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Kann man entgleiste soziale Strukturen, Machenschaften und Habgier auch humorvoll beschreiben? Man kann - der über die Bücherreihe "Mein Leben als Familienvater" bekannte Autor Hans-Peter Trimborn hat eine Geschichte über die sozialen Missstände in der Welt der Outbound-Callcenter geschrieben. Und dies nicht im klassischen Erzählstil, sondern in Form von Briefen, E-Mails und Zeitungsberichten, die eine spannende Handlung ergeben. Es darf gelacht werden - auch wenn es zum Weinen ist. Eine Satire über das Leben des ehemaligen Mittelstandes in unserer Republik. Nach seiner Langzeitarbeitslosigkeit schreibt der Akademiker K.-H. Döngermann Dankesbriefe an die vermittelnde Personalberatung für die Beschaffung seines Minijobs bei einem Call-Center in Berlin. Erst nach und nach kommt er hinter die miesen Machenschaften, die sich hinter dem System verbergen und erlebt die Auswirkungen der modernen Arbeitswelt hautnah in seinem familiären Umfeld. Seine Briefe eskalieren weiter über die zuständigen Behörden, seine Appelle zur Besserung scheinen zu verhallen. Eine Fiktion, die in humorvoller Weise bitterböse die wachsende Kluft in unserer Gesellschaft zeichnet.
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Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2015
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I CALL YOU !!!
Auszug aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland
Die Briefe, eMails, der Horror
Die gute alte Zeit ...
Zweiter Teil
Impressum
Dieses Buch ist reine Fiktion, die jedoch leider auch der Wirklichkeit entsprechen könnte. Es ist mehreren Familienmitgliedern und Freunden gewidmet, die bereits Erfahrung mit der Call-Center-Welt machen "durften".
Die in diesem Buch kritisierte „Call-Hölle“ bezieht sich ausschließlich auf so genannte „Out-Bound-Center“. Hier werden Auftragsanrufe ausgeführt, die schon für den Angerufenen gelinde gesagt als penetrant bezeichnet werden dürfen – der Autor ist selbst oft genug Opfer.
Die Bedingungen für die Mitarbeiter in dieser Maschinerie aber sind sozial und menschlich manchmal ähnlich einer Legehennen-Batterie – und diese Eier essen Sie doch auch nicht, oder? Mein Tipp: einfach auflegen.
Um Missverständnissen und aufkommenden Konflikten vorzubeugen, weist der Autor bereits an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin, das Recht der Satire in Anspruch zu nehmen.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Behörden und sonstigen Einrichtungen sind rein zufällig und ohne Absicht der Kränkung oder Beleidigung.
„Im Leben lernt der Mensch zuerst gehen und sprechen.
Später lernt er dann stillzusitzen und den Mund zu halten.“
(Marcel Pagnol, 1895 – 1974, franz. Schriftsteller)
aus dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, 23.05.1949;
Auszug
Art 1 (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Art 3 (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung derGleichberechtigung von Frauen und Männern
und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache,
seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen
benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Art 4 (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen
Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
Art 5 (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten
und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die
Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
Hans-Peter Trimborn
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2012 taunus4family / Eva Tiedke-Trimborn
© himberry / photocase.com (Titelfoto)
©www.onlinewahn.de(Zeitungs- & Urkundenbearbeitung)
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand
ISBN: 978-3-8482-5679-2 (Hardcover-Version)
Der erste Brief...
K.-H. Döngermann
Schießmichtot-Straße 61
Irgendwo 50 km von Berlin entfernt
An die
Personaldienstleistung „werd´ endlich was“
z.H. Frau Sonja Bungerfrau
Charlottenstraße 87-90
10969 Berlin
01. Mai 2012 (Tag der Arbeit)
Unser Gespräch zu meiner persönlichen Entwicklung
Sehr geehrte Frau Bungerfrau,
seit unserem Gespräch in der vergangenen Woche sind einige Tage vergangen, die ich zur Verarbeitung des Gesprächsinhaltes auch
benötigt habe. Für Ihre klaren und konstruktiven Worte möchte ich Ihnen von Herzen danken. Manchmal benötigt es eines „Winkes mit
dem Zaunpfahl“, um die Dinge auch mal von der anderen Seite zu sehen.
Sie haben ja so recht, wenn Sie meine über so viele Jahre laufende Phase von stetem Auf- und Ab als Freiberufler, leitender Angestellter
und unfreiwilligen Arbeitspausen als ein „besonderes“ Lebenswerk bezeichnen, aber dass ich mit dem Blick nach vorne auch die
neuen Gegebenheiten beachten muss.
Das von Ihnen vermittelte Angebot bei dem Call-Center D.P.V. Ltd. in Berlin-Mitte habe ich angenommen.
Es ist so schön, endlich wieder mit einem festen Einkommen rechnen zu können nach den vielen Jahren mit großen Unwägbarkeiten.
Sie baten mich bei unserem Abschied, Sie über die Entwicklung auf dem Laufenden zu halten. Gerne möchte ich diesem Wunsch
entsprechen und werde Ihnen in regelmäßigen Abständen berichten.
Bei dieser Gelegenheit und vor dem Wunsch auf eine gute Zusammenarbeit möchte ich noch mal meine Dankbarkeit betonen, dass Sie
mir die Augen so deutlich geöffnet haben.
Mit besten Grüßen
Dr. Ing. K-H. Döngermann,
Bau-Ökonom und Volkswirt VWA.
Die erste Berichterstattung
K.-H. Döngermann
Schießmichtot-Straße 61
Irgendwo 50 km von Berlin entfernt
An die
Personaldienstleistung „werd´ endlich was“
z.H. Frau Sonja Bungerfrau
Charlottenstraße 87-90
10969 Berlin
09. Mai 2012
Erste Berichterstattung
Sehr geehrte Frau Bungerfrau,
auch wenn ich von Ihnen noch keine Antwort auf mein Schreiben erhalten habe, möchte ich mein Versprechen einlösen und Ihnen von meinen ersten Tagen in dem Call-Center D.P.V. Ltd. berichten.
Es ist ein so wunderbares Erlebnis, diese Kollegialität und geniale Führung im Unternehmen genießen zu dürfen. Gleich am ersten Tag bekam ich von Frau Kowalski acht (!!!) „Latte Macchiato“ – kennen Sie dieses für mich völlig unbekannte, köstliche Getränk? - in der Kaffee-Küche spendiert. Mit der Meisterin der Kaffeemaschine sind die altgedienten Mitarbeiter (das sind die Mitbürger, die länger als zwei Monate im Unternehmen sind) in einem persönlichen Verhältnis und vermeiden das Siezen.
Frau Kowalski ist wirklich sehr sympathisch und kann jedem Mitarbeiter sein Wunsch-Getränk zuordnen, auch bei mir weiß Sie bereits, welche Marke ich bevorzuge. In meinem direkten Arbeitsumfeld habe ich schon erste nette Kontakte geknüpft.
Zum Beispiel mit Kurt Freudenfels aus Frankfurt / Oder, der wohl auch manchmal den gleichen Zug wie ich zur Arbeit wählt.
Leider ist Kurt nach seiner Langzeit-Arbeitslosigkeit (einfach tragisch, wie nach der Ärzte-Schwemme in den 90-er Jahren bei radikalen Krankenhaus-Umbauten in Ostdeutschland mit den Mitarbeitern umgegangen worden ist) und jetzt 62 Lebensjahren nur noch wenige Jahre berufstätig. Einen so netten Menschen hätte man gerne viel länger um sich.
Sehr angenehm ist auch unsere Teamleitung, Herr Demirel Üzel. Er ist sehr wortgewandt, kleidet sich schick und kann sich wirklich alles merken. Erstaunlich, was heutzutage die jungen Menschen Mitte Zwanzig für Fähigkeiten besitzen. Für mich, mehr als doppelt so alt, einfach ein Beweis, dass viel zu oft über die Jugend ungerecht geurteilt wird.
Zum Beispiel hat Herr Üzel es gleich an meinem zweiten Arbeitstag verstanden die Gruppe zu motivieren. Stellen Sie sich das vor: Unser Auftrag lautet, möglichst viele Kunden von einem neuen Telefon-Tarif zu überzeugen. Darauf baut auch das Geschäftsmodell auf, welches aus meiner Sicht als Volkswirt VWA überaus erfolgreich und zukunftsträchtig ist.
Als wir gestern nach der Mittagpause eine leichte Motivations-Schwäche hatten, zeigte Herr Üzel absolute Management-Qualitäten. Wir mussten uns alle hinstellen, was ja schon allein für sich gesehen aufgrund der ansonsten langen Intervalle einer sitzenden Tätigkeit zu begrüßen ist, und durften uns erst setzen, wenn wir einen Kunden von dem Produkt überzeugt hatten.
Liebe Frau Bungerfrau, ich war wirklich positiv überrascht, wie motivierend es ist, wenn man sich nach zwei Stunden wieder setzen darf. Noch am gleichen Abend habe ich davon meiner Frau und den drei großen von unseren fünf Kindern erzählt, die nach meiner Heimkehr um 23 Uhr noch wach waren. Auch sie finden das einfach toll und freuen sich jetzt noch mehr auf das Berufsleben.
Die Mitarbeiter werden im Unternehmen auch intensiv eingebunden, was weitere hohe Motivation erzeugt. Allein das Gehaltsmodell ist schon eine eigene Berichterstattung wert, ich fürchte aber, Sie können sich neben Ihren so zahlreichen Aufgaben nicht allen Details widmen. Daher fasse ich mich an dieser Stelle knapp und schildere nur kurz, wie die Wachstumsmöglichkeiten gestaffelt sind.
Mein Grundlohn beträgt, wie Sie wissen, in der Stunde8 €. Wenn ich in den nächsten drei Monaten immer pünktlich bin und keine Fehlzeiten habe, wird auf9 €pro Stunde aufgestockt, rückwirkend! Welcher Arbeitgeber ist heute noch so großzügig? Dazu kommt eine klar verständliche Erfolgsbeteiligung: wenn es mir gelingt, pro Tag x-Kunden von dem beworbenen Produkt zu überzeugen, erhalte ich sogar11 €pro Stunde, ebenfalls rückwirkend.
Natürlich wird das nicht einfach sein, insbesondere die Fehlzeiten machen einigen Kollegen immer wieder einen Strich durch das fast erreichte Ziel.
Kurt Freudenfels zum Beispiel hatte bereits alle Ziele fast erreicht und unglaublich viele Kunden von dem Produkt überzeugen können, als sich in seinem Heimatort ein frustrierter Bürger vor den Zug warf und damit einen außerplanmäßigen Halt provozierte. Das war, abgesehen von dem armen Zugführer, der jetzt sicher einen Schock hat und abgesehen von dem armen Kerl, den welche Umstände auch immer zu dieser Kurzschluss-Handlung getrieben haben, ein wirklich düsterer Tag für Herrn Freudenfels. Alle Anstrengungen wurden zunichte gemacht, er erhielt für diese Phase tatsächlich nur den anfänglichen Lohn von8 €pro Stunde.
Zum Glück ist Herr Freudenfels ein starker Charakter, der mit seiner Lebenserfahrung und seinem Optimismus auch die schwierigsten Fahrwasser gut umschifft. Sein Ziel hat er bereits wieder vor Augen, im nächsten Quartal will er die11 €-Marke knacken!
Wie er mir berichtete, konnte er im Reisebüro mit nur 50%-Stornokosten die in Vorfreude bereits gebuchte Kurz-Reise für seine Frau und sich an die Ostsee annullieren – ich sage es ja immer wieder „verteile das Bärenfell erst, wenn der Bär wirklich erlegt ist“.
Aber ich kann Herrn Freudenfels verstehen, die braven Leute haben seit Jahren keinen Urlaub mehr machen können, da hätten ihm die drei Tage wirklich gut getan.
Verehrte Frau Bungerfrau, für heute muss das genügen, da ich diese Briefe immer auf dem Computer eines Freundes schreibe.
Aber ich spare kräftig von meinem Lohn, damit wir uns auch zu Hause möglichst bald ein Gerät anschaffen können.
Es wird aber noch etwas dauern. Ich freue mich darauf, von Ihnen zu lesen oder zu hören.
Mit besten Grüßen, Ihr
Dr. Ing. K-H. Döngermann,
Bau-Ökonom und Volkswirt VWA.
Die zweite Berichterstattung ...
K.-H. Döngermann
Schießmichtot-Straße 61
Irgendwo 50 km von Berlin entfernt
An die
Personaldienstleistung „werd´ endlich was“
z.H. Frau Sonja Bungerfrau
Charlottenstraße 87-90
10969 Berlin
16. Mai 2012
Zweite Berichterstattung
Sehr geehrte Frau Bungerfrau,
vorgestern war ich im Bezirksamt Berlin-Mitte vorstellig, da meine Sozialversicherungs-Unterlagen nicht auffindbar sind. Bei dieser Gelegenheit hatte ich auch versucht, Ihnen einen persönlichen Besuch abzustatten. Wie mir mitgeteilt wurde, hatten Sie die Gelegenheit der kurzen Sommerfreuden für einen redlich verdienten, spontanen Urlaubstag genutzt. Ich freue mich für Sie!
Grund meines Besuches war neben der ungebrochenen Freude an meiner Tätigkeit die Frage, welche Kosten für meine Einarbeitung in das umfangreiche Aufgabengebiet durch mich selbst getragen werden müssen. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass in unseren heutigen Zeiten jeder Bürger einen Pflichtbeitrag zum gesellschaftlichen Wachstum leisten muss.
Schon J. F. Kennedy hat den historischen Ausspruch geprägt „schaue nicht, was der Staat für Dich tun kann, sondern schau, was Du für den Staat tun kannst“.
In Vorbereitung auf meine Erwerbstätigkeit bei dem Call-Center D.P.V. Ltd. hatte ich meine alten Unterlagen studiert und mein profundes Fachwissen aufgefrischt. Die Tätigkeit bei D.P.V. Ltd. stellt sich nun als wahrer Segen für meine Horizonterweiterung dar, wir alle dürfen in den ersten sechs Tagen einen Kurs über das richtige Verkaufsgespräch am Telefon absolvieren, kombiniert mit den bereits ersten Kunden-Gesprächen. Verständlicherweise ist es anfänglich etwas hemmend, wenn uns eine Wiederholung auferlegt wird.
Aber Herr Üzel bringt es genau auf den Punkt, wenn er die Vorzüge des beworbenen Produktes beschreibt in einer derart blumigen, überzeugenden Art, dass man selbst gerne am anderen Ende der Telefonleitung wäre und einfach nur einen Vertrag mit der D.P.V. Ltd. abschließen möchte.
Er bringt diese Worte so wunderbar heraus, selbst die kleinen Unwahrheiten, die man im Verkauf manchmal akzeptieren muss.
Ein Beispiel möchte ich Ihnen geben:
„Grüß Gott! Demirel Üzel ist mein Name,
ich melde mich im Auftrag der zweidreivier GmbH aus Graz. Spreche ich mit Familie Müller aus Wien?
Wuuuunderbar, ich grüße Sie, Frau Müller. Es geht um Ihren Telefonanschluss in der Heidengasse 13.
Haben Sie diesen bei der 17/5-GmbH? Hervorragend, so soll es ja auch sein!
Frau Müller, wir von der zweidreivier GmbH bieten Ihnen jetzt die Möglichkeit mit unserem zweidreivierphone2000-Tarif in das gesamte Festnetz schon ab nur 0,98 Cent/Minute zu telefonieren, das bedeutet, Sie telefonieren ab sofort bei den Orts- und Ferngesprächen suuupergünstig.
Aufgrund unserer aktuellen Aktion von der zweidreivier GmbH erhalten Sie zusätzlich 120 Freiminuten in das gesamte nationale Festnetz eeeeinmalig geschenkt!
Das heißt, Sie telefonieren 120 Minuten völlig kostenfrei in Ihrem Land und anschließend super günstig ab 0,98 Cent/Minute.
Das ist doch prima, oder?
Ich darf Ihnen die Vorteile noch mal zusammen fassen?
