Ich bin ein Fehler, und ich liebe es - Jeffrey Kastenmüller - E-Book
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Ich bin ein Fehler, und ich liebe es E-Book

Jeffrey Kastenmüller

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Beschreibung

Sich selbst zu lieben sollte eigentlich ganz einfach sein – doch stattdessen konzentrieren wir uns meistens nur auf das, was mit uns und unserem Leben nicht stimmt. »Ich bin nicht gut genug«, »Ich bin falsch, so wie ich bin« – solche tief in uns verankerten negativen Glaubenssätze lassen uns leiden, machen uns klein, verhindern unsere Selbstentfaltung und unser persönliches Glück.
Jeffrey Kastenmüller eröffnet einen ebenso ungewöhnlichen wie wirksamen Weg, damit wir uns endlich aus vollem Herzen so annehmen können, wie wir sind. Im Zentrum steht die radikal ehrliche Begegnung mit unseren Selbstzweifeln und Selbstverurteilungen. Wenn wir lernen, vermeintliche Schattenseiten als Teil unseres Wesens zu umarmen, anstatt sie ständig verdrängen oder »überschreiben« zu wollen, verwandeln sie sich zu unschätzbar wichtigen Helfern, die uns zu echter Selbstliebe führen.
Aufrüttelnd, motivierend und am Beispiel seiner eigenen Lebenserfahrungen zeigt Jeffrey Kastenmüller, wie wir diesen inneren Wandlungsprozess in Gang bringen, der unsere Selbstwahrnehmung und damit unser ganzes Leben grundlegend zum Positiven verändert.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sich selbst zu lieben sollte eigentlich ganz einfach sein – doch stattdessen konzentrieren wir uns meistens nur auf das, was mit uns und unserem Leben nicht stimmt. »Ich bin nicht gut genug«, »Ich bin falsch, so wie ich bin« – solche tief in uns verankerten negativen Glaubenssätze lassen uns leiden, machen uns klein, verhindern unsere Selbstentfaltung und unser persönliches Glück.

Jeffrey Kastenmüller eröffnet einen ebenso ungewöhnlichen wie wirksamen Weg, damit wir uns endlich aus vollem Herzen so annehmen können, wie wir sind. Im Zentrum steht die radikal ehrliche Begegnung mit unseren Selbstzweifeln und Selbstverurteilungen. Wenn wir lernen, vermeintliche Schattenseiten als Teil unseres Wesens zu umarmen, anstatt sie ständig verdrängen oder »überschreiben« zu wollen, verwandeln sie sich zu unschätzbar wichtigen Helfern, die uns zu echter Selbstliebe führen.

Aufrüttelnd, motivierend und am Beispiel seiner eigenen Lebenserfahrungen zeigt Jeffrey Kastenmüller, wie wir diesen inneren Wandlungsprozess in Gang bringen, der unsere Selbstwahrnehmung und damit unser ganzes Leben grundlegend zum Positiven verändert.

Jeffrey Kastenmüller

Ich bin ein Fehlerund ich liebe es

Der etwas andere Weg zu echter Selbstliebe

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Copyright © 2021 by Integral Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte sind vorbehalten. Printed in Germany.

Redaktion: Dr. Diane Zilliges

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München,

Umschlagfoto: © Anna Heupel

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-20283-5V002

www.Integral-Lotos-Ansata.de

www.facebook.com/Integral.Lotos.Ansata

Inhalt

Vorwort von Bahar Yilmaz

Einleitung. Gelangweilt von mir selbst

Wenn Masken fallen. Lieber echter Schmerz als falsche Freude

Wenn Schatten entstehen. Wo auch immer du hingehst, da bist immer du

Wenn Wunden bluten. Ein Leben voller Trigger

Wenn Schatten manifestieren. Blind für deinen Traum

Wenn Dunkelheit dich antreibt. Auf der Flucht vor dir selbst

Wenn Selbstsabotage zum Ziel wird. »Ich will mich nicht verändern«

Wenn »gut genug« wegfällt. Niemals gut genug

Ich bin ein Fehler, und ich liebe es

Schluss und Danksagung

Ich bitte um Vorsicht. Ein Gedicht von Bahar

Über den Autor & Kontakt

Vorwort von Bahar Yilmaz

Was ist schmerzvoller: sein Traumleben nicht zu erschaffen oder es zu erschaffen und festzustellen, dass es einen doch nicht glücklich macht? In genau so einer Situation habe ich mich viele Jahre meines Lebens befunden. Ich hatte alles erreicht, von dem ich dachte, dass es mein Traum ist, den ich leben will. Dieser Traum entwickelte sich aber immer mehr zu einem Albtraum, und ich erkannte, dass nicht ich dieses Leben erschaffen hatte, sondern meine Schatten. All die Dinge, die ich unterdrückt hatte, all das, was ich über mich nicht preisgeben wollte, meine verletzten Seiten und mein krankhafter Drang, der Welt und vor allem auch meinem Vater zu beweisen, dass ich es geschafft habe, hatten mich getrieben. Und da war ich nun: todunglücklich, abgemagert, ständige Fressattacken im Wechsel mit Hungerphasen, einsam und unverstanden.

Für eine gewisse Zeit konnte ich diese Situation gut vertuschen – mit perfektem Aussehen und schönen Kleidern. Mit dem Geruch von Räucherstäbchen. Mit Mantras und Affirmationen. Für eine gewisse Zeit konnte ich die Maske der makellosen Yoga-Lehrerin unbeschwert tragen, bis ich unter ihr irgendwann keine Luft mehr bekam. Es hatte sich so viel Druck und Selbsthass in mir angesammelt, dass es zu einer Explosion kam. Mein Leben brach zusammen. Ich verlor über Nacht alles und stand an meinem ganz persönlichen Nullpunkt.

Wenn alle Stricke reißen, wir den Kampf verlieren und das Handtuch werfen, streckt uns das Leben meist seine Hand entgegen. In meinem Fall war die Hand des Lebens die von Jeffrey. Ich fand in ihm nicht nur die Liebe meines Lebens, sondern vor allem auch einen Meister der Dunkelheit. Er sah in mir etwas, das ich vergessen hatte, und erinnerte mich daran, dass die Welt Bahar als Ganzes verdient hat und ich nichts von mir verstecken muss und das auch nicht darf. Er tat das, obwohl er selbst noch auf dem Weg war – oder vielleicht genau deswegen.

Ich habe Jeffrey in all den Jahren, in denen wir als Paar und auch als Team zusammen sind, erlebt. Ich sah die Tränen, die er vergoss, wenn seine Schatten zu viel Macht über ihn bekamen. Ich sah seine dunkelsten Stunden, in denen er alles aufgeben wollte. Ich sah seine Ängste und seine Momente der Erstarrung. Ich sah, wie er alles tat, um geliebt und anerkannt zu werden. Und ich sehe ihn heute. Er ist der lebende Beweis dafür:

Egal, wie stark deine Ängste, Zweifel und Unsicherheiten sind, wie sehr du dich selbst ablehnst und nicht lieben kannst, es ist möglich, etwas zu verändern.

Diese Veränderung wird dir einiges abverlangen, und wahrscheinlich kannst du diesen dunklen Pfad hin zu deiner wahren Kraft niemals allein zurücklegen. Du benötigst jemanden an deiner Seite, der genau diesen Weg bereits gegangen ist und seine Gefahren und Hürden kennt. Genau so jemand kann Jeffrey für dich sein, und er war es auch für mich.

In einer Zeit, in der wir alle das Gefühl haben, dass die Weltgeschehnisse wie ein Schnellzug an uns vorbeirasen, uns unsere inneren Anteile um die Ohren gewirbelt werden und wir alle damit beschäftigt sind, die Puzzlesteine unseres Leben immer wieder einzusammeln, kommt dieses Buch vielleicht auch für dich wie gerufen. Es kann dir helfen, wieder ganz zu werden, und das auf eine Art und Weise, mit der du niemals gerechnet hättest.

Bahar Yilmaz

Einleitung. Gelangweilt von mir selbst

Als ich an diesem Buch schrieb, habe ich mich immer wieder gefragt, was wohl in dir vorgehen wird, wenn du den Titel zum ersten Mal liest. Dieser Titel ist kein Marketing-Gag, kein Versuch, deine Aufmerksamkeit zu ergattern. Der Buchtitel ist Teil eines umfangreichen Systems, das ich dir im Laufe der nächsten Kapitel näherbringen möchte. Auch wenn sich der Titel so anhört, als wäre man hier mit einer Prise Ironie rangegangen, ist er wortwörtlich genau so gemeint.

Vielleicht habe ich mit diesem Titel eine alte Wunde in dir berührt. Vielleicht hat er aber auch etwas in dir befreit. Oder du kannst es gar nicht genau deuten. Wie auch immer, du bist hier und gibst mir die Möglichkeit, dich in eine faszinierende Welt zu entführen. Die Welt hinter dem Vorhang.

Die wenigsten Menschen gehen ins Kino, schauen sich einen Film an und fragen sich, wie die Geschichte dahinter eigentlich entstanden ist. Den wenigsten sind der Aufwand und die Kunst bewusst, die hinter solch einem Film stecken. Die meisten haben keine Ahnung, was alles passieren musste, damit dieser Film auf der Leinwand erscheinen konnte. Vielleicht ist es auch nicht wichtig. Nicht jeder muss hinter den Vorhang blicken, es verändert nicht die Welt. Aber es verändert deine Welt. Hast du nämlich einmal hinter den Vorhang geblickt, kannst du nicht mehr wegsehen. Selbst wenn du wegsehen möchtest, du spürst den undefinierbaren Charme, den Vorhang erneut leicht zu öffnen. Nur so einen kleinen Spalt, damit du doch noch mal einen Blick auf das Dahinter erhaschen kannst. War der Vorhang einmal geöffnet, wird es immer schwieriger für dich, ihn geschlossen zu halten und so zu tun, als ob du nichts von dem wüsstest, was er verbirgt.

Ich möchte mit diesem Buch deine unwiderstehliche Neugier erwecken, deinen inneren Vorhang zu öffnen. Manchmal wirst du das Buch lieben, weil es dich auf so viel Schönes hinter deinem Vorhang aufmerksam machen wird. Dann wieder wirst du es wütend in die Ecke schmeißen wollen, weil es dich auf genau das Gegenteil aufmerksam machen wird. Doch du wirst es wieder und wieder öffnen, weil du bereits hinter den Vorhang geblickt hast. Ich habe dieses Buch für den mutigen Teil in dir geschrieben, der bereit ist, das Ungesehene zu sehen und das Unausgesprochene auszusprechen.

Danke, dass du da bist.

»Bin ich gut genug?«

Es war der 28. September 2012. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre selbstständig und auf der Spur, mir ein unabhängiges Leben aufzubauen. Ein Leben nach meinen eigenen Regeln. Ein Leben ohne Vorgesetzte, ohne Einschränkungen, ohne Spaßbremser – und vor allem wollte ich einfach kein »normales« Leben. Alles, was zu konventionell oder zu normal war, löste fast schon eine allergische Reaktion in mir aus. Vielleicht kennst du das auch aus deinem Leben. Warum das bei mir so war, erläutere ich noch.

Ich war eingeladen, auf der Bühne der größten Fitnessmesse Europas zu sprechen und eine App vorzustellen, die ich damals mit einem Team für einen Klienten entwickelt hatte. Ich war glücklich, es bereits so weit geschafft zu haben. Es war für mich das ultimative Signal: »Ich habe es geschafft.« Nach einer langen Durststrecke mit Schulden und zu wenigen Klienten hatte ich endlich die Möglichkeit, vor einem breiten Publikum das zu zeigen, was ich bin und was ich kann. Ich meine, ich war fünfundzwanzig Jahre alt, lebte noch im Keller meiner Eltern, und dieser Vortrag sollte mein Ticket in ein neues Leben sein. Nächtelang konnte ich vor Aufregung nicht schlafen.

Mit jeder Menge Adrenalin im Blut stand ich dann schließlich an dieser Bühne. Es war endlich so weit. Ich wurde angekündigt, als junges und frisches Talent voller Feuer und Leidenschaft. Also applaudierten sechshundert Menschen für mich, und ich rannte auf die Bühne. Man reichte mir ein Handmikrofon. Das Klatschen ließ nach. Es war deutlich spürbar. Jetzt war mein Moment gekommen.

Ich versuchte zu sprechen. Mein Körper wurde eiskalt. Mir lief ein Schauer von den Füßen über die Hinterseite meiner Beine nach oben über meinen Rücken in den Kopf. Ich wollte sprechen, aber ich konnte nicht. Ich spürte den Druck, die Erwartung, aber ich konnte nicht. Ich war wie eingefroren. Ich krallte mich am Mikrofon fest, bekam keinen einzigen Laut raus, aber innerlich habe ich geschrien. Ich wollte wegrennen, aber das hätte mich noch mehr bloßgestellt. Ich sah Bahar, meine Freundin, mit ihrem hoffnungsvollen Blick in der ersten Reihe sitzen. Ich wollte, aber ich konnte nicht. Was mir in diesem Moment alles durch den Kopf geschossen ist, konnte ich erst im Nachhinein wirklich greifen.

Alles, was ich nicht wollte, war, an diesem Tag zu versagen. Alles, was ich nicht wollte, war, an diesem Tag dumm, inkompetent, schwach oder unsicher zu wirken.

Alles, was ich nicht wollte, war, es an diesem Tag zu vermasseln. Und exakt das geschah jetzt.

Vielleicht hört sich das für dich nach einer typischen Angstreaktion an. Und ja, wenn ich mich mit diesem Moment visuell verbinde, kann ich den Angstschweiß immer noch spüren, der mir damals den Rücken herunterlief. Ich wollte wirklich sprechen, aber ich konnte nicht. Gefühlt dauerte dieser Moment eine Stunde. Es waren aber maximal zwanzig Sekunden. Der Moderator nahm mir schließlich das Mikro ab, bedankte sich bei mir und zeigte mir die Richtung, in der ich die Bühne verlassen konnte. Ich denke, er konnte spüren, dass ich völlig erstarrt war und keine Chance mehr bestand, dass ich ein Wort über meine Lippen kriegen würde.

Ich setzte mich neben Bahar auf meinen Stuhl und blickte vor mir auf den Boden. Von hinten berührte mich ein Zuschauer an der Schulter. Er flüsterte mir ins Ohr: »Jeffrey, das hast du gut gemacht.« Ich weiß, er wollte mir damit helfen. Mir die beinahe sichtbare Last von meinen Schultern nehmen. Was ich aber dadurch noch viel mehr fühlte, war: Er log mich an und hatte Mitleid mit mir. Das war das Letzte, was ich wollte. Er sagte diese Worte zu mir, weil ich so versagt hatte. Dass ich versagt hatte, war offensichtlich: Ich hatte bei meinem eigenen Vortrag kein einziges Wort gesprochen. Dabei hatte ich schon mein ganzes Leben lang auf Bühnen gestanden, um zu tanzen. Die Menschenmenge an sich kann es also nicht gewesen sein, was mich erstarren ließ.

Die Angst, vor Menschen zu sprechen, plagt sehr, sehr viele von uns. Vielleicht gibt es diese Angst auch in dir, und du fühlst dich blockiert, wenn du vor anderen etwas sagen sollst. Diese Angst ist aber nur die Oberfläche. Ein Eintrittspunkt in eine viel tiefere, unbekannte Welt, in der viele weitere Ängste verborgen liegen und vor allem das Gefühl »nicht gut genug zu sein«.

Zurück zu meinem traumatischen Moment. Ich verließ diesen schrecklichen Ort meines Versagens ziemlich schnell, und als ich im Auto ankam, konnte ich immer noch kein Wort sprechen. Ich wollte, aber ich konnte nicht. Ich sah Bahars Blick, sie wollte mir helfen. Aber ich wollte nicht. Ich brach in Tränen aus. Ich musste weinen wie schon so lange nicht mehr. Ich wollte aufhören, aber ich konnte nicht. Ich war so fehl am Platz auf dieser Bühne gewesen. Ich hatte so einen großen Fehler gemacht! Und dann schoss diese Frage in meinen Kopf: Bin ich der Fehler?

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich zu Bahar sagte: »Ich werde nie wieder in meinem Leben auf einer Bühne sprechen.« Ich sah in ihren Augen, wie sehr sie dieser Moment ebenfalls mitnahm. Sie versuchte alles, um mir den Schmerz des Versagens zu nehmen. Doch alles, was sie sagte, machte es nur noch schlimmer. Es fühlte sich für mich an wie ein Pflaster auf einer alten Wunde, der ich innerlich in der Vergangenheit nicht erlaubt hatte zu heilen. Jetzt war sie aufgekratzt worden und blutete wieder.

Alles, was mich irgendwie trösten sollte, war wie Make-up über der Tatsache: »Ich habe versagt.« Eine Maske über der Tatsache: »Ich war nicht gut genug.«

Ich erinnere mich noch, wie mein Immunsystem am nächsten Tag auf diese Erfahrung reagierte. Ich bekam eine Erkältung und lag tagelang im Bett. Der nächste Rückschlag. Ein krankheitsbedingter Ausfall war für mich immer ein No-Go. Ein Mann auf der Erfolgsspur ist krank und schwach? Das ging für mich gar nicht. Ich kämpfte gegen meine Schwäche an und versuchte so zu tun, als wäre nichts. Eine meiner Superkräfte war schon mein ganzes Leben lang die Kraft des Unterdrückens. Ich sah hinter dem Unterdrücken eine Kraft. (Heute sehe ich dahinter eher das Gegenteil.) Damals habe ich diese erlernte und bewährte Fähigkeit genutzt, um schnellstmöglich weiterzumachen. In den Momenten, in denen es still wurde, in Momenten der Pause und des Aufatmens wurden meine Gefühle so unangenehm und unerträglich für mich, dass ich sie wieder verdrängte. Ich redete mir ein, keine Pause machen zu dürfen und meinen Antrieb hochzuhalten, immer weiterzuarbeiten, um einen Mehrwert für diese Erde zu erschaffen. Warum stehst du morgens auf? Ich weiß nicht, was deine Antwort auf diese Frage ist, aber ich habe mir in jeder Lebensphase die schönsten Antworten zusammengereimt. So lange, bis sie sich gut genug angefühlt haben.

Gut genug für was?

Gut genug, um ein stabiler Deckel für etwas zu sein, das ich nicht sehen will? Egal, wie sehr ich an mir arbeitete, Affirmationen gesprochen und mir selbst eingeredet habe, dass ich gut genug bin, wie ich bin … Egal, wie sehr ich »Selbstliebe trainierte« oder mir einredete, ich sei die Liebe selbst, wieso sollte ich mich also überhaupt lieben müssen … Egal, wie positiv und liebevoll ich mit mir selbst sprach, wenn ich morgens aufwachte … Ich fühlte etwas in mir, das ich nur sehr schwer beschreiben kann. Ich kann mir vorstellen, dass du es auch kennst. Es fühlte sich an wie ein Splitter im Kopf, der im Rausch des Alltags in Vergessenheit gerät. Aber egal, was du tust, du spürst ihn subtil. Im Hintergrund. Ein kontinuierliches leises Rauschen. Immer wenn es still wird, wenn du Komplimente oder Lob erhältst, erwacht es zu einer Stimme, die all das nicht glauben kann. »Bin ich gut genug?« »Bin ich wichtig?« »Bin ich liebenswert?« All diese quälenden Fragen, die tagein, tagaus Energie saugen.

Ich kenn dich nicht, und ich weiß nicht, welche Fragen in dir bewusst oder unbewusst herumgeistern. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass auch dich bestimmte Fragen den Schlaf kosten. Ich kann mir gut vorstellen, dass du müde davon geworden bist, vor dir selbst wegzulaufen. Müde von einem inneren Kampf gegen dich selbst. Müde davon, zu lesen, dass du alles schaffen kannst, was du willst, alles sein kannst, was du willst, alles in dir hast … wenn du es einfach nicht fühlen kannst.

Wie sehr kannst du mir die Erlaubnis geben, dich durch eine innere Welt zu führen und dir selbst auf eine schockierende, aber befreiende Art und Weise zu begegnen? Wie sehr kannst du dir eingestehen, dass es noch einen Teil in dir gibt, der um alles in der Welt jemand anderes sein möchte?

Der Splitter im Kopf

Ich habe sehr lange gewartet, dieses Buch zu schreiben. Bereits vor vielen Jahren hatte ich das Angebot von einem großen Verlag erhalten, ein Buch über meine Arbeit herauszubringen. Ich war zu diesem Zeitpunkt so tief mit meinen Ängsten, Zweifeln und mit meiner Selbstverurteilung beschäftigt, dass es sich für mich unauthentisch angefühlt hätte, ein Buch darüber zu schreiben, echt, authentisch und maskenlos zu leben. Ich wollte nicht zu denen gehören, die nur darüber sprechen und nichts davon leben oder verkörpern. Also begab ich mich auf eine Reise. Mit Bahar zusammen arbeite ich schon lange mit Tausenden von Menschen, wir kreieren Techniken für Veränderung und Transformation und haben das Privileg, dadurch auch immer weiter an uns selbst zu arbeiten.

Was ich tue, ist nicht meine Arbeit, es ist zu meinem Leben geworden. Und nein, ich bin nicht einfach nur meiner Freude gefolgt, und alles wurde gut. Nein, ich habe nicht einfach nur ein paar Affirmationen gesprochen, und alles wurde gut. Nein, ich habe nicht meine alten Glaubensüberzeugungen gelöscht und einfach neue installiert. Versteh mich nicht falsch: Das alles kann funktionieren und hat seinen Platz.

Ich teile mit dir in diesem Buch einen anderen Weg, da der Splitter in meinem Kopf immer spürbarer und lauter wurde. Vielleicht geht es dir ähnlich, und du gehst gefühlt zwei Schritte nach vorn und drei wieder zurück. Vielleicht taucht ein Problem, eine Herausforderung oder ein Gefühl immer wieder auf, nur in einer anderen Klamotte. Ich werde dir in diesem Buch nicht erzählen, dass du gut genug bist. Ich werde dir nicht sagen, dass du alles in dir hast. Nicht weil es nicht stimmen würde, sondern weil du es mir nicht glauben würdest. Vielleicht würdest du mich unbewusst sogar als Lügner bezeichnen. Ich kenn dich nicht, also wie könnte ich über deine innere Größe urteilen? Jedes Lob und jeder Zuspruch wird nicht in dir landen, wenn du es für dich selbst nicht fühlen und integrieren kannst.

Was wäre, wenn das Leben, nach dem du dich sehnst, unbewusst zu gut für dich wäre? Was, wenn dieses Leben von dir selbst unwissend sabotiert würde?

Ich möchte dich durch eine Welt führen, vor der die meisten Menschen weglaufen. Sieh dich um, mach deine Augen auf. Ich weiß, dass du sehen kannst, wie andere mit Ach und Krach ein Kartenhaus aufrechterhalten. Ein Haus, das aus Selbstlügen, Selbstverurteilung, Selbsthass und dem Wunsch, jemand anderes sein zu wollen, besteht. Dieses Haus ist damals auf der Fitnessmesse für mich zusammengebrochen. Alles, was ich nicht sein wollte, was ich versteckt hatte, alles, von dem ich nicht wollte, dass es andere Menschen über mich denken, kam an die Oberfläche.

Es war der Startschuss für viele Fragen, die du dir vielleicht auch stellen magst: Willst du weiter so tun, als gäbe es keinen Splitter in deinem Kopf? Willst du dir weiter einreden, dass es gar nicht so schlimm ist? Willst du weiter so tun, als wäre das alles normal und andere haben das auch? Oder willst du herausfinden, was diesen Splitter überhaupt am Leben erhält? Willst du wissen, warum du diesen Splitter nicht loslassen kannst? Willst du wissen, warum du diesen Splitter sogar beschützt?

Ich habe dieses Buch nicht für die Masse geschrieben. Ich habe es für das Individuum geschrieben. Ich habe es für Menschen geschrieben, die den Mut haben oder ihn entwickeln wollen, an Orte zu blicken, die tief in ihrem Inneren verborgen sind. Du bist ein Mysterium, und das ist auch gut so. Das, was du bist, kann nicht einfach erklärt oder beschrieben werden. Dich rein auf deine Gedanken und Gefühle zu beschränken wäre eine Beleidigung.

Nach dem Vorfall auf der Bühne entschied ich mich, auf eine Reise zu gehen. Auch wenn ich eigentlich nie wieder vor Menschen sprechen wollte, gab es einen Teil in mir, der das Ganze nicht so stehen lassen wollte. Ich wollte wissen, wie ich mich wirklich verändern kann. Nicht oberflächlich, indem ich weitere Masken über meine Fehler stülpe. Indem ich eine Fassade vor mein Scheitern errichte. Vor meinen Schmerz und meine Gefühle. Es ist immer einfacher, eine Maske zu tragen, als sich mit den inneren Wahrheiten zu konfrontieren. Ich wollte hinter meine Fassade blicken. Ich wollte erforschen, was mich und so viele Menschen daran hinderte, echt, roh und wirklich authentisch zu sein. Vieles, das ich mit dir in diesem Buch teile, wird dich vielleicht aufrütteln und dich an deinem Weltbild und dem Bild, das du von dir selbst hast, zweifeln lassen. Du wirst sehen, wie viel Energie du möglicherweise jeden Tag damit verschwendest, ein bestimmtes Bild von dir aufrechtzuerhalten. Wie viel Energie flöten geht, da sie in einen unbewussten Kampf fließt. Vielleicht geht es dir ähnlich, aber ich war so müde vom Kämpfen. Ich war müde vom Kampf gegen mich selbst. Ich war müde vom Weglaufen. Müde vom Ablenken.

Meine persönliche Reise war meine Feuerprobe. Sie führte mich an die dunkelsten und tiefsten Stellen meines Bewusstseins, die ich so lange weggeschoben und verdrängt hatte. Sie führte mich durch Hunderte von Seminaren und Ausbildungen – und auch auf die großen Bühnen. Ja, ich habe meine Angst, vor Menschen zu sprechen, überwunden – wobei »überwunden« das komplett falsche Wort dafür ist. Die Angst ist irgendwann von mir abgefallen, da ihr der Nährboden entzogen wurde. Ich habe herausgefunden, was die Angst, meine Zweifel und meine Selbstverurteilung so lange am Leben erhalten hat. Und nein, es war nicht unbedingt ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit. Es war nicht unbedingt eine toxische Glaubensüberzeugung und auch nicht unbedingt ein früheres Leben.

Ein bisschen ironisch finde ich, dass ich gerade ein Buch schreibe, obwohl ich selbst nur sehr wenige Bücher gelesen habe. Im Gegensatz zu all den Empfehlungen, so viele Bücher wie nur möglich in jedem Monat zu lesen, wurde ich beim Lesen so schnell müde und gelangweilt, dass ich mir eingeredet habe, das wäre nichts für mich. Heute weiß ich, es lag an unter anderem an meiner Unfähigkeit, mich zu fokussieren und an einer Sache dranzubleiben. Ich erzähl dir das, weil es für dich und dieses Buch bedeutet, dass ich hier keine Floskeln nachplappern oder dich mit alten Lebensweisheiten langweilen werde. Ich kenne nämlich nicht viele. Ich teile hier meine persönliche Erfahrung, meine Fehler, meine Herausforderungen und vielleicht kontroverse und auch widersprüchliche Ansätze, die mir und mittlerweile Tausenden von Menschen zu echten Durchbrüchen verholfen haben. Meine Intention hinter diesem Buch ist, dass du es nicht als weitere Ablenkungsstrategie nutzt. Es soll höchstens dazu dienen, dich vom Ablenken abzulenken.

Bist du schon ausreichend gelangweilt von diesem Spiel? Ich bin gelangweilt von falschen Gesichtern, von oberflächlichen Gesprächen, vom gesellschaftlichen Versteckspiel. Ich bin gelangweilt von der Kritik derer, die sie nur dafür nutzen, um sich selbst besser zu fühlen. Ich bin gelangweilt davon, Schuldige für unser eigenes Versagen zu finden.

Ich bin gelangweilt von mir selbst. Vom Wegschauen. Vom So-Tun-als-ob. Gelangweilt, mich selbst und andere anzulügen. In einer Scheinwelt zu leben. Einer ausgemalten und ausgeschmückten Realität, die aufrechtzuerhalten so viel Energie kostet, dass wir selbst das Gefühl haben, sie sei es wert, dafür zu kämpfen. Ich bin angewidert vom Zucker, den wir nicht nur in unsere Nahrungsmittel packen, weil wir mittlerweile so stumpf geworden sind, dass wir nichts mehr schmecken, sondern auch vom Zuckerguss, den wir über unsere Schatten, Fehler, unsere Unvollkommenheit gießen. Alles nur, um dem unbewussten Wunsch gerecht zu werden, »perfekt« zu sein, so wie wir sind. Was wir nicht alles bewusst oder unbewusst tun, um uns diesen süßen Geschmack von »Ich bin gut so, wie ich bin« zu geben. Wir schmücken unsere Fehler aus, überschreiben sie mit neuen Wörtern, reden uns ein, dass es im Universum keine Fehler gibt. Wir schließen die Schublade guten Gewissens, auf der steht: »Ich bin kein Fehler.«

Wir beide wissen, was passiert, wenn der Zucker mal aus ist, oder? Oder wenn die Schublade überquillt. Die Wahrheit über dich kennst nur du, und sie plagt dich dann am meisten, wenn du mal vergessen hast, den Zucker über deinen Tag zu streuen, oder? Ich mach dir hier keinen Vorwurf, denn ich war selbst ein Meister der Unterdrückung.

Wenn es einen Award für professionelle Unterdrücker gegeben hätte, wäre er an mich vergeben worden.

Ich schreibe hier direkt, offen und ehrlich, weil ich mir so oft jemanden gewünscht hätte, der einfach eiskalt ehrlich, klar und deutlich mit mir spricht, ohne mich in Watte zu packen. Heute weiß ich, ich wäre damals noch nicht bereit gewesen, tiefer zu blicken. Ich weiß nicht, an welchem Punkt du in deinem Leben stehst. Wie tief oder wie weit du gehen willst, kann ich auch nicht beurteilen. Doch lass dieses Buch auf dich wirken und erforsche, was es mit dir macht. Es geht hier nicht um das Verkünden einer Wahrheit oder dass du dieses Buch als Informationsquelle siehst und dir im Speadreading-Tempo so viel Input wie nur möglich reinziehst. Falls du das vorhast, dann missbrauchst du die Intention des Buchs. Natürlich kannst du damit anstellen, was du willst, aber ich bin ehrlich zu dir. Die Probleme unserer Zeit lösen wir nicht mit der Einstellung, dass wir mehr Informationen oder Inhalte konsumieren müssten. Die Probleme unserer Zeit lösen wir aus meiner Sicht durch bewusste Präsenz, bei der all deine Sinne mit im Boot sind. Dass du dir vielleicht einen Satz zehnmal durchliest, weil du ihn nicht verstehst, und er dann tiefer in dir greifen kann – dafür braucht es den Moment, in dem du akzeptierst, dass du den Satz nicht verstehst. Das ist der Moment, wenn etwas tiefer sickert, bis dorthin, wo sich wirklich etwas verändern kann.

Untersuche, was die Zeilen in diesem Buch mit dir machen. Die Magie passiert nicht, wenn du sie liest. Sie passiert zwischen den Zeilen. Wenn du Luft holst oder ausatmest. Wenn du für einen Moment die Augen schließt. Wenn du dir erlaubst, nachzuspüren. Spür und lass es wirken. Fühle, was in dir passiert, während du dieses Buch liest.

Manchmal werden dich meine Wörter aus deiner Komfortzone locken, manchmal werden sie dich tief berühren, und manchmal werden sie an deinen verschlossenen Türen klopfen. Manche Fragen werden unbequem und störend auf dich wirken, manche wirst du einfach überspringen oder bewusst übersehen, da sie vielleicht noch nicht mit dir in Resonanz gehen oder weil es einfach noch nicht an der Zeit dafür ist. Je nach Tagesform, nach Gefühlslage oder Stimmung wirst du die Themen in diesem Buch anders auffassen.

Ich stelle solche Fragen nicht unbedingt, um Antworten anzuregen, sondern um dir neue Fragen zu entlocken, die du dir noch nie gestellt hast und deren Antworten wirklich tiefgreifend sind. Klingt ein bisschen verwirrend, oder? Bist du schon einmal Fragen aus dem Weg gegangen, weil du ganz genau wusstest, was die Antwort sein wird, und die wolltest du nicht hören? Nur weil du die Antwort nicht hören wolltest, heißt das aber nicht, dass die Frage nicht unbewusst was mit dir macht. Das, was du nicht hören oder nicht sehen wolltest, bestimmt vielleicht mehr deine Realität und dein Leben, als du denkst. Das, was du verurteilst, was du um alles in der Welt nicht sein willst, bestimmt vielleicht mehr deine Gefühlswelt, als du denkst. Was wäre, wenn es einen Teil in dir gibt, der gut verschlossen in deinem inneren Keller verborgen ist? Was wäre, wenn dieser Teil mehr von deinem Leben steuert, als du denkst? Spürst du diesen Teil? Egal, wie stark du dich bemühst, egal, wie stark du versuchst, dich zu motivieren und deine Willenskraft zu stärken. Egal, wie sehr du dich auf das Positive fokussierst, du spürst, dass du gegen etwas Inneres in den Kampf ziehst. Immer dann, wenn ein Problem wieder- und wiederkommt, nur in einem anderen Gewand, immer dann, wenn du gefühlt kurz vor einem Durchbruch, vor der Erreichung eines wichtigen Ziels bist, zieht dich eine unsichtbare Kraft zurück. Wie eine unsichtbare Leine, die dir angelegt wurde. Bis hierher und nicht weiter. So viel Glück, aber ja nicht mehr. So viel Liebe, aber ja nicht mehr. So viel Geld, aber ja nicht mehr. Nur, wer oder was hat dir diese Leine angelegt und vor allem: warum? Diese Frage ist einfach oder kompliziert zu beantworten. In beiden Fällen ist die Antwort keine Garantie dafür, dass du die Leine ablegen wirst. Und genau hier kommt dieses Buch ins Spiel. Ich nehme dich an die Hand, egal, wo du in deinem Leben stehst, und helfe dir, die Leine zu lockern. Schritt für Schritt. Ob du dann wirklich loslässt, liegt an dir.

Danke, dass du mir diese Möglichkeit gibst. Dass du mir deine Zeit schenkst, dich auf diese Art und Weise zu inspirieren und gelegentlich tief zu bewegen.

Lass uns starten.

Wenn Masken fallen.

Lieber echter Schmerz als falsche Freude

»Du bist hier, um Freude in die Welt zu bringen«, hat Arthur Fleck von klein auf immer wieder zu hören bekommen. Penny Fleck, seine Mutter, meinte es gut mit ihm. »Du bist hier, um zu lachen. Teile deine Freude mit anderen.« Diese Sätze stammen aus dem Film »Joker«, der 2019 in die Kinos kam. Da ich mit großer Begeisterung so gut wie jeden Superhelden-Film verfolge, musste ich natürlich zum Kinostart sofort in die Premiere. Joker, als Kind dieser Arthur Fleck, ist der maskierte Bösewicht im DC-Comics-Universum und Erzfeind von Batman. Er ist der unberechenbare, verrückte, ausgestoßene Clown, der nicht ernst genommen, aber gleichzeitig bis auf die Knochen gefürchtet wird. Falls du dich jetzt fragst: »Warum erzählt er mir was von einer Comic-Verfilmung?«, bitte ich dich, erst mal weiterzulesen. Vielleicht haben dieser Clown und du mehr gemeinsam, als du denkst.

Dieser Film hat mich so tief erschüttert, dass ich ihn mehrmals hintereinander im Kino sehen musste. Dabei hat mich neben der exzellenten schauspielerischen Darstellung nicht nur die Handlung und die tiefe vielschichtige Geschichte, die nicht näher an dem aktuellen Bild unserer Gesellschaft sein könnte, fasziniert und getroffen, sondern auch etwas, das durch den Film ausgelöst wurde. Es war eine ganz bestimmte Reaktion der Zuschauer, die mit mir im Kino saßen, die mir immer wieder kleine Elektroschocks verpasste. Ich musste ihr auf die Schliche kommen und begann, diese Reaktion der Menschen auf ganz bestimmte Szenen im Film zu erforschen. Gleich wirst du erfahren, um welche Szenen es sich handelt.

Jokers Geschichte ist unserer, also deiner und meiner Geschichte, ähnlicher, als wir erst einmal vermuten würden. Wir haben wahrscheinlich nicht exakt das erlebt, was ihm widerfahren ist. Doch was aus ihm geworden ist, könnte ähnlich auf dich und mich zutreffen. Arthur wurde als Kind missbraucht, misshandelt und gezwungen, arbeiten zu gehen, während die depressive Mutter zu Hause in Selbstmitleid erstarrt war. Fast jedes Kind würde alles dafür tun, die eigene Mutter vor weiterem Schmerz und unangenehmen Situationen zu bewahren. Arthur gehorchte also und nahm ihren anfangs erwähnten Ratschlag wortwörtlich.

So redete er sich immer wieder folgende Dinge ein: Um Freude in die Welt zu bringen, muss ich selbst auch freudvoll sein. Um Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, muss ich selbst auch lachen. Ich bin hier, um mein Lachen mit der Welt zu teilen. Die Welt ist voller Dunkelheit. Ich bringe genau dort mein Lachen hin …

Klingt nach einer wundervollen Idee, oder? Ich meine, du kennst die Ernsthaftigkeit dieser Welt. Du weißt, dass Lachen für manche Menschen zu einer Bedrohung geworden ist. In einer Welt, in der die unausgesprochene Regel gilt, dass Lachen und Freude nur unter bestimmten Umständen erlaubt sind, macht es doch erst recht Sinn, echtes Lachen wieder zurück in unser Leben zu holen, oder? Die positive Intention dahinter mag in der Umsetzung aber schrecklich scheitern und nach hinten losgehen. Die Betonung liegt hier nämlich auf dem »echten« Lachen.

Und damit kommen wir zurück zum Kinopublikum und seinen Reaktionen. Im Film gab es diese ganz speziellen Momente. Die Momente, die mir eine Gänsehaut am ganzen Körper verschafften. Momente, in denen man spüren konnte, dass sie etwas mit einem machen. Szenen, die einen Nerv trafen. Die Reaktionen, wenn dieser Nerv getroffen wurde, haben mich doppelt getroffen. Immer wenn Arthur versucht hat, Freude mit den Menschen zu teilen, und den gut gelaunten Clown spielte, gab er einen ganz bestimmten, unverwechselbaren, skurrilen und hellen Ton von sich, er kam während des Lachens zustande. Hast du schon einmal Menschen beim Lachen beobachtet? Kannst du den Unterschied zwischen echtem und aufgesetztem Lachen erkennen? Ich bin mir sicher, dass du das kannst. Bei Arthurs Lachen war da aber noch etwas anderes. Etwas, das unausgesprochen und nicht sichtbar bei diesem Lachen mitschwang. Jeder im Kinosaal hat es gespürt. Da bin ich mir ganz sicher. Arthurs Gesicht war verzerrt, seine Körperhaltung verbogen. Eine spürbare Anstrengung hinter dem Lachen. Dieses Lachen dauerte maximal drei Sekunden und endete dann abrupt. Stille für ungefähr eine Sekunde. Gefühlt 80 Prozent der Zuschauer im Kino fingen laut an zu lachen. Den restlichen 20 Prozent ging es so wie mir. Ich konnte nicht lachen. Ganz im Gegenteil. Ich hätte lieber mitgeweint. Mitgeweint? Mit Wem? Mit Arthur, denn sein Lachen war eigentlich ein Weinen.

Er nutzte sein künstliches Lachen, um seine tief sitzende Trauer zu verstecken.

Hast du dich selbst schon mal dabei erwischt, wie du am liebsten Tränen vergossen hättest, aber du hast sie ganz gekonnt unterdrückt? Wenn Menschen lachen, kannst du spüren, ob es echt ist. Was tust du, oder wie fühlst du dich, wenn Menschen in deiner Anwesenheit lachen, aber du spürst, dass da etwas nicht stimmt? Ein unangenehmer Moment, richtig? Grinse ich einfach mit, damit mein Gegenüber nicht merkt, dass ich weiß, dass sein Lachen nur aufgesetzt ist, und steige somit in ein oberflächliches Spiel unserer Gesellschaft ein? Setze ich mir in diesem Moment eine Maske auf, damit sich mein Gegenüber hinter seiner Maske besser fühlt? Lache ich, obwohl mir nicht danach ist? Wir alle haben das tausendfach getan, richtig? Es ist die wohl einfachste und logischste Reaktion, die Harmonie aufrechtzuerhalten. Die Frage ist nur, zu welchem Preis? Kommst du dir nicht auch manchmal so vor, als wären wir in einem riesengroßen Versteckspiel? Die Harmonie wird aufrechterhalten, zum Preis unserer inneren Wahrheit. Freude und Leichtigkeit werden aufrechterhalten, zum Preis, dass wir Traurigkeit und Zerbrochenheit unterdrücken müssen.

Jedes Mal, wenn Arthur sein skurriles und falsches Lachen auspackte, war es alles andere als ein echtes Lachen. Es war ein Weinen. Man konnte es in seinen Augen sehen. Man hörte es in den fast schon schmerzenden Tönen. Er wollte lachen, um Freude mit der Welt zu teilen. Aber sein tief liegender Schmerz, das zerbrochene Kind in ihm, suchte sich in exakt diesen Momenten ein Ventil. Jokers Traurigkeit platzte durch das Lachen an die Oberfläche. Alles, was wir nicht sehen wollen, alles, was wir nicht fühlen wollen, alles, dem wir unbewusst keinen Platz in unserem Leben geben, sucht sich seinen Weg an die Oberfläche, um zu atmen.

Jokers Lachen war ein falsches Lachen zum Preis von echter Traurigkeit und dem Unterdrücken echter Gefühle. Dieser Preis ist aus meiner Sicht einfach zu hoch. Joker war nicht hier, um traurig zu sein, hatte er von seiner Mutter gelernt. Er war hier, um Freude mit der Welt zu teilen. Und je mehr und öfter er dieses Spiel spielte, umso mehr entfernte er sich von selbst und verkümmerte innerlich.

Und jetzt frage ich dich: Warum bist du hier? Hast du dir diese Frage schon einmal gestellt? In der Welt der Persönlichkeitsentwicklung und der spirituellen Entfaltung wird uns so oft beigebracht, dass wir hier sind, um unser Licht mit der Welt zu teilen. Mittlerweile klingen bei mir alle Alarmglocken, wenn ich das irgendwo höre. Mit Licht sind deine einzigartigen Fähigkeiten, deine Talente, deine Energie, deine Freude, deine Leidenschaften und so weiter gemeint. Arthur hat sich nicht erlaubt, traurig zu sein. Er hat sich nicht erlaubt, seinen Schmerz mit der Welt zu teilen. Sein Schmerz, seine Verletzungen, seine Traurigkeit, sein Selbsthass, seine Wut, sein Kummer wurden von der Welt – so dachte er – nicht gebraucht. Letzten Endes haben all diese unterdrückten Aspekte sein Leben regiert und seinen Untergang herbeigeführt.

Die Welt braucht Freude. Stimmt das? Denkst du, es gibt so viel Leid und Schmerz auf der Erde, weil die Freude fehlt? Vielleicht ja, vielleicht ist es aber genau das Gegenteil. Was wäre, wenn wir im Laufe unseres Lebens auf die eine oder andere Weise selbst zum Joker wurden? Was wäre, wenn wir uns nicht mehr erlauben, wir selbst zu sein, und uns vom Leben ganz automatisch maskieren lassen, ohne jemals diese Masken zu hinterfragen?

Dass 80 Prozent der Zuschauer bei einer Szene, die so traurig ist, dass es einem im Herzen wehtut, lachen, zeigt unsere meist mit Scham gefärbte Reaktion, wenn wir auf Masken treffen. Unsere panische Reaktion, auch eine Maske aufzusetzen und so zu tun, als ob, obwohl wir tief in uns etwas ganz anderes fühlen, wird zur Normalität.

Kannst du dich an Momente erinnern, als du gelacht hast, aber innerlich geweint? Momente, in denen du Ja gesagt hast, aber innerlich Nein geschrien? Momente, in denen gefühlt etwas in dir zerbrach, aber du hast die Fassade aufrechterhalten?

Die Welt braucht Freude, ja, das stimmt. Wenn wir jedoch Freude mit der Welt teilen, um unseren eigenen Kummer und Schmerz nicht spüren zu müssen, ist das keine Freude. Wenn du Freude mit den Menschen teilen willst, weil du denkst, dass deine angestaute und nicht erlaubte Wut und deine Selbstverurteilung dadurch nicht zum Ausdruck kommen, dann bist du in eine Falle geraten. Die Falle: »Fokussiere dich auf das Positive, und du wirst Positives anziehen.«

An der Oberfläche macht dieser Satz wirklich Sinn. Es war eines der ersten Dinge, die ich damals gelernt habe, als ich mich auf die Reise zu mir selbst begab. Heute weiß ich: Dieser Satz kann zu einer Waffe werden, die du gegen dich selbst richtest. Die meisten Menschen nutzen diesen Ratschlag nämlich so: »Je mehr ich das Negative von mir fernhalte und unterdrücke, desto mehr Positives gelangt in mein Leben.«

Nun frag dich selbst, ob das funktionieren kann. Versteh mich nicht falsch. Ich bin für Positivität, und ich habe meine Arbeit dem Aufblühen und Entfalten von »echtem« Potenzial gewidmet.

Aber Positives zu erschaffen, indem wir Negatives unterdrücken, erschafft eine Gesellschaft von Jokern.

Wir werden zu erfolgreicheren Unterdrückern und Von-uns-selbst-Ablenkern. Ich muss dir nicht erklären, dass der Alltag der meisten Menschen damit gefüllt ist, von der einen Aufgabe zur nächsten zu flüchten. Von der einen Erledigung zur nächsten. Von der einen Ablenkung zur nächsten. Selbst dieses Buch, also die Zeilen, die du gerade liest, könnten eine Ablenkung sein, oder? Eine Ablenkung von was? Von wem? Warum? Vielleicht eine Ablenkung davon, zu erkennen, wer du wirklich bist.

»Sei einfach du selbst«

Als ich diese panischen Ängste hatte, vor Menschen zu sprechen, sagten Coaches immer zu mir, dass ich anscheinend versuche, jemand anderes zu sein, und dass ich einfach ich selbst sein sollte. Eigentlich ein sehr guter Rat, oder? Die Frage ist nur: Wie geht das, ich selbst zu sein? Was muss ich tun, um ich selbst zu sein? Oder: Was muss ich nicht tun? Sollte ich überhaupt etwas tun, um ich selbst zu sein? Dieser Ratschlag hat mich noch mehr verunsichert. Bin ich nicht ich selbst? Wer bin ich denn dann? Warum bin ich so dumm und verstelle mich? Muss ich mich verstellen? Bin ich nicht gut genug, als Jeffrey? Muss ich jemand anderes sein?

Hast du schon einmal versucht, du selbst zu sein, und dich dabei erwischt, dass du dich mehr verstellt hast als jemals zu vor? Je mehr du versuchst, du selbst zu sein, desto mehr entfernst du dich von dir selbst. Du drehst dich im Kreis.

Der anstrengendste Job auf Erden ist der, jemand anderes sein zu müssen als der, der man ist. Und sei es, weil man versucht, unbedingt »man selbst« zu sein.

Ich gehe sogar noch ein Stück weiter. Dieser Job ist nicht nur unendlich anstrengend, er macht dich sogar krank. Er frisst dich von innen heraus auf. Er lässt dich nicht schlafen. Er schürt deine tiefsten Ängste und Befürchtungen. Er nährt deine Zweifel. Jokers Lachen wurde immer lauter, immer skurriler, immer spontaner, immer explosiver und immer schockierender. Es wurde zu einem Tool seines Systems, all den unterdrückten Schmerz explosiv zu entladen. Es wurde für ihn einfacher und erträglicher, diese Maske zu tragen, anstatt all dem unterdrückten Schmerz und Hass den Platz zu geben, den sie verdienten und forderten. Anstatt damit zu arbeiten, was unter der Maske verborgen lag, entschied er sich, die Maske zu verstärken. Und wie oft tun wir das auch?

Wir alle tragen von Zeit zu Zeit eine Maske. Ja, auch du. Denk an die Filmszene, die ich beschrieben habe. Warum haben so viele im Kino gelacht, obwohl offensichtlich war, dass es nichts Lustiges gab, über das man lachen hätte können? Diese Szene hat die Zuschauer kalt erwischt. Sie war der perfekte Spiegel. Diese Szene, die sich übrigens im Laufe des Films mehrmals wiederholt hat, setzte den lachenden 80 Prozent der Zuschauer eine Maske auf. Auch sie spürten den Schmerz, die Trauer, die Wut und die Traurigkeit von Arthur. Sie spürten, wie er versuchte, das, was er wirklich fühlt, zurückzuhalten und zu überdecken. Und anstatt das, was Arthur wirklich gefühlt hat, an sich ranzulassen, spielten sie das Spiel mit und taten so, als wäre es lustig. Sie überspielten, dass es nicht lustig war.