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Das bewährte Nachschlagewerk bietet das komplette Fachwissen, das Züchter für ihre verantwortungsvolle Aufgabe brauchen. Umfassend und aktuell informieren die Zoologin Dr. Helga Eichelberg, die Tierärztinnen Dr. Andrea Münnich und Katharina Bottenberg sowie der Rechtsanwalt Uwe Sprenger über Genetik, Auswahl der Zuchthunde, Deckzeitpunkt, Geburt, Welpenaufzucht und rechtliche Fragen. Auch Themen wie Inzucht, genetische Defekte und Welpensterblichkeit werden behandelt. Ein unentbehrlicher Ratgeber für alle, die sich auf das Abenteuer Zucht einlassen möchten.
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Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ein Buch zu schreiben, ist ein spannendes Abenteuer. Allerdings mit ungewissem Ausgang, denn es ist nicht voraussagbar, wie die Leser reagieren werden. Eine Neuauflage zu erstellen, hat eine ganz andere Qualität. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, aber auch eigene praktische Erfahrungen können dazu führen, dass vieles, was gestern noch stimmte, heute nicht mehr wahr ist. Das betrifft methodische Sachverhalte, aber vor allem auch gesellschaftliche Reaktionen. So stand die Hundezucht noch nie so exponiert im Fokus gesellschaftlicher Kritik, wie das heute der Fall ist. Und auch hierauf angemessen zu reagieren, ist unsere Aufgabe.
Dennoch hat sich am Konzept dieses Buches nichts Grundlegendes geändert. So werden genetische Grundkenntnisse vermittelt, weiterhin Zuchtstrategien diskutiert und die Vorgänge vor und nach der Geburt dargestellt. Ein weiteres Thema ist die Welpenaufzucht. Auch Erkrankungen der Welpen und der Welpenschutz durch Immunisierung werden thematisiert. Und es gibt Antworten auf juristische Fragen, die für heutige Hundezüchter durchaus nicht überflüssig sind.
Hundezucht kann nicht allein auf die Fortpflanzung reduziert werden. Natürlich wird in diesem Buch der Welpe die Hauptrolle spielen. Hundezucht bedeutet aber auch, die Geschichte des Hundes zu vermitteln. Wo liegen seine Wurzeln und wie wurde er zu dem, was er heute ist, nämlich zu einem ganz besonderen Tier mit einer einmalig engen Bindung an den Menschen. Der Hund ist dem Menschen durch alle kulturellen Epochen gefolgt. Er ist ein Teil menschlicher Kulturgeschichte. Und er wurde nicht müde, sich immer wieder neuen Kulturepochen anzupassen. Das macht auch die besondere Verantwortung aus, die wir für dieses Tier haben und der wir durchaus nicht immer gerecht werden.
© Anna Auerbach/Archiv
Wenn in diesem Buch von „dem Hund“ die Rede ist, dann ist dies durchaus wörtlich zu nehmen. Wir möchten uns keineswegs allein auf den Rassehund beschränken, sondern den Mischling voll in unsere Betrachtungen einbeziehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich einige Kapitel mehr mit dem Rassehund beschäftigen werden. Das schließt aber nicht aus, dass wir „den Hund“ im Fokus haben und nicht nur allein den Rassehund.
Wir hoffen, dass es uns mit dieser Neuauflage gelingt, ein Buch vorzulegen, das Züchtern, Hundehaltern und allen am Hund Interessierten Information und Rat geben, aber auch Lesevergnügen bereiten wird.
Ihre
Dr. Helga Eichelberg
—eine lange Geschichte
© Anna Auerbach/Archiv
Die Geschichte vom Wolf zum Hund ist lang, sie ist spannend und noch immer voller Rätsel. Man ging davon aus, dass sie vor etwa 15 000 Jahren begann. Erkenntnisse vor allem aus dem Bereich der Molekulargenetik machen es aber wahrscheinlich, dass sie erheblich älter, vielleicht sogar 135 000 Jahre alt ist. Aber Zeitfragen sind hier nicht ganz so wichtig, zumal es sich um Zeitspannen handelt, die sich unserer Vorstellungskraft ohnehin mehr oder weniger entziehen.
Es ist heute unbestritten, dass der Wolf der Stammvater aller Hunde ist. Diese Sicherheit ist noch nicht alt, denn selbst Konrad Lorenz vertrat noch die Ansicht, einige Hunderassen stammten vom Goldschakal ab. Die ständigen Zweifel an der Abstammung resultierten vor allem aus der versagenden Vorstellungskraft, die ungeheure Vielfalt von mehr als 400 Hunderassen auf nur eine Stammform zurückführen zu können. Das ist auch schwer vorstellbar und verblüfft genauso wie die Tatsache, dass es einem Chihuahua bis zum heutigen Tag gelingt, einen Bernhardiner ohne Probleme als Hund zu erkennen.
Die heutige Sicherheit bezüglich der Abstammung unserer Hunde ergibt sich u. a. aus Gesetzmäßigkeiten, die allgemein zwischen Haustieren und ihren Stammformen gefunden wurden. Dies betrifft z. B. die Reproduktionsleistung: Bezogen auf seinen gesamten Lebenszyklus hat das Haustier in der Regel zahlreichere Nachkommen als seine Stammform. Dies hängt mit der früheren Geschlechtsreife des Haustieres zusammen. Außerdem sind die Phasen zwischen den Paarungsbereitschaften kürzer und im Falle von Vielgeburten werden auch zahlreichere Junge pro Wurf zur Welt gebracht. Für diese Unterschiede gibt es natürlich einen Grund: Das optimal behütete und versorgte Haustier kann mehr Energie in die Nachkommenschaft investieren, als dies beim Wildtier mit seinen gesamten Überlebensproblemen der Fall ist.
© Anna Auerbach/Kosmos
Die Vielfalt der Hunde ist kaum zu übertreffen.
Der Vergleich zwischen dem Reproduktionsgeschehen des Wolfes und des Hundes zeigt ganz deutlich, dass diese Regel auch hier zutrifft. Wölfe werden etwa zweijährig geschlechtsreif, unsere Haushunde sind es in der Regel bereits mit 9 bis 12 Monaten. Die Wölfin ist einmal jährlich paarungsbereit, die Hündin hat einen Zyklus von meist 6 Monaten. Die Wurfgröße schwankt bei der Wölfin in einem engen Rahmen zwischen 4 und 7 Welpen. Ganz anders bei der Hündin, die zwischen einem und 23 Welpen werfen kann.
Der Vergleich der Wurfstärke demonstriert übrigens ganz deutlich, wohin fehlender Selektionsdruck führt. Etwa 5 Welpen sind offenbar optimal, um die Mutter nicht übermäßig zu belasten, um einen Wurf optimal aufziehen zu können und um schließlich den Bestand der Art zu gewährleisten. Das Haustier kann sich dagegen alles leisten und so werden in einer Palette von eins bis 23 auch alle denkbaren Möglichkeiten ausgeschöpft. Gibt es Probleme, so hilft entweder der Tierarzt/die Tierärztin oder es werden Ammen gesucht, Auswege, über die nur das Haustier verfügt.
Auch bei Vergleichen aus dem Bereich der Anatomie gibt es eine ganze Anzahl von Gesetzmäßigkeiten, die zwischen Wildtier und Haustier bestehen. Als Beispiel sei hier die relative Hirngröße genannt. Schon Darwin war aufgefallen, dass Haustiere stets ein relativ kleineres Gehirn besitzen als ihre wilde Stammart. Klatt (1956) verglich dann die Hirngewichte in Relation zur Körpergröße bei Wölfen, Goldschakalen und Haushunden. Er fand, dass Goldschakale im Vergleich zu Hunden stets das kleinere Gehirn haben und somit als Stammform unserer Hunde ausfallen. Wölfe besitzen dagegen, verglichen mit dem Hund, eindeutig das größere Gehirn.
Die Hirnreduktion des Haustieres kann übrigens bis zu 35 % betragen. Sie bezieht sich vor allem auf die Sinneszentren im Großhirn. Durch Kreuzungsversuche zwischen Wölfen und Pudeln konnte Herre (1990) zeigen, dass es sich bei der Hirnreduktion nicht um haltungsbedingte Veränderungen handelt, sondern um genetisch manifestierte Merkmale.
Auch Wölfe haben durchaus kein einheitliches Erscheinungsbild. In geografischer Isolation bilden sich Unterarten als Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen.
In neuerer Zeit konnten die anatomischen und physiologischen Abstammungsnachweise durch molekulargenetische Befunde zweifelsfrei bestätigt werden.
Die Abstammung unserer Hunde ist also geklärt. In Erstaunen versetzt aber noch immer die Vielfältigkeit der Hundetypen, die auf nur eine Stammform zurückgehen. Als Erklärung hilft die Tatsache, dass sich bereits der Wolf durch ein vielfältiges Erscheinungsbild auszeichnet. Wölfe können schwarz, braun, grau oder auch weiß sein. Ihre Schulterhöhe schwankt zwischen 60 und 90 cm und ihr Körpergewicht zwischen 20 und 80 kg. Sie bilden in geografischer Isolation typische Unterarten, d. h., sie passen sich schnell veränderten Umweltbedingungen an.
Unsere Hunde konnten also genetisch gesehen bei ihrem Start „aus dem Vollen schöpfen“. Die Erfahrung lehrt, dass es auch heute problemlos möglich ist, in wenigen Generationen aus einem vorhandenen Hundetyp einen ganz anderen zu kreieren. Wie wir noch sehen werden, ist dies übrigens eine Verlockung, die häufig sträflich ausgenutzt wurde und mitunter teuer bezahlt werden musste – und zwar von den Hunden.
Morphologische Merkmale sind also bei den Hunden züchterisch leicht zugänglich. Verhaltensmerkmale stellen sich dagegen und zum Glück als sehr viel konservativer dar. Hier liegt auch der Schlüssel zu der Frage, weshalb der Chihuahua den Bernhardiner noch immer als Hund erkennt: Beide sehen sich zwar nicht mehr ähnlich, aber beide verhalten sich noch wie Hunde.
Bevor wir uns der Frage nähern, worin die Motivation zur Domestikation des Wolfes bestanden haben mag, sollten noch einige Unklarheiten ausgeräumt werden, die häufig den Begriff „Domestikation“ begleiten.
Der Vorgang der Domestikation ist eine Einbahnstraße, also nicht umkehrbar! Am Anfang steht eine wie auch immer geartete Annährung zwischen Mensch und Tier. Der Mensch übernimmt das Tier in seinen Hausstand und er bestimmt dessen Fortpflanzungsgeschehen, wobei es vor allem darauf ankommt, neuerliche Verpaarungen mit Wildtieren zu vermeiden.
Der langwierige Vorgang der Domestikation hat zwangsläufig Veränderungen bezüglich der genetischen Information des domestizierten Tieres zur Folge. Störende oder im Hausstand nicht notwendige Gene können mutieren und die nun neue Erbinformation an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Die ursprüngliche Merkmalsausprägung wird also durch andere, für die neue Lebensführung nützliche Merkmale ersetzt. Hält diese Entwicklung lange genug an, so ist eine Umkehr ausgeschlossen, weil bestimmte genetische Informationen nicht mehr vorhanden sind. In der Regel ist diese Umkehr aber auch nicht erstrebenswert, denn das Domestikationsgeschehen hat ja gerade die Eigenschaften gefördert, die für das Zusammenleben von Mensch und Tier von Nutzen sind.
Beim Wildtier ist es die natürliche Selektion, die zur perfekten Anpassung an die Umwelt führt, beim Haustier ist es der Mensch mit seinen Zuchtzielen.
Mutationen, also nachhaltige Veränderungen von Genen in einem funktionierendenOrganismus, sind in den weitaus meisten Fällen nachteilig. Das überrascht nicht, denn wenn sich in einem optimierten System zufällig etwas ändert, dann wird dies in den meisten Fällen von Nachteil sein. Vergleichen wir den Organismus mit einem Gedicht: Wenn in einem Gedicht zufällig ein Buchstabe verändert wird, dann ist es auch eher unwahrscheinlich, dass das Gedicht dadurch schöner wird.
Dennoch gibt es Mutationen, die für das Individuum von Vorteil sind. Ohne sie wäre jede Evolution, aber auch jedeDomestikation undenkbar. Auch für den langen Weg vom Wolf zum Hund waren genetische Veränderungen grundlegende Voraussetzungen für den Erfolg. Sowohl anatomische Merkmale als auch solche, die das Verhalten betrafen, mussten sich ändern. So braucht der Wolf zum Überleben Zurückhaltung und eine gesunde Portion Ängstlichkeit. Der Hund braucht dagegen Zutrauen und Bindungsfähigkeit an den Menschen. Gleiches gilt auch für anatomische Merkmale, die dem jeweiligen Verwendungszweck angepasst werden mussten. Hierzu zählen die Kurzbeinigkeit als Eignung für die Baujagd, andererseits die Hochbeinigkeit der mit den Augen jagenden Windhunde oder die Stämmigkeit der Zughunde.
Hieraus aber abzuleiten, dass die Veränderung vom Wildtier zum Haustier eine Veränderung von „gesund“ zu „schwächelnd“ sei, ist falsch. Haustiere sind keine Mängeltiere, sie sind nur anders als die Wildform. Aber „anders sein“ ist kein Synonym für „schlechter sein“. Objekte der Biologie verändern sich stetig mit dem Ziel der Anpassung.
Die menschlichen Zuchtziele sind entweder auf die Nützlichkeit unserer Bedürfnisse ausgerichtet oder sie führen zur Befriedigung unserer Kreativität. Das muss für das Haustier keineswegs von Schaden sein. Eine Grenze wird erst dann überschritten, wenn das gesunde Augenmaß für ein tiergerechtes Leben verloren geht.
Domestikation hat also keine zwangsläufigen Nachteile zur Folge. Ganz im Gegenteil, sie verändert im Sinne einer Anpassung an das neue Umfeld mit neuen Aufgaben.
Das Instrument der Domestikation ist die künstliche Zuchtwahl. Der Mensch unterbricht die evolutionäre Entwicklung des Tieres und ersetzt sie durch Fortpflanzung nach seinen Regeln, die vor allem eine Steigerung der Nutzbarkeit zum Ziel haben.
Häufig verschwindet im Sprachgebrauch der Unterschied zwischen Domestikation und Zähmung. Die Zähmung bezieht sich auf ein Individuum, die Domestikation dagegen auf die gesamte Art. Das verwaiste Rehkitz, das der Mensch aufzieht, wird gezähmt. Es verliert seine Scheu und wird anhänglich. Seine Nachkommen verhalten sich aber so, als hätte die Episode mit dem Menschen nie stattgefunden. Die Domestikation greift dagegen in den genetischen Ablauf ein. Bei entsprechender Zuchtwahl verändern sich die Nachkommen immer mehr dem angestrebten Ziel entgegen.
DOMESTIKATION
Es ist die nachhaltige Veränderung einer Wildform zur Nutzform, wobei der Mensch der Nutznießer ist. Die Domestikation ist wohl das großartigste und bedeutungsvollste biologische Experiment, das sich je abgespielt hat, denn die kulturelle Entwicklung der Menschheit ist ohne Domestikation nicht denkbar.
Ein offenes Feld für Spekulationen ist die ganz allgemeine Frage nach der Motivation zur Domestikation von Wildtieren. Die Antwort scheint zunächst auf der Hand zu liegen: Die Menschen brauchten Schafe, um an Wolle zu kommen, Kühe sollten Milch liefern, Hühner Eier legen und Hunde sollten bei der Jagd helfen und Haus und Hof bewachen. Diese Erklärungsversuche sind aber nicht richtig, denn hier werden die Anfänge der Domestikation mit ihrem Ergebnis erklärt. Weder besaß der Wildtyp des Schafes einen wolligen Pelz, noch legte der Wildtyp heutiger Hühner mehr Eier, als bebrütet werden konnten. Und gewiss hatte auch der Wolf anfänglich keinerlei Neigung zu gemeinschaftlicher Jagd. Die Motivation zur Domestikation von Tieren, die schließlich zu unseren Haustieren wurden, ist ein ungelöstes Rätsel und sie wird es wahrscheinlich auch bleiben, denn Belege sind nicht zu erwarten. Sicher ist nur, dass die heutige Nutzung der Tiere nicht die Ausgangsposition für ihre Domestikation gewesen sein kann.
Und so bleiben auch die Beweggründe für die Domestikation des Wolfes im Dunkeln. Dass es überhaupt dazu kam, wirkt auf uns umso geheimnisvoller, als wir in Mensch und Wolf Nahrungskonkurrenten sehen müssen, und das führt erfahrungsgemäß nicht zur Annäherung, sondern zu Problemen. Doch dürfte dieser Gedanke keine wirklich entscheidende Rolle gespielt haben, weil der Konkurrenzdruck nur aus heutiger Sicht groß ist. Wahrscheinlich gab es vor Tausenden von Jahren genügend Raum und Nahrung für beide – für Mensch und Wolf.
Auf der Suche nach Erklärungen für die Domestikation hilft die Vorstellung, dass die Wölfe damaliger Zeit sicher anders waren, als sie sich heute darstellen, denn nicht nur der Hund, sondern auch der Wolf hat Jahrtausende für seine Evolution zur Verfügung gehabt. Es ist wahrscheinlich, dass damalige Wölfe bei Weitem nicht so scheu waren, wie dies heute der Fall ist, denn sie wurden nicht bejagt. Durch Selektion konnten sich aus vermutlichen Ausgangstieren zwei Extreme entwickeln: In der freien Wildbahn überlebte nur das besonders vorsichtige Tier, das zum heutigen Wolf führte, und im Haus wurden Nachkommen mit möglichst großer Zutraulichkeit bevorzugt, die dann schließlich unsere Hunde wurden.
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Auch der Wolf hatte Jahrtausende Zeit, sich zu verändern.
Für die erste Annäherung zwischen Mensch und Hund kommen wahrscheinlich weniger romantische Begebenheiten infrage, sondern eher banal oder sogar brutal erscheinende Vorgänge. So sieht Herre (1990) den Start der Domestikation des Wolfes in einer Art „Kühlschrankfunktion“. Wenn Menschen sehr ergiebige Beute machten, könnten sie das, was sie selbst nicht verzehren konnten, den Wölfen überlassen haben, um diese dann wohlgenährt in nahrungsknapper Zeit zu verspeisen. Auf diesen Gedanken kam Herre durch typische und immer wiederkehrende Kopfverletzungen, die er an Wolfs- bzw. frühen Hundeschädeln fand. Sie sahen wie gezielte Schlagverletzungen aus. Auch der bekannte Wolfsforscher Erik Zimen geht bei der ersten Nutzung des Hundes von einer Abfallbeseitigung aus. Er stützt seine These auf Studien des Zusammenlebens der Turkana, eines afrikanischen Volksstamms, mit ihren Hunden. Dort spielen die Hunde bis zum heutigen Tag eine wichtige Rolle bei der Abfallbeseitigung jedweder Art. Diese Aufgabe erscheint nur uns als Nutznießer komfortabler Mülldeponien banal und zweitrangig. In Zeiten einfacher Lebensformen kann sie aber lebenswichtig gewesen sein.
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Bei vielen Naturvölkern spielen die Hunde auch heute noch eine Rolle bei der Abfallbeseitigung.
Doch so ganz zufriedenstellend sind diese Erklärungsversuche nicht. Natürlich sind stammesgeschichtliche Vorgänge schwierig nachzuvollziehen, denn es fehlen stets Dokumente oder gar Zeitzeugen. So ist man neben wissenschaftlichen Untersuchungen wie etwa DNA-Analysen vor allem auf Plausibilität angewiesen. Doch genau daran fehlt es im Falle des Hundes. Deshalb erwägen Wissenschaftler in neuerer Zeit immer ernsthafter, die Idee von der Domestikation des Wolfes ganz aufzugeben und die Annäherung beider Arten vielmehr als das Ergebnis einer Koevolution anzusehen.
KOEVOLUTION
Evolutionsbiologen sprechen von einer Koevolution, wenn zwei Arten während eines langen Zeitraumes sehr eng miteinander verknüpft waren und sich aus entstandenen Interaktionen Anpassungen ergeben haben, die beiden Arten zum Vorteil gereichen. Ein typisches Beispiel von Koevolution sind Anpassungen von Blüten und deren Bestäubern.
Natürlich bezieht sich im Falle von Mensch und Wolf die Koevolution nicht auf anatomische Merkmale. Der Zusammenhalt beider muss sich von Anfang an auf ein soziales Miteinander bezogen haben. Hierfür war die Voraussetzung denkbar günstig, denn beide lebten nicht als Einzelgänger, sondern in kleinen umherziehenden Gruppen, was ja stets ein gewisses soziales Verhalten voraussetzt. Allerdings muss der Unterschied beider Gruppen groß gewesen sein. Die Stärke des Wolfsrudels begründete sich auf der Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln, während die frühen Menschen bezüglich sozialer Kompetenz erhebliche Mängel aufwiesen. Der österreichische Wissenschaftstheoretiker Erhard Oeser beschreibt dies in seinem Buch „Hund und Mensch“ (2009) unmissverständlich: „Denn alles, was man von der genetischen Veranlagung der Hominiden, sei es Australopithecus, Homo erectus oder Neandertaler weiß, deutet darauf hin, dass sie in ihrem Sozialverhalten den heutigen Affen sehr ähnlich waren, aber in einer Eigenschaft alle damals und heute lebenden Affen bei Weitem übertrafen: in ihren unbegrenzten Fähigkeiten zu Mord und Totschlag.“
Wie auch immer die Vorgeschichte verlief, sicher bezog sich das gemeinsame Handeln von Mensch und Wolf zunächst auf die Jagd, ein grundlegendes gemeinsames Interesse, wobei der Wolf dem Menschen sicher haushoch überlegen war. Jagdtalent brachte er mit. Es musste nur noch vom Menschen nutzbringend kanalisiert werden. Die jagdliche Nutzung des Hundes ist durch zahlreiche Höhlenzeichnungen belegt. Die älteste bekannte Darstellung eines Hundes stammt aus einer Höhle Anatoliens. Sie wird auf 7 000 bis 6 000 v. Chr. datiert, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Kulturgeschichte.
Mit der kulturellen Evolution des Menschen entwickelten sich schließlich auch gesellschaftliche Strukturen, die zu unterschiedlichen Lebensformen führten. Es gab bald Herrschende und Unterdrückte, Reiche und Arme und solche, die arbeiten ließen, und die, die die Arbeit machten. Damit wurden natürlich auch die Ansprüche an den „Begleiter Hund“ differenzierter, denn jede Schicht brauchte „ihren Hund“. So waren Hunde die „Pferde des kleinen Mannes“. Sie mussten tragen und ziehen, sie bewegten Mühlsteine und überhaupt alles, was stetig bewegt werden musste. Auch die Abfallbeseitigung war noch eine Aufgabe, und sie hielten Haus und Hof von Ratten und anderen Mitessern frei.
Von wachenden Hunden ist erst recht spät die Rede. Sie waren vor allem bei den Römern als Wächter von Haus und Hof bekannt. Hier avancierten sie auch schon zum Statussymbol, denn reiche Leute hielten sich einen Wachhund, während der arme Mensch sich mit Gänsen begnügen musste.
In Kriegen hatte der Hund dagegen schon sehr früh einen festen Platz. So waren überall in der antiken griechischen Welt molosserartige Hunde feste Bestandteile der Kriegsausrüstung. Sie wurden wie wertvolle Schätze gehegt und gepflegt, sie wurden hervorragend trainiert und es gibt ausführliche Beschreibungen über die gezielte Zucht und aufwendige Ausbildung dieser alten Kriegshunde.
An den königlichen Höfen spielten Hunde bis in das späte Mittelalter eine außerordentliche Rolle. Das Privileg der Jagd gehörte allein dem Adel und somit auch das Privileg, kostbare Jagdhunde zu züchten und zu halten. Man definierte seinen Reichtum geradezu über die Größe der Hundemeute. Es gab auch schon sehr früh Spezialisten wie Treiber, Stöberer oder auch besondere Begabungen für die Baujagd.
© A Social History of the Dog in Art, published in 1992 by Antique Collectors'Club Ltd., Woodbridge, Suffolk, England
Sammlung vor der Jagd. Je größer die Hundemeute, umso höher das Ansehen des Jagdherrn (The Hunt Meeting by Charles Olivier de Penne).
Im Mittelalter nahm dann auch die Gruppe der „Damenhunde“ an Anzahl zu. Sie waren natürlich nur einem kleinen Kreis adliger Damen vorbehalten. Die Schoßhündchen hatten hier mannigfache Funktionen. Sie vertrieben die unweigerliche Langeweile, trösteten bei Kummer und beruhigten bei Angst. So verbarg Maria Stuart auf dem Weg zum Schafott ihr Lieblingshündchen unter ihrer Jacke. Wahrscheinlich erhoffte sie sich von seiner Nähe Trost. Und Liselotte von der Pfalz, die 1671 an den französischen Hof verheiratet worden war, beschreibt in einem Brief an ihre Tante, die Kurfürstin von Hannover, eine weitere Funktion der Damenhündchen, die bei der Unbeheizbarkeit der Schlösser und Burgen sehr plausibel ist: „Von einer Eider-Daunendecke habe ich nie im Leben noch nichts gehört. Was mich rechtwarm im Bett hält, sind sechs kleine Hündchen,so um mich herumliegen. Keine Decke hält so gut warm als die guten Hündchen.“ Ein Physiologe hat errechnet, dass sechs kleine Hündchen von je 4 kg Körpergewicht pro Stunde etwa 200 Kilojoule Energie liefern; das ist fast so viel Wärme, wie sie die Fürstin selbst erzeugte! Diese Schoßhündchen, wozu auch die Pekinesischen Palasthunde Chinas zu rechnen sind, mussten nicht arbeiten, sondern nur gefallen. Beschreibungen zeigen, dass sie schon damals so exaltiert in Aussehen und Verhalten waren, wie es bei vielen heutigen Hunderassen der Fall ist.
© Niedersächsisches Landesmuseum Hannover
Pekinesen, Malteser und Papillons wurden häufig als „Damenhunde“ gehalten (Bildnis: Frau Luther von Lovis Corinth, 1911). Doch die meisten kleinwüchsigen Hunderassen waren wackere Arbeitshunde.
Erheblich rauer ging es für die Schar der Hunde zu, deren Lebensberechtigung allein aus der Arbeit für oder mit dem Menschen resultierte. Zwischen ihnen und den heutigen Hunden bestand ein wesentlicher Unterschied: Sie waren trotz des Haustierstandes einer erbarmungslosen Selektion ausgesetzt, denn sie mussten gesund an Leib und Seele sein. Es zählte nur Brauchbarkeit und Leistung. Wer den Anforderungen nicht genügte, blieb auf der Strecke. Das war für das Individuum sicher nicht immer angenehm, für die gesamte Hundepopulation aber von größtem Vorteil. Schwächelnde Tiere, Krankheiten und Defekte hatten keine Chance, sich zu etablieren.
Es darf allerdings nicht der Eindruck entstehen, die „gute alte Zeit“ hätte keine Schattenseiten gehabt. Das entspräche nicht der Wirklichkeit. Auch in der Antike und im Mittelalter gab es bereits menschliche Entgleisungen jedweder Art. So ist bekannt, dass zum Behufe des Protzens ägyptischen Pharaonenhunden kostbare Edelsteine in ihr seidiges Fell geflochten wurden. Auch die großen Hunde des griechischen Feldherrn Alkibiades hatten unter der Eitelkeit ihres Herrn zu leiden. Zunächst trugen sie breite Goldhalsbänder. Das tat noch nicht weh. Als diese dann aber kein Aufsehen mehr erregten, ließ Alkibiades ihnen die Schwänze abhacken, um wiederum selbst zum Gesprächsthema zu werden.
Auch fantastische Kaufpreise sind keine Erfindung unserer Zeit. Der griechische Geschichtsschreiber Plutarch berichtet, ein vorzüglicher Hund sei etwa zwanzigmal teurer als ein männlicher Sklave, von weiblichen Sklaven ganz zu schweigen!
Hundesalons sind ebenfalls kein Ergebnis unseres Wohlstandes. In einem Gemälde aus dem 13. Jahrhundert wird dargestellt, wie Hunde pedikürt, massiert, geschoren und gekämmt werden.
Ebenso hat die hässlichste menschliche Entartung bezüglich des Hundes eine lange Vergangenheit, nämlich der Hundekampf. In Rom kämpften Hunde gegen Bären, Löwen und Gladiatoren und auch an den Höfen des Mittelalters hatten Hundekämpfe einen hohen Unterhaltungswert.
© Cliché Bibliothequé nationale de France
Hundepflege im 15. Jahrhundert. Das Bild entstammt dem „Livre de Chasse“, einem Kompendium über die feudale Jagd.
Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen damals und heute, und zwar nicht bezüglich der Qualität, sondern der Quantität der Entartungen. In alter Zeit gab es nur wenige Menschen, die sich Prunk und Protz mit ihrem Hund leisten konnten, während das „Volk“ völlig andere Sorgen hatte, nämlich zu überleben. Heute dagegen ist es zumindest theoretisch jedem möglich, Hunde als Statussymbol oder zur Aufwertung von fehlendem Selbstwertgefühl zu halten. Mit anderen Worten, früher blieben Entgleisungen überschaubar gering, heute drohen sie mitunter außer Kontrolle zu geraten.
Doch zurück zur Geschichte des Hundes: Sie änderte sich in Europa in der Mitte des 19. Jahrhunderts grundlegend, wie sich auch die Kulturgeschichte der Menschen grundlegend änderte. Auslöser dieser Veränderungen war die rasant fortschreitende Industrialisierung. Sie hatte zur Folge, dass Tiere und somit auch Hunde aus den Arbeitsprozessen verdrängt wurden. Hunde wurden Arbeitslose der Industriegesellschaft.
Zwangsläufig änderte sich dadurch ihre Rolle im Zusammenleben mit den Menschen. Sie avancierten zu Familienmitgliedern. Einige Tiere, wie etwa die Jagdhunde, behielten zwar noch ihre „Arbeit“ und dennoch hatte auch diese, verglichen mit den Zeiten davor, mehr oder weniger Freizeitcharakter. Diese neue Rolle machte das Hundeleben zwar angenehmer und weniger mühevoll, aber der Komfort musste teuer bezahlt werden, denn von nun an entfiel die Selektion auf Gesundheit und Leistung. Diese entscheidende Wende macht den Hunden, egal ob Rassehund oder Mischling, noch heute zu schaffen.
© Anna Auerbach/Kosmos
Während Hunde früher einer Arbeit nachgingen, sind sie heute Teil der Familie, jedoch meist ohne Aufgabe.
Die neue Rolle, die der Hund nun spielte, fand ihren deutlichsten Ausdruck in der Gründung der Zuchtvereine. Sie entstanden in der überwiegenden Zahl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihre Gründer hatten bereits konkrete Vorstellungen vom künftigen Aussehen ihrer Rasse. Das war eine großartige Leistung menschlicher Fantasie, denn die Stammhunde der verschiedenen Rassen waren weit davon entfernt, diesem Rasseideal bereits zu entsprechen. Sie waren bezüglich ihres Exterieurs (äußeren Erscheinungsbildes) nicht mehr als Halbfertige.
Um der Zucht einen Weg vorzugeben, wurden Rassestandards definiert, eine notwendige Voraussetzung für eine zielstrebige Zucht. 1859 fand bereits die erste Hundeausstellung statt, und zwar in England, das lange Zeit in Europa das führende Land der Tierzüchter war.
Bis hierhin war die Hundegeschichte in Ordnung. Sie hatte Höhen und Tiefen, aber sie verfolgte konsequent den eingeschlagenen Weg, den Hund zum selbstverständlichen Partner des Menschen zu machen.
Bis hierhin habe ich mich als „Berichterstatter“ gesehen. Jetzt, da wir in der Zeit der modernen Rassehundezucht angekommen sind, mit deren Folgen wir uns bis heute auseinandersetzen müssen, verändere auch ich meine Rolle. Ich verlasse das Terrain des Berichtens und beziehe Stellung.
© The Kennel Club Library
Wohlbekleidete Herren trafen sich zur gemütlichen Runde, um unter sich den schönsten Hund auszumachen (An Early Canine Meeting by R. Marshall, 1855).
Im weiteren Zuchtgeschehen wurde schon bald ein Dilemma deutlich, das die gesamte Tierzucht zwangsläufig begleitet: Angestrebte Zuchtziele werden naturgemäß früher oder später erreicht. Und was geschieht dann? Kein Züchter möchte auf der Stelle treten. Er möchte kreativ sein, er möchte weiterentwickeln. Aber in welche Richtung? Dazu bietet sich eigentlich nur ein Weg an, nämlich der Weg über das angestrebte Zuchtziel hinaus. Dies machte sich in der Nutztierzucht durch eine Produktionssteigerung bemerkbar, die letztlich nicht mehr zu verantworten ist. In der Hundezucht war es die „züchterische Kreativität“, die nun voll zum Zuge kam.
Im Laufe weniger Generationen wurden großwüchsige Rassen zu Riesen umgestaltet, kleine Hunde wurden winzig, Kurzkieferigkeit tendierte zu nasenlos und quadratisch befand sich auf dem besten Weg, hochkant rechteckig zu werden.
Es sind also nicht die Rassestandards, die die heutige Hundezucht belasten, denn es gibt keinen Standard, der den kranken oder entstellten Hund fordert. Es sind die Überinterpretationen dieser Standards, die man auch als züchterische Entgleisungen bezeichnen kann. Wenn Züchter und Zuchtverantwortliche (auch Zuchtrichter) das rechte Augenmaß verlieren und ihnen das Gefühl für die Verantwortung gegenüber dem Tier abhandenkommt, dann ist voraussagbar, dass Rassen früher oder später in die züchterische Sackgasse geraten. Und aus dieser gibt es keinen Weg heraus, es sei denn rigorose Umkehr, bevor man sich vollends festgefahren hat. Das darf aber nicht bedeuten „zurück zum Wolf“, sondern „zurück zum Rassestandard“!
Beispiele für eine übertriebene Auslegung des Rassestandards kann man für viele Rassen benennen. Sie sollten aber nicht als Plädoyer gegen die Rassenvielfalt unserer Hunde verstanden werden. Es ist nichts gegen große oder kleine, brachyzephale oder chondrodystrophe (kurzbeinige), hochbeinig schmale oder solche mit kurzem Rücken einzuwenden. Diese Merkmale sind auch keine Erscheinung der heutigen Zeit. Sie sind bereits durch alte Knochenfunde dokumentiert. Doch die Übertreibung der Merkmale ist eine sehr typische Erscheinung der heutigen Zeit!
Morphologische Merkmale von Hunden sind sehr variabel und beflügeln somit geradezu die züchterische Fantasie – oft zum Leidwesen der Hunde.
Eine strenge Selektion auf Gesundheit und Leistung ist vielen Rassen abhandengekommen und nicht nur dieses, sondern es fehlt an Verantwortungsbewusstsein und Interesse am Wohle der Tiere. Somit entstanden extreme Züchtungen, die nicht nur geschmacklos sind, sondern eine große Einschränkung der Lebensqualität bis hin zur Qualzucht bedeuten.
Als trauriges, aber treffendes Beispiel für Standardübertreibungen und seine Folgen stehen die brachyzephalen Rassen, also Hunde mit verkürzten Schnauzen. Rassen dieser Gruppe reagieren sehr unterschiedlich und vor allem vielfältig auf die Folgen einer übertriebenen Brachyzephalie. Besonders belastet ist der einst fidele Mops, der geradezu zum Sinnbild der Qualzucht geworden ist. Und das ist leider berechtigt, denn seine Leiden betreffen nicht nur körperliche Einschränkungen verschiedener Art, sondern sie gehen weit darüber hinaus. Stark betroffene Tiere leiden hörbar. Sie ringen nach Luft und das bedeutet Lebensangst.
Es ist erschreckend, dass wir alle diesen tierschutzrelevanten Praktiken zugesehen haben, ohne ernsthaft einzuschreiten. Erst heute entstehen konsequente Aktionen, um diesem Treiben ein Ende zu setzen (siehe hierzu Qualzucht).
Es ist unfassbar, wie weit Menschen zu gehen bereit sind, um ihren Drang zur Kreativität zu befriedigen.
Hier hört nun die Geschichte des Hundes auf und wir befinden uns in der Gegenwart. Wacker hat sich der Hund als unser Begleiter durch sämtliche Epochen unserer Kulturgeschichte geschlagen. Er ist in seiner Unermüdlichkeit zu bewundern, uns ein selbstloser Partner zu sein. Manchmal ist er auch in seiner sorglosen Zutraulichkeit zu beneiden, doch mitunter auch als Leidtragender menschlicher Charakterschwächen zu bemitleiden.
Es ist erstaunlich, dass der Hund nie müde wurde, uns durch dick und dünn bedingungslos zu begleiten. Dieses Phänomen bezeichnet Zimen als seine „doppelte Identität“. Mit diesem Begriff beschreibt er eine Eigentümlichkeit, die bereits bei Welpen zu beobachten ist, sich nämlich „nicht nuran seine Artgenossen sozial zu binden, sondernauch an eine fremde Art, nämlich den Menschen und diesem sogar den Vorzug zu geben“. Dieses Verhalten ist bei keinem anderen Tier zu beobachten und es macht den Hund in seinem Verhältnis zum Menschen so einzigartig. Wir müssen auch nicht fürchten, dass er uns zukünftig im Stich lassen wird. Das kann er nämlich gar nicht mehr. Ob Rassehund oder Mischling, beide sind in allen ihren Lebensbereichen von uns abhängig. Diese Tatsache sollte uns aber nicht in erster Linie selbstsicher, sondern verantwortungsbewusst machen.
Das Aussehen heutiger Rassehunde hat sich in kurzer Zeit zu stark verändert. Als Beispiel steht hier der Bedlington Terrier. Hier ein Foto zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
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Im Laufe nur weniger Generationen hat sich der Bedlington Terrier sehr verändert.
Für Kompetenz in Sachen Hundezucht und Hundehaltung steht in Deutschland der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH). In dieser Dachorganisation sind Vereine zusammengeschlossen, die nach strengen Kriterien Rassehunde züchten. Ihr wichtigstes Instrument ist die Zuchttauglichkeitsprüfung, die alle zur Zucht verwendeten Hunde bestehen müssen. Anlässlich dieser Prüfung werden Gesundheit, soziale Verträglichkeit und Leistungsfähigkeit der Kandidaten festgestellt. Die Aufzucht der Welpen wird von geschulten Zuchtwarten überwacht. In diesem Verband sind die Zeichen der Zeit erkannt, nämlich neben einer strengen Selektion der Zuchttiere auch dafür zu sorgen, dass Züchter und Hundehalter Sachkenntnis erwerben können.
Zeitgemäße Hundezucht und Hundehaltung ist nur zu erwarten, wenn bei Züchtern und Haltern Sachkunde vorhanden ist. Zu deren Vermittlung hat der VDH vor Jahren eine Fortbildungsakademie ins Leben gerufen. Wissenschaftler der tierärztlichen Fakultäten, Zoologen und auch erfahrene Kynologen übernehmen den Unterricht. Diese Veranstaltungen sind allen Mitgliedern der Zuchtvereine zugänglich und sie werden hervorragend angenommen. Im Jahr 2019 besuchten 1 890 Interessierte die Fortbildungsveranstaltungen.
Jeder Hund kann erzogen werden. Zwar gibt es rassespezifische, aber auch individuelle Unterschiede bezüglich der Begabung, was dazu führt, dass eine gesellschaftsverträgliche Erziehung bei einem Hund einfacher, bei einem anderen zeitaufwendiger ist, aber erziehbar sind sie alle. Doch für eine gute Erziehung und ein an den Hund angepasstes Training braucht es Wissen. Und so kann es nützlich sein, professionelle Hilfe zu bekommen. Auch diese vermittelt der VDH. Unabhängig von der Fortbildungsakademie bietet er die Möglichkeit an, einen Hundeführerschein zu erwerben. Der Prüfung gehen sowohl theoretischer Unterricht als auch praktische Übungen voraus.
Außerdem kann man in vielen Zuchtvereinen auch eine Begleithundeprüfung erwerben, die ebenfalls Theorie und Praxis voraussetzt. Beide Möglichkeiten sind bestens geeignet, das Team „Mensch und Hund“ gesellschaftsfähig zu machen.
Um seine Kompetenz zu erweitern, beruft der VDH seit 1987 einen wissenschaftlichen Beirat. Dieser berät den Vorstand und die Zuchtvereine in Fragen, die einer wissenschaftlichen Begleitung bedürfen. Maßnahmen dieser Art sind der richtige Weg, um zeitgemäße Hundezucht und -haltung gewährleisten zu können. Vorwiegend bei Zuchtmaßnahmen, die immer Langzeitprogramme sind, kommt es darauf an, den richtigen Weg einzuschlagen, um zum Erfolg zu kommen.
Es gibt noch eine weitere in Deutschland einmalige Institution, die den gesunden Hund fördert, nämlich die Gesellschaft zur Förderung kynologischer Forschung (GKF). Ihre Aufgabe besteht in der finanziellen Unterstützung von Forschungsprojekten für den Hund. Dieses ist ein überaus wichtiges Ziel, denn der Forschungsbedarf auf allen kynologischen Gebieten steht in keinem rechten Verhältnis zu den Mitteln, die für die Forschung zur Verfügung stehen.
Der Slogan des Verbandes „VDH – wenn es um den Hund geht“ ist durchaus wörtlich zu nehmen. Der VDH bemüht sich, auch die Halter von Mischlingshunden zu unterstützen. Allerdings ist dies besser gesagt, als getan, denn bezüglich ihrer Zucht hat der VDH natürlich keinerlei Einfluss. Dies gereicht den Mischlingen durchaus nicht zum Vorteil, denn die hartnäckige und weitverbreitete Aussage, Mischlinge seien gesünder und langlebiger als Rassehunde, ist ein fataler Irrtum. Warum sollten sie auch? Denn Mischlinge sind vor allem eins, nämlich Hunde mit all ihren Vorzügen, aber eben auch mit ihren Erkrankungen.
Der VDH bietet Haltern von Mischlingen anlässlich der jährlich zwei großen Ausstellungen in Dortmund an, ihre Hunde vorzustellen. Die Platzierung der Mischlinge in einem Wettbewerb macht viel Spaß, ist aber nicht einfach, weil es natürlich keinen Standard gibt, an dem sich die Richter orientieren können. Hier sind es andere sehr wichtige Kriterien, die zum Erfolg führen, nämlich der Pflegezustand des Hundes, seine Verträglichkeit und z. B. die Harmonie zwischen Mensch und Hund. Auch im gesamten sportlichen Bereich sind Mischlinge willkommen. Lediglich die Meisterschaft in den verschiedenen Disziplinen bleibt den Rassehunden vorbehalten.
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Mischlinge (hier Dackelmischling) und Rassehunde haben eine wunderbare Gemeinsamkeit, nämlich „Hund“ zu sein. Wem der Hundefreund den Vortritt gibt, ist schließlich Geschmacksache.
Trotz unbestrittener Missstände, die auch heute noch in der Hundezucht und Hundehaltung existieren, besteht kein Grund zur Resignation. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich vieles zum Wohle des Hundes verändert. Viele der Aktivitäten, die heute im VDH und in seinen Mitgliedsvereinen mit Selbstverständlichkeit praktiziert werden, wären in der Vergangenheit nicht einmal als diskussionswürdig angesehen worden.
Und dennoch besteht auch kein Grund zur Selbstzufriedenheit, denn es gibt noch viel zu tun. Das betrifft vor allem das praktizierte Zuchtgeschehen und das Bemühen um ein größeres Verständnis für eine tiergerechte Hundehaltung.
— Grundlagen, Erbgänge und Analysen
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Die Genetik ist ein junger Wissenschaftszweig, der in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Wissenszuwachs erfahren hat. Zwar gibt es auch hier noch offene Fragen, aber alles in allem sind die Fortschritte in der Kürze der Zeit sowohl in der allgemeinen als auch in der molekularen Genetik überwältigend.
Anders verhält es sich mit den speziellen Kenntnissen bezüglich der Vererbung bei Hunden. Zwar ist das Genom des Hundes nahezu aufgeklärt, aber beim Studium der allgemeinen Hundegenetik tauchen vorwiegend Bekenntnisse der Unsicherheit auf. Dies liegt zum einen daran, dass es für Wissenschaftler in der Vergangenheit keine hohe Priorität hatte, sich mit der Vererbung des Hundes zu befassen. Der Hund ist kein Nutztier und seine Genetik somit ohne wirtschaftliches Interesse. Zum anderen waren die Hundezüchter auch nicht unbedingt bereit, sich in ihre „schöpferische Tätigkeit“ hineinreden zu lassen. Sie verteidigten ihr ureigenstes Feld der Intuition und Tradition. Sie sahen keinen Anlass, sich mit der Genetik auseinanderzusetzen, zumal sie ihr ohnehin nicht trauten.
In den letzten Jahren hat sich vieles in erfreulicher Weise geändert. Das wissenschaftliche Interesse am Genom des Hundes hat nachhaltig zugenommen und verantwortungsvolle Züchter haben längst eingesehen, dass genetische Grundkenntnisse das Handwerkszeug moderner Hundezucht sind.
Ich möchte in diesem Kapitel genetische Grundkenntnisse vermitteln, soweit sie praxisrelevant sind. Es sollte ein sehr ernstes Anliegen aller Züchter sein, sich in genetischen Grundvorgängen und in den Gesetzmäßigkeiten der Erbgänge auszukennen. Außerdem sollte auch jeder in der Lage sein, Überraschungen so mancher Zuchtergebnisse richtig deuten zu können.
Allerdings dürfen hieraus keine falschen Hoffnungen erwachsen, denn auch die konsequenteste Umsetzung genetischer Prinzipien führt nicht zur Erzeugung ausschließlich überragender Rassevertreter. Das sollte aber auch gar nicht das erklärte Zuchtziel sein, denn gute Züchter zeichnen sich durch die Zucht gesunder und gleichmäßig standardgerechter Hunde aus. Den begehrten „Champion“ zu züchten, ist nicht planbar. Es bleibt selbst für den Genetiker Wunschdenken und ist nach wie vor Glückssache.
Gute Kenntnisse bezüglich genetisch bedingter Abläufe verschaffen dennoch einen großen Vorteil gegenüber Unwissenheit und Fehldeutungen. Sie helfen nämlich, offensichtliche Fehler zu vermeiden. Und das ist in der Tierzucht bereits außerordentlich viel und langfristig die Basis einer erfolgreichen Zucht.
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Teckel sind extrem vielgestaltig. Die Hunde können in verschiedenen Größen, unterschiedlichen Farben und variierenden Haartypen auftreten.
Höhere Organismen, gleichgültig, ob es sich um Pflanzen, Tiere oder den Menschen handelt, bestehen in ihren kleinsten Funktionseinheiten aus Zellen. In diesen mikroskopisch kleinen Untereinheiten laufen sämtliche lebenswichtigen Funktionen ab. Ihren unterschiedlichen Aufgaben entsprechend besitzen die Zellen spezifische Bestandteile. So ist eine Leberzelle anders ausgerüstet als eine Hautzelle und diese wieder anders als eine Zelle der Lunge. Ein Baustein ist aber allen Körperzellen gemeinsam, nämlich der Zellkern.
Der Zellkern ist es, der uns im Zusammenhang mit der Genetik interessieren wird. Er enthält nämlich die Chromosomen, die wiederum Träger der Gene sind, also der kleinsten Einheiten genetischer Information.
Jedes Chromosom besteht im Wesentlichen aus einer durchgehenden DNA-Doppelhelix, die die eigentliche Erbsubstanz darstellt. Das hört sich sehr theoretisch an und das ist es auch, weshalb ich auch nicht zu sehr in die Tiefe gehen werde.
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Als gemeinsames Merkmal besitzen alle Körperzellen einen Zellkern, der die paarigen Chromosomen enthält. Spezifische Abschnitte stellen die Gene dar, die Träger der Erbinformation.
Der Begriff der DNA ist heute in aller Munde, sei es im Bereich der Kriminalität, der Herstellung von Medikamenten, des Abstammungsnachweises oder was auch immer. DNA steht für Desoxyribonukleinsäure, im englischen Sprachgebrauch desoxyribonucleic acid. Sie besteht aus einem sehr langen, fadenförmigen Molekül. An ihrem Aufbau sind Zuckermoleküle, Phosphat und vier organische Basen beteiligt: Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin. Die Anordnung und Frequenz dieser vier Basen macht die eigentliche Spezifität der Genwirkung aus.
Typischerweise bilden jeweils zwei solcher DNA-Fäden die DNA-Doppelhelix.
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DNA-Doppelhelix. Im unteren Bereich hat sich der Doppelstrang gelöst. Sein rechter Teil funktioniert wie eine Matritze. Daran entsteht eine Kopie, die als Informationsüberträger dient. Sie wird aus dem Zellkern ausgeschleust und gelangt in das Zellplasma.
„Helix“ heißt übersetzt „Windung“. Mit dem Begriff der Doppelhelix wird also die spiralige Aufwindung je zweierDNA-Fäden beschrieben. Man kann diese Doppelhelix auch mit einer Wendeltreppe vergleichen, wobei die organischen Basen die Treppenstufen darstellen.
Die spiralige Aufwindung der DNA ist übrigens ein wunderbarer Trick, um die sehr langen Fäden zu verkürzen und um bestimmte Abschnitte der Fäden identisch kopieren zu können. Wenn sich nämlich beide Fäden voneinander lösen, kann entlang eines jeden Stranges dessen genaue Kopie synthetisiert werden. Die exakte Kopie ist für die Übertragung der genetischen Information unbedingt wichtig, denn die Anordnung und Reihenfolge der Basen bestimmt den Code der Information.
CHROMOSOMEN
Die Chromosomen aller Körperzellen liegen mit Ausnahme der Geschlechtschromosomen, auf die wir noch kommen werden, stets paarig vor. Jede Art besitzt eine charakteristische Anzahl von Chromosomenpaaren. Beim Hund sind es 39 Paare.
Ganz vereinfacht dargestellt, läuft die Übersetzung des Codes in das genetische Merkmal folgendermaßen ab: Lösen sich die Stränge in bestimmten Bereichen, werden im Zellkern identische Kopien dieser Bereiche hergestellt. Diese werden als Informationsträger aus dem Zellkern herausgeschleust und in das Zellplasma transportiert. Hier regen sie die Synthese spezifischer Proteine an, die dann ihrerseits über neue Synthesen zur Ausprägung des kodierten Merkmals führen. Ob Ihr Hund schwarz oder braun, groß oder klein, lerneifrig oder ein Dummchen ist, bestimmt also letztendlich ein kleiner Abschnitt eines DNA-Moleküls, den man auch Gen nennt.
Zusammenfassend können wir feststellen, dass die Erbinformation eines Individuums als DNA-Doppelhelix vorliegt, dass diese in Chromosomen portioniert ist und dass bestimmte Abschnitte der Chromosomen die kleinsten Einheiten der genetischen Information, nämlich die Gene, darstellen.
Es wirkt auf den ersten Blick ausgesprochen verschwenderisch, dass sämtliche Körperzellen eines Individuums dessen gesamte Chromosomen enthalten. Eigentlich könnte es ausreichen, die genetische Information nur in den Zellen anzusiedeln, in denen sie auch gebraucht wird, z. B. in den Nierenzellen alles, was zu deren Funktion notwendig ist. Die einheitliche Verteilung hat aber den großen Vorteil, keine Verteilungsfehler aufkommen zu lassen. Hier ist vermeintliche Verschwendung billiger als das Risiko von Fehlern.
Die paarige Anordnung der Chromosomen hat logischerweise auch zur Folge, dass in sämtlichen Körperzellen alle Gene doppelt vorhanden sind. Auch das sieht auf den ersten Blick wie eine Verschwendung aus. Es gewährleistet aber die Variabilität und macht die Neukombination der Gene einer neuen Generation möglich. Darauf kommen wir noch beim Thema Befruchtung genauer zu sprechen (siehe hier).
BEGRIFFSERKLÄRUNGEN
Dominant – rezessiv
Dominante Gene unterdrücken die Ausprägung des rezessiven Merkmals, rezessive Gene lassen sich unterdrücken. Dominant wirkende Gene werden durch große Buchstaben symbolisiert, rezessive Gene durch den entsprechenden kleinen Buchstaben.
Homozygot – heterozygot
Da mit Ausnahme der Geschlechtschromosomen sämtliche Chromosomen in den Zellen zweifach vorliegen, sind auch alle Merkmale doppelt kodiert. So gibt es z. B. zwei Gene, die eine bestimmte Haarfarbe bestimmen, zwei andere, die die Haarlänge beeinflussen usw. Haben beide Gene die gleiche Qualität, also z. B. zweimal schwarzes Haar, so wäre das Individuum bezüglich der Haarfarbe homozygot. Ruft aber ein Allel eine schwarze und das andere eine braune Haarfarbe hervor, wäre dieses Tier heterozygot.
Gene verhalten sich bezüglich ihrer Merkmalsausprägung unterschiedlich. Sie können dominant reagieren, also andere Erbfaktoren unterdrücken, oder sie sind rezessiv, d. h., sie lassen sich unterdrücken, und somit wird ihr kodiertes Merkmal phänotypisch nicht sichtbar.
Da die Gene in den Zellkernen stets doppelt vorhanden sind, ergeben sich für das Individuum zwei Möglichkeiten: Es kann bezüglich bestimmter Merkmale homozygot oder heterozygot sein. Homozygotie liegt vor, wenn die Gene eines Genpaares identisch sind, z. B. beide das Merkmal „Kurzhaarigkeit“ ausprägen. Heterozygote Individuen besitzen dagegen Paarlinge mit unterschiedlicher Merkmalsausprägung. Es könnte z. B. ein Gen „Kurzhaarigkeit“ hervorrufen und der andere Paarling für das Merkmal „Langhaarigkeit“ stehen. Phänotypisch wird dann nur das Merkmal des dominanten Gens sichtbar.
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Alle Varianten bezüglich Fell und Farbe sind bei Hunden denkbar.
Eine notwendige Voraussetzung für die Vielfalt der Pflanzen und Tiere, für deren Evolution von einfachsten Lebensformen bis zu hoch komplizierten Organismen, ist die vererbliche Veränderbarkeit der Gene. Diese Fähigkeit wird als Mutation bezeichnet.
Mutationen laufen unentwegt und vom Zufall abhängig in den Körperzellen ab, und zwar auf zweierlei Weise: Sie treten zum Teil spontan auf. Spontane Veränderungen können z. B. durch Fehler bei der Kopie der DNA-Abschnitte entstehen. Mutationen können aber auch durch Umwelteinflüsse, sogenannte Mutagene, ausgelöst werden. Als Mutagene können Strahlen oder auch bestimmte Chemikalien wirken.
Mutationen haben die Bildung von neuen Allelen zur Folge. Dieser Begriff des Allels führt erfahrungsgemäß zu Verständnisschwierigkeiten. Bei Erklärungsversuchen entsteht nämlich häufig der Eindruck, es gäbe einerseits Gene und andererseits Allele. Das ist aber nicht richtig: Allele sind Gene, und zwar durch Mutationen veränderte Gene am gleichen Genort.
Wir hatten bereits gesehen, dass sich Gene als bestimmte Abschnitte der DNA darstellen. Das bedeutet, dass es auf einem Chromosom einen für jedes Gen spezifischen Genort gibt. Findet nun in einem Gen eine Mutation statt, dann entsteht an diesem spezifischen Genort kein grundsätzlich neues Gen, sondern das bereits vorhandene Gen wird verändert und somit natürlich auch seine Merkmalsausprägung. Alle Ausprägungsformen am gleichen Genort, also die Gesamtheit der durch Mutationen entstandenen Variationen eines Gens, bezeichnet man als Allele. Als Beispiel: Wenn „A“ zu „a“ mutiert, dann sind „A“ und „a“ Allele, nämlich veränderte Gene am gleichen Genort.
Die Mutationsraten sind für die verschiedenen Gene unterschiedlich. Bestimmte Gene verhalten sich recht mutationsresistent, während andere leicht veränderbar sind.
Mutationen, die in Körperzellen auftreten, sind mit Ausnahme von Veränderungen, die zu Krebszellen führen, für das Individuum bedeutungslos, weil sie nur auf Vorgänge in der betroffenen Zelle selbst einwirken können. Wenn z. B. ein Gen in einer Hautzelle mutiert, das im Zusammenhang mit der Nierenfunktion wichtig ist, dann hat das in der Hautzelle keine Wirkung.
Ganz anders ist die Situation, wenn Mutationen in den Geschlechtszellen oder deren Vorläufern ablaufen. In diesem Fall wird nämlich nicht nur die Erbsubstanz des betroffenen Individuums verändert, sondern das mutierte Gen wird bei der Befruchtung an die Folgegeneration weitergegeben. Das kann zu Schäden bei den Nachkommen führen, denn in der Mehrzahl der Fälle haben Mutationen negative Auswirkungen. Diese Tatsache wundert bei sorgfältiger Betrachtung nicht: Ein funktionierender Organismus ist nämlich ein harmonisches System. Wird in einem solchen System punktuell etwas verändert, dann ist es wahrscheinlicher, dass hierdurch Abläufe gestört als gefördert werden.
Nachkommen sehen ihren Eltern mehr oder weniger ähnlich. Dieses Phänomen ist sicher schon so lange bekannt, wie es beobachtende Menschen gibt. Für Philosophen und Naturforscher der Antike bis hinein ins 20. Jahrhundert war die Übertragung der Merkmale von einer Generation auf die folgende stets ein weites Feld abenteuerlichster Spekulationen. Unter anderem wurde dem Blut hierbei eine wichtige Rolle zugesprochen, wobei sich eigentlich niemand so richtig den Ablauf vorstellen konnte. Aus dieser Zeit stammen auch noch alte tierzüchterische Begriffe wie etwa die „Blutlinie“, die auch heute noch gültiger Wortschatz ist, obwohl sie genetisch gesehen gänzlich inhaltslos ist. Aber jeder weiß, was damit gemeint ist.
Der Augustinermönch Johann Gregor Mendel (1822 – 1884) hat die Gesetzmäßigkeiten, mit der Merkmale von einer Generation an die folgende weitergegeben werden, als Erster systematisch erforscht und in den „Mendel’schen Gesetzen“ formuliert. Dies war eine umso größere Leistung, als auch Mendel noch keine Chromosomen und Gene kannte.
Erst um 1900 haben mehrere Wissenschaftler etwa zeitgleich die „materielle Grundlage“ der Vererbung entdeckt und 1902 hat Boveri die „Chromosomentheorie der Vererbung“ formuliert. Es hat dann noch einmal bis 1953 gedauert, bis James Watson und Francis Crick den Aufbau des DNA-Moleküls beschreiben konnten.
Heute ist die Übertragung der genetischen Information genauestens bekannt. Ich möchte diesen Vorgang hier lediglich in seinen Grundzügen darstellen. Für mich ist die Weitergabe genetisch bedingter Merkmale von einer Generation zur folgenden noch immer einer der spannendsten und trickreichsten Vorgänge in der Biologie. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie mit unglaublich sparsamen Mitteln ein optimaler Ablauf gewährleistet wird.
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Wenn eine Mutterhündin mit braunem Fell einen Welpen mit schwarzem Fell hat, …
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… dann muss der kleine Pfiffikus einen Vater mit ebenfalls schwarzem Fell haben.
Der Zeitpunkt der Übertragung genetischen Materials ist die Befruchtung, also die Verschmelzung des Zellkerns des Spermiums mit dem der Eizelle. Dieser elementare Vorgang für die Entstehung einer neuen Generation kann nur dann biologisch sinnvoll und störungsfrei ablaufen, wenn ihm ein charakteristischer Reifungsprozess der Geschlechtszellen vorausgeht.
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Reifung der Geschlechtszellen: Jeder Befruchtung gehen typische Teilungen der noch unreifen Geschlechtszellen voraus. Das Ziel ist die Halbierung der Chromosomenanzahl.
Unreife Geschlechtszellen besitzen wie alle Körperzellen paarige Chromosomen. Tritt nun eine solche unreife Zelle in den Reifungsprozess ein, so läuft in ihr eine typische Teilung ab, die als Reduktionsteilung oder auch Meiose bezeichnet wird. Der Begriff der Reduktion bezieht sich auf die Anzahl der Chromosomen: Am Ende der Meiose sind reife, nunmehr befruchtungsfähige Zellen vorhanden, nämlich das Spermium und die Eizelle. Diese zeichnen sich gegenüber allen anderen Körperzellen dadurch aus, dass ihr Zellkern keine Chromosomenpaare, sondern nur noch je einen Paarling enthält.
Während der Reduktionsteilung wird also der ursprüngliche Chromosomensatz halbiert, und zwar keineswegs willkürlich. Die Paarlinge werden streng gesetzmäßig auf die reifen Geschlechtszellen verteilt. Bei der Befruchtung verschmilzt dann der Kern des Spermiums mit dem des Eies. Das Verschmelzungsprodukt wird als Zygote bezeichnet.
Die Zygote ist die Ausgangszelle für ein neues Individuum. Sie weist jetzt wieder den für die Art spezifischen paarigen Chromosomensatz auf. Und das Wichtigste dieser ganzen Aktion: Je ein Paarling stammt vom Vater und der andere von der Mutter. Das genetische Material der Eltern wird also in den Nachkommen neu kombiniert. Das fundamentale Ereignis bei der Befruchtung ist also die Übertragung der genetischen Information an die nächste Generation, wobei die Hälfte der Erbanlagen eines Individuums immer vom Vater und die andere Hälfte von der Mutter stammt. Und damit entfallen auch alle Schuldzuweisungen oder Lobpreisungen, wenn in einem Wurf Missliches oder Ausgezeichnetes auftritt. Rüde und Hündin sind an beidem gleichauf beteiligt!
Durch zahlreiche Zellteilungen entsteht das neue Individuum, wobei diese Teilungen, die man als Mitosen bezeichnet, zum Wachstum und zur Differenzierung des Nachkommen führen. Sie verlaufen ganz anders als die Reduktionsteilung. Jetzt wird nämlich nichts am Bestand der Chromosomen geändert, sondern diese teilen sich jeweils längs und somit erhält jede neue Körperzelle den vollen Chromosomenbestand.
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Befruchtung: Bei der Befruchtung entsteht durch die Verschmelzung der Kerne von Spermium und Eizelle die Zygote, die Ausgangszelle für eine neue Generation.
Hat Sie, vor allem wenn Sie Hündinnenhalter sind, auch schon einmal die Unsitte genervt, dass beim Anblick eines besonders gut gelungenen „Zuchtproduktes“ spontan nach dem Vater gefragt wird? Niemand scheint sich so recht für die Mutter zu interessieren. Man hat manchmal den Eindruck, die Hündin wird als eine Art Gefäß betrachtet, in dem sich notgedrungen die Entwicklung der Welpen abspielen muss, aber der eigentliche „Macher“ sei der Rüde.
Wir wissen es nun besser, Rüde und Hündin tragen je zur Hälfte an der genetischen Information der Nachkommen bei. Ganz genau betrachtet ist es sogar so, dass die Hündin etwas mehr in die Nachkommenschaft einbringt, weil das Spermium bei der Befruchtung lediglich den Zellkern liefert, während das Ei die gesamte Zelle beisteuert. Das ist insofern nicht ohne Bedeutung, als sich in bestimmten Bestandteilen des Eiplasmas, nämlich in den Mitochondrien, noch kleine Mengen von DNA befinden, die für die Informationsübertragung zwar keine bedeutende Rolle spielen, die aber zumindest zeigen, dass man die Wichtigkeit des Rüden nicht zu hoch hängen sollte.
Allerdings ist im allgemeinen Zuchtgeschehen die größere Aufmerksamkeit, die dem Rüden gezollt wird, sinnvoll: Seine Reproduktionsleistung kann naturgemäß erheblich höher sein als die der Hündin. Durch einen übermäßigen Zuchteinsatz kann ein Rüde in viel stärkerem Maße positive, aber eben auch negative Einflüsse ineine Rasse einbringen. Deswegen muss der Zuchtrüde kritischer beobachtet werden als die Hündin, es sei denn, man entscheidet sich vernünftigerweise für einen begrenzten Zuchteinsatz der Rüden.
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Ein guter Züchter zeichnet sich durch die Zucht gesunder Welpen aus.
Hier ist vielleicht noch ein kleiner, aber wichtiger Einschub angebracht, der etwas mit dem Alter der Zuchttiere zu tun hat. Um die Verwendung älterer Zuchttiere rankt sich viel Aberglaube und viel Fehlinterpretation. Die Palette ist breit und beginnt bei der Annahme, das Alter der Zuchttiere spiele gar keine Rolle, bis hin zu der Aussage, ältere Zuchttiere hätten wesensschwache und kränkelnde Nachkommen. Eine besonders prophetische Vorhersage kam mir erst kürzlich zu Ohren, dass nämlich das gemeinsame Alter der Zuchttiere 12 Jahre nicht überschreiten solle.
Was ist nach Kenntnis des Mutationsgeschehens und des Befruchtungsvorganges an der Beziehung zwischen dem Alter der Zuchttiere und der Güte der Nachkommen richtig? Zusammengefasst kann man sagen: so gut wie nichts.
Zwar steigt mit zunehmendem Alter der Tiere auch die Wahrscheinlichkeit der Mutationen in den Geschlechtszellen, weil sie ganz einfach länger mutagenen Wirkungen ausgesetzt sind. Da der Hund aber leider recht kurzlebig ist, hat dies sicher keine Praxisrelevanz. Wissenschaftliche Untersuchungen an Hunden gibt es zu diesem Sachverhalt übrigens nicht. Zu beobachten ist auch, dass sich in der Regel mit steigendem Alter der Hündin die Wurfstärke minimiert. Das beeinflusst aber nicht die Qualität der Welpen, denn der Genotyp der Zuchttiere verändert sich nicht grundsätzlich mit steigendem Alter. Also packen wir diese ganzen Geschichten in die Schublade „Aberglauben“.
Jedem Züchter sollte es möglich sein, mit Stammbäumen richtig umzugehen. Er sollte Erbgänge von Ahnen der Zuchttiere verfolgen können und andererseits mögliche Genotypen zukünftiger Generationen aufstellen können. Dies ist das minimalste Rüstzeug für eine sinnvolle Zuchtplanung.
Der rezessive Erbgang ist das einfachste Geschehen, um sich hier einzuüben. Er ist aber auch geeignet, um eine ganze Anzahl von Einsichten in genetische Vorgänge zu erhalten, die nicht nur in der Theorie, sondern vor allem im praktischen Zuchtgeschehen Bedeutung haben.
Um eine eindeutige Verständigung zu gewährleisten, werden genetische Merkmale grundsätzlich durch Buchstaben bzw. Buchstabenkombinationen symbolisiert, wobei das dominante Gen stets einen großen und das rezessive Gen den entsprechenden kleinen Buchstaben erhält.
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So sieht Selbstbewusstsein aus!
Als Beispiel für einen Erbgang nach dem klassischen Dominant-Rezessiv-Muster wähle ich hier die Haarlänge. Hunde besitzen verschiedene Haarqualitäten, unter anderem Kurzhaar und Langhaar. Beide Felltypen treten bei einigen Rassen nebeneinander auf. Das Kurzhaar ist in der Regel dominant über das Langhaar. Wenn wir in unserem Beispiel für die Haarlänge das Symbol „A“ wählen, steht für das Allel Kurzhaar demnach „A“ und für das Allel Langhaar „a“.
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Die Haarstruktur ist genetisch festgelegt, hier Rauhaar eines Dackels.
Wird ein homozygot kurzhaariger Rüde mit einer homozygot langhaarigen Hündin verpaart, so bilden beide Hunde nur einen Typ von Geschlechtszellen. Der Rüde besitzt nur Spermien mit dem Gen A, die Hündin nur Eizellen mit dem Merkmal a. Es ist nun gleichgültig, welche Spermien welche Eizellen befruchten, das Ergebnis ist immer die Genkombination Aa und somit gleichen sämtliche Nachkommen der 1. Generation (F1) dem dominanten Paarungspartner, sie sind in unserem Beispiel ausnahmslos kurzhaarig.
Anders verhält es sich bei der 2. Generation (F2), denn jeder Paarungspartner bildet nun zwei Typen von Geschlechtszellen, nämlich solche mit dem Allel A und solche, die a besitzen.
