Hüter der Legenden 3 - Alexander Kühl - E-Book

Hüter der Legenden 3 E-Book

Alexander Kühl

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Beschreibung

Während Sarah Summer, die Agentin der Antiterroreinheit ist, in Wuhan einen Anschlag auf ein Labor, welches Virenkulturen beherbergt, untersucht, trifft sie dort auf Rebecca Oliveira, die sich als Mitarbeiterin der Organisation »Hüter der Legenden« ausgibt. Ohne zu wissen, was sie erwartet, macht sich Rebecca auf Anweisung ihres vor kurzem verstorbenen Vaters, der ihr auf dem Sterbebett einen Zettel mit Koordinaten und einem Datum übergeben hatte, auf den Weg dorthin. Die beiden Frauen treffen auf Professor Olaf Larsen, der die Aufgabe hat, ein Virus zu untersuchen sowie ein Gegenmittel herzustellen. Wenig später melden die Behörden den Ausbruch einer bisher unbekannten Lungenkrankheit. Die drei haben gerade beschlossen, Wuhan zu verlassen, als Sarah und Rebecca unabhängig voneinander einen Hilferuf erhalten, der sie nach Nowgorod führt. Der Legende nach sollen dort die Russen 1945 ein Tor zur Hölle errichtet haben. Als Sarah, Rebecca und Professor Larsen dort eintreffen, begreifen sie sehr schnell, dass es sich um keine Legende handelt, und dass jemand das Tor bereits geöffnet haben muss.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch:

Während Sarah Summer, die Agentin der Antiterroreinheit ist, in Wuhan einen Anschlag auf ein Labor, welches Virenkulturen beherbergt, untersucht, trifft sie dort auf Rebecca Oliveira, die sich als Mitarbeiterin der Organisation »Hüter der Legenden« ausgibt. Ohne zu wissen, was sie erwartet, macht sich Rebecca auf Anweisung ihres vor kurzem verstorbenen Vaters, der ihr auf dem Sterbebett einen Zettel mit Koordinaten und einem Datum übergeben hatte, auf den Weg dorthin. Die beiden Frauen treffen auf Professor Olaf Larsen, der die Aufgabe hat, ein Virus zu untersuchen sowie ein Gegenmittel herzustellen. Wenig später melden die Behörden den Ausbruch einer bisher unbekannten Lungenkrankheit. Die drei haben gerade beschlossen, Wuhan zu verlassen, als Sarah und Rebecca unabhängig voneinander einen Hilferuf erhalten, der sie nach Nowgorod führt. Der Legende nach sollen dort die Russen 1945 ein Tor zur Hölle errichtet haben. Als Sarah, Rebecca und Professor Larsen dort eintreffen, begreifen sie sehr schnell, dass es sich um keine Legende handelt, und dass jemand das Tor bereits geöffnet haben muss.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Fünfzehn Jahre später

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

EPILOG

Nachwort

Prolog

Nevada – Yucca Mountain

Der Aufzug stoppte und die Türen öffneten sich. Aufgeregt trat Rebecca von einem Bein auf das andere.

»Was ist das für ein Ort, Paps?«, fragte das zwölfjährige Mädchen, als sie vor sich eine weitere Metalltür zwischen den Steinwänden sah. In der Mitte entdeckte sie ein Emblem: einen Ritter mit Engelsflügeln und einem Schwert. Darüber befanden sich die Initialen »GOM«.

»Warte, Schatz«, vertröstete ihr Vater sie und legte die rechte Hand in eine Vorrichtung. Ein Lichtstrahl wurde aktiviert und scannte die Handfläche.

»Willkommen, Doktor Oliveira«, ertönte eine Computerstimme mit dem Klang einer Fee aus einem Märchen.

»Sie waren eine lange Zeit nicht hier.«

»Hallo Maria. Das stimmt. Ich habe meine Tochter Rebecca dabei. Sie ist heute zwölf Jahre alt geworden.«

»Ich verstehe. Heute ist der erste Schritt, um in die Fußstapfen deines Vaters zu treten.«

Rebecca verstand nicht, wovon die Rede war, und ihre Neugierde wuchs weiter.

»Was ist hinter der Tür?«, fragte sie aufgeregt.

»Wenn du deine Hand in die Vorrichtung legst, wird sich die Tür öffnen«, sprach die Computerstimme.

»Wirklich?«

Die Stimme Rebeccas vibrierte vor Aufregung, während sie ihre mandelbraunen Augen aufriss.

»Habe keine Angst, Rebecca«, machte ihr Vater ihr Mut.

Das Mädchen legte ihre rechte Hand in die Vorrichtung. Die Ingangsetzung eines Mechanismus war zu hören, und während sich die Tür öffnete, erklang erneut die feenhafte Computerstimme.

»Willkommen Rebecca Oliveira. Du bist vom heutigen Tage an ein Hüter.«

Mit offenem Mund ging Rebecca an der Hand ihres Vaters in das Innere, einen in den Berg gehauenen Tunnel. In der Mitte standen wie in einem Museum vollverglaste Vitrinen, gefüllt mit den verschiedensten Dingen. Aufgeregt lief das Mädchen mit einer Vorliebe für Geschichtsunterricht zwischen geheimnisvollen Gegenständen hin und her. Dort waren Schwerter, Schilde, Bücher, Münzen und jede Menge undefinierbare Gegenstände.

»Was sind das alles für Dinge und woher kommen sie?«

Doktor Oliveira lächelte. Er schien wieder einmal beeindruckt von diesem Wissenshunger seiner Tochter zu sein.

»Das sind Relikte vergangener Epochen. Wir bewahren sie hier als Erbe der Menschheit auf.«

Nach etwa hundert Metern endete der Tunnel und an der Wand befand sich eine weitere Tür. Aufgeregt lief Rebecca dieser entgegen.

»Was ist dahinter?«

Doktor Oliveira hatte Mühe, Schritt zu halten.

»Halte deine Hand darauf«, rief er ihr entgegen.

Rebecca gehorchte und die Tür glitt zur Seite, in den Stein hinein.

Sofort schritt sie mit offenem Mund in einen kleinen Raum, in dem sich in der Mitte, hinter Glas auf einem Steinsockel, eine goldene Truhe befand. Auf dem Deckel sahen sich zwei Engel an, deren Flügel einander berührten.

»Sind das Cherubim?«

Ihr Vater nickte.

»Ist das die Bundeslade?«, flüsterte Rebecca voller Ehrfurcht.

»Ja, das ist sie.«

»Also existiert sie wirklich.«

Rebecca drückte sich begeistert die Nase platt.

»Und die Tafeln?«

Fünfzehn Jahre später

Frost blickte aus dem Cockpit.

»Eis, soweit das Auge reicht. Wie weit ist es noch, Rebecca?«

Rebecca reagierte nicht. Sie nahm die Stimme ihres Kollegen nicht wahr. Tief in Gedanken versunken, starrte sie ebenfalls aus dem Cockpit der Eagle.

»Rebecca?«

Jetzt zuckte sie zusammen. Sie war zurück in der Realität.

»Entschuldige«, reagierte sie sofort.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Ja. Alles in Ordnung. Ich war nur etwas in Gedanken«, antwortete die mittlerweile Zweiunddreißigjährige mit dem südländischen Touch und fuhr sich mit der Hand durch ihr langes schwarzes Haar.

»Dich beunruhigt etwas?«, hakte Frost nach und schob sich die Brille mit dem Finger übers Nasenbein.

»Eigentlich nicht. Ich musste nur an meinen Vater denken und an das, was er sagte, als er mir den Brief übergab.«

»Was sagte er denn?«

Rebecca schluckte und ihre Stimme klang ergriffen.

»Dass er diesen Brief von einem Weltenwandler erhalten hat …«

»Einem Weltenwandler?«, unterbrach Frost die junge Kollegin.

»Ja. Mein Vater verwendete exakt dieses Wort. Der Name des Weltenwandlers lautete Colja Nowak.«

Frost wurde plötzlich blass.

»Alles okay?«, fragte Rebecca besorgt.

»Ja … alles okay«, druckste der ehemalige Hüter herum und fuhr fort, um seine Unsicherheit zu überspielen: »Du wolltest von der Begegnung deines Vaters mit diesem Weltenwandler sprechen.«

»Mein Vater sagte, dass er das Gefühl hatte, als stammte dieser Mann aus einer anderen Zeit. Jedenfalls übergab dieser damals meinem Vater den Brief und sagte, dass es Mut kostet, diese Orte zu bereisen, doch würde es sich lohnen, wenn wir das Richtige tun. Und er sagte: ›Eure Zukunft steht auf dem Spiel.‹«

»Und in dem Brief standen nur diese Koordinaten?«

Rebecca nickte.

»Die Koordinaten eines Ortes in der Antarktis, eines Forschungslabors in Wuhan, einer Umweltorganisation in Vancouver, eines Waldes in Berlin und eines Forschungsinstituts in Glasgow.«

Ein intervallartiger Piepton unterbrach Rebeccas Ausführungen. Zufrieden griff Frost nach dem Steuerhebel seines Flugobjekts und setzte zur Landung an.

»Na, dann fangen wir doch erst mal mit der Eiswüste an.«

Die Eagle, wie Frost sein Gefährt nannte, begann zu zittern, doch den deutschen Auswanderer, den es nach Milwaukee verschlagen hatte, beunruhigte dies nicht. Die Eagle hatte aufgrund ihrer technischen Beschaffenheit nichts zu befürchten. Als Flugobjekt, welches senkrecht starten und landen konnte, setzte sie schließlich ohne Probleme auf dem Boden der Antarktis auf.

»Setz lieber deine Mütze auf.«

Rebecca verdrehte die Augen. Sie war etwas angespannt, handelte es sich doch um eine Reise, auf die ihr kürzlich verstorbener Vater sie schickte. Humor konnte sie in diesem Moment nicht aufbringen.

Ihr Vater war der Held ihrer Kindheit. Oft hatte er Souvenirs von seinen Einsätzen mitgebracht. Der Höhepunkt war aber, als ihr Vater sie in das Archiv der Legenden mitgenommen hatte. Sie nahm diese Reise auf sich, um dem letzten Wunsch ihres Vaters zu entsprechen. Mittlerweile dämmerte es ihr, dass es vermutlich mehr als das war.

Rebecca schob sich die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf und bewegte sich zur Laderampe. Frost war bereits dabei, diese herunterzulassen. Eisiger Wind wehte beiden entgegen, als sie ins Freie traten. Frost sah sich um.

»Wir stehen nahezu auf der richtigen Stelle deiner Koordinaten. Hier ist nichts außer Eis, Schnee…«

»… und einem großen Stein«, unterbrach Rebecca ihren Kollegen.

Frost drehte sich ihr zu, um das zu sehen, was Rebecca sah. Zielstrebig näherte er sich dem Brocken und strich, dort angekommen, mit der Hand den Schnee vom Stein. Ein in den Stein gehauenes Emblem wurde sichtbar: ein T, umschlungen von einem Drachen.

»Tristan«, flüsterte Frost.

»Tristan?«, wiederholte Rebecca den Namen.

»Eine geheime Ärztevereinigung der Nazis, die in den 30er-Jahren ins Leben gerufen wurde. Ich wusste nicht, dass … diese …«

Frost stoppte.

»Was ist los?«

Rebeccas Stimme klang voller Sorge.

»Ich befürchte das Schlimmste«, antwortete er und begann sofort damit, den Gesteinsbrocken abzutasten. Kurz darauf stieß er eine Art Freudenschrei aus.

»Wusste ich es doch … hier ist ein Mechanismus.«

Gleichzeitig schob sich vor ihnen der Boden zur Seite und gab einen Weg, der in die Tiefe führte, frei. Lampen im Inneren nahmen auf mysteriöse Weise ihren Betrieb auf und erhellten eine Treppe.

»Das sieht so aus, als haben die einen Generator oder eine andere Stromquelle hier. So mitten im Nichts. Ich bin schon jetzt beeindruckt.«

»Nach dir«, lächelte Rebecca.

Frost reagierte mit einem Grinsen und ging voran.

Die Treppe war aus Beton und erinnerte ihn sofort an die deutsche Bauweise von Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg.

»Ist in unseren Archiven nichts darüber bekannt, dass hier eine solche Einrichtung existiert?«, wollte Rebecca auf dem Weg nach unten wissen.

Frost schüttelte den Kopf.

»Außer in den Berichten über Neuschwabenland nichts weiteres. Doch gab es nie Hinweise darauf, dass die Nazis tatsächlich in der Antarktis irgendwelche Basen hatten.«

»Na, dann werden wir ja sicher nach unserer Rückkehr die Datenbanken aktualisieren müssen.«

»Sieht ganz danach aus.«

Nach etwa dreißig Stufen erreichten Rebecca und Frost eine weitere Tür. Die obere Hälfte war derglast, doch konnte man nicht hindurchsehen, da die Scheibe völlig vereist war. Instinktiv fing Frost an, mit der Hand daran zu reiben, doch es blieb ohne Wirkung.

»Es ist von innen beschlagen.«

»Dann müssen wir wohl ohne Check da rein.«

Frost sah sich die Tür genauer an.

»Ein einfaches Zylinderschloss, wie unspektakulär.«

»Das ist doch kein Problem für dich, oder?«, feixte Rebecca.

»Natürlich nicht«, antwortete ihr Kollege und zog aus der Innenseite seiner Jacke ein Lederetui. Daraus zauberte er ein münzenähnliches Metallstück hervor und legte dieses auf das Zylinderschloss. Plötzlich wurde es flüssig und drang in das Schloss hinein. Schließlich ragte ein kleiner Knauf hervor und Frost konnte diesen drehen und die Tür öffnen.

»Diese Dinge begeistern mich immer wieder«, sprach Rebecca.

»Mich auch. Eigentlich alles, womit wir Hüter arbeiten.«

Die Tür war jetzt offen und eisige Kälte strömte den beiden entgegen. Beide bewegten sich vorsichtig ins Innere, während auch dort die Beleuchtung ansprang. Am Boden, in der Mitte des Raumes, befand sich eine etwa zwanzig Zentimeter breite Lichtleiste, welche sich bis in den hinteren Bereich zog.

»Was haben die hier nur gebaut?«

Rebeccas Stimme klang leise. Eine Mischung aus Neugierde, Ehrfurcht und Angst durchströmte ihren Körper.

»Und zu welchem Zweck?«, fügte Frost hinzu.

Als Rebecca den hinteren Bereich des Raumes erreichte, erschrak sie.

»Ich glaube, dem Grund sind wir gerade nähergekommen.«

Frost wandte ihr seinen Blick zu und bewegte sich in Rebeccas Richtung.

Sie standen vor sechs, ungefähr zwei Meter hohen Glasröhren. In fünf von ihnen schwammen Männerkörper in einer leicht grünlichen Flüssigkeit.

»Die sehen ja alle gleich aus«, entfuhr es Rebecca.

»Das sind Klone.«

Frost starrte wie entrückt auf den Inhalt der Röhren.

»Frost? Was ist los?«

»Sorry. Ich hatte gerade so etwas wie ein Déjà-vu.« Frost schüttelte fassungslos den Kopf, um kurz darauf weiterzusprechen: »Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde.«

»Bitte was?«

»Eine Rede Adolf Hitlers. Er sprach davon, einen neuen Menschen zu erschaffen. Ich hätte nie geglaubt, dass dies tatsächlich wörtlich zu nehmen war.«

Gebannt sahen sie für einen Moment auf die Röhren und sprachen kein Wort. Schließlich lösten sich beide von dem Anblick und sahen sich weiter um. Sie standen inmitten eines Forschungslabors. Reagenzgläser, gefüllt mit Flüssigkeiten, standen in Regalen. In verglasten Kühlschränken befanden sich Plastikbeutel und Röhren mit weiteren Flüssigkeiten. In einem weiteren Raum befand sich in der Mitte eine große, durchsichtige Kugel, welche von mehreren Drähten an der Decke gehalten wurde. Kleine Lebewesen schwammen in einer trüben Brühe. Rebecca fühlte sich sofort an ihre Kindheit erinnert. Diese Wesen sahen wie Salzwasserkrebse aus, mit denen ihr Vater seine Fische immer gefüttert hatte.

»Nun stehen wir hier und müssen eine Entscheidung fällen«, sprach Frost leise.

»Mein Vater sagte immer: Das sind die Momente, in denen man Mut benötigt«, ergänzte Rebecca.

»Dein Vater war ein kluger Kopf. Er hat völlig recht. Egal, wie wir uns entscheiden, es bedarf Mut.«

»Und zu welcher Entscheidung tendierst du?«

Frost fasste sich wie von einem Automatismus angetrieben an den Kopf.

»Vermutlich sollten wir erst einmal die Basis informieren, damit die hier anrücken und alles wegschaffen. Andererseits stehen wir hier in einem Raum mit jeder Menge Technologien, die niemals in falsche Hände geraten dürfen. Nicht dass ich denke, dass die bei den Guardians nicht sicher wären, aber absolute Sicherheit gibt es immer nur, wenn etwas zerstört wird. Das würde bedeuten, wir sprengen alles hier in die Luft.«

Frost faltete die Hände wie zu einem Gebet und wandte seinen Blick Rebecca zu.

»Das letzte Mal habe ich entschieden. Heute bist du dran.«

Rebecca lächelte.

»Ja, vor zwei Jahren in Babylon. Du hast richtig entschieden.«

»Das ist doch immer fifty-fifty. Also was sagst du?«

»Ich schlage einen Mittelweg vor.«

»Einen Mittelweg?«

»Ja. Ich würde gerne wissen, was das ist, was diejenigen mitgenommen haben, die vor nicht allzu langer Zeit hier waren.«

Frost riss die Augen auf und schaute entgeistert zu seiner hübschen Kollegin.

»Hier war jemand vor Kurzem?«

Rebecca nickte.

»Eine der Röhren ist leer. Ich gehe also stark davon aus, dass jemand den Inhalt herausgeholt hat. Es kann nicht lange her sein, oder seit wann gibt es HDMI-Anschlüsse an technischen Geräten?«

Sie zeigte auf einen Holztisch, auf dem ein Kabel mit genau einem solchen Anschluss lag.

»Die wurden erst Mitte 2002 auf den Markt gebracht.«

Frost schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Es ärgerte ihn, dass ihm dieses Detail entgangen war.

»Was immer die hier gemacht haben …«, sagte er leise. Rebecca hatte das Gefühl, dass es Frost langsam dämmerte, welch gewaltigen Fund sie hier gerade gemacht hatten.

»Also, was schlägst du vor?«

»Es wird sich lohnen, wenn wir das Richtige tun«, flüsterte sie.

»Was?«, wollte Frost wissen.

»Unsere Zukunft steht auf dem Spiel«, fügte seine Kollegin hinzu.

»Rebecca?«

»Entschuldige. Ich habe nur daran gedacht, was mein Vater mir einmal sagte. Ich versuche nur herauszufinden, was wir hier für eine Aufgabe haben … was das Richtige ist.«

»Was richtig war, kann man immer erst im Nachhinein feststellen.«

»Mein Vater war der Meinung, dass wir an diesem Ort etwas tun können, das unsere Zukunft verändern könnte.«

Frost atmete tief durch.

»Das setzt voraus, dass etwas passiert ist, was verändert werden muss.«

»Vielleicht müssen wir aber auch etwas unternehmen, damit ein Ereignis erst gar nicht passieren kann.«

Nachdenklich legte sie ihre Stirn in Falten.

Frost schien ihr nicht folgen zu können.

»Und wie stellen wir das an?«

»Wenn die hier wirklich einen von denen mitgenommen haben, müssen wir es ihnen gleichtun. Wir müssen wissen, was dieses Ding ist und was es kann. Und wir müssen herausfinden, ob diese Gruppe im Besitz einer bösartigen Technologie ist. Und wenn es, wie du sagst, eine Technologie der Nazis ist, dann wird es nichts Gutes für die Menschheit sein. Nur so können wir vorsorgen und auf dem gleichen technologischen Stand sein.«

Frost nickte seiner Kollegin zu.

»Also durchsuchen wir alles, entnehmen Proben, nehmen eines der vier Dinger hier mit und jagen anschließend die Bude in die Luft.«

»Genauso habe ich mir das auch gedacht.«

»In Ordnung. Ich gehe nach oben und hole William.«

»Gute Idee«, entgegnete Rebecca mit einem Lächeln.

»Kann ich dich hier allein lassen?«

Rebecca verdrehte die Augen.

»Machst du Witze? Ich war schon an unheimlicheren Orten als diesem hier allein.«

»Schon gut.«

Frost hob die Hände und verschwand.

Rebecca sah ihm kurz nach, dann nahm sie ihren Rucksack, stellte diesen auf einen der Tische und holte eine Dose heraus. Sie zögerte nicht und entnahm mit einer Pipette Proben aus verschiedenen Behältern. Zum Schluss öffnete sie eine Flasche, füllte diese mit der Flüssigkeit der Salzkrebse und tat einige von diesen mit hinein.

Dumpfe Schritte rissen Rebecca aus ihrer Konzentration. William, ein Roboter, der wie eine Version aus der Serie »Transformers« aussah, hatte das Labor erreicht. Rebecca bewegte sich in Richtung Frost und seinem fast zwei Meter großen Gehilfen.

»Miss Oliveira, Sie sind auch hier?«, sprach William mit einer wohlklingenden männlichen Stimme.

»Ja. Wir werden alle im Moment gebraucht, irgendwie.«

»Ich helfe gern. Mr. Frost, was wollten Sie mir zeigen?«, fragte der Roboter und drehte seinen Kopf mechanisch zu Frost.

»Ich brauche eine Einschätzung von dir.«

Er zeigte auf die vier mit menschlichen Körpern gefüllten Röhren.

»Zunächst einmal würde ich gern erfahren, ob die vier noch am Leben sind. Dann muss ich wissen, ob einer von ihnen einen Transport nach Las Vegas unbeschadet überleben kann, und am besten sagst du mir dann auch noch, wie ich das Ganze anstellen soll.«

William stapfte auf die Röhren zu. Kaum dort angekommen, schossen auch schon kleine Arme aus Metall und elektronische Vorrichtungen aus seinem Körper und glitten über die Gefäße.

Nach wenigen Minuten erstattete er Bericht und zeigte dabei auf die mittlere Röhre.

»Diese Kreatur ist die einzige, welche noch Anzeichen von Leben in sich trägt. Alle anderen sind tot. Sie kann einen Transport über diese Länge und der damit verbundenen Zeit nur überleben, wenn sie mitsamt der Röhre transportiert wird.«

»Und das würde funktionieren?«

Der Roboter nickte und löste die Röhre von der Decke. Eine Nadel fuhr aus seiner Hand und bohrte sich durch das Glas.

»Ich friere die Flüssigkeit ein, sodass ein Gel entsteht. Dieses wird eine Unversehrtheit des Körpers sicherstellen. Nach der Ankunft muss er allerdings sofort an lebenserhaltende Maßnahmen angeschlossen werden.«

Frost nickte, während William die Röhre packte und problemlos aus dem Labor transportierte.

»Das ist aber nicht meine Richtung, in die ich gehen wollte«, sprach Rebecca.

»Wo willst du als Nächstes hin?«, fragte Frost.

»Ich muss nach Wuhan und ich habe das Gefühl, keine Zeit verlieren zu dürfen.«

»In Ordnung. Ich setze dich in Berlin bei Peach ab, und der bringt dich nach Wuhan.«

»Berlin reicht mir. Von da aus komme ich schon klar. Ich finde mich dann zurecht. Danke, dass du mich hierhergebracht hast. Ich weiß, dass du eigentlich keine Expeditionen mehr machen wolltest.«

»Für solche außerplanmäßigen Exkursionen bin ich doch immer zu haben. Außerdem weiß ich, wenn ich in Not wäre, würdest du für mich genauso da sein«, antwortete Frost mit einem Lächeln und half Rebecca dabei, die Proben zu verstauen.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich irgendwann revanchieren kann«, erwiderte Rebecca. Sie wusste, dass sich ihre Wege, so wie es bisher immer gewesen war, wieder kreuzen würden. Schließlich durchsuchten beide noch die Schränke und Schreibtischschubladen. Es schien, als wäre ihnen bereits jemand zuvorgekommen. Alles wirkte durcheinandergeworfen. Rebecca bewegte sich schließlich durch einen schmalen Gang, welcher in einem Schlafraum mit zwei Doppelbetten endete. Der Gang, der enge, ovale Schlafraum und die Betten erinnerten sie an ein U-Boot, mit dem sie vor vier Jahren mitgefahren war. Die Bettdecke war akkurat glattgezogen, das Kissen ebenso faltenfrei. Frost erreichte nun auch den Raum und staunte.

»Die waren wirklich nur zum Arbeiten hier.«

Rebecca griff instinktiv das Kissen eines der oberen Betten. Darunter kam ein in schwarzes Leder gebundenes Buch zum Vorschein. Sie nahm es in die rechte Hand und glitt mit der anderen über die eingestanzten Adlerschwingen auf dem Einband. Schließlich blätterte sie darin herum. Die Seiten waren weiß und unbeschrieben.

»Irgendetwas ist da«, bemerkte Rebecca und schlug die entsprechende Seite auf. Zum Vorschein kam eine Diskette.

»Eine Acht-Zoll-Diskette«, flüsterte Frost.

»Die Nazis hatten diese Technologie aber doch noch nicht, oder?«, fügte Rebecca hinzu.

»Die Nazis in den Siebzigerjahren vielleicht schon. Ich bin gespannt, was da drauf ist. Doch das können wir wohl erst in Chicago feststellen.«

»Was?«, fragte Rebecca mit einem Hauch Ironie in der Stimme. »Es gibt tatsächlich etwas, was du nicht vor Ort herausfinden kannst?«

Frost verschränkte die Arme.

»Hey, du hast so gedrängelt, dass ich nicht genug Zeit hatte, alles Nötige einzupacken. Nur Handgepäck war möglich.«

Rebecca musste lachen, bemühte sich aber schnell wieder, um die nötige Ernsthaftigkeit.

»Während ich mich nach Wuhan aufmache, bringst du unseren Arier nach Hause, findest heraus, was auf der Diskette ist, und informierst mich.«

»Genau in dieser Reihenfolge, Becca.«

Ein Lächeln huschte über Rebeccas Lippen. So hatte ihr Vater sie immer genannt. Nur Frost wusste das und er war der Einzige, der diesen Namen manchmal verwendete.

Doch das letzte Mal hatte sie ihn ihren Vater aussprechen hören. Es war einer der letzten Augenblicke gewesen, bevor er einfach eingeschlafen war. Eine Träne kullerte über ihre Wange. Frost bemerkte es und umarmte seine Kollegin.

»Es tut mir leid, ich hatte es vergessen.«

»Schon okay, Frost. Diesen Namen zu hören, ist eine wundervolle Erinnerung an meinen Vater. Ich hoffe, ich enttäusche ihn nicht.«

Freundschaftlich streichelte er mit der Hand über ihren Kopf.

»Dein Vater war der weiseste Mann, den ich kannte. Er wird nicht ohne Grund dich ausgewählt haben, das zu vollenden, was er begonnen hat. Er wusste, dass du die Einzige bist, die den Mut hat, es zu Ende zu bringen. Wenn dein Vater jetzt hier wäre, würde er sagen ›Los Becca, bisschen Tempo, sonst ist unsere Zukunft zur Gegenwart geworden und alles war umsonst.‹«

Rebecca blickte auf.

»Da hast du verdammt recht. Lass uns von hier verschwinden.«

Kapitel 1

Nowgorod

Doktor Ivan Bogdanows Absätze knallten auf den Betonboden des langen Flures, während er mit Doktor Pirjo Ajanko in Richtung des Aufzuges lief.

»Blackland schickt einen weiteren Kontrolleur?«, rief Bogdanow, wobei sich seine Stimme fast überschlug.

»Eine weitere Kontrolleurin. Nina Miller aus Chicago«, antwortete Pirjo.

»Er schickt uns noch eine Amerikanerin?«

Bogdanow schüttelte verärgert den Kopf.

Pirjo Ajanko hob beschwichtigend die Hände und versuchte, ihren Kollegen zu beruhigen.

»Nur zur Erinnerung. Ich stamme aus Helsinki. Blackland finanziert nun mal diese Forschung, und nun … Blackland ist Amerikaner, ja.«

»Diese Einrichtung ist aber nicht amerikanisch.«

»Ich weiß, Doktor, und das soll sie auch nicht werden. Ich brauche Miss Miller aber hier. Sie ist eine Spezialistin auf ihrem Fachgebiet der Mikrobiologie.«

Verärgert winkte Bogdanow ab.

»Das Tor zur Hölle ist kein Platz für Ausländer. Nur wir Russen können das Geheimnis bewahren.«

Ajanko wartete, bis sich die Tür des Aufzugs öffnete, und bewegte sich ins Innere der Kabine, während der Russe ihr folgte.

»Die Legenden dieses Ortes haben sich schon längst in der Welt herumgesprochen, nur scheinen sie alles, was der menschliche Geist fassen kann, zu übertreffen, und daher hält die Menschheit es nach wie vor für eine Legende.«

»Und das muss unbedingt so bleiben«, fügte Bogdanow hinzu, als sich die Tür des Aufzugs öffnete und den Blick auf die Hubschrauberlandeplattform freigab.

Doktor Pirjo Ajanko erkannte ihre Kollegin Nina Miller sofort und lief ihr entgegen.

»Ich bin froh, dass du endlich da bist.«

Ajanko herzte ihre Kollegin.

Nina sah sich flüchtig um.

»Das scheint hier das Ende der Welt zu sein. Wie hast du es nur die ganzen Tage hier ausgehalten?«