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Über den Jakobsweg, den historischen Pilgerpfad nach Santiago de Compostela, ist schon alles geschrieben, aber noch nicht von Jedem - oder? Der Autor versucht etwas Neues. Er kommentiert existierende Bücher und vergleicht seine eigenen Eindrücke und Erfahrungen mit diesen Vorbildern. Darüber hinaus gibt es auf dem langen Weg natürlich die verschiedensten Themen aus Politik und Gesellschaft, über die man nachdenken kann...
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Über den Camino de Santiago gibt es schon jede Menge Bücher.
Von Carmen Rohrbach, Shirley MacLaine, Paulo Coelho, Hape Kerkeling und vielen anderen, weniger oder gar nicht bekannten Autorinnen und Autoren. Es gibt zahlreiche Reiseberichte, Kriminalgeschichten, kunst- und kulturhistorische oder esoterische Betrachtungen.
Dieses Buch ist nicht nur eine eigene Wegbeschreibung. Der Autor zitiert und kommentiert existierende Bücher und vergleicht seine eigenen Eindrücke und Erfahrungen mit denen dieser literarischen Vorbilder.
Darüber hinaus denkt er auf seinem langen Weg an viele Themen wie den ausgesprochenen Gedankenstrich, das Gesundheitswesen, Maria und Josef, die Wege der Revolutionäre von 1848, an Windkraft und Atomausstieg und an das Problem der korrekten Anrede der Geschlechter.
Schließlich zieht er eine kritische Bilanz zum Zustand des Camino heute und fragt, ob es in einer Zeit voller Flucht und Vertreibung noch zeitgemäß sein kann, als bunter Powerriegel nach Santiago zu rennen.
Dieses Buch endet in Astorga, 260 Kilometer vor Santiago. Die Fortsetzung bis Finisterre erscheint im Herbst 2017.
Foto: Marcus Milbradt
Dr. Michael Klotzbücher, geboren 1951 in München, ist Chirurg mit eigener Praxis in Donaueschingen.
Neben seiner eigentlichen Tätigkeit, dem Operieren, ist er seit vielen Jahren politisch aktiv. Als Stadtrat, Bundestagskandidat und in zahlreichen Funktionen seiner Partei, den Freien Demokraten.
Nach vielen Operationsberichten, Arztbriefen und politischen Reden ist dies sein erstes Buch.
Für Kjell Nicolai, den großen Marschierer
Donaueschingen
Südbaden
Saint Jean Pied de Port
Burguete
Larrasoaña
Cizur Menor
Puente la Reina
Cirauqui
Los Arcos
Viana
Navarrete
Azofra
Redecilla del Camino
Villafranca Montes de Oca
Atapuerca
Burgos
Hontanas
Boadilla del Camino
Carri÷n de los Condes
Lédigos
Sahagún
El Burgo Ranero
Mansilla de las Mulas
Virgen del Camino
Hospital de Órbigo
Astorga
Verpasste Ziele, nachzuholende Aktionen
Orte
Personen
Themen
Etappen
Jakobsweg, Carmen Rohrbach, Piper Verlag München 1991, Piper E-book 2009
Der Jakobsweg, Shirley MacLaine, Goldmann Verlag München 2001
Ich bin dann mal weg, Hape Kerkeling, Piper Verlag München 2006
Auf dem Jakobsweg, Paulo Coelho, Hörbuch und E-Book, Diogenes Verlag Zürich 2007
Tod auf dem Jakobsweg, Petra Oelker, Rohwolt Verlag Hamburg 2007
Zwei Esel auf dem Jakobsweg, Tim Moore, Piper Verlag München 2008
Das Jakobsweg-Komplott, Ulrich Hinse, Scheunen Verlag 2009
Das Geheimnis von Santiago, Toti Lezea, Krüger Verlag 2010 und Fischer E-Books
Spanischer Jakobsweg, ADAC-Wanderführer, ADAC Verlag München 2010
Der Jakobsweg, Reiseführer, Joan Fiol Boada, Hampp Verlag Stuttgart 2007
Es gibt gute und schlechte Geschäftsideen. Eine gute fällt mir jetzt, wie eigentlich immer, nicht ein. Eine schlechte wäre zum Beispiel der Bau eines Skilifts am Kaiserstuhl bei Freiburg im Breisgau, da gibt es nämlich garantiert keinen Schnee. Obwohl- es würde mir durchaus Spaß machen, ein solches Projekt mal einer Bank zur Finanzierung vorzuschlagen.
Eine sicher noch schlechtere Geschäftsidee ist es, ein Buch über den Jakobsweg, den historischen Pilgerpfad nach Santiago de Compostela, zu schreiben.
Solche Bücher gibt es schon wie Sand am Meer, und dann gibt es auch noch etwa 535000 Websites zum Thema, sagt Google. Man könnte problemlos jedem Pilger, der im August zwischen Saint Jean Pied de Port in Frankreich und Santiago de Compostela in Spanien auf etwa 800 Kilometer verteilt unterwegs ist, mehrere individuelle Lektüren mitgeben.
Ich mache es trotzdem. Noch ein Buch schreiben.
Es muss ja keine Erfolgsgeschichte werden, aber auf jeden Fall habe ich dann Weihnachtsgeschenke für meine Kinder und Freunde, und notfalls lese ich es halt selber.
Ich habe von den existierenden Büchern nur wenige gelesen. Aber keine, die sich gleichen. Selbst zwei Reiseführer beleuchten ganz unterschiedliche Aspekte, bewerten den gleichen Wegabschnitt unterschiedlich; Romanautoren setzen ihre Schwerpunkte mal auf das Spirituelle, mal auf Kunst und Kultur oder auf die logistischen Probleme des Weges. Die eine schreibt einen Krimi, der andere über die Templer, der nächste ist mit einem Esel unterwegs; also nicht auf dem Esel, das wäre nicht korrekt, nein, er führt ihn als Lasttier mit, wobei dieser Begriff unterschiedliche Interpretationen erlaubt; und so weiter.
Ich will die Gedanken, die mir auf dem Weg kommen, ordnen und aufschreiben – das gehört zur Bewältigung des Abenteuers Camino, sagt man. Und ich will schauen, was an den von mir gelesenen Büchern dran ist. Ich nenne die Autoren mal meine „literarischen Wegbegleiter“.
Sie bemerken die etwas hinterfotzige Absicht: Ich kann auf dem Weg an alles denken und so auch über alles schreiben. Ich muss auch keinen Gedanken wirklich zu Ende führen, mir kann immer ein logistisches Problem des Wegs, ein Regenschauer, eine Kirche oder was auch immer dazwischenkommen.
Vielleicht wird es ja eine Abrechnung mit dreißig Jahren Kommunalpolitik am Beispiel meiner Wahlheimat Donaueschingen, vielleicht ein Aufschrei über den Untergang des Liberalismus, möglicherweise auch eine fundamentale Kritik am deutschen Gesundheitswesen oder ein Pamphlet gegen die deutsche Autoindustrie. Wenn es spirituell werden sollte, dann sicher distanziert und kritisch, vielleicht ein wenig hämisch karikierend.
Es könnte auch passieren, dass ich in der Gluthitze der Meseta, an Wassermangel leidend, die Dinge durcheinanderbringe und Hape Kerkeling einen Templer killen lasse, der mit Carmen Rohrbach im Freien übernachtet, während die Hamburger Reisegruppe ihren Bus ein eine Schlucht schmeißt und Tim Moore den Esel klaut.
Ich verspreche nur: Beziehungskisten bleiben außen vor, ich will mich auf dem Weg ja auch erholen.
Das war meine letzte Warnung, und jetzt von Anfang an.
Meinen ersten Kontakt mit dem Pilgerpfad hatte ich, bevor ich irgendein Buch gelesen habe und vor allem, darauf lege ich Wert, bevor Hape Kerkeling mit seinem Buch den bekannten Jakobs-Hype ausgelöst hat.
Das kam so: Ich bin nicht nur Arzt und ein bisschen Politiker, sondern auch Pfeifenraucher, seit meinem 16. Lebensjahr. Pfeife rauchen anstatt Zigaretten war ein Protest gegen die Masse, so wie auch Citroen 2CV fahren anstatt Mercedes, und bestimmte Zeitungen grundsätzlich nicht zu lesen.
Raucher haben es heutzutage schwer. Besonders schwer hatten es schon damals Pfeifenraucher, die auf eine bestimmte Marke und Sorte von Tabak fixiert waren, die es nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt. Mein langjähriger Chef und Lehrmeister am Kreiskrankenhaus Donaueschingen war so einer.
Ich habe bei ihm viel Chirurgie gelernt, vor allem aber auch viel über Menschlichkeit, Souveränität und natürliche Autorität. Seine spezielle Dunhill-Mischung gab es nur in den USA, vermutlich wegen bestimmter Inhaltsstoffe und der strengeren deutschen Drogengesetzgebung.
Er hatte sich deshalb eine entsprechende Vorratshaltung größeren Ausmaßes organisiert, einmal jährlich kam Nachschub. Ich war mal bei ihm zum Probieren eingeladen, aber ich hatte das Gefühl, die lange Lagerung war doch mit deutlichen Qualitätsverlusten verbunden, falls das Zeug nicht immer und auch frisch nach geteertem Seil schmeckte.
Meine Marke war schon lange und ist auch heute noch eine besondere aus Dänemark, die es günstig in der nahen Schweiz, in Donaueschingen teurer nur bei einem Fachhändler und bei einer Billigtankstelle im nahen Ortsteil Allmendshofen gibt, was die Rettung vor einem Versorgungsengpass bedeutet, wenn der Fachhändler zu hat.
Infotafel am Bahnhof Donaueschingen
Es war an einem Wochenende, als mein Tabakvorrat mal wieder zu Ende ging. Weil ich, diesbezüglich wenig vorausschauend, meinen erwachsenen Kindern, die im Besitz von Führerscheinen, aber nicht von eigenen PKWs waren, erlaubt hatte meinen zu benutzen, musste ich mich suchtbedingt zu Fuß aufmachen nach Allmendshofen zur Tankstelle.
Der Weg dahin führt am Bahnhof Donaueschingen vorbei, und dort bemerkte ich erstmals eine Tafel, die mir bis dahin, beim Vorbeifahren mit dem Auto, nicht wirklich aufgefallen war.
Neben einem Stadtplan gibt es dort Hinweise auf Wanderwege im Schwarzwald und auch einen Wegweiser nach Santiago de Compostela, 2010 Kilometer, über Allmendshofen, 2 Kilometer.
OK, nett, was sind da schon die zwei Kilometer zur Tankstelle!
Der weitere Tabakkauf verlief unspektakulär und erfolgreich, aber eh, Leute: Ich bin den Jakobsweg gelaufen! Zwei Kilometer! Und das hin und zurück, wie im Mittelalter!
Ich habe diese Story dann natürlich auch stolz erzählt. In der Familie, bei Freunden, bei meinen Kollegen im Stadtrat. Erzählt heißt: Ich habe gesagt, ich sei den Jakobsweg gelaufen, um erst bei Nachfragen das mit den zwei Kilometern zuzugeben.
Dann kam das erste Buch. Kein Hape Kerkeling und auch keine Shirley MacLaine und kein Paulo Coelho.
Ich lese in meiner Freizeit gerne was Leichtes oder was mit Verschwörungen; Petersdom mit Antimaterie zerlegen und so Sachen. Also griff ich zu, als ich im Supermarkt vor der Kasse das Buch „Tod auf dem Jakobsweg“1 von Petra Oelker entdeckte. „Ein uralter Pilgerpfad. Eine Gruppe von Wanderern. Ein tödliches Geheimnis.“ Genau der Klappentext, der mich anspricht. Und es ist tatsächlich eine spannende Geschichte, auch wenn die Autorin viel mit dem Bus fährt und nur einige spektakuläre Etappen zu Fuß geht. Darunter die erste auf dem Camino Frances, von Saint Jean Pied de Port nach Roncesvalles, von Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien.
Die hat es in sich. 25 Kilometer, von 160 Höhenmetern rauf auf 1430 und wieder runter auf 960 Meter. Also eigentlich nichts als Einstieg für eine mit dem Bus angereiste Gruppe ungeübter und wohl auch älterer Pilger oder Wanderer aus eher flachen deutschen Gefilden, aus großstädtischem Umfeld ohne Erfahrung mit den im Outback vorherrschenden Problemen der Nahrungsbeschaffung und so weiter.
Petra Oelker bzw. ihre Protagonistin Leo braucht acht Seiten in ihrem Buch, um sieben Stunden Laufen in Nebel und Regen zu beschreiben, und dann ist sie noch nicht am Ziel, sondern wohl kurz vor der Passhöhe, als ein Mitglied ihrer Gruppe einen Felsabhang hinunterstürzt. Die Geschichte geht erst nach dem Abendessen im Hotel in Burguete weiter; schade, als Unfallarzt hätte mich das Dazwischen schon interessiert!
Dann kam Hape Kerkeling2. Der war seinerzeit mit seinem Buch unter den Bestsellern, also Pflichtlektüre, ich habe ihn mir zu Weihnachten geschenkt. Auch er beschreibt die Etappe über die Pyrenäen, allerdings gibt es bei ihm dort und auch im weiteren Verlauf keinen Mord (warum ist das Buch trotzdem erfolgreicher?), aber langweilig wird´s weder für Autor noch Leser.
Man kann sich richtig schön vorstellen, mit welcher Mühe er den Berg hochklettert, es ist äußerst sympathisch, zu lesen wie er sich durchnässt und erschöpft eine ebenso nasse Zigarette anzündet und es ist schließlich sehr vergnüglich mitzuerleben, wie er mit einem französischen Bauern und dessen kotzenden Ziegen im Auto den Jakob erstmals bescheißt. Es ist leicht verständlich, dass ihm beim Abstieg nach Roncesvalles die Knie schmerzen. Na ja, dafür hätte ich natürlich die entsprechenden Spritzen gehabt, aber wer nicht fragt wird auch nicht geheilt.
Hapes Sorgen um seine Ernährung kann ich gut nachvollziehen, tröstlich ist, dass er irgendwann doch noch ein kräftiges Frühstück mit Spiegeleiern gefunden hat.
Diese beiden unterschiedlichen Beschreibungen des gleichen Wegs haben es mir angetan. Mir war ziemlich schnell klar: Das will ich auch mal machen, das schaffe ich sicher auch und ich bin mal gespannt, wie es dort wirklich aussieht.
Meine Motivation, mich an den Jakobsweg heranzumachen war also keine religiöse, eher eine- tja, wie nennt man das, eine banale? Ich bin zwar von Taufe an evangelisch, ich war sogar mal in der christlichen Jugendarbeit aktiv, aber im Laufe der Zeit habe ich mich vom aktiven Gemeindeleben aus verschiedenen Gründen abgewendet. Vielleicht schreibe ich dazu im Lauf des Weges nochmal was.
Wenn ich mal was zu Glaubensfragen gesagt habe, dann Ideen wie „der katholischen Marienverehrung sollte man mal einen sauberen Josefskult entgegenstellen“, aber seriöse Inhalte waren nicht mein Ding.
Und wegen der Vergebung meiner Sünden müsste ich den Jakobsweg als evangelischer Christ ja sowieso nicht gehen. Aber die katholischen Schwestern und Brüder doch auch nicht, oder?
Es gibt doch immer eine vollständige Vergebung, wenn man an Ostern oder Weihnachten den Papst-Segen „Urbi et orbi“ hört, und sei es nur im Radio? Und für Donaueschinger gibt es noch eine andere, etwas kompliziertere aber todsichere, äh… sichere Methode, ihre Sünden schnell und vor Ort loszuwerden, aber das verrate ich erst hinter Pamplona.
Fehlt dann erst mal noch ein Pilgerausweis, den schickt mir die Badische St. Jakobusgesellschaft aus Breisach. Den ersten Stempel bekomme ich ganz weltlich von unserem Oberbürgermeister, ich lasse ihn aber in das zweite Feld stempeln. Das erste Feld reserviere ich für den katholischen Stadtpfarrer, den ich bei einem Schlossempfang bei unseren Fürsten angesprochen habe und der mir sogar noch ein persönliches Empfehlungsschreiben mitgegeben hat.
„Michael Klotzbücher befindet sich auf einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela. –Ich empfehle ihn Ihrer Obhut“, und das Gleiche nochmal auf Französisch, schön mit Briefkopf der Donaueschinger Pfarrei.
Das habe ich auf meinem Weg nie gebraucht, aber eine nette Geste von ihm war es.
Ich muss ihm ein Exemplar meines Buchs nach Rom schicken, dort ist er inzwischen Rektor des Campo Santo Teutonico, also nicht Chef des Friedhofes, sondern des Collegio Teutonico di Santa Maria in Campo Santo, des deutschen Priesterseminars. Ich hoffe, das ist so korrekt.
Irgendwo hinter diesen Bergen liegt Santiago- oder?
1Tod auf dem Jakobsweg, Petra Oelker, Rohwolt Verlag Hamburg 2007
2Ich bin dann mal weg, Hape Kerkeling, Piper Verlag München 2006
Meine politische Tätigkeit brachte es mit sich, dass ich immer mal wieder zu Sitzungen nach Stuttgart, in unsere Landeshauptstadt, reisen durfte. Solche Termine waren manchmal wirklich interessant, gelegentlich aber auch anstrengend bis ätzend. Als es mal wieder besonders nervig war, ich weiß noch, wer gesprochen hat, aber ich verrate es nicht, bin ich nichts wie raus und in die nächste Buchhandlung. Reiseführer3 und Spanischkurs kaufen. Damit konnte ich mir dann die restliche Sitzung sinnvoll gestalten. Die Idee wurde einen wichtigen Schritt konkreter.
Der nächste Schritt: Ausrüstung. Ich brauche einen Rucksack und neue Wanderstiefel. Der Rucksack kommt aus Langenau, und Stiefel gib es im Sportgeschäft in Hüfingen.
Jetzt sollte ich wohl noch ein bisschen trainieren und die Stiefel einlaufen. Die Zeiten, wo ich mit dem Fahrrad morgens um halb sechs von Kirchzarten das Höllental 440 Meter hoch und 27 Kilometer weit nach Neustadt zur Arbeit gefahren bin, sind ein paar Jahre her.
Der erste Versuch führt mich von Schwenningen nach Donaueschingen. Das ist eine kleine Nachmittagstour und wie sich herausstellt eine sehr passende: Der Weg führt über die Hochebene der Baar, es regnet und es hat Gegenwind, teilweise läuft man an der Straße entlang, zum größten Teil auf Asphalt. Es ist tatsächlich ein Jakobsweg!
Es gibt hier mehr gelbe Pfeile und Jakobsmuscheln als in den Pyrenäen. Vermute ich mal, die Pyrenäen kenne ich ja noch nicht. Aber es stimmt, wie sich später herausstellt. Dafür genauso wenige Verpflegungsmöglichkeiten. Aber die dreieinhalb Stunden halte ich durch, die Stiefel auch, und es bleibt eine leichte, eher angenehme Erschöpfung.
Ein Jakobsweg auf der Baar? Von Schwenningen nach Donaueschingen? Na klar, das weiß ich doch von dem Wegweiser am Bahnhof in Donaueschingen. Es gibt in Südbaden noch eine ganze Menge mehr davon. Neu auch einen von Mistelbrunn nach Hüfingen.
Also es ist kein neuer Weg, den gibt es schon lange, aber jetzt heißt er Jakobsweg. Vielleicht sogar mit Recht, denn in Hüfingen gibt es eine Jakobskirche, wie auch in Donaueschingen-Allmendshofen.
St. Jakob Allmendshofen
Die Strecke ist etwa elf Kilometer lang, die Einweihung durch den Landrat und den Kreistag dauert einen ganzen Tag. Gottesdienst am Start und am Ziel, Andacht in der Mitte. Hochgerechnet bis Santiago bedeutet das: die Leute sind noch 182 Tage unterwegs.
Oder auch länger, denn Santiago liegt von Mistelbrunn aus eher im Westen, Hüfingen aber im Osten, aber warum auch nicht mal andersrum nach Santiago pilgern?
Aber ich will nicht lästern. Die Aufgaben einer Kreisverwaltung und eines Kreistags sind überschaubar, eher unspektakulär und mit nur wenig Spaßfaktor behaftet. Müll abführen, Stütze verteilen, Straßen flicken. Da ist ein bisschen Wege markieren und einweihen eine verdiente Abwechslung, vor allem eine wirtschafts- und nachbarschaftspolitisch unschädliche, besser als Fluglärm im Schwarzwald bekämpfen, aber daran will ich jetzt nicht denken.
Wäre ich noch im Gemeinderat und ginge es mal wieder um die teure Sanierung von Feldwegen, dann würde ich fragen, ob man den betreffenden Abschnitt nicht als Jakobsweg ausweisen und saubere EU-Zuschüsse ergattern kann.
Es gibt auch eine Fortsetzung von Hüfingen über Löffingen nach Freiburg und weiter nach Weil am Rhein, neu markiert und perfekt beschildert, den Himmelreich-Jakobusweg, auch den bin ich gegangen, bis nach Freiburg, aber da war er noch nicht so perfekt ausgeschildert.
Infotafel bei Dittishausen Donaueschingen liegt unter dem „ob“ von Jakobus
Perfekt, wenn man kapiert hat, dass die Position der Jakobsmuschel als Pfeil gemeint ist. Immer entgegengesetzt zu den Strahlen laufen. Also bei der Muschel auf der Infotafel oben links nach rechts. Vorsicht in Spanien, da funktioniert dieses System nicht! Und nicht meckern bei dem wirklich lästigen Abstieg von der Jugendherberge in Neustadt zur Kirche, steil, lang und gepflastert, lieber die Zeit damit vertreiben, Rechtschreibfehler bei Straßennamen zu zählen. Davon gibt es hier einen ganzen Haufen, in allen Variationen. Außerdem würde ich natürlich ab Freiburg nicht Richtung Süden nach Weil am Rhein laufen, sondern westwärts durch die Burgundische Pforte Richtung Belfort.
Andreas Willmann Denkmal am Bahnhof Donaueschingen
Es gibt in Südbaden auch noch ganz andere interessante Wege. In Donaueschingen wurde am Bahnhof (auf der Penny-Seite, nicht auf der Netto-Seite) der Andreas-Willmann-Platz eingerichtet, eine Erinnerung an den aus dem Donaueschinger Teilort Pfohren stammenden führenden badischen Revolutionär von 1848. Ebenso führend wie erfolglos, denn der Revolution gelang es damals nicht, eine größere, eine immer weiter zunehmende Menge von Mitstreitern zu motivieren und zu mobilisieren. Und anders geht’s halt nicht.
Aber der Versuch hat die Wege der Revolutionäre hinterlassen, eine interessante südbadische Alternative oder Ergänzung zu den Jakobswegen und dafür viel zu wenig beachtet.
Die Landeszentrale für Politische Bildung hat die Wege 1998 begangen und beschrieben4 und auch fünfzig Informationstafeln in verschiedenen Gemeinden angebracht5.
Diese Wege mal zu laufen, mehr Hintergründe zu recherchieren, dabei vielleicht rote Farbe zum Markieren mitnehmen und dann darüber schreiben; die Wege als weltlich- politische Alternative zu den religiösen Wegen vermarkten wäre vielleicht mal was für später. Heute stelle ich mir eine andere Frage.
Wie auch der bekanntere Revolutionär Friedrich Hecker ging Andreas Willmann nach der gescheiterten Revolution in die USA und wurde dort erfolgreich. Er war Gründer der Sparkasse New York, Hecker Viehzüchter und Winzer. Beide hatten schon vor ihrer Auswanderung massive Kritik am deutschen bzw. badischen Volk geübt, mangelnde Revolutionsfähigkeit.
Was aber nicht überliefert ist: Wie dachten die beiden später, in den USA abends am Kamin sitzend, rückblickend über ihr ja extrem engagiertes, lebensgefährliches Engagement für das badische Volk? Ich stelle mir vor irgendwas wie „warum haben wir das gemacht, warum haben wir uns das angetan, warum sind wir nicht gleich ausgewandert? Wir hätten uns viel Ärger erspart bei gleichem Ergebnis“.
Noch spannender ist die, natürlich rein spekulative Überlegung, was die beiden über die heute agierenden Nachfolgeorganisationen der Revolution von 1848 denken würden. In meinem bescheidenen Weltbild ist die CDU von heute die Nachfolgerin der damals siegreichen Staatsmacht, die Nachfolger der Revolutionäre teilen sich in Freie Demokraten und Sozialdemokraten.
Was würden sie wohl sagen, wenn sie die heute auf allen Ebenen, ausgenommen vielleicht die der Kommunalpolitik, übliche Machtpolitik mit ansehen müssten?
Hecker und Willmann würden sich im Grab umdrehen. Oder, weil das ja Jeder macht, vielleicht auferstehen und draufhauen. Auf Politiker, denen die eigene Karriere unabhängig von Ideen und vielleicht unpopulären Sachentscheidungen das einzig Wichtige ist. Auf Politiker, die ihren Parteifreunden die Freiheit der Gedanken nicht gönnen. Auf bürokratische Parteiorganisationen, die in unsäglicher Arroganz die schwer arbeitende und keine eigenen Interessen verfolgende Basis schikanieren.
Aber sie würden sicher diejenigen loben und zur Emigration einladen, die wie einst Diogenes die Wahrheit hoch und ihren Mitbürgern in´s Gesicht halten, dafür angegriffen werden und trotzdem nicht resignieren.
Das musste mal gesagt werden, und jetzt zurück zum friedlichen Jakob. Obwohl, friedlich war der auch nur zu zwei Dritteln, das bekommen wir später in Lédigos und in Astorga. Sein drittes Drittel ist ziemlich blutrünstig. Freuen sie sich schon mal drauf.
Wirklich viel mehr an Vorbereitungen habe ich nicht gemacht. Ich hatte ja immer nur stundenweise Zeit. Mittwochs, da haben Ärzte nachmittags zu. Warum weiß keiner. Die zutreffendste Erklärung dürfte Dik Browne in seinem Comicstrip „Hägar der Schreckliche“ geliefert haben6.
Der spielt im finsteren Mittelalter unter finsteren Wikingern. In einer Szene steht Hägars Hausarzt Dr. Zook mit einem Holzprügel auf einer Streuobstwiese. Hägar fragt „Was machen sie da, Dr. Zook?“ und der antwortet „Ich weiß auch nicht, aber jeden Mittwochnachmittag überkommt mich der Drang, mit diesem Stock auf diese Äpfel einzuschlagen.“
Nein, ich spiele nicht Golf und nochmal nein, ich habe auch nicht vor das in naher Zukunft zu tun, falls ihnen jetzt die an dieser Stelle klassische blöde Bemerkung auf der Zunge liegen sollte.
Ein Beispiel aus Südbaden habe ich noch: Wenn sie mal von der Fürsatzhöhe oder, das kennt man vielleicht besser, von Hinterzarten über die Weißtannenhöhe, die dicht mit Fichten und Buchen bewachsen ist, Richtung Pforzheim laufen, dann sind sie auf dem Westweg, allerdings falsch rum. Der Westweg läuft eigentlich von Norden nach Süden, von Pforzheim nach Basel. Die andere Richtung, denke ich, wäre viel schwieriger zu vermarkten. Was klingt besser? Nach Pforzheim laufen oder nach Basel?
Die eigentlich angemessene, weil mit den Pyrenäen vergleichbare Tour, von Freiburg auf den Feldberg und runter nach Sankt Blasien, habe ich nie gemacht.
Dann könnte es eigentlich losgehen, ich könnte eigentlich losgehen. Wäre da nicht Arbeit, Familie, Politik und ein bisschen schlechtes Gewissen. Diesbezüglich beruhigt mich aber mein nächster literarischer Begleiter. Das ist, es war ein Zufallsfund in einer Buchhandlung, Tim Moore7.
Der beschreibt in seinen ersten Kapiteln, wie er seine Familie überzeugt hat, ihn gehen zu lassen und so darf er dann mit der Ermahnung „Komm bloß nicht komisch zurück! Du weißt schon, nicht dass du auf einmal Tischgebete sprichst…“8 losziehen.
Na, ich werde es erleben. Trotzdem: Ein bisschen Geld muss noch her, nicht viel für den Weg, aber für den Verdienstausfall in meiner chirurgischen Praxis, denn wenn ich nicht da bin, verdiene ich da auch nichts. Ein ausreichend dickes Familien- und Personalpolster.
Also lese ich erst mal noch ein paar Bücher9. Paulo Coelho und Shirley MacLaine gelten als Klassiker, Ulrich Hinse ist mir als Vertreter der Tempelritter und Schatzsucher aufgefallen und Carmen Rohrbach habe ich als E-book gefunden bei der Suche nach „Jakobsweg“. Das ist wohl die erste Reisebeschreibung aus neuerer Zeit.
Und so endet Kapitel eins erst mal als Plan, als Traum, aber doch soweit gediehen, dass der Rucksack und der Pilgerpass täglich mahnen: Klotzi, mach´s!
3Der Jakobsweg, Joan Fiol Boada, Hampp Verlag Stuttgart 2007
4 Weg der Revolutionäre, Dr. Angelika Hauser-Hauswirth, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Fachreferat Landeskunde, Sophienstraße 28-30, 70178 Stuttgart. Auch online bestellbar: www.lpb-bw.de
5 Broschüre Informationstafeln, a.a.O.
6http://www.hagardunor.net/. Seit 1973.
7Zwei Esel auf dem Jakobsweg, Tim Moore, Piper Verlag München 2008
8 Tim Moore Seite 63
9 Siehe Quellenverzeichnis
So- endlich bin ich auch soweit, den Weg zu beginnen. Ich bin gespannt, wie mein eigener Eindruck der Pyrenäenüberquerung sein wird, verglichen mit Hape Kerkeling und Petra Oelker. Ob ich die Stellen erkenne, wo Hape sich die nasse Zigarette gönnte oder Petra ihr Opfer in den Abgrund werfen oder fallen ließ?
Meine anderen literarischen Wegbegleiter sind hier noch nicht dabei. Ulrich Hinse fängt erst in Pamplona an, mit einem Sturz auf dem Bahnhof, auch schön10, Tim Moore läuft mit seinem Esel die Straße entlang und Shirley MacLaine… na ja, ich sage mal: die braucht zwar auch sechs Seiten11, aber da geht es doch eher um hormonelle Probleme von Frauen um die 60 aus esoterischer Sicht. Das besprechen wir später mal, oder auch nicht.
Bleibt noch Paolo Coelho, der braucht im Hörbuch so etwa eineinhalb CDs für die Etappe, aber das nur weil sich sein Held von einem eingeborenen Führer ein paar Tage lang auf der französischen Seite durch den Wald jagen, an der Nase herum und hinter die Fichte führen lässt. Das Ganze der tieferen Erkenntnis wegen, wenn ich das recht verstanden habe. Oder um dem wilden Hund zu entkommen, der gleich in Saint Jean am Start lauert und in Wirklichkeit irgendein Teufel ist12.
Und Carmen Rohrbach, die braucht 11 Seiten, weil sie bei einer Rast über die Entstehung des Jakobswegs und die Geschichte der Pyrenäen nachliest13. Was auch gut ist, denn irgendwann muss das ja mal geschrieben werden, und ich kann mir die Wiederholung sparen.
Immerhin entdeckt sie auf dieser Etappe einen Roten Milan, einen Bussard, eine Rötelmaus, einen Bartgeier, viele Geier, natürlich Pferde und Ziegen und am Schluss im Buchenwald vor Roncesvalles eine wilde Kuh. Das sind für Carmen Rohrbach eher wenig Vögel, auf den nächsten paar Etappen kommen noch jeweils ein oder mehrere Dohlen, Elstern, Gelbspötter, Goldammern, Hausrotschwänze, Kolkraben, Kuckucks, Mauersegler, Mönchsgrasmücken, Nachtigallen, Ortolane (kenne ich auch nicht), Pirole, Rohrammern, Schwarzkehlchen, Steinschmätzer, Stieglitze, Störche, Teichhühner, Wiedehopfe und Ziegenmelker dazu. Eine nette Art der Wegbetrachtung, vor allem im Vergleich zum esoterischen Sinnsuchen oder gar zum mittelalterlichen Schlachtengetümmel.
Die Wegbeschreibung bei ihr ist auch sonst anders als die übrigen, schon weil es zu ihrer Zeit in den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch keine wirklichen Wege oder gar gelbe Pfeile als Markierung gab. Herbergen sind bei ihr auch Mangelware, später ist der Anstieg zum Alto del Perdón zugewachsen und es gibt keinen Brunnen in Zariquiegui.
Es sollen über 40 Kilometer gewesen sein bis Roncesvalles14, was mir spanisch vorkommt, ich vermute einen Druckfehler, aber Carmen Rohrbach sagt „Es hat sich aber so angefühlt“15. Plausibel wären die 40 Kilometer bei Paulo Coelho mit seiner Sinnsuche und seinem Prüfungsmasochismus auf Umwegen oder Abwegen.
Eine sympathische Erschöpfung schildert Carmen Rohrbach oben auf dem Pass dann auch, das wundert mich bei ihr, ist sie doch ansonsten extrem fit, ist früher mal über die Ostsee geschwommen, nicht als Training, sondern als Flucht aus der DDR, der Deutschen Demokratischen Republik, an deren geschlossene Grenzen wir uns ja alle noch gut erinnern, oder?
Sie schläft im Freien, und so weiter. Ihre durchaus dramatische Geschichte der Flucht erwähnt sie nur am Rande, die sicher ebenso dramatische Zeit der Haft in der DDR danach überhaupt nicht16.
Na gut, dann schauen wir mal!
Erst mal geht es hinauf in die Altstadt-, sorry natürlich in die malerische Altstadt, zum Pilgerbüro. Die erkennen mich, warum auch immer, als Deutschen und sprechen auch so mit mir. Es gibt den Stempel Nummer drei in den Pilgerausweis, den eigentlichen Start-Stempel. Dazu gibt es einen Zettel mit den Höhenprofilen der Tagesetappen bis Santiago.
Sch…, das fängt ja wirklich gut an, das muss ja ein extrem steiler Anstieg sein!
Wieder hinunter durch die wirklich malerische Altstadt, noch etwas Zeit mit Frühstück verplempert, versucht die geschlossene Kirche anzuschauen. Es ist die erste geschlossene Kirche, aber bei weitem nicht die letzte, das wird noch der running Gag.
Der Fluss, gestern noch ein harmloses Rinnsal, ist nach einem schweren Gewitter in der Nacht ein reißender Strom, aber die Brücke hat schon mehr überstanden. Es geht vorbei an der Stelle, an der Hape seine vorerst letzte trockene Zigarette geraucht hat und wo heute weder Hund noch Teufel lauern. Es regnet auch nicht, nur die Wolken hängen tief. Sehr tief. Dafür ist der Weg anfangs nicht so steil, wie ich mir das vorgestellt habe.
Ich habe wohl doch den Vorteil, aus einer Gegend zu kommen, wo es nicht viel flaches –landschaftlich gemeint- gibt. Der Weg ist nicht steiler als eine durchschnittliche Schwarzwälder Ortsverbindung, also kein Problem. Bis jetzt.
Saint Jean Pied de Port
