I hate myself - Blaise Aguirre - E-Book

I hate myself E-Book

Blaise Aguirre

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Beschreibung

Was treibt uns dazu, uns selbst abzulehnen und zu hassen? Der renommierte Psychiater und Assistenzprofessor an der Harvard Medical School Dr. Blaise Aguirre widmet sich genau dieser Frage und dem tiefgreifenden und oft übersehenen Thema Selbsthass. Mit seiner langjährigen klinischen Erfahrung zeigt er, warum gängige Ansätze wie Selbstliebe oder Selbstfürsorge oft nicht ausreichen – und wie echte Veränderung möglich wird.  In diesem Buch erfahren Leser*innen:  - wie die Wurzeln und Auslöser von Selbsthass erkannt werden,  - welche Verbindungen zu Depression und Borderline-Störung bestehen,  - und wie Selbstverachtung in Selbstmitgefühl umgewandelt werden kann.  Ein aufklärender Begleiter, der Hoffnung schenkt und praktische Wege zur Heilung aufzeigt – für alle, die sich selbst oder anderen helfen möchten. 

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buchvorderseite

DR. BLAISE AGUIRRE

IHATEMYSELF

Titelseite

DR. BLAISE AGUIRRE

IHATEMYSELF

Wie du Zweifel und Selbsthass überwindest und deinen wahren Wert entdeckst

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

 

Für Fragen und [email protected]

 

Wichtiger Hinweis

Dieses Buch ist für Lernzwecke gedacht. Es stellt keinen Ersatz für eine individuelle medizinische Beratung dar und sollte auch nicht als solcher benutzt werden. Wenn Sie medizinischen Rat einholen wollen, konsultieren Sie bitte einen qualifizierten Arzt. Der Verlag und der Autor haften für keine nachteiligen Auswirkungen, die in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit den Informationen stehen, die in diesem Buch enthalten sind.

 

1. Auflage 2026

© 2026 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

 

Die englische Originalausgabe erschien 2025 bei John Wiley & Sons unter dem Titel I hate myself.

© 2025 by John Wiley & Sons. All rights reserved. This translation published under license with the original publisher John Wiley & Sons, Inc.

 

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

 

Übersetzung: Elisabeth Liebl

Redaktion: Jana Prokop

Umschlaggestaltung: Sabrina Pronold

Umschlagabbildung: Shutterstock/ApoevArt, klee048

Satz: Christiane Schuster | www.kapazunder.de

E-Book: ePUBoo.com

 

ISBN Print 978-3-7474-0761-5

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98922-165-9

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.mvg-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

ICH HASSE MICH SELBST
VORWORT
EINFÜHRUNG
Die Jahre davor
Unveränderlich?
Wie das Buch aufgebaut ist
TEIL 1Selbsthass verstehen
KAPITEL 1WAS IST SELBSTHASS?
Es geht nicht nur darum, dass man mal etwas vermasselt
Verwandte Konzepte
KAPITEL 2WARUM IST ES SO WICHTIG, SELBSTHASS ZU ÜBERWINDEN?
A) Weil Selbsthass Leid verursacht: die Lebenserfahrung
B) Weil Selbsthass das Suizidrisiko steigert
KAPITEL 3ALLGEMEINE ANZEICHEN VON SELBSTHASS
Fragen zu deiner persönlichen Erfahrung
Die Kettenanalyse: ein Instrument, um die Faktoren festzustellen, die problematisches Verhalten verursachen
KAPITEL 4DIE GELEBTE ERFAHRUNG
Einfluss auf Gedanken
Gedanken führen zu Emotionen, die zu Verhaltensweisen führen
Einfluss auf Beziehungen
Einfluss auf die Hoffnung
Einfluss auf das allgemeine Selbstbild
KAPITEL 5WAS IST DIESES SELBST, DAS DU HASST?
Das Mäandern
Was haben Geschichten mit unserem Selbst zu tun?
Der Kampf gegen sich selbst
Bestehst du aus Bakterien?
TEIL 2.Die Wurzeln des Selbsthasses
KAPITEL 6WOHER KOMMT DER SELBSTHASS?
Wie lange reicht die Erinnerung an Ihren Selbsthass zurück?
Wie entwickelt sich der Selbsthass?
Wie sich die Erfahrung von Selbsthass bei einer Patientin veränderte
KAPITEL 7HAT SELBSTHASS ETWAS MIT TEMPERAMENT ODER BIOLOGIE ZU TUN?
Schmerz und Selbstmord
TEIL 3Selbsthass und mentale Gesundheit
KAPITEL 8BORDERLINE-PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG (BPS) UND SELBSTHASS
Was ist BPS?
KAPITEL 9ANDERE PSYCHISCHE PROBLEME UND SELBSTHASS
Essstörungen
Die Körperdysmorphe Störung
Die Zwangsstörung
Depressionen
KAPITEL 10ANDERE PERSÖNLICHKEITSMERKMALE UND SELBSTHASS
Narzissmus und Selbstabscheu
Perfektionismus und Selbsthass
People-Pleasing und Selbsthass
Mobbing und Selbsthass
TEIL 4Die Behandlung und ihre Hindernisse
KAPITEL 11SELBSTHASS ANGEHEN
Wie du deine Grundüberzeugungen entdeckst
Psychotherapeutische Ansätze
KAPITEL 12WARUM IST SELBSTHASS SO SCHWER ZU FASSEN?
Therapierende fragen nicht
Vermeidungsverhalten
Die Gewissheit, dass der Selbsthass sich nicht ändern wird
Vergleiche: der Dauertrigger
Lob funktioniert nicht
KAPITEL 13ÜBERLEGUNGEN FÜR THERAPIERENDE
Fragen für Therapierende
Therapeutin 1 in einer stationären DBT-Abteilung:
Therapeut 2 in einer stationären Abteilung für Essstörungen:
Therapeut 3 in einem ambulant-stationären DBT-Programm:
KAPITEL 14RATSCHLÄGE VON PERSÖNLICH BETROFFENEN
Danach gefragt werden!
Sich aufs künftige Ich konzentrieren
Eine gewisse Selbstakzeptanz einüben
Tu etwas, was dir Freude macht
Die Augenblicke erkennen, wenn das Gefühl umschlägt
Sich mit historisch verhassten Menschen vergleichen
Identifiziere dich mit Eigenschaften, die du an Menschen bewunderst
Erteile den Mobbern aus deiner Vergangenheit Hausverbot
Sich klarmachen, dass der Selbsthass erlernt wurde
Das Bemühen um Unabhängigkeit
Das Pro und Contra abwägen
Die falsche Seite versus die richtige Seite der Geschichte
Den gegenwärtigen Augenblick akzeptieren
Echtes Selbstmitgefühl üben
Ehrlich zu sich selbst sein, was den Wert der geleisteten Arbeit angeht
In der Therapie darüber reden
Der Faktencheck
Die Angst vor Besserung angehen
KAPITEL 15ALTERNATIVE BEHANDLUNGSIDEEN
Psychedelika
Wie du deine Herzfrequenzvariabilität (HFV) verbesserst
Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR)
TEIL 5Hoffnung finden und die Grenzen der Technik
KAPITEL 16DIE MORGENRÖTE DER HOFFNUNG
Ich gehöre dazu
Die Wahl haben
Ich bin okay
KAPITEL 17WAS DIE KI ZUM SELBSTHASS SAGT
NACHWORT
BIBLIOGRAFIE
DANKSAGUNG
ÜBER DEN AUTOR

Dieses Buch ist jedem*r Einzelnen gewidmet, der/die von der täglichen Last des Selbsthasses niedergedrückt wird. Du bist zutiefst liebenswert. Die Menschen, von denen du geliebt wirst, wissen das. Und ich hoffe, dass du, wenn du dieses Buch zu Ende gelesen hast, deinen Weg findest, um den Selbsthass zu besiegen und zu erkennen, dass du so viel mehr bist als die falschen Narrative, die dir suggeriert haben, dass du es nicht wert bist. Du BIST es wert!

Ich hasse mich selbst

Triggerwarnung: Mein Ziel ist es, mit diesem Buch einen kompletten Überblick über das Thema ›Selbsthass‹ zu bieten. Vor diesem Hintergrund zitiere ich immer wieder die wenigen Studien, die es dazu gibt. Aber am meisten setze ich dabei auf die umfassenden Überlegungen von Menschen, die ihre Erfahrungen mit mir geteilt haben. Die Berichte in diesem Buch machen dir diese Erfahrungen zugänglich. Es sind die Worte von Patienten, die den Selbsthass überwunden haben oder auf dem Weg dazu sind. Sie sind vollkommen ehrlich, was dessen Auswirkung auf ihr Leben angeht. Manche sprechen dabei auch über Selbstmordversuche. Daher können diese Berichte Wünsche nach selbstschädigendem Verhalten triggern. Doch die Menschen, die hier ihr Erleben offenbaren, und ich sind der Meinung, dass Selbstmord nicht die Antwort auf Selbsthass ist. Und selbst wenn Suizidgedanken sich melden sollten, geht es hier doch um die Konzentration auf ein sinnvolles Leben und bewusste Aktivitäten. Du wirst das im Buch immer wieder lesen: Suizid ist niemals die Antwort. Ich habe das Leben meiner Patienten nicht geführt und kann mir ihr Leiden nicht vorstellen. Aber sie sind ein Segen für mein Dasein, und ihre Bemühungen, das Leid zu überwinden, schenken mir viel Hoffnung. Wenn du dich durch Berichte in diesem Buch irgendwie getriggert fühlst, bitte kontaktiere deine*n Therapeut*in oder die Telefonseelsorge Deutschland, die unter der Nummer 0800/1110111 24 Stunden täglich erreichbar ist.

Vorwort

Einmal, als ich 15 war, aß ich in meiner Heimatstadt Homer in Alaska eine Orange. Natürlich hatte ich schon viele Male in meinem Leben Orangen gegessen, aber dieser Augenblick war anders. Mir war das Herz schwer, und ich überlegte, ob ich ausziehen sollte, was natürlich eine ganze Reihe von Verantwortlichkeiten mit sich bringen würde, zum Beispiel Miete zahlen, Strom, etwas zum Essen kaufen und so weiter. Und natürlich würde ich mehrere Jobs annehmen müssen, um die Kosten zu stemmen. Aber das waren Kleinigkeiten, mit denen ich fertig werden würde. Was mich wirklich runterzog, war ein Problem, für das ich keine Lösung hatte: Ich war unglücklich und ich wusste, bloß auszuziehen, würde dieses Gefühl nicht abstellen.

Ich dachte lange Zeit, mein Vater sei ›der Böse‹. Meine Mutter hatte uns verlassen, und er hatte daraufhin mehr oder weniger sofort angefangen zu trinken, wobei er körperlich und verbal übergriffig wurde.

In den Jahren davor hatte ich gemerkt, dass ich, auch wenn ich mit meinem Vater nicht zusammen war, immer noch einen ›bösen Mann‹ in meinem Kopf hatte. Er begleitete mich, wo auch immer ich mich aufhielt. Selbst damals wusste ich, dass ein Wohnungswechsel daran nichts ändern würde. Heute nenne ich das ›meinen Peiniger verinnerlichen‹. Ich hatte gelernt, meinen inneren Dialog so grausam, so lieblos und so herabsetzend zu gestalten, dass es Tage gab, in denen ich gar nicht erst aus dem Bett kam. Ich konnte nicht in den Spiegel sehen. Ich war so voller Selbsthass, Selbstverachtung, Scham und Gefühlen der Wertlosigkeit, dass jede Form von Bewusstheit mir nahezu unerträglich war. Auszuziehen würde daran nichts ändern. Ich würde ›diesen Bösen‹ mit mir nehmen.

Da saß ich also und schälte meine Orange, als ich plötzlich ein Aha-Erlebnis hatte. Zu jener Zeit las ich gerade die Werke einiger griechischer Philosophen und setzte mich mit der alten Frage auseinander, was wichtiger ist: unsere Anlagen oder unsere Umwelt. Ich fing an, mich zu fragen: Was, wenn meine Umwelt so mies wäre, dass ich meine wahre Natur, meine Anlagen, nie kennenlernen würde? Was, wenn mein Trauma so massiv und total war, dass es meine Chance, mein wahres Ich kennenzulernen, wie unter einer tiefen Schicht vergrub? Als meine Finger sich durch die raue, steife Orangenschale arbeiteten, blitzte das ›Aha‹ auf. Die Schale ist der Mechanismus, wie die Orange sich vor der Außenwelt schützt. Die schützende Schale hat sich entwickelt, um die wertvollsten Teile der Orange zu bewahren, das nahrhafte Fleisch und die lebensspendenden Samen im Inneren. Was, wenn das bei mir nun genauso war? Was, wenn mein leidvolles Umfeld mich eine Schutzschicht hatte entwickeln lassen, um mein wahres Selbst unversehrt zu bewahren? Meine Umwelt hatte also zum Teil meine Persönlichkeit geschaffen. Mein Umfeld hatte mich bestimmte Annahmen über mich selbst treffen und damit eine spezielle Schutzschicht entstehen lassen.

Als von Missbrauch und Vernachlässigung betroffenes Kind hatte ich Annahmen über meinen Wert getroffen und um sie herum meine Psyche und meine Persönlichkeitszüge gebildet. So war ich zum Beispiel misstrauisch. Ich fühlte mich wertlos. Ich traute den Menschen nicht. Ich erwartete immer, dass die Welt mich im Stich lassen würde. Ich log oder setzte eine Maske auf, um den Menschen netter zu erscheinen. Ich stahl, um meine Bedürfnisse zu erfüllen, weil ich glaubte, niemand sonst würde mich dabei unterstützen. All diese Dinge bildeten meine ›Schale‹. Sie waren nicht ›ich‹. Sie waren meine Schutzschicht.

Ich starrte meine halb geschälte Orange an. Aus der Schale strahlte da und dort das saftige Fruchtfleisch, und ich fragte mich: »Was, wenn die Frucht im Inneren meine metaphorische Natur ist? Das wahre Ich?«

Wer war ich im Innersten? Die Frage verblüffte mich. Ich hatte mich selbst ein Leben lang mit meiner Schale verwechselt. Ich hatte all meine Zeit mit meinen Gedanken und Meinungen über mich selbst verbracht. Ich war besessen davon, meine harte Fassade aufrechtzuerhalten und die Annahmen, die ich über mich selbst hatte. Aber was, wenn diese Annahmen falsch waren? Wenn ich eben nicht die misstrauische, selbsthassende und wertlose Person war? Wenn das wahre Ich irgendwo in mir drin existierte, süß und wertvoll? Was, wenn diese Frau nur darauf wartete, dass ich meinen Blick nach innen richtete, um sie kennenzulernen?

Jener Tag veränderte mein ganzes Leben. Ich begriff, dass ich, sollte mein Auszug etwas Positives bewirken, Strategien für das entwickeln musste, was ich ›hinein- und hinuntergehen‹ nenne. Meine Aufgabe war es, unter die Schicht meiner Gedanken und Meinungen über mich selbst zu gelangen. Ich musste intime Kenntnis erlangen von der Person, die ich war, unabhängig von meinem Namen, meiner Erziehung, meinem Job, meinem Ruhm oder meiner Familie. Ich lernte, hinunterzugehen, nach innen, und mich langsam und mit der Zeit in mich selbst zu verlieben. Ich lernte, geduldig, mitfühlend und zärtlich zu sein mit mir und neugierig auf mich. Das fiel mir besonders schwer, weil ich kein Vorbild für das hatte, was ich tat. Niemand hatte mir je eine derartige Zuneigung gezeigt, daher verlief diese Veränderung langsam, aber sie ging voran. Ich arbeite bis zum heutigen Tag daran. Ich entdecke mich immer noch selbst und verliebe mich in mich. Das ist eine unglaublich lohnende Aufgabe, die mir echtes Glück gebracht hat. Ich kann meinen Körper, mein Leben und meine Fehler betrachten und dem Menschen, der ich bin, voller Ehrfurcht begegnen.

Sobald du die Wahrheit dessen berührst, wer oder was du bist, bist du mächtig. Du gibst dir etwas, dass niemand dir je nehmen kann. Du kennst dich selbst. Und es gibt keinen zweiten Menschen, der so ist, wie du bist.

Ich hoffe sehr, dass du, wenn du dich in diesem Buch mit Dr. Aguirres Ideen auseinandersetzt, merkst, dass zerstörerische Gedanken und Meinungen und die Gewissheit des Selbsthasses nicht nur falsch sind, sondern dich darüber hinaus auch ablenken von der Reise deines Lebens – zur Entdeckung des Menschen, der du wirklich bist. Und ich verspreche dir, dass das, was du dabei entdeckst, voller Schönheit ist. Selbst mit den Narben.

 

— Jewel

Songwriterin, humanitäre Aktivistin, die sich für geistige Gesundheit einsetzt und bereits mehrfach für einen Grammy nominiert wurde

Einführung

Obwohl ich über dieses Thema lange Zeit nachgedacht hatte, fing ich mit der Arbeit an diesem Buch erst an, nachdem eine Kollegin, die von meinem Interesse an dieser Thematik wusste, mich gebeten hatte, mit einer jungen Frau zu arbeiten, die unter heftigem Selbsthass litt. Ich willigte ein, und als ich die junge Frau kennenlernte, wurde schnell deutlich, wie heftig und lange sie sich selbst verachtet hatte. Ich erzählte ihr, dass diese Thematik mich interessieren würde und ich der Meinung sei, dass dieses Gefühl sich ändern lasse. Ich fragte sie, ob sie bereit sei, mit mir daran zu arbeiten, ihr Selbstbild zu ändern. Zu meiner Überraschung sagte sie JA.

Ich erwähne das ausdrücklich, weil ich es in der Vergangenheit mehr als einmal erlebt habe, dass Patient*innen mir versicherten, an Themen wie Selbstverletzung, ungesunden Beziehungen oder emotionaler Regulierung arbeiten zu wollen, ihr Selbsthass aber sozusagen in Stein gemeißelt sei und sie daher ihre Zeit in der Therapie nicht darauf verschwenden wollten.

Ich sagte der Patientin, dass es noch keine etablierten Methoden gäbe, um an Selbsthass zu arbeiten, und wir uns daher nur auf die spärlichen momentan verfügbaren Erkenntnisse stützen konnten. Wir würden uns auf jene Elemente konzentrieren, die funktionierten, und alles andere aussortieren, was nutzlos oder einfach nicht hilfreich war.

Da das Thema ›Selbsthass‹ wissenschaftlich kaum erforscht ist, folge ich keinem bestimmten Behandlungsansatz. Ich verwende vielmehr Techniken aus anderen Therapiemethoden, die sich bei ähnlichen Themen als wirksam erwiesen haben. Wertvolle Einsichten in deren Wirksamkeit erhielt ich, weil ich meinen Patient*innen aufmerksam zuhörte. Also trommelte ich ein paar von ihnen zusammen und bat sie, mich bei dieser Arbeit zu unterstützen. Beim Schreiben dieses Buches ließ ich immer wieder meine Patient*innen im Originalton zu Wort kommen, um das Spektrum des Selbsthasses in seiner Gesamtheit wiederzugeben. Meine Hoffnung dabei war, dass ihr persönliches Erleben und ihre Einsichten nicht nur das Gesagte lebensnaher werden ließen, sondern auch ein hilfreiches Licht werfen könnten auf deine eigene Reise von den Gewissheiten des Selbsthasses hin zur Erkenntnis, dass du zutiefst wertvoll bist. Was meine Patient*innen dabei offenbarten, hat all meine Erwartungen übertroffen. Der Wert liegt in ihren Worten und Überlegungen, und ich hoffe, dass du als Leser*in daraus ableitest, dass du nicht allein bist. Du gehörst zu einer schweigenden Gemeinschaft, die nicht mehr länger schweigen muss und die Unwahrheiten, an denen sie festgehalten hat, nicht weiterhin glauben muss. Du wirst das, was du berichtest, als Echo ihrer persönlichen Erfahrungen wiedererkennen. Und das, was diese Menschen erlebt haben, hat zur Entwicklung von Übungen und Strategien geführt, die du nun als Instrumente auf deinem Weg zur Überwindung des Selbsthasses nutzen kannst. Diese Erfahrungen zu sammeln, hat mich zugleich daran erinnert, dass Selbsthass gelegentlich immer noch aufflackern kann, auch wenn ein*e Patient*in ihn weitgehend überwunden hat.

 

Ich hätte Ihnen diese Zeilen fast nicht geschickt, weil ich dachte, dass ich nichts Hilfreiches oder Wirksames beitragen könnte. Etwas über ›Selbsthass‹ zu schreiben, wurde blockiert von Gedanken des Selbsthasses oder zumindest der Selbstverachtung.

 

Das war die Antwort auf eine E-Mail, die ich einer Patientin geschickt hatte, die ich schon seit Jahren kenne und die in ihrem Leben wirklich viel erreicht hat. Und doch hatte sie weiterhin mit Selbsthass zu kämpfen. Ihre Antwort hatte mich ein wenig überrascht, weil es ihr so viel besser zu gehen schien. Sie hatte eine stabile Berufslaufbahn, einen ebenso stabilen Freundeskreis und sah der Zukunft voller Optimismus entgegen. Und doch meldete sich der Selbsthass wieder. Ihre Erfahrung und die so vieler anderer Menschen ist die treibende Kraft hinter diesem Buch.

Der Abscheu gegenüber sich selbst gehört zu den am wenigsten erforschten Erlebnissen auf dem Gebiet der mentalen Gesundheit. Ich persönlich habe in meiner Praxis immer wieder die segensreiche Erfahrung gemacht, dass die Menschen aus den Tiefen der Verzweiflung aufsteigen und die schönen Momente des Lebens genießen können. Und doch kann der Selbsthass bestehen bleiben, auch wenn sie arbeiten, zur Schule gehen oder eine feste Beziehung haben. Tragischerweise ist dies eine Erfahrung, die eine so tiefe Verzweiflung nach sich zieht, dass bei den Betroffenen ein hohes Selbstmordrisiko besteht. Wenn dies auch dein Kampf ist, dann ist es lebenswichtig, zu wissen, dass Selbstmord nicht die Antwort auf Selbsthass ist. Du wurdest nicht mit Selbsthass geboren. Sobald du feststellst, dass du viele der falschen und verletzenden Ideen über dich selbst verändern kannst, kannst du dich von Selbstmordgedanken befreien und ein wahreres und erhebenderes Gefühl für dich selbst entwickeln.

Die Jahre davor

In den Jahren, die meiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Problem des Selbsthasses vorausgingen, arbeitete ich mit einer Patientin, die im Abschlussjahr an der Highschool war und engagiert an ihrer Gesundung arbeitete. Sie übte neue Fertigkeiten ein, machte ihre Hausaufgaben, kam jede Woche zur Therapie und allmählich machten die Wirren ihres emotionalen Leidens der Konzentration auf ihre Noten und ihre Collegebewerbung Platz. Darüber hinaus fing sie auch wieder mit Standardtanz an, den sie schon als Mädchen geübt hatte, und lernte Gitarre spielen. Mit der Zeit entwickelte sie das Gefühl, ihr Leben besser unter Kontrolle zu haben. Parallel dazu kam sie nicht mehr zweimal pro Woche zur Therapie, sondern zuerst nur noch einmal und dann alle 14 Tage. Allerdings bemerkte ich, dass sie sich, wann immer sie etwas getan hatte, was sie als falsch oder unvollkommen empfand, dafür massiv kritisierte.

»Ich hasse mich selbst«, entfuhr es ihr eines Tages.

»Das ist aber ein bisschen krass«, erwiderte ich. »Jeder Mensch macht doch Fehler.«

Sie sah mich mit einem Ausdruck an, den ich als Verwirrung las, vielleicht sogar als Verachtung.

»Sie verstehen das einfach nicht. Ich hasse mich selbst. Da geht es nicht ums Fehlermachen. Ja, dass ich Fehler mache, zeigt, was für ein schrecklicher Mensch ich bin. Aber ich hasse mich jetzt und ich habe mich seit jeher gehasst«, gab sie zurück.

»Aber was ist denn mit den Dingen, die Sie mit Ihrem Leben anfangen? Ihren Noten, Ihren Collegebewerbungen, Ihrer Gitarre, Ihrem Tanz?«, bohrte ich nach.

»Diese Dinge machen mich kompetent. Sie führen aber nicht dazu, dass ich mich selbst liebe«, meinte sie.

»Das war mir nicht klar. Können Sie mir darüber mehr erzählen? Das ist doch ein schrecklicher Blick auf sich selbst. Wie können Sie nur denken, dass Sie so schlimm sind?«

Sie lehnte sich zurück und antwortete: »Sehen Sie sich doch mein Leben an. Ich habe es kaputt gemacht. Ich habe die Beziehungen ruiniert, die mir wichtig sind. Vermutlich werde ich auch Ihr Leben ruinieren. Wissen Sie, warum meine Eltern geschieden sind? Meinetwegen. Wissen Sie, warum mein Freund mich verlassen hat und ich nie mehr einen Freund haben werde? Meinetwegen. Sehen Sie meine Narben? Wissen Sie, wer sie mir zugefügt hat? Ich selbst. Wissen Sie, warum meine Mutter sich ständig solche Sorgen macht? Meinetwegen. Glauben Sie, es macht ihr Spaß, jede Woche sechs Stunden aufzuwenden, um mich zur Therapie zu kutschieren und wieder zurück? Denken Sie, sie könnte nichts Besseres mit ihrer Zeit anfangen? Alles nur meinetwegen. Ich vergifte alles, was ich berühre, weil ich Gift bin. Die Welt wäre ohne mich besser dran, weil ich so ein toxischer Mensch bin.«

Es betrübte mich, zu sehen, dass jemand, von dem ich eine so hohe Meinung hatte, sich selbst so sehr herabsetzte. Sie bestand darauf, dass sie einfach nur verabscheuungswürdig sei und überhaupt nichts Nettes an sich habe.

Trotz ihrer Fortschritte war an ihrer Selbstwahrnehmung nicht zu rütteln. Meine Versuche, ihr zu zeigen, dass an ihr viel Gutes und Liebes war, unterminierten mehr und mehr die Therapie.

»Ganz egal, wie sehr Sie versuchen mögen, mich vom Gegenteil zu überzeugen: An mir ist nichts Gutes. Ich denke dann nur, dass Sie mich eben nicht richtig kennen und die ganze Therapie bloß Zeitverschwendung ist. Sie denken, meine harte Arbeit, um effektiver zu sein und nicht an Selbstmord zu denken, sei gleichbedeutend damit, dass ich mich selbst lieber mag. Falsch. Ich will nur fähig sein, einen Tag durchzustehen. Also konzentrieren wir uns doch darauf, dass ich effektiver werde.«

Sie machte weiter gute Fortschritte und bekam durch ihre frühe Bewerbung die Chance, an einem der von ihr gewünschten Colleges aufgenommen zu werden. Sie tanzte regelmäßig und hatte auch in der Schule Freunde gewonnen. Ihr Selbstabscheu aber blieb ein Tabuthema, weil sie dachte, es sei sinnlos, es anzuschneiden. Und wenn ich das trotzdem tat, entwertete ich mich sozusagen selbst. Und ich wusste nicht, was ich tun sollte, um diese toxischen Symptome, die sie schwächten, in den Griff zu bekommen.

Zu Weihnachten kam sie zu einer Sitzung zu mir und brachte mir eine Weihnachtskarte mit. Sie hatte mehrere Wochen daran gearbeitet, und das Ausmaß an künstlerischer Präzision, farblicher Detailgenauigkeit und der Höhe des emotional-verbalen Ausdrucks empfand ich als so stimmig, dass ich fast schon ehrfürchtig reagierte.

»Danke«, sagte ich. »Sie haben sich damit ja wirklich Mühe gegeben. Die Karte ist wunderschön, und Ihre Worte bedeuten mir viel. Sie sagen so viele nette Sachen. Warum haben Sie das gemacht?«

»Sie haben mir wirklich sehr geholfen, und das weiß ich zu schätzen. Ich wollte Ihnen damit einfach nur zeigen, wie viel Sie mir bedeuten«, sagte sie und lächelte mich an.

»Aber ich bin verwirrt, denn was Sie schreiben, lässt vermuten, dass ich Ihnen wichtig bin«, sagte ich ganz bewusst. »Es tut mir leid, aber ich kann die Karte nicht annehmen. Ich kann eine Lüge nicht akzeptieren.«

Ihr Lächeln gefror. »Was soll das heißen? Natürlich sind Sie mir wichtig.«

»Aber jemandem wichtig zu sein, ist eine Form der Liebe«, beharrte ich.

»Und?« Sie schien verwirrt.

Ich fragte: »Aber wie können Sie mir etwas geben, was Sie angeblich nicht haben? Wenn Sie von jemandem 100 Dollar stehlen, dann gehören die nicht Ihnen und Sie können sie mir nicht geben. Sie können mir ehrlicherweise nur etwas geben, was Sie selbst wirklich haben. Sonst ist es eine Lüge. Sie geben mir eine Karte, die Zuneigung und Dankbarkeit für mich zeigt. Aber Sie können keine Liebe und Zuneigung geben, die Sie nicht besitzen. Wenn Sie mir diese Dinge geben, dann ist das eine Lüge, und ich muss Ihre Karte zurückweisen. Aber ich weiß Ihre Mühe zu schätzen.«

Sie war geschlagen und fing zu weinen an. »Ich kann das nicht fassen. Ich habe so lange gebraucht, um die Karte zu machen, und ich habe das getan, weil Sie mir am Herzen liegen. Und jetzt wollen Sie sie nicht?«

»Warten Sie«, sagte ich. »Haben Sie gerade gesagt, dass Sie Zuneigung in sich haben?«

»Natürlich habe ich das!«

Und ich entgegnete: »Aber Sie haben mir monatelang gesagt, dass Sie keine Liebe in sich haben, dass Sie ein toxischer Mensch sind, dass Sie alle Leute vergiften, denen Sie begegnen! Ich bin begeistert von dem, was Sie sagen! Natürlich, wenn Ihre Karte aus der Liebe und Zuneigung in Ihnen kommt, dann kann ich sie auch annehmen, und zwar sehr gerne! Aber entscheidend ist doch: Wenn Sie Liebe in sich tragen, dann sind Sie nicht all diese Dinge, die Sie von sich behaupten. Und wenn Sie Zuneigung und Mitgefühl für mich empfinden, dann ist beides in Ihnen, und Sie können anfangen, das zu sehen. Es steckt in Ihnen. Und wenn es in Ihnen ist, dann ist es dort auch für Sie. Wenn Sie diese Liebe in sich haben, wie können Sie dann so toxisch sein? Ihre Karte hätte mich vergiftet, wenn sie böse wäre, aber sie entstand aus der Güte.«

In den nächsten Monaten fing sie an, einzelne Momente der Güte und des Mitgefühls für andere in sich zu erkennen. Ihr wurde klar, dass diese Momente aus aufrichtiger Anteilnahme in ihrem Innersten kamen, und dass ihre Fürsorge und ihr Mitgefühl in ihr lebten. Und wenn sie beides für andere in sich trug, dann war es auch für sie selbst dort. Mit der Zeit schwächte sich ihr Selbsthass ab, bis alles, was davon noch übrig blieb, die Trauer darüber war, dass dieses junge Mädchen sich nicht hatte lieben können. Das war für mich ein sehr wichtiges Novum und für meine Patientin eine grundlegend bedeutsame Erfahrung. Der Selbsthass hatte sich bewegt.

Unveränderlich?

Für Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, die wir in einem der folgenden Kapitel behandeln werden, fühlt sich die Erfahrung von Selbsthass so an, als würde sich das niemals ändern lassen. Das scheint keine realistische Möglichkeit zu sein. Es macht eher den Eindruck, als sei das der Kern dessen, was sie sind. Wenn ich Menschen, die sich so fühlen, frage, ob sie dieses Thema jemals in einer Therapie behandelt hätten, bekomme ich gewöhnlich eine von drei Antworten:

1.Nein, mich hat noch nie jemand danach gefragt.

2.Ja, ich habe es mal angeschnitten, aber man hat mir gesagt, ich solle einfach Selbstmitgefühl üben.

3.Nein, ich habe nie daran gedacht, darüber zu reden, weil es einfach das IST, was ich bin. Und ich kann zwar viele meiner Verhaltensweisen verändern, aber ich kann nicht ändern, wer ich bin.

Bei solchen Aussagen empfinde ich meist eine tiefe Traurigkeit, weil die Menschen, die sie machen, unglaublich talentiert sind und anderen Menschen mit viel Mitgefühl begegnen. Wenn ich sie über Jahre hinweg in der Therapie kennenlerne, dann liegen sie mir auch am Herzen. Wie ist es möglich, dass so ein liebenswerter Mensch sich völlig unliebenswürdig fühlt?

Ich möchte hier so präzise wie möglich meinen Blick auf den Selbsthass erklären. Er ist ein pathologischer Zustand. Eine Quelle andauernden Leids, die dich davon abhält, dein wahres Selbst zu sehen und alles, was an dir gut ist. Der Selbsthass kann deinen Geist zerstören und dich tragischerweise zu Suizidgedanken verleiten. Auf diesen Seiten hoffe ich, dich überzeugen zu können, dass Selbsthass eine Täuschung ist, die ein Geist produziert, der gelernt hat, sich zu hassen. Aber du kannst eben auch das Gegenteil lernen: nämlich, dass du wertvoll bist.

Wie das Buch aufgebaut ist

Für die Zwecke dieses Buches verwende ich die Begriffe Selbsthass und Selbstabscheu synonym. Und zwar, weil die meisten meiner Patient*innen mir sagen, dass es letztlich dasselbe ist. Ich werde im ganzen Buch Geschichten, Dialoge und Überlegungen mit Verweisen auf Forschungsarbeiten verweben. Einige der vorgestellten Ideen kommen dir vielleicht bekannt vor und du fühlst dich dadurch bestätigt. Andere mögen dir zu wissenschaftlich erscheinen. Aber der wissenschaftliche Teil ist wichtig, denn alle Therapien und alles, was wirkt, müssen auf Konzepten und Methoden beruhen, die sich replizieren lassen und auch von anderen Menschen in einem anderen Kontext angewandt werden können. In Sachen Forschungsarbeiten über Selbsthass haben wir nicht allzu viel Material. Das hat wohl damit zu tun, dass nur wenige Menschen zu einem*r Therapierenden gehen und den Selbsthass als ihr wichtigstes Problem nennen. Und die wenigsten Menschen, die sich um die geistige Gesundheit anderer kümmern, fragen ihre Patient*innen danach.

Ich glaube, du musst dieses Buch nicht unbedingt von Seite 1 bis zum Ende durchlesen. Falls du den wissenschaftlichen Teil langweilig findest, habe ich angemerkt, welche Teile du überblättern kannst, ohne den Faden zu verlieren.

Ich habe auch Übungen ins Buch aufgenommen, von denen meine Patient*innen sagen, dass sie ihnen geholfen haben. Unter jeder Übung findest du einige leere Zeilen für deine Antwort. Ich habe Beispiele und Bilder verwendet, um bestimmte Konzepte zu erklären. Und ich habe im Laufe der Jahre einige Schriften und Texte von bekannten Persönlichkeiten gesammelt, die veranschaulichen, worum es bei der Erfahrung von Selbsthass geht. Manche Passagen dieser Texte nutze ich im Buch, weil sie zeigen, dass die Erfahrung des Selbsthasses so allumfassend ist und nicht nur Menschen betrifft, die sich in Therapie begeben.

Ich hoffe, dass du diese Aussagen auf deiner Reise zur Überwindung von Selbsthass als sinnvolle Unterstützung empfindest und dass jede*r Lesende, der*die diese Erfahrung kennt, eines Tages sehen kann, wie wichtig und liebenswürdig er oder sie ist. Dein Wert wird nicht dadurch definiert, wie man dich früher behandelt hat, durch deine vermeintlichen Mängel, durch Fehler, die du vielleicht gemacht hast, oder davon, was andere über dich sagen. Du bist nicht anders als jene Menschen, die von Natur aus der Liebe würdig sind. Und wenn du immer noch skeptisch bist, dann lies weiter und lass mich und alle, die zu diesem Buch beigetragen haben, an deiner Seite stehen, während du lernst, dich als wertvollen und wunderbaren Menschen zu sehen.

Teil 1

Selbsthass verstehen

Kapitel 1Was ist Selbsthass?

Selbsthass ist nichts, was du dir aussuchen kannst. Du stehst nicht vor der Wahl, dich selbst zu lieben oder zu verabscheuen, und entscheidest dich dann für die Abscheu. Selbsthass ist da, weil man dich glauben gemacht hat, dass er die Wahrheit ist. An deinen frühkindlichen Erfahrungen bist nicht du schuld. Alles, was du an Schlechtem erlebt hast, ist dir nicht widerfahren, weil du dich entschieden hast, genau das zu wollen. Eine Erfahrung nach der anderen hat dich zu der Überzeugung gebracht, dass du nichts wert bist. Du hast den Selbsthass nicht ›eingeladen‹, und der Selbsthass ist auch nichts Unabwendbares. Du hast die Macht zu bestimmen, was du erfährst, und diese Erfahrung zu festigen. Dann kannst du auch etwas ändern, wovon du dachtest, dass es sich niemals ändern ließe.

Erst kürzlich habe ich wieder Jane Eyre von Charlotte Brontë gelesen, einen Roman, den sie 1847 geschrieben hat. 1847 – eine viele Jahrzehnte zurückliegende Zeit, als noch niemand wusste, welchen Einfluss Traumata und ständige Abwertung auf das Selbstbild eines Menschen haben können. Das Buch aus dem Blickwinkel meiner aktuellen Forschung zu lesen, schockierte mich, denn Brontë verstand diesen Einfluss und stellte ihn in meisterhaften Worten dar. In einem Absatz beschreibt die Protagonistin Jane eine Erfahrung, die sie im Alter von zehn Jahren machte. Zu dieser Zeit war sie bereits ein Waisenkind und lebte auf dem Anwesen ihres mittlerweile verstorbenen Onkels Mr Reed und seiner Witwe.

Es handelt sich dabei um eine Situation, in der Jane mit ihrer Tante, Mrs Reed, aneinandergerät. Mrs Reed, die ihre Nichte nicht ausstehen kann, schüttelt und ohrfeigt Jane kräftig und wiederholt. Anschließend lässt sie Jane einfach wortlos sitzen. Das Kindermädchen Bessie kommt hinzu und hält dem zehnjährigen Mädchen eine Strafpredigt, in der sie angebliche Beweise erbringt, wieso Jane das garstigste und verkommenste Kind sei, das man jemals großgezogen habe. Und Jane glaubt ihr all diese Anschuldigungen, da sie selbst in ihrem Inneren negative Gefühle aufsteigen spürt.

In diesem Absatz spiegelt sich die Erfahrung vieler meiner Patient*innen wider. Du kannst für die zehnjährige Jane tiefes Mitgefühl empfinden, denn es ist offensichtlich, dass sie sich nicht dafür entschieden hatte, so schlecht behandelt zu werden. Und nachdem man sie jahrelang auf diese Weise traktiert hatte, ist es nur zu verständlich, dass sie schließlich denkt, sie sei dieses ›garstige‹ Kind. Selbsthass ist eine Lüge, die aus Erfahrungen entsteht, die du nicht vermeiden konntest. In vielen Fällen einfach deswegen, weil du noch zu klein warst.

Die Form von Selbsthass, von der in diesem Buch die Rede ist, ist kein vorübergehender Zustand. Für Menschen, die mit ihm leben, ist es eine dauerhafte, unerbittliche und unerschütterliche Abneigung gegen das Selbst, die sich mit Gefühlen der Unzulänglichkeit und Schuld, mit Selbstvorwürfen und niedrigem Selbstwertgefühl verbindet. Menschen voller Selbsthass sehen sich als Last, die von der Erde getilgt werden sollte. Sie leben mit der ständigen Empfindung: »Ich werde niemals gut genug sein.«

Es geht nicht nur darum, dass man mal etwas vermasselt

Der im Innersten verankerte Selbsthass ist nichts, was wieder vergeht. Es ist nicht dasselbe wie »Ich bin ja so dumm. Ich hasse mich«, wenn man mal ein Glas Rotwein umstößt oder eine schlechte Note geschrieben hat. Die meisten Menschen sagen irgendwann einmal »Ich hasse mich selbst«, um ihre Unzufriedenheit mit ihrem Tun oder dessen Resultaten auszudrücken. In einem solchen Kontext heißt das gewöhnlich, dass sie eben mal etwas vermasselt haben. Man sagt so etwas, um sich selbst und anderen Menschen zu signalisieren, dass man weiß, inwiefern man Mist gebaut hat. »Ich hasse mich selbst« ist in solchen Situationen ein vorübergehender Gedanke, der kurzfristigen Ärger ausdrückt.

Die ›50 Shades‹ der Reaktionen

Die Reaktion auf ein Missgeschick – zum Beispiel, weil Rotwein über eine weiße Tischdecke verschüttet wird –, kann unterschiedlich intensiv ausfallen. Wer nicht unter Selbsthass leidet, reagiert überrascht, vielleicht auch peinlich berührt, und entschuldigt sich bei seinem*r Gastgeber*in. Möglicherweise bietet der*die Verursacher*in ja an, beim Saubermachen zu helfen oder eine neue Tischdecke zu bezahlen. Hat sie den Wein verschüttet (oder ein anderes Missgeschick begangen) und sich dafür entschuldigt, kann die Person sich ihres Lebens wieder erfreuen, ohne ständig über dem Malheur zu brüten. Wer hingegen unter Selbsthass leidet, reagiert ganz anders. Betroffene verspüren tiefe Scham und Schuld. Ihr innerer Dialog artet sofort in schroffe Kritik aus. Sie verspüren tiefe Beschämung, Schuldgefühle, vielleicht sogar Abscheu gegenüber sich selbst. Sie haben Schwierigkeiten, den Vorfall einfach zu vergessen, und so bleibt er ihnen den ganzen Tag über im Gedächtnis. Für einen Großteil der Menschen geht es dabei nur um ein Glas Wein, das umgestoßen wurde. Für Menschen mit Selbsthass ist ein solches Erlebnis ein Reflex ihrer eigenen Unzulänglichkeit.

Wie du noch sehen wirst, ist der Selbsthass, von dem dieses Buch handelt, ein tiefgehendes, schmerzhaftes und allumfassendes Problem. Er ist ein Konstrukt, das sich mit der Zeit herausbildet und sich in der Essenz der Person verankert, als Kern ihres Selbst. Als wären Selbst und Selbsthass untrennbar verschmolzen, sodass die Person sich gar nicht mehr daran erinnern kann, wie es war, als sie sich noch nicht gehasst hat. Als sei allein schon der Gedanke, seinen*ihren Selbsthass ablegen zu wollen, absurd oder gar Zeitverschwendung. »Selbsthass ist für mich, was H2 und O im Wasser sind. Wasser ist H2O. Genauso geht es mir mit dem Selbsthass«, erklärte mir eine Patientin.

Für die meisten Menschen sind Selbsthass und Selbstabscheu dasselbe. Daher verwende ich die beiden Begriffe im vorliegenden Buch synonym. Diese Patientin allerdings empfindet das anders. Für sie ist der Abscheu gegenüber sich selbst noch intensiver als der Selbsthass. Sie erklärt das so:

 

Es ist laut in meinem Kopf, und das immer. Ein Großteil meiner selbst beschimpft mein Dasein. Alles, was ich tue, ist falsch. Nichts ist je gut genug. Vielleicht scheinen die kleinen Fehlerchen im Alltag anderen Leuten ja vernachlässigbar, aber da mein Kopf mich ständig ANBRÜLLT, dass ich nichts richtig machen kann, ist es schon das Ende der Welt, wenn ich vergesse, auf das Pausenbrot meiner Tochter nicht das Weintraubengelee zu schmieren, sondern die Erdbeermarmelade. Wieso bekomme ich nicht mal solche Kleinigkeiten hin? Vielleicht bin ich ja ein Niemand, der nicht weiß, wie man es in der Welt zu etwas bringt, aber ich könnte doch WENIGSTENS das richtige Gelee auf das Pausenbrot schmieren.

Aber nicht einmal das kann ich.

Und das ist der Abscheu mir selbst gegenüber. Hass ist neben dem Abscheu ein Spaziergang. Selbstabscheu aber ist der Gipfel vom Berg des Selbsthasses.

 

Daraufhin sagte ich zu ihr: »Das ist ja witzig. Und echt klug. Können Sie sich nicht bewundern für so eine feine Unterscheidung?«

»Nein, denn nur ein Geist, der sich selbst hasst, kommt auf so etwas. Ich wünschte, ich hätte nie so etwas denken müssen«, gab sie feierlich zurück.

»Nun« antwortete ich, »Sie sind doch so viel mehr als Wasserstoff und Sauerstoff. Vielleicht können Sie ja mal die vielen anderen Elemente sehen, aus denen Sie bestehen. Dann könnte sich Ihr Fokus auf diese Vorstellung ändern.«

Sie zuckte nur skeptisch mit den Schultern.

 

Ich bat eine Patientin, ihre Vorstellung vom Selbsthass so auszudrücken, dass auch andere sie verstehen, und sie antwortete mir darauf:

 

Ich würde anderen meinen Selbsthass beschreiben als ein allgegenwärtiges Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein, ohne Selbstwert oder Identität. Und damit meine ich wirklich: UNUNTERBROCHEN. Ich habe oft das Gefühl, dass ich ein widerlicher Mensch bin, der alle Probleme in seinem Leben selbst verursacht hat und der keine Fürsorge, kein Mitgefühl oder überhaupt irgendetwas Gutes verdient hat. Und auch das gilt UNUNTERBROCHEN. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich von meinem Selbst getrennt bin. Das ist so, als wäre es egal, obich mich mag oder nicht, weil ich ja ohnehin kein Selbstbewusstsein habe und das Gefühl habe, dass ich nicht in der Wirklichkeit verankert bin.

 

Viele Menschen, die so leben, haben das Gefühl, sie seien so voller Fehler, dass man sie deshalb für ihre bloße Existenz bestrafen sollte. »Menschen, die Kopfschmerzen haben, wissen nicht, wie erbarmungslos eine Migräne ist«, erklärte ein Patient, der unter Migräne und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet.

Manchmal entstehen daraus Verhaltensweisen, die selbstzerstörerisch und selbsterniedrigend sind. Aber diese Mechanismen funktionieren einfach nicht, auch wenn sie unmittelbar vielleicht eine gewisse Erleichterung bewirken. Und das hat verschiedene Gründe. Erstens bestraft jemand sich üblicherweise dann, wenn er*sie meint, etwas Falsches oder Schlechtes getan zu haben. Aber wofür willst du dich bestrafen? Du hast nie etwas getan, wofür du bestraft werden müsstest. Wenn du als Kind Missbrauch erlebt hast, dann hat man an dir ein Verbrechen begangen. Aber das warst nicht du. Zweitens fühlst du dich nach solchen ›Strafaktionen‹ noch schlimmer als vorher. Und drittens: Selbst, wenn du etwas Schlimmes getan hast und du dafür bestraft wurdest, hast du ›deine Zeit abgesessen‹, deine Strafe ist damit abgebüßt. Warum also verhängst du ständig neue Strafen über dich? Überlege mal: Jemand raubt eine Bank aus und geht dafür ins Gefängnis. Nach ihrer Freilassung kann diese Person nicht noch einmal für dasselbe Verbrechen bestraft werden.

Wenn eine Person starken Selbsthass empfindet, dann hat sie nicht nur das Gefühl, dass sie die Liebe anderer Menschen nicht verdient. Sie glaubt vielmehr, überhaupt nichts Gutes zu verdienen. Daraus zieht sie den Schluss, dass alles Schlechte, was sie erlebt, nur auf ihre persönliche Schlechtigkeit zurückgeht und die verdiente Strafe dafür ist, dass sie so ein schrecklicher Mensch ist.

 

Eine Patientin von mir kam einmal ein paar Minuten zu spät zu unserer Sitzung. Sie begrüßte mich mit den Worten: »Sehen Sie jetzt, was für ein schrecklicher Mensch ich bin? Ich verschwende Ihre Zeit. Genau das tue ich, und genau das bin ich auch: Zeitverschwendung und der Abschaum der Menschheit.«

Worauf ich antwortete: »Wow, das ist aber heftig. Ich habe mich auf unsere Sitzung gefreut. Sie sind ja sonst immer pünktlich, daher habe ich mir eher Sorgen gemacht. Aber letztlich sind Sie ja nur zehn Minuten zu spät gekommen. Ich nehme an, dass der Verkehr zu dicht war oder Sie heute spät aufgewacht sind, dass Sie sich mit Ihrer Freundin verplaudert haben oder dass Sie in der Arbeit aufgehalten wurden. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass jemand meine Zeit verschwendet. Und um ehrlich zu sein, habe ich währenddessen eine E-Mail zu Ende geschrieben, die ich vergessen hatte. Ich ärgere mich also keineswegs. Das würde mir nicht im Traum einfallen. Tatsächlich bin ich dankbar, dass ich die E-Mail schicken konnte. Die paar Minuten extra haben mir also geholfen.«

»Warum sind Sie nur so nett zu mir?«, fragte sie. »Ich verdiene eine Bestrafung, weil ich eine so schreckliche, unmögliche Patientin bin. Sie sollten mir nicht danken. Es gibt keine Entschuldigung für Zuspätkommen. Ich möchte mich selbst bestrafen, aber wenigstens Sie sollten das tun. Wenn Sie auf mich zukämen und mir eine Ohrfeige geben würden, dann wäre das sinnvoller.«

Ich glaube, mir traten die Tränen in die Augen, denn sie sagte: »Was ist los?«

»Es macht mich nur traurig, dass Sie sich selbst so sehr hassen und sich vorstellen, ich würde Sie so sehr hassen, dass Sie für etwas bestraft werden müssten, das jeden Tag millionenfach passiert. Und zwar Millionen Menschen, einfach aufgrund ihrer Lebensumstände. Und auch, weil Sie überrascht sind, dass ich keine Gefühle der Abneigung oder Verachtung für Sie hege. Ich weiß, dass Sie Ihr Bestes tun.«

An dieser Stelle hielt ich kurz inne, um nachzudenken.

»Viele Menschen, die sich hassen, können sich nicht vorstellen, dass andere Leute sie nicht so sehen, wie sie selbst das tun. Sie hassen sich selbst, und sie stellen sich vor oder glauben, dass ich und andere Menschen, denen sie wichtig sind, dies tatsächlich empfinden. Sie befürchten, dass diese Menschen sie anlügen, dass sie sich in ihnen täuschen oder einfach nicht sehen können, was sie für ein schreckliches Wesen sind. Ein Therapierender, der mit psychodynamischen Methoden arbeitet, würde wohl sagen, dass sie ihren Selbsthass auf andere Menschen projizieren und dann an diese Projektion glauben, daran, dass diese Menschen sie hassen. In gewisser Weise rauben sie diesen Menschen die Möglichkeit, mit ihnen ihre eigenen Erfahrungen zu machen, weil sie so sicher sind, was diese Leute denken und wie sie sie behandeln sollten. In meinem Fall ist das so, dass ich die harte Arbeit bewundere, die Sie in die Überwindung Ihrer mentalen Probleme stecken, damit Sie studieren können. Und diese Bewunderung ist echt, ganz egal, ob Sie daran glauben oder nicht. Wenn Sie mir sagen, dass ich falschliege, dann berauben Sie mich der Möglichkeit, mir eine eigene Meinung über Sie zu bilden.«

»Sehen Sie? Ich ›beraube‹ Sie. Und da denken Sie, ich sei kein schlechter Mensch?«, widersprach sie mir.

»Sie sind ein schlechter Kenner dessen, was ich über Sie denke«, sagte ich und lächelte. Schon war die Spannung verflogen.

Verwandte Konzepte

Fachkolleg*innen meinen: Wenn ich mich auf Selbsthass als eigenständige Thematik konzentriere, dann würde ich über eine Reihe von Konzepten sprechen, die bei vielen psychischen Erkrankungen eine Rolle spielen. Und dass viele Menschen mit anderen psychischen Problemen mit sich selbst und der Art, wie ihr Gehirn funktioniert, unzufrieden sind. Meine Erfahrung aber sagt mir, dass Selbsthass sich auf zwei klar unterscheidbare Weisen manifestieren kann: erstens als Symptom einer anderen zugrunde liegenden psychischen Störung UND zweitens als eigenständige Erfahrung, die auch bestehen bleibt, wenn andere psychische Probleme ihren Höhepunkt längst überschritten haben. Daher frage ich mich: Kann permanenter Selbsthass bei Abwesenheit anderer klinischer Symptome eine eigenständige Diagnose sein?

Wenn ich meine an Selbsthass leidenden Patient*innen frage, ob ihr Abscheu gegenüber sich selbst Teil eines anderen psychischen Problems sein könnte, dann erkennen sie an, dass sie sich mit all den Vorstellungen, die wir gleich kennenlernen werden, identifizieren können, aber dass diese nicht dasselbe sind wie ihr Selbsthass. Sie geben an, dass der Selbstabscheu viele oder alle der folgenden Erfahrungen einschließt, diese jedoch weniger bestimmend, allumfassend und schmerzlich seien als der Selbsthass. Und mit diesen Erfahrungen umzugehen, sei auch sehr viel einfacher. »Wenn es nur um die Selbstkritik ginge, würde ich mir nicht so heftig wünschen zu sterben«, meinte einer meiner Patienten.

Viele Menschen mit andauerndem Selbsthass sagen über sich Dinge wie: »Ich bin ein Totalausfall.« »Ich kann nichts richtig machen.« »Niemand wird mich je mögen können.« »Ich werde niemals gut genug sein.« »Es wird mir nie besser gehen.« »Ich verdiene zu leiden, weil ich so ein schlechter Mensch bin.« »Ich sollte besser sterben.« »Ich verdiene es, bestraft zu werden.« »Ich sollte keine Beziehung eingehen, weil ich für andere Menschen einfach toxisch bin.« »All meine Probleme und die anderer Menschen sind allein meine Schuld.« »Alle hassen mich.« Sätze wie diese lindern den Einfluss von Selbsthass nicht gerade.

Also sehen wir uns die mit dem Selbsthass verbundenen Konzepte einmal an und untersuchen, worin sie sich gleichen beziehungsweise unterscheiden. Für einige Leser*innen klingt manches davon vielleicht sehr ähnlich wie Selbsthass. Andere hingegen können damit gar nichts anfangen. Einige dieser Konzepte haben eine wissenschaftliche Grundlage und sind klinisch bestätigt. Andere hingegen beruhen auf den Beschreibungen jener Menschen, die damit leben.

Konzepte und Erfahrungen, die mit Selbsthass verknüpft sind, sich aber trotzdem unterscheiden

Selbstkritik

Selbstkritik ist die Tendenz, sich selbst eher negativ einzuschätzen, sodass man sich wertlos und als Versager*in fühlt und Schuldgefühle empfindet, weil man die in die eigene Person gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Selbstkritik galt ursprünglich als entscheidendes Moment bei der Entwicklung einer bestimmten Form von Depression, die man als introjektive Depression bezeichnet. In der klinischen Praxis verwenden wir diesen Begriff nicht mehr. Es ist aber sinnvoll, sich damit zu beschäftigen, denn historische Beschreibungen von Patient*innen mit dieser Form der Depression scheinen zu vielen der hier angeschnittenen Themen zu passen. Therapierende machten die Feststellung, dass Patient*innen mit introjektiver Depression häufig das Gefühl haben, bestraft werden zu müssen, und daher die Äußerungen des Therapierenden als Bestrafung empfinden.

Von der Forschung wird Selbstkritik als Charakterzug mit verschiedenen negativen Konsequenzen in Verbindung gebracht. Eine Studie, die das Verhalten von Personen mit beziehungsweise ohne Neigung zur Selbstkritik verglich (Mongrain 1998), ergab, dass die ›Selbstkritiker*innen‹ häufiger unter negativen Stimmungen litten. Sie gingen grundsätzlich davon aus, dass andere ihnen nicht helfen würden, und sie baten auch seltener um Hilfe. Interessanterweise stellte diese Studie auch fest, dass beide Gruppen die gleiche Anzahl an Hilfeleistungen erhielten, sich aber klar darin unterschieden, wie hoch diese Leistungen eingeschätzt, wie sie angenommen und wie oft sie überhaupt erbeten wurden.

In einer anderen Studie (Santor et al. 2000) an selbstkritischen Menschen und einer Kontrollgruppe, die nicht selbstkritisch reagierte, stellte sich heraus, dass die Selbstkritik als Prädiktor dafür gelten konnte, ob die Betreffenden sich ihren Lebenspartner*innen gegenüber seltener freundlich äußerten beziehungsweise diese häufiger kritisierten. Wie du siehst, ist Selbstkritik nicht genau dasselbe wie Selbsthass, auch wenn es ähnliche Elemente geben mag.

Ich fragte einen Patienten, wie er seine Selbstkritik erlebte, und er antwortete wie folgt: »Ich war immer extrem selbstkritisch […] Heißt das nun, dass dies Teil meiner Persönlichkeit ist? Es ist auf jeden Fall etwas anderes als mein Selbsthass. Glauben Sie, dass dies möglicherweise von meinen anderen psychischen Problemen kommen könnte [zum Beispiel meiner Zwangsstörung oder meinem pathologischen Perfektionismus], oder ist das ein eigenes Problem? Wie auch immer, es führt dazu, dass der Selbsthass schwieriger zu behandeln ist, weil Selbstkritik ein integraler Bestandteil meines Denkens und Handelns ist.«

Ein anderer Patient antwortete auf die gleiche Frage so: »Nein. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Sie können bestimmte Aspekte Ihrer selbst kritisieren oder Sachen, die Sie getan haben, ohne jeden Aspekt Ihrer Selbst zu verabscheuen.«

Das Fazit: Viele Menschen, die sich hassen, erleben auch Selbstkritik, aber der Großteil der Menschen, die Selbstkritik üben, hassen sich selbst nicht.

 

Selbstekel

Der Forschung zufolge (Overton et al. 2008) ist Selbstekel ein negatives emotionales Denkmuster, das eintreffende Informationen organisiert und interpretiert. Selbstekel entsteht aus dem grundlegenden Gefühl von Ekel und richtet sich auf das körperliche Selbst. Es geht also um den Abscheu vor dem eigenen Körper, der von Äußerungen begleitet wird wie: »Ich finde mich abstoßend.« Und um den Ekel vor verschiedenen Aspekten des eigenen Verhaltens, begleitet von Äußerungen wie: »Ich mache häufig Dinge, die ich widerlich finde.«

Forschungsarbeiten (Ypsilanti et al. 2020) zeigen, dass Selbstekel mit vielen psychischen Schwierigkeiten einhergeht, vor allem mit sozialen Ängsten, einem gestörten Körperbild, Essstörungen oder Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Frauen mit einer Geschichte sexueller Übergriffe. Forscher*innen, die Selbstekel bei Kriegsveteranen untersuchten, stellten fest, dass Probanden mit einer PTBS im Vergleich zur durchschnittlichen Bevölkerung ein um das Dreifache erhöhtes Risiko für Selbstekel aufwiesen und ein deutlich höheres Risiko für Gefühle der Einsamkeit, Angst und Depression. Der Selbstekel ging einher mit der Erfahrung der Einsamkeit und Angst. Für diese Gruppe wurde Einsamkeit definiert als die subjektive Erfahrung des Fehlens bedeutsamer sozialer Beziehungen, die bei Kriegsveteranen häufig ist.

Ich finde interessant, dass bei den meisten Patient*innen, die unter Selbsthass leiden, der Selbstekel nicht so stark ausgeprägt ist wie der Selbsthass. Viele haben ohnehin den Eindruck, dass dies zwei verschiedene Elemente sind. Ein Patient, der beides kennt, sagte mir: »Ich hasse mich immer, aber ich finde mich nicht immer abstoßend. Wenn ich mich aber vor mir selbst ekele, dann macht das meinen Selbsthass noch schlimmer. Gott bewahre, dass ich an einem Spiegel vorbeikomme und mein Bild darin sehe. Dann empfinde ich Ekel gegenüber dem Menschen, der mir da entgegenblickt. Ich war mal mit einem Freund im Einkaufszentrum beim Shoppen, und er betrachtete sich in jedem Spiegel, an dem wir vorüberkamen. Ich schaute immer weg. Aber jetzt, wo Sie mich fragen, fällt mir ein anderes Erlebnis mit Selbstekel ein. Wissen Sie, wie das ist, wenn man in Hundescheiße tritt und diese so schnell wie möglich abwaschen möchte? Nun, manchmal, wenn ich auf einer Party bin, muss ich das Badezimmer benutzen und wasche mir danach die Hände. Dann sehe ich mich im Spiegel und empfinde Ekel. Wenn ich dann zur Party zurückgehe, fühle ich mich wie die Hundescheiße und denke: Dass ich in diesem Raum bin, lässt mich vermuten, dass die anderen denken, irgendetwas Widerliches müsse hier im Raum sein. Und dass sie glauben könnten, das sei ich. Das Beste, was ich für sie tun könnte, wäre, mich schleunigst zu verdrücken.«

Ein anderer Patient bemerkte, dass Selbstekel mit Selbsthass mehr Überschneidungen hat als mit anderen Konzepten: »(Meiner Ansicht nach) ist er das, was dem Selbsthass am nächsten kommt, wenn er nicht gar dasselbe ist. Mir fällt jedenfalls nichts ein, wodurch sich beides unterscheiden ließe.«

Eine weitere Patientin hat eine andere, durchaus witzige Einschätzung zum Selbstekel: »Selbstekel ist für mich ein TEIL des Selbsthasses. Ich mag die Definition, die das Lexikon hier liefert: ›Widerwille‹. Zweifellos stößt mich jeder Aspekt meines Seins ab. Doch ich glaube, dass es durchaus möglich ist, sich von sich selbst abgestoßen zu fühlen, aber sich trotzdem nicht zu hassen. Menschen sind wirklich eklige Kreaturen, aber ihre Ekelhaftigkeit ist nicht unbedingt schlecht. Fühle ich mich abgestoßen von den vielen Fürzen, die laut aus meinem Ehemann kommen? Absolut. Aber ich hasse ihn nicht deswegen. Ich glaube, dass so etwas zu Hass oder Abscheu werden kann, wenn man sich dafür entscheidet.«