Hüzün ... das heißt Sehnsucht - Baha Güngör - E-Book

Hüzün ... das heißt Sehnsucht E-Book

Baha Güngör

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Beschreibung

Identität und Heimat, was bedeuten sie? Keiner schrieb so authentisch über diese Fragen wie Baha Güngör (1950–2018). 60 Jahre lang war er ein Grenzgänger zwischen den Kulturen. Der deutsche Journalist (und damals noch erste türkische Zeitungsvolontär der Bundesrepublik) erzählt mit viel Humor eine Integrationsgeschichte aus dem Herzen der ersten türkischen Gastarbeiter-Generation. Doch erklärt er auch, warum am Ende so viele Integrationsbemühungen zum Scheitern verurteilt waren und sich das Gefühl von Zugehörigkeit bis zum Schluss nicht einstellen mochte. Er starb, skeptischer geworden gegenüber seiner deutschen Heimat, bevor dieses Manuskript abgeschlossen werden konnte. Lale Akgün, Dipl.-Psychologin, frühere Bundestagsabgeordnete und eine lebenslange Freundin von Baha Güngör, hat sein Buch einfühlsam vollendet. Auch sie kam als Kind aus Istanbul nach Deutschland. In einem spannenden fiktiven Gespräch stellt sie ihrem Freund Baha manch andere Ansicht gegenüber. Es zeigt sich: Integration ist nicht gleich Integration.

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Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Baha Güngör / Lale Akgün

Hüzün ... das heißt Sehnsucht

Wie wir Deutsche wurden und Türken blieben

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8012-7020-9 (E-Book)

ISBN 978-3-8012-0540-9 (Printausgabe)

Copyright © 2020

by Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH

Dreizehnmorgenweg 24, D-53175 Bonn

Umschlaggestaltung: Petra Bähner, Köln

Satz: Ralf Schnarrenberger, Hamburg

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, 2020

Alle Rechte vorbehalten

Besuchen Sie uns im Internet: www.dietz-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Cover

Titel

Impressum

TEIL I – FRÜHLING

Erstes Kapitel

Abreise aus Istanbul

Zweites Kapitel

In Almanya

Deutsch, Maria und Leberwurst

Deutschland ist so anders

Drittes Kapitel

Schulbeginn

Ich kann jetzt Deutsch, Herr Postulka

Viertes Kapitel

Deutschwerdung – Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Im anderen Teil Deutschlands

TEIL II – SOMMER

Fünftes Kapitel

Loslassen können – zum ersten Mal weg von zuhause

Mein Weihnachtsmann hieß Baba Charduck

Sechstes Kapitel

Irgendwas muss man ja im Leben machen

Auch nur Menschen …

Baklava fürs Herz

Elf Freunde

Parallele Lebenswelten

Siebtes Kapitel

Fremder Vater

Wie der Vater, so (fast) der Sohn

Achtes Kapitel

Medari İftiharimiz – erster türkischer Zeitungsvolontär in Deutschland

»Statt Kölsch fast nur noch türkisch«

Beşïktaş gegen Fortuna Köln – ein Fussballspiel mit Folge

Pendler

Neuntes Kapitel

Endlich Deutscher!

Wenn der Staat sich abseits hält

Jetzt ein Teil von mir?

Zehntes Kapitel

Gekommen um zu bleiben – ja und dann?

Kleinere und grössere Sünden deutscher Ausländerpolitik

Der Muslim in mir

Elftes Kapitel

Heimweh?

Eine Entscheidung: zurückgehen als deutscher Journalist

»Hans« muss lernen, sich zu integrieren

Zwölftes Kapitel

Einmal Türke immer Türke – für die Türkei

»Es ist nicht leicht, ein Türke zu sein«

Ich bin Journalist, kein Beamter

Dreizehntes Kapitel

Unter Nato-Partnern

Wachsende Ausländerfeindlichkeit und eine Freundschaft auf der Kippe

»Sie sorgen für viel Ärger, also werden Sie auch viel Ärger bekommen!«

TEIL III – HERBST

Vierzehntes Kapitel

Rückkehr ins deutsche Herzland

Hüzün, das heißt Sehnsucht …

TEIL IV – GESPRÄCHE UNTER FREUNDEN IM WINTER

Lale Akgün – Baha mit meinen Augen

Baha und seine Besonderheiten

Baha und das liebe Essen

Börek mit Käse und Spinat

Bohneneintopf

Sarma: gefüllte Weinblätter in Olivenöl

Baha und die liebe Kultur

Der Lokalpatriot und seine Orte

Ist Deutschland (auch) meine Heimat oder nicht?

Gespräche im Winter mit Baha Güngör

Bilanz ziehen – ausgezogen aus Istanbul, ­heißt das auch angekommen in Deutschland?

Zwei Seelen in der Brust – eine türkische und eine deutsche

Loyalität – der Schlüssel zur Erklärung der zwei Herzen

Eine ganz besondere Spezies, die jetzt ausgestorben ist – ­die türkischen Ärztegattinnen

Die Sache mit Mesut Özil – das Persönliche wird auch politisch

Ein Resümee: was Freundschaft bedeutet

Was vom Leben übrig bleibt

Abschied von Baha

Anmerkungen

EINLEITUNG

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Beim Gänsemarsch der Jahreszeiten kommt es vor, dass diese sich gegenseitig imitieren. In Deutschland muss man im Juni schon mal die Heizungen aufdrehen oder im Januar die kurzärmeligen Hemden aus den Tiefen der Kleiderschränke hervorkramen, jedenfalls im Rheinland, wo ich lebe.

Auch das Leben eines Menschen besteht aus vier Jahreszeiten: Kindheit und Jugend, das Erwachsensein mit seiner natürlichen Belastung, die die Verantwortung im beruflichen und privaten Leben mit sich bringt, das Älterwerden mit seinen Herbststürmen und Midlife-Krisen. Zum Schluss folgt das Alter mit dem aussichtslosen Kampf gegen den listigen, hinterhältigen und unberechenbaren Tod.

Doch im Leben eines Menschen wiederholen sich Jahreszeiten nicht. Das persönliche Schicksal, die Momente des Glücks und des Pechs, die Konsequenzen aus den eigenen Entscheidungen, aber auch aus den Entscheidungen und Vorgaben der Eltern, des persönlichen Umfelds sowie die charakterlichen Eigenschaften – sie bestimmen, ob die durchschrittene Jahreszeit gut oder schlecht war und welche Ziele für die kommenden Stufen des Lebens überhaupt gesteckt werden können.

Seit Menschengedenken gibt es aber auch Völkerwanderungen. Während Nomaden den Witterungsbedingungen folgen und mitsamt dem Vieh und den Nutztieren oft an ihre Ausgangspunkte zurückkehren, gibt es bei den großen Völkerwanderungen der Geschichte nie eine Garantie auf Rückkehr in die ursprünglichen Heimatregionen. Tyrannei, grausame Herrscher, Kriege oder auch die fehlende Aussicht auf ein würdiges Leben in Sicherheit zwingen die Menschen in ferne, unbekannte Gebiete. In ganz Europa blüht der Nationalismus wieder auf. Die Geschichte droht vielerorts, sich zum Leidwesen der Menschheit zu wiederholen. Vom Balkan bis tief in den Nahen und Mittleren Osten gibt es kein Land, kein Volk ohne kaschierte oder offenbarte Großmachtträume. Mit Schamröte im Gesicht hat die Geschichte die Völkermorde des 20. Jahrhunderts archiviert. Zwei brutale Weltkriege haben Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Unbarmherzige Regime, gnadenlose Diktatoren oder Tyrannen haben ohne Rücksicht und ohne Furcht vor Gott Menschen unterdrückt oder in die Diaspora verscheucht.

Die Flüchtlinge aus Syrien und aus weiteren arabischen Ländern, aus Afrika oder aus Asien und der Umgang mit ihnen haben die Schönwetter-Demokratien in Europa schonungslos der Erosion ausgesetzt. Die Wertekataloge der Europäischen Union sind nur noch voller Muster ohne Wert. Drei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer und der unbarmherzigen DDR-Grenze mit Selbstschussanlagen gibt es neue Drahtzäune zwischen Ländern. Soldaten und Polizisten sowie faschistoide »Bürgerwehren«, die mit entsicherten Waffen nach Schutz suchenden Menschen auf der Flucht vor dem Tod, vor Bürgerkriegen und dem Tod im Bombenhagel von allen Seiten die Hilfeleistung verweigern. Massen von Flüchtlingen ertrinken auf der Flucht im Meer und unbarmherzige Politiker versperren ihnen den Zugang zu rettenden Häfen an ihren Riviera-Küsten.

Im Gegensatz zu den heute unerwünschten Flüchtlingen aus den einstigen Spielwiesen weißer europäischer Herren war die zunächst temporär vorgesehene Einwanderung von einst als »Gastarbeiter« bezeichneten und von europäischen Nationalisten heute noch am liebsten als solche betrachteten Menschen vor allem aus der Türkei sehr willkommen. Deutschland brauchte unqualifizierte Arbeitskräfte, die willig waren und keine Vorurteile gegen Deutsche trotz der noch sehr frischen Erinnerungen an Hitler-Deutschland hegten. Keiner fragte sie nach ihrer Religion, nach ihren politischen Weltanschauungen, nach ihren Vorlieben oder ihren Tabus.

Am Anfang waren alle glücklich. Die Türkei freute sich über die Ausdünnung von Arbeitslosenheeren. Deutschland freute sich über die nicht viel fragenden, fleißigen, loyalen und kräftigen Arbeiter, die vor allem unter Tage, an Stahlöfen oder Fabriken im Dienste des »Wirtschaftswunders« schufteten und so zur Festigung des damals noch zerbrechlichen Wohlstands beitrugen. Die Familien in der Heimat freuten sich ebenso wie der wirtschaftlich marode türkische Staat über die Devisenüberweisungen. Die Betroffenen dankten Gott dafür, dass sie Arbeit hatten und zugleich ihren Familien und Verwandten in Anatolien zu einem besseren Leben verhelfen konnten.

Die schwere Last des Zwangs zum Leben in »Gurbet«, in der Fremde, nahmen die Menschen gottergeben hin. In der türkischen Sprache von damals wurden sie als »Gurbetçi« bezeichnet, weil sie in der Fremde leben und arbeiten mussten. Für nationalistische und religiöse Türken heißen sie heute noch so. Modern orientierte und den zeitlichen Veränderungen angepasste Türken hingegen sprechen schon längst von »Göçmen«, Auswanderer. Ein »Gurbetçi« lebt mit dem Traum der Rückkehr. Ein »Göçmen« hingegen ist gekommen, um zu bleiben.

Der schwere, oft leidvolle Gang in die Fremde war in Anatolien nicht neu. Die Landflucht fußte auf der Hoffnung auf Arbeit und Brot in den türkischen Großstädten, weil die Landwirtschaft mit den explodierenden Bevölkerungszahlen nicht Schritt hielt. Das Ziel war, in der Fremde genug Geld zu verdienen, um sich und die zurückgebliebene Familie zu ernähren. Ein oft romantisiertes Motiv ist das Geldverdienen in der Fremde, um den »Brautpreis«1 für die geliebte junge Frau im Dorf bezahlen zu können. Der Spruch, »Erde und Stein von Istanbul sind aus Gold«, – gemeint ist, dass das Geld in Istanbul auf der Straße liege – führte zur Explosion der Einwohnerzahlen nicht nur am Bosporus. Auch andere Ballungszentren wie die Hauptstadt Ankara, Izmir an der Ägäis oder Bursa am Marmarameer verzeichneten immer mehr Zuwanderer aus dem eigenen Land.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, dessen Spruch, »man hat Arbeitskräfte gerufen und es kamen Menschen« viel zitiert wird, hatte wohl eher unbeabsichtigt den Nagel auf den Kopf getroffen. Er hatte nämlich mehr die italienischen Arbeitskräfte in der Schweiz und die damals befürchtete Überfremdung gemeint als die türkischen im benachbarten Deutschland. Besser hätte man die damals begonnenen Probleme nicht beschreiben können. Niemand interessierte sich für das, was der türkische Arbeitskollege am Fließband oder mit der Spitzhacke in der Zeche abends machte, was er aß, wo er betete oder welche Sorgen ihn plagten. Türken waren als Arbeitskräfte interessant, nicht als Menschen. Sie sollten und wollten ja auch nach ein paar Jahren zurückkehren, wenn sie genug Geld für Ackerland, für ein Lebensmittelgeschäft in der Heimat, für die Hochzeit mit den wartenden Bräuten oder auch für die Ausbildung der eigenen Kinder und für die der Verwandten gespart hatten.

Doch aus der anvisierten Rückkehr in die Heimat mit genug Erspartem für ein besseres Leben als zuvor wurde für die meisten »Gastarbeiter« nichts. Das Leben ging zwar auf gepackten Koffern oder zugeschnürten Kartons auf den Kleiderschränken in den Wohn- und Schlafzimmern in engen Wohnungen weiter. Aber der Absprung wurde mit den Jahren noch schwerer. Es wurde geheiratet, es kamen Kinder auf die Welt und die Rückkehr wurde Jahr für Jahr verschoben. Statt Abreise gab es jedes Jahr einen weiteren dicken Stempel von den deutschen Ausländerbehörden mit weiteren, zumeist einjährigen Verlängerungen der Aufenthaltserlaubnisse, die aber selbständige gewerbliche Tätigkeiten untersagten.

Die Gründe für die Abschottung der neuen Gastarbeiter, für die Bildung von Wohnghettos, waren von Beginn an bekannt, doch man machte sich keine großen Gedanken darüber. Heute darf sich auch keiner mehr darüber wundern, dass inzwischen viele, vor allem aber orientierungslose, ursprünglich aus der Türkei stammende Menschen ihre neuen Helden und ihr eigenes Führungspersonal haben, denen sie mehr Aufmerksamkeit und Glauben entgegenbringen als den deutschen Politikern im Bund und in den Ländern.

Ursprünglich wollte ich dieses Buch mit dem Titel »Drei Jahreszeiten im Niemandsland« schreiben. Es sind die drei bislang bewusst erlebten drei Jahreszeiten meines Lebens. Wie wird sich Deutschland weiterentwickeln? Wird es zunehmend nationalistischer und radikaler? Was wird aus der Türkei? Wird sie endgültig zu einer Diktatur? Oder zu einem Gottesstaat? Wird sie die Wirren des Wechsels von der pluralistischen Demokratie zu einem Präsidialsystem als Einheit überstehen? Oder fällt sie auseinander wie etwa das einstige Jugoslawien nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung?

Die drei Jahreszeiten meines Lebens in beiden Ländern, in beiden Kulturen, zwischen allen Stühlen und auf allen Brücken über tiefe Kluften haben zu einer Erkenntnis geführt: Wenn ich in eine Waagschale die Heimat lege und in die andere die Fremde, dann weiß ich inzwischen nicht mehr, auf welcher Seite Deutschland und auf welcher die Türkei ist. Deutschland hätte eine gute Heimat werden können. Nicht nur für mich, sondern für alle, die hier als »integriert« gefeiert und gelobt werden.

Doch das ist an meiner enormen Enttäuschung über den Umgang mit Schutzbedürftigen, über den rasanten Aufstieg des von der AfD geprägten und vertretenen Neo-Nationalismus und über die anhaltende Weigerung, Menschen mit Migrationshintergrund auf Augenhöhe anzuerkennen, sehr schwer geworden. Dabei war ich über Jahrzehnte der denkbar deutscheste Türke im Rheinland.

Wo ist die Heimat? Wo ist »Gurbet«, die Fremde? Beide Länder, die Türkei und Deutschland, können beides sein. Der Gedanke daran, dass am Ende Heimat und Fremde sich zu einer ungenießbaren Plörre vermischen und von all den durch alle drei Jahreszeiten des Lebens hindurch geträumten Träumen nichts mehr übriglassen, verleiht der Sehnsucht eine alles überragende Übermacht. Die Sehnsucht nach der Vergangenheit, nach den schönen Zeiten mit Menschen, die es nicht mehr gibt, nach Städten, die inzwischen ganz anders aussehen, führt unweigerlich zu Schwermut, zur Resignation oder zur Aufgabe von Hoffnungen, was in der türkischen Sprache unter den Begriff »Hüzün« fällt. In der musikalischen Melancholie kann Hüzün die Sehnsucht nach den Augen oder nach der Stimme von Menschen beschreiben, die nicht mehr leben oder in unerreichbarer Ferne sind.

In den ersten beiden Jahrzehnten der »Gastarbeiter«-Einwanderung legte sich »Hüzün« abends auf die Gemüter der Gastarbeiter nicht nur in ihren Schlafsälen, in denen sie in zahlreichen Doppelbetten auf die nächste Schicht warteten und zu schlafen versuchten. Kleine zerkratzte Schallplatten mit Liedern aus der Heimat drehten sich unaufhörlich auf den Tellern von billigen Schallplattenspielern. In den Bahnhofsgaststätten trafen sie sich, um ein Bier zu trinken und dabei die Gleise im Blick zu behalten, über die sie nach »Almanya« gekommen waren. Anatolierinnen, die in anderen Fabriken, in Textilbetrieben oder in den Reinigungskolonnen von Krankenhäusern oder Bürogebäude arbeiteten, kochten nach Feierabend Gerichte aus der Heimat, tauschten Rezepte aus, sangen gemeinsam Lieder der Sehnsucht und weinten dazu gemeinsam. Einige dieser Gerichte und Lieder will ich Ihnen, geneigte Leserin, geneigter Leser, hier und da im Laufe der Lektüre vorstellen, damit Sie, wenn Sie mögen, auch schmecken und hören können, was ich mit Hüzün meine und spüren, wie sehr das Herz bei diesem Thema involviert ist.

Im Frühling sowie im Frühsommer meines Lebens bewegte ich mich zumeist im »Niemandsland« zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen den Demarkationslinien beider Kulturen und Religionen. Somit hatte ich Einblick in beide Welten hinter den hohen Mauern, die beide Seiten mit den Jahren immer dicker, höher und undurchdringlicher hochgezogen hatten. Es gab sehr wenige bikulturelle Türken, die die geheimen Passierpfade kannten, die in beide Welten führten. Vorurteile, Klischees sowie Abneigung, Xenophobie und gar Hass auf die andere Seite verschlossen den Gang um die Mauern herum. Die deutschen und die türkischen Welten weit weg von der Türkei waren für sich genommen in Ordnung. Solange niemand sich für die andere Seite interessierte und gar versuchte, Lage und Entwicklungen in seinem Sinne zu beeinflussen. Genau an diesem Punkt wurde aber abseits des öffentlichen Interesses die Saat gesät, die viele Jahre, gar Jahrzehnte später die Integrationsbemühungen erheblich erschweren, Missverständnisse schüren und auch Hass und Abneigung nähren sollte.

Bemühungen des aufeinander Zugehens gab es immer wieder. Kirchen zum Beispiel bemühten sich mit Organisationen wie »Woche der ausländischen Mitbürger«, die Menschen zueinander zu führen. Doch sowohl die Deutschen als auch die Türken waren überfordert, die Welten, die Gedanken, Mentalitäten oder Emotionen der Anderen zu verstehen und einzuordnen, geschweige denn daraus zu lernen. Alleine die allgemeine Feststellung, Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen hätten sich ja gut integriert, nur die Türken hätten das nicht geschafft, zielt an den Problemen vorbei. Portugiesen, Spanier, Italiener und Griechen sind Christen. Somit haben die Kirchen für sie einen ganz anderen Stellenwert – und umgekehrt. Getoppt hat Alt-Bundespräsident Joachim Gauck die Unwissenheit über die wahren Hintergründe, warum die erste Generation immer noch schlecht bis sehr schlecht Deutsch spricht2. Es waren Arbeitskräfte, die nicht nach ihrer Bildung oder Qualifizierung, sondern nach ihren Stärken wie Muskelkraft, Ausdauer und körperliche Unversehrtheit ausgesucht worden waren. In menschenunwürdigen Auswahlverfahren, in deren Verlauf die Männer – bis auf die Unterhose ausgezogen – auch schon mal mit Nummern, die mit Filzstiften auf ihre Körper geschrieben waren, an den Wänden entlang auf ihre Gesundheitskontrollen warteten. Nach ihren Schulabschlüssen und Leistungen in den Unterrichtsfächern wurden sie nicht gefragt. Nicht einmal danach, ob sie überhaupt lesen und schreiben konnten. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass Türken am Ende Türken geblieben sind, obwohl sie dachten, sie seien zu Deutschen geworden. Versuche, über die Integration hinaus die Verhaltensweisen, die Bräuche, Traditionen der Deutschen zu übernehmen, scheiterten zumeist spätestens bei der Frage: »Wie fühlst du dich? Als Deutscher? Als Türke?«

Ein absoluter Liebeskiller in den Beziehungen der Türken zu deutschen Freundeskreisen ist auch die Feststellung: »Du siehst gar nicht wie ein Türke aus. Bist ja auch gut integriert.« In den Debatten etwa nach Terroranschlägen von Islamisten ist die Aufforderung an die Moslems, sich von den Gewalttaten öffentlich und glaubhaft zu distanzieren, zumeist der Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt und Türken, die sich in Deutschland zu Hause fühlen, verzweifeln lässt.

Dieses Buch ist eine Sammlung von Sehnsüchten, unerfüllten Hoffnungen und dennoch nicht aufgegebenen Erwartungen an die künftigen Generationen. Dass sich Türken in Deutschland wie die Italiener in Amerika als Amerikaner fühlen, aber ihre Sehnsüchte nach Bella Italia pflegen, ohne sich zu entfremden, wird vielleicht in zwei bis drei Generationen möglich sein. Ebenso wie es möglich geworden ist, dass Deutschstämmige in fernen Ländern südlich des Äquators zu Weihnachten irgendwo unter der sengenden Wüstensonne Weihnachtsbäume schmücken und dann darunter »I’m dreaming of a white Christmas« oder »Leise rieselt der Schnee« singen.

Dies ist kein Buch mit dem Anspruch, eine »Roadmap« zur perfekten Integration zu sein. Dieses Buch ist ein Erfahrungsbericht eines Mannes, der beide Welten kennt und in beiden Welten gelebt hat. Jemand, der als türkisches Kind in Deutschland angekommen ist mit der Hoffnung, als Erwachsener ein Deutscher zu werden. Der am Ende aber erkennen musste, dass es nicht geklappt hat.

Teil I

Frühling

ERSTES KAPITEL

Abreise aus Istanbul

Oktober 1961 in Istanbul. In unserem Viertel Doğancılar im Stadtbezirk Üsküdar läuft alles in geordneten Bahnen. Alles? In unserer Straße, »Şair Naili Sokak«, ist seit einigen Tagen kaum noch etwas »normal«. Alle sind sehr lieb zu mir. Die älteren Tanten und Onkel aus der Nachbarschaft streicheln mir öfters als sonst über das Haar. Ihre Kinder teilen öfters als sonst ihre Süßigkeiten mit mir. Die älteren Jungs schnappen mir meinen Ball nicht mehr weg und lassen meine Murmeln in Ruhe. Sie wissen alle: Bald wird es mich hier nicht mehr geben. Ich gehe nach Deutschland, nach »Almanya«. Viele Kinder beneiden mich. Die Mädchen listen fleißig alles auf, was ich ihnen beim ersten Besuch mitbringen soll. Die Jungs wollen Fußballschuhe, Lederbälle und Stutzen. Die Mädchen irgendwelche Sachen zum Anziehen.

Ayşe vom Haus schräg gegenüber ist meine damalige Kinderliebe. Sie ist elf wie ich. Ich will von ihr wissen, ob sie mich heiraten wird, wenn ich es in Deutschland zu etwas gebracht habe. Sie lächelt. In den Filmen, die sie gesehen habe, sei kein Mann seiner Freundin treu geblieben, wenn er weit weg gezogen war. Auf dem Weg nach Hause geht sie mit einer Armlänge Abstand neben mir, vielleicht aus Angst vor ihrem Vater, Onkel Sabri. Er ist ein sehr guter, fleißiger Mensch, transportiert mit seinem kleinen Lkw aus den 1940er-Jahren, der aussieht wie die Lkws der Wehrmacht in den Kriegsfilmen, irgendwelche Lasten, Möbel und Geräte. So ernährt er seine Familie. Er drückte mir die Kurbel seines Fahrzeugs in die Hand, ich solle mal fest drehen und den Motor anspringen lassen. Hoffnungsloser Fall. Dann sagte er mir, wenn ich das schaffe, dann werde er es sich überlegen mit seinem Segen für unsere Vermählung.

Es war alles so herzlich damals in unserem Viertel. Nicht anders als in unzähligen Straßen Istanbuls oder den Dörfern und Städten Anatoliens, von denen aus die Menschen in die »Fremde« gingen – nach »Gurbet«. Nach meiner Abreise aus Istanbul habe ich Ayşe nie wiedergesehen. Wie viele Millionen Ayşes haben vergebens auf die Männer gewartet, die ihnen ewige Treue versprachen? Die meisten von ihnen verschwanden in der Versenkung dieser fernen »Fremde«.

Baha Güngör, Oma, Mutter, im Hinter- und Vordergrund: Nachbarn.

Meine Oma hieß auch Ayşe, sie stand in diesen Tagen unter Dauerstress. Opa war ein paar Monate zuvor verstorben. So musste sie alles alleine stemmen, die Wohnung auflösen, die Reise vorbereiten. Nachbarn und Verwandte waren ständig bei uns, um zu helfen. Oma wird erstmals seit ihrer Flucht aus Bosnien wieder nach Europa reisen. Diesmal aber wird sie nicht mit ihrer Familie zu Fuß und im Ochsenkarren vom Balkan ins Osmanische Reich flüchten, um ihr Leben zu retten. Die Balkan-Kriege, die Millionen Menschen zu Flüchtlingen machten, sind schon längst Geschichte. Diesmal wird ein Zug uns nach »Almanya« bringen, wo meine Mutter mit ihrem zweiten Mann seit drei Jahren lebt. Und ich lebe schon so lange bei meiner Oma.

Inzwischen habe ich auch mein erstes »Diploma« erhalten, mein Abschlusszeugnis von der fünfjährigen Grundschule. Darauf hatte meine Oma noch gewartet, damit meine schulische Grundausbildung nicht abgebrochen wird wie bei Hunderttausenden »Gastarbeiterkindern«. In den entlegenen Regionen Anatoliens waren Schulen nicht einfach zu Fuß erreichbar wie hier in Istanbul. Noch heute müssen kleine Kinder oft viele Kilometer laufen, um zur Schule zu gelangen. Ich musste als Kleinkind auch nicht auf den Äckern arbeiten, Schafe hüten und mit anpacken, um der Familie zu helfen. Ich konnte mich voll auf die Schule konzentrieren. Ich gehörte somit zu den gebildeten Schichten auf der Schokoladenseite der türkischen Gesellschaft.

Die wenig bis gar nicht gebildeten Menschen aus Anatolien sollte ich erst später in Deutschland kennenlernen. In Istanbul verirrten sich ganz wenige von ihnen in unseren Bezirk. Höchstens als Tagelöhner auf Baustellen. Sie sprachen für mich schwer verständliche Dialekte oder eine ganz andere Sprache. Es war Kurdisch. Die Sprache eines Volkes, das damals angeblich nicht existierte. Damit sollte ich mich zweieinhalb Jahrzehnte später als Journalist beschäftigen. Jetzt als Kind auf dem Sprung nach »Almanya« war das kein Thema für mich. Kurden waren für mich auch Türken, weil alle Menschen, die in der Türkei lebten, Türken waren – oder zu sein hatten.

Einige dieser tollpatschig und verloren agierenden Anatolier trafen wir im Zug nach Deutschland. Sie waren die ersten »Gastarbeiter«, die noch vor der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens vom 31. Oktober 1961 nach Deutschland aufgebrochen waren. Alle hatten das eine gemeinsame Ziel: In der »Fremde« Geld zu verdienen und so viel wie möglich davon zu sparen. Manche für ein Haus, andere für einen Acker oder ein Lebensmittelgeschäft in ihren Dörfern oder Kleinstädten. Viele waren auch deshalb in die Fremde, »Gurbet« gegangen, um genug für das »Brautgeld« zu sparen, das der Vater der Angebeteten traditionell fordern konnte. In vielen türkischen Filmen war das immer wieder ein Thema, ein Grund für Mord und Totschlag, für Brautentführungen, für Fehden zwischen den großen Familien. Ohne Brautgeld, keine Braut. Diese einfache Tatsache brachte viele junge Männer dazu, die Auserwählte zu entführen, weil eine legale Hochzeit ohne Geld nicht möglich war.

Nachbarskinder in Istanbul. Baha: vorne rechts.

Wie auch immer. Welches Motiv es auch immer war, die Heimat zu verlassen, fast alle wollten nach »nur« ein paar Jahren zurück in die Türkei – dann, wenn sie genug Geld für ihre jeweiligen Ziele gespart hatten.

In unserer Straße löste das Erscheinen des Wagens, der uns über den Bosporus zum historischen Kopfbahnhof Sirkeci auf der europäischen Seite bringen sollte, einen Menschenauflauf aus. Viele Ältere beteten mit geöffneten Armen, wünschten uns Gottes Segen auf unseren Wegen. Manche hatten Karaffen und große Gläser mit Wasser in den Händen, aus denen sie uns bei der Abfahrt des Wagens das Wasser hinterher schütteten. Sie wünschten uns damit eine Reise »wie fließendes Wasser«3. Letzte Fotos wurden gemacht. Ich küsste ehrerbietig die Hände der älteren Menschen und führte sie zu meiner Stirn. Mein bester Freund Hasan und ich umarmten uns noch, Ahmet klopfte mir auf die Schulter und versprach, mich nie wieder zu ärgern, wenn ich gesund wiederkommen würde. Ayşe mit ihrem Engelsgesicht unter ihren schwarzen Haaren umarmte mich. Ich rief allen voller Zuversicht zu: »Ich komme bald wieder.« Einige Frauen weinten. Ich auch. Aber Männer weinen doch nicht, oder? Doch, das tun sie, wenn sie erst elf Jahre alt sind, dürfen sie das auch.

Ich habe sie nie wiedergesehen, Ayşe nicht, Hasan oder Ahmet auch nicht. In den 1980er-Jahren, in denen ich in Istanbul gelebt und gearbeitet habe, war ich ständig unterwegs, um zu berichten, zu arbeiten.

Die Zeit war zu knapp und auch die Interessen hatten sich verändert. Was hätte man sich nach so langer Zeit noch sagen sollen? Die Erinnerungen jedoch bleiben und sind wunderschön. Die drei Jahre in Üsküdar mit Oma und Opa sind die glücklichsten meiner frühen Kindheit in Istanbul geblieben.

Mit der Autofähre ging es nach Kabataş und von da zum Bahnhof Sirkeci, wo einst die reichen Europäer im Orient-Express ankamen. Jetzt gehen nicht so gut betuchte Türken von hier aus in die »Fremde«. Oma hielt immer wieder meine Hand. Was für eine mutige Frau. Ging mit einem kleinen Kind in ein Land, das sie nicht kennt, dessen Sprache sie nicht spricht. Sie war korpulent, was ich gut fand, weil ihr Körper wie ein Kissen war, auf das ich meinen Kopf legen konnte.

Am Bahnhof Sirkeci wartete mein leiblicher Vater mit meiner Stiefmutter auf mich. Eine Frau, deren Blicke mich hätten töten können. Den vergifteten Apfel wie die Hexe bei Schneewittchen brauchte sie dazu gar nicht. Den gelben Pullover, den sie mir zum Abschied schenkte, zog ich anstandshalber noch an, damit Vater nicht traurig wurde. Danach fanden wir schnell unsere reservierten Plätze in einem Abteil, in dem noch eine Österreicherin saß, die Ingeborg hieß. Für mich war sie sofort »Tante Ingeborg«, »Ingeborg Teyze«. Wir schauten alle noch aus dem Abteilfenster. Ich wünschte mir die Röntgenaugen von »Superman«. Ich wollte durch die dicken Mauern bis nach Üsküdar gucken. Wie sah es jetzt wohl in unserer Straße ohne uns aus?

Die zwei Koffer und zwei große Taschen waren schnell in der Gepäckablage verstaut. In einigen kleineren Taschen war viel zu essen. Frikadellen, gefüllte Weinblätter und Paprikaschoten, viel Börek und auch viel Brot. Noch genug Zeit zum Winken aus dem Fenster. Mein Vater weinte. Er wusste, dass er einen Sohn verlor. Er kam noch in unser Abteil, gab Oma ein paar D-Mark-Scheine, die sie schnell versteckte. Offiziell hatten Oma und ich von der türkischen Republik über eine staatliche Bank ein Reisetaschengeld von 72,50 Deutsche Mark pro Person erhalten, was in unsere Pässe eingetragen wurde. Alle Beträge darüber hinaus waren dann folgerichtig illegal auf dem Schwarzmarkt gekaufte Devisen.

Plötzlich wurde es ernst. Über Lautsprecher wurden diejenigen, die nicht mitreisen, zum Verlassen des Zuges aufgefordert. Die schwarze, Ruß und Rauch speiende Lokomotive setzte sich wenige Minuten später langsam in Bewegung. Tschuff, tschuff, tschuff. Oma weinte, »Tante Ingeborg« weinte auch, während sie einem Türken zuwinkte. Ich weinte nicht. Noch nicht. Wir zogen uns ins Abteil zurück. Keine gemütlichen, dem menschlichen Körper angepassten Sitze wie in heutigen Zügen. Dünn gepolsterte Holzbänke. Der Winkel zwischen Sitzfläche und Rückwand beträgt 90 Grad. Ich schaute aus dem Fenster, den Blick auf den Bosporus gerichtet. Der Leanderturm gegenüber der Fähranlegestelle Salacak erinnert mich daran, wie ich mit meinen Freunden und Freundinnen aus unserer Straße immer wieder am felsigen Ufer irgendwelche Fische fing, um sie an die Katzen in unseren Gärten zu verfüttern. Der Çamlıca-Hügel, wohin Onkel Sabri mit seinem Kleinen LKW uns und auch andere Nachbarn auf der Ladefläche transportierte, damit wir dort picknicken konnten, ist auch zu sehen wie überhaupt der ganze Bosporus mit den damals so einfachen Silhouetten auf beiden Seiten. Heute steht die von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gebaute Mammut-Moschee auf den einstigen Grünflächen des Çamlıca-Hügels einst mit üppiger Vegetation, in der wir spielen und toben durften.

Der Instanbuler Bahnhof Sirkeci Tren İstasyonu.

Ich wusste nicht, wohin ich reise. In welches Land, in welche Umgebung. Wird es dort auch wirklich Freunde geben, »Freunde der Türken«, wie mir die vielen Erwachsenen in unserer Straße, meine Lehrerin oder auch »Onkel Ahmet«, in dessen kleinen Lebensmittelladen ich immer mit der Bestellliste von der Oma einkaufen ging, sagten? Sie alle behaupteten, ich würde in ein Land reisen, das mit der Türkei »historisch befreundet« sei. Die Deutschen seien »Freunde der Türken«. Ich würde von ihnen viel fürs Leben lernen. Ich sollte immer nett zu ihnen sein und mein Land »wie ein Botschafter sehr gut vertreten«.

Oma sagt, ich soll mich endlich setzen und das Fenster schließen, weil Rußpartikel in unser Abteil fliegen und es kalt sei. Ich tue, was sie sagt und schaue in Gedanken versunken weiter auf das Marmara-Meer. Ich denke mir dabei, dass ich ja wieder hierher zurückkommen werde. Als nach etwa einer Stunde der Zug plötzlich ins Landesinnere Thrakiens abbiegt und das Meer nicht mehr zu sehen ist, spüre ich, dass es kein schnelles Zurück mehr geben wird. Es ist keine dieser Reisen zu den Verwandten meiner Oma in Thrakien, von wo wir nach ein paar Tagen oder Ferienwochen wieder nach Hause fahren. Ich weine lauthals los. Niemand kann mich trösten. Oma nicht, »Tante Ingeborg« nicht. Auch nicht die Männer von den Nachbarabteilen, die kommen, um mich zu beruhigen. Männer würden nicht weinen, sagt einer von ihnen. Ich sage, dass er lügt. Er hat bei der Abfahrt des Zuges nämlich auch geweint. Wer weiß, wen er alles zurückgelassen hat in seiner bescheidenen, anspruchslosen anatolischen Welt. Geliebte und Eltern, Verwandte und Freunde.

Warum fahren wir nach »Almanya«? Warum können Mutter und Stiefvater nicht einfach nach Istanbul zurückkommen? Meine Oma kämpft mit den Tränen und verspricht mir, dass wir »irgendwann« alle wieder zurückkehren werden. Ob sie zu diesem Zeitpunkt weiß, dass das ein leeres Versprechen ist? Sie wird nach sechs oder sieben Jahren zurückkehren, um dann in einem Altersheim zu sterben. Ohne ihre Tochter, ohne mich an ihrer Seite. Alleingelassen mit ihrem Schicksal einer doppelte Migration, das sie als Kind von der bosnischen Heimat nach Istanbul und jetzt nach Deutschland trieb.

Es ist der 28. Oktober 1961. Türkisch-bulgarischer Grenzübergang hinter Edirne. Kaum sind die türkischen Zoll- und Polizeibeamten weg, kommen ihre bulgarischen Kollegen in unsere Abteile. Sie sind nicht so sanft wie die türkischen und nennen alle Türken »Komşu«, was Nachbar bedeutet. Gutnachbarschaftliches Verhalten sieht aber anders aus. Sie sind laut, sprechen eine Sprache, die wir nicht verstehen, und durchwühlen nahezu alle unsere Gepäckstücke. Es sind Zeiten des »Kalten Krieges«. Türken und Bulgaren sind »Feinde«. Die Männer machen mir Angst. Aber der Spuk geht schnell vorbei. Unsere Pässe bekommen die ersten bulgarischen Stempel, denen noch unzählige bis zu meiner Einbürgerung in Deutschland 16 Jahre später folgen werden.

Später kommen die Männer von anderen Abteilen, unterhalten sich mit Oma. Oma ist aber nur der Vorwand. Sie wollen sich mehr um »Tante Ingeborg« kümmern.

Nach zwei Tagen erreichen wir München. Oma und ich sind allein. »Tante Ingeborg« ist in Innsbruck ausgestiegen. Beim Umsteigen helfen uns die türkischen Reisegefährten. Sie sind sehr respektvoll im Umgang mit Oma. So wie es sich für gut erzogene Türken gehört. Einige von ihnen fahren in unserem Zug nach Köln mit. Andere verabschieden sich. Alle vertrauen sich gegenseitig mit den Worten »Allah’a emanet olun« dem Allmächtigen an. Gott war damals der Wegweiser, der Helfer in Not, der Kummerkasten leidender Menschen wie jenen, die ihre Heimat verlassen haben. Auf keinen Fall war Gott ein Kriegsherr, ein Oberbefehlshaber, der Menschen das Töten anderer Menschen befiehlt, wie islamistische Terroristen heute behaupten.

Das Umsteigen in Köln findet früh am Morgen des 31. Oktober statt. Wir müssen weiter nach Aachen und sitzen in einem Wartesaal, bis der Gepäckträger uns abholt. Ich gehe kurz raus aus dem Bahnhofsgebäude und sehe den Kölner Dom. Ein Riesengebäude, schwarz, angsteinflößend. Ich laufe sofort zu Oma zurück und erzähle von dem Riesenbau, den ich gesehen habe. Sie kommt kurz mit und sagt: »Das ist eine Kirche, das ist die Moschee der Christen. Wenn du mal beten willst und keine Moschee in der Nähe ist, kannst du da reingehen und beten«, erklärt sie mir. Ich müsse nur sicher sein, dass ich gen Mekka bete und nicht meinen Hintern zum Grabe des Propheten drehe. Wie ich wissen soll, wann Gebetszeit ist, wenn es keinen Muezzin gibt, hat sie mir nicht erklären können. Als Kind sei ich auch nicht verpflichtet, fünfmal am Tag zu beten, hat Oma gesagt.

Viele Männer tragen lange Ledermäntel und Hüte. Sie sehen so aus wie die Gestapo in den Kriegsfilmen, die ich noch in Istanbul gesehen hatte. Wir gingen viel ins Kino. Meistens zu einem, das ganz in der Nähe war. Der Betreiber dieses Kinos mit dem Namen »Sunar« belohnte mich immer mit zwei Freikarten, wenn ich auf seine kleine Tochter »Hande« in unserer Straße aufpasste, während seine Frau einkaufen ging. Deshalb konnte ich all die Leinwandgiganten in diesem Kino erleben. Clark Gable, James Dean, Humphrey Bogart oder Ingrid Bergmann, Elisabeth Taylor oder Gina Lollobrigida.

Freunde der Türken sollten diese Leute sein, wie mir gesagt worden war? Freunde? In Istanbul haben in der Straßenbahn oft wildfremde Frauen und Männer zu mir herübergeblickt. Männer zwinkerten schon mal mit den Augen und Frauen streichelten mir hin und wieder liebevoll über den Kopf und fragten, wie es mir gehe. Frauen mochte ich mehr als die Männer, die schon mal ungewollt grob sein konnten, wenn sie mir auf die Schultern klopften oder auf die Oberschenkel schlugen und sagten: »Na? Wie geht es? Bist du gut in der Schule?«

Im Zug nach Aachen aber lachte niemand. Kaum jemand sprach mit anderen Menschen. Grimmige Gesichter bei allen Männern und Frauen. Nicht wie in Istanbul, wo bei jeder Fahrt in der Straßenbahn oder auf einer Fähre viele Menschen miteinander sprachen, erzählten, über die Politik diskutierten, über Fußballergebnisse fachsimpelten oder auch einfach lachten. Hier blickten die Menschen nur mit starren Blicken in den leeren Raum oder lasen ihre Zeitung. Hin und wieder versuchte ich, ihre Blicke einzufangen. Lächelte Männer und Frauen wahllos an. Doch statt in lächelnde Gesichter sah ich nur versteinerte Mienen und grimmige Blicke.

Ich wollte darüber mit Oma sprechen. Doch sie hatte die Augen geschlossen. Sie war sehr müde. Immerhin war sie damals fast 60 Jahre alt. Wenn sie nach ihrem Geburtsjahr gefragt wurde, sagte sie »1320«, nach moderner Zeitrechnung also 1904. Also habe ich darüber nachgedacht, ob all die Erwachsenen in Istanbul, die mir von netten, freundlichen deutschen Freunden erzählt hatte, je hier gewesen waren.

Vor dem Aachener Hauptbahnhof standen schwarze Autos, die meisten mit einem Mercedes-Stern, als Taxis in Reih und Glied. Nicht wie in Istanbul kunterbunt durcheinander. An der Spitze der Kolonne war ein Kasten auf einem Eisenpfahl, in dem hin und wieder ein Telefon schrill klingelte. Der Fahrer der ersten Droschke ging immer dran, bekam das Fahrtziel mitgeteilt, wie ich später erfahren sollte, und fuhr los.

Unser Problem war, dass wir kaum noch Geld hatten, aber die Adresse meiner Mutter, zu der wir wollten: Dahmengraben 1. Ohne ein Wort Deutsch zeigte Oma dem Taxifahrer die Adresse. Er aber wollte sicher sein, dass er sein Geld bekommt, und machte das berühmte »Pinke-Pinke«-Zeichen mit Daumen und Zeigefinger, die er aneinander rieb. Oma versuchte vergebens, zu erklären, dass Mutter ihm sein Geld schon geben werde. Hoffnungslos. Doch Oma gab nicht auf, machte eine der Taschen auf, holte eine kleine Schachtel »Lokum« heraus, bot ihm eine an und erklärte ihm, dass sie mit dem türkischen Honig bezahlen wollte. Der Mann nahm erst einen Würfel türkischen Honig und warf ihn in den Mund, dann nahm er die ganze Schachtel, und schon lud er unser Gepäck in seinen Kofferraum. Es wurde eine kurze Fahrt mit diesem Nutznießer unserer Unwissenheit.

Der Aachener Hauptbahnhof in den 1950er-Jahren.

ZWEITES KAPITEL

In Almanya

Unser Deutschland ist auf der 5. Etage eines Wohn- und Bürogebäudes im Zentrum von Aachen. Drei ineinander verschachtelte Räume mit Dachschrägen. Die Eingangstür öffnet sich in das Wohnzimmer, in dem Oma und ich auf zwei Couchbetten schlafen, in der Mitte die Wohnküche und ganz am Ende das Schlafzimmer der Eltern mit dem Kinderbett meines zehn Jahre jüngeren Bruders Murat aus der zweiten Ehe meiner Mutter. Die Toilette ist draußen. Die Waschküche auch. Gewaschen und gebadet wird einmal in der Woche. Das zweite Bad nehmen Oma und ich zumeist donnerstags in der historischen Elisabeth-Halle. Dort gibt es ein Schwimmbecken und viele Duschkabinen mit von innen abschließbaren Türen. Oma wäscht mich immer mit Kernseife. Die hasse ich, weil sie schlimm in den Augen brennt. Die Quälerei werde ich noch etwa drei Jahre ertragen müssen. Die doofe Kernseife hatte ich auch in der Türkei gehasst, wenn Oma mich einmal in der Woche zum türkischen Bad mitnahm. Natürlich zum Hamam für Frauen. Begeistert waren sie nicht, dass ein elfjähriger Junge zwischen ihnen gebadet und geschrubbt wurde. Erst als die Aufseherin meiner Oma »bring doch gleich deinen Mann mit«4, sagte, war ich erlöst.

Auf dem Weg zur Elisabeth-Halle müssen wir immer am Elisenbrunnen vorbei, in deren Wandelhalle es bestialisch nach faulen Eiern riecht. Es ist Schwefelwasser, das in zwei kleine Becken fließt. Die Menschen kommen mit ihren Tassen und trinken das Wasser, das zum Himmel stinkt. Oma glaubt fest an die Wunder dieses Wassers und trinkt jeden Tag eine große Tasse davon. Ich bin entsetzt, wie schnell sich Oma in »Bad Aachen« integriert hat. Während sie von dem fließenden Wasser trinkt, studiere ich die vier Tafeln an den Seitenmauern. Am meisten lache ich über den Namen »König Pippin«, der als einer der ersten hier gewesen sein soll. »Pippin« bedeutet nämlich auf Türkisch »dein Pippi5«.

Es sind die ersten spannenden Wochen der Erkundung einer neuen Welt, die den Trennungsschmerz lindern. Um die meisten Männer mache ich immer noch einen großen Bogen. Sie machen mir Angst. Unseren Hausmeister Nickel, der mit einem grauen Kittel herumlief, mag ich nicht. Er schreit mich immer an. Ich stehe versteinert da und verstehe in diesem Moment kaum, was er sagt und warum er so tobt. Ich muss jeden Tag einen Eimer voll Briketts aus dem Keller fünf Etagen hochtragen. Für den Kohleofen in der Wohnküche. Jedes Mal kommt er und meckert und schreit mich laut an. Da braucht nur ein Stück Kohle herauszufallen, um ihm den Grund für sein Donnerwetter zu liefern. Vielleicht deshalb, weil ich ihn auch mal wegen seiner Hochwasserhosen ausgelacht habe. Seine Hosenbeine sind breit, aber sehr kurz. Er sei bei der Kriegsmarine gewesen, klärte mich meine Mutter auf. Frau Nickel ist netter. Sie ist aus Köln, aus einer Stadt, die im Krieg zu großen Teilen zerstört worden war. Sie erzählt über Bombenangriffe, vor denen sie in Bunker geflüchtet sei. Ich höre ihre Geschichten aus einer anderen, fremden Welt, finde sie spannend wie ein Abenteuermärchen. Aber das, was sie erzählt, ist bittere Realität gewesen.

Wir haben zwei Verbindungen zur Heimat: Das Radio mit der Kurzwelle für den Empfang von Sendungen des türkischen Staatsrundfunks. Und für den Empfang von vielen Sendern im Ostblock, die türkischsprachige Propaganda-Programme ausstrahlen. Vor allem Radio Budapest liebe ich sehr, weil es die wichtigeren Fußballspiele aus Istanbul sowie die Spiele der türkischen Nationalmannschaft live überträgt.

Aktuelle Informationen kriegen wir mit drei bis fünftägiger Verspätung, wenn die abonnierte türkische Tageszeitung »Tercüman«6 (Übersetzer) per Post aus Istanbul ankommt. Oft lese ich die Sportseiten während der Pausen beim Kohleschleppen durch. Zudem lese ich sehr gerne die Ringer-Romane über die vielen glorreichen Kämpfe türkischer Ringer vor allem in Europa. Sie zeigen der Welt, wie stark Türken sind, denke ich mir. Atatürks Sprüche wie »ein Türke ist so viel Wert wie die ganze Welt« sind mir auf der Grundschule über Jahre in mein Gehirn eingemeißelt worden. Die berühmten Ringer, die in der Türkei als Ölringer7 unschlagbar waren, schultern in diesen Romanen nacheinander Ringer aus vielen europäischen Ländern bei internationalen Wettkämpfen auch in Europa. Was davon wahr und was unwahr ist, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Hauptsache der Türke hat gesiegt. Nach ihren Kämpfen essen diese Kraftmaschinen ganze Hammel auf, wie Obelix seine Wildschweine verdrückt hat.

Oma liest die Zeitung zuerst. Ja, Oma kann lesen, aber nicht schreiben. Als Atatürk nach der Gründung seiner Republik versuchte, das Land mit vielen Reformen aus den Klauen des Kalifats zu befreien, führte er, neben vielem anderen, das lateinische Alphabet ein. Oma hatte dabei sehr gut aufgepasst und gelernt zu lesen. Doch eine Schule hat sie nie besucht. Deshalb habe ich in den letzten drei Jahren vor unserer Auswanderung nach Deutschland immer ihre Briefe an Mutter geschrieben. Sie hat diktiert und ich war ihr Privatsekretär. Jetzt gingen meine Qualen in umgekehrter Richtung weiter. Es waren viele Briefe, die ich schreiben musste. Am Ende forderte sie mich immer auf, auch ein paar Worte von mir hinzuzufügen. Ich beschränkte mich zumeist darauf, dass es mir gut geht, und beendete meinen Part mit der Floskel: »Den Älteren küsse ich die Hände, den jüngeren die Wangen und die Augen.« Damit habe ich immer ältere Menschen gebührend geehrt und jüngere erfreut, dachte ich – und gut war’s.

Einkaufen mit Oma war eine Tortur. Finde mal in deutschen Lebensmittelgeschäften der frühen 1960er-Jahre Okraschoten oder Auberginen. Sie war eine Spitzenköchin. Kein Wunder, sie hatte von Opa viel gelernt. Er war nämlich Koch gewesen und stammte aus Taschkent, von wo er in die Türkei vertrieben worden war. Er muss alle Raffinessen der Küchenkulturen entlang der Seidenstraße beherrscht haben. Mit den tollen Gewürzen. Omas Heimat Bosnien gehört heute noch zu den Ländern der Haute Cuisine vom feinsten. Wenn sie aber aus all den Essenskulturen von Zentralasien bis Bosnien etwas ­Genießbares auftischen soll, braucht Oma eben Okraschoten, Auberginen oder bestimmte Sorten von Peperoni und vor allem Gewürze.

Einige der »Gastarbeiter«, die wir in den »Tante-Emma-Läden« von damals trafen, beklagten sich im Duett mit Oma über das »arme Deutschland«. Damals fingen die Türken damit an, von ihren Urlaubsreisen ganze Säcke voller Kichererbsen, Okraschoten, Auberginen oder auch Wasser- und Honigmelonen nach Deutschland zu schleppen. Als ich die erste dünne Scheibe Wassermelone in Plastikfolie verpackt für rund fünf Mark sah und das Oma zeigte, schimpfte sie wie ein Rohrspatz über den Preis. Ich dachte an die knackigen Wassermelonen, die wir in Üsküdar in Einkaufsnetzen in der Zisterne im Garten aufbewahrten, um sie abends gut gekühlt zu essen. Einen Kühlschrank hatten in der damaligen Türkei nur die oberen Zehntausend. Meistens der amerikanischen Marke Frigidaire, weswegen heute noch das Wort Frigidaire von Älteren als Synonym für Kühlschrank benutzt wird. Die normalen Bürger hatten dafür ihre Brunnen und Zisternen in ihren Gärten, die sie sich auch mit den Nachbarn in oberen Etagen teilten.

Deutsch, Maria und Leberwurst

Familie Güngör in Aachen.

Der Unterricht bei »Tante Maria« machte riesig Spaß. Rollenspiele, Konversationen, das Erlernte wurde geübt. Am Ende des Unterrichts gab es immer eine oder manchmal auch zwei Scheiben Brot mit Kalbsleberwurst aus der Dose. Schmeckte mir sehr. Sie sagte, die Leberwurstschicht müsse genauso dick sein wie die Brotscheibe darunter. Diese »Regel« gefiel mir. Zu Hause erzählte ich über meine erste deutsche kulinarische Entdeckung und