenossen zum Trotz gestanden viele den Hunden im Allgemeinen durchaus Überlebenschancen zu. Anbei einige der Antworten:

„Die Hunde wären komplett aufgeschmissen!”

„Sie würden das schon hinkriegen. So sehr brauchen sie uns nicht.”

„Border Collies und Schäferhunden ginge es gut, aber Chihuahuas hätten keine Chance.”

„Kleine Hunde würden besser zurechtkommen – sie sind furchtloser und zäher als große!”

„Große Hunde hätten definitiv einen Vorteil, weil sie sich besser verteidigen können.”

„Früher oder später wären alle mittelgroß.”

„Die Hunde würden wieder zu Wölfen.”

„Sie würden wie die Dingos in Australien sein.”

„Hunde mit ,wilden’ Instinkten und Fähigkeiten hätten es leichter als verwöhnte Haustiere.”

„Sie würden lernen, zu überleben, auch wenn die Bedingungen schwierig wären. Wie die Hunde in der Sperrzone von Tschernobyl3!”

Während wir die unterschiedlichsten Antworten hörten, kam doch so manches Thema immer wieder auf. Viele sind der Meinung, dass die Größe ein wichtiger Faktor im Hinblick auf die Erfolgsaussichten in einer menschenfreien Zukunft ist – jedoch ist man sich nicht einig, welche Größe am vorteilhaftesten wäre. Auch Beutetrieb und Fähigkeiten wie Anschleichen und Jagen wurden immer wieder als plausible Eckpfeiler des Überlebens erwähnt. Frühere Lebenserfahrungen, zum Beispiel eine gewisse Zeit als Streuner, wurden für vorteilhaft befunden. Viele Befragte erwähnten die Persönlichkeit eines individuellen Hundes: Ein selbstsicherer, furchtloser Hund hätte bessere Chancen als ein ängstlicher, übervorsichtiger oder nervöser.

Ob Wissenschaftler und andere Menschen, die sich hauptberuflich mit dem Studium von Hunden beschäftigen, wohl ebenso unterschiedliche Intuitionen haben? Der 2018 im Time-Magazin erschienene Artikel „How Dogs Would Fare Without Us” liefert Hinweise auf die Antwort. Wissenschaftsautor Markham Heid wagt sich an die hypothetische Frage zum Thema Hunde-ohne-Menschen heran: Was, wenn ein verwöhnter Familienhund plötzlich sich selbst überlassen wäre?4 Heid vermutet, dass Katzen selbstständig und geschickt genug wären, um ohne Menschen zu überleben. Viele Hunde hingegen, meint er, wirken „im Konkurrenzkampf mit größeren Säugetieren um Futter und Ressourcen stark benachteiligt.” Kann es sein, fragt er, dass nach tausenden Jahren Domestizierung „die gesamte Art ihre Selbstständigkeit verloren hat?”5

Heid bittet verschiedene Experten, seine Frage zu beantworten. Dabei handelt es sich um erste wissenschaftliche Spekulationen zu den Überlebenschancen der Hunde und zugleich um eine Vorschau auf die Themen, mit denen wir uns in diesem Buch auseinandersetzen wollen. Die meisten trauen den Hunden durchaus zu, die Menschheit zu überdauern – auch wenn sie sich nicht darüber einig werden, welche Hundetypen überleben und welche Merkmale besonders anpassungsfähig wären.

Als erstes interviewt Heid Alan Weisman, den Autor von Die Welt ohne uns. Weisman ist zwar pessimistisch, was das zukünftige Überleben der Hunde betrifft, kann sich jedoch eine nuancenreichere Hundezukunft vorstellen, als er sie in seinem Buch beschreibt. „Hunde sind nicht besonders gut darin, sich allein durchzuschlagen”, erklärt er, „weil wir den Jagdinstinkt aus ihnen herausgezüchtet haben.” Die meisten, glaubt Weisman, würden nicht überleben. Dies gelte besonders dann, wenn sie direkt mit wilden Tieren wie Wölfen und Kojoten konkurrieren müssten. „Das Wildtier”, ist Weisman überzeugt, „gewinnt immer.”6

Im Gegensatz dazu erklärt Mark Derr, der Autor von How the Dog Became the Dog, dass die Hunde nach einer kurzen Bevölkerungsdezimierung ganz gut dastünden. Nicht nur könnten sie sich untereinander frei fortpflanzen, sie könnten ihre Gene auch mit denen von Wölfen und Kojoten mischen: „Ein sexdurstiger Wolf würde einem willigen Hund nicht die kalte Schulter zeigen.”7 Kleine Hunde könnten zwar Raubtieren zum Opfer fallen, hätten aber auch Vorteile: Der Futterbedarf ist geringer, und kleine Tiere können enge Öffnungen und Spalten nutzen, um sich in Sicherheit zu bringen. Darüber hinaus können kleine Hunde auch unglaublich mutig und rauflustig sein. Derr erwähnt den „wilden” Rat Terrier, der „kleine Wildtiere erbeuten und fressen würde und so ganz gut über die Runden käme.”8 Anfangs würden sich Hunde zu Gruppen zusammenschließen, um Futter aufzutreiben. Diese Allianzen wären vermutlich weniger strikt und beständig als Wolfsrudel und würden locker strukturierten Kojotengruppen gleichen. Nachdem Hunde gut darin sind, Gruppen zu bilden, wären sie vielleicht bereit, mit Katzen zu kooperieren – vielleicht würden sie mit diesen zusammenarbeiten, um größere Beutetiere zu ermüden und auszutricksen. Ein weiterer Vorteilist die Tatsache, dass Hunde Gelegenheitsfresser sind und „Genießbarkeit” sehr breit definieren. Die natürliche Auswahl würde eine große Rolle spielen und im Laufe der Zeit einen „jagdhundartigen Pitbull-Typ von 20 bis 30 kg hervorbringen.”9 Manche Hunderassen wären aufgrund ihrer Morphologie (ihrer physischen Form) dem Ende geweiht. Derr erwähnt Bulldoggen: Sie können nicht natürlich werfen, weil die Köpfe der Welpen zu groß für den Geburtskanal sind – ein Resultat menschlicher Zuchtpraktiken. „Sofern die Bulldoggen nicht lernen, Kaiserschnitte durchzuführen, kann ich mir nicht vorstellen, wie sie überleben würden.”10

Raymond Pierotti (er und Brandy Fogg sind die Autoren des Buches The First Domestication: How Wolves and Humans Coevolved) spekuliert in Heids Interview, dass sowohl außergewöhnlich große als auch kleine Hunde Schwierigkeiten hätten. Riesenrassen wie Mastiffs, Neufundländer und Bernhardiner würden „wahrscheinlich bald aussterben, weil ihre Organe im Verhältnis zur Körpermasse zu klein sind.” Außerdem seien große Hunde „zu schwerfällig, um erfolgreich zu jagen.” Sehr kleine Hunde hingegen liefen Gefahr, zum Nachtmahl eines Feindes zu werden. Hunde mit nahen Wolfsvorfahren wie Malamutes, Huskies und Akitas „würden wahrscheinlich am besten durchkommen.” Die Rüden dieser wolfsnahen Rassen zeigen bis heute väterliches Brutpflegeverhalten, wie es auch bei Wölfen vorkommt, während dies bei Familienhunden im Allgemeinen großteils verschwunden ist. Auch Rassen wie der Border Collie, der Australian Shepherd und manche Jagdhunde, die bis heute über „das Jagdgeschick ihrer Vorfahren” verfügen, hätten einen Vorteil.11

Marc Bekoff, einer der Autoren dieses Buches, vermutet, dass die Rasse nicht ausschlaggebend ist. Wichtiger könnten die Intelligenz und die Fertigkeiten individueller Hunde sein. „Manche sind gute Jäger”, stellt er fest, „manche sind ausgezeichnete Futtersucher und andere sind richtig schlau und geschickt darin, sich auf der Straße durchzuschlagen.”12 Wie zukünftige Hunde aussehen? Das lässt sich nicht sagen, meint Bekoff. Es ist unwahrscheinlich, dass sie ihren Vorfahren ähneln oder wolfsartig würden – dies würde stärkeren selektiven Zuchtdruck erfordern. Genauso wenig würden die Hunde zu Wolfshunden oder Coywölfen, da dies „über längere Zeit hinweg wiederholte Kreuzungen von Hunden und Wölfen oder Hunden und Kojoten erfordert. Dies halte ich für unwahrscheinlich.” Stattdessen, schließt er, würden wir „neue und größere Variabilität in Canis familiaris” sehen.13

Auch könnten posthumane Hunde weniger Nachkommen haben, indem sie – wie Wölfe und Kojoten – ihre jährlichen Fortpflanzungszyklen von zwei auf einen reduzierten. Im Laufe einiger menschenfreien Generationen könnte sich die Sozialstruktur der Hundegesellschaft der hierarchischen und stabilen Struktur des Wolfsrudels nähern: „Ich glaube, Hunde würden in Gruppen aus höher- und niederrangigen Tieren leben.”14 Und während Hunde Beute jagen, würden sie auch Futter am Boden suchen und an von anderen großen Raubtieren erlegten Beutetieren mitnaschen.

Besonders interessant an Markham Heids Artikel sind die Vielfalt der Antworten und die unzähligen denkbaren Faktoren, die ein Überleben beeinflussen könnten. Posthumane Hunde sind nicht nur insofern auf sich allein gestellt, als dass sie weder Trockenfutter noch veterinärmedizinische Betreuung erhalten. Sie müssen sich auch in komplexen Ökosystemen zurechtfinden, mit denen sie mitunter kaum vertraut sind, und mit Artgenossen und anderen Tieren koexistieren, kooperieren und konkurrieren.

Unsere Intuition deckt sich mit der von Markam Heids Experten. Wir sind der Meinung, dass Hunde in einer Welt ohne Menschen überleben und sogar richtig gut zurechtkommen würden – und zwar weil sie in ihrem Verhalten flexibel, anpassungsfähig und opportunistisch sind. (In der Biologie gelten Organismen dann als opportunistisch, wenn sie mit einer großen Bandbreite an Umweltbedingungen zurechtkommen und sich günstige Umstände rasch zunutze machen). Außerdem gibt es bereits heute Beweise dafür, dass Hunde selbstständig leben können. In der Tat führt nur ein kleiner Prozentsatz der geschätzten Milliarde Vierbeiner, die die Welt bevölkern, ein Familienhundeleben. Die meisten halten sich nicht bzw. nur hin und wieder in Häusern oder Wohnungen auf. Sie leben unabhängig und nutzen unsere Abfälle als Nahrungsquelle, ohne jedoch auf unsere soziale Ansprache und Gesellschaft, Tierärzte, emotionale Unterstützung und kognitive Stimulation angewiesen zu sein. Die Vorstellung, dass Hunde von unserer Hilfe und Fürsorge abhängen und nur unter unserer Aufsicht gedeihen können, ist möglicherweise ganz einfach falsch.

Die Frage, die uns am brennendsten interessiert, hat nicht mit dem Überleben an sich zu tun, obwohl wir natürlich in Betracht ziehen, wer überlebt, wer nicht, und wieso. Der spannendste Punkt ist jedoch, wohin sich unsere Hunde entwickeln – zu wem sie werden – wenn wir nicht zugegen sind.

Ein evolutionäres Gedankenexperiment

Dieses Buch ist ein Gedankenexperiment zu Überleben und Evolution der Hunde in einer menschenfreien Zukunft. Als solches fällt es in den Bereich der spekulativen Biologie – ein Feld, in welchem Wissenschaftler Prognosen zum Verlauf der Evolution stellen. Im Allgemeinen setzen derartige Gedankenexperimente bei folgender Frage an: „Was wäre, wenn …?” Zum Beispiel: Was wäre passiert, wenn vor 65 Millionen Jahren kein Meteoriteneinschlag die Dinosaurier ausgerottet hätte? (Hätte sich der Mensch jemals entwickelt?) Unser Experiment in diesem Buch lautet: „Was würde aus den Hunden, wenn die Menschen verschwänden?”

Stellen Sie sich vor: Nach circa 20 000 Jahren kommt die Domestizierung abrupt zum Stillstand und die Hunde beginnen, zu verwildern. Wie sehen sie aus, wenn der Mensch nicht mehr direkt in die Zucht eingreift? Wie schnell verschwinden maladaptive, d. h. evolutionär nachteilige Eigenschaften wie verkürzte Schnauzen, wenn die natürliche Auswahl die „künstliche” Zuchtauslese ersetzt? Was fressen Hunde, wenn ihnen weder Trockenfutter noch anthropogene (vom Menschen generierte) Müllhalden zur Verfügung stehen? Bilden Hunde Gruppen? Falls ja – sind diese in Größe und sozialer Struktur mit Wolfsrudeln vergleichbar? Wie verändern verwilderte Hunde das Ökosystem ihrer Umgebung?

Hier sind einige unserer ersten Spekulationen über eine posthumane Zukunft. Jedem dieser Punkte ist weiter hinten im Buch ein detailliertes Kapitel gewidmet.

•Es ist unwahrscheinlich, dass die Entwicklung des posthumanen Hundes diesen wieder zum Wolf macht: Das Verschwinden des Menschen ist keine Zeitreise in die Vergangenheit. Der Domestizierungsvorgang kann nicht bis zur ersten zaghaften Annäherung von Wolf und Mensch zurückgespult werden. Posthumane Tiere werden völlig – oder zumindest großteils – anders sein. Allein schon ihre ökologische Nische unterscheidet sich stark von der ihrer Vorgänger: Der bedeutendste Unterschied ist, dass in der neuen Nische keine menschlichen Futterquellen zur Verfügung stehen – und gerade diese waren möglicherweise ausschlaggebend für die ursprüngliche Evolution des Haushundes.

•Wir züchten Hunde mit bestimmten physischen Eigenschaften. Darunter finden sich Form und Position der Ohren, Länge der Rute, Fellfarbe und -struktur. Auch bestimmte Verhaltenseigenschaften wie eine Tendenz zu Freundlichkeit, Trainierbarkeit und rassespezifische Talente wie Vorstehen, Apportieren, Hüten und Bewachen werden von uns forciert. Bis heute wird die Zuchtauslese von unserem Interesse an Aussehen („Schönheit”) bzw. Nützlichkeit (für den Menschen) bestimmt. Manche der hervorgezüchteten körperlichen Eigenschaften und Verhaltensmerkmale könnten den Hunden auch außerhalb des Kontexts der Hund-Mensch-Beziehung gelegen kommen. Andere hingegen sind eindeutig maladaptiv.

•Die Körpergröße ist zwar ein Faktor im Überleben, jedoch ist keine bestimmte Statur besser als alle anderen. Je nach lokalen Bedingungen, Ressourcen und anderen Tieren, die den Lebensraum teilen, ist es vorteilhaft, ein kleiner, großer oder mittelgroßer Hund zu sein.

•Unter Umständen werden posthumane Hündinnen nur einmal jährlich läufig. (Haushunde hingegen haben zumeist zwei jährliche Fortpflanzungszyklen.)

•Manche Hunde paaren sich mit Wölfen und Kojoten.

•Maladaptive Phänotypen wie kurze Schnauzen verschwinden schnell. (Unter dem Phänotyp verstehen wir das Erscheinungsbild eines Tieres.)

•Posthumane Hunde stehen vor neuen Herausforderungen im Zusammenhang mit Nahrungsbeschaffung und Sicherheit. Innovation ist einer der wichtigsten Schlüssel zum Erfolg.

•Das Verhalten der heutigen Freigänger erlaubt uns, Vorhersagen zum Verhalten posthumaner Hunde zu treffen – zumindest, was den Beginn ihrer menschenfreien Existenz betrifft. (Unter Freigängern verstehen wir Hunde, die unter Umständen ein Zuhause haben, sich jedoch frei in der Welt bewegen.)

•Hunde passen sich erfolgreich an verschiedenste Ökosysteme an.

Die spekulative Biologie beschäftigt sich damit, was sein könnte. Während Querdenken und Fantasie gefragt sind, ist sie dennoch in der Evolutionstheorie verankert. Sie bleibt existierenden Daten treu und beschränkt sich nach Möglichkeit auf wissenschaftlich realistische Szenarien. Auf unserer gedanklichen Reise in eine posthumane Zukunft tauchten wir tief in die Verhaltensbiologie der Canidae und anderer sozial lebender Raubtiere ein. Besonders stark verlassen wir uns auf die wachsende wissenschaftliche Datenbank zur Verhaltensbiologie heutiger Hunde – darunter Millionen Freigänger und verwilderte Hunde, die rund um die Welt schon heute menschenunabhängig leben.

Unser wissenschaftliches Verständnis zum Thema Hund ist über die letzten fünf Jahrzehnte sprunghaft angestiegen. Allerdings lässt sich der Großteil unseres Wissens auf kontrollierte Studien im Labor zurückführen – sozusagen auf die Forschung an Hunden in Gefangenschaft. Diese ist zweifellos nützlich und stellt eine Basis unserer Arbeit dar. Jedoch stammen so manche der faszinierendsten Erkenntnisse – besonders im Zusammenhang mit unserem Gedankenexperiment – von der Handvoll Menschen rund um die Welt, die das Verhalten und die Sozialökologie von Freigängern erforschen.

Es ist nicht einfach, Freigänger zu beobachten. Oft haben sie große Streifgebiete. Sie kommen und gehen; die Sterblichkeitsrate ist hoch (und hängt in der Regel mit Menschen zusammen). Sie sind in der Morgen- und Abenddämmerung oder nachts aktiv, was das Beobachten erschwert. Das Forschungsfeld kann auch insofern undankbar sein, als dass Freigänger oft als „wilde”, tollwütige Schädlinge abgestempelt werden. Sie gelten weder als Wildtiere (biologisch interessant) noch als unsere Gefährten (interessant, weil wir sie lieben), sondern als Grenzgänger in der Unterwelt zwischen wild und domestiziert. Die Forschung wird oft kritisiert, weil sie „nur” auf Beobachtungen beruhe und weniger rigoros kontrolliert sei als eine Studie im Labor. Ein Feldforscher erzählte uns, dass er immer wieder von Kollegen ausgelacht werde, weil er nichts weiter täte, als derartige Hunde zu beobachten und seine Ergebnisse nicht kontrolliert und damit wertlos seien.

Allen Vorurteilen zum Trotz kann uns die Forschung an Freigängern helfen, zu verstehen, wer Hunde eigentlich sind und wie sie sich in der Welt zurechtfinden. Mitunter ist sie aussagekräftiger als Studien im Labor. Ein Beispiel: In Gefangenschaft spielen Rüden nur selten eine Rolle in der Welpenaufzucht. Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass posthumane Hunde keine guten Väter sind bzw. nicht an der Brutpflege mitwirken. Unter Umständen tun sie dies sehr wohl! Wie Stephen Spotte in seiner umfassenden Analyse des Verhaltens von Freigängern, Societies of Wolves and Free-ranging Dogs, feststellt: „Das Fehlen eines phänotypischen Sozialverhaltens in Gefangenschaft allein beweist nicht, dass dieses ausgestorben ist. Darum sind Freigänger besonders interessante Studienobjekte.”15

Wo sollten wir nach Antworten auf unsere Fragen zu den Fruchtbarkeitszyklen und anderen Verhaltensweisen posthumaner Hunde suchen? Nicht an Orten, an denen unzählige Hunde reproduktiv neutralisiert werden, sondern vielleicht eher in der „Dritten Welt der Hunde”! Ironischerweise können wir vielleicht gerade dort am meisten lernen, wo viele Hunde keine Haustiere sind. Ist es möglich, dass gerade die Hunde, die es heute „am besten haben” – jene Vierbeiner, die verwöhnt und gefeiert werden, Kaviar speisen und auf Memory-Foam-Matratzen schlafen – in einer posthumanen Welt die geringsten Überlebenschancen hätten?

Stellen wir uns eine posthumane Zukunft für den „besten Freund des Menschen” vor, erhaschen wir neue Einblicke in dessen menschenunabhängige Identität. Wer sind Hunde fernab ihrer kulturellen Rolle als gehorsames (oder nicht so gehorsames) Haustier, Arbeitstier, Therapeut, Mülltaucher und Streuner? Darüber hinaus stellen wir die Frage, wohin sich die Hunde entwickeln, wenn wir uns nicht mehr in Fortpflanzung und Verhalten einmischen.

Zeitliche Horizonte und das Ausmaß des Verlustes

Wir stehen kurz davor, zu erkunden, wie ein Hundeleben aussieht, wenn wir die Bühne verlassen. Dabei wollen wir davon ausgehen, dass alle Menschen zugleich verschwinden – von heute auf morgen. Wir hinterlassen den Planeten so, wie er ist: bewohnbar, aber vom Anthropozän gezeichnet. „Posthuman” bedeutet also: Es gibt keine Menschen mehr. Dabei handelt es sich natürlich um ein fiktives Szenario. Abgesehen von einer massiven planetarischen Katastrophe – etwa einem alle Lebensformen auslöschenden Meteoriteneinschlag – ist es unwahrscheinlich, dass menschliches Leben plötzlich und vollständig verschwindet. Der Klimawandel wird sich weiterhin auch auf nicht-menschliche Arten auswirken, ganz gleich, ob wir an- oder abwesend sind. Aufgrund seiner Komplexität lässt sich schwer vorhersagen, wie verschiedene Ökosysteme in zehn, fünfzig, hundert, tausend oder mehr Jahren aussehen werden. Darum sparen wir das Thema Klimawandel weitgehend aus.

Eine wichtige Variable ist der Zeitpunkt, zu dem wir den Blick auf die Überlebenschancen der Hunde richten. Am ersten Tag nach unserem Verschwinden sehen die Dinge völlig anders aus als ein, hundert, tausend oder zehntausend Jahre, nachdem der letzte Mensch die Erde betreten hat. Je größer der zeitliche Abstand vom Anthropozän, desto stärker sind die verbliebenen Hunde der natürlichen Selektion unterworfen. Wer unmittelbar nach unserem Verschwinden lebt, spürt noch die Auswirkungen menschlicher Zuchtauslese auf Körperbau und Größe, Fell, Schädelform sowie andere physische Merkmale und Verhaltensweisen. In den ersten zwölf bis fünfzehn Jahren nach dem Tag X gibt es zudem Hunde, die ein Zusammenleben mit dem Menschen kennen und in der Vergangenheit zu unterschiedlichen Graden auf uns und die anthropozäne Umgebung angewiesen waren. Unsere Abwesenheit wird von diesen Hunden stärker wahrgenommen als von späteren Generationen. Ist selbst der letzte Mensch verschwunden, beginnen sie zu verwildern, werden dann zu Wildtieren und entwickeln sich schließlich in neue Arten weiter oder sterben aus.

Um die Bedeutung des zeitlichen Rahmens zu betonen, unterscheiden wir zwischen Übergangshunden, Hunden erster Generation und Hunden späterer Generationen. Übergangshunde erleben unser Verschwinden mit; sie hatten direkten Menschenkontakt. Hunde erster Generation stammen von Müttern ab, die Menschenkontakt hatten. Circa fünfzehn Jahre nach dem Tag X gibt es keine Übergangshunde, dreißig Jahren danach auch keine Hunde erster Generation mehr: Hunde späterer Generationen sind ganz und gar posthuman.

Lohnt es sich, über eine menschenfreie Zukunft nachzudenken?

Die Vorstellung einer Zukunft fern des Menschen ist mehr als ein interessantes biologisches Gedankenexperiment. Vielmehr – und darin liegt ihr größter Nutzen und unsere Motivation, dieses Buch zu schreiben – macht sie uns bewusst, wer unsere Gefährten tatsächlich sind und wo die moralischen Konturen der Mensch-Hund-Beziehung liegen.

Terminologie posthumaner Hunde

Übergangshunde: erleben unser Verschwinden mit; sie hatten ein gewisses Maß an Menschenkontakt. Nach circa fünfzehn Jahren gibt es keine Übergangshunde mehr.

Hunde erster Generation: stammen von Müttern ab, welche Menschenkontakt hatten. Nach circa dreißig Jahren gibt es keine Hunde erster Generation mehr.

Hunde späterer Generationen: ganz und gar posthuman.

Vielleicht beginnen wir, gewisse kulturelle Annahmen („Streuner sind hungrig, einsam und unglücklich” oder „Der Hund ist der beste Freund des Menschen”) in Frage zu stellen. Und was noch wichtiger ist: Unser Gedankenexperiment kann Hundeliebhabern die Antwort auf eine unserer brennendsten Fragen näher bringen: Was heißt es, einem vierbeinigen Gefährten ein gutes Leben zu bieten? Und vor allem: Wie kann ich meinem Hund das bestmögliche Leben – ein Leben reich an Erfahrungen, Zufriedenheit und Freude – ermöglichen?

Wir beide verbringen im Rahmen unserer beruflichen Laufbahn unzählige Stunden im Gespräch mit „Hundemenschen” (Hundeliebhaber, -halter und Tierschutzaktivisten) und diskutieren darüber, wie sich ein friedliches Zusammenleben am besten einrichten ließe. Ein immer wiederkehrendes Thema ist, dass Hunde einfach nur Hunde sein wollen. Sie ihren natürlichen Verhaltensweisen nachgehen zu lassen setzt jedoch voraus, dass wir verstehen, was es heißt, ein Hund zu sein – eine komplexe Frage, die sich gar nicht so leicht beantworten lässt. Könnten wir der Lösung näherkommen, indem wir Menschen außer Acht lassen? Ein naheliegender Einwand ist: „Unmöglich! Hunde sind nur darum Hunde, weil sie mit uns zusammenleben. Ihr Daseinszweck ist, unsere Helfer und treue Begleiter zu sein.” Ist dies jedoch tatsächlich die Lebensaufgabe eines Hundes? Ist nicht vielmehr diese Annahme mit ein Grund dafür, dass es uns so schwerfällt, die Identität der Hunde zu verstehen?

Zukunftsszenarien, in welchen Hund und Mensch nicht mehr miteinander verbunden sind, eröffnen neue Blickwinkel auf unsere heutigen Werte und Pflichten. Es mag auf den ersten Blick wenig intuitiv erscheinen, jedoch kann uns die Arbeit an einem Buch über eine menschenfreie Zukunft dabei helfen, eine dringliche Frage zu beantworten: „Wie können wir unseren Hunden das bestmögliche Leben in einer Welt mit uns bieten?”

Im nächsten Kapitel legen wir das Fundament für unser Gedankenexperiment: Wohin entwickeln sich die Hunde ohne unseren Einfluss? Wir versuchen zu verstehen, wer sie heute sind und woher sie kommen. Was wissen Wissenschaftler über die Ursprünge des modernen Haushundes? Wie stark ist dieser von uns abhängig, und inwiefern hat direkte menschliche Manipulation die Art überhaupt erst „geschaffen”? Was wir herausfinden, wird zur Basis unsere Spekulationen zu posthumanen Hundewelten.

1Weisman, World without Us, S. 5.

2Ebenda, 44.

3Jonathon Turnbull, ein Student an der Universität Cambridge, der „die wieder erwachende Ökologie Tschernobyls” erforscht und sich dabei auf Hunde konzentriert, erklärte uns, dass es sich nicht um eine karge Landschaft handle, in der Hunde völlig auf sich allein gestellt wären. Telefongespräch vom 23. April 2020.

4Heid, „How Dogs Would Fare without Us,” 60–65.

5Ebenda, 60.

6Ebenda, 64.

7Ebenda, 64.

8Ebenda, 63.

9Ebenda, 65.

10Ebenda, 62.

11Ebenda, 62.

12Ebenda, 63.

13Ebenda, 64.

14Ebenda, 64.

15Spotte, Societies of Wolves and Free-ranging Dogs, 192.

2. Der Status quo der Hunde

Eine erwachsene Freigängerin kümmert sich um einen am Strand zurückgelassenen Welpen (nahe dem Dorf Batu Bolong).

Verschwindet der Mensch, so lässt er nahezu eine Milliarde Hunde zurück. Wer sind diese Tiere und wie sehen ihre natürlichen Verhaltensweisen und Lebenszyklusstrategien (an ihre jeweiligen Habitate angepassten Lebensweisen) aus? Wie stark hängt ihr Überleben vom Menschen ab? Wir werden feststellen, dass sich dies gar nicht so leicht beantworten lässt. Die Vielfalt vorstellbarer Hundewelten ist enorm, und Tiere machen sich menschliche Lebensräume auf unterschiedlichste Art und Weise zunutze. Dazu kommt, dass unsere Datenpunkte zu Anpassungspotenzial und Verhaltensflexibilität der Hunde überraschend dünn gesät sind. Bevor wir uns in den Kapiteln 3 bis 6 in die Frage vertiefen, was aus den unzähligen posthumanen Hunden wird, wollen wir uns mit dem Status quo vertraut machen: Wer sind die Vierbeiner heute? Inwiefern sind sie vom Menschen abhängig? Welche Strategien setzen sie ein, um in der Welt zurechtzukommen? Die Antworten helfen uns einzuschätzen, wie es ihnen ohne uns erginge und wohin sie sich angesichts eines veränderten Evolutionsdrucks entwickeln könnten.

Der Stammbaum der Hunde

Lassen Sie uns einen Blick nicht auf die individuellen Hunde in unserem Leben werfen – zum Beispiel auf den strubbeligen Vierbeiner, der sich neben Ihnen auf der Couch zusammenrollt oder ungeduldig versucht, Sie zu überzeugen, das Buch wegzulegen und Frisbee zu spielen. Stattdessen wollen wir Hunde aus der Perspektive eines Biologen oder Zoologen betrachten, welcher diese im weiten Feld der Lebewesen verortet, die im Laufe der Evolution auf der Erde entstanden. Wer sind Hunde als Tiere? Diese Übung mag einfach erscheinen. Weiß nicht jeder Volksschüler, dass ein Hund ein Säugetier mit vier Beinen, zwei Augen, einer höchst aktiven Nase und einer Art von Rute ist? Es wird Sie überraschen, zu erfahren, wie wenig wir über unsere besten Freunde tatsächlich wissen.

Wie definiert ein Zoologe die Art „Hund” im Tierreich? Nun, vielleicht zieht er diesen einfach gar nicht in Betracht. In der Wissenschaft besteht eine Tendenz, Hunde nicht als Teil der natürlichen Taxa zu sehen. So werden sie oft nicht in biologische Klassifikationen aufgenommen und kaum in zoologischen Fachbüchern erwähnt. Luka Hunters Carnivores of the World zum Beispiel erwähnt den Haushund kein einziges Mal, und obwohl Hunde in José Castellós einflussreichen Canids of the World vorkommen, so ist ihnen nur ein ein kurzer Absatz gewidmet. Im phylogenetischen Baum der Kaniden fehlen sie.16 (Ein phylogenetischer Baum oder Kladogramm ist ein Diagramm, welches die evolutionären Beziehungen verschiedener Arten veranschaulicht.) Die Unsichtbarkeit der Hunde mag verblüffen, lässt sich aber dadurch erklären, dass phylogenetische Bäume üblicherweise nur „wilde” bzw. durch natürliche Selektion entstandene Tiere kategorisieren. Richtig oder nicht gelten Hunde nun mal traditionell als menschengemachte Artefakte; als Produkte künstlicher Selektion (siehe Grafik S. 28).

Sofern Hunde überhaupt in den phylogenetischen Baum aufgenommen werden, finden wir sie unter Carnivora (großteils fleischfressende Prädatoren), einer Ordnung der Mammalia (Säugetiere). Die Carnivora werden in zwei Unterordnungen eingeteilt: Caniformia (darunter die Hunde) und Feliformia (unter anderem Katzen). Hunde gehören zur Familie der Canidae, „einer morphologisch vielfältigen Familie hundeartiger Raubtiere”17. Diese umfasst sechsunddreißig rezente (heute lebende oder erst vor Kurzem ausgestorbene) Arten.18 Hunde gehören gemeinsam mit Wölfen, Kojoten und Schakalen der Gattung Canis an (siehe Grafik S. 29).

Die Wissenschaftler sind sich nicht darüber einig, ob Hunde als Canis familiaris – ein Name, der Hunde und Wölfe unterschiedlichen Arten zuordnet – oder Canis lupus familiaris – eine Bezeichnung, die den Hund als Unterart des Wolfes sieht – klassifiziert werden sollten. Heute ist Canis lupus familiaris die bevorzugte Nomenklatur, welche auch wir verwenden.

Hunde haben keine Unterarten, jedoch eine Vielzahl verschiedener Rassen. „Rasse” ist keine taxonomische Bestimmung, sondern ein vage definierter Begriff dafür, wie wir Menschen Gruppen domestizierter Tiere – darunter auch Hunde – kategorisieren. Im Allgemeinen versteht man unter einer Rasse eine Gruppe domestizierter Tiere, die bestimmte Verhaltensweisen oder physische Eigenschaften gemeinsam haben, welche sie von anderen Gruppen derselben Tierart unterscheiden.

Ein Blick auf den evolutionären Hintergrund des Stammbaums liefert uns erste Hinweise darauf, wie es den Hunden in einer menschenfreien Zukunft erginge. Weitere Indizien finden sich in den körperlichen Eigenschaften und Verhaltensmerkmalen der Kaniden.

Phylogenetischer Baum der Kaniden. Abgeändert von K. Lindblad-Toh, C. Wade, T. Mikkelsen et al., „Genome sequence, comparative analysis and haplotype structure of the domestic dog” (Nature 438 [2005]: 803–19).

Taxonomie der Hunde. In der Biologie bezeichnet eine Taxonomie ein Modell, welches Organismen in Hinsicht auf ihre gemeinsamen Eigenschaften klassifiziert.

Was macht einen Kaniden aus?

Wie definiert die Biologie einen Kaniden? Allen sind bestimmte körperliche Merkmale gemeinsam: ihre Skelettstruktur, Schädelform, Zähne, Fell und Beine. So sind Kaniden etwa Zehengänger: Sie treten mit den Zehen auf, während ihre Fersen nicht den Boden berühren. Ihre langen, schlanken Beine zeichnen sich durch eine besondere Anpassung ans Laufen aus.

Allen Kaniden sind auch bestimmte Verhaltensweisen gemeinsam: Sie leben in Familienverbänden oder kleinen Gruppen, deren Mitglieder miteinander kooperieren. Auch zeigen sie saisonale Paarungszeiten, Monogamie, Brutfürsorge, alloparentale Pflege (Brutfürsorge durch Tanten, Onkel und nicht verwandte Tiere), soziale Unterdrückung der Fortpflanzung (ein Individuum kann mittels Physiologie oder Verhalten das Paarungsverhalten anderer Individuen in der Gruppe unterbinden), Dominanzhierarchien, langfristige Einbindung junger erwachsener Tiere in soziale Gruppen und Monoöstrus (eine Läufigkeit jährlich). David Macdonald und Claudio Sillero-Zubiri, zwei Raubtierspezialisten an der Universität Oxford, beschreiben dazu noch weitere Verhaltensgemeinsamkeiten: Ihr Verhalten ist flexibel und opportunistisch; sie sind hoch kommunikativ und neigen zum Wandern.19

Im Gegensatz zu all diesen Gemeinsamkeiten gibt es große Unterschiede im Aussehen und in den Lebensräumen der Kaniden. Ein gutes Beispiel für die Vielfalt ist ihre Größe. So wiegt etwa der Fennek oder Wüstenfuchs 1 bis 1,5 kg und passt problemlos in einen Schuhkarton, während Grauwölfe nahezu 70 kg erreichen und sich gerade mal eben in den Kofferraum eines großen Geländewagens quetschen können.

Manche Arten haben ein sehr kleines Verbreitungsgebiet. Der Darwin-Fuchs zum Beispiel lebt ausschließlich auf dem Festland von Chile und der Insel Chiloé. Andere – etwa Grauwolf und Rotfuchs – finden sich auf mehreren Kontinenten. Auch die Lebensräume sehen ganz unterschiedlich aus: Von Wüstenökosystemen über trockenes Grasland, Gebirgslandschaften, Sümpfe und Großstädte bis hin zur Tundra und auf Eisschollen findet man Kaniden überall.