Hüter meines Herzens - Denise Hunter - E-Book

Hüter meines Herzens E-Book

Denise Hunter

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Beschreibung

Was einst wie die ganz große Liebe begann, endete mit einem großen Knall: Josie und Noah gehen getrennte Wege. Um die Scheidung endlich abzuschließen, lässt Josie ihren Friseursalon in der kleinen Stadt Copper Creek hinter sich und sucht Noah auf seiner Ranch in den Blue Ridge Mountains auf, wo er Pferde züchtet und seine Wunden leckt. Ein plötzlicher Wintereinbruch mitten im März zwingt Josie, länger zu bleiben, als ihnen beiden lieb ist. Für beide eine unangenehme Situation – zu viel Ungesagtes steht zwischen ihnen. Als sie dann auch noch im Bergwald nach einem ausgebrochenen Pferd suchen, müssen sie sich aufeinander verlassen wie noch nie zuvor. Doch erst, nachdem sie nach einer Panne des Motorschlittens im Schnee festsitzen und Josie glaubt, sie würden es nicht mehr lebendig nach Hause schaffen, wagt sie es, Noah die ganze Wahrheit zu erzählen … Eine dramatische Liebesgeschichte, die nach dem Happy End erst anfängt. Denise Hunter verwebt lebensechte Charaktere, dramatische Wendungen und fühlbares Knistern zwischen den Hauptfiguren zu einem spannenden Roman um Vergebung und Versöhnung.

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Seitenzahl: 403

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DENISE HUNTER

Hüter

meines Herzens

Roman

Aus dem Amerikanischen von Anja Lerz

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Impressum

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

EPILOG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96140-045-4

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

First published under the title „Sweetbriar Cottage“

© 2016 by Denise Hunter

Published by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins Christian Publishing Inc.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lerz

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: fotolia Paolese

Satz: Brendow Web & Print, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

www.brendow-verlag.de

KAPITEL 1

Copper Creek, Georgia Gegenwart

Nichts konnte einen so bei voller Fahrt aus der Bahn werfen wie ein Brief von der Steueraufsicht. Mit einer unbehaglichen Vorahnung in den Knochen blieb Noah Mitchell vor dem Postamt von Copper Creek stehen.

Er hätte es besser wissen müssen. Warum war er auch von seinem Berg heruntergekommen, um sich einen rundherum schönen Samstag zu ruinieren? Zugegeben, das war jetzt nicht die Art und Weise, von der er befürchtet hatte, sie könnte ihm den Tag ruinieren, aber es war immer noch ein Tritt in die niederen Gefilde.

Er sank auf eine Bank in der Nähe und legte das Bündel Briefumschläge neben sich ab. Eine frische Brise strich durch das Tal, aber unter seiner Jacke prickelte Hitze auf seiner Haut. Es war zwar März, aber Mutter Natur hier im Norden von Georgia hatte das wohl nicht mitbekommen. Das Gras lag braun und matt auf der halb aufgetauten Erde, und die Äste der skelettartigen Bäume schlugen klappernd im Wind gegeneinander.

Er zog einen Finger durch die Versiegelung des Umschlags und schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Er nahm an, er war fällig. Er war 31 und noch nie in den Genuss einer Wirtschaftsprüfung gekommen. Unglücklicherweise hatte er seine Steuererklärung letztes Jahr selbst gemacht.

Noah faltete das Papier auseinander, während die Sonne durch die Wolken brach und ihn über das weiße Papier beinahe blendete. Er überflog die Absätze, blinzelte gegen das Licht, und plötzlich blieben seine Augen an einem Schlüsselsatz im zweiten Abschnitt hängen.

Ungläubig blinzelnd las er den Satz ein zweites Mal. Von allen idiotischen …

Noah war so patriotisch wie jeder andere auch. Er hatte sogar bei einem Auslandseinsatz gedient, Himmel nochmal. Stars und Stripes und Baseball und Apple Pie und all das, das war seins. Aber manchmal machte ihn die Unfähigkeit der amerikanischen Regierung einfach nur ratlos.

„Na, schau mal einer an, wer da von seinem Berg heruntergekommen ist.“

Noah sah auf und entdeckte seinen besten Freund, Jack McReady – „Pastor Jack“, wie ihn die meisten in der Stadt nannten –, der auf ihn zu schlenderte. Obwohl es Samstagmorgen war, trug er eine Anzughose und ein ordentliches Hemd. Seine Lippen verzogen sich zu dem Lächeln, das die Hälfte der alleinstehenden Damen in seiner Gemeinde für ihn schwärmen ließ. Nur ihm selbst war das überhaupt nicht bewusst.

„Hey, Jack.“ Noah stand auf, ergriff die Hand seines Freundes und zog ihn in eine kurze Umarmung. „Schön, dich zu sehen, mein Freund.“

„Ich habe schon darüber nachgedacht, ob ich mich nach da oben bemühen und dich ins Tal zerren muss.“

„Die Ranch hält mich auf Trab.“

„Selbst Pferde schlafen mal. Wie geht es dir? Bist du gut über den Winter gekommen?“

„Im Januar habe ich ein Fohlen verloren. Aber sonst geht es ganz gut. Ich baue gerade den Dachboden aus. Wie läuft es hier in der Stadt?“

„Ach, das Übliche, du weißt schon. Gerüchte. Facebookdramen. Zankereien im Stadtrat. Lass uns was zusammen essen. Ich war gerade auf dem Weg ins Rusty Nail.“

Noah dachte an den Brief, der ihm ein Loch in die Jackentasche brannte. „Würde ich echt gerne, aber ich muss noch ein paar Sachen erledigen. Um drei muss ich wieder auf der Ranch sein. Aber lass uns das bald mal nachholen.“

Jacks blaue Augen fingen Noahs Blick auf und hielten ihn, machten dieses Ding, bei dem man den Eindruck hatte, er würde einem direkt in die Seele schauen. „Ist alles in Ordnung?“

In Ordnung war schon lange nichts mehr. Nicht mehr seit der Scheidung. Aber das wusste Jack bereits. „Ja. Nur … Leben eben … Du weißt schon.“

„Klar.“ Den Blick immer noch unverwandt auf ihn gerichtet, nickte Jack. „Sicher.“

Wenige Minuten später trennten sie sich mit dem Versprechen, sich irgendwann in den nächsten zwei Wochen zu treffen.

Noah ordnete seine Post und machte sich auf den kurzen Weg zu Walt Levengers Büro. Er zog sich die Kappe ins Gesicht und senkte den Kopf – gegen den Wind, sagte er sich. Immerhin war ihr Laden auf der anderen Seite der Stadt und an einem Samstagmorgen vermutlich rappelvoll. Ziemlich unwahrscheinlich, dass er ihr da über den Weg laufen würde.

Die Innenstadt von Copper Creek hätte einer Filmkulisse entstammen können. Diagonale Parkplätze an der Main Street. Zweigeschossige Ladengeschäfte mit bunten Markisen überblickten stolz die Straße; die Fähnchen, auf denen „Geöffnet“ stand, flatterten munter im Wind. Man konnte in einer Viertelstunde von einem Ende zum anderen gehen, und gerade war Noah sehr dankbar dafür.

Als er das Büro des Wirtschaftsprüfers betrat, klingelte gerade das Telefon. Zwei Leute warteten am Empfangstisch, wo ein gequält dreinschauender Teenager ans Telefon ging und etwas auf einen gelben Klebezettel kritzelte.

Er stellte sich in die Schlange und kam in Gedanken wieder auf den misstönenden Satz in dem Brief zurück. Walt war ein Freund der Familie. Er würde ihm sagen können, wie man das wieder geradebog. Dann würde Noah das Ganze einfach hinter sich lassen.

Aber irgendwie wühlte der Brief alles Mögliche auf, von dem er eigentlich geglaubt hatte, er hätte es längst hinter sich gelassen. Erinnerungen – das Beste an seinem Leben, das Schlimmste an seinem Leben –, die sich zu einem verwirrenden Cocktail aus Freude und Schmerz vermischten. Ein Schraubstock legte sich um sein Herz und zog zu, bis ihm die Luft knapp wurde.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Jugendliche sah ihn durch ein paar dicke Brillengläser an.

Er trat vor. „Hi, ich möchte Walt besuchen.“

Das Telefon klingelte. „Haben Sie einen Termin?“

„Nein, aber es ist eine dringende Angelegenheit. Er ist ein Freund der Familie.“

„Name?“

„Noah Mitchell.“

„Setzen Sie sich, bitte.“

Sie nahm den Anruf entgegen, und er gesellte sich zu den anderen im Wartezimmer. In seiner Hosentasche zerknitterte der Brief, während er es sich in dem geschwungenen Plastikstuhl bequem machte.

Er holte sein Telefon heraus und machte sich eine Liste der Dinge, die er bei Piggly Wiggly besorgen musste. Wo er schon in der Stadt war, konnte er auch gleich noch bei Buddys Baumarkt vorbei. Er brauchte Putz- und Schleifpapier für den Dachboden. Da konnte er die Farbe auch gleich mitnehmen. Ein Ausflug in die Stadt weniger. Vielleicht würde er seinen Bruder aufspüren und mit ihm einen Kaffee trinken, falls der Zeit hatte.

„Noah, Sie können dann durchgehen.“

Er ging durch den kurzen Flur zur ersten offenen Tür links und klopfte an den Rahmen.

Walt stand hinter seinem unordentlichen Schreibtisch auf und streckte die Hand aus. „Noah, komm doch rein.“

Noah schlug ein. „Schön, Sie zu sehen, Sir.“

Walt gewann zwar den Kampf gegen das Gewicht, der oft mit einem Schreibtischjob einherging, die Schlacht gegen seinen Haaransatz verlor er aber offenbar.

„Danke, dass Sie mich so kurzfristig empfangen können. Sie stecken doch sicher wegen der Steuerfristen bis über beide Ohren in Arbeit.“

Walt zog sich seine Gleitsichtbrille von der Nase. „Dieses Jahr habe ich etwas Hilfe dabei. Junger Hüpfer, frisch vom College. Bringt mich noch ins Grab.“

Noahs Mundwinkel wanderten nordwärts.

„Jedes Mal, wenn ich dich sehe, siehst du mehr aus wie dein Vater“, sagte Walt. „Gutaussehender Teufelsbraten. Setz dich doch. Wie geht’s deinen Eltern?“

„Die genießen ihren Ruhestand. Diese Woche sind sie in Las Vegas. Letzte Woche waren sie in der Sierra Nevada wandern. Wer weiß, was sie nächste Woche machen.“

„Das freut mich für sie. Darauf haben sie sich schon lange gefreut.“

„Oh ja. Wie geht es Ihrer Familie?“

„Alles bestens. Hier, das ist mein neuestes Enkelkind.“ Er reichte Noah das gerahmte Foto eines Neugeborenen, fest eingewickelt und rosig. „Lori Ann, nach meiner Frau.“

„Herzlichen Glückwunsch. Sie ist eine echte Schönheit.“

„Das ist sie, ja.“ Walt stellte das Foto wieder an seinen Platz. „Also, was kann ich für dich tun, Noah? Brauchst du dieses Jahr Hilfe mit deiner Steuererklärung?“

„Das ist es eigentlich nicht.“ Er zog den Brief aus der Hosentasche und reichte ihn über den Schreibtisch. „Den hatte ich heute in der Post. Ich hatte gehofft, Sie könnten mir raten, wie ich jetzt weitermachen soll.“

Walt setzte seine Brille wieder auf. Beim Lesen runzelte er die Stirn.

Eine ganze Stunde schien zu vergehen, bis der ältere Mann endlich aufschaute und Noahs Blick über den Brillenrand erwiderte. „Wann wurde deine Scheidung denn zum Abschluss gebracht, Noah?“

Scheidung. Würde er sich je an das Wort gewöhnen? „Vor dem Januar im fraglichen Steuerjahr.“

„Dann war die getrennte Veranlagung natürlich richtig.“ Sein Blick fiel wieder auf den Brief.

„Wie kann ich das in Ordnung bringen?“

„Nun, falls das hier auf einem Fehler beruht, schickst du ihnen eine Kopie des endgültigen Scheidungsurteils, und die Angelegenheit hat sich erledigt.“

„Was meinen Sie mit ‚falls‘ das auf einem Fehler beruht?“

Walt reichte ihm den Brief zurück. „Vielleicht solltest du bei deinem Anwalt nachfragen, nur, um sicherzugehen, dass alles ordentlich unter Dach und Fach ist.“

Noah blinzelte. „Natürlich ist es das.“

„Nun, sicher. Dann schickst du denen einfach eine Kopie des Scheidungsurteils, und das war’s dann.“

Das war’s dann. Die Scheidung war unangefochten gewesen, einfacher hätte es wohl nicht sein können, nahm er an. Aber nichts war einfach, wenn es darum ging, ein Fleisch zu trennen. Wenn er bei dem Ganzen irgendetwas gelernt hatte, dann das.

Das Klingeln des Telefons im Vorzimmer weckte Noah aus seiner Benommenheit. „Alles klar. Vielen herzlichen Dank, Sir. Dann werde ich Sie jetzt nicht länger aufhalten.“ Er stand auf. Seine Knie zitterten.

„Viel Glück, Noah. Grüß deine Eltern von mir, wenn du sie das nächste Mal siehst.“

„Mache ich.“

Noahs Herz raste, während er den Flur hinunterging. Ihm drehte sich der Kopf.

Das Scheidungsurteil. Er hatte diese Unterlagen. Er hatte sie unterschrieben, und Josephine hatte ihm eine Kopie davon geschickt. An so viel erinnerte er sich, auch wenn diese trauerbehafteten Monate so neblig waren wie das Tal an einem Frühlingsmorgen. Sich Josephine an dem alten, abgewetzten Tisch gegenüberzusehen. Sich wie Fremde zu fühlen, obwohl sie fast zwei Jahre verheiratet gewesen waren. Ihre Porzellanhaut ein blasser Kontrast zu ihrem roten Lippenstift. Wie im Wahn zu arbeiten, das Essen zu vergessen. Nacht für Nacht in seinem leeren Bett zu liegen, mit einem Betonklotz auf der Brust.

Das Scheidungsurteil. Er konnte nicht sagen, wo genau es jetzt gerade war, aber er wusste, dass er es hatte.

Es war alles nur ein Fehler. Aber es ergab keinen Sinn, den ganzen Weg zurück auf den Berg zu fahren, wenn er nur ans andere Ende der Stadt musste, um sicherzugehen. Er würde bei seinem Anwalt eine Kopie anfertigen lassen und sie abschicken, solange er noch in der Stadt war. Es hinter sich bringen. Stante pede.

Auf dem Gehweg wandte er sich nach links und marschierte zu seinem Silverado. Es war viel Verkehr in der Stadt, weil alle ihre Erledigungen machten. Als er die Büroräume von „Connelly Law Office“ erreichte, bog er auf den Parkplatz ein und eilte nach drinnen.

„Noah, schön Sie zu sehen.“

„Ich war mir nicht sicher, ob Sie heute geöffnet haben.“

Die Männer schüttelten die Hände. Joes Partner, Vernon, hatte sowohl Noah als auch Josephine in der Scheidungsangelegenheit vertreten. Aber ein ernster Herzinfarkt hatte den Mann kurz darauf in den Ruhestand und nach Colorado befördert, wo er es genoss, Zeit mit seinem Sohn und seinen Enkeln zu verbringen.

„Heutzutage muss man auch samstags geöffnet haben, wenn man im Geschäft bleiben will. Meine Sekretärin hat die Grippe und ist zu Hause. Setzen Sie sich doch. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee oder Tee anbieten?“

„Kaffee klingt gut.“

Joe goss eine Tasse ein und reichte sie ihm. „Kommen Sie mit. Ich arbeite gerade an einer eidesstattlichen Erklärung, nichts, was nicht warten könnte.“

Noah folgte ihm und atmete tief durch, versuchte, seine Nerven zu beruhigen. Lag das nur an ihm, oder roch das Gebäude tatsächlich wie ein Ort, an den Ehen kamen, um zu sterben?

Er setzte sich Joe gegenüber – an einen Schreibtisch, der einen völligen Kontrast zu Walts darstellte. Außer einen winzigen Stapel Papiere und einem Stifteköcher war nur glänzendes Mahagoni zu sehen.

Joe faltete seine Hände auf der Tischplatte. „Was kann ich für Sie tun, Noah?“

Zum zweiten Mal an diesem Morgen zog er den Brief aus seiner Hosentasche und erklärte die Situation.

Joe hörte aufmerksam zu, seine habichtartigen Augen aufmerksam auf Noah gerichtet. „Ich verstehe“, sagte er, als Noah zum Ende kam. „Na, hoffen wir, dass die Steueraufsicht sich irrt – wäre nicht das erste Mal. Erinnern Sie sich daran, das Scheidungsurteil unterschrieben zu haben?“

„Ja. Ich habe eine Ausfertigung zu Hause.“ Möglicherweise war er im Laufe des Prozesses nicht so aufmerksam gewesen, wie er es hätte sein sollen. Er hatte in einem Tunnel gesteckt und das überwältigende Bedürfnis verspürt, die ganze Kleinarbeit Josephine zuzuschieben. Sie hatte es ja schließlich darauf angelegt.

„Ein Scheidungsurteil ist endgültig vollzogen, wenn beide Parteien, und abschließend auch der Richter, es unterschrieben haben.“

„Der Richter?“ Noah rieb sich mit der Handfläche den Hals und fühlte sich wie ein unglaublicher Trottel. „Ich kann mich nicht an die Unterschrift eines Richters erinnern, aber ich habe auch nicht wirklich darauf geachtet.“

„Nun, das Gericht ist geschlossen, aber wir können auf jeden Fall in unseren Unterlagen nachschauen.“ Joe stand auf und ging zu einer Wand mit Aktenschränken hinüber. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Vernon das durchgegangen ist.“

„Unser Prozess kam gerade zum Abschluss, als er seinen Herzinfarkt hatte.“

Joes Finger tasteten sich über die Aktenordner. „Er ist vor seinem Umzug noch einmal ins Büro gekommen, um ein paar lose Enden seiner Fälle zu verknüpfen. Ich nehme an, die Möglichkeit besteht, dass das Scheidungsurteil übersehen wurde.“ Joe zog eine Akte hervor und schloss die Schublade. „Wollen doch mal sehen, was wir hier haben.“

Noahs Herz pochte gegen seine Rippen, während Joe durch die Unterlagen blätterte. Bitte, Gott. Er war nur in die Stadt gekommen, um ein paar Erledigungen zu machen. Wie konnte das jetzt nur passieren?

Joe zog einen Stapel aus der Mappe. „Also, hier ist eine Kopie des Urteils.“

Noahs Lungen leerten sich. „Gott sei Dank.“

„Also … immer mit der Ruhe“, sagte der Rechtsanwalt, der schnell zur letzten Seite vorblätterte. „Es ist nicht vom Richter unterschrieben.“

Noah sank in seinem Stuhl zusammen.

„Hier ist eine Notiz, die besagt, dass Vernon Josephine am 28. September eine Ausfertigung übergeben hat. Wenn der Richter unterschrieben hat, schicken wir beiden Parteien eine Kopie und behalten eine für unsere Akten. Nachdem nun keine solche Ausfertigung hier vorliegt, ist sie wohl nie dem Richter vorgelegt worden. Sie können das am Montag im Gericht überprüfen, um ganz sicherzugehen, aber es sieht so aus, als wäre Ihre Scheidung nie abgeschlossen worden.“

Ihm entfuhr ein nervöses Lachen. „Ich kann nicht glauben, dass das gerade passiert.“

Joe legte Noah eine Hand auf die Schulter. „Ich weiß, das scheint schlimm zu sein, aber das lässt sich leicht beheben. Die Scheidungsangelegenheit ist möglicherweise noch in der Schwebe. Das passiert öfter, als Sie sich vorstellen können. Seien Sie nur einfach froh, dass keiner von Ihnen beiden wieder geheiratet hat. Und ja, auch das kommt tatsächlich vor.“

Leicht beheben.

Die Worte sprangen in Noahs Kopf hin und her, während er das Büro verließ. Joe hatte gut reden. Der war ja nicht, ohne es zu wissen, die letzten achtzehn Monate mit der Frau verheiratet gewesen, die seine Welt zertrümmert hatte. Der war ja nicht von der Frau, die er mehr liebte als sein Leben, völlig im Stich gelassen worden – jetzt zum zweiten Mal.

Josephine. Du bist immer noch mit ihr verheiratet. Sie ist immer noch deine Frau.

Sein verräterisches Herz tat einen besonders schweren Schlag, gefolgt von einem schnellen Stottern. Sehnsucht brandete auf, stark und unerbittlich, machte seine Brust eng und das Atmen schwer.

Die reflexhafte Reaktion brachte sein Blut zum Kochen. Dass sie immer noch so viel Macht über ihn hatte … Würde es nie aufhören? Was war er nur für ein Idiot?

Das war alles ihre Schuld. Sie hatte versprochen, das abzuwickeln. Und hier waren sie nun. Achtzehn Monate später und immer noch verheiratet.

Irgendwie hatte er für die Dauer ihres endlosen Scheidungsprozesses einen Deckel auf seinen Gefühlen gehalten. Hatte sie einfach blockiert, die Zähne zusammengebissen, seine Lippen verschlossen. Wenn sie wusste, dass er am Boden zerstört war deswegen, dann nicht, weil er vor ihr zusammengebrochen war. Wenn sie von dem Zorn wusste, der in seinem Inneren brodelte, dann nicht, weil er ihr gegenüber gewütet hätte.

Aber die Gefühle, die jetzt in ihm tobten, bettelten darum, freigelassen zu werden. Und seine Füße, die jetzt zielstrebig über den Gehweg schritten, schienen dieser Macht gegenüber hilflos. Diesmal würde sie ganz genau wissen, wie er sich fühlte.

KAPITEL 2

Josephine Mitchell zog einen Kamm durch Abel Cranes frischgeschnittenes Haar. Ihre geschickten Finger zupften hier und da an den groben Strähnen, überdeckten einen Wirbel, zähmten eine Welle. Abel war in seinen Sechzigern und hatte einen dicken Schopf grauen Haars, das so schnell wuchs wie ein Rasen im Juni.

Die Kundenschar am Samstagmorgen füllte Josephines Herrensalon mit den vertrauten Klängen von Plaudereien, dem Summen eines Rasierapparats und dem Plätschern des Wassers in den Waschbecken. Sie roch das herbe Aroma der Rasiercreme und hörte das Schaben einer Rasierklinge, die ihre Freundin und Mitarbeiterin Callie gekonnt über die Wange eines Kunden zog.

Mit einem Schwung hob Josephine den Umhang von Abels Schultern. „Ta-da! Stattlich wie immer, Mr. Crane.“

„Vielen Dank, meine Liebe.“

Abel wohnte am Fuß der Hügel in einem Trailer, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Vor zwei Jahren war er nach einer Rückenverletzung in der Kiesgrube gezwungen gewesen, einen Behindertenstatus zu beantragen. Seine Frau kümmerte sich zu Hause um ihre erwachsene Tochter, die unter schwerer zerebraler Kinderlähmung litt und an den Rollstuhl gefesselt war.

Während Josephine ihre Werkzeuge verstaute, klingelte hinter der Trennwand die Türglocke. Ihre vier Friseurinnen waren mit ihren Kunden beschäftigt.

„Bin gleich da!“, rief sie.

Auf seinem Weg zum Empfang fischte Abel sein Portemonnaie aus der Hosentasche, eine Routine so vertraut wie der Geruch des Shampoos.

Josephine unterbrach ihn. „Jetzt aber, mein Bester, Sie wissen doch, dass Ihr Geld bei uns nichts wert ist. Kaufen Sie lieber Ihrer Frau ein Stück Kuchen, und richten Sie ihr einen lieben Gruß von mir aus.“

Abels runde Wangen röteten sich. „Oh, aber das ist doch nicht nötig. Uns geht es wohl was besser, jetzt, wo unser Junge auf eigenen Beinen steht.“

Sie gab ihm einen sanften Klaps auf den Arm. „Ach was, nun aber raus hier, Abel Crane. Wir sehen uns dann nächsten Monat. Und sagen Sie Lizzie, sie soll mal hereinschauen.“

„Mache ich“, sagte er und verließ den Laden. „Vielen herzlichen Dank, Josephine.“

Sie drehte sich um und suchte nach dem Neuankömmling. „Geben Sie mir nur eben ein Momentchen zum Aufkehren und …“

Ihr Blick fiel auf den wartenden Kunden. Aber es war nicht nur irgendein Kunde. Es war Noah. Aufrecht und selbstbewusst stand er in der Ecke ihres kleinen Empfangsbereichs und brachte etwas in ihr zum Schmerzen. So war es eben mit Noah. Er kam durch ihre Tür, und die vergangenen anderthalb Jahre schwebten einfach wie ein Lufthauch davon.

„Noah.“ Sein Name entfuhr ihr mit einem Atemzug.

Sein Haar war vom Wind zerzaust, sein Gesicht voller harter Kanten und einem rauen Dreitagebart. In seinen bernsteinfarbenen Augen schien ein Feuer zu lodern. „Wir müssen reden.“

Ihr Mund öffnete sich, aber in ihrem Gehirn war ein einziges Kuddelmuddel. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, warum er hier sein könnte, warum er auf sie wütend sein sollte. Seit ihrer Aussage hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

Sie verschränkte die Arme, eine bestenfalls schwache Barriere, und klebte sich ein Lächeln auf die Lippen. „In Ordnung. Was ist los?“

Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Was los ist? Ich werde dir sagen, was los ist, Josephine.“

Das tat weh. Sie erwartete ja nicht gerade, diese tiefe, raue Stimme „mein Mädchen“ sagen zu hören, aber Josephine? Er hatte sie von Anfang an Josie genannt.

Er beugte sich näher zu ihr, und der volle Effekt seines männlichen Duftes machte sie benommen. „Ich muss deine Ausfertigung unseres Scheidungsurteils sehen.“

Sie blinzelte. Ihr Blick huschte durch den Empfangsbereich. Sie war dankbar, dass er leer war. Trotzdem, die Trennwand war nicht aus Stahl. Eine Hitzewelle stieg über den Nacken in ihre Wangen. „Bitte sprich etwas leiser.“

„Das Scheidungsurteil, Josephine. Geh es holen.“

„Schön. Es ist oben. Ich hole es eben.“ Sie hasste es, wie ihre Stimme zitterte. Sie drehte sich um und eilte in den hinteren Bereich ihres Ladens. Das Lächeln, das auf ihren Lippen fixiert war, geriet ins Wanken, als sie im Spiegel einen Blick auf Noah erhaschte, der ihr folgte.

Na, das würde dann wohl spätestens zur Mittagszeit in der Stadt die Runde gemacht haben. Josephine DuPree Mitchell empfing bei helllichtem Tag ihren Ex-Ehemann in ihrer Wohnung.

Sie schlüpfte durch die Hintertür in den kurzen Flur, der zur Treppe zu ihrer Wohnung führte. Als sie den Treppenabsatz erreichte, sah sie Noah hinter sich am Fuß der Treppe stehen, die muskulösen Arme vor seiner Brust verschränkt.

„Kommst du nicht?“

Er durchbohrte sie mit einem stürmischen Blick voller Misstrauen. „Ich glaube, ich werde einfach hierbleiben.“

Die Hitze in ihren Wangen verstärkte sich noch, während sie die restlichen Stufen mit Knien so wackelig wie ein dreibeiniger Tisch hinaufstieg, weil ihr Gehirn immer noch versuchte, diese letzte unwirkliche Minute zu verarbeiten. Noah hier. In ihrem Laden.

Sie versuchte, den steinernen Ausdruck in seinem Gesicht zu vergessen. So anders, als er sie früher immer angeschaut hatte, als seine Löwenaugen voller Verehrung gewesen waren und seine Lippen sich zufrieden gekräuselt hatten, wenn sie völlig tiefenentspannt in ihrem Bett gelegen hatten. In diesen satten, wohligen Minuten, bevor der Schlaf sie mit sich trug, war es immer am einfachsten gewesen, die Angst wegzuschieben.

Na und? Das hast du nur dir selbst zuzuschreiben, Josephine. Die altvertrauten Schuldgefühle bohrten sich hart in ihre Brust, und sie erlaubte sich einen langen, maßlosen Moment lang, die Wucht des Ganzen zu spüren.

Darüber konnte sich jetzt nicht nachdenken. Konzentration. Wo hatte sie diese Papiere hingelegt?

Ihre Augen huschten durch ihre unordentliche Wohnung. Sie hatte keinen richtigen Aktenschrank; alles, was irgendwie wichtig war, landete auf ihrem Schreibtisch. Die Rechnungen ließ sie links liegen und tauchte direkt zum Grund des Bergs. Nicht da. Sie suchte weiter.

Ihre Finger zitterten, sie war unbeholfen. Ein Stapel Papiere segelte aufs Parkett, und sie bückte sich, um sie aufzusammeln. Es waren vor allem Coupons und Werbung; sie war noch nicht dazu gekommen, sich das alles anzuschauen. Sie schwankte, als sie sich aufrichtete. Wo war es nur?

Sie ging zu den Schubladen über und wühlte darin herum. Himmel, welch ein Durcheinander. Sie musste wirklich Ordnung schaffen. Man konnte schließlich nie wissen, wann der Exmann mit verschränkten Armen übelgelaunt am Fuß der Treppe warten würde.

Die Zeit lief, und seine Laune – sie hatte da so ein Gefühl – wurde mit jeder Sekunde schlechter. Sie fand das Urteil auf dem Grund der letzten Schublade und zog es mit einem von Herzen kommenden Seufzer hervor.

Sie nahm sich noch einen Moment, um kurz durchzuatmen, und ihre Augen blieben an dem Spiegel neben der Eingangstür hängen. Das Adrenalin, das sie durchflutete, hatte ihre Wangen gerötet und Schweißperlen auf ihre Stirn gezaubert. Sie tupfte sich die Stirn mit einem Papiertuch ab und widerstand dem Impuls, ihren Lippenstift aufzufrischen und sich durch die Haare zu fahren.

Komisch, dass sie immer noch schön für ihn aussehen wollte. Manche Dinge änderten sich wohl nie, nahm sie an.

Den Papierstapel fest umklammernd, verließ sie ihre Wohnung und stieg langsam und bewusst tief atmend die Treppe hinunter. Noah wartete unten, still und gefährlich – gefährlich für ihr emotionales Wohlbefinden.

Sie brachte ein kleines Lächeln zustande, als sie ihm den Umschlag überreichte. „Bitte schön. Ich kann dir eine Kopie davon anfertigen, falls du deine Unterlagen verloren hast.“

Er bedachte sie mit einem steinharten Blick, während er das Dokument aus dem Umschlag zog.

Auf ihren wankenden Beinen verlagerte sie ihr Gewicht. „Ich habe all deinen Bedingungen zugestimmt. Ich kann mir nicht vorstellen, warum du jetzt auf einmal so aufgebracht bist.“ Ihr Lachen klang nervös, erstickt von der Enge in ihrer Kehle.

Er öffnete das zusammengeheftete Dokument, schlug die Seiten nach hinten um und hielt es ihr dann hin. „Was ist das hier, Josephine? Was siehst du hier?“

Sie wich zurück, bis die Buchstaben auf der Seite scharf wurden. Ihre Namen, hübsch und ordentlich gedruckt. Ihre Unterschriften auf den entsprechenden Linien.

Und eine Linie darunter für den Richter. Eine leere Linie.

„Alsooo … Ich nehme an, wir haben vergessen, die Unterschrift des Richters einzuholen?“

„Wir haben das nicht vergessen. Du hast das vergessen.“

Sie nahm den Papierstapel aus seinem stählernen Griff. „Möglicherweise haben die Anwälte eine unterschriebene Ausfertigung.“

Sein Lachen war völlig humorlos. „Oh, ich kann dir versichern, dass das nicht der Fall ist.“ Er nahm die Papiere wieder an sich und beugte sich zu ihr, bis sie die braunen Flecken in seinen Augen sehen konnte, die sie früher schon immer hypnotisiert hatten.

„Wir sind nicht geschieden, Josephine. Die Unterlagen sind nie vom Richter unterzeichnet worden.“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. „Was – was redest du da?“

„Du hast das Verfahren nicht zu Ende gebracht. Es ist nie abgeschlossen worden.“ Mit einem Blick machte er sie platt. „Wir sind immer noch verheiratet.“

„Das – das kann nicht wahr sein“, presste sie heraus. Eine nörgelnde Stimme in ihrem Hinterkopf lachte spöttisch.

„Du hast gesagt, du würdest dich darum kümmern. ‚Ich erledige das alles, Noah. Mach dir bloß keine Gedanken darum, Noah.‘ Und jetzt – schau her!“ Er drehte sich zur Wand um. Seine Schulten hoben und senkten sich, und sie hätte schwören können, dass die Temperatur um zehn Grad gestiegen war.

„Ich bringe das in Ordnung. Wir lassen es unterschreiben und geben es ab.“

Er verschränkte die Hände im Nacken. Seine Armmuskeln spannten sich an. Seine Schultern sanken, und ein bisschen von seiner Kampfbereitschaft schien seinen Körper zu verlassen. „So einfach ist das nicht. Die Papiere sind datiert. Joe weiß nicht, ob das Scheidungsverfahren noch in der Schwebe oder ganz eingestellt worden ist.“

„Es tut mir so leid … Ich weiß nicht, wie das passiert ist. Vernon hat die Papiere hier abgegeben, wir haben unterschrieben, ich habe Kopien davon angefertigt und dir und ihm jeweils eine geschickt. Ich dachte, das wäre alles.“

„Nun, das war es aber nicht.“

„Ich werde mich sofort darum kümmern.“

Er drehte sich um. Seine Augen waren so kalt wie ein Bergquell. „Oh nein, das wirst du nicht. Diesmal kümmere ich mich darum. Ich werde am Montag im Gericht anrufen und herausfinden, was wir tun müssen, um das geradezubiegen.“

„Natürlich. Alles, was du willst.“

„Ich will, dass das hier abgewickelt wird. Und ich will, dass es schnell geschieht.“

Er konnte es nicht erwarten, sie endlich loszuwerden. Genau wie letztes Mal. Ihr Innerstes schrumpelte in sich zusammen, während ihr wieder die Hitze ins Gesicht stieg. „Du kannst dich auf meine volle Kooperation verlassen.“

Und so schnell, wie Noah wieder in ihr Leben getreten war, war er wieder weg. Ließ sie gleichermaßen aufgewühlt und ausgelaugt zurück. Genau wie beim ersten Mal, als er durch ihre Tür gekommen war.

KAPITEL 3

Copper Creek, Georgia Vor dreieinhalb Jahren

Josephine legte den neuen schwarzen Umhang über die Schultern des Mannes. Er wirkte kaum volljährig, aber sie fühlte, dass seine Augen im Spiegel sie fixierten. Sie legte ihm die Hände auf die Schultern, die immer noch warm waren von diesem schwülheißen Junitag, und erwiderte seinen Blick. „Was darf ich für dich tun?“

„Nur einmal nachschneiden.“ Er hatte ein nettes Lächeln und Welpenaugen, die die jungen Mädchen vermutlich alle zum Schmachten brachten.

Die Türglocke klingelte, und ein Schwall heißer, feuchter Luft umspülte die provisorische Trennwand. Noch ein Kunde, hoffte sie. „Bin gleich bei Ihnen!“

„Lassen Sie sich Zeit“, erwiderte eine tiefe Stimme.

Josephine steckte das Kabel des Haarschneiders in die Steckdose und machte sich an die Arbeit. Ihre ersten Wochen waren zäh verlaufen, aber so langsam kam das Geschäft in Schwung. Mundpropaganda, vermutete sie. Männer waren darin einfach besser, nahm sie an. Sie hatte ganz sicher kein Geld mehr für Werbung.

Die Fläche so zu gestalten, dass man dort arbeiten konnte, hatte sie mehr gekostet als gedacht, und sie hatte nur ein Waschbecken und einen Stuhl. Verbesserungen in ihrer schäbigen Wohnung im Obergeschoss würden warten müssen. Es würde den Rest ihres Erbes aufzehren, den Laden auf Vordermann zu bringen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und Angestellte zu beschäftigen. Aber das musste geschehen, und zwar bald. So konnte sie kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten. Der Kostenvoranschlag, den sie von dem Bauunternehmer bekommen hatte, der die Vorarbeiten erledigt hatte, war jenseits dessen, was sie sich leisten konnte.

„Wie heißen Sie, Schätzchen?“, fragte der Junge ein paar Minuten später. Ein kokettes Lächeln umspielte seine Lippen.

Ihre Augen wichen seinen im Spiegel aus. In einer kleinen Stadt sprachen sich Dinge schnell herum. Niemand wusste das besser als sie.

Sie schenkte ihm ein verwegenes Lächeln. „Warum fragst du?“

„Ein Mann sollte den Namen seiner zukünftigen Frau kennen.“

Der war aber draufgängerisch. Und so jung. „Du kennst mich doch gar nicht, Kleiner. Vielleicht bin ich nicht die Art Mädchen, die man zu Hause seiner Mama vorstellt.“

Rote Flecken erschienen auf seinem Hals, und Josephine fühlte sich kurz schuldig, weil sie so geradeheraus gewesen war. Seit vollen fünf Minuten saß er in dem Stuhl und hatte nicht ein einziges Mal den „zufällig-absichtlichen Ganzkörpercheck“ gebracht.

„Meine Mama ist nicht mehr da“, sagte er. „Aber mein Daddy würde Sie mögen.“

Sie lachte leise vor sich hin. „Ganz bestimmt, Kleiner.“

Er machte weiter, tat sein Bestes, um sie zu beeindrucken, aber Josephine federte das Ganze etwas ab. Selbst, wenn er sie herumkriegen würde – und das würde nie passieren –, würde er vermutlich gar nicht wissen, was er mit ihr anfangen sollte.

So plauderte sie weiter mit ihm, während sie sein goldbraunes Haar zurechtstutzte.

Eigentlich musste kaum etwas geschnitten werden, aber diese Woche waren schon ein paar solcher Kunden da gewesen. Neugierde, vermutete sei. Alle alleinstehenden Männer kamen vorbei, um sie in Augenschein zu nehmen. Solange ihr das Kunden einbrachte, war das ganz in Ordnung für Josephine. Und wenn ein kleines bisschen Flirten die Männer dazu bewog, wiederzukommen, tat sie ihnen den Gefallen gerne.

Im Empfangsbereich des Herrensalons blätterte Noah blind durch die Seiten der Zeitschrift Blue Ridge Country. Seine Ohren waren ganz auf das Gespräch hinter der klappbaren Trennwand eingestellt. Selbst wenn er den blauen Ford draußen nicht erkannt hätte, hätte er doch Bryce Collins Stimme erkannt. Er war ein guter Junge, beinahe zehn Jahre jünger als Noah, aber er tat sein Bestes für die Neue in der Stadt.

Viel Glück dabei, dachte er und rutschte auf der alten Kirchenbank hin und her, die im Wartebereich als Sitzgelegenheit diente. Ihm stand es noch bevor, die neueste Mitbewohnerin in Copper Creek zu sehen, aber er hatte gehört, dass sie eine echte Augenweide sein sollte. Und wenn sie, wie es hieß, 26 war, war sie eher in seinem Alter als in Bryces. Die Mutter des Jungen würde sich bei seiner Dreistigkeit im Grab umdrehen.

Was Noah anging, war er nur wegen eines Haarschnitts hier. Er hatte seinen Teil Verabredungen schon gehabt und hatte nicht vor, sich niederzulassen, sehr zum Unwillen seiner Mutter. Er war einfach nur froh, lediglich wegen eines Haarschnitts nicht mehr nach Ellijay fahren zu müssen.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Erst kürzlich war er nach einem kurzen Einsatz mit den Marines zurückgekehrt, aber sein raspelkurzer Militärschnitt war schon lange herausgewachsen. In seiner Abwesenheit hatte sich hier nicht viel verändert, aber das gefiel ihm irgendwie. Er hatte die Zeit gebraucht, um erwachsen zu werden und sich zu überlegen, ob Copper Creek und das Familienunternehmen das waren, was er wirklich wollte. Als er nach Hause gekommen war, war er sich sicherer denn je gewesen, dass das der Fall war.

Im Nebenraum ging das Gespräch weiter, und Noah fühlte sich wie angezogen von der gedämpften, sinnlichen Frauenstimme. Ihre handwerklichen Fähigkeiten als Friseurin konnte er noch nicht beurteilen, aber das Ding mit den Waffen einer Frau hatte sie auf jeden Fall voll drauf. Der arme Junge hatte keine Chance.

Obwohl ihre Art ganz dem Südstaatencharme entsprach, entdeckte er einen Hauch Zynismus in ihrem Lachen, in ihren schnellen Antworten. Zynismus war ein Schutzmechanismus – das wusste er aus erster Hand von seiner Oma. Sag dir, man kann den Leuten einfach nicht vertrauen, dann wirst du nicht enttäuscht werden, wenn sie dich im Stich lassen.

Seine Neugier auf die Neue wuchs. Er fragte sich, was diesen Unterton in ihre Stimme gebracht hatte.

Es war kein Geheimnis, warum sie gerade in der Herrenfrisurenbranche gelandet war. Was sie konnte, musste er noch herausfinden, aber das machte nicht viel aus. Solange sie ihre Kunden nicht glatzköpfig hinausschickte, würde sie alleine durch ihre Art, mit Leuten umzugehen, für eine volle Kundenkartei sorgen.

Das Summen des Haarschneiders verstummte. Dann war das Ratschen des Klettverschlusses zu hören. „Das wär’s!“

„Sieht super aus, Josephine. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen.“

„Sag all deinen Freunden, sie sollen vorbeikommen. Für Weiterempfehlungen gebe ich zehn Prozent Rabatt.“

„Ich werd’s mir merken.“

Mit einem dämlichen Grinsen kam Bryce um die Trennwand herum und grub seinen Geldbeutel aus der Hosentasche. Dann fiel sein Blick auf Noah, und seine Ohren wurden schlagartig rot. „Was liegt an, Noah?“

„Nicht viel. Ich habe gerade Feierabend. Wie geht’s deinem Daddy? Ich habe ihn schon ein paar Wochen nicht mehr gesehen.“

„Ach, dem geht es ganz gut. Hauptsächlich ist er mit seiner Arbeit beschäftigt.“

Der Junge redete weiter, aber gerade da kam die neue Friseurin nach vorne. Sie schaute Noah mit ihren blauen Augen an – zwei Portionen Himmel –, und er wurde blind und taub für alles andere.

Ihre roten Lippen schwangen sich zu einem trägen Lächeln. „Bin gleich bei Ihnen.“

„Nur keine Eile“, krächzte Noah, dessen Kehle plötzlich ausgetrocknet war. Seine Augen folgten ihren schlanken Kurven, bevor sie hinter dem Tresen verschwand.

Er konnte den Blick nicht von ihr wenden, während sie Bryce abkassierte. Sie hatte schulterlanges blondes Haar, das kunstvoll um ihr hübsches Gesicht zerzaust war.

Obwohl hübsch ihr nicht gerecht wurde. Ihre alabasterfarbene Haut war fast blass im Kontrast zu ihren üppigen Lippen. Sie hatte dem Bräunungswahnsinn nicht nachgegeben, dem der Rest des Landes verfallen war, und das stand ihr. Lange, dunkle Wimpern strichen über ihre Wangen, als sie in die Schublade griff.

Kein Wunder, dass der arme Bryce in sie verschossen war. Sie war eine Granate. Eine Sirene. Selbst ihre Bewegungen – das wissende Zucken ihres Kinns, der selbstbewusste Hüftschwung – verströmten rohe Sexualität. Aber es waren ihre Augen, die ihn trafen wie ein Blitz. Blasses Eisblau. Und irgendwie älter als der Rest ihrer Person. Hinter diesen Augen steckten Geheimnisse, und plötzlich wollte er sie alle erfahren.

Josephine schickte ein weiteres Lächeln in seine Richtung. „Ich bin gleich so weit. Geben Sie mir nur eben ein Momentchen zum Aufkehren.“

Noah wurde bewusst, dass Bryce gegangen war. Die Glastür war immer noch im Schließen begriffen, und die klingelnden Glöckchen darüber vermischten sich mit seiner Erinnerung. Er wusste nicht einmal mehr, ob er sich ordentlich von dem Jungen verabschiedet hatte.

Er versuchte, sich an alles zu erinnern, was er über sie gehört hatte. Paul Truvy war ihr Vater, und er hatte ihr seinen Besitz vererbt, als er letzten Herbst gestorben war. Sie hatte in Cartersville bei einem Herrenfriseur gearbeitet und war zu Frühlingsanfang von dort heraufgekommen, um hier ihren eigenen Salon zu eröffnen.

Sie hatte Beamus Jenkins, dem stadtbekannten Trinker, nach Feierabend an ihrem ersten Samstag einen Haarschnitt gratis verpasst. Am nächsten Morgen war er das erste Mal seit zwanzig Jahren wieder in der Kirche aufgetaucht. Möglicherweise machte noch mehr die Runde, aber Noah war kein Typ für Gerüchte.

Die Baufirma seiner Familie hatte für die erste Phase des kleinen Renovierungsprojekts, die ihr Geschäft auf die Beine brachte, ein Gebot abgegeben. Sein Bruder, Seth, hatte den Kostenvoranschlag gemacht; er erinnerte sich daran, dass er die Akte im Büro hatte liegen sehen. Aber ein Mitbewerber hatte den Zuschlag bekommen.

Er schaute sich im Empfangsbereich um. Hier war immer noch viel Arbeit nötig, soweit er das von hier aus sehen konnte. Der ursprüngliche Holzboden musste aufbereitet werden, und der klappbare Wandschirm, der den Eingangsbereich vom Arbeitsbereich abtrennte, war nicht genug. Durch die Eingangstür ging Luft verloren. Das würde ein echtes Problem werden, wenn das schwülwarme Sommerwetter erst einmal da war.

Er würde eine Trennwand einbauen, etwa drei viertel hoch. Den Boden würde er gerade so weit abschleifen, dass der alte Schmutz und die Flecken weg waren, aber die Maserung und der Charakter des Holzes erhalten blieben. Eine schöne Espressofarbe würde einen netten Kontrast zu der alten Backsteinmauer zu seiner Rechten bilden.

Josephine kam hinter dem Paravent hervor. „Kommen Sie mit durch, Schätzchen.“

Sein verrücktes Herz machte einen Luftsprung wegen des Kosenamens. Er stand auf und folgte ihr zu dem Stuhl. Dabei zerbrach er sich den Kopf darüber, was er nur sagen sollte. Er fühlte sich, als hätte ihm einer eins mit einem Kantholz über die Birne gezogen.

Seine Augen funktionierten immerhin ganz großartig. Josephine war zierlich, fiel ihm auf, jetzt, wo er auf den Füßen stand. Mindestens einen Kopf kleiner als er mit seinen knappen 1,90. Starke, gerade Schultern und eine schlanke Taille. Kurven wie eine Bergstraße.

Er setzte sich in den Stuhl und begegnete im Spiegel ihrem Blick.

Seine Stimme schien sich in seiner Kehle verhakt zu haben. Was stimmte bloß nicht mit ihm? Er war vielleicht kein goldzüngiger Plauderknabe, aber wortkarg war er nun auch nicht. Noah zollte Bryce stummen Respekt dafür, dass er sich so zusammengerissen hatte. Das war mehr, als er gerade fertigbrachte.

„Ich bin Josephine Dupree.“ Mit einem Schwung legte sie ihm den schwarzen Umhang um.

„Noah Mitchell.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Noah.“ Sie legte ihm die Hände auf die Schultern, und er spürte die Berührung bis in die Zehenspitzen. „Was kann ich für Sie tun?“

Er riss seine Augen von ihrem Spiegelbild los und starrte sein eigenes an. „Da müssen vielleicht drei, vier Zentimeter ab.“ Seine Stimme brach, als wäre er siebzehn. Hitze kroch ihm den Hals hoch, während er sich räusperte. „Ist schon eine Weile her.“

Sie drehte seinen Stuhl um, und auf einmal fiel ihm ein, dass er sich auch für eine Haarwäsche eingetragen hatte. Das bereute er jetzt. Besonders, als sie die Lehne seines Stuhls absenkte, sich über ihn beugte und ihre großzügigen Kurven näher kamen.

Sein Herz schlug bis in seine geschwollene Kehle hinein. Er schloss die Augen. Da bemerkte er ihren Geruch. Süß, ein bisschen würzig. Berauschend.

Das Wasser wurde angestellt. Ihre Finger strichen durch sein Haar, gefolgt von einem Schwall warmen Wassers. Sein Puls machte einen Sprung, und er bemühte sich, gleichmäßig zu atmen. Sein Körper summte wie eine Stimmgabel.

Jetzt reiß dich mal zusammen, Mitchell.

„Sie haben wirklich schönes Haar“, sagte sie mit dieser rauchigen Stimme. „Viele Männer würden alles geben für so dickes, volles Haar.“

Sein Mund arbeitete. Was sollte er sagen? Danke? Ebenso? Während er über seine Erwiderung nachdachte, vergingen die Sekunden, bis es zu spät war, überhaupt irgendetwas zu sagen. Vielleicht dachte sie, er sei schwer von Begriff.

Sie fuhr mit ihren Fingern durch sein Haar, während sie es mit Wasser benetzte. Sein Herz donnerte gegen seinen Brustkorb, und ein Schaudern rann ihm über den Nacken. Herr im Himmel. Man könnte meinen, du wärst noch nie von einer Frau angefasst worden.

Er rutschte im Stuhl herum.

„Zu heiß?“

Er räusperte sich. „Ähm, nein. Ist gut so.“ Vier Worte. Jetzt hast du aber ‘nen Lauf, Kumpel.

Das Wasser wurde abgestellt, und ihre Finger begannen damit, das Shampoo in sein Haar einzuarbeiten.

Er hielt seine Augen geschlossen und ließ zu, dass ihr Duft seine Sinne überwältigte. Er konnte ihre Körperwärme spüren, als sie sich vorbeugte, um seinen Hinterkopf zu erreichen. Ihr Atem strich über die Härchen an seinen Schläfen und brachte jede seifige Haarwurzel dazu, sich aufrecht hinzusetzen.

Dann lief wieder Wasser, und sie begann, den Schaum abzuwaschen. Fast fertig. Er bemerkte, dass seine Hände zu Fäusten geballt waren. Er entspannte sie und wischte sich seine verschwitzten Handflächen auf den Oberschenkeln ab.

Als sie das Wasser abstellte, wartete er auf das Handtuch. Er brauchte Raum zum Atmen. Aber stattdessen fingen ihre Finger wieder an, sich durch sein Haar zu arbeiten, und ein angenehmer Moschusduft mischte sich unter ihren Geruch.

„Riecht das Zeug nicht einfach himmlisch? Es ist mein Lieblingsprodukt. Ihre Haare werden sich hinterher anfühlen wie Seide.“

„Riecht großartig.“

„Wie haben Sie von meinem Geschäft erfahren?“

„Äh, vom Hörensagen, glaube ich. Sie hatten den Laden gerade gekauft, als ich von einem Auslandseinsatz wiedergekommen bin.“

„Danke für Ihren Dienst, Noah. Welche Truppe?“

„Marines. Meine Familie hat übrigens ein Gebot für Ihren Renovierungsauftrag abgegeben. Mitchell Home Improvement.“

Ihre Finger kneteten seinen Nacken, eine Minimassage, die ungefähr das Beste war, das er je gefühlt hatte. Er schluckte schwer, wollte sich gleichzeitig in ihre Berührung fallen lassen und aus dem Stuhl flüchten.

„Oh, tut mir leid. Sawyers Angebot war etwas niedriger, und ich muss auf jeden Penny achten.“

„Es ist eine gute Firma. Sind gute Leute.“

„Ich hole gerade neue Angebote für die nächste Phase ein. Einer eurer Jungs macht einen Kostenvoranschlag für mich. Billy heißt er, glaube ich. Ich habe ein sehr begrenztes Budget, weil ich gerade erst angefangen habe.“

Sie stellte das Wasser an und begann damit, den Conditioner auszuspülen.

Plötzlich wollte er diesen Job mehr als seinen nächsten Atemzug. Dieser Tage kümmerte er sich vorwiegend um größere Aufträge. Sie hatten mehrere sehr fähige Mannschaften, und im Büro war auch immer eine Menge zu tun. Aber in diesem Fall war er versucht, die Sache persönlich in die Hand zu nehmen – sozusagen.

„Ich werde mir das Angebot anschauen. Mal sehen, ob sich was machen lässt.“

„Das ist aber nett von Ihnen. Ich habe vor, so bald wie möglich anzufangen. Ein Stuhl wird mich nicht lange im Geschäft halten.“

„Sie wollen sich vergrößern?“

„Yes, Sir. Ich habe einige Stühle und Becken aus zweiter Hand aus einer Geschäftsauflösung in Atlanta. Außerdem muss am Boden was gemacht werden, und ich brauche hier drin noch ein, zwei Wände.“

„Sieht aus, als hätte es in der Decke da vorne irgendwann einen Wasserschaden gegeben.“

„Das kommt von meinem Badezimmer oben. Der Schaden ist behoben, aber die Decke muss repariert werden.“

„Sie wohnen da oben?“ Die Wohnung hatte jahrelang leergestanden. Er konnte sich nicht vorstellen, in welchem Zustand sie sich befand.

„Vorerst.“ Sie drehte den Wasserhahn zu und tupfte sein Haar mit einem Handtuch ab, bevor sie die Lehne wieder gerade stellte. „Um ehrlich zu sein, also, wenn ich von dem einen Angebot ausgehe, das ich schon bekommen habe, werde ich wohl eine Art Deal aushandeln müssen.“

Lebhafte Visionen von Küssen im Mondlicht schossen ihm durch den Kopf. Er blinzelte sie weg. „Was denn für eine Art Deal?“

Sie pumpte den Stuhl hoch und rubbelte mit dem Handtuch über seinen Kopf, um das restliche Wasser aufzunehmen. Dann bewegte sie sich an seine Seite und zog einen Kamm durch sein Haar. „Ich habe gedacht, ich könnte vielleicht eine helfende Hand reichen. Sie wissen schon, abends und an meinem freien Tag.“

„Sie meinen … bei der Renovierung?“

Sie hielt inne. Ihre Augen fixierten seine im Spiegel. Sie glitzerten amüsiert. „Ich kann mehr als nur hübsch in der Gegend herumstehen, das sollten Sie vielleicht wissen.“

Hitze stieg ihm in die Wangen. „Das habe ich nicht gemeint …“

Ihr Lachen war leise und lasziv, und ihre Augen verzogen sich zu Halbmonden. „Entspannen Sie sich, ich bin kein Handwerker, aber ich kann einen flachen Schraubenzieher von einem Kreuzschlitz unterscheiden. Und ich lerne schnell. Ich habe gehofft, ein paar Hände zusätzlich könnten die Kosten ein wenig senken.“

Sie lehnte sich näher an ihn heran, um seinen Pony mit dem Kamm zu durchfahren, und brachte ihren berauschenden Duft mit. „Meinen Sie, Sie wären offen für so etwas in der Art?“

Den Mann würde er gerne treffen, der das nicht wäre.

Trotzdem, aus geschäftlicher Sicht wäre er dumm, das anzunehmen. Alles Mögliche konnte dabei schiefgehen. Vermutlich würde sie seine Arbeitsgeschwindigkeit eher bremsen. Zweifellos würde sie ihn unglaublich ablenken. Und da war noch nicht mal die Frage nach der Versicherung geklärt.

Aber während sie ihm die Haare schnitt, ganz auf ihre Aufgabe konzentriert, sah er ihr in die Augen, die auf der Hut waren. Da war mehr, als man auf den ersten Blick sehen konnte. Er wollte alles wissen, was es über Josephine Dupree zu wissen gab, und ihm fiel keine bessere Art und Weise ein, das zu erfahren, als so. Wenn ihn das zu einem Trottel machte, mochte das so sein.

„Ich würde es mir auf jeden Fall überlegen“, sagte er. Und dein Lächeln reicht mir als Anzahlung.

„Freut mich, das zu hören.“

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre Arbeit. Das nutzte Noah aus, um sie in Ruhe zu betrachten. Selbst so aus der Nähe war ihre Porzellanhaut makellos. Ihre dunklen Wimpern waren wahnsinnig lang und gebogen. Zarte Augenbrauen wölbten sich spitzbübisch über mandelförmige Augen. Sein Blick senkte sich auf ihre vollen roten Lippen. Die reinste Vollkommenheit.

Oh ja. Komme, was da wolle, diesen Auftrag würde er übernehmen.

KAPITEL 4

Sweetbriar Ranch Gegenwart

Noah öffnete Rangos Box und führte ihn auf den Putzplatz. Der Atem des Pferdes stand neblig in der Luft, obwohl es fast Mittag war. Eine Wolkenbank schluckte das Sonnenlicht, und Tannenduft hing schwer in der Luft.

Rango wieherte leise. Gestriegelt zu werden stand ganz weit oben auf der Liste dieses Pferdes, zusammen mit Fressen. Noah führte das Paint Horse in den Stand und ließ den Führstrick los. „Steh.“

Alle Pferde auf der Sweetbriar Ranch waren darauf trainiert, stehen zu bleiben, wenn der Strick auf dem Boden hing. Rango allerdings war noch ziemlich neu und neigte nach wie vor dazu davonzuwandern.

Er begann, das schwarzweiße Fell des Pferdes zu striegeln. „Bist ein bisschen in die Kletten geraten, was? Manchmal habe ich das Gefühl, du machst das mit Absicht, Großer.“

Rango seufzte. Die restlichen elf Pferde waren bereits gefüttert, gestriegelt und auf der Weide. Wenn es noch kälter wurde, würde er ihnen die Decken auflegen müssen.

Sein Telefon summte in seiner Hosentasche, und er schaute aufs Display. Endlich. Um Punkt zehn Uhr hatte er heute Morgen im Gericht angerufen und darauf gewartet, dass sie die Aktenlage überprüften und sich wieder bei ihm meldeten.

„Mitchell hier.“

„Hallo, Mr. Mitchell, hier spricht Cheryl vom Gericht.“

„Hallo, Cheryl. Danke, dass Sie sich so schnell melden. Was haben Sie herausgefunden?“

„Also, ich habe die Akten durchsucht und herausgefunden, dass Sie ganz recht hatten – Ihre Scheidung ist nie vollzogen worden. Ich fürchte, Sie sind immer noch verheiratet.“

Sein Herzschlag hüpfte. „Immer noch verheiratet“, murmelte er sich selbst zu. Egal, wie oft er den Gedanken jetzt gedacht hatte, er schien nicht ganz bei ihm anzukommen.

„Ich fürchte, so ist es. Das Verfahren ist immer noch in der Schwebe, das ist also gut. Es geht im Grunde nur darum, frischdatierte Papiere und die entsprechenden Unterschriften zu bekommen. Ihr nächster Schritt wäre, Ihren Anwalt zu kontaktieren.“

„Das mache ich. Vielen Dank, Cheryl.“

„Gern geschehen. Schönen Tag noch.“

Noah verschwendete keine Zeit. Er bekam Joe an den Apparat, der ihm ein frischdatiertes Scheidungsurteil bis zum Ende des Tages versprach. Noah bedankte sich bei ihm und legte auf.

Morgen würde er in die Stadt fahren, die Papiere abholen, sie unterschreiben, sie von Josephine unterzeichnen lassen und sie wieder abgeben.

Nein, nicht morgen, dachte er, als er in Gedanken seinen Terminkalender durchging. Nachmittags traf er sich schon mit einem möglichen Einstaller, und dann kam der Chiropraktiker, der sich ein paar Pferde vornehmen sollte.